er der Gesellschaft von dem Wirthe vorgestellt. In den vier Wochen
seines Aufenthalts zu Prag besuchte er jeden Abend das Gartenhaus, im
Wechsel des Gewinnes und des Verlustes, je nachdem er einen noch ärgern
Betrüger als seinen Meister fand, oder ein kluges Benehmen gegen die
argwöhnischen Mitspieler ihm Gewinn oder Verlust vorschrieb. Mit einer
gewonnenen Summe von 430 Dukaten verließ er Prag.
XXXVIII.
Margarethens Untreue.
Des Mädchens Flamme währet,
Bis Lunens Hochlicht zweimal wiederkehret;
Dann sucht sie neuen Zeitvertreib.
~Seume.~
Unter Lips Tullians Spielgefährten zeichnete sich ein junger
Mensch durch Schönheit, durch die heiterste Laune und ein fast
ununterbrochenes Spielglück vorzüglich aus.
Schon in der ersten Nacht wurde Lips Tullian auf ihn sehr aufmerksam,
da er recht gut bemerkt hatte, daß dieser gewandte Betrüger durch seine
feinen Künste das Glück zu fesseln wisse. Gleich hatte Lips Tullian
die Idee, sich näher an ihn anzuschließen, ihn zur Reise nach Wien zu
bewegen, und zur gemeinschaftlichen Sache in den dortigen geheimen
Spielhäusern.
Daß der junge Mensch sich Baron von Strahl aus Litthauen nenne, hörte
er im Laufe der gesellschaftlichen Unterhaltung, von dem Wirthe aber in
vertrauter Mittheilung, daß dieser Baron Strahl ein entlaufener Friseur
aus Berlin, ein Matador unter den falschen Spielern und vielseitig zu
gebrauchen sei.
Lips Tullian wünschte sich Glück, seinen Mann gefunden zu haben, und
bald war unter beiden die innigste Freundschaft geschlossen.
Nie besuchte Lips Tullian das Spielhaus, ohne von Margarethen begleitet
zu sein. In einer höchst freien Kleidung, mit süßem Lächeln, mit
feurigen Blicken und anmuthigen Bewegungen wandelte sie an der Seite
junger Gecken und alter Thoren, die nicht des Spieles wegen hierher
kamen, sondern mit den jungen gefälligen Aufwärterinnen ihr Geld und
ihre Gesundheit verschleuderten, manche Stunde in den Gängen des
Gartens auf und nieder, fachte in den Gemüthern der Sinnlichen die
heißesten Begierden an, gab nie mehr als einen Kuß, eine Hoffnung für
die Zukunft, und wußte auch bei aller Härte der Versagung ihre Verehrer
so an sich zu fesseln, daß die Schlaue in kurzer Zeit sich im reichen
Besitze von werthvollen Ringen, Perlen und Stoffen sah.
Es war Lips Tullians Anweisung, die verschwenderische Großmuth dieser
Lüstlinge zu benutzen, und die gelehrige Schülerin übertraf seine
Erwartungen.
Aber dieses trügerische Spiel währte nicht lange. Margarethe hatte
für ihre freigebigen Verehrer bald kein süßes Lächeln, bald keine
bezaubernden Küsse, bald keine beglückenden Hinwinke auf lohnreiche
Zukunft mehr.
Ueber ihrer, bis zur Leidenschaft erwachsenen Liebe für den schönen,
immer fröhlichen Strahl vergaß sie die huldigende Umgebung, ja, sie
war von dieser Leidenschaft so beherrscht, daß sie Lips Tullian offen
gestand, ihm nichts mehr sein zu können, als seine unerschütterliche
Freundin, da ihr Herz, all ihr Sinnen, all ihre Träume sich nur dem
Geliebten weihen.
Lips Tullian, nur ein roher Wollüstling, der nach gestillten Begierden
auch die Reizendste mit Gleichmuth verließ, freute sich dieser
Mittheilung, da er mit Zuversicht hoffen durfte, durch die Liebe und
die Hingebung der reizenden Margarethe den jungen, sinnlichen Menschen
mit immer festern Banden an sich zu fesseln.
Strahl wurde auch von Margarethens blühender Schönheit, von dem Zauber
ihrer Anmuth, ihres lieblichen Frohsinnes und von dem Feuer ihrer
Umarmungen so begeistert, daß er jeder Gesellschaft, jedem Genusse sich
versagte, und nur für das Ideal seines Herzens lebte.
Daß Lips Tullian ihn so viele Stunden mit Margarethen allein ließ,
daß er die Huldigungen nicht zu beachten schien, die der Liebende der
Geliebten immer sichtbarer weihte, hielt er für Kälte des Ehemannes;
er ahnte nicht in seinem Sinnenrausche, daß Lips Tullians Benehmen auf
seine Pläne sich gründete.
Mit ihm und Margarethen reiste Strahl von Prag ab, in einem eleganten
Wagen, den er um eine hohe Summe gekauft hatte, da Margarethe einst
den Wunsch äußerte, recht bequem und glänzend die Reise nach Wien zu
machen. Auch hatte der Gefällige, zu Margarethens Bedienung, in Prag
ein Mädchen gedungen, welches die Reise nach Wien mitmachte und mit
Strahl schon länger bekannt zu sein schien.
Lips Tullian war der nachsichtigste Ehemann von der Welt. Leckere
Gerichte, gute Weine, ein trauliches Kosen mit Margarethens Mädchen,
das sehr schön und gegen ihn nichts weniger als spröde war, nahmen den
Schwelger zu sehr in Anspruch, um Margarethe und Strahl zu stören.
Margarethe äußerte den Wunsch, über Olmütz und Brünn zu reisen, um
diese Städte zu sehen. Die Reise ging dahin. In Olmütz kaufte Strahl
ein Paar schöne flüchtige Wagenpferde, mit denen er nun selbst fuhr,
da, seiner Versicherung gegen Lips Tullian gemäß, kein Kutscher sich
gefunden hatte, der ihm tauglich geschienen hätte. Es wurden nur kleine
Tagereisen gemacht.
Lips Tullian sehnte sich nach Wien, und sah recht sauer, als Strahl bei
der Ankunft in Brünn erklärte, hier eine volle Woche bleiben zu wollen,
da er in der Nähe dieser Stadt einige Gutsbesitzer kenne, denen er
schon lange seinen Besuch zugesagt habe.
Strahl war auch wirklich während des achttägigen Aufenthaltes in Brünn
nur auf wenige Stunden sichtbar.
Endlich kam der Vorabend des Tages, mit dessen Anbruche die Reise
fortgesetzt werden sollte.
An diesem Abende wurde Lips Tullian von Strahl heimlich gebeten, ihn,
sobald Margarethe zu Bette sei, nach einem Kaffeehause zu begleiten, wo
man vortrefflichen Punsch trinke und zwei allerliebste Mädchen nicht
nur den Dienst der Hebe versehen, sondern auch als Gnidias reizende
Priesterinnen dem Opfer sich weihen.
Solch eine Einladung von sich zu weisen, war Lips Tullian nicht
gewohnt. Er ging mit Strahl, und nachdem sie Arm in Arm mehrere
Hauptstraßen und eine Menge Seitengassen und Nebengäßchen durchwandelt
hatten, blieb endlich Strahl vor einer Spelunke stehen, in welche Lips
Tullian einzutreten zauderte, da er beim Laternenschimmer umsonst
nach dem bezeichnenden Mohren mit der langen Gypspfeife und der
Kaffeekanne oder nach einem Aushängeschild sich umgesehen. Strahl hob
seine Bedenklichkeiten mit der Versicherung, dieser Eingang führe
in das Hinterhaus, wo man recht artige Zimmerchen, und darin Punsch
und Mädchen, wie auch recht angenehme, ungestörte Stunden finde, da
der Billardsaal und die Gemächer des Vorderhauses, des öffentlichen
Anstandes wegen, dergleichen Privatunterhaltungen nicht gestatten. Lips
Tullian folgte seinem Freunde, fand ein recht trauliches Stübchen, ein
paar schlanke, hochgeschürzte Nymphen in schamloser Kleidung und mit
frechem Entgegenkommen, fand vortrefflichen Punsch und eine dieser
Phrynen so anziehend, daß er unter ihren Liebkosungen unmäßig trank und
sich bald um seine Sinne getrunken hatte.
XXXIX.
Lips Tullian wieder an der Spitze einer Räuberbande.
Laßt uns nicht stille stehen, denn geschäftig sind
Die Feinde rings, den Weg uns zu verschließen.
~Schiller.~
Lips Tullian erwachte aus todtähnlichem Schlafe. Er sah, er hörte, er
fühlte brennende Schmerzen am Kopfe, aber glaubte, noch immer von den
Irrlichtern eines neckenden Traumes in betäubender Bewegung umtanzt
zu werden. Nicht auf dem weichen Ruhebette des kleinen traulichen
Gemaches, nicht in den Armen einer leichtfertigen Dirne fand er sich,
sondern in einem spärlich erleuchteten Gewölbe, auf einem Strohlager,
einigen wilden Gesichtern gegenüber, die sich auf dem Fußboden um eine
Flasche gelagert hatten und eifrig zusammen sprachen.
Alles trat ihm zu lebendig, zu wirklich entgegen; er raffte sich
zusammen, um den Armen dieses Traumgesichts sich mit Gewalt zu
entreißen, er riß sich auf von seinem Strohlager, und die furchtbare
Wirklichkeit empfing den Erstarrenden.
„Nun, Lips Tullian, hast Du endlich ausgeschlafen, damit wir ein
vernünftiges Wort mit Dir sprechen können?“ lachte eine dieser
Gestalten, und reichte ihm das volle Glas hin.
Lips Tullian war keiner Worte mächtig. Hier hörte er von einem
Unbekannten sich Tullian nennen. Wie war dieser Name, wie war er selbst
hierher gekommen?
Der Mann, von dem er so überraschend genannt wurde, mochte wohl das
Dunkel, in welchem Lips Tullian mit unsicherm Schritte sich fortgriff,
recht wohl durchschauet haben; er lagerte sich an des sprachlos
Staunenden Seite und sagte also:
„Eine lange, lange Erzählung könnte ich Dir zum Besten geben, wie es
so kommen mußte, daß Du hier bist; ich will Dich aber mit wenig Worten
klug machen. Dein Freund, Baron Strahl -- sonst hatte er einen andern
Namen -- und Deine treue Margarethe waren schon in Prag darüber Eines
Sinnes, Dich von der Last Deines Goldes zu entheben, und mit ihrer
Gegenwart Dich nicht länger zu incommodiren.
Strahl schlug vor, Dich auf der Reise betrunken zu machen, in der
Kutsche zu erwürgen und Deine Leiche im nächsten Walde zu vergraben.
Darum kaufte er zu Olmütz eigene Pferde und nahm keinen Kutscher an,
damit Deine Ermordung um so unentdeckter geschehen könne. Margarethe
ging in diesen Vorschlag nicht ein, und als Strahl darauf bestand,
drohete sie, Dich zu warnen.
Jetzt besann sich Strahl, in dieser Gegend vor zwei Jahren angegriffen,
und dann selbst für einige Zeit einer unserer Cameraden geworden zu
sein. Er streifte in Brünns Umgebungen umher, fand und erkannte mich,
vertraute mir sein Verlangen, Dich aus dem Wege geräumt zu wissen, und
sagte mir zugleich, von Deiner Zuhälterin erfahren zu haben, daß Du
der berühmte Lips Tullian seist. Ich erschrack vor Freude über diesen
Namen, über Deine Nähe, über Deine Bekanntschaft. Ich würde Strahl
ermordet haben, hätte er Dir Leides thun wollen.
Du sollst unser Bonherr werden, darüber war ich mit mir und meinen
Cameraden gleich im Reinen, und als Strahl versicherte, Dein Reichthum
sei zu bedeutend, um Dich den Aufenthalt in den Wäldern und in
schlechten Kneipen, die Gefahren, die Anstrengungen unseres Handwerks
für ein Leben voll Bequemlichkeit, Ueberfluß und Genüssen eintauschen
zu lassen, so mußtest Du arm gemacht werden, um an unserer Spitze durch
Deinen Muth und Deine Talente, durch unsere Treue, Anhänglichkeit und
unsern Eifer wieder reich zu werden.
Die Sache war schnell gemacht. Strahl, durch mich unterrichtet, führte
Dich in dieses Häuschen, dessen Besitzer mein Bruder ist. Trinken und
Lieben, Deine schwache Seite, gaben Dich in unsere Hände.
Strahl, Margarethe und ihr Mädchen, schon seit Jahren Strahls
geheime Zuhälterin, sind fort, Gott weiß, wohin, und mit ihnen Deine
Habseligkeiten und Dein Gold.
Du hast die Wahl, unser Anführer zu werden, oder in diesem
unterirdischen Gewölbe zu verschmachten!“ --
Die Wahl war nicht schwierig. Schon in der nächsten Nacht zog Lips
Tullian mit den neuen Gesellen hinaus in die Wälder, in das wilde,
blutige Räuberleben.
XXXX.
Lips Tullians abermalige Gefangenschaft.
Nur zu! Sie rücken
Mit Schwert und Feuer auf uns an.
~Schiller.~
In einer Waldschlucht, zwei Meilen von Iglau, lag Lips Tullian mit
seinen Gesellen um ein hochaufschlagendes Feuer herum, an welchem
gesotten und gebraten wurde. Da gab es Geflügel aller Art, einige
Schafe, ein paar Kälber, auch an Wildpret gebrach es nicht, und ein
Fäßchen Branntwein versprach, das leckere Mahl zu würzen. Aber die
Räuber hatten nicht allein für den Magen, sondern auch sonst für das
Leben gesorgt. Einige ausgeraubte Kirchen, Edelsitze und Bauerhäuser
hatten viele gute und werthvolle Sachen in diese Waldschlucht
geliefert, und ein Säckchen mit Gold- und Silbermünzen erfreute die
glückliche Bande.
Die Kochtöpfe wurden in den Kreis der Hungernden gebracht, die Braten
vom Spieße genommen, und die Becher gefüllt. Gesang und Geplauder
verstummte, und nur das Löffelgeklapper und Messergeklirre der Essenden
unterbrach die Stille.
Da erscholl hinter Lips Tullians Rücken ein lautes Lachen, und als er
jetzt zurück blickte, meinend, einer der Kameraden wolle ein tolles
Stückchen erzählen, und durch eigenes Gelächter die Versammlung auf
seinen Witz aufmerksam machen, da entsank ihm im Schrecken der ersten
Ueberraschung das Messer.
Es waren die drohenden Mündungen einer Doppelbüchse, in die er sah.
Und die Mündungen von Büchsen und gezogene Hirschfänger waren der
verderbliche Kreis, den Soldaten und Jäger, rasch hinter den Bäumen
hervor tretend, um die erstarrte Gesellschaft geschlossen.
Einer der Räuber sprang auf; im Augenblicke stürzte er, von einer Kugel
in die Brust getroffen, entseelt nieder.
„Wer sich vom Flecke bewegt, ist des Todes!“ -- herrschte der Mann mit
der Doppelbüchse den Räubern zu. Ketten klirrten, Hunde knurrten, und
Gerichtsdiener traten in den Kreis, entrissen den Räubern Pistolen,
Messer, Säbel und Knittel, legten ihnen Fuß- und Handschellen an, und
trieben die Gefesselten mit Stockhieben zum Aufbruche an.
Einige Bauern, mit blassen Gesichtern und scheuen Tritten kamen auf
den Ruf des Anführers aus den Gesträuchen hervor, und folgten, mit dem
Raube beladen, den Dahinziehenden.
Die Nacht dunkelte heran, als Lips Tullian mit seinen Cameraden durch
das gewaltige Thor eines festen Bergschlosses in den innern Hofraum
trat, wo ein stattlicher Mann, die Begleitung mit großem Lobe, die
Bande mit furchtbaren Drohungen begrüßend, den Befehl gab, die Räuber
einzeln in die sichersten Gefängnisse zu bringen.
Einer der Gerichtsdiener bezeichnete ihm Lips Tullian als den Hauptmann
der Räuber, und der Schloßherr bestimmte für diesen das tiefste
Gefängniß und die schwersten Ketten. Lips Tullian wurde viele Stufen
hinab in einen finstern, dumpfen Kerker gebracht, und mit einem
Leibringe belegt, dessen Kette mit der der Fußschelle an einem Ringe in
der Mauer befestigt wurde.
Schlaflos, im Ersinnen der Mittel zur Rettung sich erschöpfend, zählte
Lips Tullian die dumpfen Schläge der Thurmuhr, und so eben war der
letzte Schlag der Mitternachtstunde verklungen, da deuchte es ihm, an
seiner Kerkerthüre Geräusch zu hören.
Die Riegel rasselten, das Schloß klirrte, die Thüre that sich auf,
ein helles Licht drang in das Rabendunkel des Gefängnisses, und eine
hohe, schlanke Frauengestalt, das Gesicht von einem dichten Schleier
umhüllet, eine hochlodernde Fackel in der Linken, schritt im feierlich
langsamen Gange auf ihn zu.
Die Gestalt stand; sie hob die Fackel, sie warf den Schleier zurück,
und starrte schweigend mit scharfem Blicke auf Lips Tullian hin.
„Geist meiner Josephine!“ -- stöhnte der Bebende, und sank bewußtlos
zurück.
XXXXI.
Der Lieutenant Schönknecht.
Traute Heimath meiner Lieben,
Sinn’ ich still an Dich zurück.
Wird mir wohl -- und dennoch trüben
Sehnsuchtsthrähnen meinen Blick.
. . .
Nachdem uns hier Josephine, eine Erscheinung aus Lips Tullians früheren
Jahren aufgestoßen ist, dürfte es nun wohl an der Zeit sein, einen
Rückblick auf dessen Jugendverhältnisse zu werfen.
Wir beginnen mit seinem Vater bei der Belagerung von Wien im Jahre 1698.
Im Dragonerregimente Lothringen zog der Wachtmeister Michael
Schönknecht unter Johann Sobieski vor das von den Türken belagerte und
hart bedrängte Wien.
In der Nähe der Kaiserstadt angekommen, bemächtigte sich Sobieski der
vortheilhaften Posten, sprengte eine Anhöhe hinan, beschaute mit
seinem guten Fernrohre die Verschanzung des Großvezirs, und sagte zu
seiner Umgebung: „Er hat eine üble Stellung gewählt. Ich kenne ihn, er
ist unwissend, und doch eingenommen von seinen Talenten. Der Sieg ist
unser, aber wir werden keine Ehre von diesem Siege haben.“ --
Was der Sieger von Choczim zu seinem Gefolge gesagt hatte, durchflog
auf raschen Schwingen sein Heer, und die Krieger, stolz, unter einem
Sobieski fechten und gegen die gehaßten Feinde ihres Glaubens die
tödtende Waffe schwingen zu dürfen, jubelten freudetrunken der nahen
Schlacht entgegen.
Sobieski hatte wahr gesprochen. Es war kein mit Ehre gekrönter
Sieg; es war das Metzeln einer vom panischen Schrecken bis zur
schändlichsten Feigheit gelähmten Horde; es war die wilde Flucht eines
sich auflösenden Heeres, das in seiner Furcht und Verwirrung sogar die
geheiligte Fahne Mohammeds vergaß, welche Sobieski mit einem Briefe an
den Papst sandte, worin die Worte vorkamen: „Ich bin gekommen, ich habe
gesehen, und Gott hat gesiegt!“ --
Nur ein türkischer Haufen theilte nicht die wilde Flucht und die
Schande der Uebrigen. Es war die Reiterei, welche sich zwar in
rascher, aber schön geordneter Bewegung zurückzog, oft gegen den
verfolgenden Feind Front und Angriff machte und dann wieder in ächt
ritterlicher Haltung den Rückzug fortsetzte.
Graf Hardegg, Obrist des Dragonerregiments Lothringen, freute sich des
Muthes und der kriegerischen Festigkeit der Reiterei, da durch sie
seinen Reitern die ehrenvolle Gelegenheit ward, als brave Soldaten mit
den wackeren Gegnern zu messen. Schon zweimal hatten die Lothringer
einen höchst tapfern, furchtlosen Angriff gemacht; jetzt war der
Obrist fest entschlossen, die türkische Reiterschaar zu fangen oder zu
vernichten. Furchtbar war der Angriff, eben so der Widerstand. Es kam
zum blutigsten Handgemenge. Schon schwebe der Obrist, von den Seinigen
abgeschnitten, in der Gefahr, gefangen oder getödtet zu werden, als
sich Wachtmeister Schönknecht zu ihm durchhieb, einem Spahi den
Pallasch durch den Leib rannte, einem andern den Kopf spaltete, und mit
Kraft und Gewandtheit unter den Osmanen metzelte, daß sich der Obrist
bald außer Gefahr, zugleich aber auch den braven Schönknecht, aus
unzähligen Wunden blutend, vom Rosse sinken sah.
Wachtmeister Schönknecht wurde nach Wien zurückgebracht, aber nicht in
das Lazareth, sondern in den gräflich Hardegg’schen Palast, welchen die
Mutter des Obristen mit ihrer Familie bewohnte. Die ehrwürdige Dame
pflegte des Verwundeten mit einer Liebe, einer Sorgfalt, mit einem
Eifer, wie man nur des eigenen geliebten Kindes pflegen kann; sie
glaubte, für den Lebensretter ihres Sohnes nicht genug thun zu können.
Auch der Obrist besuchte den Verwundeten täglich, und sicherte ihm die
reelsten Beweise seiner Dankbarkeit zu.
Noch auf dem Krankenlager wurde der Wachtmeister Schönknecht zum
Lieutenant im Dragonerregiment Lothringen befördert. Aber bald
überzeugte er sich mit tiefem Schmerze, daß ihn eine unheilbare Lähmung
am Fuße, Folge eines Lanzenstiches, für den Feld- und Garnisondienst
untauglich mache. Er erhielt Pension und von dem Obristen Grafen von
Hardegg ein Geschenk von 4000 Dukaten.
Schönknecht war in Straßburg geboren. Bald nach dem Beginnen seines
ruhevollen Lebens fühlte er solch eine Sehnsucht nach seiner
Vaterstadt, daß er sich entschloß, ungesäumt dahin zu reisen, und dort
seine Tage hinzubringen. Aber seine Sehnsucht sollte nicht so schnell
gestillt werden. Das Militär-Gouvernement schlug Schönknechts Gesuch,
in Straßburg sich häuslich niederlassen zu dürfen, mit der Bedeutung
ab, daß er seine Pension im Inlande zu verzehren habe. Obrist Hardegg
ward zum Vermittler; durch seinen Einfluß und seine Verwendung erhielt
Schönknecht für seine Pension ein nicht unbedeutendes Capital. Mit
Extrapost flog er in ununterbrochener Reise der heiß ersehnten Heimath
zu.
Als Betteljunge hatte Schönknecht in seinem zehnten Lebensjahre
Straßburg verlassen; mit Gold und Rang kehrte er nun zurück. Er fand
seine Eltern im Grabe, und nicht die mindeste Nachricht über seinen
Bruder, der, schon vor ihm aus Straßburg gegangen, in der Folge zu
Hamburg als Matrose sich eingeschifft hatte.
Lieutenant Schönknecht hatte auf seiner beflügelten Postreise den Plan
zur Einrichtung seiner künftigen Lebensweise entworfen, und kaum in
Straßburg angekommen, beschäftigte er sich schon mit dessen Ausführung,
die um so einfacher und leichter war, da das _dolce far niente_,
von ihm ein wohl verdientes Ausruhen von frühern Mühseligkeiten
betitelt, nun den Cyclus seiner Tage gestalten sollte. Er schlief, aß,
trank und rauchte Tabak.
Von frühester Jugend an im steten Kampfe mit einem Leben voll Mangel,
Anstrengungen, Gefahren, Ruhelosigkeit und einer freiheitslosen,
despotisch gegängelten Stellung war er, nun Herr seiner Zeit und seines
Willens, über ein reiches Capital gebietend, im Besitze kräftiger
Gesundheit, und sich stolz fühlend auf den ehrenvoll gelähmten Fuß,
unbeschreiblich glücklich. Er lebte einen Tag wie den andern, und
konnte, seinem Gefühle und seinen Begriffen nach nicht glücklicher
leben.
XXXXII.
Schönknechts Verheirathung.
Im Gewebe unsers Lebens spielen
Plan und Zufall eine große Rolle.
~Schiller.~
Zwei Jahre hatte Lieutenant Schönknecht in Straßburg sein Pflanzenleben
abgeleiert, als ihm Schalk Amor ins Ohr raunte, daß es nicht gut sei,
wenn der Mensch allein ist. Und als unser Hagestolz dem unberufenen
Mentor recht unwillig die Thüre weisen wollte, da führte ihn dieser
mit schelmischem Lächeln an das Fenster, zeigte auf eins des gegenüber
stehenden Hauses, und entfloh unter schadenfrohem Gelächter.
„Der kleine, geflügelte Spitzbube will mich zum Besten haben,“ --
brummte Schönknecht vor sich hin. -- „In alle Fenster dieser alten
Knallhütte habe ich schon bei meiner Morgenpfeife geschauet und nichts
gesehen, als den buckligen Hausbesitzer mit seiner alten Megäre, einen
Windbeutel von Friseur und drei Weibstücke, die mehr Ansprüche haben,
in der Walpurgisnacht auf dem Blocksberge den Kehraus zu tanzen, als
eine Liebesflamme anzufachen. Warte nur, loser Junge, ich werde dich“ --
Der Nachsatz erstarrte ihm auf den Lippen, die Pfeife entglitt seiner
Hand; er wußte nicht, ob er wache oder träume. Aus dem nämlichen,
von Amor bezeichneten Fenster, aus welchem sonst nur die widerliche
Fratze des liederlichen Pudergottes, oder dessen grundhäßlicher Frau
Gemahlin ihm entgegengrinzte, lächelte ihm plötzlich ein Mädchengesicht
entgegen, so allerliebst, so freundlich, wie er noch nie eins gesehen
zu haben glaubte.
Das Mädchen grüßte so traulich herüber, als kenne man sich schon seit
Jahren; sie sprach ein paar Worte über das Wetter -- der Lieutenant
glaubte Sphärenmusik zu hören -- sie hüpfte vom Fenster das Zimmer
hinunter, und Schönknecht, der dieses ganz übersehen konnte, sah die
schlanke, üppige Gestalt, die leichten, reizenden Bewegungen einer
Oreade.
An den schönsten Mädchen von Straßburg war er mit unbewegtem Herzen
vorüber gegangen; die über Nacht ihm gewordene Nachbarin, diese
überraschende Erscheinung, faßte ihn mit magischer Gewalt. Eine volle
Stunde stand er noch am Fenster, mit sehnsüchtigen Blicken in das,
ihm nun zu einer Halle der Grazien gewordene Zimmer hineinsehend, nur
von dem Wunsche beseelt, die entflohene Grazie wieder zurück schweben
zu sehen. Dieser Wunsch wurde ihm nicht erfüllt, aber dagegen seinem
Herzen eine neue, recht süße Wunde geschlagen.
Die unbekannte Huldin trat jetzt aus der Hausthüre, sah zu ihm empor,
grüßte freundlich lächelnd, eilte die Gasse hinab, blickte einigemal
zurück, und winkte ihm an der Ecke der Seitenstraße mit dem blendend
weißen Tuche einen süßen Gruß zu.
So rasch es mit dem lahmen Fuße ging, eilte der Lieutenant zu seinem
Hausbesitzer hinab, und forschte mit jugendlichem Ungestüm, wer das
engelschöne Mädchen sei, das, gleichsam wie aus den Wolken daher
gekommen, die himmlischen Räume mit den armseligen Gemächern des
luftigen Friseurs Blondell vertauscht habe.