kleine, dicht vergitterte Oeffnung in den Kerker fiel, las er mit
Mühe: „Auf dem Platze, wo Ihr gegenwärtig arbeitet, steht in einem
Winkel der Strunk eines alten Baumes. In seiner Höhlung dicht an der
Erde findest Du eine feine Säge und ein Stück Bindfaden. Mit der Säge
durcharbeitest Du in der nächsten Nacht ein Paar Eisenstangen Deines
Fenstergitters. Sobald die Festungsuhr die zehnte Stunde schlägt,
lässest Du den Bindfaden herab, woran ich zwei Brechstangen und
eine Strickleiter befestige. In längstens zwei Stunden habt Ihr die
Fensteröffnung hinlänglich erweitert, um Euch durchdrängen zu können.
Am Fuße der Leiter harre ich Euer, um Euch in Sicherheit zu bringen.“
--
XXVI.
Der Oberprofos
oder:
Die Lebensart der Baugefangenen.
Wer lärmt in dieser schreckenvollen Stunde
Vor meiner Thür? --
Es ist gefährlich,
Zu dieser Zeit des Aufruhrs und des Mords
Dem Flüchtling wirthlich seine Thür zu öffnen;
Doch gar zu gräßlich ist der Sturm der Nacht,
Ich will’s auf Deine Jammertöne wagen.
~Theodor Körner.~
Es hatte sich am 20. September 1710 über Pirna und dessen Umgebungen
von Westen und Süden im langsam schauerlichen Zuge ein Gewitter
ausgebreitet, das in der dritten Nachmittagsstunde die Himmelsdecke
zur nächtlich dunkeln, grauenvollen Wölbung gestaltete. Die Hitze
war so schwül wie im heißesten Sommertage, die Blätter der Bäume
und Sträucher, von keinem Lüftchen bewegt, hingen schlaff darnieder,
Thiere und Pflanzen lechzten nach Erquickung, und mit scheuen Blicken
sahen die Menschen, aus Furcht vor der drohenden Gefahr von ihren
Beschäftigungen und Feldarbeiten in ihre Behausungen zurückgekehrt,
dem unheilgebärenden Wolkenzuge entgegen. Das Gewitter brach aus mit
aller seiner Furchtbarkeit. Der Himmel ward zum Feuermeer, und die Erde
erbebte unter dem entsetzlichen Geprassel der betäubenden Donnerschläge.
Des Allmächtigen Vaterhand hatte in diesen grauenvollen Stunden
schützend über seinen zitternden Kindern geschwebt. Verbleicht
waren die Blitze, verhallt die Donner, aber die furchtbarschöne
Naturerscheinung hatte sich nicht in jene liebliche Kühle und in das
freundlich-beleuchtende Licht aufgelöst, die fast immer dem heftigsten
Gewitter folgen, und in die freier sich hebende Brust des Menschen ein
so angenehmes Gefühl ausgießen; der Regen fiel strömend nieder, der
Sturm heulte durch die Lüfte und mit dem schon frühe eingebrochenen
Abend hatte sich tiefe Finsterniß über die Erde gelagert.
Prasselnd schlugen Regenschauer an die hohen Fenster des in der Nähe
von Pirna einsam gelegenen Forsthauses, genannt zur rothen Buche, und
krachend beugte sich die riesige Hoflinde unter des Sturmes gewaltiger
Wucht. Aber im Forsthause waltete eine recht gemüthliche Ruhe. Im
bequemen Schlafrocke, die Federmütze auf dem ehrwürdigen, silbergrau
und spärlich behaarten Haupte, und aus der großen Meerschaumpfeife
mit dem langen Weichselrohre recht behaglich schmauchend, saß der
Förster Krause vor einem alten Historienbuche, dessen anmuthige und
verschiedenartige Darstellungen ihn nach vollbrachten Berufsgeschäften
an unfreundlichen Abenden gar herrlich vergnügten. Fast unwillig
schaute er von Zeit zu Zeit nach der Thüre des Nebenzimmers, ob
sie sich denn noch nicht öffne, und Elisabeth, seine liebe, traute
Ehefrau, zu ihm hereintrete, auf daß sie sich mit ihrem Strickstrumpfe
ihm gegenüber setze, und die anmuthigen Historien mit anhöre, wo er
dann, so viel in seinem Wissen lag, sich über die, der aufmerksamen
Zuhörerin fremdartigen Worte, wie auch sonst ihr unbekannte Stellen
erklärend aussprach, und zwar mit einem etwas stolzen Gefühle seiner
Gelehrsamkeit und seiner Erfahrungen. Jetzt kam Frau Elisabeth in die
Wohnstube zurück, nahm den gewohnten Platz ein, und während sie mit
gewandten Fingern ihr Strickzeug handhabte, fuhr Förster Krause in
seiner unterbrochenen Vorlesung also fort:
„_Idem_ in dem Jahre 1400. 1431. 1432. 33. und 37. hat die Elbe einen
Theil an der Steinern Brucken verderbt. _Anno_ 1429 haben die Hussiten
alt Dresden abgebrand, nach dem sie den Ort zuvor geplündert: seyn
auch _Anno_ 1430 wieder hieher kommen. _Anno_ 1477 ward das erste
Stuck Geschütz alda gegossen in der Vorstatt, und nach Quedlinburg
geführt, _Anno_ 1491 ist die halbe Statt, wie auch die Vorstatt vor
dem Pirnischen Thore, verbronnen. _Anno_ 1547 hat Churfürst Johan
Friederich zu Sachsen, weilen seyn Vetter, Herzog Moritz, es mit dem
Keyser gehalten, alt Dresden ausgeplündert, vn nev Dresden beschossen;
folgends ward die Bruck von jhme _Mauritio_ fester gemacht. _Anno_
1580 ist das Geistliche _Consistorium_ von Meissen auff Dresden gelegt
worden. _Anno_ 1588 hat man allhie Musterung gehalten, vnd 1466 Männer,
vn zwar in alt Dresden 421, in new Dresden 1045 gefunden. _Anno_ 1617
seyn der Keyser Matthias, König Ferdinand in Böheimb, Ertzherzog
Maximilian zu Oestereich, vnd der Cardinal Clesel, allhie gewesen,
deren Potentaten, ausser deß Herren Churfürsten zu Sachsen, als deß
Herren Wirths dieser Ansehenlichen Herren Gäste, keiner mehr im Leben
ist. _Anno_ 1643 wurden dieser Statt die nothwendige Lebens-Mittel,
wegen der Schwedischen vbel hausens, fast gar entzogen, also daß sie
in 8 Wochen kein Pfund Fleisch in den Fleischbänken haben können.
Daher dan die Churfürstliche Hofstatt nothwendig enger eingezogen
werden müssen. _Tom. 5. Th. Eur. fol. 62. a. Anno 44_ ließ sich ein
Scharpffrichter allhie für einen Einspanninger gebrauchen, welcher mit
seines Wachtmeisters Weib vngebühr getrieben, darüber sie vom Manne
erdapt vnd das Weib gleich nidergemacht worden, der Henker aber ist
von einem Fenster 3 Stockwerk hoch herunder gesprungen, gleichwohl
gefänglich eingezogen worden. Auff 3 Stund von Dreßden hat ein
Geistlicher, vielmehr Gottloser Mann, mit einer Magt im Stall Vnzucht
getrieben, vnd dieweil eine andere Magt darzu kommen, hat er sie mit
einer Mistgabel erschlagen; ist aber nach Dreßden geführt worden.
-- _Idem_ hat sich _eodem anno_ der _Lieutnant_ im hoch preißlichen
Granatierbatailion von Menkwitz auf gräuliche Weise mittelst einer
Pistole selbst entleibtet, eben auf sodanne Art“ --
„Ach, lieber Max“ -- unterbrach hier Frau Elisabeth den eifrigen
Vorleser, und zog ihm sanft das Historienbuch hinweg -- „ich bitte
dich um Alles, dergleichen grauenvolle Geschichten mir nicht mehr
mitzutheilen. Seit dem Augenblicke, als ich die Leiche unseres
Hegereiters mit der zerschmetterten Hirnschale sah, faßt mich immer
ein gewaltiger Schrecken, so oft ich von einem Selbstmörder höre.
Eine solche Erzählung macht mir die Nacht schlaflos, und ungeachtet
du mich im Laufe unserer dreißigjährigen Ehe immer als ein muthiges
Weib wirst gefunden haben, so bin ich doch durch jenen Anblick, und
durch den Gedanken an so manchen Mord, der seit einiger Zeit in unserer
Gegend von dem fremden Raub- und Blutgesindel begangen wurde, so
eingeschüchtert worden, daß, so oft ich jetzt in der Nähe einen Schuß
höre, mich“ --
In diesem Augenblicke fielen ganz nahe zwei Schüsse. Erbleichend sank
Frau Elisabeth in den Stuhl zurück, während Förster Krause raschen
Trittes auf die Hausflur eilte und auf waidmännische Art einen
gellenden Pfiff that.
Fast eine Todtenstille hatte bisher im Forsthause geherrscht, jetzt
wurde es tumultuarisch lebendig. Aus den Stuben des Erdgeschosses
stürzten Jägerbursche, Knechte und Mägde hervor, wohl kennend die
Bedeutung dieses gellenden Rufes, der nur bei wichtigen Vorfällen
Statt fand, und der Befehle des geliebten Dienstherrn mit der Treue
regem Eifer gewärtig. -- „Es sind zwei Schüsse gefallen, dicht am
Hofthore,“ -- sprach der Förster zur neugierig horchenden Umgebung,
„Du, Franz, nimmst Doppelbüchse und Hirschfänger, öffnest leise das
Gartenpförtchen, und lauschest dort. Was Du gesehen, wirst Du mir
schleunigst melden. Ihr übrigen Jäger nehmt eure Gewehre und tretet
vor das Haus, die Knechte machen den Hofhund und die Saufänger los,
und erwarten meine weiteren Befehle. Alles geschehe mit Ruhe und
Besonnenheit. Soll sich das umherstreifende Raubgesindel auf meine
Habe Rechnung gemacht haben, so wollen wir es mit Fassung und Kraft
empfangen, waren aber diese zwei Schüsse vielleicht nur Nothsignale,
so soll man uns zur Hilfe bereit finden!“ -- Es geschah, wie Förster
Krause gebot, der selbst sich schnell bewaffnete, um im Falle der Noth
der Anführer seiner muthigen Hausgenossen zu werden.
Franz kehrte mit der Meldung zurück, daß drei Reiter vor dem Hofthore
halten, daß der eine davon entsetzlich fluche und daß die weißen,
durch das Dunkel schimmernden Mantel und das Klirren der Waffen die
Fremden als Kriegsmänner ankündige. Krause gebot, ein Paar Kienfackeln
anzuzünden und sogleich das Thor zu öffnen. Die Männer ritten ein.
Unter den heftigsten Verwünschungen der Dunkelheit, des strömenden
Regens, des brausenden Windes, schwang sich der vordere Reiter vom
triefenden Rosse, schritt mit schnellen, trotzigen Schritten in
die Hausflur und schnaubte dem Förster mit wilden Blicken die Frage
entgegen, warum man ihm und seinen Begleitern, ungeachtet eines so
lange währenden Pochens und Rufens, nicht Einlaß gegeben und diesem
Hundewetter so lange ausgesetzt habe, bis er gezwungen gewesen sei,
seine Nähe durch Pistolenschüsse anzukündigen. Des Försters einfache
Hinweisung auf die Unmöglichkeit, bei dem heftigen Getöse des Sturmes
und der Regengüsse ein Pochen oder Rufen am fernen Hofthore hören zu
können, würde den Ungestümen wohl schwerlich beschwichtigt haben,
hätte nicht die nun wieder ermuthigte Frau Elisabeth ihn durch die
freundlichste Gutmüthigkeit, mit welcher sie ein gutes Abendbrot,
alten Wein, ein recht weiches Bett und jede mögliche Bequemlichkeit
versprach, kirre zu machen gewußt. Schnell war der Zürnende mit
allen Unannehmlichkeiten dieses Tages versöhnt, und als er, durch
die geschäftigen Hände eines Jägerburschen vom regenschweren Mantel
befreit, in die reinliche, angenehm warme Wohnstube trat und Förster
Krause selbst, ein inniger Freund der Soldadeska, seinem Gaste mit
einem bequemen Nachtanzuge und der Bitte, sich hier wie im eignen Hause
anzusehen, entgegen kam, da betheuerte der Kriegsmann, der Dunkelheit
dieses Abends recht große Verpflichtungen zu haben, daß sie ihn von
der rechten Straße hinweg und über Flur und Wiese in ein Haus geführt
habe, wo solch’ ein treues, freundliches Soldatenherz schlage.
Nach wohlthuendem Vertausche der durchnäßten Bekleidung mit einem
recht gemächlichen Hausanzuge des Försters, setzte sich nun Herr
Justus Hilmer zum Genusse des Abendbrotes nieder, das, ungeachtet das
Försterpaar wie auch die Dienerschaft schon vor einer Stunde zu Nacht
gegessen hatte, so schnell und so reichlich dem Gaste vorgesetzt wurde,
als hätte man seiner Ankunft entgegen gesehen. Auch die beiden Dragoner
erhielten in der Jägerstube ein Abendessen und solch eine freundliche,
aufmerksame Bewirthung, wie es ihnen in ihrem genußarmen Reiterleben
wohl nicht zu oft zu Theil geworden sein mochte.
Herr Justus Hilmer war der gewaltige und gefürchtete Oberprofos der
Vestung zu Dresden. Mit einer Riesengestalt, einem scharfen, feurigen
Blicke und einer stolzen, tiefernsten Haltung vereinte er Muth und
Klugheit.
Die Verwegensten der Baugefangenen, durch Drang nach Freiheit,
durch Verzweiflung über ihre Lage oft zu den kühnsten Empörungen,
zu den gewaltsamsten Angriffen gegen die Militairwache und gegen
die Steckenknechte[31] hingerissen, sanken bis zur sclavischen
Unterwürfigkeit bei dem Erscheinen des gefürchteten Oberprofosen, und
den Listigsten und Hartnäckigsten, die Herr Johann Ephraim Zopf, der
vielerfahrene und verfängliche Festungs-Auditeur, mit allen seinen
Subtilitäten, oft selbst durch die Folter, nicht zum Geständniß so
mancher Uebelthat zu bringen vermochte, wußte der schlaue Hilmer, den
tiefen, zurückschreckenden Ernst in einen herzlichen, vertraulichen,
das Gemüth erschließenden Ton umwandeln, im ganz schlichten Geplauder
oft so Manches zu entlocken, was der Verbrecher in das Tiefste seines
Innern für dieses Leben zu vergraben sich selbst so heilig gelobt
hatte. Der Name des Oberprofos Hilmer war im ganzen Sachsenlande
bekannt, ein Schrecken für Räuberbanden und ein Gegenstand der
Ermuthigung und des Vertrauens für Adelige, Gutsbesitzer, Bürger und
Landleute; denn früherhin, ehe Hilmer zu dieser Stelle befördert
worden, war er als Criminaldiener verschiedener sächsischer Justizämter
bei jedem Streifzuge, bei jedem Angriffe gegen einzelne Räuber wie
gegen ganze Banden immer an der Spitze, und wo der muthige, kraftvolle
Hilmer sich zeigte, da war auf der Seite seiner Parthei der Sieg,
auf der der Gegner die Niederlage, dabei meistens Gefangenschaft
oder Tod, da er dem geschlagenen Feinde fast nie Zeit ließ, sich
durch die Flucht zu retten. Auch jetzt noch, da er zur Stelle eines
Festungs-Oberprofosen aus Anerkennung seiner viel und erfolgreich
geleisteten Dienste für die öffentliche Sicherheit befördert worden,
wurde er zu Unternehmungen gebraucht, wo nur von dem persönlichen Muthe
und der Klugheit des Anführers günstige Resultate erwartet werden
konnten.
[31] Des Oberprofosen Diener und der Baugefangenen Aufseher.
Als der Oberprofos seinem gastfreundlichen Wirthe sich genannt hatte,
betheuerte Förster Krause, daß heute seinem Hause Heil wiederfahren
sei, denn auch Krause mit seinem nicht unbedeutenden Vermögen stand
als gute sichere Beute auf der Liste einer zahlreichen, verwegenen
Räuberbande, die einige Jahre vorher die Umgebungen von Pirna höchst
unsicher gemacht, aber durch Hilmers Muth und Rastlosigkeit ihr Grab im
Zuchthause und auf dem Rabensteine gefunden hatte.
Herr Justus Hilmer hatte sich an dem leckern und reichlichen Abendbrote
herrlich gelabt. Jetzt kam die Reihe an die Flasche und Wirth und
Gast ließen sich den alten feurigen Wein recht wohl munden; auch Frau
Elisabeth durfte nicht versagen und es wurde manches Gläschen auf
dieses und jenes Wohl geleert.
Nachdem Hilmer erzählt hatte, daß er von Königstein komme, wohin
er mit seinem Reitergeleite drei wichtige Staatsverbrecher zur
lebenslänglichen, strengen Haft abgeliefert habe, und auf der
Rückkehr nach Dresden begriffen sei, kam die Sprache auf die
unterirdischen Gefängnisse dieses als unbezwingbar berühmten
Felsenschlosses, wovon unter dem Landvolke gar sonderbare Gerüchte im
Umlaufe seien. -- „Ich habe nicht Zeit und Gelegenheit gehabt, die
Königsteiner Gefängnisse zu besehen“ -- begann jetzt der Oberprofos
mit wichtiger Miene, und stopfte sich ganz langsam eine Pfeife --
„aber ich wette meinen stattlichen Meklenburger gegen eine polnische
Krabbe, daß jene Gefängnisse noch Lusthäuser sind gegen die, in
welchen ich theils die verwegensten, theils die gravirtesten meiner
Baugefangenen verwahre. Alle die gottlosen Bursche wurden, wie Euch,
mein sehr werther Freund, bekannt sein mag, in frühern Zeiten im
Raths-Stockhause auf der Frohngasse verwahrt, wo sie des Morgens, wie
eine Schafheerde, aus ihren Löchern hervorgetrieben, und _ad opera
publica_, das heißt zum Straßenkehren, Steinführen, Kalktragen u. s. w.
verwendet wurden. Das Rathsstockhaus ist ein uraltes Gebäude, woran
die Zeit mit scharfem Zahne genagt hat. Es hielt nicht schwer,
die morschen Mauern zu durchbrechen, und so gelang es in einigen
Jahren vielen der Inhaftirten, zu entspringen. Die allergnädigste
Landesregierung konnte nicht länger zusehen, daß so viele räudige
Schafe sich zum Verderben der Guten eigenmächtig die Freiheit
verschafften. Es wurde daher allerhöchsten Ortes beschlossen, die
Gefangenen aus dem Raths-Stockhause in die auf der Festung hinter
dem Zeughause befindliche Salomons-Bastei zu versetzen, nachdem
unter selbiger gewölbte Kerker angelegt worden, die da heißen: --
das Salomons-Gefängniß, das Kupfergewölbe, der Baumann und die
Mohrenkammer; ferner wurden drei besondere Gefängnisse erbauet, die,
in der Mitte von Gewölben, für sich wie ein eigenes Gewölbe stehen
und umgangen werden können. Auch unter dem Wilsdrufer Thore haben
wir drei Gefängnisse. Alle diese Kerker sind tief unter der Erde.
Im Kupfergewölbe, in der Mohrenkammer, wo die zur lebenslänglichen
Haft Condemnirten verwahrt wurden, herrscht ewige Finsterniß; nur von
dem Lampenlichte meiner Knechte werden sie, wenn man den Gefangenen
das Essen reicht, oder diese ihre grauenvolle Hölle reinigen müssen,
spärlich erleuchtet. Glücklich diejenigen dagegen, die andere
Gefängnisse bewohnen und zur Arbeit verwendet werden. Sie werden doch
an das helle Tageslicht, in die frische Luft geführt, während jene
nicht Tag, nicht Nacht unterscheiden können, und von der langen Weile,
von den vielfüßigen Plageteufeln, von der verpesteten Kerkerluft und
von den unaufhörlichen Schmerzen, die ihnen der Druck und die Schwere
des Halseisens, des Leibringes und der Hand- und Fußketten verursachen,
zur Verzweiflung gebracht, sich selbst entleiben würden, könnten sie
ihre eingeschmiedeten Hände nur einige Augenblicke frei gebrauchen.“ --
Der Oberprofos leerte nun ein volles Glas Wein in langsamen Zügen
mit vielem Behagen. Krause schob das seine zurück; dem weichherzigen
Manne wäre beim schmerzlichen Hinblicke auf das Jammerleben so vieler
unglücklicher Mitmenschen der köstlichste Rebensaft zum Wermuth
geworden, und Frau Elisabeth fragte mit nassen Augen und leiser Stimme:
ob die Baugefangenen doch satt zu essen und die sonst nöthige Pflege
haben?
„Ja, da hat es sich bei uns mit Kost und Pflege!“ -- lachte der
gewaltige Bagnos-Häuptling[32] mit widerlich verzerrtem Gesichte und
entpfropfte eine neue Flasche. „Meine wertheste Frau Försterin,
erlauben Sie mir, Ihnen eine kurze, aber wahre Schilderung zu machen,
wie es den Inhaftirten ergehet, über welche ich ein christliches,
aber, nach Gestaltung der Dinge und absoluter Nothwendigkeit, oft gar
strenges Commando zu führen bestallt und ermächtigt bin.“
[32] Sklavenbehältnisse werden überhaupt Bagnos genannt.
„Die Schlafstelle eines jeden Baugefangenen in diesen unterirdischen
Kerkern ist aus Brettern gezimmert, gerade mit nothdürftigem Raume,
um sich ausstrecken und umwenden zu können. Ein mit sehr rauhem Stroh
gefüllter Sack und eine Wolldecke sind das Bett. Frühstück giebt es
nicht; nur jene haben das zum Morgenimbiß, was sie von ihrer Brodration
sich ersparen, die täglich aus 1½ Pfund Brod bestehet und ihnen für
zwei Tage gereicht wird. Wassersuppe und ein Gericht von Hülsenfrüchten
ist das Mittagsmahl, Wassersuppe das Nachtessen. Nur an den größten
Festtagen wird zu Mittag ein Stückchen Fleisch gereicht. Wasser ist das
immerwährende Getränk. Jeder Baugefangene trägt am rechten Fuße eine
schwere Eisenschelle mit schwerer Kette, womit sie nächtlicher Weile
an ihre Lagerstätte, bei Tage aber entweder an den Karren, den sie bei
Bauarbeiten zu ziehen haben, angeschlossen werden, oder die sie bei
andern Beschäftigungen wie einen Gürtel um den Leib tragen. Zu früher
Morgenstunde wird die große Fallthüre, durch die man zur Kerkertreppe
gelangt, und welche den einzigen Eingang zu diesen unterirdischen
Wohnungen bildet, geöffnet, und gleich von Wache mit scharf geladenen
Gewehren umstellt, während meine Steckenknechte, von wohl abgerichteten
Fanghunden begleitet, die Kerkerthüre öffnen, die Gefangenen
losschließen, und sie die Treppe hinaufsteigen lassen. Jeder Kerker
zählt mehr als zwanzig Gefangene, über welche Einer davon, der sich das
meiste Vertrauen durch Fleiß und Stille bei mir erworben hat, gleichsam
die Aufsicht führt. Jeder dieser Aufseher muß nun, ehe die Gefangenen
die Bastei verlassen, Meldung machen, ob sie während verflossener
Nacht gebührliche Aufführung gepflogen haben. Die geringste Klage,
und der Beschuldigte wird ohne gestattete Gegenrede mit Geiselhieben
gezüchtigt. Da setzt es Hiebe, _mul um_, nach allen Dimensionen,
und da darf nicht gemuckst, nicht raisonnirt werden, sonst wird, wie
wir Justizmänner sagen, _portio duplex_ gereicht. Dann schreitet
man zur Tagesarbeit, die im Steinsägen, Reinigung der Geschütze,
Schanzen, Ankarrung der Baumaterialien und Gassenkehren besteht.
Es ist beinahe unbegreiflich, wie solche Elende, die ihren Tag unter
den schwersten Arbeiten hinbringen, nur höchst nothdürftig genährt
werden, und, auf ihrem steinharten Lager von zahlreichem Ungeziefer
gepeinigt, größtentheils die Hälfte der Nacht schlaflos hinbringen,
noch den Muth und so viele körperliche Kraft haben, die anstrengendsten
Versuche zum Ausbrechen aus so festem Gewahrsam zu machen; wie sie,
während der Arbeiten, theils gegen meine Steckenknechte, theils gegen
die Wache die trotzigsten Angriffe wagen; wie sie nächtlicher Weile
sich anfallen, einander blutrünstig schlagen, ja oft schwer verwunden.
Aber wehe dann diesen Bösewichtern am nächsten Morgen beim Rapporte. Da
wird der Angreifende wie der Angegriffene bis an die Hüften entblößt,
mit den Händen an eine steinerne Säule geschlossen, und dann vom
Steckenknechte mit einer schweren, dichtgeflochtenen Geisel meistens
so lange gepeitscht, bis er bewußtlos an der von Blut triefenden Säule
lehnt. Und doch genießen diese Erbärmlichen ein noch viel besseres
Schicksal, als jene, die in der Mohrenkammer und im Kupfergewölbe,
Füße und Hände in Eisen geschmiedet, bei Wasser und Brod, in ewiger
Dunkelheit zur lebenslänglichen, arbeitslosen Haft verwahret werden.
Darunter habe ich einen gewissen Ilmer, der bereits seit 11 Jahren
seinen schauderhaften Kerker noch keinen Augenblick verlassen durfte,
der den Tag mit den gräßlichsten Gotteslästerungen beginnt, immer
darüber blutig gepeitscht wird, und nach dem letzten Streiche wieder zu
lästern anfängt. Eben so“ --
Länger vermochte die mitleidige, gottesfürchtige Frau Elisabeth
solche schaudervolle, schmerzlich ergreifende Mittheilungen nicht
anzuhören. Rasch unterbrach sie den Redseligen mit der Frage: ob diese
Unglücklichen in solch irdischer Hölle nie das Glück und die heilvollen
Wohlthaten des Trostes, der Lehre, der Erbauung aus dem Munde eines
Priesters genießen dürfen. --
„Daran würde es eben nicht mangeln,“ -- erwiederte Herr Hilmer --
„denn unser _Pastor pestilenzialis_, der ehrwürdige Herr Magister
Jonas Krumholz, ist ein gar eifriger Tröster und Bekehrer, der alle
Stunden, die ihm seine Kirchengeschäfte übrig lassen, am Krankenbette
oder mit der Belehrung und Besserung recht arger Sünder hinbringt. Aber
trotz seines frommen Eifers und trotz aller Selbstbekämpfung vermag
er nur selten und nur immer auf sehr kurze Zeit die Gefangenen in der
Mohrenkammer und im Kupfergewölbe zu besuchen, da in diesen Kerkern die
Luft für jeden, der nicht daran gewöhnt ist, so verpestet und vergiftet
ist, daß der ehrwürdige Herr Pestilenzprediger nach jedem solchen
Besuche einige Tage auf dem Krankenlager hinbringen und ärztliche Hülfe
gebrauchen muß.“ --
Unter dem Vorgeben, noch so manches für die nächtliche Bequemlichkeit
des werthen Gastes anordnen zu müssen, entfernte sich jetzt Frau
Elisabeth. Sie hatte zu viel gehört, was ihr sanftes, gefühlvolles Herz
zu schmerzlich verletzte, und die Furcht noch mehr hören zu müssen,
verscheuchte sie aus der Nähe dieses Mannes, der durch seine eisige
Kälte und den menschenfeindlichen Hohn und die rauhe Härte, die sich in
seinen Mittheilungen so scharf aussprachen, ihr immer anwidernder und
furchtbarer wurde.