nahm auf diese Frage eine sehr wichtige Miene an, schaukelte mit dem
Kopfe, und sprach dann langsam und eintönig: „Hochschätzbarster Herr
Lieutenant, wenn ich Ihre -- pardonniren Sie gefälligst -- etwas
hochtrabenden Worte mir in die gewöhnliche, allgemein verständliche
Sprache übersetze, so erkläre ich mir nach möglichst richtigen
Begriffen, daß Sie gern wissen möchten, wer die hübsche, vielleicht
auch gar wunderschöne Person ist, die bei dem Friseur Blondell wohnt,
oder vielleicht da bei dessen Ehefrau zur Morgenvisite ist, oder mit
dem Haarkräusler irgend ein Geschäft abzumachen hat, oder die -- damit
ich mich kurz und bündig fasse, durch irgend einen Zufall, oder aus
bewegenden Gründen, oder durch sonst eine erdenkliche Veranlassung sich
zu dieser frühen Morgenstunde im erwähnten Zimmer des oft berührten
Friseurs Blondell von Ihnen hat erblicken lassen. Wenn ich Ihre Frage,
mein Schätzbarster, von allen Seiten und mit meinem wenigen Scharfsinne
nochmals und wiederholt in gehörige und reifliche Consideration nehme,
so glaube ich, bewußte Frage vollständig aufgepaßt und verdollmetscht
zu haben. Nicht wahr, Verehrtester?“
„Allerdings, aber es ist hier nicht die Sprache von einem
Morgenbesuche, von einem Geschäfte, oder sonst einer Veranlassung zu
einem flüchtigen Aufenthalte in Blondells Wohnung; daß dieses Mädchen
entweder zu des Friseurs Familie gehöre, oder sich bei ihm für einen
längern Aufenthalt eingerichtet habe, glaube ich durch verschiedene
Veranlassung überzeugt sein zu dürfen. Entschuldigen Sie meine
Neugierde, aber es liegt mir sehr viel daran, über dieses Mädchen
Aufschluß zu bekommen. Können Sie mir darüber etwas Befriedigendes
sagen?“
„Bedaure auf das Außerordentlichste, Euer Wohl-Edlen, damit nicht
dienen zu können. Blondell, der schlechte Patron, hat bei mir einige
Monate gewohnt, ist, ohne die Miethe zu bezahlen, bei Nacht und Nebel
mit seiner ganzen portativen Einrichtung davon geschlichen, und seit
dieser Zeit von mir gemieden und gehaßt. Da ich aber aus christlicher
Nächstenliebe jedem Mitmenschen, nur nicht dem Blondell und gar
vielen Andern, die in meinem Schuldbuche stehen, nach besten Kräften
zu dienen, einen absonderlichen Eifer habe, besonders aber mich für
Hochdero Wünsche und Befehle gar vorzüglich interessire, so will ich
auf der Stelle durch meine Haushälterin Euer Wohledlen erlauben mir,
von der Schlauheit dieser welterfahrnen Person“ --
„Danke sehr und bitte, weder sich, noch die gerühmte Person im
geringsten zu incommodiren.“
„Ach lieber Himmel, nun geht mir über die Fremde bei Blondell ein Licht
auf, so hell leuchtend, wie eine Wachsfackel. Erweisen Sie mir nur die
Gefälligkeit, mich zu informiren, ob dieses Mädchen nicht hinter dem
linken Ohr einen Leberfleck hat, beiläufig in der Größe von einer nicht
zu breiten und zu schmalen Linse, ferner, ob diese Fremde beim Sprechen
nicht etwas schnarret?“ --
„Wie kann ich Ihnen darüber etwas sagen, da ich das Mädchen nicht in
der Nähe sah und nicht sprechen hörte?“
„Ja, ja, sie schnarrt, sie hat den Leberflecken hinterm Ohr, diese
Luise, des Friseurs gar sanftmüthiges Töchterlein. Kein reputirliches
Frauenzimmer nimmt bei Blondell Wohnung. Es ist Luise, die vor
vier Jahren nach Paris ging, um, wie die bösen Leute sagen, so
kleine verzinsliche Geschäfte auf ihre Hand zu machen. Sie wird aus
kindlicher Liebe zurückgekehrt sein, um dem theuern Papa und der
allerschätzbarsten Mamma statt des Hungertuches, an welchem beide gar
lamentabel nagen, ein besseres Gericht aufzutischen.
Luischen war schon vor vier Jahren, als sie die Kinderschuhe
ausgetreten und bei unserer berüchtigten Modehändlerin Gromant in der
Nächstenliebe und in den Werken der Barmherzigkeit Unterricht genommen
hatte, ein recht appetitlicher Backfisch!“ --
„Was ist das? diese sonderbare Benennung eines jungen, schönen Mädchens
habe ich noch nie gehört.“
„Das glaube ich allerdings, Schätzbarster, denn diese spaßhafte
Benennung ist nicht überall gang und gäbe. Im Norden -- erlauben
Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Norden um Berlin herum liegt, und
daß auch dort die vortrefflichen Nordlichter fabricirt werden, die
unsere Pfuscher von Kerzenziehern nicht nachmachen können -- also um
wieder auf Norden zurückzukommen, so habe ich die Ehre, Euer Wohledeln
ergebenst zu informiren, daß man dort jedes junge, schöne Mädchen,
dessen Gunst durch ein Stück Geld oder ein Geschenk erkauft und mit dem
sündlicher Umgang gepflogen werden kann, einen Backfisch nennt.“
Das war für den Lieutenant zu arg. Er hatte das fünf und vierzigste
Lebensjahr erreicht, ohne die Macht der Liebe, ihre Qualen und
Süßigkeiten kennen gelernt zu haben. Die Erscheinung der reizenden
Unbekannten ward ihm zum Blitze, der in das Tiefste seines Innern
zündend schlug und alle so lange in stiller Ruhe entschlafenen Gefühle
plötzlich entflammte. Das stürmisch aufgeregte Herz unterjochte den
Kopf. Der zum erstenmal, aber um desto glühender Verliebte sah in
der Fremden kein von irdischen Schwächen und Fehlern befangenes,
sondern nur ein hehres, von allen Reizen des Körpers, des Geistes
und des Herzens umflossenes Wesen. Er war von seiner neuen rasenden
Leidenschaft zu sehr hingerissen, um durch des Hausbesitzers
unumwundene Mittheilungen über Luisens Phrynenleben, von der Höhe
seiner Ueberspannung zur Tiefe ernster Prüfung herabgezogen zu werden.
In dem treuherzigen Referenten sah er nur einen humischen Verläumder;
er war so außer sich, daß er auf der Stelle die Miethe aufkündigte, und
noch am nämlichen Tage eine Wohnung bezog, die mit der des Blondell
gleichsam im Zusammenhange stand.
Es waren nach dieser Zeit nicht drei Wochen verflossen, als der
Lieutenant Schönknecht die reizende Luise Blondell zum Traualtar führte.
Die Flitterwochen wurden zu Monaten, zum vollen Jahre, an dessen Ende
Luise den überglücklichen Gatten mit einem holden Knäblein beschenkte.
Aber es hat sich als mathematische Wahrheit seit der Urgestaltung
des Menschen beurkundet, daß hienieden nichts vollkommen und kein
Glück ewig ist. Dieser Erfahrungssatz bewährte sich auch an dem guten
Lieutenant Schönknecht. Sein Sinnenrausch wich allmälig, das von
Luisens Reizen geblendete Auge begann klarer und schärfer zu blicken,
die falsche Begeisterung machte nunmehr Raum der ernsten Besonnenheit,
den prüfenden Beobachtungen, und die zweite Hälfte des Flitterjahres
war noch nicht zur Hälfte verronnen, als Lieutenant Schönknecht der
gräßlichen Ueberzeugung erlag, seine Hoffnungen, sein Glück, seine
Lebensruhe in den Armen eines launenvollen, zanksüchtigen, verbuhlten,
schwelgerischen Weibes zu Grabe getragen zu haben.
Luise Blondell, schon in der Blüthe des Alters von ihrem schändlichen
Vater an einen reichen Lüstling verkauft, bildete sich in Paris zur
vollkommenen Hetäre, und blieb diese als Gattin des wackern, treuen
Ehemannes. Anfangs spielte sie ihr heilloses Spiel mit Behutsamkeit;
doch immer mehr ward sie bald die Herrin des lenkbaren, gutmüthigen
Gatten, und immer freier in ihrem sittenlosen Walten, und selbst,
als der Lieutenant seine Luise mehr zu durchschauen und zu würdigen
vermochte, wandelte sie auf ihrem ehrlosen Pfade mit ungehemmtem,
frechem Gange zwanglos dahin.
Vor dem Blicke des Wachtmeisters Schönknecht hatten die wildesten
Bursche der Schwadron gezittert; der Lieutenant war zum Invaliden
geworden, der sich unter den Willen eines verbuhlten Weibes beugte.
Er fühlte sein Unglück, seine Schande, aber er war nicht mehr Mann
genug, mit Kraft zu handeln und durch gewichtige Schritte, oder durch
Entfernung eines liederlichen Weibes die verlorne Lebensruhe und die
eigene Achtung und das Selbstvertrauen allmälig wieder zu gewinnen.
Er liebte noch immer die Treulose mit unmännlicher Schwäche; er rang
mit der Verzweiflung über seine eheliche Lage, und die Verzweiflung
führte ihn zur Flasche. Anfangs im Weine, dann im gebrannten Wasser
fast täglich bis zur Sinnlosigkeit sich betrinkend, wurde er bei seinem
Erwachen durch die pöbelhaftesten Schmähungen seiner Gattin, oder durch
ihr ungescheutes Kosen mit einem ihrer Anbeter außer sich gebracht, und
griff neuerdings zur wohlthätig-betäubenden Flasche.
Als Lieutenant Schönknecht in Straßburg angekommen war, hatte er sein
nicht unbedeutendes Kapital bei Herrn Capinet, einem höchst rechtlichen
Kaufmanne, verzinslich niedergelegt, in voller Ueberzeugung, bei
seiner geregelten Weise recht bequem von den Zinsen leben zu können,
und mit dem festen Vorsatze, das Kapital unberührt zu lassen, um es
einst auf seinen nach Amerika gegangenen Bruder, oder wenn er von
dessen Tode sichere Nachricht habe, an die Armen von Straßburg zu
vererben. Schon vor der Vermählung griff der Lieutenant das Kapital
an, um der geliebten Braut werthvolle Geschenke zu machen, und sich
für sein eheliches Leben mit einigem Glanze einzurichten. Die Frau
Lieutenantin liebte Putz, Theater, Landparthieen, ein hohes Spiel,
Abendgesellschaften, Bälle, neue Meubles; sie liebte alles, was
Geld kostete. Aus dem für Gold feilen Freudenmädchen war sie zur
hochmüthigen Dame geworden, die von ihren Verehrern keine Geschenke
nahm, sondern gab.
Der schwache Gatte war anfangs durch Louisens buhlerische Künste, durch
geheuchelte Liebe, für die Erfüllung ihrer Wünsche leicht zu gewinnen;
späterhin, in der Betäubung des Weinrausches, nie an die Pflichten für
sein Kind denkend, wurde es nicht schwer, ihn zu jeder Unterzeichnung
einer Geldanweisung leicht zu bewegen. Es wurden Gelder auf Gelder vom
Handlungshause erhoben.
Eines Morgens, als Schönknecht früher als gewöhnlich aus dem Schlafe
erwachte, da er in der verflossenen Nacht viel mäßiger als sonst
gezecht hatte, gestaltete sich in ihm eine dunkle Erinnerung, von Zeit
zu Zeit von seinem Kapitale Gelder gezogen zu haben. Er wollte volles
Licht haben über seine Geldverhältnisse, und so eben zu Herrn Cabinet
gehen, um seinen Vermögensstand genau einzusehen, als der Kaufmann
selbst bei ihm eintrat, die ausgestellten Anweisungen vorlegte, und die
bisher bestandene Verbindung von nun an als aufgelöst erklärte, da
Madame Schönknecht gestern den Rest des Kapitals laut vorliegender, von
ihrem Gatten ausgestellter Anweisung, erhoben habe.
Cabinet bat, alle Anweisungen genau zu durchsehen, die Summen zu
ziehen, und dann die richtig geschehene Erhebung des ganzen Kapitals
durch gehörigen Empfangsschein zu bestätigen.
Sprachlos, eine Marmorbüste, mit verglasten Augen, starrte der
Lieutenant auf die Papiere hin. Eine Todtenstille herrschte im
Gemache, die der Kaufmann, zur Genüge kennend die verschwenderische
Lebensweise der Madame Schönknecht, und des Gatten Unbekanntschaft mit
der geschehenen Erhebung des ganzen Kapitals ahnend, mit der Bitte um
Bescheinigung unterbrach, da dringende Geschäfte seine Zeit in Anspruch
nähmen.
Wie aus einem grauenvollen Traume erwachte der Lieutenant aus seiner
Erstarrung, aber nicht zur wohlthuenden Enttäuschung, sondern nur zum
gräßlichen Gefühle gräßlicher Wirklichkeit.
Eine jede Anweisung war, die erste wie die letzte, von Louisens Hand
geschrieben; so wollte es der Lieutenant selbst, da er besser den
Pallasch, als die Feder zu führen vermochte. Jede Anweisung war mit
seiner eigenen Unterschrift und seinem Siegel versehen. Die Richtigkeit
der Anweisungen und das Facit der Summa überzeugte den Unglücklichen,
daß er von seiner verschwenderischen Gattin um den größten Theil
seines Vermögens betrogen worden, daß er ein Bettler sei. Er schellte
und gebot dem eintretenden Diener, nachzufragen, ob Madame schon zu
sprechen sei.
Der Diener kam mit der Meldung zurück, Madame sei noch nicht von der
Landparthie zurückgekehrt, die sie gestern Nachmittags mit dem _Marquis
Bellom_ gemacht habe. Bei dem Namen _Bellom_ sammelte Cabinet seine
Empfangscheine schnell in die Brieftasche; er kannte diesen angeblichen
_Marquis_ als dieser Dame vorzüglich begünstigten Verehrer, wußte, daß
_Bellom_ wegen Schulden Straßburg verlassen habe, und war überzeugt,
daß Madame Schönknecht mit ihm entflohen sei. In aller Stille schlich
er sich fort. --
Der Lieutenant wankte nach dem Zimmer seiner Gemahlin; die Vorthüre war
verschlossen; er mußte sie mit Gewalt öffnen lassen.
Was seine Frau an Kostbarkeiten, Kleidern und Wäsche besaß, war
fort, der Anblick der leeren Schränke, die Nachricht von der gestern
geschehenen Erhebung des Kapitalrestes waren die gültigsten Urkunden
über Louisens Entweichung. Der Lieutenant verließ ihre Zimmer in
dumpfem Schweigen; aber schon nach einigen Schritten mußte er sich
auf seinen Diener stützen; so sehr hatten ihn die überraschenden
Erscheinungen dieser gräßlichen Stunde angegriffen. Mit Mühe schleppte
der Diener den Kraftlosen in sein Gemach, brachte ihn auf das Ruhebett,
und eilte nach dem Arzte.
Als der Arzt die Treppe hinanstieg, fiel in des Lieutenants Zimmer ein
Schuß. Mit zerschmetterter Hirnschale, die Pistole in der krampfhaft
geschlossenen Faust, lag der Unglückliche an der Schwelle seines
Gemaches.
Das war das Ende einer mit Leichtsinn und Uebereilung geschlossenen
Ehe.
XXXXIII.
Eine schlechte Erziehung.
Er verstand des eignen Innern
Tief geheime Warnung nicht
Rang mit seinem weichen Herzen,
Rang in fruchtlos blut’gem Ringen,
Um ihm Liebe abzudringen
Für des Mannes greises Haar,
Der der Unschuld Henker war.
~Franz Grillparzer.~
Die Gerichte kamen, um in Beziehung auf die Leiche des Selbstmörders
und auf dessen Hinterlassenschaft zu thun, was ihres Amtes war. Der
erste Gegenstand der gerichtlichen Aufmerksamkeit und Sorge wurde der
hülflose Lips Tullian, Schönknechts achtjähriger Sohn, der aber die
Nachricht von dem Tode seines Vaters und von der Flucht seiner Mutter
mit starrer Gleichgültigkeit anhörte.
Es fand sich nur wenig baares Geld, aber auch keine Schuld vor; auch
hatte die Einrichtung, welche für des Lieutenants Verhältnisse zu
glänzend war, immer einen Werth von mehr als 2000 Fl.
Der speculative Friseur Blondell wollte, als Großvater von mütterlicher
Seite, seine Ansprüche auf Lips Tullian geltend machen; er erklärte,
seinen Enkel zu sich zu nehmen, und für dessen Pflege und Erziehung mit
väterlicher Liebe zu sorgen, jedoch müsse ihm die Summe, welche aus dem
Verkaufe der Hinterlassenschaft seines Schwiegersohnes erlöst werde,
übergeben werden, damit er im Stande sei, ein sehr zinsreiches, von ihm
bereits versuchtes, aber wegen Mangels an baarem Gelde aufgegebenes
Handelsgeschäft wieder aufzunehmen wo er dann, als Disponent über solch
ein Betriebs-Capital, reichliche Zinsen gewinne, und dadurch in den
Stand gesetzt werde, seines Enkels Vermögen zu mehren.
Die Gerichte kannten den Friseur Blondell zu gut, um ihm das Vermögen
seines Enkels zu übertragen; aber doch viel zu wenig, um sein
Anerbieten der Aufnahme und Erziehung Lips Tullians zurückzuweisen. Man
erbot sich, ihm für Lips Tullians Unterhalt und Bezahlung der Lehrer
die Zinsen der erlösten Summe zu überlassen. Blondell willigte ein und
Lips Tullian wurde ihm übergeben.
In schlechtere Hände hätte Lips Tullian nicht gegeben werden können.
Blondell war nicht nur ein Taugenichts, der jede Arbeit wie die
Pest floh, sondern der auch mit dieser Arbeitsscheu jedes Laster
vereinte. Ein Heuchler gegen jeden, von dem er irgend einen Vortheil
erwartete, ein Tyrann gegen Weib und Kind, dabei Kuppler, falscher
Spieler, Trunkenbold und Diebshehler, jedoch alle Laster so geheim als
möglich treibend, und bei den Meisten seiner Mitbürger den Schein der
Rechtlichkeit behauptend, lebte er größtentheils in drückendem Mangel,
da jeder Thaler, den er durch seine ehrlose Industrie gewann, auf dem
Flecke verschwelgt wurde.
Das größte Fest wurde immer an dem Tage gefeiert, an welchem er die
Zinsen von Lips Tullians kleinem Capitale erhob. Die Hälfte davon wurde
im ununterbrochenen Schmause und im Zechgelage vergeudet, die andere
auf die Seite gelegt, um in Winkelkneipen und geheimen Spielhäusern
seine Parthie machen, und oft manchen Unerfahrnen durch falsches Spiel
ausplündern zu können.
Dieser wackere Mann war Lips Tullians Erzieher, und die Erziehung auch
ganz, wie sie unter solch einem Lehrer sein konnte.
Lips Tullian mußte, der öffentlichen Beobachtung und der gerichtlichen
Aufsicht wegen, Schule und Kirche fleißig besuchen; aber er wurde zu
Hause nie gefragt, ob er in seinem Wissen etwas vor sich bringe, und
wie er bete. Doch erhielt Lips Tullian, und zwar von dem Großvater
selbst, täglich Privatunterricht in den freien Künsten, nämlich
in denjenigen, wo man ohne Lehrbrief durchs Leben wandert, und
meistentheils den Lohn ausgezeichneter Meisterschaft im Zuchthause oder
auf dem Rabensteine erntet.
Es war ein _Privatissimum_ im falschen Spiele, im heimlichen
Wegkapern von Geldstücken auf dem Kegelplatze, im unbemerkbaren Oeffnen
versiegelter Briefe, im schön stylisirten Betteln auf den Gastzimmern
der Reisenden, im freundlichen Anerbieten zur Besorgung gefälliger
Nymphen.
In diesen und noch vielen Gegenständen eines verbrecherischen Erwerbes
unterrichtete der Großvater den Enkel, und schaute sehnsüchtig der
Zukunft entgegen, wo er, auf seinen Lorbeern ausruhend, sorgenlos die
reichen Früchte seiner gespendeten Lehren genießen werde, da sein
würdiger Zögling durch gewinnende Heuchelei, durch einen hohen Grad
von Kunstfertigkeit und durch seine sich täglich mehr entwickelnde
Schönheit des täuschend ehrlichen Gesichtes und einer kräftig sich
ausbildenden Gestalt den Lehrer zu den herrlichsten Erwartungen
berechtigte.
Mit jedem Tage, den Lips Tullian an Lebensalter gewann, fühlte er
sich auch glücklicher. Quälte ihn auch oft der Hunger, wenn im Hause
leere Küche war, und wurde er auch oft von dem betrunkenen, dann immer
tyrannischen Großvater aufs grausamste mißhandelt, so würde er doch die
Art seines Lebens mit keiner, noch so glänzenden Lebensweise vertauscht
haben.
Der Schule entwachsen, und außer den oft lange unterbrochenen
Privatstunden war er unbeschränkter Gebieter seiner Zeit und seines
Willens.
Der Entschluß, bei einer Herrschaft von hohem Range einst
Büchsenspanner, Laufer, Bereiter oder Kammerdiener zu werden, hatte
sich fest in ihm gebildet. Daher trieb er sich auch ganze Tage in der
Bedientenstube, auf der Gewehrkammer oder im Reitstalle des Grafen
von Lodein umher, wo er mit der zahlreichen Dienerschaft schnell
Bekanntschaft gemacht hatte.
Man sah den klugen, dienstfertigen, immer freundlich lächelnden Knaben
sehr gern. Mit unermüdbarem Eifer und gefälligster Zuvorkommenheit
besorgte er alle Aufträge, Gänge und sonstigen Geschäfte, die einer
der Dienerschaft, vom Leibkammerdiener bis zum Stalljungen herab,
nicht gern übernahm. Dafür wurde ihm manche gute Speise, manches Glas
Wein, selbst manches Stück Geld zu Theil; er durfte die Pferde mit in
die Schwemme reiten, sehr oft sogar an dem Unterrichte des gräflichen
Bereiters, wie auch an dem des Läufers, der einige Knaben einübte,
Theil nehmen, und den Büchsenspanner auf die Jagd begleiten.
Die beiden Söhne des Grafen hatten einen eigenen Fechtmeister. Es war
ein wortkarger, unfreundlicher Mann, und doch wußte der schmeichelnde
Lips Tullian ihn so zu gewinnen, daß er täglich von ihm eine
Fechtstunde erhielt. Der flinke, gelehrige, fleißige Knabe ritt, lief,
schoß und focht zum Erstaunen.
Auch von den Kammerfrauen der Gräfin blieb Lips Tullian nicht
unbeachtet, und er wurde ihr Liebling. Die Aelteste darunter gefiel
sich in der Rolle der Gouvernante des lieblichen Knaben. Wann die
gräfliche Familie bei Tische oder irgend wo gebeten war, durfte Lips
Tullian auf ihr Zimmer kommen. Demoiselle la Croix glaubte, jeder
Mensch, der nicht französisch spreche, stehe auf der allerniedrigsten
Stufe der Bildung. Da sollte ihr Protegé nicht stehen bleiben, sondern
so hoch als möglich emporklimmen.
Sie gab ihm Unterricht im Französischen, und so lückenhaft dieser
Unterricht war, so machte doch der talentvolle Knabe so rasche
Fortschritte, daß er binnen einem Jahre mit großer Fertigkeit
französisch sprach.
Sie lehrte ihn ferner Guitarre spielen, Singen, Frisiren, und das
alles, wie sie zu ihrer Umgebung mit einem frommen Blicke zum Himmel
sagte, aus purer Nächstenliebe und aus reinem Mitleiden, damit dieses
arme Geschöpf sich bilde und dadurch einst für die Welt eigne.
Aber die gerühmte Nächstenliebe floß aus einer sehr schlammigen Quelle.
Denn die alte, fromme Demoiselle la Croix wurde von ihrer Gräfin in
einer höchst verrätherischen Lage mit dem dreizehnjährigen Lips Tullian
überrascht, und auf der Stelle des Dienstes entlassen. Auch Lips
Tullian durfte den gräflichen Palast nicht mehr betreten.
XXXXIV.
Ein schreckliches Opfer.
Schwer zu unterscheiden
Noch schwerer zu ergründen sind die Menschen.
~Schiller.~
Es nahete die Mitternachtsstunde, als Frau Blondell beim matten Scheine
eines kärglichen Oellämpchens noch immer emsig nähte. Aus Mangel an
einem anständigen Anzuge hatte sie sich schon einige Wochen nicht
mehr auf die Gasse gewagt, aber im Laufe dieser Zurückgezogenheit ein
Plänchen geschmiedet, dessen glückliche Ausführung sie den Gewinn
einer artigen Summe, und dadurch wieder gehörige Kleidung und gute
Lebensmittel für längere Zeit erwarten ließ.
Seit drei Tagen hatte sie weder ihren liederlichen Eheherrn, noch den
eben so liederlichen Enkel gesehen, kaum genug trockenes Brod gehabt,
und durfte überzeugt sein, eine Beute des Mangels zu werden, wenn sie
nicht ihre sonst so einträglichen Talente des Kuppelns wieder ins Leben
treten lasse; daher nähte sie an ihrem zerlumpten Klüftchen mit reger
Hand und vergaß über der bessern Zukunft den drückenden Mangel der
Gegenwart.
Sie hörte Geräusch auf der Treppe, und bald traten Blondell und Lips
Tullian in die Stube. Lips Tullian ging nach einem flüchtigen Gruße
in seine Schlafkammer. Blondell, sonst bei seiner Nachhausekunft
fast immer betrunken, und dann höchst übelgelaunt, zanksüchtig, ein
roher Wüthrich, war heute voll Freundlichkeit und Güte. Er bewunderte
den Fleiß seiner Frau, bat sie, eine Kerze zu besorgen, zog aus der
Tasche ein Paar Flaschen Wein, ein großes Stück Braten, und lud
die Ueberraschte zum fröhlichen Mahle ein. Frau Blondell ließ sich
nicht lange nöthigen, denn solch einer Bewirthung und der gütigen,
liebevollen Ansprache ihres Gatten war sie seit vielen Jahren entwöhnt.
„Die drei Tage,“ -- begann Blondell und stieß mit seiner Frau auf
eine nahe, bessere Zukunft an -- „die ich mit Lips Tullian außer dem
Hause zubrachte, waren eine ergiebige Ernte. Lips Tullian hat das
Glück gehabt, in allen Schenken, wo er zusprach, spiellustige Leute
zu finden, immer dumme Teufel, denen mein gewandter Zögling auf die
feinste Art die Börsen leerte. Mir war das Glück darin hold, daß ich
dem Chevalier Ritton zwei falsche Wechsel von bedeutender Summe bei
dem Juden Samuel Levi in blankes Gold umsetzte, zu seiner schnellen,
geheimen Flucht eine Post-Chaise vor das Thor besorgte, und ihn
wohl vermummt aus der Stadt und den scharfen Augen seiner lauernden
Gläubiger brachte, wofür mich der Dankbare mit dieser Rolle von 100
Dukaten begabte.
Das war ein Coup zu rechter Zeit, denn sonst hätte uns der Flegel von
Hauswirth für die rückständige Miethe vielleicht schon morgen auf die
Gasse geworfen, und unsere Garderobe möchte wohl der gutherzige Trödler
nicht um einen halben Thaler kaufen.
Morgen, liebe Canton, miethen wir eine bessere Wohnung, mit einer
Hinterthüre in ein abgelegenes Gäßchen, auf einem mehr besuchten Platz,
um unsere Geschäfte mit einiger Ostentation und mit größerm Umfange
betreiben zu können, kaufen Meubles, Kleider, Wäsche, einige Nippes,
und treffen unsere Einrichtungen so, daß wir in unserer Wohnung wieder
Zusammenkünfte veranstalten können, die in diesem Hundeloche von
Quartier für anständige Leute sich nicht machen ließen.“
Frau Blondell ward entzückt von dieser Rede. Nun hatte sie die
glänzende, glückliche Aussicht, durch elegante Wohnung und elegante
Kleidung wieder in ihre so liebe Sphäre zu treten, mit verbuhlten
Frauen und begehrlichen Männern verkehren zu können, und zwar in
der von ihr so wohl einstudirten Rolle einer gewandten und listigen
Kupplerin.