aber auch der einzige Erbe aller Laster seines Vaters und seiner
Mutter, schon früh zum Bösewichte reifte. Von seinen Eltern durch
Elementarunterricht in der Gaunerei, durch Theorie und beispielvolle
Ausübung zum ausgezeichneten Verbrecher aufgezogen, begann Daniel
seine verbrecherische Laufbahn mit einer That, womit mancher ergrauete
Räuber den Cyclus seiner Verbrechen geschlossen hätte. Daniel war noch
nicht volle sechzehn Jahre alt, als er drei preußische Deserteurs
verleitete, mit ihm eine abgelegene Mühle auszurauben. An der Spitze
seiner Gehülfen erkletterte er auf einer schwankenden Stange ein offnes
Fenster des obern Geschosses, überfiel den Müller und sein Weib,
und erbrach, während seine Genossen die Müllersleute mit Stricken
banden, Truhen und Schränke. Da stürzten die zwei Mühlburschen, mit
Beilen bewaffnet, in die Stube. Es begann ein wüthender Kampf, der
für Daniel um so gefährlicher wurde, da zwei seiner Raubgesellen aus
Feigheit entsprangen. Mit überraschender Schnelle unterlief Daniel
einen der Mühlburschen, stieß ihm das Messer in die Eingeweide, und
riß den andern bei den Haaren zurück. Schnell war der Unglückliche von
Daniels Gefährten getödtet. Mit hochgeschwungenem Beile trat Daniel
vor den gebundenen Müller, und drohete, ihm den Kopf zu spalten, wenn
er nicht gleich gestehe, ob sonst noch Jemand im Hause sei, und wo er
die 500 Thaler verborgen habe, die ihm, den zuverlässigsten Nachrichten
gemäß, erst vor einigen Tagen seien ausbezahlt worden. Der Müller
versicherte aufs Feierlichste, außer seiner kranken Mutter niemand im
Hause zu haben, erklärte auch die Sage von dem ihm bezahlten Gelde für
eine boshafte, von feindlich gesinnten Menschen zu seinem Verderben
ausgesprengte Lüge. Daniel, der sechszehnjährige Bursche, marterte nun
den Müller so unmenschlich und mit solch besonnener Grausamkeit, daß
dieser, der ärgste Geizhals, und für die Erhaltung seines Geldes den
gräßlichsten Mißhandlungen trotzend, doch endlich, fast mit dem Tode
ringend, den Ort angab, wo er das Geld verborgen hatte. Schnell war
es hervor gerollt, und im Angesichte des verzweifelnden Müllers von
den beiden Raubgenossen getheilt, die nun das ganze Haus durchsuchten,
alles, was des Raubes werth war, in Säcke packten, diese auf einen
Karren warfen, zwei stattliche Pferde des Müllers anspannten, und laut
jubelnd vom Hofe fuhren. Auf die unbemerkteste Weise wurde der Raub,
den der Müller bei Gericht auf 1200 Thaler eidlich angab, in Lehmanns
Haus geschafft, der Karren im Walde verbrannt und der Erlös aus den
Pferden dem Preußen überlassen, der sie jenseits der Grenze verkaufte,
und sich bald wieder mit den andern vereinigte.
Daniels Leben war nun eine ununterbrochene Kette der scheußlichsten
Laster und Verbrechen, wodurch er sich solch einen verruchten Ruhm
erwarb, daß Lips Tullian den Eintritt des Daniel Lehmann in seine Bande
mit einer Reihe schwelgerischer Feste feierte, und den würdigen Freund
gleich zu seinem Vertrauten erhob.
XII.
Michael Hentzschel.
Nun, wenn es keinen andern Ausweg giebt,
Mir kommt’s auf einen kleinen Mord nicht an.
~Th. Körner.~
Michael Hentzschel war der Sohn eines Schneiders, und wurde von seinem
Vater dieser Profession einverleibt. Aber wer allenfalls glauben
möchte, Hentzschel, aus einer Schneiderfamilie abstammend, sei als
Knabe ein furchtsamer, demüthiger, sich schmiegender Böhnhase, als
Mitglied einer Räuberbande höchstens ein Patron und nur als feiger
Kundschafter zu gebrauchen gewesen, der möchte wohl etwas Bange haben,
wenn dieser Hentzschel noch sein Wesen triebe, und ihm zu ungewohnter
Zeit die Ehre eines Besuches erweisen würde.
Schon im Kinderröckchen war Hentzschel zu Steina, seinem Geburtsorte,
der Popanz, den alle Kinder nicht nur seines Alters, sondern selbst
erwachsenere, fürchteten und flohen, und zwar wegen seines Raufsinnes
und der Verwegenheit, womit er, der Einzelne, eine zahlreiche Schaar
angriff und um sich schlug.
Als Hentzschel von seinem Vater zu einem Anverwandten nach Gubitz,
einem Dorfe bei Döbeln in die Lehre gethan wurde, mußte ihn sein
Lehrmeister schon nach einigen Wochen wieder in das väterliche Haus
zurück schicken, da in ganz Gubitz kein Knabe war, den er nicht, ohne
alle Veranlassung, angefallen und abgeprügelt hätte, wobei immer seine
muthigsten Gegner am schlimmsten wegkamen, während er den Feigen sein
Uebergewicht nur mäßig zu fühlen gab.
Kaum war sein Vater gestorben und Hentzschel im Besitze des kleinen
Grundstücks, als die Begierde nach einem viel und lustig und frei
sich bewegenden Leben ihn aus seinem beschränkten, mechanischen Seyn
in die Welt hinaus trieb. Schnell war das Grundstück verkauft und
Hentzschel wanderte fort, fest entschlossen, ein ziemlich großes Stück
dieser Erde zu besehen. So lange der geringe Erlös aus dem kleinen
Grundstück seinen Hang zum Wohlleben und zum Genusse sinnlicher
Freuden befriedigen konnte, trieb er sich müßig umher; sobald aber
Geldmangel und Noth, die beten und arbeiten lehren, seinem Müßiggange
entgegen traten, bequemte er sich zu einem Erwerbe, der darin bestand,
daß er bald als Schneidergeselle arbeitete, bald als Hausknecht, als
Lastträger, als Markthelfer sich gebrauchen ließ, aber nur immer so
lange in Thätigkeit sich setzte, bis er so viel erworben hatte, um
einige Zeit wieder müßig umher wandern zu können.
Auf einer solchen Wanderung, bei welcher Hentzschel mit losem Gesindel
immer vertrauter und zum Gauner immer reifer wurde, machte er die
Bekanntschaft eines Invaliden, genannt der Husaren-Bernhard, der mit
seiner Tochter Johanna den größten Theil des Jahres umherzog, zum
Scheine einen kleinen Handel mit Bildern und Spielzeug trieb, doch
einen viel größern Erwerb aus seiner Gewandtheit im Stehlen und aus
den Buhlerkünsten seiner Tochter, ihrem Gesange und Zitterspiele sich
verschaffte.
Johanna, erst siebzehn Jahre alt, und eine jener Gestalten, die
durch das Feuer des Auges, durch hohen, schlanken, üppig geformten
Bau und leichte, rasche Bewegungen des leicht und verrätherisch
bekleideten Körpers so sehr die Sinne aufregen, war eine so feine
Buhlerin, als hätte sie die Schule der erfahrensten und geistreichsten
Hetären durchgemacht. Damit vereinigte sie alle jene verderblichen
Eigenschaften, die im Bereiche der Gaunerei sich glänzend und
früchtevoll hervorthun.
Hentzschel, eingeweihet in die Kunst, Karten und Würfel zu seinem
Vortheile zu benutzen, hatte einige Tage vor seiner Bekanntschaft
mit dem Husaren-Bernhard in einer Waldschenke, mit deren Besitzer er
höchst vertraut war, einen Pächter, einen Müller und drei Bauern,
reiche Kumpane, betrunken gemacht, zum Würfelspiele verleitet, und
ihnen eine baare Summe von 375 Thalern abgewonnen. Kaum hatte er
Johanna gesehen und gesprochen, als er von dem heftigsten Verlangen
nach dem Besitze dieses so lockenden Mädchens hingerissen wurde. Auf
der Stelle bewirthete er Vater und Tochter mit Braten und Wein, machte
ohne alle Einleitung dem Gegenstande seiner entzügelten Begierde
einen Heirathsantrag, beurkundete die vollkommene Fähigkeit der
anständigen Ernährung einer Frau durch seine gerühmte Geschicklichkeit
in der Schneiderarbeit, sprach ohne Scheu von seiner Fertigkeit in
betrügerischem, vortheilhaftem Gebrauche der Karten und Würfel, und
schüttete, zur kräftigen Unterstützung seines Antrages, die reichlich
gefüllte Geldgurte in Johannas Schoos aus. Noch am nämlichen Abend
wurde Verlobung und Hochzeit gehalten, der aber die priesterliche
Einsegnung erst nach einigen Monaten folgte.
So lange Hentzschels Thaler vorhanden waren, lebte die wackere Familie
in Saus und Braus, ohne an einen Erwerb zu denken. Es herrschte unter
ihnen kein Geheimniß mehr, und so war Hentzschel über die moralische
Verdorbenheit seiner Angehörigen, die anfangs recht tugendhaft thaten,
bald im Klaren; doch hütete sich Johanna, ihm zu vertrauen, daß sie
seit ihrem vierzehnten Jahre das Gewerbe einer Buhldirne im Geheimen
treibe. Hentzschel, mit vorherrschender Neigung zu einem müssigen,
schwelgerischen Leben, und mit allen Anlagen, für die bürgerliche
Gesellschaft ein höchst gefährlicher Mensch zu werden, reichlich
ausgestattet, freute sich um so mehr über seine Verbindung mit so
routinirten Leuten, als ihm dadurch Hoffnung ward, bei leichtem und
beträchtlichem Erwerbe sich seinen Neigungen ganz hingeben zu können.
Husaren-Bernhard machte den Vorschlag, irgendwo ein Häuschen zu kaufen,
dort im Winter das Schneidergewerbe zum Scheine zu treiben, in den
günstigen Jahreszeiten aber mit einem Krame von Kinderspielzeug,
Bändern, wohlriechender Seife und andern, besonders auf dem Lande
gangbaren Artikeln weit und breit umherzuziehen, dabei aber
vorzüglich durch Freischupperei und Massematten[11] für ein herrliches
Winterquartier recht thätig vorzuarbeiten.
[11] Betrug und Diebstahl.
Solch ein Häuschen zu finden, wäre eben nicht schwierig gewesen, aber
die Flittertage dieser Titularehe hatten Hentzschels blanke Thaler bis
auf wenige verschlungen. Doch diese Leute waren viel zu erleuchtet und
ideenreich, um wegen Mangels an Baarschaft einem gefaßten Entschlusse
zu entsagen. Nach kurzer Berathung trennte sich das tugendhafte
Kleeblatt, um mit gefülltem Säckel sich wieder zu vereinen. Hentzschel
zog mit dem Reste seines Geldes von einem Wirthshause zum andern und
trieb Karten- und Würfelspiel. Husaren-Bernhard und Johanna wanderten
mit ihren Waaren im Lande umher, stahlen und betrogen auf die feinste
Weise, und Johanna’s Gesang und Zitterspiel lockten so manchen Lüstling
in die gefährliche Nähe dieser Sirene, die aber nicht den Tod der
Bezauberten, sondern nur ihre blanken Thaler wollte.
Nach viermonatlicher Trennung vereinigten sich unsere Wanderer wieder
und hatten durch ihre lasterhaften und verbrecherischen Handlungen
so viel Geld an sich gebracht, das Hentzschel zu Colmnitz ein recht
geräumiges, gut gebautes Haus, dazu das Recht zur Ausübung seiner
Profession erkaufen konnte und noch ein hübsches Sümmchen zur bequemen
Einrichtung übrig hatte. Nun wurde er auch mit Johanna copulirt.
Fünf Jahre hatte Hentzschel die Winter hindurch zum Scheine
geschneidert, die übrige Zeit als wandernder Handelsmann mit
betrügerischem Spiele, Schottenfellen[12], auch manchmal als
Theilnehmer bei leichten Einbrüchen hingebracht, dabei aber in
Colmnitz, wie auch in dessen weiter Umgebung für einen recht wackern
Mann gegolten. Die Wiederkehr der Lerche war immer für Hentzschel der
Aufruf, mit Schwiegervater und Weib zum verbrecherischen Erwerb aus dem
scheinheiligen Stillleben hinzuziehen in das vielbewegte Treiben der
Laster und der Verbrechen.
[12] In Kaufläden und auf Jahrmärkten stehlen.
Das Lied der Lerche ertönte in milder Frühlingsluft und Hentzschel
hatte sich zum Auszuge mit Weib und Schwiegervater bereitet,
als am Morgen der Fortwanderung, da es noch fast dunkel und das
Hentzschel’sche Kleeblatt schon zum Abzuge gerüstet war, zwei
bewaffnete Gerichtsdiener rasch in Hentzschels Wohnstube eintraten, ihm
und dem Husaren-Bernhard Ergebung geboten, Stricke hervorzogen und
Beide zu binden sich anschickten. Hentzschel und sein Schwiegervater,
beim raschen Eintritte der Häscher sich gleich eines im verflossenen
Herbste begangenen Raubmordes erinnernd, sahen gleich ein, daß die
Gefahr für sie groß sei und rasch und kräftig abgewendet werden müsse.
Nur ein Blick, der leiseste Augenwink und sie verstanden sich. In
unglaublicher Schnelle, mit Riesenstärke hatte[13] Hentzschel die
beiden Gerichtsdiener bei der Kehle gepackt und gewaltig an die Wand
gedrückt, daß sie nicht zu schreien, auch keine Gegenwehr vermochten,
sondern nur röchelten unter seiner würgenden Faust. Mit einem Sprunge
war der Fanghund an Hentzschels Genicke, aber ein rascher Hieb mit
der schweren, scharf geschliffenen Axt, von des Invaliden noch immer
kräftiger Faust geführet, spaltete den Kopf des furchtbaren Hundes.
[13] Hierzu die Abbildung in diesem Hefte.
„Kaporet die Tschuckeln!“[14] -- rief Hentzschel, ermattet von der
Anstrengung, womit er die Gerichtsdiener fast bis zum Erdrosseln an die
Wand drückte. Im Augenblicke sank einer unter dem tödtenden Streiche
des Husaren-Bernhards, und schnell reichte Johanna dem Hentzschel
ein scharfes Messer, das er bis an den Heft in die Brust des lautlos
sterbenden Gerichtsdieners stieß.
[14] „Bringt die Hunde um!“
[Illustration: Die Ermordung zweier Gerichtsdiener.]
Schnell besonnen sprang Johanna an die Hausthüre und lauschte nach
allen Seiten, ob Niemand in der Nähe sei. Die ganze Nachbarschaft
war noch in tiefer Ruhe. Johanna verschloß die Thüre, und eilte, den
Männern bei der Wegschaffung der Leichen eifrig zu helfen.
Gerade an der Stelle, wo der Mord geschah, war ein Strohlager bereitet,
worauf bis zur Mitternacht ein befreundeter Gauner geschlafen und sich
dann fortgeschlichen hatte. Das Stroh hatte alles Blut der Ermordeten
aufgefangen. Um bei Hinwegschaffung der bluttriefenden Leichen keine
Spuren zu hinterlassen, wurde nun jeder Körper in eine Strohschütte
gebunden und in den Keller geschleppt. Noch war keine Stunde
hierüber vergangen, als schon Hentzschel und sein Schwiegervater die
Gerichtsdiener, nachdem sie selben Geld, Uhren und Waffen genommen, wie
auch den Hund tief verscharrt und das aufgerissene Kellerpflaster mit
aller Sorgfalt eingefugt hatten, während Stube und Hausflur von Johanna
so sorgfältig gereinigt wurden, daß auch nicht das geringste Merkmal
des begangenen Mordes aufgefunden werden konnte. Eben so vorsichtig
und unentdeckbar verbarg Hentzschel die den Gerichtsdienern geraubten
Sachen.
Auf des Schwiegervaters Rath wurde die Fortwanderung verschoben, um
jedem Verdachte, den das spurlose Verschwinden der Gerichtsdiener und
ihres Hundes gegen die Hentzschel’sche Familie erzeugen könnte, so viel
als möglich zu entgehen.
Hentzschel machte seinen Schwiegervater darauf aufmerksam, daß
ihre vorgehabte Arretirung durch die Entdeckung irgend eines ihrer
Verbrechen, zweifelsohne des jüngsten Raubmordes, veranlaßt worden,
eine neue zu gewärtigen, und es daher klüger sei, ungesäumt auf
immer von dannen zu ziehen und im Auslande einen sichern Aufenthalt
sich zu verschaffen, als hier jeden Augenblick Verhaftung,
Criminaluntersuchung, Tortur, und am Ende, wenn auch nicht den Galgen,
doch langwährendes Zuchthaus erwarten zu müssen. Auch Johanna theilte
ihres Mannes Ansichten. Doch Husaren-Bernhard, durch seine so vielen
Verhaftungen und theils mittelst hartnäckigen Läugnens, theils durch
Ausbrüche jederzeit erreichten Befreiungen, gegen Arretirung und
Criminalproceß höchst gleichgültig, wußte Hentzschel und Johanna dahin
zu bereden, daß sie sich entschlossen, wenigstens noch einige Tage im
Hause zu bleiben.
So waren zwei Tage hingegangen, ohne daß in Hentzschels Hause
das Mindeste vorfiel. Man erzählte sich im Dorfe, daß die zwei
Gerichtsdiener des Freiherrlich von Hartitzschen Amtes, worunter
Colmnitz gehörte, vermißt werden.
Hentzschel besuchte das Wirthshaus, welches er nicht nur aus
Scheinheiligkeit, sondern selbst immer mit einem Vorrathe des besten
Getränkes versehen, selten that, und lauerte vorzüglich darauf, ob
Niemand sich äußere, die beiden Gerichtsdiener an jenem Morgen in
Colmnitz gesehen zu haben.
Niemand hatte die Gerichtsdiener bemerkt, und unter den Leuten,
die im Wirthshause zechten, sprach sich die allgemeine Vermuthung
aus, sie seien in die Hände der Bande des rothen Peters gefallen,
der gegenwärtig in der Nähe hause und, wie allgemein bekannt, den
Gerichtsbeamten und Gerichtsdienern des Freiherrn von Hartitzsch den
Untergang geschworen habe. Solch ein Wahn war für Hentzschel sehr
angenehm. Mit ganz beruhigtem Gemüthe wollte er soeben das Wirthshaus
verlassen, als die Thüre der Zechstube rasch aufgerissen wurde und er
sich im Augenblicke von Jägern und Soldaten umgeben sah.
Ihr Anführer, der von Hartitzsche Gerichtsschreiber, winkte dem
Amtsfrohne, und Hentzschel wurden die Hände so schnell und so fest
auf den Rücken gebunden, daß er nicht im Stande war, den geringsten
Versuch zur Gegenwehr, zur Anwendung seiner Riesenkraft zu machen. In
der Mitte der zahlreichen Wache mußte er dem Gerichtsschreiber nach
Hause folgen, wo er mit Entsetzen seinen Schwiegervater und sein Weib
in Ketten, und das ganze Haus von Soldaten und Jägern besetzt sah. Als
Hentzschel die Frage des Gerichtsschreibers, ob nicht vor zwei Tagen,
noch in dunkler Morgendämmerung, zwei Gerichtsdiener des Freiherrlich
Hartitzschen Justizamtes in diesem Hause gewesen seien, ohne die
geringste Veränderung seiner Miene und in aller Unbefangenheit mit
einem festen Nein beantwortet hatte, wurden Lichter angezündet, und nun
ließ der Gerichtsschreiber das ganze Haus vom Giebel bis zum Keller in
Hentzschels Beisein auf das Sorgfältigste untersuchen. Es wurde auch
nicht das Geringste gefunden, woraus irgend ein Argwohn hätte geschöpft
werden können.
Schon war der Wagen vorgefahren, worauf die Arretirten nach dem
Amthause gebracht werden sollten, schon wurde Hentzschel von den
Stricken losgemacht und mit einer Kette gefesselt, als der Amtsfrohn
seinen Fanghund vermißte. Er rief, er pfiff; der Hund kam nicht.
Einer der Jäger glaubte aus dem Keller herauf ein dumpfes Bellen zu
hören. Der Amtsfrohn, in der Meinung, seinen Hund dort vergessen
und eingesperrt zu haben, eilte in den Keller, kam aber erst nach
einer Weile im raschen Gange herauf, nahm ein Licht, winkte dem
Gerichtsschreiber, und eilte mit ihm die Treppe hinab. Erstaunt, aber
gleich eine wichtige Entdeckung ahnend, sah der Gerichtsschreiber, wie
der Hund in einer Ecke mit aller Heftigkeit scharrte, dann auf dem
Boden umherschnoberte, knurrte, und wieder mit aller Mühe strebte,
das Pflaster mit seinen Klauen aufzureißen. Unverzüglich mußte der
Amtsfrohn aus den nächsten Häusern einige Leute mit Pickeln und
Schaufeln herbeiholen. Als einige Steine losgemacht waren, bemerkte man
schon, daß hier vor Kurzem jemand begraben worden sei. Die Neugierde
spornte die Arbeiter zu solcher Thätigkeit an, daß sie vor Ablauf einer
Viertelstunde die tief verscharrten Leichen ausgegraben hatten.
Im tiefsten und festesten Kerker des Hartitzschen Amtsgebäudes saß
Hentzschel am fünften Tage nach seiner Verhaftung, und erschöpfte
sich im Nachsinnen über die Möglichkeit, sich frei zu machen, als
durch das hohe und dichte Gitterfenster seines Kerkers etwas Weißes
zu seinen Füßen niederfiel. Er hob es auf und fand eine kleine, sehr
scharfe Zeile, um welche ein Papier gewunden war, worauf kaum leserlich
geschrieben stand: „Sobald Du Deine Ketten durchgefeilt hast, so
bete das Vaterunser mit lauter Stimme. Doch darf dieses nicht eher
geschehen, als eine Stunde nach der letzten nächtlichen Visitation.“ --
Da es gerade um die Zeit war, wo täglich die Mittagskost gebracht und
visitirt wurde, so verschluckte Hentzschel den Zettel, und verbarg die
Feile in einer Ritze des Fußbodens.
„Woher kommt diese Feile? -- wer will mich befreien?“ - Mit der Lösung
dieser höchst schwierigen Frage quälte sich Hentzschel gar sehr ab; als
aber die bezeichnete Stunde schlug, dachte er nur an die Erfüllung des
ertheilten Auftrags, und, der gegebenen Anweisung gemäß, scholl sein
lautes Gebet in die tiefe, stille Nacht hinein. Leise klirrten jetzt
Riegel und Schloß der Kerkerthüre, ein Pst rufte den Kettenbefreiten
an den Eingang, eine weiche Hand ergriff die seine, an welcher er im
leisesten Schleichen durch die Dunkelheit des langen, gewölbten Ganges
sich forttappte, dann durch ein halbgeöffnetes Pförtchen schlüpfte,
und sich im Freien sah. Noch konnte er, der tiefnächtlichen Dunkelheit
wegen, die Gestalt nicht unterscheiden, deren rettende Hand ihn hierher
geleitet hatte. Es blieb ihm auch keine Zeit zur genauen Beschauung,
denn die Gestalt drückte ihm hastig einen schweren Bündel unter den
Arm, eine Pistole, einen Säbel in die Hand, und schritt nun so eilig
voran, daß Hentzschel, hier des Weges unkundig und bald durch einen
Baum, bald durch ein Geländer in seiner eiligen Folge gehemmt, alles
aufbieten mußte, in ihrer Nähe zu bleiben.
Die Bäume und die Geländer hörten auf, Sterne schimmerten durch die
zerrissenen Wolken, bei deren sanftem Lichte Hentzschel die leitende
Gestalt einem Walde zueilen sah, an dessen Saume es noch eine gute
Strecke fortging.
Aus der Weichheit der Hand, die die seinige gefaßt hatte, und aus Gang
und Haltung, welche er beim Sternenlichte zu beobachten vermochte,
schloß er, daß diese Gestalt, trotz ihrer männlichen Kleidung, einem
weiblichen Wesen angehöre. Von der Richtigkeit seines Schlusses
überzeugte er sich, als die Gestalt sich jetzt unter einer Eiche
niederließ, ihn an ihre Seite zog, und mit halblauter Stimme sprach:
„Hentzschel, ich habe Dich Deinen Ketten, Deinem Kerker und Deinem
Tode auf dem Rabensteine entrissen, aber, recht aufrichtig gestanden,
nicht, um an Dir ein Liebeswerk auszuüben, sondern um meine Rachsucht
zu befriedigen. Unser Amtsfrohn, der Nachfolger meines im vorigen Jahre
verstorbenen Vaters, hat vier Jahre mit mir in vertrauter Bekanntschaft
gelebt und mich zu ehelichen versprochen, wenn er, sollte mein Vater
zum Dienste unfähig werden oder sterben, an dessen Stelle komme. Der
Vater starb, mein Geliebter erhielt die Stelle und -- heirathete meine
Stiefmutter, weil sie, einige Wochen vor dem Tode meines Vaters, 600
Thaler geerbt hatte. Zur Beischläferin wäre ich gut genug, da ich aber
seine wilden Begierden nicht stille, auch bei jeder Gelegenheit ihn
meine tiefste Verachtung fühlen lasse, so mißhandelt er mich täglich
unter den Augen meiner mich hassenden Stiefmutter auf das Grausamste,
hat auch in der ganzen Umgegend mich als so ein arbeitsscheues,
liederliches Mädchen ausgeschrieen, daß mir selbst der armseligste
Dienst verschlossen ist. Vor einigen Tagen hörte ich von unserm
Justizamtmann zu meinem Stiefvater sagen: „Rollinger, wenn Hentzschel,
oder sein Weib, oder Husaren-Bernhard sich losmachen, so bist Du Deiner
Stelle für immer ledig und kommst auch zwei Jahre ins Zuchthaus!“ --
Von diesem Augenblicke an war Deine oder der Andern Befreiung von
mir beschlossen, da ich aus vielen Fällen weiß, wie streng unser
Justizamtmann ein gegebenes Wort erfüllt. Mein Unternehmen ist mir
geglückt. Daß ich Deine Befreierin war, wird Niemand ahnen. Alle
Schuld fällt auf meinen Stiefvater. Er hat sich erst vor Kurzem meiner
schweren Nachlässigkeit in Verwahrung von Gefangenen schuldig gemacht,
ist nun durch meine schlaue, muthige That rettungslos verloren, und
meine heiße Rache befriedigt sein Untergang.“
„Nun sorge für Dich! Ich habe Dir die Freiheit, Waffen, und in diesem
Bündel einen vollständigen Anzug gegeben. Was nun für Dich geschehen
muß, überlasse ich Deinem Muthe und Deinem Kopfe. Lebe wohl!“ --
Verschwunden war das Mädchen, ehe Hentzschel im Stande war, seiner
Retterin nur ein Wort des Dankes zu sagen. Eilig öffnete er den Bündel
und fand darin einen vollständigen Anzug, eine Mütze und etwas Wäsche;
schnell war sein Kerkerkittel abgeworfen und gegen die neue Kleidung
vertauscht. Den Säbel unter dem Oberrocke verbergend, die Sackpistole
in der Brusttasche, eilte Hentzschel fort, fest entschlossen, dem
Wanderer, den er zuerst treffe, das Geld abzunehmen. Als der Tag zu
grauen anfing, erkannte Hentzschel die Gegend und schlug gleich den Weg
nach jener Richtung ein, die ihn an ein vertrautes Haus führte. Ein
Bauer, der eine Kuh zum Verkauf trieb, mußte seine geringe Baarschaft
an Hentzschel abgeben.
Nach drei nächtlichen Wanderungen -- den Tag hindurch weilte er
wohlverborgen in den Wohnungen gleichgesinnter Freunde -- erreichte
er die Gegend, wo, sicheren Nachrichten zufolge, Lips Tullian sich
gerade jetzt umhertrieb. Willig nahm das gefürchtete Räuberhaupt
den kräftigen, durch Worte und Aussehen sein Gewerbe ankündigenden
Hentzschel auf, dessen Schlauheit und Muth ihm bald das Vertrauen
seines Meisters und seiner Gefährten erwarb.
Nach einigen Monaten brachte ein Kundschafter die Nachricht, daß
der Husaren-Bernhard durch das Rad hingerichtet, Johanna zum
lebenslänglichen Zuchthause verurtheilt und Hentzschels Haus bis auf
den Grund zerstört worden sei. --
Von diesem Augenblicke an ward Hentzschel der grausamste Wütherich.
Justizbeamte, Gerichtsdiener und Frohnknechte waren die Gegenstände
seines entmenschten Strebens. Mit einer Tollkühnheit, die nur die
Geburt der Raserei, der höchsten Verzweiflung sein konnte, drang
er in Amtsgebäude, in Frohnfesten und übte die schauderhaftesten
Grausamkeiten aus.
Hentzschel war unter der schwarzen Garde der Verwegenste, der
Unbezähmbarste, der Einzige, den selbst der schreckliche Lips Tullian
in manchem Momente leidenschaftlicher Aufwallung fürchtete und der
den Aufbrausenden nur mit Worten der Freundlichkeit und Sanftmuth
zu beschwichtigen suchte, nie aber durch Strenge und Gewalt in die
Schranken der Ruhe und Unterwürfigkeit zurück zu führen wagte.
XIII.
Die Schenke an der böhmischen Grenze.
Ist es möglich? Was -- der wagt’ es,
Sich tollkühn in der Welt herum zu treiben,
Der ausgelernte Mörder? --
~Th. Körner.~