Nun vertraute ihm Wilhelmine unter strömenden Thränen und mit leiser,

fast zitternder Stimme, wie sehr sie von ihrem Manne mißhandelt werde,

weil sie sich nicht den Umarmungen eines jungen, reichen Gutsbesitzers

hingebe, der für den Genuß ihrer Reize eine sehr reiche Summe geboten

habe. -- „Der Bösewicht, der ehrlose Verräther hatte die Frechheit,

den wollüstigen Grafen in mein Schlafgemach zu führen und mir mit den

unmenschlichsten Qualen zu drohen, wenn ich dem Grafen mich länger

versage. Gott hat mir schwachem Weibe männliche Kräfte gegeben, durch

die ich mich den thierischen Umklammerungen des Grafen, der rauhen

Faust meines Gatten entriß, glücklich die Thüre erreichte, wo ich durch

rasches Vorschieben des äußern Riegels mich vor Verfolgung sicherte,

und so unaufgehalten aus dem Hause kam. Seit meiner Vermählung durch

die Liebe zu meinen häuslichen Geschäften, zu genügsamem Stillleben,

mit den Bewohnern dieses Fleckens beinahe nie in Annäherung gekommen,

als im Tempel des Herrn; in diesem Orte, mit keiner Familie verwandt,

würde ich ohne Obdach, ohne Hilfe umhergeirrt sein, hätte mir nicht

eine tröstende Stimme Ihren Namen zugeflüstert. Ich weiß, edler Mann,

daß Sie mich lieben, aber meine Grundsätze, mein Zartgefühl gestatten

mir nicht, so lange ich Gattin bin, Ihnen mehr zu sein, als die

treueste Freundin, eine kindlich liebende Tochter. Führen Sie mich fort

von hier, weit, sehr weit, damit mich die Luft nicht mehr erreichen

kann, von welcher dieser Bösewicht, dieses Ungeheuer von Gatten,

umwehet wird. Dort will ich als die niedrigste Magd dienen und bei

den härtesten Arbeiten werde ich mich als die Glücklichste fühlen und

unter allen Leiden immer innig Ihrer gedenken, denn meine Tugend wird

gerettet sein und nur Ihnen danke ich diese Rettung!“ --

Mit diesen erheuchelten Worten, im Wechsel des Pathos mit Schmerz,

mit Zärtlichkeit, mit der sanftesten Hingebung gesprochen, schloß

Wilhelmine ihr wohlerzähltes Mährchen.

Der Weinhändler wußte nicht, ob er sich freuen oder mit ihr trauern

sollte. Das Wesen seiner heißesten Wünsche zu dieser Stunde, im freien,

buhlerisch geordneten Nachtgewande, das mehr verrieth als verbarg,

dicht an seiner Seite, oft im Laufe der Mittheilung an seinem stürmisch

pochenden Herzen zu sehen; entzückt durch die Hoffnung, sich bald zur

letzten Stufe seines heiß ersehnten Ziels aufzuschwingen, sank er durch

den Redeschluß voll Keuschheit und Tugend, den der Leichtgläubige für

baare Münze nahm, aus seinem geträumten Himmel recht unsanft zur kalten

Wirklichkeit herab. Doch tauchte in ihm die Hoffnung schnell auf, von

der Zukunft, durch sein Geld, durch die Darbringung aller möglichen

Opfer, durch kupplerische Gelegenheiten einer lange währenden Reise das

zu erlangen, was ihm jetzt die Gegenwart mit den ersten Eindrücken

des Abscheues gegen ihren Mann, mit dieser, vielleicht noch nie

versuchten Anhänglichkeit an die Pflichten der ehelichen Treue und an

die Macht des Zartgefühles ihm verweigere. Schnell besonnen verhieß er

Wilhelminen die herzlichste Hilfe, bestimmte den Tag seiner Abreise mit

ihr, und gelobte auf das Feierlichste, sie bis dahin so verborgen zu

halten, daß ihr Aufenthalt in diesem Gasthause auch noch so spähenden

Augen entgehe.

In Eile weckte er den Wirth, der, des Schuldenbuches wegen, dem reichen

Weinhändler in allem auf das Eifrigste zu Gebote stand, und vertraute

diesem geradezu, wie höchst unglücklich die edle, tugendhafte Frau

Eckold sei, wie fest er beschlossen habe, sie zu retten, und wie er

nun verlange, daß sie bis zu seiner Abreise höchst verborgen in diesem

Hause leben könne.

Der Wirth, ein durchtriebener Schelm, der Frau Eckold genau kannte

und bei dem Lobe ihrer Tugenden beinahe in lautes Lachen ausgebrochen

wäre, war gleich entschlossen, den Irrwahn und die tolle Leidenschaft

seines großmüthigen Gläubigers zu irgend einem Vortheil zu benutzen,

zerfloß beinahe in Thränen über die Leiden der keuschen Dulderin, und

eilte mit dem Weinhändler und Wilhelminen in aller Stille nach seinem

Hinterhause, wo er im dritten Geschosse ein freundliches Zimmerchen

öffnete, und auf das Heiligste versicherte, Wilhelmine werde hier,

wenn sie sich nicht am Fenster zeige, Jahre lang unentdeckt wohnen

können, da Niemand, als seine Frau, die verschwiegenste Seele, für ihre

Bedürfnisse und ihre Bedienung sorgen werde.

Schon nach einer Stunde wußte Eckold den Augenblick der Abreise

des Weinhändlers mit Wilhelminen, daß dieser seinen Einspänner

selbst lenke, wohin die Reise gehe, und in welchem Orte das erste

Nachtquartier gehalten werde. Wilhelmine hatte, als sie sich allein

sah, diese Nachricht mit Bleistift in ihre Brieftasche geschrieben und

diese Eckold zugeworfen, der, wie verabredet war, das Haus umschlich.

Kaum war der Tag, welchen der Weinhändler zu seiner Abreise festgesetzt

hatte, mit seinem ersten Leuchten angebrochen, als der Einspänner den

Gasthof zur Sonne verließ. Man sah nur den wohlbeleibten Weinhändler

in der Chaise, da Wilhelmine, um den Glauben ihres Führers an die

Gefahr einer Verfolgung noch mehr zu bestärken, sich unter das

Spritzleder niedergekauert hatte. Rasch ging es außerhalb des Thores

nun auf der guten Landstraße fort, und früher war der Gasthof, in

welchem Mittagsruhe gehalten werden sollte, erreicht, als Wilhelmine

im Stillen es wünschte, da ein Zettel, welchen sie in der Nacht vor

der Abreise mittelst eines Bindfadens auf ein Zeichen ihres Mannes

heraufgezogen hatte, ihr den Wald angab, in welchem der Weinhändler

geplündert, und daher, nach Eckolds Verlangen, die Ankunft in diesem

Walde bis zur eingebrochenen Nacht von ihr verzögert werden sollte.

Dieses mußte geschehen. Schon war das Mittagsmahl eingenommen, das

Pferd abgefüttert und dem Hausknechte vom Weinhändler der Befehl zum

Einspannen gegeben, als Wilhelmine mit einem gebrochenen Schrei langsam

vom Stuhle glitt. Man trug sie auf ein Bette, man schleppte in Hast

alles herbei, was man zur Belebung der Ohnmächtigen aufbringen konnte.

Der Weinhändler hätte in diesem Augenblick eine Hand voll Gold für die

Hülfe eines Wundarztes gegeben. Wilhelmine war nach einer Stunde wieder

aus ihrer Ohnmacht erwacht und zur Fortsetzung der Reise vollkommen

hergestellt, als sie berechnet hatte, daß der Wald nach dieser

Verzögerung nicht vor Einbruch der Nacht erreicht werden könne.

Von der schwülen Tageshitze und dem langen Wege ermattet, schleppte

das Pferd langsam die Chaise dem Walde zu. Sanft schlummerte der

Weinhändler, der, als Nachmittags nochmals angehalten wurde, im

Entzücken über Wilhelminens zärtliche Freundlichkeit schon auf ein

wonnevolle Zukunft dem alten Burgunder gar zu tüchtig zugesprochen

hatte. Aber unsanft wurde er aus seinem süßen Schlummer geweckt

und erstarrte vor Schrecken, als er sich von einem Manne mit

schwarzgefärbtem Gesichte gewaltig ergriffen sah. Er wollte um Hülfe

rufen, sogar eine Gegenwehr versuchen, aber Wilhelmine, gleichsam

ihn schützend, oder aus der höchsten Furcht, hatte ihn mit beiden

Armen kräftig umklammert, und ihr Gesicht so dicht an seinen Mund

gelegt, daß er sich nicht zu bewegen und nicht zu schreien vermochte.

Im Augenblicke waren von dem schwarzgefärbten Manne die Hände des

machtlos sich Sträubenden fest zusammengeschnürt, und als Wilhelmine,

wie aus einer Ohnmacht rasch aufschreckend, sich hastig aufrichtete,

hatte ihm der Räuber mit gewandter Bewegung ein breites Tuch um den

Mund geschlungen. Er wurde aus dem Wagen geschleppt, und Wilhelmine,

ihre Rolle fortspielend, floh in die Gebüsche. Der Weinhändler lag

im Graben und Eckold -- welcher Leser wird nicht gleich in ihm den

Räuber vermuthet haben? -- nahm in Hast die wohlgefüllte Chatulle aus

dem Kutschensitze, durchsuchte die Seitentaschen, und wollte eben den

kleinen Koffer vom Packbrette losbrechen, als ein Schuß fiel und er im

Arme verwundet wurde.

Eckold hatte, mit dem Straßenraube noch nicht ganz vertraut, beim

Binden der Hände den Knoten nicht fest genug geschürzt. Es gelang dem

Weinhändler, die Hände frei zu machen, und seiner Sackpistole sich zu

bemächtigen. Unglücklicherweise war er kein geübter Schütze, und nur

ein leichter Streifschuß erfolgte.

Eckold, wie er im Laufe seiner Untersuchung oft und auf das

Feierlichste betheuerte, hatte bei diesem Straßenraube nicht die

Absicht gehabt, den Weinhändler zu ermorden, sondern nur auszuplündern,

dann festgebunden, mit verstopftem Munde tiefer in den Wald hinein zu

schleppen und dort seinem Schicksale zu überlassen, das Pferd aber mit

der Chaise auf entgegengesetzter Richtung in den Wald zu lenken, und

in einem Dickicht niederzustechen. Bei aller Wahrscheinlichkeit, daß

die Nacht, selbst der größte Theil des folgenden Tages hingegangen sein

dürfte, bis der Weinhändler durch Köhler oder Harzsammler gefunden

worden wäre, würde er der Gefahr, als Raubmörder entdeckt worden zu

sein, durch gewonnenen Vorsprung entwichen sein.

Durch den Schuß war der Weinhändler rettungslos verloren, da er

zugleich auch die Binde vom Munde gebracht hatte und nun aus

Leibeskräften um Hülfe schrie. Diese Landstraße wurde immer stark

begangen und befahren; Eckold war keinen Augenblick vor Ueberraschung

sicher. Nur ein rascher Mord konnte ihn jeder Gefahr entreißen. Schnell

und mit aller Kraft stieß er sein scharfes Messer dem Weinhändler

in die Kehle, in die Brust, warf die geraubten Sachen wieder in die

Kutsche, und trieb das Pferd gerade in den Wald hinein, wo er, vom

Mondlichte begünstigt, eine weite Strecke zwischen den Bäumen dahin

fuhr und an einem dichten Gebüsche still hielt.

Jetzt erst dachte er an die Leiche, die, im Straßengraben liegend,

leicht gesehen werden konnte. Er schlich sich zurück, hatte aber

nicht die Kraft, den schweren Körper fortzubringen. Zu seiner

Hülfe eilte Wilhelmine herbei, die im nächsten Gebüsche alles mit

angesehen hatte. Nur mit aller Anstrengung vereinter Kräfte gelang

es ihnen, die Leiche aus dem Graben zu bringen und in die Gesträuche

zu schleppen. Eine volle Börse, Uhr und Kette von großem Werthe, ein

kostbarer Brillantenring und ein reiches Taschenbuch war die Beute des

Raubmörders, der die Leiche mit Moos, Reisig und Laub bedeckte und

dann, von Wilhelminen gefolgt, der Chaise zueilte.

Von beiden wurde nun Rath gehalten, dessen Resultat war, das Pferd

ein Paar Stunden ruhen zu lassen, dann einen fahrbaren, nach

entgegengesetzter Richtung führenden Waldweg zu suchen und darauf

fortzueilen, bis ein Ort erreicht werde, wo man Pferd und Chaise unter

einem schicklichen Vorwande verkaufen, und von da mit Extrapost nach

Baiern, vor der Hand dem ersten Reiseziele, so schnell als möglich sich

begeben könne.

In den Taschen der Chaise fanden sich einige Flaschen Wein, auch

Schinken und Brod. Eckold, mehr auf Labung des Pferdes denkend, um es

wieder zur Eile antreiben zu können, als auf sich selbst, ließ von

Wilhelminen ein großes Brod in kleine Stücke schneiden, und selbe dem

hungrigen Pferde reichen, worauf er ihm eine ganze Flasche Wein eingoß;

dann tränkte er es aus einer tiefen Pfütze, die in der Nähe war, und

ließ sich nicht die Mühe gereuen, einen grasreichen Platz aufzusuchen,

wohin er das Pferd führte, und es mit kurzgebundenen Beinen weiden

ließ. Als er aus dieser Pfütze sich die schwarze Farbe vom Gesichte

und das Blut von den Händen gewaschen hatte, trank und aß er mit

Wilhelminen so fröhlich, als laste nicht das geringste Vergehen auf

seiner Seele.

Die Uhr des ermordeten Weinhändlers zeigte die zweite Morgenstunde an,

und die Reise wurde angetreten.

Nach vielen Schwierigkeiten, oft in Gefahr zwischen enge stehenden

Bäumen, oder in aufstoßenden Dickichten nicht mehr fortzukommen, wurde

mit anbrechendem Tage ein breiter, viel befahrner Waldweg gefunden und

nach einigen Stunden ein einsam stehendes Gebäude erreicht, welches

gegen Süden von prachtvollen Gärten umschlossen, gegen Norden von den

Riesenbäumen eines weit auslaufenden Parks geschützt, das stattliche

Aussehen eines sehr reichen Edelsitzes hatte. Es war das Jagdschloß des

Herrn von Brand, der gerade am Schloßthore stand, als Eckold heranfuhr.

Gleich hatte dieser die Frechheit, dem Edelmann Pferd und Wagen zum

Kaufe anzubieten, wobei er die Nothwendigkeit, sehr eilig zu reisen,

durch ein recht wohl ersonnenes Mährchen darthat. Mit wenigen Worten

schloß Herr von Brand den Kauf und erfüllte auch die Bedingung, die

Reisenden in seiner Kutsche und mit seinen Pferden auf die nächste

Poststation zu schaffen.

Glücklich hatte Eckold Regensburg erreicht, wo er in der Rolle eines

reichen Edelmanns aus Sachsen erschien, eine prachtvolle Wohnung

miethete, einen Jäger und Koch, und Wilhelmine eine Kammerjungfer und

zwei Stubenmädchen in Dienste nahm. --

Die Chatulle des ermordeten Weinhändlers enthielt in Gold die Summe von

11,000 fl., und noch eine größere die Brieftasche in Wechseln _au

porteur_.

Aber diese bedeutende Summe war schon in dem kurzen Zeitraume von

drei Jahren durch unsinnigen Aufwand bis auf einige hundert Gulden

durchgebracht. Spurlos verschwand der sächsische Pseudo-Edelmann

nächtlicher Weile aus Regensburg, aber noch fortlebend im süßen

Andenken geprellter Gläubiger und seiner Dienerschaft, die den Lohn

eines Jahres bei der reichen Herrschaft stehen hatte.

Von nun an, wie die Untersuchungsacten angeben, wurden Eckold und

Wilhelmine zu den verworfensten Bösewichten. Sie betrogen und stahlen,

wo sich Gelegenheit fand, einige Zeit ohne Gehilfen, traten dann in

eine Bande und trieben Straßen- und Kirchenraub, Brandstiftungen und

Mord.

Es wurde im Jahre 1708 zu Leipzig in der grünen Planke auf der

Petersstraße ein gewaltsamer Einbruch und sehr bedeutender Raub

begangen. Die Polizei durchsuchte alle Gasthöfe, und alle verdächtigen

Häuser. In einem derselben fand man Eckold mit Wilhelminen. Sie

hatten keinen Paß, konnten sich über einen stabilen Aufenthalt, über

den Besitz rechtlicher Erwerbsmittel nicht im Geringsten ausweisen,

wurden als verdächtig arretirt und in sehr strenge, abgesonderte

Haft gebracht, da man bei Beiden Dietriche und Feilen fand. Durch

einen Mitgefangenen wurde Eckold als Theilnehmer an diesem und andern

Diebstählen angezeigt.

Eckold läugnete mit unerschütterlicher Festigkeit und gab nie die

geringste Blöße. Der Schöppenstuhl zu Leipzig erkannte über ihn die

Folter. Ohne die geringsten Merkmale eines Schmerzes erduldete er die

härtesten Qualen. Er wurde für ein Jahr in das Zuchthaus verurtheilt

und dort zu leichten Arbeiten verwendet. Schon nach einigen Tagen

entsprang er beim Straßenkehren den Wächtern, fand in der Nähe von

Eilenburg Wilhelminen, die bei seiner Ablieferung in das Zuchthaus

auf freien Fuß gestellt worden, als Zuhälterin des Walachen Peters,

eines höchst berüchtigten Räubers, ermordete diesen aus Eifersucht und

mißhandelte Wilhelmine so unmenschlich, daß sie einige Tage darauf an

den Folgen der Mißhandlung starb.

An der böhmischen Grenze wurde Eckold ein Mitglied der Bande des Lips

Tullian und zeichnete sich durch alle jene furchtbaren Eigenschaften,

mit welchen ein vollkommener Gauner, Räuber und Mörder ausgestattet

sein soll, bald so sehr aus, daß ihn Tullian seiner innigsten

Cameradschaft würdigte.

X.

Hans Wolf Heinrich Schöneck.

Der moralische Gang des Menschen gleicht seinem

physischen, der nichts ist als ein fortgesetzter Fall.

~Jean Paul.~

Es war im Winter des Jahres 1675, als mit einbrechender Nacht ein

junges, kräftiges Weibsbild in die Zechstube des Gasthofes eines

nahe bei Eisleben gelegenen Dorfes trat, eine große, wohlversiegelte

Schachtel der Wirthin übergab und sie recht dringend bat, selbe gleich

dem Dorfrichter zustellen zu lassen. -- „Diese Schachtel,“ -- sagte

sie zur Wirthin -- „hat mir der Thorschreiber in Eisleben mitgegeben

und so schnell als möglich an euern Dorfrichter abzugeben geboten. Ich

selbst würde sie ihm recht gern übergeben und dürfte gewiß eines guten

Trinkgeldes sicher sein, da, wie mich der Thorschreiber versicherte,

in dieser Schachtel ein gar angenehmes Geschenk sich befinde; aber

soeben fährt ein Fuhrmann hier durch, der mich nach meinem Orte

mitnimmt, und diese gute Gelegenheit darf ich nicht versäumen!“ -- Kaum

hatte die Wirthin die Schachtel übernommen, als das Weibsbild auch

schon aus der Stube verschwunden war.

Mit freudiger Neugierde einem unerwarteten Geschenke entgegen sehend,

öffnete der Dorfrichter die Schachtel. Ein allem Anscheine nach erst

vor einigen Tagen geborenes Kind, in elende Lumpen gehüllt, vor Kälte

fast erstarrt, war des Ueberraschten angenehmes Geschenk. Die Frau

des Dorfrichters, bei vielen schlimmen Eigenschaften auch von einer

wüthenden Eifersucht beherrscht, argwöhnte eine höchst frevelhafte

Verletzung der ehelichen Treue, gab dem bis zur Knechtschaft an

Unterwürfigkeit gewöhnten Ehemann eine tüchtige Ohrfeige und zugleich

mit einem furchtbaren Blicke die strenge Weisung, den Bankert auf der

Stelle aus dem Hause zu schaffen, außer dem das schlimmste Strafgericht

erfolge. Schweigend und an unbedingten Gehorsam gewöhnt, schloß der

Dorfrichter die Schachtel, nahm sie unter den Arm, warf den Mantel um

und eilte aus dem Hause.

„Wohin mit dem Kind?“ -- fragte sich selbst der Richter vor der

Thüre. Dem kinderlosen Wasenmeister es zu übergeben und heimlich

alle halbe Jahre einige Thaler zur Beköstigung beizutragen, war der

schnelle und glückliche Einfall, worüber er sich um so mehr freute,

da dieses Kind gewiß ein unehliches, mithin, nach den Begriffen

und Gebräuchen jener finstern Zeiten, der Aufnahme in irgend eine

Innung nicht fähig, wohl aber zum künftigen Lehrling und Knecht eines

Wasenmeisters ganz geeignet sei, da Leute dieses Standes, im Geiste der

dort vorherrschenden Intoleranz und Befangenheit, auch als unehrlich

angesehen und bei keinem Handwerke zugelassen wurden.

Willig nahm der gutherzige Wasenmeister den hülfelosen Wurm auf,

und sein nicht so gutherziges Weib glättete schnell die gefurchte

Stirne, als die Geldsüchtige von dem Dorfrichter einige Thaler und

die feierliche Versicherung eines gleichen halbjährigen Zuschusses,

wenigstens für die ersten Jahre, erhielt.

Als die Wasenmeisterin das Knäblein aus den zerlumpten Windeln nahm,

fand sie einen am Halse des Kindes mit einem Bindfaden befestigten

Zettel, worauf mit großen, schlecht geschriebenen Buchstaben stand:

„Dieses Büblein ist getauft, und heißt Hans Wolf Heinrich Schöneck.“

-- Der Dorfrichter war außer sich vor Freude, als er diese Worte las.

Nun hatte er einen gültigen Beweis seiner Unschuld an dem Dasein dieses

Kindes. Ueber Hals und Kopf rannte er nach Hause, hörte, vielleicht

zum ersten Male seit seiner Verheirathung, den Befehl zur schnellen

Anzeige, wohin der Bankert gebracht sei, nicht mit gebührender

Aufmerksamkeit an, und las die inhaltreichen Worte mit seinem kräftigen

Basse so laut und so oft vor, daß er die gellende Stimme seiner

zürnenden Ehehälfte überschrie und endlich den Sieg errang.

Außer ihm, seiner Ehefrau und den Wasenmeisterleuten wußte im Dorfe

Niemand etwas von dieser erfreulichen Bescheerung. Die Dorfrichterin,

bis zur Aufgeblasenheit stolz auf den guten Ruf und die Würde ihres

Mannes, ging noch in dieser Nacht zu Wasenmeisters, trug ihnen das

sorgsamste Stillschweigen, zugleich die Ersinnung einer glaubhaften

Angabe über die Erscheinung des Kindes auf, und unterstützte ihr

Anliegen mit einem großmüthigen Geschenke. Die Wasenmeisterin erklärte

auf der Stelle, das Kind mit dem frühesten Morgen zu ihrer, vier Meilen

von da verheiratheten Schwester tragen und es einige Monate dort lassen

zu wollen, worauf dann die Schwester bei hellem Tage und mit großer

Oeffentlichkeit das Kind hierher bringen sollte, als wäre es eines der

ihrigen, um hier an Kindes Statt aufgenommen zu werden.

Schöneck wuchs auf, wie er aufwachsen konnte in jenen Zeiten, wo das

Kind eines Wasenmeisters von dem Besuche der Schule, von der Erlernung

einer Profession ausgeschlossen und von den meisten Menschen nicht des

Umganges gewürdigt wurde. Was der alte Wasenmeister noch vom Lesen

und Schreiben wußte, lernte Schöneck von ihm, und erhielt von der

Pflegemutter einen höchst nothdürftigen, oberflächlichen Unterricht

in der Religion. Zur Arbeit herangewachsen, hatte er den Wasenknecht

zum Lehrer, und von diesem wilden, liederlichen Burschen in den

Anfangsgründen der Unsittlichkeit und vieler verderblichen Laster

eingeweihet, bildete er sich schon in früher Jugend zu dem vor, was er

in der Folge ward.

Wie in andern Ländern, so herrschte auch in diesem ein alter, selbst

jetzt noch auf vielen landesherrlichen und edelmännischen Besitzungen

herrschender Gebrauch, daß der Wasenmeister die Jagdhunde der

Herrschaft füttern und bei Treibjagden führen mußte. Bei solchen Jagden

wurde Schöneck mit einem der Jäger des Gutsherrn bekannt und von

diesem nicht, wie es sonst Sitte war, verächtlich, sondern vielmehr

recht freundlich behandelt.

Der im Bewußtsein der Niedrigkeit und Ehrlosigkeit seines Gewerbes

fast menschenscheue Schöneck fühlte sich durch des Jägers freundliches

Benehmen geehrt und ermuthigt; er wußte sich kaum vor Freude zu fassen,

als der Jäger Franz ihn eines Tages mit Flinte, Waidtasche, Pulver und

Blei ausrüstete, in den Forst, auf die Felder mitnahm und dort in der

Behandlung des Gewehres, im Laden und Schießen unterrichtete. Schöneck,

ein flinker Bursche, war bald der beste Schütze in der ganzen Umgegend.

Der Jäger Franz machte Schöneck zum sichern Schützen und immer mehr zum

kundigen Waidmann, um aus dessen Kunstfertigkeit für sich so manchen

Vortheil zu ziehen. Ein Heuchler, ein frömmelnder, diensteifriger

Mensch vor seiner Herrschaft, war Franz da, wo es so ziemlich

unentdeckt sein konnte, ein Spieler, Trunkenbold und Wollüstling.

Der knappe Sold, das geringe Schußgeld reichten nicht hin für sein

liederliches Leben; die Wilddieberei sollte ihm die Mittel zur

Befriedigung seiner Lüste reichen. Darum bildete er Schöneck zum

sichern Schützen, zum gewandten Waidmann, um an ihm einen tüchtigen

Gehülfen bei der Wilddieberei und einen vertrauten Verkäufer des

erlegten Wildes zu haben.

Drei Jahre hatte diese verbrecherische Freundschaft gewährt, und

Schöneck von seinem Antheile an dem verkauften Wilde ein hübsches

Sümmchen erübrigt, als er eines Tages, da er auf einem Weiler eine

gefallene Kuh abholte, den eben vom herrschaftlichen Schlosse

zurückgekehrten Bauer seinem Weibe erzählen hörte, daß an diesem Morgen

der Jäger Franz auf einem Wilddiebstahle sei ertappt und gleich in

Ketten gelegt worden; auch kenne man schon den saubern Patron, der

Franzen Mithelfer bei seinen Wilddiebereien gewesen sei. Hier warf der

Bauer einen durchbohrenden Blick auf Schöneck, der diesem zur Genüge

sagte, wie es um ihn stehe. So schnell als möglich lud er die Kuh auf

den Karren, und fuhr im scharfen Trabe der Meisterei zu.

Die Pflegeeltern waren bei seiner Rückkunft gerade in der Kirche.

Daß er fort, auf der Stelle fort müsse, darüber war er schon bei den

gehörten Nachrichten von Franzens Arretirung mit sich einig; die

Abwesenheit seiner Pflegeeltern schuf in seinem verderbten Herzen einen

recht schändlichen Einfall, den Einfall, die gutherzigen Leute für die

ihm so reichlich gespendeten Wohlthaten noch zu berauben. Unbemerkt

von der Magd schlich er in die obere Stube, wo Geld und die beste Habe

verwahrt war, erbrach den Schrank, nahm alles vorräthige Geld und

was sich Werthvolles vorfand, zog sein bestes Kleid an und sattelte

das Pferd. Gegen die Magd, die ihn neugierig um die Veranlassung

seines heutigen Aufputzes und Rittes befragte, gab er vor, eilig

auf das herrschaftliche Schloß zu müssen, um nach einem plötzlich

erkrankten Pferde zu sehen, schwang sich auf und trabte auf dem Wege

fort, der nach dem Schlosse führte. Im nächsten Walde schlug er den

entgegengesetzten ein, verkaufte im Wirthshause, wo er übernachtete,

sein Pferd, stahl einem neben ihm schlafenden Handwerksburschen die

Brieftasche mit der Kundschaft, und eilte gleich nach Mitternacht nach

Dresden zu, wo er bei einem Trödler seinen ländlichen Anzug gegen

einen städtischen mit einer Geldaufgabe vertauschte, und die Frechheit

hatte, auf die Hauptwache zu gehen, sich, wie die Kundschaft lautete,

als einen Strumpfwirkergesellen aus dem Badischen anzugeben und um

Einreihung in das Militär zu bitten. Der junge, hochgewachsene Bursche

wurde gern aufgenommen und in dem Infanterie-Regimente des Generals

von Röbel eingereihet, wo er drei Jahre stand, dann auf seine Bitte zur

Artillerie kam.

Lips Tullian und seine Raubgenossen Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte · 第 4 / 20 段