Lips Tullian wurde durch Marianens Muth und Schlauheit befreit.

Glücklich erreichte er mit seinen Gefährten die Meisterei. Man gönnte

sich kaum so viele Zeit, um das schon bereitete Mahl zu verzehren

und einige Flaschen zu leeren. Wohlgekleidet und wohlbewaffnet eilte

die kleine Bande fort, und beurkundete durch Mord und Brand, an den

unglücklichen Einwohnern von Libert ausgeübt, die traurige Wahrheit,

daß fast immer der Verbrecher, durch Gnade oder Gewalt über die

Schwelle seines Kerkers tretend, mit erneuerter Gierde die abgerissenen

Fäden eines lasterhaften Lebens zu einem neuen, dichten Gewebe

verschlingt.

XXXI.

Marianes Eifersucht und Schlauheit.

Die braunen Dirnen, die sollten mir

Im Wege stehen? -- Das merke Dir:

Eh’ noch im Ost erglühn die Tages Stunden,

Sind Eure Lieblinge schon längst verschwunden.

. . .

Mit Mariane und seinen sechs Vertrauten hatte Lips Tullian nach dem

Liberter Brande in einem Walde bei Freiberg eine Schlucht, die beinahe

unzugänglich war, zu seinem Aufenthalte gewählt. Hier beschloß er,

einige Wochen in aller Zurückgezogenheit zu leben, um von hier aus die

Nachricht von seinem Zuge nach Baiern zu verbreiten, um die Gerichte

minder wachsam zu machen, und dann wieder freieres Feld für seine

verbrecherischen Saaten zu haben.

In dieser Felsenschlucht wurde die Einrichtung einer Nomaden-Familie

getroffen. Aus Zweigen flocht man Hütten, Sarberg, Eckold und Lehmann

gingen als Fleischerknechte in die nächsten Dörfer, kauften ein paar

Kühe, einige Schafe und Ziegen; Hentzschel lieferte Mehl, gedörrtes

Fleisch und Hülsenfrüchte; Schöneck und Schickel verschafften einen

tüchtigen Vorrath an Branntwein, auch ein Fäßchen mit Wein, und Lips

Tullian versah die Küche mit Rehen, Hasen und Geflügel, woran es in

diesem wildreichen Forste Ueberfluß gab.

Die Nomaden-Horde lebte in ihrer Art das köstlichste Wohlleben,

und auch an der Befriedigung roher Sinnenlust gebrach es nicht in

dieser Wildniß da Sarberg und Eckold, auf ihrem Viehkaufe unter eine

Zigeunerbande gerathen, durch ihre männliche Schönheit und frohe Laune

drei junge, schlanke Zigeunerdirnen so zu gewinnen wußten, daß die

verliebten Dirnen nächtlicher Weile ihrer Gesellschaft entliefen und

auf einem verabredeten Platze bei Sarberg und Eckold sich einfanden.

Die Dirnen waren schlau genug, schon in den ersten Stunden ihres

Aufenthalts in der Felsenschlucht die fremde Gesellschaft ganz zu

durchschauen, und schlossen sich desto inniger an selbe an, da sie

in ihrer Schlechtigkeit sich gleichsam wohlgefielen, von einem

gewöhnlichen Diebsgesindel zu einem tüchtigen Räubervölkchen, in

moralischer Beziehung vom Regen in die Traufe gekommen zu sein.

Aber Mariane hatte für die schlanken, fröhlichen hüpfenden Dirnen

nur scheele Blicke und ein Herz voll Haß und Eifersucht. Es war ihr

nicht entgangen, wie sehr diese verbuhlten Sprößlinge Asiens durch

ihren lieblichen Gesang und ihr künstliches Zitterspiel ihres Lips

Tullians Sinne aufregten. Sie sah die täglich gegen sie sich mehrende

Kälte ihres sonst so feurigen Geliebten, sie sah, daß die Jugend, die

frischen, üppigen Formen dieser selbst in ihrer dunkeln Farbe reizenden

Dirnen ihrem Lips Tullian von Stunde zu Stunde gefährlicher wurden. Die

Dirnen mußten um jeden Preis entfernt werden.

In einer Stunde, wo die Männer theils schliefen, theils auf Jagd

und Vogelfang im Forste umherstrichen, bot sie jeder Zigeunerin 10

Goldstücke für das feierliche Versprechen, in diesem Augenblicke so

unbemerkt als möglich diesen Ort zu verlassen, und nie wieder mit

dieser Gesellschaft sich zu verbinden.

Der Glanz des blanken Geldes, die so lieb gewordene Gewohnheit des

Umherschweifens von Land zu Land, von Ort zu Ort, das eintönige dieses

Waldlebens machten die Dirnen rasch in Marianens Antrag eingehen. Sie

nahmen die Goldstücke, stahlen zum Gratiale für genossene Bewirthung

und erhaltene Geschenke, was sie in aller Geschwindigkeit unbemerkt an

sich nehmen konnten, und verschwanden auf flüchtigen Sohlen.

Die Männer wütheten, als sie die feurigen Gegenstände ihrer rohen

Begierden vermißten; Mariane eiferte am meisten über die schlechten,

undankbaren Geschöpfe, deren Tänze, Gesänge und Zitterspiel ihr so

manche Stunde erheitert, denen sie so viel Gutes erwiesen, und sich

so an ihren erheiternden Umgang gewöhnt habe, daß sie nur mit recht

bitterer Empfindung jetzt der Entflohenen gedenken könne.

XXXII.

Neue Unthaten der schwarzen Garde.

~Hedwig~. Gerechter Gott! Nein! nein! es ist unmöglich!

Solch teuflisch Wüthen rast in keiner Seele,

Die eines Menschen glücklich Antlitz trägt!

~Rudolph~. Bebst Du vor des Gedankens Riesenhülle,

Und zweifelst Du, daß er zur Wahrheit würde? --

Du kennst mich schlecht, wenn Du Dir träumst, ich könnte

Ein ~halber~ Teufel sein!

Es näherte sich die Zeit, in welcher Lips Tullian wieder in die

Welt und auf die ersehnte Bühne neuer Verbrechen treten wollte.

Schon lange waren die Landstraßen von Streifzügen und lauernden

Dienern der Gerechtigkeit leer, dagegen wurden sie täglich belebter

von Oelhändlern, vacirenden Jägern, Thierärzten, Kesselflickern,

Scheerenschleifern, hausirenden Krämern, abgedankten Soldaten,

Korbflechtern und verschiedenen wackern Leuten, die einer

hochlöblichen Polizei so weit als möglich aus dem Wege gingen.

Sarberg, Hentzschel und Eckold waren es, die seit zwei Wochen sich

an die Gränzen des Landes vertheilt, dort und da noch einen alten

Kameraden aufgefunden und diesen mit der Nachricht von Lips Tullians

Anwesenheit und seinen künftigen Unternehmungen wieder versendet

hatten, um frühere Cameraden aufzusuchen, neue zu werben, und so

schnell als möglich einzeln und verkleidet in der Waldschlucht um

Tullians hochgefeierte Fahne sich zu sammeln.

Mit Mariane und sechs Genossen hatte Lips Tullian die Waldschlucht

betreten; an der Spitze von mehr als 200 Gefährten trat er aus des

Waldes Dunkel zu neuen Schandthaten hervor.

Die Bande hieß wieder die schwarze Garde und wurde wieder in gleichen

Abtheilungen den Befehlen Eckolds, Sarbergs, Hentzschels, Lehmanns,

Schönecks und Schickels untergeordnet. Lips Tullian umgab sich nur mit

einigen; aber diese waren Leute, die ihre Verwegenheit, im Vereine mit

der feinsten Schlauheit bei jeder Gelegenheit, und ihre Treue, ihr

Stillschweigen, ihre Standhaftigkeit unter den gräßlichsten Martern der

Folter schon oft und auf das zuverlässigste beurkundet hatten.

Nicht in Sachsen, sondern auch über die angrenzenden Länder ergoß sich

nun dieser Räuberstrom mit seinen verheerenden Fluthen.

Das Jammergeschrei der Unglücklichen aus höhern Ständen, wie unter dem

Landvolke, die nicht nur beraubt, sondern oft auf den Tod mißhandelt

wurden, die Klagen der Priester über die Plünderungen ihrer Kirchen

ertönten von allen Seiten. Es wurde Militär ausgesandt, die Edelleute

und Beamten setzten sich an die Spitze der Jäger und Bauern; das Land

wimmelte von Streifen, aber auch die allerthätigsten Bemühungen führten

nur höchst unbedeutende Resultate herbei, da an der Schlauheit, der

Vorsicht, dem Muthe und den raschen Bewegungen der Räuber die regsten

Anstrengungen der Obrigkeiten und ihrer Beistände scheiterten.

Noch waren nicht zwei Jahre seit Lips Tullians Entweichung aus der

Kasematte von Dresden verflossen, als die Bande schon 43 Kirchen,

28 Edelhöfe, 62 Mühlen und Bauerhäuser, selbst 5 landesherrliche

Schlösser ausgeplündert, 87 Pferde gestohlen, eine unzählige Menge von

Reisenden beraubt, 4 Weiler in Asche gelegt, und mehrere Menschen mit

unmenschlicher Grausamkeit gemordet hatten.

Das Entsetzen, welches diese Rotte von Bösewichtern weit und breit

durch das ganze schöne Sachsenland verbreitete, hatte den höchsten

Grad erreicht, Niemand konnte sich mehr in seinem Hause für sicher

halten, selbst nicht hinter den wohlverwahrtesten Schlössern, denn

der schwarzen Bande widerstand kein Schloß, kein Riegel, kein festes

Gebäude.

XXXIII.

Jockel’s Tod.

Feigherzige Vorsicht, fahre hin! Auf nichts

Als blutige Vergeltung will ich denken.

~Schiller.~

Lips Tullians Greuelthaten wurden durch eine Handlung gekrönt, vor

deren Gräßlichkeit auch der Gefühlloseste zurückschaudert.

Eines Tages hatte sich Lips Tullian mit Eckold, Sarberg, Schöneck,

Lehmann und deren untergeordneten Räubern in einer Diebsherberge an der

böhmischen Grenze eine Zusammenkunft gegeben, um über die Beraubung

eines Klosters in der Nähe von Prag sich zu berathen, und gleich zur

Ausführung ihrer Uebereinkunft zu schreiten. Sie saßen mit Mariane in

der obern Stube und zechten, während die gemeinen Räuber in der untern,

auf der Hausflur, im Garten und in der Scheune sich gütlich thaten. Es

entstand ein Lärmen, ein Geschrei; das Getöse kam die Treppe herauf; es

war das Gelärm einer wilden Freude.

Die Thür ward aufgerissen und Hentzschel und Schickel schleppten den

gebundenen Jockel herbei. Diesen beiden war es gelungen, Jockel aus der

Mitte einiger Gauner, mit denen er auf seine Hand Geschäfte machte,

sich heraus zu holen, und ihn vor Lips Tullian zu bringen, der wegen

Marianens Beraubung einen hohen Preis auf Jockels Einfangung gesetzt

hatte.

Kalt und frech starrte Jockel auf Lips Tullian hin, der ihn mit

zornigflammenden Blicken ansah und das Todesurtheil über den Gefangenen

aussprach. Jetzt fiel Jockels Blick auf Marianen, die, bei der

verhaßten Erscheinung von einer tief verletzenden Erinnerung erfaßt,

bleich und zitternd vor sich hin schaute.

„Also sterben muß ich,“ -- sprach Jockel eintönig und wild blickend

-- „sterben durch die Hände meiner Kameraden, weil ich dieser Metze

dort ein paar Ringe nahm; weil ich mich selbst für meinen Antheil an

der Beuchling’schen Beute entschädigte, wo ich so schändlich verkürzt

worden! -- Ich bettle nicht um mein Leben, es wäre mir ja zur Schande,

unter einem Bonherrn zu stehen, der solch einer Lumperei wegen,

aus Gefälligkeit gegen seine Metze, einen wackern Kameraden mit

barbarischem Gleichmuthe dem Tode hingiebt. Aber mein letztes Röcheln

soll noch ein Fluch über mich selbst werden, daß ich nach jener Stunde,

in welcher Deine treue Buhlerin in meinen Armen sich im Genusse der

Wollust bis zur Ohnmacht erschöpfte, ihr nicht das Messer in die Brust

stieß, nicht das schwarze Herz durchbohrte, welches in der wildester

Lust für mich schlug, und mich dann an den betrogenen Buhlen verrieth!“

-- Lautlos glitt Mariane von ihrem Sitze nieder; das Entsetzen ob der

höllischen Verleumdung, die Vorstellung von ihrem sichern Tode unter

der mordenden Hand des furchtbar eifersüchtigen Lips Tullians raubten

ihr das Bewußtsein.

Mit des Grimmes schrecklichstem Ausbruche riß Lips Tullian die

Bewußtlose empor, goß ihr ein volles Glas in das bleiche Gesicht, und

als sie jetzt die Augen aufschlug, fragte er die Bebende mit gezücktem

Messer: „ob Jockel wahr gesprochen habe?“ Sarberg und Schöneck fielen

ihm in den Arm, Mariane stürzte zu seinen Füßen, und wimmerte unter

strömenden Thränen das Geständniß: „Jockel habe sie um Mitternacht

durch die Lüge einer höchst nöthigen, nur ganz unbelauscht ihr zu

vertrauender Warnung vor drohender Gefahr in die Gebüsche gelockt,

dort plötzlich nieder geworfen, ihr das Messer auf die Brust gesetzt

und schreckliche Martern und den Tod gedrohet, wenn sie sich ihn

verweigere. Was mit ihr geschehen sei, könne sie nur ahnen; das

Entsetzen vor dem Anblicke dieses Scheusals, das Gefühl ihrer Ohnmacht

gegen den mit der Wuth seiner wildesten Lust Anstürmenden habe sie

ihrer Sinne beraubt; erst mit den Strahlen der Morgensonne sei sie

wieder ihres Bewußtsein mächtig geworden.“ Mit dem feierlichsten Eide

bekräftigte Mariane ihre Aussage.

Nun stürmten Lips Tullians Freunde auf ihn ein mit herzlichen Bitten,

Marianens Worten zu glauben, sie verbürgte sich für die Wahrheit ihrer

Aussage, da die ganze Bande sie als treuste Zuhälterin, Jockel dagegen

als den heftigsten Wollüstling, als einen tückischen, verläumderischen

Ränkeschmieder kenne.

Lange schwieg Lips Tullian, gräßlich vor sich hin schauend. Jetzt

wandte er sich zu Jockel.

„Wer hat Wahrheit gesprochen, Du oder Mariane?“ -- donnerte er dem

tückisch Lächelnden zu. Jockel schwieg. „Ich schenke Dir Leben und

Freiheit, wenn Du mir mit dem Eide unseres Bundes schwörst, daß Mariane

nicht willig, sondern im bewußtlosen Zustande sich Dir ergeben habe!“

-- fuhr er mit gemäßigtem Tone fort --

„Ich bin ein gutherziger Narr, der ein gar dankbares Gemüth hat,“ --

lachte Jockel frech auf. „Es war eine zu schöne Stunde, die ich genoß,

und dafür soll die Unschuldige nicht länger leiden. Es ist wahr,

Mariane sank hinten über, wie ein geknicktes Schilfrohr, als ich ihr

ganz kurz und barsch erklärte, sie müsse auf der Stelle sterben, wenn

sie nicht nach meinem Willen thue. Es wäre mir freilich lieber gewesen,

wenn sie mich auch ein Bischen lieb gehabt hätte, und in meinen Armen

nicht zur Salzsäule geworden wäre, aber es machte sich doch!“

„Du bist frei,“ -- sprach Lips Tullian, und schnitt mit seinem Messer

Jockels Stricke durch -- „aber fort, in diesem Augenblicke fort, und

treffe ich Dich noch einmal, so hängst Du am nächsten Baume!“ --

Jockel sprang die Treppe hinab, und lachend, lärmend, fluchend folgten

die Räuber mit raschen Schritten dem Enteilenden.

Aber Lips Tullians Vertraute umschlossen ihn mit zürnenden Blicken und

machten ihm die heftigsten Vorwürfe, daß er den Schänder seiner treuen

Mariane nicht mit eigener Hand niedergestochen habe. Sie überboten sich

an Bemühungen, dessen Zorn und Rachsucht aufs Aeußerste zu entflammen.

Sie forderten mit dem heftigsten Ungestüme Jockels Tod, da er durch

Marianens Beraubung, durch diese Beraubung eines Mitgliedes der Bande,

nach ihren Gesetzen das Leben verwirkt habe.

Sarberg, ein tüchtiger Redner, schilderte die Größe dieses Verbrechens

und Marianens Leiden, und die Schande für die Unglückliche, welche

durch den Mund der vielen Zuhörer bald unter der ganzen Bande zum

Tagsgespräche und ein Gegenstand allgemeiner Verhöhnung werden müsse,

mit so hinreißenden Worten, daß Lips Tullian, vom Weine erhitzt, durch

seiner Freunde heftige Zusprache aufs höchste gereizt, von Rachsucht

entflammt, die rasche Wallung seiner Großmuth verfluchte und mit

gräßlich rollenden Augen brüllte: „100 Dukaten demjenigen, der mir

Jockel schafft!“ -- Im Augenblicke sah er sich mit Marianen allein.

Der Tag dämmerte heran, als Sarberg in Lips Tullians Stube schlich, ihm

Stillschweigen zuwinkte, und mit flüsternden Worten zur Folge einlud.

Leise stiegen sie die Treppe hinab, Lips Tullian lauschte einen

Augenblick an der Thüre der Zechstube, und hörte, mit aufwallendem

Zorne, wie die trunkenen Gesellen auf Jockels Wohl anstießen, wie

sie den wackern Kameraden hoch leben ließen, und ein Pereat über den

brüllten, der an Jockels Austritt aus der Bande die Schuld trage.

Schon hatte Lips Tullian mit seiner Linken die Thürklinke gefaßt, schon

die Rechte nach dem Säbelgriffe ausgestreckt, um mit blanker Klinge

unter die Meuterer zu stürzen, und sie seinen Muth und seine Macht

fühlen zu lassen, als Sarberg ihn heftig zurückstieß, und mit Gewalt

ins Freie führte.

„Die Stimme Deines Schutzgeistes hat Dir die Aufforderung zu Jockels

Verfolgung in den Mund gelegt,“ -- begann Sarberg mit halblauter

Stimme, sich scheu umsehend, ob Niemand lausche -- „denn sonst wärest

Du bis morgen Jockels Gefangener und über Dich der Stab gebrochen.

Höre!“

„Als wir zu Jockels Verfolgung Dich verließen, vertheilten wir uns. Ich

und Eckold eilten auf die Lichtenfelder Meisterei zu, weil wir wußten,

daß Jockel dort seine sicherste Zufluchtsstätte habe. Wir kamen an,

sahen durch eine Spalte des Fensterladens Licht in der Stube, und am

Tische bei einer Branntweinflasche Jockel mit dem Ungar und dem langen

Bastian sitzen. Ich und Eckold sahen uns bedenklich an, denn auf freiem

Felde hätten wir gern mit ihnen angebunden, aber hier zu befürchten

gehabt, gleich beim Eintritte in die Stube niedergeschossen zu werden,

da gerade diese drei uns schon lange Verderben gedrohet haben. Eckold

wollte Dich herbeiholen, als wir beim Mondlichte zwei Gestalten über

die Wiese daher eilen sahen, und bald in diesen Schöneck und Lehmann

erkannten. Auf ein Zeichen von uns hielten sie schweigend an und

folgten uns unter die Weiden, wo wir ihnen Jockels Anwesenheit in der

Stube mit dem Bastian und dem Ungar bekannt machten, zugleich aber auch

unsere Befremdung äußerten, Niemand von den Hausleuten, und auch die

Hunde nicht gesehen zu haben. Als ich die Kameraden nun aufforderte,

ihre Meinung zu sagen, wie wir am schnellsten und unbemerktesten in die

Stube dringen könnten, versicherte Lehmann, hier am besten Bescheid zu

wissen, führte uns an den Weiden hin an die kleine Scheune, und quäkte

wie ein Frosch. Das Thürchen der Scheune that sich auf, und eine Dirne,

die gerade dem Bette entstiegen zu sein schien, trat heraus. Lehmann

flüsterte mit ihr, und winkte uns in die Scheune. Die Dirne -- sie ist

schon lange Lehmanns geheime Zuhälterin -- erzählte, daß der Meister

mit den beiden Söhnen und den Hunden in das Bließlinger Thal gegangen

sei, um dort zwei Krämern aufzulauern; daß die Meisterin in der obern

Stube krank liege, und Jockel für sich und seine zwei Kameraden Anstalt

getroffen habe, hier zu übernachten. Lehmann vertraute der Dirne, wie

sehr ihm und seinen Gefährten alles daran liege, Jockel zu fangen. Ich

gab ihr gleich zwei Thaler, um sie für unsere Absicht desto mehr zu

gewinnen.

„Das ist ja eine gar zu leichte Sache,“ -- flüsterte die Dirne, „Jockel

strebt mir schon lange nach, und soll gleich im Garne sein. Ich gehe in

die Stube, trinke ein Glas Branntwein mit ihm, stelle mich betrunken

und winke ihm, mir zu folgen. Sobald wir in der Scheune sind, heiße

ich ihm, sich in mein Bett legen, während ich die Thüre verriegle. Ihr

lauert hinter den Balken, bis Jockel in das Bett steigt, und habt dann

geringe Mühe mit ihm!“ --

„Es geschah, wie die Dirne den Anschlag machte. Jockel wurde so

rasch und so kräftig überfallen, daß er keinen Laut von sich geben

konnte, und schon nach einigen Augenblicken mit verstopftem Munde und

gebundenen Händen in einer Ecke der Scheune lag. Auch der Ungar wurde

durch den Köder einer süßen Stunde in der Dirne Armen uns überliefert,

und Bastian im Schlafe seines Rausches schnell zusammengeschnürt, wie

seine Vorgänger. Lehmann spannte ein Pferd an den Karren, auf welchen

wir die Gebundenen warfen, und sie dort in das Rödinger Hölzchen

gebracht haben. In der Ueberzeugung, es werde von Dir die Sache ganz

kurz abgemacht werden, haben wir gleich aus der Meisterei Spaten und

Hacken mitgenommen!“

Lips Tullian kam zur Stelle, wo seine Todfeinde, mit Stricken umwunden,

keiner Bewegung mächtig, zu seinen Füßen lagen, ihn mit ihren Blicken

gleichsam durchbohrend. Er ließ ihnen die Tücher vom Munde nehmen, und

der erste Gebrauch, den sie von der freigegebenen Sprache machten,

war eine Fluth von gräßlichen Verwünschungen, mit schäumendem Munde

hervor gebrüllt, von Drohungen furchtbarer Rache, die wegen ihrer

Ermordung die braven Kameraden an ihm üben würden. Den Drohungen

folgten die beißendsten Hohnworte, die schimpflichsten Aeußerungen,

und Jockel erschöpfte sich in Witz über Marianens Todesangst, über ihr

schafartiges Blöcken und ihre lächerliche Nervenschwäche unter seinen

Umarmungen.

Mit eisiger Kälte und einem teuflischen Lächeln sah der mordlustige

Lips Tullian auf seine willkommenen Opfer nieder. Ueber die Todesangst

dieser Elenden sinnend, schritt er auf und nieder. Er blieb vor einer

geräumigen Grube stehen; ein höllischer Gedanke, eine höllische Freude

durchzuckte sein ganzes Wesen. „In dieser kühlen Grube bettet man sich

bequem. Sie sei das Ruhelager meiner trauten Freunde, und eine weiche

Decke von Erde und Moos schütze die Lieben gegen rauhe Lüfte und gegen

die brennende Sonne!“ -- rief er mit einem gräßlichen Hohngelächter.

Auf seinen Wink wurden die Verzweifelnden in die Grube geschleppt;

schnell war sie bis an den Rand mit Erde und Steinen gefüllt.

Schweigend, von dem lange vermißten Gefühle des Mitleidens

durchschauert, wandten sich die Räuber von der grauenvollen

Grabesstätte ab; mit einem gräßlichen Lächeln des Hohns und

der gesättigten Rache blickte Lips Tullian auf die Hülle der

Lebendigbegrabenen hin.

XXXIV.

Der Kampf der Räuber unter einander.

Feigherz’ge Vorsicht, fahre hin! Auf nichts

Als blutige Vergeltung will ich denken.

~Schiller.~

In der schwarzen Garde glimmte schon lange unter dichter Asche der

Funke des Mißmuthes, der Abneigung gegen den Häuptling. Lips Tullian

hatte, nebst den Unteranführern, seine Auserwählten, denen er sein

Vertrauen, seine Freundschaft, seine Achtung auffallend bethätigte,

die er auch bei Unternehmungen, wo reicher Lohn zu ernten war, und bei

mancher Vertheilung der Beute auf Kosten der allgemeinen Rechte mit

leidenschaftlicher Vorliebe berücksichtigte, während er die übrigen

Mitglieder der Bande als niedrigen Janhagel, als Sclaven seiner

Willkühr betrachtete, und in seiner rasch aufwallenden Hitze mit

despotischer Härte mißhandelte. Jokel war ein Liebling der meisten

von der Bande; bei Lips Tullian viel geltend wegen seiner Schlauheit

und seines Muthes, wo die größte Gefahr war, aber stets von ihm mit

herrischer Macht in engere Schranken zurückgedrängt, als der Geringste

der Uebrigen, da Jokel schon manchen kühnen Versuch gemacht hatte,

seine Fesseln zu brechen, seinen Oberherrn von dem Höhenpunkt seiner

Stellung herabzustürzen und sich dahin aufzuschwingen. Daß Lips Tullian

ihn einst eine volle Woche, mit Stricken gebunden, in dem Keller einer

Diebesherberge bei Wasser und Brod schmachten ließ, und zwar eines

geringen Versehens wegen, daß Lips Tullian ihn oft blutig geschlagen

hatte, darüber konnte Jokel sich nie beruhigen. Er lechzte nach Rache,

aber je heißer die Flamme der Rachsucht in seinem verwilderten Herzen

aufschlug, desto geschmeidiger wurde der tückische Heuchler. An Lips

Tullians Wachsamkeit zertrümmerte so mancher seiner Pläne, den Jokel

zu seines Feindes Vernichtung ersonnen hatte. Da führte ihn der Zufall

Marianen zu. Wollust und Raubsucht, aber noch viel mächtiger seine

unbezähmbare Begierde, sich an dem verhaßten Häuptling zu rächen,

erzeugten die thierische Gewalthat und den Raub von ihm an Marianen

geübt.

Außer denen von Lips Tullians erwählter Umgebung würde keiner an den

vom Hauptmann für vogelfrei erklärten Jokel Hand angelegt haben.

Als Hentzschel und Schickel den gefangenen Jokel am Stricke herbei

schleppten, erhob sich unter den gemeinen Räubern ein Freudengeschrei;

es war aber nicht der Ausbruch der Freude, nun den Feind in seines

Feindes Händen zu wissen, sondern der frohen Hoffnung, der Hauptmann

werde Gnade für Recht ergehen lassen, und den Brauchbaren wieder in

ihrer Mitte aufnehmen. Sie erstarrten vor Entsetzen, als Lips Tullian

das Todesurtheil aussprach, sie jubelten laut bei dem Rufe der Gnade.

Von Einem Geiste beseelt, von gleichem Verlangen beherrscht, Jokel an

ihrer Spitze zu sehen, hatten sie in größter Schnelle geheime Abrede

genommen, und den Ungar und Bastian abgesandt, um ihrem Lieblinge

zu erklären, daß sie von nun an nur unter ihm dienen wollen, daher

noch mehrere Gleichgesinnte unter den andern abwesenden Abtheilungen

sammeln, und bei erster Gelegenheit Lips Tullian verlassen werden. Sie

glaubten noch immer Bastian und den Ungar auf Werbung für Jokel, als

dieser und ihre Abgesandten schon in ihrem schauderhaften Grabe den

Tod der furchtbarsten Qualen, der gräßlichsten Verzweiflung gestorben

waren.

Nur Einer unter Jokels eifrigsten Anhängern, der Welsche genannt,

theilte nicht lange den Wahn der Uebrigen. Er hatte ein Gespräch

zwischen Sarberg und Lehmann belauscht; worin Jokels erwähnt wurde,

nur mit wenigen Worten, die ihm aber zur Genüge sagten, Jokel, Bastian

und der Ungar seien nicht mehr unter den Lebenden. Er vertraute sich

Niemandem; er allein wollte den Schleier dieses Geheimnisses lüften;

die Sinnlichkeit sollte ihm ihre hülfreiche Hand bieten.

Lips Tullian und seine Raubgenossen Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte · 第 13 / 20 段