In einem Walde außerhalb Dresden wurde der Raub getheilt[27], nachdem

davon eine große Summe in Gold zur Vertheilung unter die übrigen

Mitglieder der Bande abgesondert worden war. Nicht das Mindeste nahm

Lips Tullian von seinem, nach den Gesetzen der Gesellschaft ihm doppelt

zugefallenen Antheile mit sich in seine Wohnung, aus Furcht irgend

einer Entdeckung; er übergab Sarberg alles, und bezeichnete ihm eine

Felsenschlucht in der Oberlausitz, wo er es zu vergraben habe.

[27] Hierzu die Abbildung im nächsten Hefte.

Im zurückgezogenen Wohlleben brachte nun Lips Tullian mit Marianen

seine Tage hin, war Heuchler genug, täglich die Kirche zu besuchen, auf

dem Gange dahin die Armen zu beschenken, gewann bei der Nachbarschaft

den Ruf eines gar frommen, mildthätigen Herrn, und ergaunerte sich am

grünen Tische von Zeit zu Zeit eine schöne Anzahl von Goldstücken.

XXI.

Der Schmuck des Juden Marx in Halle.

Einen schlimmen Weg ging gestern ich,

Einen Weg, dem ich nicht wieder traue!

~Burns.~

Eines Morgens kam Hentzschel zu ihm mit der Nachricht, daß bei dem

Juden Assor Marx zu Halle ein Schmuck von hohem Werthe liege, welchen

Marx für eine Banquiersfrau in Leipzig aus Frankfurt besorgt habe; daß

aber dieser Schmuck sehr gut verwahret, und es das Allerschwierigste

sei, ihn dem wachsamen Juden zu entwenden.

Lips Tullian ließ sich von Hentzschel über Assors häusliche

Verhältnisse, seinen Charakter, die Lage des Hauses etc. die genaueste

Auskunft bis auf die geringfügigsten Umstände geben, und versicherte

mit großer Bestimmtheit, der Schmuck sei so viel als in seinen Händen,

wenn Marx ihn nicht schon abgeliefert habe. Er traf unverzüglich seine

Anstalten.

Als Lips Tullian noch mit dem schwarzen Wenzel in Gemeinschaft stand,

befanden sich bei ihrer Bande zwei Juden. Er machte sich alles eigen,

woraus er für sein Handwerk Vortheil ziehen konnte. In jeder müßigen

Zeit unterhielt er sich mit diesen Juden, bewirthete sie mit Wein,

und hatte bald von ihren Gebräuchen, ihrer Religion, ihrer Sprache

und ihren sonstigen Eigenheiten so viel erlernt, daß er kühn in jedes

Judenhaus treten und für einen Glaubensgenossen gelten konnte.

Schnell war er in einen Israeliten umgewandelt, und mit seinem falschen

Barte, auch mit Arbe Kaufes und Tfille[28] ausgestattet, wanderte er

nach Halle zu, und wurde auf dem Wege dahin von reisenden Juden mit

einem treuherzigen: „Gotelkom!“[29] begrüßt.

[28] Ein die 10 Gebote vorstellendes Gewebe, welches die Juden am

Leibe tragen, und der lange Riemen, womit sie beim Gebete Kopf

und Hand umwinden.

[29] Sei Willkommen!

Durch Hentzschel, der die Verhältnisse des Assor Marx genau kannte,

hatte Lips Tullian erfahren, Assors Reichthum habe sich nicht so sehr

aus guten Handelsgeschäften, als vielmehr aus dem Ankaufe gestohlner

Waaren von Werth gemacht. Dieser Umstand erleichterte sein Unternehmen.

Er trat in Assors Haus, sagte diesem, daß er aus Prag und auf einer

Reise nach Berlin begriffen sei, hier seine Frau, die in Frankfurt

Geschäfte mache, erwarte, und bat Assor, ihm bis zu deren Ankunft gegen

reichliche Vergütung Pflege und Herberge zu geben.

Während der Anrede zählte er, gleichsam tändelnd, eine bedeutende

Anzahl von Goldstücken aus einer Hand in die andere. Der habsüchtige

Marx blinzelte mit verlangenden Blicken auf die schönen Goldstücke hin,

schrieb schon in Gedanken die Rechnung mit doppelter Kreide und bot dem

reichen Glaubensgenossen sich, sein Haus, Küche und Keller zu allen

Diensten an. Bald saßen die beiden bei einer Flasche Wein traulich

zusammen, und schon nach einer Stunde wußte Marx mit geheimer Freude,

daß sein Gast einen bedeutenden Schatz an Juwelen besitze, welchen er

aus sehr bewegenden Gründen um einen mäßigen Preis losschlage.

Außer Marx, seiner Frau, zwei Enkeln und einem alten Knechte wohnte

Niemand im Hause. Lips Tullian war schlau genug, seine Kenntniß von

dem hier befindlichen Schmucke nicht im Geringsten ahnen zu lassen;

er schien sogar einige Winke, die ihm Marx darüber gab, nicht im

Geringsten zu beachten.

Dagegen hatte er sich bald das innigste Vertrauen des alten Knechtes

erworben, und dieser, als ein geborner Pole ein Freund des Branntweins

und von Lips Tullian in einer Winkelschenke überreichlich damit

bewirthet, vertraute in der Trunkenheit dem aufmerksam Lauschenden,

daß in seines Herrn Keller ein sehr theurer Schmuck liege, aber schon

in einigen Tagen nach Leipzig abgeführt werde. Ehe noch der Sinnlose

unter dem Tische lag, hatte Lips Tullian schon erfahren, wo der Eingang

zum Keller sei, wo die Schlüssel verwahrt werden, in welcher Ecke des

Kellers das Schmuckkästchen, zur Sicherheit gegen Diebe, tief im Sande

verscharrt liege.

Es war Sabbath, und Lips Tullian bat um Erlaubniß, seinen geehrtesten

Hauswirth, wie auch dessen Ehefrau und Kinder mit einem köstlichen

Weine bewirthen zu dürfen, von welchem er gestern im Gasthofe zur

goldnen Traube getrunken und gleich einige Flaschen gekauft habe.

Der Knecht mußte den Wein aus des Gastes Wohnzimmer herab tragen.

Die Flaschen waren versiegelt, und Marx versicherte seinen lieben

Angehörigen mit wichtiger Kennermiene, daß er schon jetzt für die

Vortrefflichkeit dieses Weines bürge, weil man nur Flaschen von den

besten Sorten versiegle.

Die Gläser wurden gefüllt, die Gesellschaft leerte sie auf

gegenseitiges Wohl, auch der Knecht erhielt seinen tüchtigen Antheil.

Niemand hatte bemerkt, daß Lips Tullian sein Glas auf den Boden ausgoß,

und bald würde Niemand vermocht haben, es zu bemerken, da schon bei der

ersten Flasche Marx, seine Frau, die Kinder und der Knecht in einem

todähnlichen Schlafe lagen; so schnell war die Wirkung des betäubenden

Mittels, womit jener den Wein reichlich gemischt hatte.

Die Kellerschlüssel aus dem Verschlusse zu holen, das Kästchen mit dem

Schmucke unter dem Sande hervor zu ziehen, es zu zertrümmern, und den

Schmuck in dem Leibgurte zu verwahren, war für den Räuber das Werk der

kürzesten Zeit.

Damit begnügte sich aber der Bösewicht noch nicht. Er öffnete einen

Kleiderschrank, worin Marx sehr feine Anzüge, die er von jungen

Verschwendern wohlfeil gekauft hatte, verwahrte, vertauschte den

seinigen gegen einen solchen, that den langen, falschen Bart von sich,

nahm aus dem Schranke, der des Juden kostbarste Sachen enthielt, das

baare Gold, an Thaler-Rollen, Gold- und Silbergeräthen so viel, als

seine Taschen faßten, löschte alle Lichter aus, verriegelte sehr

sorgfältig die Hausthüre, und entfernte sich durch das Hinterpförtchen.

So schnell als die Last seiner gefüllten Taschen erlaubte, eilte er auf

das nächste Dorf, wo sich Hentzschel, als Pferdehändler figurirend,

seit des Hauptmanns Ankunft in Halle mit zwei Pferden aufhielt und

diese, wie verabredet war, jeden Abend gesattelt in Bereitschaft hatte.

Lips Tullian gab das bekannte Zeichen, Hentzschel zog seine Pferde aus

dem Stalle, und es ging die ganze Nacht durch im scharfen Trabe.

Mit Tagesanbruch bog Hentzschel, dem Lips Tullian für seinen Antheil

das Gold und die Thaler-Rollen gegeben hatte, in der Nähe einer

Poststation mit seinen Pferden von der Landstraße abseits, und Lips

Tullian nahm einen Wagen bis an die Thore von Dresden.

Mit einem Raube von mehr als 20,000 Thalern an Geldwerth schlich er bei

eingebrochener Nacht durch die Straßen von Dresden seiner abgelegenen

Wohnung zu.

XXII.

Der Badeaufenthalt.

Fremdling, sei behutsam!

Du bist nicht sicher, traue mir!

~Th. Körner.~

Wie ein commandirender Feldmarschall sein Hauptquartier in irgend

einem Orte aufschlägt, um von da aus an die unterhabenden Corps seine

Befehle zu versenden und ihre Bewegungen zu leiten, so hatte auch Lips

Tullian das seinige in Dresden aufgeschlagen, von wo aus er seine Bande

befehligte. In dieser kannte Niemand seinen Aufenthalt, als Sarberg,

Hentzschel, Schöneck, Lehmann, Schickel und Eckold, und außer diesen

Anführern kam kein Mitglied der zahlreichen Rotte zu ihm; nur diese

Vertrauten fanden sich von Zeit zu Zeit bei ihm ein, als vornehme

Personen, Bettelleute, Hausirer, reisende Handlungsdiener verkleidet,

um Meldung zu machen, Befehle zu holen, ihm, dem Oberanführer, seinen

Antheil von der gemachten Beute zu überbringen, und ihn bei sehr

wichtigen Unternehmungen zur Anführung abzuholen.

Ganz Sachsen zitterte vor der schwarzen Garde, deren Oberhaupt als

ein frommer, wohlthätiger, unbescholtener Mann in der Hauptstadt

des zitternden Landes lebte und von den Einwohnern Dresdens sehr

hoch geachtet wurde. Wer hätte auch in diesem ruhigen, schlichten

Privatmanne, dessen eingezogene verbindungslose Lebensweise allgemein

bekannt war, den furchtbaren Lips Tullian geahnet?

Ein Jahr hatte Lips Tullian in Dresden gelebt. Es kam die Badezeit, und

mit ihr in ihm die Lust, in der Rolle eines reichen, vornehmen Mannes

der Welt sich zu zeigen. Spaa wurde von ihm für die Badesaison gewählt.

Nach einem recht bürgerlichen, wort- und complimentereichen

Abschiedsbesuche in der ganzen Nachbarschaft umher, ging er mit

Marianen von Dresden ab, zu Fuße, den Bandkasten auf dem Rücken.

Die Felsenschlucht in der Oberlausitz wurde besucht, eine Parthie

der vergrabenen Juwelen hervorgeholt, dann der Weg nach Leipzig

eingeschlagen, wo Lips Tullian für sich und Marianen die

prachtvollsten Kleider verfertigen ließ, Kammerfrau, Stubenmädchen,

Jäger und Koch in Dienste nahm, einen kostbaren Reisewagen kaufte und

mit vier Postpferden nach Spaa abfuhr.

Als Baron von Strombeck mit Gemahlin erschien er auf der Badeliste. Er

machte einen fürstlichen Aufwand.

Am Vorabende seiner Rückkehr nach Dresden hatte er eine kleine

Gesellschaft von jenen Badegästen, in deren Umgange er am angenehmsten

gelebt hatte, zu sich gebeten, um noch mit diesen frohsinnigen

Gesellschaftern einen recht heitern Abend zu genießen. Frau Bieberich,

in die Freifrau von Strombeck umgewandelt, machte die Wirthin mit

dem Anstande einer Dame von feinem Tone und der liebenswürdigsten

Freundlichkeit; sie hatte nicht umsonst als Buchhändlerin mit den

Frauen vornehmer Häuser verkehrt.

In dieser Gesellschaft befand sich ein junger Mann, der sardinische

Uniform trug, in Spaa für einen Hauptmann galt und großen Aufwand

machte. Er schlug nach dem Abendessen ein Spiel vor, und Philipp, in

der Hoffnung, ein bedeutendes Reisegeld sich zu machen, wußte bald

seine Gäste für den Vorschlag des Sardiniers zu gewinnen.

Man looste, wer die Bank halten sollte! das Loos traf den Sardinier.

Um hohe Summen wurde gespielt, und Lips Tullian war vom Glücke so

verlassen, daß er, als der Sardinier am lichten Morgen die letzte

Taille abgezogen hatte, nicht mehr ein Goldstück besaß, ja sogar

den größten Theil seiner Pretiosen zur Bezahlung seiner Spielschuld

hingeben mußte.

An dem Sardinier hatte Lips Tullian seinen Meister gefunden.

XXIII.

Eine neue Bekanntschaft und deren üble Folgen.

Welch tollkühn Wagstück! -- Mitten durch den Feind.

~Th. Körner.~

Ohne Reisewagen, ohne Dienerschaft, nur noch im Besitze weniger

Kostbarkeiten, da sein zu verschwenderischer Aufwand in Spaa und jene

Spielnacht zu viel gekostet hatten, kam er mit Marianen in einer

Lohnkutsche zu Leipzig an und warf sich hier gleich wieder in die Rolle

des Bandkrämers.

Es mußte Geld und auch Nachricht von dem gegenwärtigen Aufenthalte der

Unteranführer seiner Bande herbeigeschafft werden. Mariane wanderte

wieder mit ihrem Bandkasten fort, und Philipp versuchte, Geschäfte zu

machen.

Der Zufall ließ ihn mit einem Manne bekannt werden, der als Thierarzt

von Land zu Land zog. Lips Tullian und der Thierarzt hatten noch nicht

eine Flasche Wein zusammen geleert, als sie schon genau wußten, was sie

sich gegenseitig zu bieten hatten. Bald schlossen die wackern Männer

Freundschaft.

Der Thierarzt wußte in einem Landhause bei Leipzig eine Summe Geldes,

auch einen bedeutenden Vorrath von Silberzeug. Der Raub wurde von ihm

und Lips Tullian beschlossen. Es gelang ihnen, einzubrechen, und sich

des Geldes nebst einem Kästchen mit silbernen Bestecken zu bemächtigen.

Unbemerkt kamen sie in ihre Wohnung zurück. Ueber die Vertheilung des

Raubes konnten sie nicht einig werden. Der Thierarzt forderte zwei

Theile, weil er die Sache ausgekundschaftet, und daher Lips Tullian nur

einen Theil zu verlangen habe.

Lips Tullian machte die nämliche Forderung, denn er habe mit der

größten Gefahr der Entdeckung den Schrank geöffnet, und die Beute

gemacht, während jener nur auf der Lauer gestanden habe.

Es kam zum heftigen Wortwechsel, zum Faustkampfe, und der kräftige

Lips Tullian warf den spindeldürren Thierarzt aus dem Zimmer. Vor

Wuth zitternd schlich der Gemißhandelte wieder zurück, nahm, ohne ein

Wort zu sprechen, den für ihn von Lips Tullian bestimmten Theil und

entfernte sich mit einem Blicke auf seinen lachenden Feind, aus welchem

die allerheißeste Rachsucht hervorsprühte.

Noch war Lips Tullian beschäftigt, die Silberbestecke zu zertrümmern,

um sie desto gefahrloser in der Folge als altes Silber zum Einschmelzen

verkaufen zu können, da wurde seine Zimmerthüre aufgerissen, und ein

Polizeibeamter trat mit bewaffnetem Gefolge ein. Lips Tullian hatte

schnell ein Tuch über das Silber geworfen, aber dem scharfen Blicke des

Beamten war es nicht entgangen. Er kündigte Lips Tullian Arrest an, und

befahl zugleich seinen Leuten, dem Gefangenen die Hände zu binden.

Lips Tullian wußte, was ihn erwartete; nur Verstellung und eine rasche

That konnten ihn retten. Mit Demuth bat er den Beamten, ihm nicht

Stricke anlegen zu lassen, er wolle ja gern alles thun und gestehen,

was man von ihm fordere.

Der Beamte war nicht vorsichtig genug. Lips Tullian gewann Zeit, sich

dem Bette zu nähern. Mit einem Griffe waren seine Doppelpistolen unter

der Decke hervorgerissen, und Jedem den Tod drohend, der sich ihm zu

nahen wage, entsprang er durch eine Seitenthüre.

Wie Gypsbüsten hatten die verblüfften Polizeidiener vor des Räubers

gespannten Pistolen gestanden; jetzt bekamen die Büsten wieder Leben.

Sie schrieen wie die Lämmergeier aus dem Fenster, im Hause herum,

den Dieb aufzuhalten; sie stürzten die halbe Treppe hinab, um ihm

nachzusetzen.

Es war ein gewaltiger Lärm, die Menschen liefen von allen Seiten aus

den Häusern, schauend, fragend, aber keiner unter den vielen hatte den

Muth, den Räuber, der durch sie hin flog, aufzuhalten.

Aber er sollte diesmal nicht entkommen. Ein Fleischerhund lief über die

Gasse, und ihm zwischen die Beine. Er fiel der Länge nach hin. Durch

den Fall ging eine Pistole los. Die Menschen schrieen, als wären sie

alle verwundet.

Ehe Lips Tullian, von dem heftigen Falle betäubt, sich aufraffen

konnte, hatten ihn zwanzig Fäuste gepackt. Er vermochte nicht die

mindeste Bewegung zu machen, so fest war er im Augenblicke von den

wuthschnaubenden Polizeidienern zusammen geschnürt, und ehe er sich

recht besinnen konnte, lag er in einem unterirdischen Gefängnisse des

Leipziger Rathhauses auf einer Strohschütte und an einer schweren

Kette.

XXIV.

Die Verurtheilung.

Die Thüre, die sich jetzt für ihn geöffnet,

Greift hinter ihm für immer in das Schloß;

Kein Weg zurück zur Freiheit und zum Leben,

Nur schaudernd vorwärts zu der Schlachtbank.

~Th. Körner.~

Der Gefangene wurde in das Verhör geführt und des Einbruches und Raubes

im Landhause des Kaufmanns Keller beschuldigt.

Mit unbeschreiblicher Angst war er vor den Richter getreten, fest

überzeugt, daß man ihn als Lips Tullian und seine Thaten kenne. Er

jubelte im Stillen, nur einer solchen Kleinigkeit wegen bezüchtigt

zu sein. Schnell erwachte in ihm die Vermuthung, der Thierarzt habe

ihn aus Rachsucht angegeben, und er war jetzt umso ruhiger, da kein

gültiger Beweis gegen ihn geführt werden konnte.

Gleich entschlossen, seinen Feind in die Grube zu stürzen, die jener

für ihn bereitet hatte, gab er mit aller Frechheit an, all dieses

Silberzeug, das man in seiner Wohnung gefunden und dessen Entwendung

man ihn bezüchtigte, von einem Manne gekauft zu haben, der sich so und

so nenne, und so und so aussehe. Und nun beschrieb er den Thierarzt so

genau, daß der Polizeibeamte sich gleich erinnerte, diesen Menschen

schon öfters gesehen zu haben. Noch in diesem Augenblicke wurden

Steckbriefe gegen den Thierarzt ausgefertigt.

Auf die Frage, warum er, seiner Unschuld sich bewußt, nicht willig sich

ergeben, sondern mit bewaffneter Hand versucht habe, zu entfliehen,

entschuldigte er sich mit einer langen Erzählung, wie in Marseille, wo

er vor einigen Jahren gewesen zu sein vorgab, auch plötzlich einige

Männer in sein Zimmer getreten seien, ihm Arrest angekündigt und aus

dem Hause geführt hätten, aber nicht in ein Gefängniß, sondern in

den Keller eines abgelegenen Hauses, aus welchem er sich nur durch

Gottes Hilfe gerettet, seine Wohnung aber von diesen angeblichen

Sicherheits-Männern ganz ausgeplündert gefunden habe. Die Erinnerung

an jene schreckenvolle Begebenheit sei heute beim raschen Eintritte

der Polizeimänner so lebhaft in ihm geworden, daß er sich wieder von

vermummten Räubern umgeben glaubte, und vor Schrecken ganz außer sich,

in der Flucht Rettung suchen wollte. Man fand für gut, den verdächtigen

Patron in das Gefängniß zurück zu schicken.

Unter des Gefangenen Effecten fanden sich so viele verschiedenartige

Sachen, daß der Untersuchungsrichter fest überzeugt war, in diesem

angeblichen Bandkrämer einen ausgezeichneten Gauner vor sich zu haben.

Die Verhöre wurden immer strenger, die Aussagen des sonst so schlauen

und besonnenen Bösewichts immer sich widersprechender, die Indicien

gegen ihn immer gravirender, und über Lips Tullian die ersten zwei

Torturgrade ausgesprochen.

Mit fast übermenschlicher Kälte und Standhaftigkeit erduldete er die

Qualen der Folter. Unter den heftigsten Martern betheuerte er seine

Unschuld mit solcher Ruhe, mit solcher Selbstbeherrschung, daß man

Anstand nahm, noch härter gegen ihn zu verfahren.

Das Gericht erkannte dem Bandkrämer Philipp Mengstein ewige

Landesverweisung und Bezahlung der angelaufenen Untersuchungs- und

Atzungs-Unkosten zu. Die Acten wurden eingeschickt, aber von der

Landesregierung das Urtheil nicht bestätigt. Philipp mußte nach Dresden

auf den Festungsbau abgeliefert werden.

XXV.

Die Baugefangenen.

Gott ist barmherzig! Trage deine Ketten

Und trau’ auf Gott, die Liebe wird dich retten.

~Th. Körner.~

Im grauen Zuchtkittel, das Haar geschoren, mit einer langen Kette an

einen Karren geschlossen, zog Philipp am ersten Morgen nach seiner

Ankunft in den Festungsgefängnissen von Dresden mit zahlreicher

Umgebung zur Schanzarbeit aus.

Von dem höchsten Grimme über seine Gefangenschaft beherrscht, nur auf

Befreiung sinnend, keinen seiner Mitgefangenen beachtend, im wilden

Brüten auf seine Arbeit hinstarrend, hatte er einige Stunden Steine

geschleppt, als der Tambour der Militärbedeckung die Trommel rührte.

Es war das Zeichen, daß alle Baugefangenen einige Zeit, so lange es

dem Oberprofosen gefällig war, ausruhen, auch von dem Gelde, welches

sie von mitleidigen Menschen zum Geschenk erhielten, sich Brod kaufen

durften, womit zu dieser Stunde sich immer einige Weiber aus den

Vorstädten einfanden.

Lips Tullian kannte diesen Gebrauch noch nicht, arbeitete fort und

wurde durch einige derbe Hiebe eines Steckenknechts, der dieses

Fortarbeiten für Trotz hielt, recht angenehm zum Ausruhen eingeladen.

Vor Wuth knirschend warf er sich an seinen Karren nieder und drückte

das glühende Gesicht in die gekreuzten Arme.

Kettengeklirre nahete sich ihm, er wurde leise an der Schulter

gerüttelt: unverändert blieb er in seiner Lage. Es flüsterte ihm jemand

in die Ohren: „Makerst Du Deine Keffer-Freier lau mehr?“[30]

[30] Kennst Du Deine Vertrauten nicht mehr? --

Die Stimme schien ihm zu bekannt, die Anrede zu wichtig, um länger

seinem Starrsinne sich hinzugeben. Er blickte auf, und hätte beinahe

vor Ueberraschung laut aufgeschrien: -- Sarberg, Eckold, Hentzschel,

Schöneck, Lehmann und Schickel saßen um ihn her, an ihrem Brode kauend,

und nach einem langen, bedeutenden Blicke wieder ruhig fort essend,

ohne durch Wort oder Miene sich als seine Bekannten verrathend. Sarberg

saß ihm am nächsten. Als die Trommel das Zeichen zur Fortsetzung der

Arbeit gab, flüsterte ihm dieser zu, so nahe als möglich an seiner

Seite zu karren. -- Lips Tullian that es.

In den Augenblicken, wo die Wache oder die Steckerknechte fern genug

waren, um unbelauscht sprechen zu können, erzählte Sarberg, daß er mit

den übrigen Anführern in einem vertrauten Wirthshause zur Berathung

wegen einiger bedeutenden Einbrüche sich eingefunden habe, daß mitten

in der Nacht das Wirthshaus von einem zahlreichen Streifzuge sei

umringt, und der Wirth mit allen seinen Leuten, wie auch mit seinen

Gästen nach Leipzig gebracht worden. Ihn, Sarberg, habe man nebst

seinen Kameraden hierher geliefert, um ein Jahr zu schanzen, da sie so

glücklich gewesen, sich von irgend einer Verbindung mit der schwarzen

Garde wegzuleugnen, und nur als verdächtige Leute zu einjähriger

Schanzarbeit verurtheilt worden zu sein.

Am Schlusse der Erzählung gab ihm Sarberg die angenehme Nachricht, daß

er mit ihm und den übrigen Freunden das nämliche Gefängniß bewohne, daß

Lips Tullian schon gestern Abend, bei seinem Eintritte in den Kerker

von ihnen erkannt, aber dieses Erkennen auch nicht durch ein Wort oder

ein Zeichen angedeutet worden sei, indem noch einige Baugefangene in

eben diesem Gefängnisse schlafen, welchen man nicht trauen dürfe.

Lips Tullian hatte genug gehört. Die Nähe solch’ muthiger und

unternehmender Freunde gab ihm Hoffnung, bald seine Fessel los zu

werden. Schon nach einigen Tagen wurden die ihm und seinen Kameraden

verdächtigen Mitgefangenen vom Festungsbau entlassen, und die

Vertrauten waren nun allein in ihrem Gefängnisse zusammen.

Fruchtlos hatten sie Nächte hindurch sich über ihre Befreiung berathen,

aber noch immer leuchtete ihnen nicht der geringste Schimmer der

Möglichkeit einer Befreiung. Zum Ausbrechen fehlten ihnen Werkzeuge,

und am Entrinnen während der Schanzarbeit hinderte sie die zahlreiche

Militärwache, die strenge Aufmerksamkeit der Steckenknechte, und die

Schwere und Stärke ihrer Ketten.

Zur gewöhnlichen Ruhezeit saß Lips Tullian eines Tages, von den

Uebrigen abgesondert, auf seinem umgestürzten Karren und blickte

sehnsüchtig nach einer Brodverkäuferin umher, da er äußerst hungrig und

durch so eben empfangene milde Gabe in der glücklichen Lage war, sich

nach langer Zeit wieder einmal satt essen zu können.

Ein altes Weib in zerlumptem Anzuge, das Gesicht beinahe bis an die

Augen mit einem Tuche verhüllt, humpelte an einem Krückenstocke auf

ihn zu, und bot ihm Brod an. Lips Tullian kaufte. Er reichte der

Alten das Geld. Sie stieß an seine Hand, das Geld fiel zur Erde, und

während beide sich darnach bückten, flüsterte das ihm zu: „In dem Brode

mit einem eingeschnittenen Kreuze findest Du einen Zettel. Ich bin

Mariane!“ --

Das Weib humpelte fort. Sprachlos starrte Lips Tullian ihr nach. Er

hätte beinahe laut aufgejauchzt, und seinen Freunden das Wort Freiheit

mit weit schallender Stimme zugerufen. Wo Mariane war, da war auch die

Freiheit nicht mehr fern; er kannte die Stärke ihrer Liebe, ihren Muth,

ihre Schlauheit, ihren Eifer. Wie vor Freude trunken jubelte er laut,

als die Trommel zur Arbeit rief, lachte dem schlagfertig gehobenen Arme

des Steckenknechts in wilder Freude entgegen, und hatte seinen Hunger

und sein Elend vergessen.

Es war gerade Samstag, wo immer die Baugefangenen um zwei Stunden

früher von der Arbeit entlassen wurden. Lips Tullian konnte den

Augenblick seines Eintrittes in den Kerker nicht erwarten, da es ihm

erst hier möglich war, das bezeichnete Brod zu erbrechen und den Zettel

zu lesen.

[Illustration: Die Räuber als Baugefangene.]

Lips Tullian und seine Raubgenossen Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte · 第 9 / 20 段