War seine Aufführung auch nicht ganz unbescholten, so hatte er sich

doch in den fünf Jahren seines Militärlebens keines schlechten

Streiches schuldig gemacht. Er würde vielleicht ein recht wackerer

Mensch geworden sein und Beförderung erhalten haben, hätte er

nicht das Unglück gehabt, mit Susanna Strobel, der jungen Wittwe

eines Grenadiers, bekannt zu werden, die eine Erzgaunerin und um

so gefährlicher war, da sie ihre verbrecherischen Handlungen mit

der größten Schlauheit ausübte und sich mit dem Heiligenscheine

der Sittsamkeit und Rechtschaffenheit so zu umgeben wußte, daß sie

allgemein als eine höchst achtbare Person galt und selbst bei sonst

sehr mißtrauischen Menschen das größte Vertrauen genoß. Sie war in

allen ihren Handlungen so klug und vorsichtig, daß Schöneck viele

Monate mit ihr im allervertrautesten Umgange verlebte, ohne nur einen

ihrer geheimen Umtriebe zu bemerken, bis sie selbst, mit Leidenschaft

an ihm hangend, im Rausche der Sinnlichkeit sich in wahrer Gestalt

zu zeigen anfing. Männer und Weiber, Bursche und Mädchen, die er oft

bei seiner Geliebten antraf, fand er immer im Handel über seidene

Tücher, Silberzeug und andere Sachen, und hielt diese Leute für

Geschäftsverwandte, da die Wittwe eine Trödelbude hatte. Jetzt erst,

als sie selbst ihn ganz zum Vertrauten ihrer Geheimnisse machte,

erfuhr er, daß diese Tugendheldin eine Diebshehlerin, selbst das

Mitglied einer ansehnlichen, ausgebreiteten Diebesbande sei, der sie

das Geraubte verwahre, oft ganze Ladungen davon im Auslande verkaufe,

während des Umherziehens auf Kauf und Tausch die besten Gelegenheiten

zum Raub, zu Einbrüchen ausforsche und aus den Chochemer-Pennen[10] die

Nachrichten an die Bande ergehen lasse. --

[10] Diebsherbergen.

Es kostete dieser Susanna Strobel nicht viele Mühe, Schöneck zur

Theilnahme an ihrem heillosen Gewerbe zu bereden, da er, durch seines

Zeitalters Geistesfinsterniß und Duldungslosigkeit von den Mitteln zur

Veredlung des Herzens, zur Erweckung eines wahren Sinnes für Religion,

Arbeitsliebe und Pflichterfüllung ausgeschlossen, durch die Schwäche

und Nachgiebigkeit seiner Pflegeeltern, durch den verführerischen

Unterricht seines ersten Lehrmeisters, des grundverdorbenen

Wasenknechts, und durch den verderblichen Umgang mit dem Jäger Franz

schon zum Taugenichts, Gauner und Wilddieb, zum künftigen Auswurf der

Menschheit auferzogen, und, so viel als möglich, in früher Jugend dazu

ausgebildet worden. --

Schon mehrere kleine Diebstähle und Einbrüche hatte Schöneck mit

Gewandtheit ausgeführt, als Susanna den Vorschlag zum Einbruche bei

einem reichen Krämer im Hause des Oberhüttenverwalters Heig machte.

An der Wachsamkeit des Krämers scheiterte die glückliche Ausführung

des Einbruches. Die Rotte wurde versprengt. Schöneck, von zwei

Scharwächtern verfolgt, konnte nicht mehr das hintere Pförtchen der

Kaserne erreichen, zu welchem er sich schon seit langer Zeit einen

Nachschlüssel verschafft und so einen geheimen Weg zu nächtlichen

verbrecherischen Ausgängen sich gebahnt hatte.

Es gelang ihm, aus der Stadt zu entfliehen, er wurde aber schon am

andern Tage, wegen Mangel an gehöriger Aufweisung und der Desertion

verdächtig, von den Bauern aufgegriffen und in das Stockhaus zu Dresden

abgeliefert.

Von der Theilnahme an dem versuchten Einbruche in den Krämerladen

wußte sich Schöneck, ungeachtet er auf die Folter gebracht und

mit den Daumenstöcken gefoltert wurde, durch das beharrlichste

Läugnen und durch unerschütterliche Standhaftigkeit in Erduldung

der Folterschmerzen vollkommen zu reinigen. Doch, der Desertion

überwiesen, mußte er Spießruthen laufen und die Unkosten seiner

Untersuchung durch Arbeit im Waisenhause, wohin er aus dem Stockhause

in Ketten unter Aufsicht eines Soldaten täglich geführt wurde, wieder

erstatten.

Die tägliche, schwere Arbeit, mit schlechter Kost verbunden, war

dem an Nichtsthun und Wohlleben gewohnten Schöneck viel zu lästig.

Ueberzeugt, nicht durch Gewalt, sondern nur durch List sich frei machen

zu können, bewies er solch einen rastlosen Arbeitseifer und solch

einen gehorsamen, demüthigen, reuevollen Sinn, daß ihm auf Befehl des

Obercommissärs die Ketten abgenommen, bessere Lebensmittel gereicht,

und manche Erleichterungen gewährt wurden. --

Alles dieses half ihm noch nicht zur Freiheit; für diese mußte

etwas Großes gethan werden. Er legte in der vollen Scheune des

Waisenhauses Feuer an, war unter den mit der Löschung beschäftigten der

Allerthätigste, verschwand im Gewühle der herbeigeströmten Menge, und

erreichte ungesehen und unverfolgt die Wohnung seiner Susanna. Schnell

war der Züchtlingskittel gegen eine recht stattliche Bürgerkleidung

vertauscht, von einem bei der Polizei Angestellten, dem vertrauten

Freunde und Beschützer der schönen Wittwe Strobel, schon nach wenigen

Stunden für Schöneck ein Paß mit dem Namen Gottlieb Kraus ausgefertigt,

mit Susanna genaue Abrede genommen, und als der Tag angebrochen und

die Stadtthore geöffnet waren, ging Schöneck, durch seine stattliche

Kleidung und ein großes, schwarzes Pflaster auf dem einen Auge

unkenntlich gemacht, wie ein lustwandelnder Bürger, langsam und

unbefangen an der Wache vorüber zur Stadt hinaus.

Durch seinen Paß beglaubigt, und von Susanna mit 300 Thalern in Golde

versehen, ließ sich Schöneck zu Mainsdorf im Brandenburgischen nieder,

trieb einen Handel mit gewirkten Strümpfen, mit Hauben, Bändern und

Tabak, ließ Susanna, die aus leidenschaftlicher Neigung zu ihm ihr

gutes Diebsgewerbe in Dresden verlassen und eine nicht unbedeutende

Summe ihm zugebracht hatte, mit seinen Waaren auf den Dörfern Handel

treiben, vereinigte sich mit liederlichem Gesindel und stahl und

raubte, aber mit solcher Klugheit und Vorsicht, daß der Strumpfhändler

Gottlieb Kraus sowohl in Mainsdorf, als auch in ferner Umgebung für

einen gar wackern Mann galt.

Unter Schönecks vertrauteste Raubgenossen gehörte Peter Blinder, der

auch als Bandkrämer im Lande umherzog und einer der schlauesten und

verwegensten Gauner war. Beide, sehr reizbar und jähzornig, geriethen

sehr oft in Streit, der meistentheils sehr blutige Folgen hatte.

So traf es sich, daß sie auf der Straße bei Hoyerswerda über eine

Kleinigkeit in Wortwechsel kamen, sich schlugen und Schöneck, dem

Blinder an Kräften weit überlegen, auf das Grausamste mißhandelte. Die

Leute liefen von den Feldern herbei, von Blinder zur Hülfe angerufen,

dem ein Auge eingeschlagen und der Kopf voll Löcher war.

Von Wuth gegen seinen barbarischen Peiniger außer sich, bat Blinder die

herbeigeeilten Landleute, diesen Menschen, der als der Strumpfhändler

Gottlieb Kraus umherziehe, aber jener, aus dem Stockhause zu Dresden

entsprungene, durch Steckbriefe verfolgte Schöneck sei, gleich in

Verhaft zu nehmen, und wohl zu verwahren. Blinder würde gewiß auch noch

genauer über seines Kameraden verübte Thaten gesprochen haben, wäre

er nicht aus Schwäche wegen des bedeutenden Blutverlustes ohnmächtig

geworden. Schöneck und Blinder wurden von den Landleuten in das

nächste Dorf gebracht, wo Blinder noch in der Nacht an den Folgen der

erlittenen Mißhandlung starb, und Schöneck am andern Morgen, auf einen

Wagen gebunden und von bewaffneten Bauern umgeben, in das Stockhaus zu

Dresden abgeführt wurde.

Weder seine Flucht aus Dresden während des Brandes im Waisenhause, noch

die Betreibung seines Strumpfhandels in Mainsdorf und sein Hausiren auf

dem Lande läugnend, dabei aber im unerschütterlichen Stillschweigen

über den Aussteller des falschen Passes und über seine vertrauten

Verhältnisse zu Susanna Strobel auf das Hartnäckigste verharrend, hatte

Schöneck allen ihm gefährlichen Verdacht früherer schwerer Verbrechen

nach und nach beseitigt.

„Weil aber der Verdacht noch nicht zulänglich gewesen, daß die Herren

Schöppen zu einer Peinlichkeit wider ihn gelangen können: so haben

dieselben in dem eingeholten Urtheil, gar vorsichtig von ihm zugleich

mit angemerket:

~Daß Schöneck, der allem Ansehen nach, viel Böses gestiftet, und

annoch anzurichten geschickt ist, in sicherer Verwahrung eine Zeitlang,

bis zu seiner Besserung enthalten, und dahin, woraus er eigenen

Anziehen, _fol._ II. nach entkommen, wieder gebracht, auch zur

Abarbeitung derer daselbst annoch rückständigen Unkosten angestrenget

werden solle.~“

Auf besondern Befehl der Landesregierung wurde Schöneck nicht im

Stockhause gelassen, sondern auf den Festungsbau gebracht.

Unter den Baugefangenen wurde bald darauf bekannt, daß der Räuber und

Mörder Peter Pfützner in einigen Tagen auf dem Sande vor Alt-Dresden

durch den Strang hingerichtet werde.

„Gott Lob, sie hängen meinen Hauptfeind auf!“ -- sagte Schöneck

halblaut in der Gaunersprache vor sich hin. Ein Frohnknecht, der

Gaunersprache kundig, hatte kaum diese Worte gehört, als er dem

Ober-Profosen davon Anzeige machte. Dieser berichtete Schönecks

Aeußerung dem Criminalgerichte. Auf der Stelle wurde Pfützner zum

Verhöre vorgeführt, und zur aufrichtigen, ausführlichen Angabe alles

dessen, was er von dem Leben und Uebelthaten des Baugefangenen

Schöneck wisse, auf das Dringendste ermahnt. Pfützner erklärte, er

habe mit Schöneck, als dieser unter dem Namen Gottlieb Kraus sich

umhergetrieben habe, in tödtlicher Feindschaft gestanden, hätte

sich aber wohl gehütet, gegen ihn auszusagen, um nicht für einen

rachsüchtigen Menschen zu gelten. Da er aber von einem hochpreißlichen

Criminalgerichte zur Angabe der Wahrheit aufgefordert werde, und sein

Gewissen ihm ohnehin dieses Stillschweigens über Schöneck wegen die

heftigsten Vorwürfe schon seit längerer Zeit mache, so wolle er nun

mit der strengsten Wahrheitstreue und genauester Ausführlichkeit

alles angeben, was er über Schönecks Thaten während der Dauer ihrer

Kameradschaft auszusagen wisse.

Und nun gab Pfützner seine sehr inhaltreiche Aussage gegen Schöneck zu

Protokoll.

Nach dem Verhöre wurde Schöneck zur neuen Untersuchung in das Stockhaus

abgeliefert. Wie es ihm möglich geworden, sich von seinen schweren

Ketten loszumachen und aus einem der tiefsten und festesten Kerker

des Tag und Nacht wohl verschlossenen, von zahlreichen Wächtern

und Hunden gegen Ein- und Ausbrüche sehr geschützten Stockhauses

zu entrinnen, konnte nicht ergründet werden, da er nicht nur gegen

seine Kameraden, sondern auch in der Folge bis an sein Ende gegen die

Untersuchungsrichter ein Stillschweigen beobachtete, welches kein

freundliches Zureden, kein Ernst, selbst nicht die grausamste Folter zu

brechen vermochte.

Aus dem Stockhause hinweg wurde er mit Sarberg und Schickel bekannt,

von Tullian zu seinem Raubgenossen gemacht und allmälig von ihm zur

höchsten Höhe der Gewissenlosigkeit, der Raubgierde und der Grausamkeit

geführt. In einem furchtbaren Kampfe gegen die Uebermacht von

Soldaten, Jägern und Landleuten, gerade als Lips Tullian, nur noch mit

Wenigen auf dem Platze, von zwei Grenadieren entwaffnet und fortgeführt

wurde, schlug sich Schöneck mit Löwenmuth und Löwenstärke durch die

dichte Reihe der Soldaten und Jäger, entriß Tullian den Grenadieren,

und hielt den Haufen der Angreifer so lange zurück, bis Tullian einem

Jäger den Hirschfänger entrissen und den das Kommando befehligenden

Officier niedergestochen hatte. Der Tod des Anführers machte den

blutigen Kampf stocken. Diesen Augenblick der Ruhe benutzend, gewannen

Beide die nahen Gebüsche, und waren gerettet.

Diese muthige That, im Augenblick der höchsten Gefahr ausgeführt,

machte Tullian zu Schönecks treuestem Freunde.

XI.

Daniel Lehmann.

Noch immer ist mir’s unbegreiflich! Rudolph

Wagt’s, an der Grenze frei herum zu wandeln;

Tausend Zechinen stehn auf seinen Kopf,

In Fiume hängt sein Bildniß an dem Galgen,

Und er lebt hier, als wäre nie sein Dolch

In einem Menschenherzen warm geworden.

~Th. Körner.~

Unter allen Einwohnern des Dorfes Schönfeld galt der Häusler Lehmann

für den frömmsten und thätigsten. Er war erst vor einigen Jahren,

nachdem er, ein geborner Tyroler, den größten Theil seines Lebens

mit Teppichhandel auf fast immerwährender Reise zugebracht hatte, in

Schönfeld durch den Ankauf einer Häuslerwohnung ansässig, und durch

Fleiß, Friedfertigkeit und Gottesfurcht bald so beliebt geworden, daß

die reichsten Bauern des Ortes und der Umgegend ihn recht gern zum

Schwiegersohne gehabt hätten. Aber Lehmann war schon verheirathet und

Vater eines zehnjährigen Knaben, der mit seiner Mutter einige Zeit nach

des Vaters Ansässigmachung in Schönfeld aus dem fernen Tyrol anlangte.

Daß diese Tyrolerfamilie in mancher Woche mehrere Tage nicht arbeitete,

fiel der Gemeinde anfangs auf, wurde aber bald nicht mehr beachtet, als

es allgemein bekannt wurde, daß Lehmann durch die Nachwehen seiner als

Soldat erhaltenen Wunden oft längere Zeit an das Krankenlager gefesselt

und dann immer der sorglichen Pflege seines Weibes und Sohnes höchst

bedürftig werde. Auch erregte es im Dorfe anfangs Aufsehen, daß von

Zeit zu Zeit, meistens nächtlicher Weile, fremde Leute, Männer, Weiber,

junge Bursche und Dirnen in Lehmanns Behausung kamen, sich im Dorfe

nicht sehen ließen, und bald wieder verschwanden.

Lehmann, der darüber manches ihm nachtheilige Gerede hörte, vertraute

einem Nachbar, wie viele Kenntnisse er im Pflanzenreiche habe, wie

er die Heilkräfte der Kräuter und Wurzeln zu benutzen wisse, schon

unzähligen Todtkranken zum Lebensretter geworden, weit und breit als

ein gar geschickter Arzt bekannt sei, und nun von Alt und Jung aus den

fernsten Gegenden um Hilfe angesprochen werde, aber stets im Geheimen,

damit die Aufmerksamkeit der Aerzte und Bader nicht erregt, und durch

Brotneid ihm kein Hinderniß gemacht werde, den leidenden Menschen zu

dienen. Der Nachbar gelobte mit Wort und Hand, Lehmanns vertraute

Mittheilung als ein Geheimniß zu bewahren, aber schon in einer Stunde

wußten alle Schönfelder, welch ein Wunderdoktor in ihrer Mitte hause.

Man wünschte sich Glück zu diesem Mitbewohner, und Lehmanns Wissen und

Thätigkeit wurden für Menschen und Thiere in Anspruch genommen.

Hätten die guten Einwohner von Schönfeld nur eine Ahnung gehabt, welch

ein liederliches, verderbliches Gesindel die Familie Lehmann sei, so

würden sie gewiß deren Ansässigmachung unter sich nicht geduldet haben.

Lehmann, in der Nähe von Insbruck auf einem Weiler von liederlichen

Eltern erzeugt und zur Gaunerei erzogen, wanderte schon als

zwölfjähriger Knabe im Auslande umher, wo er Teppiche verkaufte, durch

sein fertiges Zitterspiel und seine Nationalgesänge auf den Schlössern

der Edelleute, in Gasthöfen, und besonders unter dem Landvolke sich

bis zu seinem achtzehnten Jahre ein mäßiges Kapital erklimpert und

ersungen hatte, bei fortschreitender Ausbildung seiner anziehenden

Schönheit und rüstigen Gestalt, gerade in der herrlichsten Blüthe

des Lebens, von lüsternen Weibern an sinnliche Genüsse gewöhnt, bei

seinem arbeitslosen Umherschlendern mit allen, dem Müßiggange folgenden

Lastern vertraut und, besonders aus innerer Hinneigung zum Bösen, so

nach und nach zum vollkommenen Gauner, Dieb und Räuber sich aufschwang.

Eines Mordes wegen, den er in der Gegend von München begangen hatte,

verfolgt und in Baiern nicht mehr sicher, floh er nach Oesterreich,

ließ sich bei einem ungarischen Infanterieregimente anwerben und machte

einen Feldzug mit, worin er verwundet und in der Folge wegen wirklich

guter Aufführung und bewiesener Tapferkeit zum Unteroffizier befördert

wurde.

Lehmann war einer der schönsten Männer im Regimente, dabei

ausgezeichnet reinlich, sehr gewandt, schlau, und ein vorzüglicher

Redner. Diese Eigenschaften veranlaßten den Regiments-Commandanten, ihn

dem Offizier, der auf Werbung nach Nürnberg beordert wurde, beizugeben.

Lehmann war gegenwärtig, wie der Bediente des Werbeleutenants den

Koffer packte; er sah die vielen Goldrollen und Thalersäcke; er wurde

von solch einer Begierde nach diesem vielen Gelde hingerissen, daß

seine, beim Regimente bethätigte, aber nur auf Sand gebaute Moralität

durch den Windstoß der Habsucht plötzlich eingestürzt und auf ihren

Trümmern der Plan eines schweren Verbrechens gebildet wurde.

Lehmann jauchzte im Stillen, als er hörte, daß der Offizier ohne

Bedienten reise. -- Im nächsten Städtchen, wo sie Nachtquartier

hielten, versah sich Lehmann mit Opium. Einige Tagereisen von Nürnberg

stellte er sich so krank, als wäre er nicht im Stande nur noch

einige Stunden zu fahren. Der Offizier, um seinen schönen, klugen,

wohlberedten Werbegehülfen höchst besorgt, ließ im nächsten Wirthshause

an der Landstraße anhalten und sich ein Zimmer mit zwei Betten

geben, wohin Lehmann, die äußerste Schwäche erkünstelnd, getragen

werden mußte. Das Wirthshaus lag ganz einsam, und der Offizier fand

keine Unterhaltung, als die ihm die Flasche, seine liebste Freundin,

gewährte, mit der er sich auch so innig befreundete, daß er schon bei

Einbruch des Abends, seiner Sinne kaum mehr mächtig, das letzte Glas,

in welches Lehmann unbemerkt eine tüchtige Dosis Opium gethan hatte,

langsam leerte, und gleich darauf in todtähnlichem Zustande auf sein

Lager gebracht werden mußte.

Einige Stunden nach der Ankunft im Wirthshause hatte Lehmann

versichert, sich wieder besser zu fühlen, und schlich im Hause umher,

gute Gelegenheit zur Ausführung seines Unternehmens zu erspähen.

Kaum war der bewußtlose Officier zu Bette gebracht, als Lehmann in

die Zechstube hinabstieg, sich ein reichliches Nachtessen auftischen

ließ, ein Paar Flaschen Wein ausstach und vor der Rückkehr in

das Schlafzimmer dem Fuhrmann gebot, nicht eher sich zur Abreise

anzuschicken, als bis der Officier selbst Befehl dazu gebe, der, nach

seiner Aeußerung, hier gehörig ausschlafen wolle.

Als Lehmann nach leisem Umherschleichen im Hause sich ganz überzeugt

hielt nun seien alle Bewohner dieses Gasthofes im tiefen Schlafe

begraben, öffnete er den Koffer des Lieutenants, bekleidete sich

mit dessen bestem Civilanzug, packte in seine geräumige Geldgurte

alles, was er an Gold- und Silbergeld, an Uhren, Ringen und sonstigen

Kostbarkeiten bergen konnte, füllte seine Taschen mit der feinsten

Wäsche, steckte die Reisepistolen des Officiers zu sich, und hing

dessen Säbel um. Mit dem Raube beladen, schlich er aus dem Zimmer,

verschloß es leise und sorgfältig, kroch unter den Fenstern von zwei

bewohnten Gemächern dem Brettergange zur Hintertreppe zu und diese

hinab, erstieg auf einem Balken, den er auf seiner ausspähenden

Wanderung zu diesem Behufe unbemerkt dahin gebracht hatte, die hohe

Hofmauer, schwang sich in die Aeste eines Apfelbaumes, glitt an dessen

Stamme zur Erde nieder und eilte so schnell als möglich nun gerade auf

der Straße nach Nürnberg fort.

Auch die Zukunft mit klugem Sinne beachtend, und sich auf unerwartete

Ereignisse vorsehend, hatte er die wichtigsten Papiere über die

Werbeangelegenheit des Officiers zu sich gesteckt. Er war so frech,

auf der nächsten Station, die er im eilenden Gange bald erreicht

hatte, den Posthalter wecken zu lassen, diesem, unter Vorlegung seiner

Papiere, das Geheimniß zu vertrauen, daß er auf der Verfolgung eines

mit kaiserlichen Geldern entwichenen Kriegscommissärs begriffen, sein

Reitpferd aber eine Meile von da aus Ermattung niedergestürzt, und er

dadurch gezwungen worden sei, den Weg hierher in größter Eile zu Fuße

zu machen, um mit Extrapost Nürnberg schleunigst erreichen und dort die

wirksamsten Anstalten zur Arretirung des Kriegscommissärs treffen zu

können. Der Posthalter konnte in seinem Diensteifer nicht eilig genug

sein, die wichtige Reise durch sein flüchtiges Gespann zu befördern.

Im Fluge ging es von Station zu Station, ohne nur einigen Aufenthalt

in Nürnberg, dem Sachsenlande zu. Als der Postillon der letzten

Station an der sächsischen Grenze durch das Schmettern seines Hornes

den Beamten und die Diener der Grenzmauth an den Schlagbaum gerufen

hatte, sah man sich vergebens nach dem Reisenden um. Lehmann war im

letzten Hölzchen leise aus der Postchaise gestiegen und durch Gebüsche,

über Felder und Wiesen hin, schon lange auf sächsischem Grunde, als

noch immer der Postillon und das Mauthpersonal über dieses sonderbare

Verschwinden des Reisenden sich die Köpfe zerbrachen.

Bald trat Lehmann in seiner Nationaltracht als Teppichhändler, als

Gauner und Dieb auf, heirathete in Schwaben eine schöne Dirne aus

einer Gaunerfamilie, lebte zehn Jahre theils von dem seinem Officiere

geraubten Gelde, theils von den Erträgnissen verbrecherischer Thaten,

und kaufte sich dann in Schönfeld an, da ihm viele Gauner diesen Ort

als vorzüglich geeignet zur Diebshehlerei und zur geheimen Verbindung

mit den zahlreichen, größtentheils in jener Gegend umherziehenden

Räuberbanden auf das beste empfohlen hatten.

Daß Lehmann schon in seiner Jugend oft viele Monate mit reisenden

Zahnärzten und Marktschreiern, die nebst ihren Quacksalbereien

das Diebeshandwerk trieben, herumgezogen war, besonders, daß er

mit dem Erzgauner Samuel Fritsch, _vulgo_ dem alten Zahnarzt,

einem geschickten, aber wegen Liederlichkeit und Veruntreuung aus

österreichischen Diensten entlassenen Spitalarzte länger als ein Jahr

in vertrautester Gemeinschaft gelebt und von dessen ärztlichem Wissen

sich vieles angeeignet hatte, leistete ihm jetzt wesentliche Dienste.

Bald hatte er als Arzt das Vertrauen der Schönfelder und der Landleute

in weiter Umgebung im höchsten Grade erworben, und es möchte demjenigen

recht übel bekommen sein, der ihrem Wunderdoktor nur durch das leiseste

Mißtrauen gegen seine gar hochgerühmte Rechtlichkeit verletzt hätte.

Treuherzig glaubten die Schönfelder, der gute Nachbar Lehmann liege,

so oft sie ihn bei der Arbeit vermißten, an den Nachwehen seiner

Wunden schmerzlich leidend darnieder. Diese vermeintlichen Leidenstage

waren für Lehmann und sein eben so arbeitsscheues Weib die Tage der

Erholung von den ungewohnten Anstrengungen, denen sie sich zum Scheine

unterzogen, um bei den an Fleiß und Nüchternheit gewöhnten Schönfeldern

nicht allerlei Argwohn zu erregen. Es mochten wohl bei sehr reichen

verschwenderischen Leuten Küche und Keller nicht so wohl bestellt sein,

als sie es in Lehmanns Hause waren. Die befreundeten Gauner brachten

immer nächtlicher Weile einen Vorrath der besten Eßwaaren und der

besten Getränke mit. Wollte dann die Lehmannische Familie gute Tage

haben, oder ein eingekehrtes Gesindel festlich bewirthen, so schloß man

Fensterläden und Thüren, gleichsam um die möglichste Ruhe dem kranken

Hausvater zu verschaffen, und dieser war Spitzbube genug, von Zeit zu

Zeit so laut, so jämmerlich zu schreien, daß alle Dorfbewohner den

Gequälten auf das Schmerzlichste bedauerten.

Lips Tullian und seine Raubgenossen Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte · 第 5 / 20 段