im Geheimen eine vertraute Bekanntschaft hatte, und wir uns gerade
nicht Zwang anthaten. Aber jetzt soll er Dein leiblicher Vater werden,
wenigstens im Wahne. Du besorgst, daß Schickel morgen Nachmittags
hierher gehe. An einem klugen Vorwande, ihn zu diesem Gange zu
bewegen, ohne daß er meine Nähe ahnet, wird es Dir nicht mangeln. Im
Erlengebüsche am Mühlteiche lauere ich auf ihn, komme dann hervor
und erkläre ihm mit aller Festigkeit, daß er Dein Vater und dadurch
verbunden ist, sich mit mir abzufinden, außerdem ich geradezu die ganze
Geschichte seinem Weibe entdecke und gegen ihn bei Gericht Klage führe.
Ich kenne die Eifersucht seines Weibes und dessen Bosheit, Zanksucht
und Unversöhnlichkeit. Es leben zwar beide, wie ich von der Base hörte,
jetzt recht friedlich, aber der häusliche Friede wird schnell zu Krieg
und Feuer, wenn so eine Kindsgeschichte wie eine zündende Kugel ins
Haus fällt. Schickel ist älter geworden, an eheliche Friedfertigkeit
gewohnt, und giebt lieber das Letzte im Geheimen hin, um Ruhe im Hause
und keine höhnische Nachrede von der Nachbarschaft zu haben.“
„Nun habe ich Dir vertrauet, wie ich für mich sorgen will. Dein
Geschäft sei, mir den Alten in die Erlengebüsche zu schaffen. Jetzt
wollen wir trinken und gegenseitig unsere Schicksale erzählen!“ --
So verderbt und liederlich Samuel war, so erröthete er doch oft bei
den Erzählungen seiner Mutter, die, vom Branntwein erhitzt und von
aller Schamhaftigkeit verlassen, dem eigenen Sohne ihre unzüchtigen
Verirrungen, Betrügereien, Gaunerstreiche und Diebstähle mit der
frechsten Offenherzigkeit unter ausgelassenem Gelächter erzählte.
Der Betrügerin gelang es wirklich, den alten Schickel durch die ihm
angelogene Vaterschaft, durch die Drohung der Entdeckung und der Klage
bei Gericht so einzuschüchtern, daß er ihr zum Unterhalte jährlich 60
Thaler zusicherte, wofür sie das tiefste Stillschweigen geloben mußte.
Zwei Meilen von Schönfeld hatte Samuels Mutter in einem abgelegenen
Häuschen, das einer kinderlosen Wittwe gehörte, Wohnung genommen.
Die Wittwe, alt und gebrechlich, überließ ihr die Benutzung des
kleinen, aus einem Gemüse- und Obstgarten, aus einem Krautfelde und
zwei Aeckern bestehenden Grundstücks, wobei sich ein Paar Kühe und
einige Schafe befanden, gegen die Verbindlichkeit, sie zu ernähren
und bei eintretender Krankheit zu pflegen. Katharina hatte nun ihr
gutes Auskommen, und das sonst so stille Häuschen wurde bald der
Tummelplatz der Ausgelassenheit und der Schwelgereien, da Samuel in
jeder Woche dort ein Paar Nächte zubrachte, stets begleitet von einigen
liederlichen Dirnen und Cameraden, wo nun von dem Gelde, daß er durch
Betrug gewann oder seinen Pflegeeltern abstahl, auf zügellose Weise
geschwelgt wurde.
Jetzt starb Samuels Pflegemutter und der alte Schickel übergab Samuel
seine ganze Wirthschaft, mit Vorbehalt einiger Grundstücke, die
er verpachtete, und den Pachtschilling zu seinem Lebensunterhalte
verwendete. Katharina, Samuels Mutter, wußte Schickel so zu kirren, daß
sie ihn bewog, ihr die Geschäfte seiner Wirthschafterin zu übertragen.
Sie zog in sein Haus, und bald wetteiferten Mutter und Sohn, sich in
dem zügellosesten Treiben, in Völlerei und Arbeitsscheu zu überbieten.
Der alte Schickel, dem es gar zu bunt wurde, und der, sonst ein
ziemlich heilloser Patron, sich seit einigen Jahren an Ordnung und
Wirklichkeit gewöhnt hatte, verwies anfangs zur Arbeitsamkeit und
zu einem genügsamen, ehrbaren Leben. Seine Ermahnungen, seine Bitten
wurden verhöhnt, die Wiederholungen mit den rohesten Beschimpfungen,
sogar von Samuel, in Folge einer Aufreizung von seiner Mutter, mit
grausamen Schlägen erwiedert, und Schickel, zuerst aus Aerger, dann
immer eifriger aus überwiegender Neigung, nahm seine Zuflucht zur
Branntweinflasche und trank sich nach einem Jahre in das Grab.
Samuel brauchte eine Hausfrau, aber auch das ärmste Mädchen versagte
dem allgemein Verrufenen ihre Hand. Knechte und Mägde, in deren Innerem
nur noch ein Funke von Zucht, Arbeitsliebe, Ehrbarkeit und Gottesfurcht
glomm, gingen aus dem Dienste, und bald bestand Samuels Gesinde aus dem
Auswurfe der dienenden Classe.
Es konnte nicht anders geschehen, als daß bei solcher Bewirthschaftung
des Hauswesens und der Felder, bei solch einem schwelgerischen Leben
die Schulden sich so häuften, daß von den Gerichten eingeschritten und
das ganze Grundstück mit Einrichtung, Vieh und Fahrniß verkauft wurde.
Am Abende vor der Uebergabe des Grundstücks an den neuen Besitzer
saß Samuel mit seiner Mutter, nun die einzigen Bewohner des beinahe
leeren Hauses, bei der Branntweinflasche und zechten bis tief in die
Nacht hinein, während sie immer in die heftigsten Verwünschungen sich
ergossen, aber nicht über ihr höchst liederliches Leben, über ihre
gar zu liederliche Wirthschaft, ihre unsinnige Verschwendung, sondern
über das Gericht, von dem das Grundstück verkauft worden, und über die
Leute, die es erkauft hatten.
„Was Teufel,“ -- lallte die trunkene Furie und stieß das geleerte Glas
mit Heftigkeit auf den Tisch, -- „wir, die rechtmäßigen Besitzer,
sollen dieses bequeme Haus mit seinen schönen Stuben, Kammern und
Stallungen räumen und so einem fremden Gesindel Platz machen? -- Komm,
Samuel, wir packen das Bischen, das uns die verdammte Justiz noch übrig
gelassen hat, in ein paar Säcke und ziehen jetzt ab. Damit wir aber bei
unserer nächtlichen Wanderung in dieser Dunkelheit nicht über Stock und
Steine fallen, so werde ich ein Lichtchen anzünden, an dem man sich
noch einige Tage hindurch wärmen kann. Ist hier unseres Bleibens nicht
mehr, so soll es auch für Andere nicht wohnlich sein. Auf, Samuel!“ --
Um das gehörig aufzufassen, was das entsetzliche Weib thun wollte,
hatte sich Samuel schon zu sehr um seine Sinne getrunken. Mit
geschäftiger Hand packte Catharina die armseligen Reste des frühern
Ueberflusses in zwei Säcke, und Samuel, dem sie zu seiner Ermunterung
ein Glas Wasser ins Gesicht geschüttet hatte, hockte die Säcke auf und
taumelte zum Hause hinaus.
Schon war er eine Strecke gegangen, als er seine Mutter vermißte.
Er wandte sich zurück, da sah er am Scheuerdache ein Flämmchen
aufschlagen; das Flämmchen wurde zur Flamme, zum prasselnden Feuer. Mit
unwillkürlichem Schauder blickte der Ernüchterte auf das lichterloh
brennende Haus hin. -- „Hilfe! um Gotteswillen Hilfe!“ tönte ihm das
gellende Gekreisch seiner Mutter entgegen, die am Fenster des obern
Geschosses die Hände nach ihm ausstreckte. Samuel warf die Säcke ab
und stürzte dem Hause zu. In vollen Flammen stand die Treppe; nur
ein Sprung aus dem Fenster konnte die Mutter retten. Er rief ihr zu,
es zu thun; sie hatte nicht den Muth dazu, bis die Flamme die Stube
ergriff. Jetzt wagte sie den Sprung. Ihre Stunde hatte geschlagen. Mit
zerschmettertem Kopfe röchelte die Mordbrennerin zu ihres Sohnes Füßen
das verbrecherische Leben aus.
Wie von allen Geistern der Hölle verfolgt, floh Samuel über Felder,
Wiesen, durch Sümpfe dahin, bis er ohne Bewußtsein niederstürzte.
Von einer kräftigen Faust zum Leben aufgerüttelt, sah sich Samuel
in einer ganz unbekannten Gegend und einem Manne gegenüber, dessen
geschwärzte Gestalt und der schwere Hebebaum auf den breiten Schultern
ihm den Kohlenbrenner verkündigten. Als Samuel sich mit Mühe gesammelt
hatte, folgte er dem Köhler, der, ohne nach seinen Verhältnissen zu
fragen, ihn zu einem Morgenimbiß in seine nahe Hütte einlud.
Auf dem Wege dahin überzeugte sich Samuel, daß er in seinem überreizten
Gemüthszustande einen Weg von mehreren Meilen zurückgelegt haben müsse,
da der Köhler und sein Weib von einem Orte, der Schönfeld heiße, nicht
das Mindeste wußten.
Kaum hatte Samuel einige Bissen genossen, als er sich so ermattet
fühlte, daß er vom Stuhle sank. Der Köhler und sein Weib schleppten
ihn nach einer Kammer auf eine Strohschütte, wo er schon nach einigen
Augenblicken im tiefen Schlafe lag. Es war schon Nacht, als er
erwachte. Aus der Tiefe scholl ihm Gemurmel und Gläsergeklirre dumpf
entgegen. Neugierig, was da unter ihm vorgehe, kroch er in der Kammer
umher, hörte in einer Ecke das Geräusch aus der Tiefe viel deutlicher
und fand nach sorgfältigem Suchen in der Bodendiele einen beweglichen
Pflock. Leise zog er diesen in die Höhe, ein Lichtstrahl drang
ihm entgegen, und er sah durch die Oeffnung an einem Tische seinen
Hauswirth mit fünf Männern und drei Weibspersonen essen und zechen.
Das Aussehen der Männer, die schamlose Kleidung, die frechen Gebehrden
der Dirnen, da und dort aufgehangene Waffen und zwei große Fanghunde,
die an den zugeworfenen Knochen nagten, überzeugten ihn auf den ersten
Blick, daß dieses unterirdische Gemach die Zechbude einer Räuberbande
sei.
Jedes Wort vernahm er nun deutlich, und das Blut stockte ihm in den
Adern, als er den Köhler zu seiner Genossenschaft sagen hörte: „Es
bleibt also dabei, daß wir den fremden Kerl todtschlagen. Ohne Zweifel
ist er ein Fleischmann[7], deren jetzt viele zum Verderben der tuften
Tschoren[8] umherlauern. Entrinnen kann er nicht, also frisch hinauf
und den Hund todtgeschlagen, so haben wir nichts mehr zu befürchten!“
[7] Spion der Gerichte.
[8] Wackeren Diebe.
Der Schrecken, die Angst schufen in Samuel einen raschen Entschluß.
-- „Was nützt Euch mein Tod?“ -- rief er durch die Oeffnung der
Gesellschaft zu -- „während Ihr von meinem Leben gewiß Vortheil ziehen
könnt. Nehmt mich in Eure Kameradschaft auf, und Ihr sollt es nie
bereuen, mich zu Eurem Gefährten gemacht zu haben!“ --
Ueberrascht blickten alle nach Oben. Sie flüsterten zusammen. Der
Köhler holte Samuel in die Versammlung. Er schwur den Eid der Treue und
ward ein Mitglied der Räuberbande.
Als diese nach einem Jahre bis auf ihn und den Köhler ergriffen wurden,
machte er mit diesem jenseits der Grenze gemeinschaftliche Sache,
stahl, raubte, brannte und mordete und erschlug den Köhler in einem
Streite über die Theilung geraubter Waaren.
Den Beinamen: „Brettbauer“ erhielt er, weil er in Böhmen einen Bauer,
der ihm bei einem Einbruche mit einem Beile eine tiefe Kopfwunde
schlug, an Händen und Füßen an ein Brett genagelt und in der Moldau
ersäuft hatte.
IX.
Christian Eckold, der schöne Böttiger.
Die Damen mit ihrem Doppelgesicht,
Halb Höll’, halb Himmel, ein Ganzes nur nicht,
Sie gruben künstlich vom Körper aus
Den Geist aus seinen Wurzeln heraus.
~J. G. Seidl.~
Schon in seinem zehnten Lebensjahre elternlos, wurde Eckold von
einem Verwandten, dem Böttiger Lohr, an Kindesstatt angenommen, sehr
christlich erzogen, in der Profession des Pflegevaters unterrichtet
und zum künftigen Erben bestimmt. Eckold gab die besten Hoffnungen,
lernte fleißig und führte ein unbescholtenes Leben. Als Lohr durch
einen furchtbaren Brand sein Haus verlor, und, von einem stürzenden
Balken tödlich verwundet, bald nach dem Brande starb, verkaufte Eckold,
der noch in den letzten Lebensstunden seines Pflegevaters von ihm zum
alleinigen Erben durch eine gerichtliche Handlung ernannt wurde, die
Brandstätte, behielt sich die auf ihn übergetragene Gewerbs-Ausübung
vor, versteuerte sie gleich auf mehrere Jahre und trat die Wanderschaft
an.
Von dieser zurückgekehrt, begann er gleich sein Gewerbe auszuüben und
gewann durch Fleiß und Redlichkeit schon in wenigen Jahren so viel, daß
er, ohne Geld aufborgen zu müssen, ein recht geräumiges Haus kaufen
konnte. --
Eine alte Base von ihm, die ein kleines Vermögen besaß, hatte bisher
seine Wirthschaft geführt. Nun aber fühlte Eckold von Tage zu Tage
immer mehr die Wahrheit des Spruches, daß es nicht gut sei, wenn der
Mensch allein ist.
Ohne seinen Entschluß, sich zu verehelichen, laut werden zu lassen,
spähete er mit forschenden Blicken unter den Schönen seines
Geburtsortes umher.
Ueberall fiel sein Auge auf freundlich ihm zulächelnde Gesichter; er
hätte nur wählen dürfen, und selbst der stolzeste und angesehenste
Familienvater im ganzen Flecken würde dem schönen Böttiger -- so nannte
man ihn seiner ausgezeichneten männlichen Schönheit wegen -- nicht die
Hand der Tochter verweigert haben, da Eckold bei seinem ausgebreiteten
Gewerbe, seiner rastlosen Thätigkeit und seinem untadelhaften Wandel,
im schönen Vereine mit einem sehr liebenswürdigen Benehmen, aller
Herzen gewonnen hatte.
Schon schwankte er zwischen zwei schönen und reichen Mädchen, als ein
Augenblick eintrat, der sein Herz mit aller Macht der Liebe erfüllte
und ihn jene Beiden vergessen ließ.
Es war an einem recht angenehmen Abend, als der junge Drechslermeister
Blank, Eckolds einziger Freund, ihn abholte, um im Wirthshause eines
nahe liegenden Dörfchens sich bei einem Glase Bier und unter traulichem
Geplauder von der harten Tagesarbeit zu erholen. In die Nähe des
Dörfchens gekommen, hörten sie jammernde Stimmen und sahen viele Leute
vom Felde hinweg der Landstraße zueilen. Auch sie eilten dahin und
fanden eine umgestürzte Kutsche, aus der man soeben eine jämmerlich
schreiende Frau hervorzog, mit welcher sich besonders ein schlankes,
hochgestaltetes Mädchen sehr eifrig beschäftigte. Die Frau hatte durch
den gewaltsamen Sturz des Wagens den Arm gebrochen, auch mochte sie
sich sonst sehr schwer verletzt haben, denn sie erbleichte plötzlich
und schien eine Leiche zu sein. Trostlos, die Hände ringend, lag das
Mädchen auf ihren Knieen und beträufelte die Ohnmächtige mit den
Thränen ihres heißen Schmerzes. Gaffend standen die Landleute umher und
murmelten unter einander.
„Bringt doch schnell eine Trage herbei mit einem Bette!“ sagte Eckold
zu einem der Umstehenden und drückte ihm Geld in die Hand. Auf der
Stelle lief dieser mit einigen in’s Dorf und kehrte bald mit einer
hochbepolsterten Trage zurück. Unterdessen hatte Eckold aus dem nahen
Bache seinen Hut mit Wasser gefüllt und das Gesicht der Bewußtlosen
damit sanft gewaschen, wobei ihm das Mädchen mit zärtlichem Eifer Hilfe
leistete. Behutsam wurde die nun wieder hochathmende und aufblickende
Frau von Eckold und seinem Freunde auf die Trage gehoben und in das
Wirthshaus geschafft, wohin auch die von den Landleuten emporgerichtete
Kutsche folgte. Auf Eckolds Zureden bespannte der Wirth seinen
Korbwagen und fuhr im raschen Trabe nach dem Flecken, um den dortigen
Wundarzt zu holen.
Jetzt, als die Kranke in dem reinlichen, freundlichen Oberstübchen des
Gasthauses auf ein weiches Bett gebracht war und gleich zu schlummern
anfing, jetzt erst betrachtete Eckold das Mädchen. Er konnte sich
nicht erklären, wie er bisher dieses reizende Wesen übersah. Solch
ein jugendlich blühendes Gesicht mit dem süßesten Liebreize, solche
herrliche Formen hatte er noch nie gesehen. Der Funke eines ihm bisher
unbekannten Gefühles tauchte in seinem bewegten Innern auf, und dieser
Funke wurde immer mehr zur süß belebenden Flamme. Er mußte sich Gewalt
anthun, das Stübchen zu verlassen, als jetzt das Mädchen ihm mit
wenigen aber innigen Worten für den geleisteten Liebesdienst dankte
und durch eine Verneigung und ein schweigendes Hinblicken auf die
Schlummernde die Bitte, allein gelassen zu werden, zart andeutete.
In der Bohnenlaube des lieblichen Blumengartens, seinem
Lieblingsplatze, saß Eckold seinem Freunde Blank gegenüber in tiefem
Sinnen, nur des Mädchens holde Gestalt vor seinen trunkenen Blicken,
noch immer lauschend nach den verklungenen Tönen der Silberstimme. Die
Wirthin kam mit Erfrischungen und Eckold erwachte aus seinen Träumen,
denn die redselige Frau war gleich nach den ersten Begrüßungen bei
der Fremden und ihrer Tochter. Mit geläufiger Zunge erzählte sie, daß
die Fremde, wie soeben der Kutscher ihr vertrauet habe, die Wittwe
eines vor Kurzem an der böhmischen Grenze verstorbenen Försters sei,
sich nun nach Preußen, ihrem Vaterlande, begebe, und während der
Reise recht schmerzlich über ihre Lage geklagt habe, da sie durch die
lange Krankheit ihres Gatten um all ihr Erspartes gekommen und bei so
geringer Pension dem bittersten Elende ausgesetzt sei, wenn es ihr
nicht gelänge, einen reichen Anverwandten, den ihr Gatte durch seine
Heftigkeit auf das Tiefste gekränkt hatte, wieder zu versöhnen und von
ihm unterstützt zu werden.
Bis tief in die Nacht hinein, was bei Eckolds geregelter Lebensweise
fast nie geschah, blieb er in der Laube, voll Verlangen, das reizende
Mädchen nochmals zu sehen und zu sprechen. Unerfüllten Verlangens und
in recht wehmüthiger Stimmung kehrte er mit Blank wieder zurück, denn
die Wirthin hatte ihm mit großer Betrübniß gesagt, daß die arme Frau
in sehr gefährlichem Zustande sich befinde, da nach des Wundarztes
Versicherung nicht nur der Arm gebrochen, sondern auch ein innerer,
sehr edler Theil verletzt sei. --
Noch vor Anbruch des Tages hatte die Försterin in einem Blutsturze ihr
Leben ausgeströmt.
Wilhelmine Bornfeld -- so hieß die Försterstochter -- war nach drei
Monaten die Ehefrau des Böttigermeisters Eckold, der in dem ersten
halben Jahre seiner Ehe einen Engel zu umfassen glaubte, aber dann
von Monat zu Monat, von Woche zu Woche, ja von Tag zu Tag immer
mehr zur qualvollen Ueberzeugung kam, in diesem geträumten Engel
einen sehr gefallenen an seiner Seite zu sehen. Nachlässigkeit im
Hauswesen, Abscheu vor Arbeit, Putzsucht, Eitelkeit, unbezähmbarer
Widerspruch, wochenlanges Maulen und unersättliche Sinnlichkeit waren
die beglückenden Eigenschaften, welche allmälig wie die üppigen
Blumenblätter einer giftigen Pflanze vor den Blicken des schrecklich
Getäuschten sich entfalteten.
Nach drei Jahren einer Ehe, die auf Eckolds Moralität den
allerverderblichsten Einfluß hatte, da er, überzeugt von der
Unmöglichkeit der Besserung seiner Frau, die Lust zur Arbeit, die Liebe
zur Ordnung, zu einem nüchternen, pflichtgetreuen Leben immer mehr
verlor, den nagenden Gram meistens in hitzigen Getränken ersäufte, in
der Trunkenheit mit liederlichen Dirnen ganze Nächte verschwelgte, oder
in Spielhäusern geplündert wurde, hatte Eckold durch seine zerrüttete
Hauswirthschaft solch eine Masse von Schulden aufgehäuft, daß er sein
schönes Haus verkaufen mußte, nach Bezahlung seiner Schulden nicht mehr
als 460 Gulden übrig hatte und voraussehen konnte, bald den Bettelstab
ergreifen zu müssen, da er alle seine Kunden verloren, auch aus schon
zu liebgewonnener Liederlichkeit gar nicht mehr Lust und Kraft
hatte, sich durch erneuerte Arbeitsliebe und Moralität die Achtung,
das Wohlwollen seiner Mitbürger wieder zu erwerben und den Aufschwung
seines Gewerbes dadurch herbeizuführen.
Mit tiefem Abscheu hatte Eckold, als seine Frau ihre mit seiner
Gewandtheit so vielfach umschleierten Neigungen und Laster zu enthüllen
begann, sich anfangs von ihr abgewandt. Verachtung und Haß waren
die Gefühle, von denen er gegen die liederliche Gattin beherrscht
wurde. Jetzt, selbst abgewichen von der Bahn des Guten, aus einem
arbeitsamen, redlichen, tugendhaften, religiösen Manne ein Faulenzer,
Säufer, Wollüstling, Schwelger und Betrüger geworden, kehrte er mit
erneuerter Leidenschaft, mit aller heißen Lust wilder Begierde zur
Gleichgesinnten zurück. Der Giftbaum, auf Wilhelminens fruchtbarem
Boden üppig emporgewachsen, hatte seine wurzelnden Zweige in des
Gatten empfängliche Seele gesenkt, aus welcher immer kräftiger die
verschwisterte Giftpflanze emporstieg, um gleiche Früchte zur Reife
zu bringen. Durch Wilhelminens Unterricht und Anreizungen war Eckold
so tief gesunken, daß er sogar anfing, zum Diebe zu werden. Ein
silberner Löffel, von ihm in einem Weinhause gestohlen, wo er nach
langer Zeit wieder einmal, des Scheines und des öffentlichen Geredes
über sein Müssiggehen wegen, eine Arbeit vornahm, war das Probestück
des angehenden Gauners, und auf einem Jahrmarkte in einem nicht fernen
Städtchen hatte er durch Entwendung mehrerer Sachen von Werth sich
schon als einen sehr gewandten Schockgänger[9] beurkundet. Sonst
im Spiele betrogen, wurde nun er der Betrüger. Ein höchst fertiger
Falschspieler, in frühern Zeiten von Eckold mit der tiefsten Verachtung
vermieden, jetzt sein trauter Herzensfreund, gab ihm sehr eifrigen
Unterricht, wie man Karten und Würfel mit Vortheil zu behandeln habe;
der gelehrige Schüler betrog bald den wohlerfahrenen Lehrer.
[9] Budendieb.
Die kleinern und auch schon größern Diebstähle, mit der größten
Schlauheit und an fern gelegenen Orten ausgeführt, auch der Gewinn im
falschen Spiele mit Karten und Würfeln hätten zu Eckolds und seiner
Frau Ernährung, wie auch zur Bestreitung sonstiger Ausgaben zur Genüge
hingereicht, wären nicht Ausschweifungen und Völlerei die Götzen
gewesen, denen sie mit Leidenschaft huldigten. So kam es, daß auch die
460 Gulden, jener armselige Rest einer bedeutenden Habe, schon nach
einigen Monaten beinahe bis auf den letzten Thaler vergeudet waren.
Gerade in dieser Zeit des höchsten Mangels der Eckold’schen Eheleute
fiel die Ankunft eines Weinhändlers, der in dem Gasthause zur Sonne,
das Eckolds Wohnung gegenüber lag, ein Zimmer bezog. Wilhelmine war
wirklich noch so reizend, daß sie selbst in der kältesten Menschenbrust
eine Neigung zu entflammen vermochte, besonders da sie mit ihrer
seltenen Schönheit einen höchst gebildeten Anstand und bezaubernde
Liebenswürdigkeit -- wenn sie liebenswürdig sein wollte -- sehr
glücklich vereinte. Der Weinhändler, ein Graukopf, aber ein höchst
sinnlicher Mensch, hatte Wilhelmine kaum am Fenster gesehen, als er
gleich alles aufbot, die nähere Bekanntschaft dieser so schönen Frau
zu machen. Das ganze Versetzstück, wo dort die Sinnlichkeit, hier
die Geldgierde in den mannigfaltigsten Verwebungen nach ihrem Ziele
strebten, leitete Eckold, der auf die unbefangenste Weise, und als wäre
er ganz blind bei des Weinhändlers auffallenden Bewerbungen um die
Gunst seiner Frau, die Freundschaft des Sinnetrunkenen bald gewonnen
hatte. Der Weinhändler besaß viel baares Geld, und Eckold dachte nun an
nichts mehr, als wie er die Goldstücke seines Freundes sich anzueignen
vermöge.
Die Zeit der Abreise des Weinhändlers nahte heran, und noch hatte er
sich keiner besondern Begünstigung der von ihm so leidenschaftlich
geliebten Wilhelmine zu erfreuen. Jetzt sollten seine Wünsche gekrönt
werden. In einer Nacht -- der Weinhändler wollte so eben zur Ruhe gehen
-- pochte man an seine Thüre. Auf die Frage, wer noch so spät Einlaß
fordere, tönte ihm eine Stimme entgegen, die er gleich für Wilhelminens
erkannte. Der rasch Oeffnende traute seinen guten Augen beinahe nicht,
als Wilhelmine nun mit Heftigkeit in das Zimmer drang, sich auf das
Sopha warf, weinte, die Hände rang, dann seine Kniee umklammerte, und
ihn um Schutz, um Hilfe anflehte. Der Weinhändler war außer sich,
Wilhelminen zu seinen Füßen zu sehen, da er gar zu gern zu den ihrigen
gelegen hätte. Er trug sie auf das Ruhelager, er nahm sie an seine
Brust, er bat sie mit den süßesten Schmeichelworten, ihren Schmerz zu
beschwichtigen, und sich ihm mit aller Offenheit zu vertrauen, da er
sein ganzes Vermögen, selbst sein Blut willig hingebe, um ihr seine
heißeste Neigung durch die That zu erproben.