In der einsam gelegenen Schenke am Sand, nicht ferne von der

sächsisch-böhmischen Grenze, zechten drei Männer, aber nicht unter

traulichem Geplauder, sondern bei lärmendem Gezänke. Der Wirth schaute

aus dem niedrigen Fenster nach allen Richtungen, als wolle er neue

Gäste erspähen, oder diese da gegen neugieriges Gehorche schützen.

„Heim Dich,“ -- rief der Wirth dem lautesten Schreier zu und schloß das

Fenster -- „ein Aurech reibt an!“[15] --

[15] „Schweige! Ein Fremder kommt!“ (dieses und das folgende ist

aus der rothwälschen, auch Gauner-, _vulgo_ jenischen Sprache.)

Ein hochgewachsener, schöner Mann, den weiten Mantel um sich geschlagen

und die Mütze tief in die Stirne gedrückt, trat ein, maß Wirth

und Gäste mit einem langen, scharfen Blicke, setzte sich an einen

Nebentisch und forderte ein Glas Branntwein. Von der Seite schielten

die drei Gäste auf den Fremden hin, und der abgehende Wirth gab ihnen

einen bedeutenden Wink.

„Nun, Kamernschen, warum plötzlich so beducht?“[16] -- redete sie der

Fremde, gleichsam höhnisch lächelnd, an. „Schon von weitem logte ich

n’ Hamoren, als schefte ’s Uschbescheder voll Krächlingsfehlinger, und

jetzt scheft euch ’s Merkelspiel verstiftelt. Charpenet ihr euch vor

meinem Bekan sein?“

[16] „Nun, Kameraden, warum plötzlich so stille? Schon von weitem

hörte ich einen Lärm, als wäre die Stube voll Zahnbrecher, und

jetzt ist euch der Mund verstopft. Scheuet ihr euch vor meiner

Gegenwart?“ --

Die Männer sahen sich an und schwiegen.

„Nun, bestieb’ ich Tschuve oder lau?“[17] donnerte ihnen der Fremde zu.

[17] „Nun, bekomme ich Antwort oder nicht?“ --

„Meint der Herr uns?“ fragte der eine, ihn flüchtig und unfreundlich

anschauend.

„Könnt ihr noch fragen? Gegen Leute anderer Art würde ich wohl nicht ’s

koschemer Loschem[18] gebrauchen,“ -- erwiderte der Fremde in recht

verächtlichem Tone.

[18] Die Gaunersprache.

„Was ihr da gesprochen habt,“ -- fuhr ein Anderer auf und maß ihn mit

drohenden Blicken -- „verstehen wir nicht. Es mag wohl eine recht

saubere Sprache sein; wir aber sind ehrliche Leute, die sich damit

nicht befassen, und jetzt Euch zur Erklärung Eurer zweideutigen Rede

auffordern.“ --

„Armselige Wichte, ihr wollt mir eine Erklärung abfordern?“ sprach der

Fremde mit höhnischem Gelächter. -- „Leute eueres Gelichters müssen

sich geehrt fühlen, wenn ich sie meiner Ansprache würdige.“

Rasch sprangen die Männer auf, und die funkelnden Augen, die wild

verzerrten Gesichter und die geballten Fäuste verkündigten den nahen

Ausbruch von Thätlichkeiten. Ruhig und fest blickte der Fremde den

Ergrimmten entgegen, die der Wirth durch einige, ihnen zugeflüsterte

Worte schnell beschwichtigt hatte.

„Wirklich, für Gauner und Buschklepper seht ihr, dem Anzuge nach,

zu reputirlich aus,“ -- fuhr der Fremde mit kalter Ruhe fort; „aber

ihr sollt zur Ueberzeugung kommen, daß ich euch und euer Treiben und

Walten besser kenne, als ihr glaubt. Einen wehrlosen Handwerksburschen

niederzuschlagen und ihm das Felleisen zu rauben; ein Paar Schafe zu

stehlen, in die Fenster eines abgelegenen Hauses zu steigen, worin

Niemand als ein krankes Weib und ein Paar Kinder wohnen; im recht

dichten Volksgedränge eine Uhr, eine Tabakspfeife, ein Sacktuch zu

mausen: das sind die Heldenthaten, deren ihr euch zu rühmen habt.

Auf eine höhere Stufe schwang sich bisher Euer Witz und Euer Muth

nicht. Wäret Ihr nicht ein gar so erbärmliches Gesindel, ein so feiges

Kleeblatt, so wären schon die 3000 Thaler, welche der Müller von

Eimbeck vor Kurzem geerbt und in seinem Keller verwahrt hat, bereits in

eurer Tasche. Tag und Nacht sinnt Ihr und der armselige Wirth da auf

diesen Fang, aber umsonst, denn ein leeres Gehirn und ein jämmerliches

Hasenherz müssen nur immer im Staube kriechen.“

Das war für den Wirth und seine Gäste zu viel. Sie sahen sich erkannt;

sie befürchteten alles von einem Manne, der von ihrem Treiben und ihren

Plänen so genau unterrichtet war. Hastig flüsterten sie unter einander,

der Wirth riß ein Fenster auf, schaute nach allen Seiten und winkte

ihnen. Sie sprangen auf, mit gezogenen Messern, zum raschen Todesstoße

bereit.

Dem Fremden war das gefährliche Flüstern und Winken nicht entgangen. Im

Augenblicke ward der Mantel zurückgeschlagen und die Mündungen einer

gespannten Doppelpistole droheten ihnen entgegen.

„Zurück, die Messer zur Erde, die Köpfe entblößt[19]!“ schrie ihnen der

Fremde mit wild rollenden Augen und in der stolzesten Haltung zu. „Ich

~Lips Tullian~ gebiete Euch rasche Unterwerfung!“

[19] Hierzu die Abbildung im dritten Hefte.

Die Messer klirrten zur Erde nieder, Hüte und Mützen flogen von den

Köpfen; Schrecken und Freude drückten sich auf den Schelmengesichtern

in starken Zügen aus. Einer schlich näher, und betrachtete den

Fremden mit scharf prüfendem Auge. „Ja, so hat Dich der rothe Jonas

beschrieben, der in Schlesien unter Deiner Bande war, ja Du bist Lips

Tullian!“ rief er und warf jauchzend die Mütze an die Decke.

„Es lebe Tullian, er sei unser Bonherr[20]!“ brüllten die Unholde.

[20] Hauptmann, Anführer.

[Illustration: _L. Oeser in Neusalza._

Lips Tullian in Lebensgefahr.]

XIV.

Eine neue Räuberbande.

Banditen sind’s und Rudolph ist ihr Hauptmann.

~Th. Körner.~

Nach seiner Flucht aus der Köhlerhütte im Trebnitzer Walde hatte Lips

Tullian, wie wir wissen, den Weg nach der sächsisch-böhmischen Grenze

eingeschlagen. Im Anfang wanderte er nur des Nachts und kaum von mehr

als frischem Quellwasser und Waldfrüchten lebend, bis er später, sich

nunmehr sicherer wähnend und nichts mehr für sich fürchtend, auch den

Tag zu seiner Wanderung zu Hilfe nahm. Im Ganzen aber blieben der Nacht

seine Hauptmärsche aufbewahrt und den größten Theil des Tages brachte

er mit Schlafen und Ausruhen in den Wäldern zu.

Da traf es sich, daß er nahe an der Grenze in den dichtbelaubten Aesten

einer stattlichen Eiche übernachtete. Bald nach Tages Anbruch hörte

er am Fuße seiner grünen Lagerstätte sprechen. Leise bog er die Zweige

aus einander und sah unter sich drei Männer stehen, deren Aussehen,

noch mehr aber ihr Gespräch in rothwelscher Sprache ihm gleich ihr

Handwerk verrieth. Sie erzählten sich mit rühmender Redseligkeit ihre

armseligen Gaunerstückchen, sprachen von dem vielen schönen Gelde auf

der Eimbecker Mühle, mit der offenherzigen Erklärung, den Einbruch

nicht zu wagen, und entfernten sich, noch immer in Klagen ausbrechend,

solch’ einem herrlichen Fange entsagen zu müssen.

Bei seinem Eintritte in die Waldschenke am Sande erkannte Philipp das

Kleeblatt auf den ersten Blick. Die feigen Wichte würden an ihm zum

Mörder geworden sein, hätte sie nicht der, auch in den böhmischen

Wäldern schon hochgefeierte Name: „Lips Tullian“ niedergedonnert.

„Ihr habt mich zu Euerm Bonherrn erhoben,“ begann Philipp, die

zahlreiche Bande, aus einem Diebshehler und drei armseligen

Schnapphähnen gebildet, mit dem Lächeln des Spottes beschauend --

„wohlan, ich will es sein, wenn Ihr Euch verpflichtet, mir Bursche zu

werben, auf deren Köpfe und Muth hin man etwas Großartiges unternehmen

kann. Kennt Ihr solche Kumpane?“

„Daran möchte es wohl nicht mangeln,“ erwiederte der Eine. „Gerade

jetzt hausen in dieser Gegend der Sarberg, auch Studenten-Fritz

genannt, der Schickel, _vulgo_ Brettbauer, Christian Eckhold, auch der

schöne Böttiger heißend, ferner Hans Wolf Schöneck, Daniel Lehmann und

der Kolmitzer Schneider Michael Hentzschel.“

„Ich erinnere mich,“ fiel Lips Tullian ein, „schon vom schwarzen Wenzel

diese Namen mit großem Lobe nennen gehört zu haben. Warum macht Ihr

nicht Gemeinschaft mit so wackern Leuten?“

„Offenherzig zu Dir gesagt, edler Tullian, darüber liegt die Schuld

nicht an uns“, entgegnete der Gefragte ganz kleinlaut, „denn ich

und meine Kameraden hier sind zu ihnen gegangen, haben ihnen unsere

Gesellschaft angeboten, auch unter Sarbergs Commando einige Zeit

mithanthieret; aber die Herren sind gar hochmüthig, halten zusammen,

wie englische Kitte, schoben uns vor, wo die Baldoverei[21] oder das

Kettenschieben[22] am gefährlichsten war, gaben nun vom besten Fange

nur so etwas auf dem Spänchen, und zuletzt handgreiflich zu verstehen,

daß wir ihnen überflüssig seien, weil wir nicht immer Lust hatten, an

halsbrechenden Geschäften Antheil zu nehmen.“

[21] Ausspähung, Spioniren.

[22] Einbrechen bei Nacht.

„Der Löwe ekelt sich in der Gemeinschaft mit den Hasen,“ lachte

Lips Tullian den Offenherzigen zu. „Ich will Euch unter mir dulden,

auch leichte Arbeit und Verdienst geben, wenn Ihr mir einen dieser

wackern Bursche verschafft. Nennt meinen Namen, und Keiner wird Euch

zurückweisen.“

„Laß mich dafür sorgen,“ sprach der Wirth. -- „Ich kenne die Chochemer

Penne[23], wo Sarberg und Hentzschel in jeder Woche zusprechen. Sie

liegt nur vier Meilen von hier, und Nachmittags reite ich hin. Ich

stehe Dir dafür, Lips, daß, wenn sie nicht gerade jetzt tiefer ins Land

gegangen sind, Du noch in dieser Nacht, oder längstens in der folgenden

mit den Beiden zur Unterredung kommst. Bis dahin soll es Dir in meinem

Hause an guter Speise und gutem Getränke nicht mangeln, auch wirst Du

Dich nach Ruhe sehnen. Ich kann Dir ein herrliches Bett in einer Kammer

anbieten, wo Du vor Entdeckung sicher bist, wenn auch das ganze Haus

von Schodern[24] durchstöbert würde.“

[23] Diebesherberge.

[24] Gerichtsdienern.

Willig nahm Lips Tullian das Anerbieten an. Er warf dem saubern

Kleeblatte ein Paar Thaler zum Vertrinken hin und ging mit dem Wirthe,

der ihn nach einer kleinen Stube führte, die so versteckt lag, daß ihr

Auffinden auch wohl bei der genauesten Hausuntersuchung schwerlich

gelungen wäre.

XV.

Der Einbruch in der Eimbecker Mühle.

In dunkler Nacht

Da kommet sacht

Die Schaar der Verweg’nen geschritten,

Sie dringen in’s Haus mit wilder Gewalt,

Zurück von den ehernen Herzen prallt

Der Armen Flehen und Bitten.

~Gabert.~

Lips Tullian blieb hier in dieser Schenke mehrere Monate. Durch die

Bemühungen des Wirthes wurde er zuerst mit dem Studentenfritz und dem

berüchtigten, wilden Hentzschel bekannt. Es war dies ein würdiges

Kleeblatt, das sich ihrer gegenseitigen Bekanntschaft nicht genug

erfreuen konnte, und welches wohl geeignet war, bald der Schrecken und

das Entsetzen einer jeden Gegend zu werden. Diese Beiden führten ihrem

neuen Anführer nun auch noch die andern berühmtesten Gauner und Räuber

zu, welche es in Sachsen gab; darunter waren die vorzüglichsten und

bekanntesten: ~Schöneck~, ~Eckholdt~ (der schöne Böttcher),

~Schickel~ (der Brettbauer), und ~Daniel Lehmann~.

Es wurden von diesen würdigen neuen Genossen Lips Tullians viele

Berathungen gepflogen und Pläne geschmiedet, auch kleine Einbrüche

gethan, aber nach Lips Tullians Plan wollte diese neue Bande diese

Gegend und Sachsen, -- wie sie sich ausdrückten -- vorerst noch

~schonen~, und sich für spätere Zeiten aufsparen. Deshalb hatten

sie beschlossen, alle nöthigen Zurüstungen zu einer größeren Reise

zu machen, ihre Kassen reichlich mit Gelde zu versehen, sich falsche

Legitimationen zu fabriciren und dann, wenn alles gehörig vorbereitet

wäre, nach ~Prag~ aufzubrechen, wohin sie dann den Schauplatz

ihrer Thaten zu verlegen gedachten. Lips Tullian hatte seinen neuen

Genossen die Reichthümer dieser Stadt mit so lockenden Farben

geschildert, daß alle mit Begeisterung und Sehnsucht dem Augenblicke

entgegensahen, wo sie dort ihre Thätigkeit würden beginnen können.

Vorerst aber sollte noch zur Füllung ihrer Kassen ein Einbruch in die

Eimbecker Mühle statthaben, wo, wie sie wußten, ein Schatz von 3000

Thalern zu heben war.

Der Wirth und jene drei armseligen Schlucker, welche Lips Tullian

zuerst in der Schenke auf dem Sande hatte kennen lernen, machten die

Kundschafter.

Es war eine stürmische, regnerische Nacht, welche zur Ausführung ihres

Vorhabens bestimmt war. Die Mühle lag einsam in einem umwaldeten Thale,

einige hundert Schritte von den übrigen Häusern des Dorfes entfernt.

Der Wirth mit seinen drei Kumpanen machten die Wachen, von allen Seiten

waren sie um das Haus herum in der Ferne aufgestellt, um alle Störung

zu beseitigen und jeden unwillkommenen etwaigen Ueberfall bei Zeiten

den übrigen Räubern zu signalisiren.

Lips Tullian machte hier für seine neuen Genossen sein Probestück.

Mit seltener Umsicht hatte er alle Anstalten getroffen und an ein

Mißlingen des Unternehmens war daher so leicht nicht zu denken!

Die Müllersfamilie bestand aus ihm, einem alten Manne, einem

erwachsenen Sohne, der aber verreist war, der Ehefrau des Ersteren

und vier Mühlknappen. Es war bei solcher Anzahl zu erwarten, daß ein

heftiger Widerstand geleistet werden würde; diesen so wenig schädlich

als möglich zu machen, war daher die schwierige Aufgabe, welche sie zu

lösen hatten.

Mit Leitern stiegen die mit der Gelegenheit des Hauses wohl

vertrauten Räuber, Lips Tullian voran, in das erste Stockwerk ein;

die Fensterscheiben waren schnell und ohne alles Geräusch zerbrochen,

die Fenster erbrochen und die Räuber befanden sich im Hause, ehe noch

Jemand ihre Anwesenheit nur ahnte.

Zuerst begaben sich nun hierauf die Räuber in das Schlafgemach des

Müllers, den sie mit seiner Frau nach kurzem Widerstande, und ehe

dieselben nach Hilfe rufen konnte, banden und knebelten und hierauf

beide als unschädlich im Bette liegen ließen.

Dann ging es zu der Schlafstätte der vier Mühlknappen. Hier hatten

aber die Räuber einen schweren Stand, denn diese waren von dem Lärmen

wach geworden und kamen, bewaffnet mit Stöcken und alten Degen, ihnen

entgegen. Es entspann sich ein ernster Kampf, der leicht für die Räuber

hätte gefährlich werden können; aber Lips Tullian ersah sich einen

günstigen Augenblick, unterlief den Kühnsten von den Feinden, packte

ihn, warf ihn zu Boden und stieß ihm sein Messer in die Kehle. Die

andern wurden ebenfalls bald niedergeschlagen. So gab es also nun zwei

Leichen und zwei zum Tode Verwundete, während einige von den Räubern

nur leicht verletzt waren.

Diese begaben sich nun in den Keller, wo der Müller sein Geld

aufbewahrt haben sollte; doch so aufmerksam sie auch suchten und das

Oberste zu Unterst drehten und wendeten und umgekehrt, sie fanden

nirgends das Gesuchte und auch nirgends nur eine Spur davon.

Wüthend hierüber gingen sie zu dem Müller zurück, schleppten ihn,

da er nicht gestehen wollte, wo er seinen Schatz verborgen habe,

in den Keller und nöthigten ihn durch Schläge und Messerstiche,

ihnen denselben endlich anzugeben. Er war verscharrt und mußte erst

ausgegraben werden. In einer schweren hölzernen Kiste wurde er endlich,

als schon fast der Morgen tagte, gehoben und mit ihm flüchteten nun die

Räuber in Sicherheit. Der Müller blieb halb todt im Keller zurück.

Bei der Theilung fand man, daß die Beute größer war, als man gehofft

hatte; es fanden sich über 4000 Thaler in der Kiste. Nun hatten sie die

Mittel, ihre Reise nach Prag anzutreten, was denn auch in einigen Tagen

geschah. Es war dies aber auch die höchste Zeit, denn der Einbruch

in der Mühle und die Ermordung der Mühlknappen hatte die Justiz auf

die Beine gebracht, welche ein Commando Landdragoner in diese Gegend

absandten, um alles verdächtige Gesindel aufzugreifen und auf die

Räuber zu fahnden.

Die Soldaten kamen eben daselbst an, als in der Nacht vorher Lips

Tullian mit seinen Genossen sich über die böhmische Grenze begeben

hatte.

XVI.

Lips Tullians und seiner Genossen Ankunft in Prag.

Es zieht die Räuber-Rotte

Hinaus in alle Welt,

Und dreimal weh den Fluren,

Wo grimmig ein sie fällt.

~Döring.~

Im langen, blauen Oberrocke, das Haar schlicht zurückgekämmt, ein

Felleisen auf dem Rücken, stand Lips Tullian mit gezogenem Hute und

in demüthiger Stellung unter dem Thore von Prag vor dem gestrengen

Visitator, der die Kundschaft des einwandernden Schlossergesellen,

Philipp Mengstein aus Oldenburg, bedächtig durchlas, die

Personal-Beschreibung und das Original mit viel geübtem Auge verglich

und dann durch Handschrift und Siegel die Einwanderung in die Stadt und

das Suchen nach Arbeit amtlich bewilligte.

Es war ein Kunststück Sarbergs, des gewandten Copisten und

Siegelstechers, wodurch Lips Tullian mit einer Aufweisung ausgestattet

wurde, welche selbst in Oldenburg als ächt würde gegolten haben. Lips

Tullian ging nicht allein durch die Thore von Prag; auch Sarberg,

Schöneck, Eckhold, Schickel, Lehmann und Hentzschel zogen einzeln

in Prag ein, jeder als ein Mitglied irgend eines Gewerbes und durch

Sarbergs künstliche Hand mit einem passenden Documente versehen.

Alle fanden und erhielten Arbeit; Lips Tullian trat bei einer

Schlosserwittwe als Geselle ein.

Hatte Philipp, so hieß hier Lips Tullian, auch früher zu Straßburg von

seinen Freunden unter der Schlosserinnung so manches abgesehen und

erlernt, was ihn, wäre er darin fortgefahren, zu einem geschickten

Arbeiter gemacht hätte, so war doch durch Mangel an Uebung und

Vervollkommnung jetzt sein Wissen nicht auf einer höhern Stufe, als

der eines Lehrjungen. Bald überzeugte sich Frau Bieberich, seine

Meisterin, daß sie an dem Oldenburger eine spottschlechte Acquisition

gemacht habe, denn der Pseudo-Oldenburger war in seiner Profession

beinahe weniger als ein Stümper, dabei arbeitsscheu und lieber in der

Gesellschaft seiner liebenswürdigen Meisterin, als vor dem Ambos.

Die Kunden wurden täglich weniger, die Einnahmen geringer und Frau

Bieberich, bei ihrem sehr belebten Geschäfte eines sehr fleißigen,

kunsterfahrnen Gesellen höchst bedürftig, erklärte dem beinahe

unbrauchbaren Philipp schon nach einigen Wochen, daß er sein Bündel zu

schnüren und sich sonst wo Arbeit zu suchen habe.

Wittwe Bieberich, eine junge, schöne Frau, war lebenslustig, aß und

trank gern gut, liebte den Putz und zürnte nicht, wenn ein hübscher

Mann sich ihr traulich näherte und ihren Reizen huldigte.

Philipp hatte sie ganz durchschauet und durfte aus ihrem Benehmen die

volle Ueberzeugung schöpfen, von ihr sehr ungern und nur deswegen aus

der Arbeit gewiesen zu werden, weil er als Handwerker nicht das leisten

konnte, was das Geschäft forderte.

Für Philipp war das Austreten aus diesem Hause die allerfatalste Sache.

Frau Bieberich genoß einen guten Ruf, er hatte sich unbescholten

betragen, dadurch das Vertrauen seiner Meisterin und der Nachbarschaft

gewonnen, durfte also versichert sein, so manchen seiner Raubpläne in

dieser Stadt auszuführen, ohne daß man in ihm nur einen Mitwisser der

Verbrechen ahnen möchte.

Er mußte in diesem Hause bleiben, um seine Stückchen, die er aus kluger

Vorsicht bisher unterlassen hatte, mit Sicherheit beginnen und treiben

zu können; er durfte auch nicht länger säumen, da seine Genossen, der

langen Unthätigkeit überdrüssig, größtentheils vom Gelde entblößt waren

und ihm bei ihrer letzten geheimen Zusammenkunft in einer liederlichen

Winkelkneipe mit derbem Fluche erklärt hatten, sich von ihm loszusagen

und auf ihre Rechnung Geschäfte zu machen. Er schritt nun an’s Werk. --

XVII.

Die schöne Schlosserswittwe.

Es braust die Leidenschaft in aufgeregten Wellen:

Das ihnen anvertraute Schiff

Wird an dem scharfen Felsenriff

Die aufgestürmte Wuth erbarmungslos zerschellen.

~Tiedge.~

„Wertheste Frau Bieberich,“ -- begann Lips Tullian an dem ihm gegebenen

Feierabende[25], als er mit der Meisterin ganz allein und vor Störung

sicher war, -- „ich muß Ihnen nun reinen Wein einschenken, und daß

ich es in meinen Verhältnissen thue, werden Sie bald als einen Beweis

meines Vertrauens anerkennen.“

[25] In der Handwerkssprache bezeichnet der Ausdruck: „Feierabend

geben“ -- die Entlassung aus der Arbeit.

„Ich bin ein Schlosserssohn aus Oldenburg, habe auch die Schlosserei

zu erlernen angefangen, aber darin es nicht weit gebracht. Mein Vater

starb, als ich ein Bursche von 14 Jahren war. Meine Mutter, im Besitze

eines prachtvollen Hauses und eines bedeutenden Capitals, wollte sich

nicht wieder vermählen und ihre Tage in Ruhe hinbringen. Aus manchem

Aerger über die Miethsleute verkaufte sie das Haus und bezog mit mir

eine kleine, angenehme Wohnung. Meine Mutter ist eine herzensgute,

gegen mich, ihr einziges Kind, allzu schwache Frau. Als ein 14jähriger

Bube beherrschte ich sie, ihren Willen, ihre Kasse, that nichts, als

die Reitbahn, den Fechtsaal und die Gesellschaft junger Wüstlinge

besuchen, fand bei meiner gefüllten Börse und meiner oberflächlichen

Bildung auch in vornehmen Häusern Zutritt und wußte mir den Ruf eines

gebildeten, liebenswürdigen Menschen zu erwerben. Das Mutterauge war

von dem Glanze der vornehmen Gesellschaften, in welchen ich mich

froh und gewandt bewegte, zu sehr geblendet, um in ihrem Sohne den

arbeitsscheuen Taugenichts, den Verschwender zu sehen. Sie lebte

äußerst einfach, um von ihren reichen Zinsen mir geben zu können, ohne

daß sie die Kapitale angriff.

Ich hatte das Glück, den reichen Banquier Förten aus einem reißenden

Flusse im Augenblicke der höchsten Gefahr zu retten. Von da an stand

mir sein Haus, sein Herz und seine Börse offen. Sein Sohn sollte

einige Jahre auf Reisen gehen. Ich hatte so sehr das Vertrauen der

Eltern gewonnen, daß sie mich zum Begleiter, gleichsam zum Aufseher

ihres Lieblings erwählten. Beinahe vier Jahre währte unsere Reise, und

ich darf kühn sagen, alle Pflichten, die ich als Aufseher des jungen

Menschen hatte, streng erfüllt zu haben. Erst vor drei Monaten kamen

wir wieder in Oldenburg an.

Während der Dauer unserer Reise wurde eine Nichte des Herrn Förten von

ihm in das Haus genommen. Ich sah die wunderholde Emilie und liebte

sie. Auch sie theilte bald meine Empfindungen und gestand mir unter

heißen Thränen eines gramerfüllten Herzens, daß ein reicher Kaufmann

aus Antwerpen bereits bei ihrem Oheim, der Vaterstelle an ihr vertrete,

um ihre Hand gebeten, und zwar noch keine entscheidende Erklärung

erhalten habe, aber seines Reichthums und guten Rufes wegen der Zusage

sicher sein dürfe.

Emiliens Geständniß erregte meine Eifersucht zur furchtbaren

Leidenschaft. Ich fand in mir keine andere Idee, als daß ich oder mein

Nebenbuhler aus dem Buche der Lebenden gestrichen werden müsse. Meine

Freunde waren zahlreich, größtentheils aus den besten Häusern von

Oldenburg. Ich vertraute ihnen meine Liebe zu Förtens Nichte und die

Bewerbungen des Antwerpners. Die Hitzköpfe, dem hochmüthigen Fremdlinge

das schöne, reiche Mädchen nicht gönnend, fachten die Flamme meiner

Leidenschaft immer verderblicher an. Ich und mein Nebenbuhler geriethen

in einem Caffeehause an einander. Der Streit entzündete sich auf’s

Heftigste. Wir gingen mit zahlreicher Begleitung in den Garten, zwei

Offiziere reichten uns ihre Degen und schon im ersten Gange röchelte

mein Gegner sein Leben im strömenden Herzblute aus.

Die Gesetze gegen das Duell sind im Oldenburgischen äußerst streng.

Der Tod auf dem Blutgerüste oder lebenslängliches Gefängniß wäre mein

Loos gewesen. Vom Kampfplatze floh ich über die Grenze und bezog ein

Stübchen in einem Dorfwirthshause. Meine Freunde hatten mir über die

Leiche hin die Hand zum Schwure gereicht, das Möglichste für mich zu

thun. Schon kamen einige zu mir mit einer bedeutenden Summe in Gold

und mit jenen Papieren, welche mich als wandernden Schlossergesellen

bezeichnen und meine Wanderung sichern. Sie übergaben mir ein Billet

von Förten, worin er mir feierlich versprach, durch seinen Einfluß

meine Verfolgung mittelst Steckbriefe zu hintertreiben; auch enthielt

sein Billet den wohlmeinenden Rath, nach Prag zu gehen und dort in

der Rolle eines Schlossergesellen zurückgezogen zu leben, bis er für

mich Amnestie und freie Rückkehr in die Vaterstadt ausgewirkt habe. Ich

vertauschte die Stutzerkleidung mit dem schlichten Handwerksrocke, hing

das Felleisen auf den Rücken und wanderte unaufgehalten hierher.

Lips Tullian und seine Raubgenossen Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte · 第 7 / 20 段