Frau, der ich mich mit aller Gemüthsruhe vertrauen durfte. Behalten
Sie mich bei Ihnen, aber nicht als Ihren Gesellen, sondern nur zum
Scheine als Ihren Werkführer. Meine Wohnung in Ihrem Hause und was ich
verzehre, und was der Geselle kostet, den Sie, statt meiner in Arbeit
nehmen müssen, bezahle ich reichlich.
Sie kennen nun meine Verhältnisse und die Veranlassung zu meinem
Aufenthalte in Prag. Erfüllen Sie meine Bitte, in Ihrem Hause unter
scheinbarer Beschäftigung unbemerkt fortleben zu dürfen, bis meine
Rückkehr in’s Vaterland eintritt. Erlauben Sie auch,“ -- hier zog er
seine goldgefüllte Börse und zählte 20 Dukaten auf den Tisch -- „daß
ich einen kleinen Theil meiner künftigen Schuld vorausbezahle.“
[Illustration: Die schöne Schlosserswittwe in Prag.]
Die blanken Holländer, die Aussicht auf die Freigebigkeit des reichen
Oldenburgers, der Gewinn am neuen Gesellen, Kost und Wochenlohn zu
ersparen, alle diese Vortheile wären schon überwiegend genug gewesen,
Frau Bieberich zur Erfüllung der Bitte zu vermögen, hätte nicht
Philipps männliche Schönheit und die Hoffnung auf manche süße Stunde,
die ihr aus seinen zärtlichen Blicken, aus dem Feuer, mit welchem er im
Laufe und am Schlusse seiner Erzählung sie oft umschlang,[26] entgegen
leuchtete, ohnehin für seine Wünsche auf das bewegendste gesprochen.
Doch hatte sie weiblichen Takt genug, mit ihrer Erklärung zu zögern, in
einer anmuthigen Haltung gleichsam darüber sinnend.
[26] Hierzu die Abbildung in diesem Hefte.
Philipp wurde immer feuriger; die Erglühende versuchte mit immer
schwächerem Widerstande seinen heißen Umarmungen sich zu entwinden. --
Sie werden wohl eins geworden sein, denn von diesem Abend an konnte die
glückliche Frau sich nicht in Aufmerksamkeiten für den neuen Werkführer
genug erschöpfen.
XVIII.
Die Trennung von Prag.
Rasch bestell’ ich schon
Den Reisewagen, der uns schleunigst soll
Von dannen tragen in ein and’res Land.
~Th. Murdt.~
Nicht für gemeine Beutelschneidereien oder gewöhnliche Gaunerstückchen
bestimmte sich nun Lips Tullian, Prag sollte ihm eine reiche Ausbeute
geben.
Kirchenraub wurde von ihm und seinen Gesellen beschlossen. In der
kurzen Frist von drei Monaten hatten sie in acht Kirchen eingebrochen
und Monstranzen, Kelche, silberne Leuchter und andere Geräthe von
vielem Werthe, wie auch eine Menge kostbarer Meßkleider geraubt.
Der Gewinn dieser Beraubungen war so bedeutend, daß allein von dem
Einbruche in einer am Liebenauschen Thore gelegenen Kirche, der ärmsten
der beraubten, jeder der Räuber 350 Gulden als Antheil erhielt.
Die Aufmerksamkeit der Polizei wurde immer reger und die Vorsicht
gegen Einbrüche mit strenger Wachsamkeit ausgeübt. Die Räuber wandten
sich von den Kirchen zu den Privaten. Ein gräflicher Pallast auf dem
Neustädter Ringe, ein andrer in der Fleischergasse und ein Kaufgewölbe
auf dem Porschütz wurden mit eben so vieler Schlauheit als frecher
Verwegenheit ausgeraubt.
Die bedeutenden Einbrüche und Beraubungen machten großes Aufsehen.
Das Militair durchstreifte die Straßen der Stadt und die Vorstädte
Tag und Nacht, die Wachtposten wurden vermehrt und alle Häuser von
der Polizei durchsucht. Man griff so manchen Gauner und Dieb auf,
aber die Hauptverbrecher hatten sich in ihren verschiedenartigen
Schein-Erwerbungszweigen immer so fleißig im häuslichen Leben,
so tadellos benommen, daß sie der Polizei bei Gelegenheit der
Häuservisitationen vorzüglich gepriesen wurden.
In Prag war bei der gesteigerten Wachsamkeit für Lips Tullian und seine
Genossen nichts mehr zu thun. Sachsen sollte nun der Schauplatz ihrer
Verbrechen werden.
Lips Tullian äußerte gegen Frau Bieberich, daß ihm die Sehnsucht nach
seinem Vaterorte alle Ruhe raube, daß er fest entschlossen sei, an der
Grenze von Oldenburg seinen Aufenthalt so lange zu nehmen, bis ihm die
Rückkehr dahin gestattet sei, daß er keinen frohen Augenblick habe, bis
er wieder vaterländische Luft einathme.
Frau Bieberich war untröstlich. Die Neigung zu ihrem Philipp war zur
unbezähmbaren Leidenschaft geworden. Sie warf sich vor ihm auf die
Kniee und gelobte, ihr Haus, ihr Gewerbe, alle ihre Einrichtung zu
verkaufen und das Capital in seine Hand zu legen, wenn er ihr gestatte,
nur als Magd ihm zu folgen.
Für einen Patron wie Lips Tullian war das Anerbieten der Ueberlieferung
solch eines Capitals nicht zu verwerfen. Dieses in Empfang zu nehmen
und die Geberin bei schicklicher Gelegenheit sich vom Halse zu
schaffen, war der Bösewicht gleich entschlossen.
Er heuchelte anfangs den tiefsten Schmerz über die Trennung von ihr,
brach bei dem Anerbieten, ihm nach seinem Vaterlande zu folgen, in
Entzücken aus, machte Einwürfe, die leicht widerlegt werden konnten und
gestand dann unter erkünstelten Thränen, daß, fern von ihr, der Gram
ihn tödten würde.
Die Sache war bald im Reinen. Lips Tullian wanderte mit seinem
Reisebündel aus Prag. Frau Bieberich sorgte dafür, daß die Leute in
dieser und der nächsten Straße sogleich wußten, der Werkführer der
Wittwe Bieberich habe Prag verlassen, um in seiner Vaterstadt das
eigene Gewerbe zu treiben und seine Verlobte zu ehelichen; daß er sich
immer mehr übernommen, der Meisterin nicht mehr die gehörige Achtung
erwiesen und ihr viele Veranlassung zur Unzufriedenheit gegeben habe.
Ein paar Wochen darauf zeigte Frau Bieberich den redseligsten ihrer
Nachbarinnen einen von ihr selbst geschriebenen Brief, worin sie
von ihrer kränkelnden, verwittweten, in Ungarn ansässigen Schwester
aufgefordert wurde, Haus und Gewerbe zu verkaufen, zu ihr nach Pesth zu
ziehen und dort ein sorgenloses Leben zu führen.
Als jetzt Frau Bieberich Alles verkaufte und Prag verlassen hatte,
waren alle ihre Bekannten im festen Wahne, sie reise geradezu nach
Pesth, zur kränklichen, kinderlosen Schwester, einer reichen Erbschaft
entgegen. Niemand ahnte, daß die Schlaue mit raschen Postpferden über
Saaz der sächsischen Grenze zueile, wo der geliebte Philipp an einem
verabredeten Orte ihrer und ihres Geldes harrte.
XIX.
Die Entdeckung.
Ach! welches Unheil schafft das Himmelsfeuer,
Das die Natur in unser Wesen goß!
Es macht aus Engelherzen Ungeheuer
Und bricht der Tugend letzte Schranke los.
~Seume.~
Banditen sind’s und ich -- ich bin ihr Hauptmann
Und Du -- Du wirst nun eine Räuberfürstin.
~Th. Körner.~
Es war eine hübsche runde Summe, die Philipp aus den Händen seiner
Freundin schon in der ersten Stunde ihres Wiedervereines empfing. Er
dachte aber nun nicht mehr an seinen früheren Entschluß, sie um ihr
Vermögen zu betrügen und dann die schändlich Getäuschte ihrem Schicksal
zu überlassen. Der vertraute Umgang mit der wirklich sehr schönen, sehr
feurigen Frau war ihm eine liebe Gewohnheit geworden.
Mariane -- so hieß sie - war immer heiter, voll guter Einfälle, sehr
klug, eine vortreffliche Köchin und so aufmerksam auf ihres Philipps
leiseste Wünsche, daß er selbst nun sehr davor bangte, sich von ihr
verlassen zu sehen, wenn sie, was wohl nicht leicht verhütet werden
konnte, den Schleier seines innern Lebens lüfte und in dem Geliebten
einen Verbrecher erblicke.
Mariane fragte den Geliebten nicht, warum er, statt seine Reise nach
der oldenburgischen Grenze fortzusetzen, statt dort in einem Städtchen
einen angenehmen Aufenthalt sich zu wählen, hier in einem abgelegenen,
armseligen Wirthshause verweile, warum Philipp so oft mit Leuten von
verdächtigem Aussehen im geheimen Verkehre sei. Sie schien nichts zu
beachten, für nichts Sinn zu haben, als für ihr Streben, dem Geliebten,
so viel ihr möglich war, das Leben immer in die Rosenfarbe des
Frohsinns, der Zufriedenheit, einer ungetrübten Ruhe mit weicher Hand
zu kleiden.
Täglich ließ sie das Beste, was man in weiter Umgebung an Wein und
Lebensmitteln finden konnte, durch eigene Boten herbeischaffen,
bereitete leckere Gerichte und bot alle ihre gute Laune, alles Feuer
ihres liebenden Gemüthes auf, das größtentheils einsame Stillleben in
dieser wenig besuchten Schenke zu heitern Stunden zu gestalten.
Eines Morgens wurde Lips Tullian von seiner Schlafkammer in die
Zechstube gerufen. Bald nach ihm kam auch Mariane herab und hörte
von Philipp, daß er auf ein drei Meilen entferntes Dorf gehen werde,
um dort einen Landsmann zu sprechen, der eben erst aus Oldenburg
angekommen sei und ihm vielleicht einige Neuigkeiten von Bedeutung
mittheilen könne.
Mit einem fast schmerzlichen Lächeln hörte ihn Mariane an, faßte seine
Hand und bat ihn mit wehmüthiger Innigkeit, für sich recht aufmerksame
Sorge zu tragen.
Das Auge voll Thränen, eilte sie fort. Befremdet blickte ihr Lips
Tullian nach und in tiefem Nachdenken ging er an der Seite seines
Gefährten hin.
Es war schon Nacht und er kehrte noch immer nicht zurück. Aengstlich
harrend, die Trostworte der Wirthsleute nicht achtend, saß Mariane in
der gästelosen Zechstube und blickte unter fallenden Thränen in die
dunkle Nacht hinaus.
Der Hofhund schlug an, Tritte wurden hörbar und rasch ergriff sie
das Licht, dem sehnsüchtig Erwarteten entgegen eilend. Sie öffnete
die Hausthüre, sie starrte mit einem Schrei des Schreckens zurück;
der Geliebte leichenblaß, ein blutiges Tuch um den Kopf, wankte am
Arme seines Begleiters in das Haus. Mariane ergoß sich nicht in leere
Klagen; mit Entschlossenheit und regem Eifer machte sie Anstalt, daß
der Verwundete schnell auf seine Kammer und in das Bett gebracht wurde.
Sie bat den Wirth, einen Boten nach dem nächsten Wundarzt zu schicken
und verhieß die reichlichste Belohnung.
„Das wollen wir unterlassen, und zwar aus recht guten Gründen;“
-- sagte der Wirth mit kaltem Gleichmuthe: -- „Es wird nur so ein
Fleischpuffer sein und den weiß meine Frau vielleicht besser zu
behandeln, als ein Wundarzt. Sie hat sich in derlei Heilung recht
tüchtig eingeschossen, und ich höre sie schon die Treppe herauf
klappern. Gleich werden wir hören, was an der Sache ist.“
In diesem Augenblick trat die Wirthin in die Kammer, nahm Lips Tullian
das blutige Tuch ab, wusch die Wunden aus, untersuchte sie genau und
erklärte, daß keine gefährlich und dessen Blässe und Schwäche nur die
Folge des Blutverlustes und des langen Ganges sei. Mit weicher, geübter
Hand legte sie einen Verband auf und versprach sich von dem Schlafe, in
welchen Lips Tullian während ihrer wundärztlichen Behandlung versank,
die günstigste Wirkung. Sie ermahnte nun Alle, sich zu entfernen;
Mariane erklärte, am Lager des Verwundeten zu wachen.
Schon nach einigen Tagen war Lips Tullian wieder hergestellt, doch sehr
entkräftet. Auf die innig besorgte, jeden seiner Athemzüge belauschende
Freundin sich stützend, ging er in’s Freie. Seine Stimmung war die
eines Mannes, dessen Inneres von einem Geheimnisse unruhig bewegt wird,
der nur durch Mittheilung dieses Geheimnisses wieder Ruhe finden kann
und doch vor der Mittheilung bangt. In tiefem Schweigen und Sinnen vor
sich hinstarrend, ging er an Marianens Arme langsam dem Gebüsche zu,
wo er auf weichem Rasen, von lieblicher Kühle umflossen, sich mit ihr
niederließ.
Da begann Mariane mit sanfter Stimme: „Ich weiß, was Dein Inneres so
heftig beunruhigt; ich weiß, daß Du nicht der bist, als welcher Du
früher mir entgegentratest. Klar wie eine ungetrübte Spiegelfläche ist
mir Dein inneres und äußeres Sein. Offen gestehe ich Dir, daß Schrecken
und Grauen mit kalter, tief verletzender Hand mich rüttelten, als die
Nebelwolke, welche die Wahrheit Deines Lebens so dicht umhüllte, vor
meinem scharfen, tief dringenden Auge zu zerfließen begann und die
nackte, furchtbare Wahrheit mich anstarrte; aber eben so offen sei
Dir gestanden, daß meine Liebe zu Dir zu innig, zu unerschütterlich
ist, um vor dieser gräßlichen Wahrheit zu fliehen. Ist es Dir möglich,
den Pfad, den Du wandelst, zu verlassen, so werde ich täglich auf
meinen Knieen und mit Thränen der süßesten Wonne dem Allmächtigen dafür
danken; stehet es aber im Buche Deines Schicksals mit unzerstörbarer
Schrift geschrieben, dieser Pfad müsse von Dir fortgewandelt werden, so
kann mich nichts von Dir losreißen, und bis an den letzten Hauch ihres
Lebens wird Deine treue, liebende Mariane Dir zur Seite sein!“
Lips Tullian glaubte zu träumen, als er solche Worte hörte. Es war ihm
kein Zweifel mehr, daß Mariane mit seinen wahren Verhältnissen vertraut
sei; sie selbst hatte ihn über die gefürchtete Stelle der Enthüllung
seines Geheimnisses mit freundlicher Hand schnell und wohlthuend hinweg
geleitet, und diese Sprache gab ihm die beglückende Ueberzeugung, daß
die Liebe Mariane mit dem Muthe begeistert, ruhig und fest an der Hand
eines Mannes zu wandeln, dessen Liebe nicht die Gefahren, nicht die
Anstrengungen, nicht die grauenvolle Zukunft überwiegen könne, von
denen sie sich nun an seiner Seite bei jedem Athemzuge umkreiset sah.
Er fühlte sich so sonderbar ergriffen, daß er keine Worte hatte, sie
aber mit Blicken betrachtete, aus welchen ihr seine Ueberraschung,
seine Freude, sein Dank im freundlichsten Lichte entgegen schimmerten.
Frau Bieberich hatte mit ihrem Pseudogesellen Philipp seit dem
Augenblicke, wo er ihr das oldenburgische Mährchen zum Besten gab, in
dem allervertrautesten Verhältnisse gelebt. In einer schlaflosen Nacht
sah sie aus dem Fenster, hörte die Hausthüre leise öffnen und sah eine
dunkle Gestalt mit stillen, flüchtigen Schritten dahin eilen. Das
konnte Niemand anders als Philipp sein, denn außer ihm, ihr und einer
Magd hatte sie gerade jetzt keine Einwohner im ganzen Hause, und der
Geselle lag schon einige Tage krank.
Die Furie der Eifersucht ergriff sie mit ihrer Schlangenfaust, aber
selbst unter den schrecklichsten Qualen dieser Empfindung blieb die
starke Frau an den folgenden Tagen in ihrem bisherigen Benehmen gegen
Philipp sich ganz gleich; sie wollte den Treulosen in den Armen ihrer
Nebenbuhlerin überraschen und sich dann furchtbar rächen. Jede Nacht
lag sie am Fenster in männlicher, dunkler Kleidung, ein scharfes Messer
in der Brusttasche.
So hatte sie einige Nächte geharret, als um Mitternacht die Gestalt
sich wieder aus dem Hause schlich. Auch sie war im Augenblicke auf der
Straße und folgte dem Dahinschreitendem so leise und vorsichtig, daß
er keinen Späher vermuthete.
Philipp, den sie bei der Biegung um eine Ecke, wo das Licht einer
Laterne sein Gesicht beleuchtete, deutlich erkannt hatte, wurde in der
Nähe einer Kirche von zwei Männern empfangen, mit denen er sich, so
rasch und aufmerksam Mariane ihm gefolgt war, plötzlich verlor.
So ging es noch öfters, und jederzeit an einer Kirche war er ihren
scharfen Blicken wie verschwunden.
Sie selbst, um dem Geliebten jede Bequemlichkeit zu bereiten,
besorgte sein Wohnzimmer. Eines Morgens, als Philipp eben in dem
Scheingeschäfte seiner Werkführerstelle ausgegangen und Mariane mit
der Reinigung seines Wohnzimmers beschäftigt war, bemerkte sie, daß
am Schlosse des Faches, worin er sein Geld und sein Bestes bewahrte,
der Schlüssel stecke. Im Augenblicke kam ihr der Gedanke, dieses Fach
genau zu durchsuchen, ob es nicht Briefe von irgend einer Nebenbuhlerin
enthalte. Sie fand keine Briefe, wohl aber Stücke Gold, Silber, mehrere
gute Steine und noch Manches, was deutliche Spuren trug, einer Kirche
angehört zu haben.
Das schon länger umlaufende Gerücht von bedeutendem Kirchenraube,
Philipps Ausgehen in tiefer Nacht, seine Zusammenkünfte, sein
Verschwinden in der Nähe von Kirchen und diese Trümmer von kostbaren
Kirchengeräthen -- alles, alles war inhaltreich, war bezeichnend
genug, um durch dieses die bis zur Ueberzeugung rasch sich gestaltende
Vermuthung zu erregen: Philipp sei mit einer Räuberbande verbrüdert.
In der Folge fand sie in diesem Fache mittelst eines Nachschlüssels,
den sie aus Neugierde sich verschaffte, Gold und Silberzeug mit
gräflichem Wappen, das Portrait einer Dame in Brillanten gefaßt,
werthvolle Hals- und Armbänder, mehrere Ringe mit Edelsteinen und
erkannte unter diesen Gegenständen so manche als jene, die in dem
öffentlichen Verzeichnisse der aus den gräflichen Palästen und den
Kaufgewölben geraubten Gegenstände sehr kennbar bezeichnet waren.
War auch das innere und äußere Leben dieser Frau seit früher
Jugend nicht ein Gebilde der reinsten Tugend, der unentweihtesten
Sittlichkeit, des edelsten Zartsinnes, so hatte sie doch immer so
gelebt, daß sie auf die Achtung, auf das Vertrauen guter Menschen
Ansprüche machen durfte. Nie hatte sie sich den leisesten Wunsch nach
ungerechtem Besitze fremden Eigenthums erlaubt; sie haßte nichts so
sehr, als die Bevortheilung, die Beeinträchtigung eines Menschen, und
durch sie war manche gewissenlose Rechnung ihres geldsüchtigen Gatten
ausgeglichen.
Und diese Frau beherrschte so schnell ihr Erschrecken, ihren
Abscheu, alle die schwer verletzten Empfindungen, welche sie bei der
Ueberzeugung, Lips Tullian sei ein Räuber, schauderhaft ergriffen
hatten. Nur Eine qualvolle Stunde bereitete ihr diese Ueberzeugung. Die
Gegenwart mit dem schrecklichen Gefühle der tiefsten Selbsterniedrigung
der verlornen Ehre, des sündhaften Vereines mit einem Diebe, mit
einem Kirchenräuber, die Zukunft mit dem gräßlichen Bilde dieses
Verbrechers im unterirdischen Gefängnisse, in klirrenden Ketten, auf
dem Blutgerüste versanken immer tiefer in den Wogen ihrer unbezähmbaren
Leidenschaft für diesen Mann, für den ihr ganzes Wesen zu einer
unzerstörbaren Flamme der allerheftigsten Neigung geworden war.
Lips Tullians längerer Aufenthalt in dieser einsamen Grenzherberge,
sein geheimnisvolles Treiben mit Leuten von verdächtigem Aussehen,
ihre auffallend fremdartige Sprache, die Verwunderung und der Bündel
mit Geld, silbernen Löffeln, Hutschnallen und einer goldnen Uhr, den
Mariane in Philipps Rocktasche fand, sagten ihr zur Genüge, wie sehr
Philipp das in Prag geübte Handwerk auch hier übe.
Und doch schauderte sie nicht zurück. Die Unglückliche war taub für
jeden Zuruf des Gewissens, der Tugend, der Menschenwürde; sie hörte nur
die Sirenentöne der Leidenschaft, der Sinnlichkeit, und, alles Bessere
in sich zerbrechend, nicht vor den dunkeln Windungen der Zukunft
bangend, gab sie sich mit entzügeltem Gemüthe dem wilden Strome ihrer
Leidenschaft hin.
Lips Tullian, der mit einer wirklich sehr heftigen Neigung an dieser
Frau hing, war nun unbeschreiblich glücklich, sie in sein Geheimniß
eingeweihet und ihre Liebe zu ihm so tief gewurzelt zu sehen. Nun
hielt ihn nichts mehr in dieser Gegend fest, um so mehr als Hentzschel
und Lehmann von ihrem Kundschaftszuge nach Sachsen mit sehr günstigen
Nachrichten zurückgekehrt waren. Sarbergs künstliche Feder und
Siegelfabrikation wurden wieder in Anspruch genommen. Ein Paß, ein
Trauschein gingen aus seiner betrügerischen Hand hervor, und als ein
ehrbarer Bandkrämer mit seiner eben so ehrbaren Ehefrau zog Lips
Tullian in das Sachsenland. --
XX.
Der Raub des Brautschatzes der jungen Gräfin von Beuchling.
So oft er einen Schatz erspähte, wie flammte
Lüstern sein Auge! wie tobte sein Herz! wie schwellt ihm den Busen
Blut- und Beutebegier!
~Kosegarten.~
Es war nicht mehr die kleine Gesellschaft, aus Sarberg, Schöneck,
Eckold, Schickel, Lehmann und Hentzschel gebildet, welche Philipp
als Häuptling befehligte; mehr als hundert Gauner, Diebe, Räuber,
Mordbrenner und Mörder hatten schon in den ersten Monaten seiner
Ankunft auf sächsischem Boden zur Fahne des mächtigen Lips Tullian
geschworen.
Er gab der Bande militärische Eintheilung, formirte sechs Corps,
stellte jedes unter die Befehle eines der benannten Vertrauten, und
nannte die Bande, über die er selbst den Oberbefehl führte, die
schwarze Garde.
Bald ward dieser Name in Sachsen nur mit Bangigkeit und großen
Besorgnissen genannt, der Name Lips Tullian war der Schrecken des
Landes. Einbrüche in Kirchen und Häuser, Ausplünderung der Reisenden,
Angriffe auf Postwagen, Gelderpressungen durch Drohbriefe und
Brandstiftungen reiheten sich in himmelschreiender Folge.
Die Bande war im ganzen Lande vertheilt, Lips Tullian mit Mariane
größentheils auf Kundschaft, wo sein Handel mit Bändern und den
damals so beliebten italienischen Waaren, seine geschmackvolle,
feine Kleidung, sein gebildetes Betragen ihm Zutritt in den besten
Häusern verschafften, deren Verhältnisse in klingender Beziehung, so
wie Gelegenheit zum Einbruche genau zu erforschen, ihm bei seiner
Schlauheit keine schwierige Aufgabe war.
In einem Umkreise von einigen Meilen hatte er seine Niederlage in
vertrauten Häusern, wo er von Woche zu Woche von seinen Unteranführern
Nachricht über die Geschäfte der Bande, über ihre künftigen
Unternehmungen erhielt. Gab es einen Angriff oder Einbruch, wo
Tollkühnheit an der Spitze stehen mußte, so eilte er dahin, überzeugt,
daß seine Gegenwart und sein Beispiel auch den Feigsten seiner Gesellen
ermuthigte.
Mehr als ein Jahr hatte er unter den größten Anstrengungen hingebracht,
jetzt wollte er sich einige Ruhe gönnen. Er übergab Sarberg das
Obercommando, und ging mit Mariane nach Dresden, wo er eine abgelegene
Wohnung bezog, zwar zurückgezogen lebte, dabei aber sich in seiner
häuslichen Zurückgezogenheit einem schwelgerischen Wohlleben hingab.
Die Ruhe behagte ihm nicht lange; er hatte sich zu sehr an eine
verbrecherische Regsamkeit gewöhnt. Es war das Erste, daß er Häuser
auskundschaftete, worin verbotene Spiele um hohes Geld getrieben
wurden. Er wußte in solche Häuser sich Eingang zu verschaffen, und man
empfing den anständigen Fremden mit seiner gefüllten Goldbörse recht
freudig.
Lips Tullian verlor und gewann in der ersten Zeit, doch immer so, daß
der Verlust den Gewinn weit überstieg. Als er die Spieler recht sicher
gemacht hatte, ließ er seine Spielkünste ins Leben treten, und ging
nie, außer wenn er es aus Klugheit mäßig machte, vom grünen Tische,
ohne die Goldstücke der Spielgesellschaft mit den seinigen vereint zu
haben.
Vor dem Anfange des Spieles unterhielt eines Abends Herr von Cotitz
die Anwesenden von dem bedeutenden Brautschatze der jungen Gräfin
von Beuchling und nannte ihn einen fürstlichen. Lips Tullian brannte
die Erde unter den Sohlen; er spielte kopflos, da ihn die Begierde
nach diesem fürstlichen Mahlschatze zu sehr bemeisterte. Noch war die
Spielzeit zur Hälfte nicht verflossen, als er schon über 100 Dukaten
verloren hatte.
Der Verlust machte ihm keine bittere Laune, er freute sich vielmehr
darüber, da ihm dadurch Gelegenheit wurde, das Spiel zu verlassen,
mit Cotitz, der im Nebenzimmer bei einer Flasche Wein allein saß, zu
sprechen, ihn auszuforschen, und dann seinen Plan zu bilden. Cotitz
plauderte in seiner Redseligkeit alles, was Philipp wissen wollte,
recht ausführlich aus, und sein listiger Zuhörer schied in der größten
Zufriedenheit von ihm.
Ohne Gehülfen konnte Lips Tullian nicht zum Ziele kommen, er brauchte
nur wenige, aber Leute von feinster Schlauheit und erprobtem Muthe. In
Dresden war nicht einer von der Bande gegenwärtig, durch den er die
nöthigen Gesellen hätte berufen können.
[Illustration: Die Theilung der Beute im Walde.]
Mariane erbot sich gleich zu diesem Geschäfte. Mit ihrem Bandkasten auf
dem Rücken eilte sie gleich nach Oeffnung der Thore aus Dresden, und
bald kehrte sie mit Sarberg, Schickel, Lehmann und Eckold zurück, die
ihr einzeln und in verschiedenen Verkleidungen gefolgt waren.
Der Brautschatz der jungen Gräfin war im Beuchlingschen Palaste
in einem Gemache aufbewahrt, das im obersten Geschosse und in der
Mitte von zwei Zimmern lag, wovon eines von dem Hofmeister mit
seinen gräflichen Zöglingen, das andere von dem Jäger und dem Koche
bewohnt war. Und aus dieser Umgebung heraus holten sich die Räuber
die Chatoulle mit der reichen Aussteuer in Gold und ein aus Silber
geflochtenes Körbchen, worin der Schmuck lag, der einen Werth von
60,000 Thalern hatte.