Ist euer Theil nun, tück’sche Schergen!
. . .
Dem Gewittertage und der stürmischen Nacht war ein herrlicher Morgen
gefolgt, der selbst in dieser schon unfreundlichern Jahreszeit alle
Annehmlichkeiten eines lieblichen Maimorgens bot.
Aber alle Reize der Natur blieben von dem Oberprofosen unbeachtet und
ungefühlt.
Aus einem übergroßen Pfeifenkopfe qualmend, ritt er gemächlich dahin,
aufmerksam dem Gespräche der dicht hinter ihm folgenden Dragoner
horchend, die anfangs sich im Anpreisen der köstlichen Bewirthung,
der weichen Betten und der anmuthigen Freundlichkeit der Ancillen
überboten, dann auf die Erzählungen der Jägerburschen übergingen,
wie diese mit Muth und Klugheit so manchen Wilddieb und auch erst im
verflossenen Jahre eine höchst berüchtigte Zigeunerbande eingefangen
hatten.
Das war für Herrn Hilmer eine gar angenehme Unterhaltung. Die Dragoner
mußten ihm zur Seite reiten und bis auf den geringfügigsten Umstand
alles wiederholen, was ihnen die tapfern Waidmänner zum Besten gegeben
hatten.
Förster Krause hatte seine Gäste zum Frühstücke mit Schinken und Rum
bewirthet.
Herr Hilmer fühlte jetzt Durst und trabte frisch darauf los, um bald
eine Schenke zu erreichen.
Kaum hatte er sich vom Rosse geschwungen und für sich und seine Reiter
eine Kanne Bier erhalten, als ein ländlich- aber wohlgekleideter Mann
an die Schenke trat und sich ein Glas Doppelkümmel reichen ließ.
Schweigend und mit einer Miene, die Kummer und Bangigkeit verrieth,
nahm er am Tische des Oberprofosen Platz.
„Mit Gunst, mein lieber Mann! Woher des Weges und warum so
niedergeschlagen?“ -- fragte Hilmer, der, nur immer mit Plänen zur
Einfangung des Raubgesindels beschäftigt, mit jedem, der ihm aufstieß,
ein Gespräch pflog, um vielleicht dort und da etwas ihm Nützliches zu
erspähen.
„Ich bin der Krämer von dem nächstgelegenen Dorfe,“ -- erwiederte der
Mann -- „und kehre von Dresden nach Hause, wo ich Waaren bestellt habe.
Der Herr fragt mich, warum ich so niedergeschlagen bin? Ach, lieber
Himmel, wer kann denn noch ein frohes Herz im Leibe haben bei diesen
schweren Zeiten, wo man keinen Augenblick vor Beraubung, Mord und
Brandstiftung sicher ist. Unser Dorf zählt an Männern und mannhaften
Burschen 64 Köpfe, lauter gesunde, stämmige Leute, alle mit Waffen
versehen, und doch muß bereits seit einem Jahre immer die Hälfte davon
die ganze Nacht hindurch im Dorfe und um selbes patrouilliren, wenn wir
gegen Zigeuner, Diebe und Räuber unsere Habe kräftig schützen wollen.“
„Ihr werdet bald ruhiger leben,“ -- tröstete der Oberprofos den
Bekümmerten -- „Unser allergnädigster Landesherr hat ein gar mächtiges
Mandat gegen das Diebs- und Raubgesindel erlassen und wir dürfen
von dem bekannten Eifer der Behörden mit Zuversicht erwarten, unser
beängstigtes Sachsen in kurzer Zeit der Gefahr und Furcht erledigt zu
wissen.“ --
„Ach, Herr Kriegsmann,“ -- sprach der Krämer -- „ich fürchte, die
Gefahr sei jetzt beinahe noch größer und das Verderben sicherer, als
selbst in der bisherigen, so unsichern Zeit. In verflossener Nacht
sind auf dem Festungsbaue zu Dresden acht Gefangene ausgebrochen,
worunter sich der so gefürchtete Lips Tullian befindet.“
„Hölle und Teufel!“ -- schrie der Oberprofos und sprang mit grimmiger
Geberde auf.
Doch bald wich der Hitze rasches Aufbrausen einer ernsten Besonnenheit
und das von einer wilden Aufregung dunkel entflammte Gesicht ward zur
höhnisch-verächtlichen Miene, mit welcher er dem Krämer sagte: „Bewahre
Er vorlauter Patron seine Zunge besser und erkühne Er sich in Zukunft
nicht, dergleichen einfältige Schwänke sich gegen mich zu erlauben;
denn er soll hiemit bedeutet werden, daß ich der allergnädigst
bestallte Oberprofos der Festung Dresden bin, daher wohl und genau
wissen müßte, wenn ein so berüchtigter Räuber, wie genannter Tullian
ist, sich unter den Baugefangenen allda befinden würde.“ --
„Zürnet nicht, gestrenger Herr Oberprofos,“ -- entschuldigte sich der
demüthige Krämer mit einem tiefen Bücklinge, -- „daß ich in meiner
gemachten Aussage zu verharren mir erlaube. Benannter Lips Tullian
hat einige Stunden nach seinem Ausbruche einen Brief an den Herrn
Oberzeugmeister Schmit mittelst eigenen Boten gesandt und darin
schwere Beleidigungen und Spottworte gegen den wohledeln Herrn Schmit,
wie auch gegen alle gestrengen Herren Befehlshaber ausgestoßen. Am
Schlusse dieses Briefes machte er sich besonders darüber lustig, daß
man so eifrig dem Lips Tullian nachstrebe, während man ihn schon lange
in Haft gehabt und den von ihm angegebenen Namen „Mengstein“ immer mit
der einfältigsten Treuherzigkeit als seinen wahren angenommen habe.
Auch berief sich Tullian auf zwei Baugefangene, die, als seine frühern
Gefährten, nicht leugnen werden, daß er wirklich der so allgemein
gefürchtete und verfolgte Lips Tullian sei. Es verhielt sich auch
wirklich so. Die zwei Baugefangenen, welche gleich nach dem Einlaufe
dieses Briefes in das Verhör und, weil sie hartnäckig leugneten, auf
die Folter gebracht wurden, gestanden schon unter den Daumenschrauben,
daß der Baugefangene Simon Mengstein wirklich der unter dem Namen Lips
Tullian berüchtigte Anführer der schwarzen Garde sei.“
„Gestrenger Herr Oberprofos, gefälligen Sie, hier im Wirthshause,
wie in der ganzen Gegend umher über mich Kunde einzuholen, und Sie
werden hören, daß ich ein rechtschaffener, wahrheitsliebender Mann
bin. Was ich hier erzählt habe, erfuhr ich schon heute gleich nach
Tageseinbruch, denn der Fourierschütz des Herrn Oberzeugmeisters
Schmit, mein Stiefbruder, rüttelte mich aus dem Schlafe auf, um mir
diese, für das ganze Land so schreckhafte Neuigkeit mitzutheilen, die
mich auch bewog, gleich nach meinem Dorfe aufzubrechen, und meine
Nachbarn auf die neuerdings und recht verderblich uns drohende Gefahr
schleunigst aufmerksam zu machen.“
Der Oberprofos rief mit donnernder Stimme nach seinem Rosse, warf ein
Stück Geld für die Zeche hin, schwang sich unter gräßlichen Flüchen
über die dumme, faule, unvorsichtige Bestie von Stockmeister auf, und
sprengte mit verhängten Zügeln Dresden zu.
XXVIII.
Der Ausbruch der Baugefangenen.
Was sollen länger wir hier weilen?
Nur muthig drauf, ein rastlos Feilen
Eröffnet uns der Freiheit Thür --
Drum frisch an’s Werk! -- was zaudert Ihr?
. . .
Blicken wir auf die Baugefangenen zurück, so wissen wir, daß dort
Lips Tullian mit Sarberg und den übrigen eingefangenen Genossen große
Hoffnung, sich zu befreien hatten und sehnsüchtig der Stunde harrten,
wo sie aus ihrem Kerker ausbrechen konnten.
Der Tag war, wie wir früher gefunden haben, so gewittervoll, daß
die Baugefangenen schon zur Mittagsstunde in ihre Gefängnisse
zurückgebracht werden mußten. Das Brausen des Windes, das Rauschen der
Regengüsse machten das Geräusch des Sägens für die Schildwache auf dem
Walle unhörbar. Die Strickleiter und die Brechstangen wurden aufgezogen.
In weniger als zwei Stunden hatten die rüstigen Arbeiter, durch die
Säge von ihren Fesseln frei, die Gitter-Oeffnung so erweitert, daß man
bequem durchkriechen konnte. Sie befestigten die Haken der Strickleiter
auf das Sorgfältigste, indem sie ihre Ketten um selbe schlangen, und
diese an den Ringen der Mauer festmachten.
Leise und vorsichtig kletterten sie die Leiter hinab, an deren Ende
Mariane sie empfing.
Von dem klugen, eifrigen, unternehmenden Weibe dem schauerlichen
Gefängnisse, den drückenden Ketten, der mühevollen Arbeit, dem Elende
entrissen, eilten sie, von der Retterin geleitet, der heiß ersehnten
Freiheit, einem neu sich auffrischenden Leben voll Unthaten mit
entfesselter Gierde entgegen.
XXIX.
Der Brand von Libert.
Macht schnell, das Dorf muß rein geplündert sein
Und ganz in Flammen lodern.
~Th. Körner~.
Auf raschen Schwingen durchflog ganz Sachsen die Trauerkunde, daß
Lips Tullian, das Oberhaupt der schwarzen Garde, es gewesen sei,
der unerkannt, unter falschem Namen, auf dem Festungsbau zu Dresden
gekarret und mit den Gefährlichsten seiner Bande durch den kühnsten
Ausbruch sich frei gemacht habe.
Vom Dresdner Oberamte aus ergingen an alle Gerichte, an die
Dorfgemeinden strenge Befehle, alle verdächtigen Leute aufzugreifen,
und, im Falle Tullian oder einer der in den Steckbriefen bezeichneten
Räuber darunter erkannt würde, selbe gleich nach Dresden in schweren
Banden und unter zahlreicher Bedeckung abzuliefern.
Auf Tullians Verhaftung war ein Preis von 200 Dukaten in Gold, und von
300 sächsischen Thalern auf die Einfangung eines jeden der mit ihm
Entwichenen von der Landesregierung ausgesprochen.
In einem kleinen Walde, nahe bei dem Dorfe Libert, bemerkte ein Bauer,
der bei Nacht von einem Geschäftsgange zurückkehrte, ein Feuer. „Das
könnte wohl der Tullian mit seinem Gesindel sein,“ dachte er, und
schlich, durch die Begierde nach dem ausgesprochenen Preise ermuthigt,
dem Wäldchen zu. Unbemerkt kam er dem Feuer so nahe, daß er 8 Menschen
zählte, wovon einige schliefen, die andern plauderten und einer großen
Flasche tüchtig zusprachen.
Der Bauer schlich mit aller Vorsicht durchs Hölzchen zurück, lief aus
Leibeskräften nach dem Dorfe, weckte in aller Stille die Muthigsten
von seinen Nachbarn, kündigte ihnen die Nähe sehr verdächtiger Leute,
wahrscheinlich des Tullians mit seinen Fluchtgefährten, an, und
forderte sie mit großer Beredtsamkeit zur Aufhebung des Gesindels und
zum Gewinn der zugesicherten Preise auf.
Mehr als 30 rüstige Männer hatten sich schnell mit Flinten, Gabeln und
Knitteln bewaffnet. Es wurde Rath über den Angriff gehalten und die
meisten Stimmen sprachen: die eine Hälfte solle das Hölzchen umstellen,
die andere geradezu auf das Gesindel losgehen, und, ohne viel zu
fragen, gleich auf selbes feuern, stechen und schlagen. Die Männer
zogen so still als möglich zum Angriff aus.
Das Hölzchen war umstellt, schweigend, aber rasch schlichen nun die
Uebrigen dem Feuer zu. Ihr Anführer, ein ehemaliger Dragoner, hatte
die gespannte Flinte im Arm. Er blieb mit dem Fuße an einer Baumwurzel
hängen, schlug nieder und die Flinte ging los.
Der Schuß hatte die verdächtige Gesellschaft schnell auf die Beine
gebracht.
Mit einem wilden Geschrei stürmten die Bauern heran. Sie wurden mit
Schüssen empfangen, und zwei davon sanken schwer verwundet nieder.
Der Muth der Bauern war dahin. Sie flohen, sie riefen um Hilfe. Die
Feigheit ließ sie ihre sterbenden Freunde vergessen; alles floh dem
Dorfe zu.
Der Letzte der Fliehenden hatte das Unglück, in einen Graben zu
stürzen. Er schrie erbärmlich, aber Niemand hörte ihn, Niemand kam ihm
zu Hilfe, als er von den verfolgenden Räubern ergriffen und in das
Hölzchen zurück geschleppt wurde.
Erst am recht lichten Morgen zog das ganze Dorf, die zitternden Weiber
im Nachzuge, dem Hölzchen zu, um die Verwundeten und den Vermißten
aufzusuchen. Unter den noch glimmenden Kohlen der Feuerstätte fanden
sie die verbrannten Ueberreste der Verwundeten, am nächsten Baume die
Leiche des Vermißten, und an ihm einen Zettel befestigt, der die mit
Bleistift geschriebene Drohung schwerer Rache enthielt.
In der zweiten Nacht darauf, gerade als es heftig stürmte, brach in
mehreren Scheunen von Libert Feuer aus. Nicht ein Haus wurde gerettet,
das ganze Dorf war eine schauderhafte Brandstätte.
Der Bauer, von welchem die Bande zuerst gesehen, und die Nachbarschaft
aus ihrem Schlafe geweckt und zum Angriffe aufgefordert wurde, verlor
über den Verlust seiner Habe und aus tiefem Schmerze, dem ganzen Dorfe
solch ein Verderben verursacht zu haben, den Verstand; man fand einige
Tage darauf seine Leiche im nächsten Teiche.
Es war Lips Tullian mit seinen Vertrauten, der dem Angriffe eines ihm
mehr als dreifach überlegenen Haufens so kräftig entgegengekämpft,
die Fliehenden verfolgt, und durch Grausamkeit, durch Mord und
Feueranlegung sich schauderhaft gerächt hatte. Im leinenen, armseligen
Anzuge der Baugefangenen, ohne Waffen, ohne Geld war Lips Tullian
mit den Seinigen aus dem Kerker der Kasematte vor kaum zwei Wochen
entwichen, und schon waren sie gut gekleidet, mit Geld und mit Waffen
versehen. Dem regen Eifer der muthigen, schlauen Mariane hatten sie
Alles zu danken.
XXX.
Jockel’s Gewalthat gegen Mariane.
Arme Thörin!
Du weinst vor einem ausgelernten Mörder;
Es ist das Aergste nicht, was ich gethan.
~Th. Körner.~
Als Mariane Leipzig verlassen hatte, um Sarberg oder einen der übrigen
Unteranführer aufzufinden, Nachricht über die Bande einzuholen und
für Lips Tullian Geld zu schaffen, wurde sie in einem Walde von einem
Kerl angefallen, und ihr unter Androhung schneller Ermordung Geld
abgefordert. Mariane erkannte in dem Straßenräuber den großen Jockel,
einen der Verwegensten und Schlauesten von Lips Tullians Bande. Sie
nannte ihren und Lips Tullians Namen. Der Kerl tanzte wie unsinnig
um sie her, doch löste sich seine große Freude über eine Nachricht
von dem lange ersehnten Häuptling bald in Schmerz und Zorn auf; mit
wildfunkelnden Augen und vor Ingrimm stotternd, erzählte er ihr
Sarbergs und der Uebrigen Gefangennehmung; auch daß keine Bande mehr
sei, indem alle, durch den Verlust ihrer Anführer, durch die rastlosen
Streifzüge des Militärs und der im ganzen Sachsenlande aufgebotenen
Jäger und Bauern entmuthigt, sich theils einzeln, theils in kleinen
Gesellschaften aus diesem Lande gezogen haben, und nur zuweilen über
die Gränze kommen.
Mariane hieß ihn schnell sich dahin verfügen, wo er doch einige der
Bande zu finden glaubte, diesen Lips Tullians Rückkunft von Spaa
anzukündigen, und entweder so viele von den Zerstreuten zu vereinen,
oder so viele Neue zu werben, als ihm binnen acht Tagen möglich sei.
Sie bestimmte eine vertraute Herberge zu ihrer Zusammenkunft, und
Jockel eilte der Gränze zu, Mariane nach der Oberlausitz, und suchte
die Felsenschlucht auf, in welcher Sarberg ihres Gatten Antheil an dem
Raube im gräflich Beuchling’schen Palaste zu Dresden vergraben hatte.
Glücklich fand sie die Schlucht und die vergrabenen Schätze, nahm
an Diamanten und Goldeffecten so viel, als ihr nöthig schien, nähte
alles sorgfältig in die Unterkleider ein, und nahm im nächsten Dorfe,
Kränklichkeit und Entkraftung vorschützend, ein eigenes Fuhrwerk auf,
um Leipzig schnell zu erreichen, und ihrem Lips Tullian die traurige
Kunde von der Gefangenschaft seiner vertrautesten Freunde und von der
Auflösung der Bande zu bringen.
Eine Meile außerhalb Leipzig lohnte sie den Fuhrmann ab und trat in
das nächste Wirthshaus, wo sie bis zum Herandunkeln des Abends bleiben
wollte.
Stille nahm sie gleich bei der Thüre ihren Bandkasten ab, setzte sich
in eine Ecke, und forderte ein Glas Wein. Nicht fern von ihr saßen
einige Männer, aus deren Gespräche Mariane sie als Handwerker aus
Leipzig erkannte, die sich hier bei Braten und Wein einen frohen Abend
machten.
Die Leute waren recht gesprächig. Von dem großen Bereiche der Politik
kamen sie in den engen Raum ihres Werkeltags-Lebens, ihrer Frauen
und der Kinderstuben, glossirten über die Neuerer in ihren Innungen,
hechelten die schlechten Zahler, die Theuerung der Victualien, die
unchristlichen Gastwirthe, den Hochmuth der Großen, die Liederlichkeit
der Kleinen durch und bearbeiteten nun die Tagesneuigkeiten.
Mariane horchte hoch auf, sie glaubte niedersinken zu müssen, als
sie unter den jüngsten Ereignissen die Verhaftung eines Bandkrämers,
seine Ablieferung auf den Festungsbau zu Dresden, und eine so genaue
Beschreibung des Abgelieferten hörte, daß sie, Zug für Zug, ihren Lips
Tullian in selbem erkannte. Sie wandte sich zur Seite, sie legte den
Kopf in die Hand, als ob sie schliefe, um die Blässe ihres Gesichtes
der Aufmerksamkeit der Anwesenden zu entziehen und zu entsinnen, was
nun zu thun sei.
Das Gespräch der Leipziger ließ ihr keinen Zweifel übrig, daß ihr Lips
Tullian in den Händen der Justiz sei. Sie durfte nicht wagen, nach
Leipzig zurück zu kehren, da dort eine Frage nach Lips Tullian die
Aufmerksamkeit würde rege gemacht und auch ihre Verhaftung zur Folge
gehabt haben; doch wollte sie, um einen festen Entschluß zu fassen,
ihrer Sache auch ganz gewiß sein.
Die Wirthin hatte sich in das Gespräch über den verhafteten Bandkrämer
gedrängt, um auch mit geläufiger Zunge ihr Scherflein zu liefern, da
sie eben in Leipzig bei Lips Tullians Verhaftung gegenwärtig war. Zur
Wirthin ging nun Mariane in die Küche, bestellte ein Nachtessen, ein
eigenes Zimmer mit gutem Bette, überbot die Wirthin in der Redelust,
lenkte das Gespräch recht fein auf den ihr wichtigen Gegenstand, und
hatte bald die vollkommenste Ueberzeugung, daß für sie in Leipzig
nichts mehr zu thun sei.
Mariane verlor weder Kopf noch Muth; sie ließ sich Nachtessen und Wein
trefflich schmecken, und verschwand mit ihrem Bandkasten mit solcher
Gewandtheit aus dem Wirthshause, daß die zahlreichen Gäste, die immer
ab und zu gehenden Wirthsleute sie zu Bette glaubten, als die Eilende
schon eine große Strecke auf der erst vor einigen Stunden verlassenen
Straße zurückgelegt hatte.
In der zur Zusammenkunft bestimmten Herberge fand Mariane den so eben
eingetroffenen Jockel, aber nicht Einen der Bande mit ihm.
Jockel war rastlos an der Gränze hin und her gezogen, ohne zerstreute
Kameraden zu treffen, auch die Werbung war ihm mißlungen, da die
Furcht vor der so aufmerksamen Obrigkeit selbst die liederlichsten
und leichtsinnigsten Bursche, wenigstens für diesen Augenblick, von
Gaunerei, Raub und Einbrüchen zurückschreckte.
Jockel wüthete, als er Lips Tullians Verhaftung hörte. Er selbst war
vor mehreren Jahren auf dem Festungsbau zu Dresden gewesen, kannte die
Festigkeit der Gefängnisse, die strenge Aufsicht der Steckenknechte,
die Aufmerksamkeit der zahlreichen Militärwache, und würde, wie er
mit einem derben Fluche betheuerte, dort sein Hundeleben an der Karre
verschleppt haben, wäre es ihm nicht gelungen, bei seiner Ablieferung
zu einer Confrontation nach dem Amte Frauenstein seinen Geleitsmann mit
der Handschelle zu erschlagen, und zu entspringen.
Mariane ließ sich alles, was Jockel über die Gefängnisse und
Lebensweise der Baugefangenen anzugeben wußte, auf das Allergenaueste
mittheilen. Im Schlusse der Mittheilung versicherte sie, nach langem
Sinnen, mit dem Ausdrucke der Ueberzeugung und Freude, der baldigen
Befreiung ihres Lips Tullians mit Zuversicht entgegen sehen zu dürfen;
auf den Umstand, daß die Baugefangenen im Freien täglich eine kurze
Weile ruhen und von fremden Leuten Brod kaufen dürfen, gründete sie
ihre listigen Pläne.
Das Allernothwendigste schien ihr nun, Voranstalten zu treffen, daß
Lips Tullian und auch die andern, deren Entweichung aus der Kasematte
sie zu bewirken beschloß, gleich nach ihrer Befreiung Waffen, Kleidung
und Geld fänden.
Dem Herbergewirth gab sie einige Ringe, und dieser, mit allen
Diebshehlern in weiter Umgebung vertraut, machte sich gleich auf den
Weg, die Edelsteine zu verwerthen. Er kam schon am zweiten Abend mit
einer Summe von 2000 fl. in Gold zurück, ging auch am andern Tage mit
Jockel fort, um Kleider und Waffen zu kaufen, wovon sie auch einen
Vorrath für eine kleine Bande brachten.
Es wurde nun beschlossen, daß Jockel zu einem gewissen Andreas
Schmidt, der eine Meile von Dresden wohnte, ein Wasenmeister und der
verlässigste Diebshehler war, voran gehe, um ihn für Lips Tullians
Befreiung zu Rath und That aufzufordern; daß Mariane in der nächsten
Nacht folge und der Herbergewirth die erkauften Kleider und Waffen auf
seinem einspännigen Fuhrwerke so geheim als möglich in die Meisterei
schaffe.
Reisefertig stand Jockel um die Mitternachtsstunde vor Marianen in
der Zechstube, Abschied zu nehmen. Während der Wirth nach dem Keller
eilte, um zur Reisezehrung noch eine Flasche Branntwein zu holen,
öffnete Jockel ein Fenster, führte Mariane an dasselbe, that, um nicht
die Aufmerksamkeit der anwesenden Wirthin rege zu machen, als ob er
eine Gegend bezeichne, und flüsterte ihr zu, er müsse sie noch allein
sprechen, um sie vor einer großen Gefahr, die ihr in diesem Hause
drohe, zu warnen; er erwarte sie unter der großen Eiche hinter dem
Stalle, wohin sie aber erst in einer Stunde sich schleichen solle,
damit die Wirthsleute schon zu Bette seien und nicht Argwohn schöpfen.
Mariane nickte ihm ihr Ja zu und Jockel, vom Wirthe noch mit Branntwein
und kalter Küche begabt, wanderte fort.
Eine Stunde war verflossen, und Mariane, von Neugierde und Unruhe
heftig bewegt, eilte auf Socken zur Eiche hin, an deren Stamme ihr das
schimmernde Sternenlicht Jockels dunkle Gestalt zeigte. Hastig forschte
sie, was er ihr zu vertrauen habe.
Jockel legte den Finger an den Mund, zeigte auf die Fenster der nahen
Herberge hin, bat Marianen um alles, ja kein Geräusch zu machen, und
zog die unruhig Folgende hinter der Eiche fort in die nahen Gebüsche.
Da umfaßte er sie rasch, drückte ihr die Spitze seines Messers auf die
Brust[34] und drohete, sie niederzustechen, wenn sie sich ihm nicht
ergebe.
[34] Siehe die Abbildung.
Mariane war keines Wortes mächtig; der Schreck, der Abscheu hatten ihr
die Kehle zugeschnürt.
[Illustration: Marian̄ens Überfall.]
Jockel war von so furchtbar häßlichem Aussehen, daß auch die feilste
Dirne vor seiner Umarmung zurückbebte; mit dieser Häßlichkeit
vereinte er, wie Mariane ihn schildern gehört hatte, eine
Halsstarrigkeit, einen Jähzorn, eine Blutgierde, die ihn selbst von den
Verwegensten der Bande gefürchtet machte; wer seinen Lüsten, seiner
Hitze, seiner Rachsucht verfiel, war ein rettungsloses Opfer.
Das wußte Mariane und das verbrecherische Weib, welches, um mit einem
Räuber buhlen zu können, Ehre und Gewissen von sich geworfen hatte,
sank ohne Bewußtsein hin, als jetzt der scheußliche Jockel seiner
thierischen Lust mit roher Gewalt und zügelloser Frechheit sich
überließ.
Es begann schon zu tagen, als Mariane sich wieder erholte. Sie war
allein, sie raffte alle ihre Kräfte zusammen, und floh dem Hause zu,
bei jedem Schritte vor der Verfolgung des Schändlichen zitternd. Hastig
verriegelte sie ihre Kammerthüre, und warf sich aufs Bett.
Ein Schlaf von mehreren Stunden stärkte sie wieder, aber der Schreck
machte sie beinahe zusammenbrechen, als sie sich überzeugte, daß der
Bösewicht ihren ohnmächtigen Zustand auch dazu benutzt habe, ihr die
eingenähten Edelsteine und alles Gold, was ihr vom Kaufe der Kleider
und Waffen noch übrig geblieben war, zu rauben.
Sie sah, um für Lips Tullians Rettung das Möglichste thun zu können --
und dazu war Geld eine höchst nöthige Sache -- kein anderes Mittel,
als den weiten Weg zur Felsenschlucht wieder zu machen, und dort
Kleinodien auszugraben.
Bei dem Gedanken, wie sehr Lips Tullians Freiheit dadurch verzögert
werde, brach sie in lautes Weinen aus. Die Wirthin hörte ihr
Schluchzen, sie eilte zum Troste, zur Hilfe herbei und forschte mit
der liebevollsten Gutherzigkeit nach der Quelle so tiefer Betrübniß.
Mariane vertraute ihr alles.
Schweigend eilte die Wirthin fort, kehrte mit 300 Thalern in
verschiedenen Goldmünzen zurück, und drang ihr diese Summe auf. Mit
der Rückgabe, meinte sie, habe es wohl Zeit, auch sei ihr nicht bange
dafür, doch wünsche sie sehr, die Sache solle ihrem Manne verschwiegen
bleiben, da er kein Freund des Ausleihens sei.
Noch an diesem Tage eilte Mariane auf die Meisterei, wo auch in der
folgenden Nacht der Wirth mit seinem Einspänner sich einfand.