Der Welsche hatte eine Zuhälterin, die Sarberg im Stillen

leidenschaftlich liebte. Dem scharfen Auge des Welschen entging

Sarbergs heftige Neigung nicht. Er kannte seiner Dirne Schlauheit und

Buhlerkünste; ihr allein vertraute er die erlauschten Worte, und auf

sein Verlangen übernahm sie Sarbergs Ausforschung unter der Maske

der Erhörung und der Gegenliebe. Sarberg hing an Lips Tullian mit

beispielloser Treue; seinen Schwur, Jokels und seiner beiden Gefährten

Ermordung als das tiefste Geheimniß zu bewahren, würde er nicht unter

den allergrausamsten Händen der Folterknechte gebrochen haben; aber

Liebe und Sinnlichkeit zerrissen die ehernen Bande seiner Treue,

seines Schweigens. In einem unglücklichen Momente, wo die geübte

Buhlerin seine Sinnlichkeit zur verzehrenden Flamme angefacht, wo er im

Sinnenrausche alle innere Kraft, alle Besonnenheit verloren hatte, da

entlockte ihm die schlaue Dirne sein Geheimniß.

[Illustration: _L. Oeser in Neusalza._

Der Kampf der Räuber unter einander.]

Auf einem abgelegenen Platze sammelte der Welsche seine Vertrauten,

und theilte ihnen das grausame Ende ihres Lieblings und ihrer wackern

Kameraden mit.

Sie erstarrten. Die Erstarrung wurde zum heftigsten Ergrimmen, zur

unbezähmbaren Wuth gegen Lips Tullian und seine Lieblinge.

Der Welsche wollte ihnen rathen, die Gelegenheit, wann Lips Tullian

allein sei, abzulauern und ihn dann niederzustechen. Die Wüthenden

hörten ihn nicht. Sie stürmten in das Haus, wo Lips Tullian mit

Marianen und seinen Erwählten unter lärmender Fröhlichkeit zechten. Ein

fürchterlicher Kampf begann.[35]

[35] Siehe die Abbildung.

Mehr als viermal überlegen waren Lips Tullians Feinde, aber sein und

der Seinigen Muth hielt der Uebermacht die Wage. Säbel, Knittel und

Messer vermochten nicht, die Angreifenden zum Siege zu führen; das

Feuergewehr that es.

Der Welsche schoß mit seiner Doppelpistole Sarberg und Eckold nieder,

ein anderer Schuß machte Lehmann sinken.

Mit erneuerter Wuth drang nun der Haufe auf die kleine Schaar los; Lips

Tullian sollte nicht getödtet, sondern unverletzt gefangen werden,

um Jockels furchtbares Loos zu theilen. Jetzt sanken Schöneck und

Schickel, jetzt stürzte Mariane, von einem furchtbaren Hiebe getroffen,

mit gespaltenem Kopfe zur Erde. --

„Ergib Dich!“ -- brüllte ein Räuber und stürzte mit vorgehaltenem

Stuhle auf Lips Tullian los. Er faßte den Stuhl mit riesiger Kraft,

stieß den Räuber zu Boden, schlug furchtbar um sich, erreichte ein

offenes Fenster und sprang durch dasselbe auf den Hof. Er floh querfeld

dem Walde zu.

Die Räuber folgten ihm im schnellsten Laufe. Er hatte einen Vorsprung

von kaum hundert Schritten; er erreichte den Wald und war gerettet.

Ohne Hut, mit nichts an Kleidern und Wäsche versehen, als was er am

Leibe trug, und einige Thaler in der Tasche und blos mit seinem Säbel

bewaffnet, dabei aus mehreren Wunden blutend, die ihm in der Hitze

des Kampfes geschlagen worden, ungeachtet die Räuber seinen ganz

unverletzten Körper ihrer allergrausamsten Rache opfern wollten, eilte

Lips Tullian im Walde fort, vermied Fahrwege und Fußpfade und hielt nur

auf Augenblicke in Dickichten an, um Athem zu schöpfen und zu lauschen,

ob ihm noch Verfolgung drohe.

So war er einige Stunden mit großer Anstrengung dahin geeilt, als ihn

seine Kräfte verließen und er an einer zufällig gefundenen Quelle

niedersank, die ihm zur Reinigung seiner Wunden, zur Stillung des

brennenden Durstes sehr wohlthätig wurde. Die Ermattung machte ihn bald

einschlafen.

XXXV.

Die Ermordung eines Handwerksburschen.

Laßt uns nicht stille stehen, denn geschäftig sind

Die Feinde rings, den Weg uns zu verschließen.

~Schiller.~

Sein Erwachen war nicht das angenehmste. Mariane, Sarberg, Eckold,

Schöneck und Schickel hatte er unter den Schüssen und Hieben seiner

Feinde niedersinken gesehen. Mit Recht mußte er befürchten, daß auch

Lehmann, Hentzschel und seine übrigen Vertrauten die blutigen Opfer

ihrer wüthenden Feinde geworden.

Auf eine Verbindung mit der Bande durfte er nicht mehr hoffen, nur

zu gut kennend den Haß des Welschen und den Einfluß, welchen dieser

tückische, gewandte Wohlredner auf die Bande hatte; ja Lips Tullian

war überzeugt, selbst von seinen frühern Kameraden, denen er einst

das Höchste ihrer Liebe, ihrer Treue, ihres Vertrauens gewesen, dem

nächsten Gerichte verrathen oder überliefert zu werden, sobald er

wieder zu ihnen zurückkehre.

Nach langer, ernster Selbstberathung bestimmte er sich dahin, seine

noch übrigen, in der Felsenschlucht vergrabenen Kostbarkeiten zu

sich zu nehmen, nach Wien zu gehen, und dort theils von den Mitteln,

die ihm der Verkauf dieser Kleinodien gewähre, theils vom falschen

Spiele so lange zu leben, bis sich ihm eine Gelegenheit biete, eine

kleine, tüchtige Rotte zu sammeln und an ihrer Spitze den Pfad seiner

bisherigen Industrie wieder zu betreten.

Für den Augenblick war ihm eine Kopfbedeckung und ein anderer Anzug das

Nöthigste.

Das Glück begünstigte den Bösewicht. Lips Tullian hatte sich kaum von

der Quelle entfernt, als er auf einen Fußpfad kam und von ferne einen

Handwerksburschen mit hoch aufgepacktem Reisebündel daher kommen sah.

Der Handwerksbursche verrieth durch seine große, kräftige Gestalt eine

Körperstärke, mit welcher Lips Tullian, vom Blutverluste und dem

langen, eiligen Marsche geschwächt, die seinige nicht messen zu können

befürchtete.

Durch List mußte das Ziel erreicht werden. Er sah sich bisher von dem

Reisenden noch nicht bemerkt. Schnell kauerte er sich unter einem Baume

nieder, und begann zu stöhnen und zu wimmern.

Der Handwerksbursche wurde aufmerksam und schritt rascher heran.

Als er einen Verwundeten sah, der wie ohnmächtig vor Schwäche und

Schmerzen ächzte, fragte der Gutherzige mit recht menschenfreundlicher

Theilnahme, ob er einige Hülfe leisten könne.

Lips Tullian bat mit leiser Stimme und den Geberden des Schmerzens und

der Entkräftung, ihn nur einige Schritte tiefer in den Wald zu führen,

wo er eine Quelle wisse.

Der Handwerksbursche warf seinen dicken, schweren Stachelstock nieder,

und reichte Lips Tullian beide Hände, um ihm empor zu helfen. Lips

Tullian that, als könne er ohne Hülfe nicht einen Schritt fortwanken.

Er ließ sich den Stock geben, stützte sich auf den Handwerksburschen

und wankte so mit schleppenden Füßen einige Schritte fort. Jetzt stand

er, zog seine Uhr und ließ sie, als hätten seine zitternden Hände

nicht mehr die Kraft, sie einzustecken, zur Erde gleiten.

Dienstfertig bückte sich der Handwerksbursche. Im Augenblicke hatte

Lips Tullian den wuchtvollen Stachelstock geschwungen, und dem Arglosen

solch’ einen mörderischen Schlag auf das Hinterhaupt gegeben, daß er

entseelt aufs Angesicht hinstürzte.

Schnell riß Lips Tullian den Mantelsack an sich, fand darin einen

fast neuen, vollständigen Anzug, feine Wäsche und manches gute

Kleidungsstück. In wenigen Augenblicken war er umgekleidet, und der

ganze Anzug paßte ihm vollkommen.

Nun durchsuchte er die Tasche des Todten, fand eine silberne Uhr,

einen Beutel mit Geld und eine Kundschaft. Er zog den Ermordeten nackt

aus, packte dessen Kleider in den Mantelsack, seine eigenen aber

warf er ins nächste Dickicht, hing ihn auf den Rücken und zerschnitt

und verstümmelte das Gesicht des Todten auf das Gräßlichste, daß man

den Unglücklichen nicht wieder erkenne, vielleicht gar für ihn, Lips

Tullian, zu halten veranlaßt werde, da er sich gleich vorgenommen

hatte, das Gerücht von seiner Ermordung überall zu verbreiten, um auf

seinen Wegen vor der Aufmerksamkeit der Behörden und ihrer Diener mehr

gesichert zu sein.

Ungeachtet der Einbruch der Nacht nicht fern war, so eilte er doch

nicht auf dem Fußwege fort, der ihn bald würde zu einem Dorfe geführt

haben, sondern schlug eine andere Richtung ein, um Orte zu vermeiden,

durch welche der Handwerksbursche gegangen sein mochte. --

XXXVI.

Die Wiedererkennung.

Wie viele Kämpfe mußten wir bestehn,

Von wie viel Noth und Herzensangst ermatten,

Wie viele Leichname hinopfern und bestatten,

Eh’ wir uns hier in dieser Hütte sehn!

~Schiller.~

Schon oft hatte Lips Tullian in diesem Walde theils einzeln, theils mit

einigen der Bande Nächte zugebracht, aber immer nur im Durchzuge, und

wußte von der Lage und dem Umfange dieses Waldes nur so viel, daß er in

gerader Richtung nach Osten beinahe zwei Tagereisen weit sich ausdehne.

In dieser Richtung ging er nun fort, mit ziemlicher Eile, da das volle

Mondlicht für seinen Marsch sehr günstig war.

Mit Anbruch des Tages stieß er auf eine Umzäunung, und eine armselige,

dunkle Strohhütte, daneben ein Meiler, sagten ihm, daß hier ein Köhler

hause.

Die Nähe eines Köhlers war ihm nicht unangenehm, da Leute dieses

Standes entweder größtentheils die Vertrauten der Gaunerbanden sind,

oder den Erzählungen und Angaben fremder Leute solch’ einen vollen

Glauben schenken, daß man von Menschen, welche alles für blanke

Wahrheit nehmen, allgemein sagt: sie haben einen Köhlerglauben.

Ueberdieß glaubte er in der armseligen Hütte eine Engelswohnung zu

erblicken, da er vor Hunger, Durst und Ermattung sich kaum mehr

fortschleppen konnte.

Unentschlossen, ob er den Schlaf der Hüttenbewohner stören, oder deren

Erwachen hier abwarten solle, lehnte er sich an die Umzäunung und

musterte aus Neugierde und zum Zeitvertreib die Kundschaft des armen

Handwerksburschen.

Hatte er in seiner Raub- und Mordbegierde übersehen, daß der

Handwerksbursche wirklich viele Aehnlichkeit mit ihm habe, so fand er

diese in der hier aufgeführten Personalbeschreibung. Die Größe der

Gestalt, die Farbe der Haare, der Augen, die Gesichtsbildung waren so

bezeichnet, als hätte er selbst dem Kundschaftsschreiber zum Muster

gesessen; auch das Lebensalter traf auf ein Paar Jahre zusammen,

und Christoph Feller mußte gerade ein Schlossergeselle sein, auf daß

Lips Tullian mit dem Wenigen, was er von diesem Handwerke wußte, doch

in großer Sicherheit seine Wanderung antreten konnte. Er hätte die

Kundschaft nicht um eine hohe Summe hingegeben.

In der Köhlerhütte wurde es rührig. Die Thüre that sich auf, und eine

hohe, schlanke Mädchengestalt im allerfreiesten Anzuge, eilte mit

leichtem, zierlichem Gange, ein Wassergefäß tragend, dem Brunnen zu.

Lips Tullian machte sich durch ein kleines Geräusch bemerkbar.

Das Mädchen hielt an, betrachtete ihn aufmerksam, ließ den Eimer

fallen, sprang, wie ein flüchtiges Reh, über die Verzäunung, und lief

mit offenen Armen auf Lips Tullian zu. Sie drückte ihn mit dem Lächeln

einer sehr großen Freude an ihren üppigen Busen, sie gab ihm heiße

Küsse und nannte den Ueberraschten unter den zärtlichsten Liebkosungen

ihren lieben, lieben Tullian.

Der Dirne entging dieses Erschrecken nicht; sie beruhigte ihn aber

schnell, als sie sich ihm nannte. Nun erinnerte sich Lips Tullian an

Fräulein Margarethe, so wurde sie bei der Bande genannt, weil sie die

außereheliche Tochter eines Adeligen war.

Kaum vierzehn Jahre alt, von der liederlichen Mutter zu allen Lastern

gebildet, war Margarethe schon die Zuhälterin eines Mitgliedes der

schwarzen Garde.

Lips Tullian, der schöne, kräftige Mann mit der stolzen,

ehrfurchtgebietenden Haltung, das Haupt einer mächtigen Bande, war

für Margarethe das Ideal der Erhabenheit, ein Wesen ihrer tiefsten

Verehrung, ihrer innigsten Bewunderung, immer mehr ihrer heißesten

Liebe. Wo sie sich ihm nahen konnte, trat sie ihm entgegen, um den

Mann ihres Herzens zu sehen, um von ihm einen freundlichen Blick, ein

Lächeln, ein gütiges Wort zu erhaschen.

Lips Tullian, nur reife, rüstige Gestalten für seine Sinnenlust

liebend, übersah das Kind. Aber Mariane, den Geliebten immer mit

Argusaugen bewachend, durchschaute die Wünsche und die Bemühungen der

jungen Dirne.

Von Eifersucht gefoltert, machte sie durch ein vertrautes Weib aus der

Bande Margarethens Buhlen auf die Neigung seiner Dirne zum Hauptmann

aufmerksam; sie wußte Eckold in ihr Vertrauen zu ziehen und ihn dahin

zu verleiten, daß Margarethe als eine geheime Kundschafterin des

Gerichts angeklagt und ihre heimliche Ermordung beschlossen wurde.

Im Branntweinrausche bestätigte Lips Tullian das Todesurtheil, und

Margarethe wäre das Opfer der grausamsten Eifersucht geworden, hätte

sie nicht das Glück gehabt, das morsche Gitterfenster des Kellers,

worin sie verwahret wurde, zu durchbrechen und unbemerkt zu entfliehen.

Der Köhler, bei welchem sie jetzt lebte, fand sie, vor Hunger, Durst

und Ermattung beinahe am Rande des Grabes, kaum mehr zu flüstern

fähig, in der Nähe seiner Hütte unter einem Baume. Er trug sie unter

sein Dach, gab ihr Nahrung und Pflege, und nahm die Verlassene als

Tochter und Wirthschafterin an, da sein Weib und seine Kinder schon

lange hinübergegangen waren. Aus einer liederlichen, arbeitsscheuen,

buhlsüchtigen Dirne wurde Margarethe unter der väterlichen Leitung des

gutherzigen, frommen Köhlers ein arbeitsames, sittiges Mädchen, das

einfache Stillleben, die Ruhe, die Einsamkeit des Waldes immer mehr

liebend und den kleinen häuslichen Geschäften, der Pflege ihrer wenigen

Blumen und dem schuldlosen, süßen Umgange mit der Natur sich aus voller

Seele widmend.

So waren beinahe vier Jahre verflossen, aber die Erinnerung und die

sehnsüchtigen Wünsche, Lips Tullian, den Gegenstand ihrer heißesten

Liebe, wiederzusehen, noch immer nicht ganz ihrem Herzen entschwunden.

--

Da stand der Mann vor ihr, dessen Bild sie in der Tiefe ihrer fühlenden

Seele so lebendig und so treu bewahrt hatte.

Das Mädchen war so reizend, daß der sinnliche Lips Tullian kein

Verlangen nach Labung, keine Schwäche fühlte. Er tauchte die

begehrenden Augen in die reiche Fülle des fast unverhüllten Busens, der

üppigen Formen, des blühenden Gesichtes voll Liebreiz; seine Küsse,

seine Umarmungen wurden immer feuriger, und Margarethe, trunken von der

Wonne des Wiedersehens, wäre schon in diesem Augenblick das willige

Opfer des Aufgeregten geworden, hätte nicht die rufende Stimme ihres

Nährvaters sie ihrem Sinnentaumel entrissen.

Hastig flüsterte ihr Lips Tullian die Weisung zu, ihn als einen

Blutsverwandten, der von ihrem Aufenthalte in dieser Köhlerhütte

gehört habe, und vor seiner Wanderung ins Ausland zum Abschiedsbesuche

gekommen sei, dem Alten bekannt zu machen.

Der schlichte, treuherzige Waldmann glaubte alles, was Margarethe über

ihren Vetter mit geläufiger Zunge ihm erzählte, reichte Lips Tullian

wie einem alten Bekannten, mit einem herzlichen Gruße die kohlenfarbige

Hand und forderte gleich mit dem gutmüthigsten Ungestüme, daß der

willkommene Vetter seiner guten Pflegetochter einige Tage bei ihm weile

und mit dem sich begnüge, was Armuth und guter Wille bieten könne.

[Illustration: _L. Oeser in Neusalza._

Die Wiedererkennung.]

Lips Tullian wäre gern Jahre lang in dieser ärmlichen Hütte geblieben,

die ihm Margarethens Nähe und die Hoffnung auf so manche süße Stunde

schon jetzt zu einem Eden machten.

Es war am Morgen des dritten Tages, als der Köhler, der schon mit

der Morgenröthe in den Wald gegangen war, verdrüßlich zurückkam,

und Margarethen gebot, ihm seinen Sack, in welchem er jederzeit bei

längerer Entfernung vom Hause Lebensmittel mit sich trug, mit Brod,

geräucherter Wurst und Branntwein zu versehen. Zugleich erzählte er,

auf dem Arbeitsplatze von den herrschaftlichen Jägern aufgesucht, und

zum Streifzuge gegen die Tullian’sche Bande befehligt worden zu sein,

mit dem Beisatze, daß längstens in einer Stunde die noch aufgebotenen

Köhler, wie auch die Jäger und Gerichtsdiener sich hier zur Versammlung

einfinden werden.

Erbleichend und zitternd blickte Margarethe auf Lips Tullian hin,

der aber Besonnenheit genug hatte, die thätige Wachsamkeit der

hochpreislichen Obrigkeit höchst lobenswürdig zu finden, zugleich aber

erklärte, seines Bleibens dürfe hier nicht länger sein, weil er sonst

befürchten müsse, bei dem Meister, der ihn zur Arbeit verschrieben

habe, zu spät einzutreffen.

Während des Packens seiner Habseligkeiten, wobei sich Margarethe sehr

geschäftig zur Hülfe anließ, flüsterte sie ihm zu, um die Hütte zu

gehen, und am Holzstalle ihrer zu harren.

Lips Tullian nahm Abschied und hatte alle Mühe, dem Alten, der sich

ihm zur Begleitung bis zur Martersäule, von wo aus der Weg nach der

Landstraße nicht mehr verloren werden könne, aufdringen wollte, von

diesem Vorhaben abzubringen.

Er ging an den bezeichneten Platz. Nach einigen Augenblicken kam

Margarethe, legte eine Leiter an und bedeutete Lips Tullian durch

Winke, das Bodenloch des Holzstalles zu erklettern, und sich dort bis

zu ihrer Wiederkunft sehr ruhig zu verhalten. Als er oben war, verbarg

sie schnell die Leiter und schlüpfte in die Hütte.

Lips Tullian hörte aus seinem Verstecke das Herankommen vieler

Menschen, hörte oft seinen Namen mit den heftigsten Verwünschungen

nennen und wurde sehr unruhig, als die Leute sich unter einander

erzählten: es sei im Umkreise einiger Stunden solch ein Zusammenfluß

von Militär, Jägern, Gerichtsdienern und Bauern, daß die ganze Gegend

von Streifzügen wimmle.

Es wurde ihm wieder besser zu Muhte, als eine kräftige Stimme den

Aufbruch gebot und bald hatte sich das Geräusch der Dahinziehenden in

der Ferne verloren.

Margarethe gab ihm ein Zeichen, herabzukommen. Er wartete nicht das

Anlegen der Leiter ab, sondern schwang sich behend von dem Balken

herab. „Du mußt fliehen, auf der Stelle fliehen,“ -- sagte Margarethe,

zog ihn in die Hütte, riß einen Schrank auf und packte Kleider und

Wäsche in einen Bündel -- „aber ich fliehe mit Dir. Willst Du,

daß ich bleibe, so tödte mich, denn ohne Dich wäre mein Leben ein

ununterbrochener Tag der Trauer, des Schmerzes, der höchsten Sehnsucht

nach Dir. Ich bettle, ich stehle, ich morde für Dich, meine Seligkeit

opfere ich Dir auf, aber ich muß in Deiner Nähe sein. Ich führe Dich

einen Weg, wo kein Späher Dich ersehen, kein Häscher Dich fangen

wird. Ich kenne den Weg in jene Gegend, wo Du, wie Du mir gestern

vertrautest, verborgene Schätze besitzest, sehr genau, da ich gerade

in jener Gegend schon zweimal mit meinem Nährvater war, der dort eine

kleine Erbschaft erhob. Fast immer durch Wälder leite ich Dich. Da,

wo man Dörfer und Weiler nicht umgehen kann, darfst Du mit deiner

Kundschaft ohne Besorgnisse wandern; ich nehme, um kein Aufsehen zu

erregen, andere Wege, und wir einigen uns wieder an bestimmten Orten.

So, das Wenige, was ich besitze, ist nun in diesem Bündel, jetzt laß

uns die Reise antreten!“ --

Schweigend hatte Lips Tullian Margarethens ihm wohlgefällige Rede

gehört, es wäre ihm gar zu schwer geworden, sich von der reizenden

Dirne zu trennen, und ihre Schlauheit, ihren Muth und Gewandheit

recht gut erkennend, glaubte er überzeugt sein zu dürfen, daß ihre

Gesellschaft für ihn einst sehr vortheilhaft werden könne.

Er wanderte fort, und fröhlich und tändelnd hüpfte die leichtfertige

Dirne, aus dieser stillen, frommen Hütte, und gedachte nicht mehr der

Wohlthaten ihres Nährvaters, der guten Vorsätze, denen unter seinen

Lehren sich ihr Herz geweihet hatte, und schied ohne Thränen von dem

Orte, wo ein großmüthiger, gottesfürchtiger Greis drei Jahre hindurch

ein Vaterherz für die Verlaßne gehabt hatte.

Die Felsenschlucht in der Oberlausitz wurde erreicht, der vergrabene

Schatz gehoben, und Lips Tullian beschloß, nach Böhmen zu gehen, Prag

zu meiden und dann durch einen Theil von Mähren die Richtung nach Wien

zu nehmen.

XXXVII.

Lips Tullian und Margarethe in Prag.

Er seine alten Plane aufgegeben?

Ich sag’ euch, daß er wachend, schlafend mit

Nichts anderm umgeht.

~Schiller.~

Was noch von den Kleinodien aus dem Raube in dem gräflich

Beuchling’schen Palaste zu Dresden Lips Tullian in der Felsenschlucht

gefunden hatte, war von großem Werthe, aber Lips Tullian würde es gern

tief unter dem Preis dahingegeben haben, hätte er gleich baares Geld

dafür bekommen.

Mit einem Reichthume in seinen Taschen, der die Wohlhabenheit einer

ganzen Familie hätte begründen können, war Lips Tullian jetzt in der

Lage, kaum für sich und Margarethe den nöthigsten Lebensunterhalt

beschaffen zu können.

Das wenige Gelt, welches er bei seiner Flucht gehabt hatte, die

unbedeutende Baarschaft des erschlagenen Handwerksburschen, und der

Erlös aus dem Verkauf der beiden Uhren war in der kürzesten Zeit dahin,

denn Lips Tullian aß und trank gern das Beste, und nichts war ihm zu

theuer, wonach ihm gelüstete.

Auch mußte er drei Tage in einem Dorfwirthshause bleiben, da Margarethe

im muthwilligen Springen über einen breiten Graben den Fuß verstaucht

hatte.

Als ein Reisender ohne Kutsche, ohne Gefolge irgend Jemand eine Schnur

orientalischer Perlen, einen Ring mit großen Brillanten vom ersten

Wasser, ein juwelenreiches Armband zum Kaufe anzubieten, wäre höchst

unklug gewesen, da wohl eine strenge Frage würde gedrohet haben, wie

ein wandernder Schlossergeselle zum Besitze dieser höchst werthvollen

Kleinodien gekommen sei.

So gern Lips Tullian Prag vermieden hätte, so mußte er doch dahin

gehen, wohl wissend, daß es dort Leute genug, besonders unter den

Juden, gebe, denen er ohne Furcht vor lästigen Fragen seine Sachen

anbieten könne.

Zur Bestreitung der Reisekosten wurden nun Kleidungsstücke von

Wirthshaus zu Wirthshaus verkauft; Margarethens Reisebündel und sein

Felleisen lieferte die Mittel zu manchem leckern Gerichte und mancher

guten Flasche Wein. Selbst das Felleisen mußte noch für die Schwelgerei

in der letzten Nachtherberge vor Prag hingegeben werden.

Nicht von dem mindesten Gepäcke belästigt, gleichsam wie von einem

Spaziergange heimkehrend, schlichen Lips Tullian und Margarethe durch

die dunkle Thorwölbung der uralten slavischen Stadt.

Das kleine, verwitterte, dunkle Wirthshaus zum blauen Fuchs, in einer

wenig belebten Gasse der Altstadt gelegen, nahm die Reisenden auf.

Unter den vielen Winkelschenken in Prag, wo das Gesindel Zuflucht

findet, kannte Lips Tullian aus seinem frühern Aufenthalte den blauen

Fuchs als eine vollkommene Raubhöhle, wo in der Zechstube jeden

Abend einige recht wackere Bürger sich bei der Flasche, beim mäßigen

Kartenspiele und mit traulichem Geplauder vergnügen, während im

Hintergebäude ein Paar kellerartige Gewölbe von liederlichen Hausvätern

und feilen Dirnen, von verdächtigen Reisenden und lichtscheuem Gesindel

belebt sind.

Mit Freude erblickte Lips Tullian in dem freundlich begrüßenden Wirthe

den nämlichen, der bei seiner Anwesenheit zu Prag hier die Wirthschaft

getrieben hatte, und auch ihn erkannte der Wirth nach einem scharfen

Beschauen, sich wohl erinnernd der hübschen Summe, die bei ihm der

schmucke Schlossergeselle vergeudet hatte, daher sich der Ankunft des

fröhlichen Gastes hoch erfreuend.

Ein traulicher Handschlag verbürgte stillschweigend die Erneuerung

sonstiger Vertraulichkeit, und als der Wirth Lips Tullian fragte, wo

er sein Gepäcke habe, hätte ihm dieser mit Bias antworten können:

„_Omnia mecum porto._“ Er verständigte den Frager nur flüchtig,

daß sein Koffer nachkomme, und erbat sich mit einem bedeutenden

Winke ein apartes Zimmer, in welches ihn nebst Margarethen der Wirth

schleunigst führte.

Das Zimmer war recht bequem eingerichtet, der Tisch gleich mit Wein

und kalter Küche besetzt, und Lips Tullian nahm sich vor, hier einige

Tage nur der Tafel und Ruhe sich zu ergeben, und dann erst den Verkauf

seiner Kostbarkeiten zu besorgen, wie auch ein kleines Nebengeschäft zu

versuchen, um Prag nicht ohne Gewinn zu verlassen. --

Am andern Morgen erzählte ihm der Wirth, daß er außerhalb der Stadt

noch einen kleinen Gasthof besitze, wo sich Abends junge, reiche

Leute versammelten, um in dem abgelegenen Gartenhause Hazardspiele zu

treiben, da diese in der Stadt seit einiger Zeit sehr verpönt seien;

übrigens werde dort Niemand zugelassen, für den nicht der Wirth selbst,

in Beziehung auf Verschwiegenheit und Spielmittel, Bürgschaft leiste.

Lips Tullian, durch Verkauf seiner Kleinodien im Besitze einer sehr

bedeutenden Summe, und von der Lust gereizt, wie in Spaa glänzend zu

erscheinen, stattete sich und Margarethe mit Kleidern und Pretiosen

aus, in welchen nur Reiche und Vornehme sich zeigen können.

Lips Tullian und seine Raubgenossen Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte · 第 14 / 20 段