Lips Tullians Flucht und Rettung.

Beim Himmel, Herr! Sie setzen scharf euch nach,

Durchsuchen jeden Busch ringsum im Thale;

Ihr seid geächtet, vogelfrei erklärt, Preise stehen

Auf eurem Haupt, gar hohe Preise, Herr!

~Friedrich Halm.~

Aus vielen Wunden blutend, erreichte Lips Tullian die Hütte eines

Köhlers, der unter die Vertrauten der Bande gehörte und in der Nähe

seines armseligen Häuschens einen sichern Versteck für umherstreifende

oder verfolgte Räuber hatte, auch von der Bande zu Zeiten Geld erhielt,

um für Zusprüche mit Lebensmitteln versehen zu sein. Der Köhler

kannte heilsame Pflanzen, die er für des Verwundeten Wunden schnell

herbeischaffte. Durch diese und sorgliche Pflege hatte er ihn schon

nach einigen Tagen hergestellt.

Die Räuber hatten einen versteckten Ort mehrere Meilen von der bisher

bewohnten Räuberhöhle zu ihrem Sammelplatze bestimmt. Er beschloß nun

nach seiner Genesung, in der Nacht und auf den abgelegensten Wegen zu

den Seinigen zurückzukehren. In einem zerrissenen Anzuge des Köhlers,

Gesicht und Hände geschwärzt, eine Axt auf der Schulter, wollte er so

eben seinen Versteck verlassen, als der Köhler mit lautem Wehklagen

zu ihm hereinstürzte, gefolgt von seinem jammernden Weibe, das unter

lautem Weinen erzählte, sie sei diesen Abend in Fichtenberg gewesen,

habe dort von ihrer Base gehört, daß der neue Aufenthalt der Räuber im

Forste Wildenfels von gefangenen Räubern sei verrathen, und beinahe

die noch übrige ganze Bande von dem Trebnitzer Amte dort aufgegriffen

worden.

„Ich wollte anfangs diese schreckliche Kunde nicht glauben,“ -- schloß

die Köhlerin ihre höchst fatale Nachricht -- „konnte aber nicht lange

an der Wahrheit dieser Kunde zweifeln, da, während wir noch sprachen,

vier Leiterwagen durchs Dorf fuhren, und ich auf selben den schwarzen

Wenzel, den langen Haneder, den Pferdbuben, Trolls Gustel und ihre

Schwester erkannte. Hände und Füße der Gefangenen waren mit schweren

Ketten belegt, und viele Soldaten, Gerichtsdiener mit großen Hunden,

einige Jäger zu Pferde und Bauern mit Flinten, Mistgabeln und Knitteln

umgaben die Wagen. Ich bitte Euch um alles, ungesäumt zu entfliehen,

denn es sagen die Leute mit Bestimmtheit, daß in der ganzen Gegend die

strengsten Nachforschungen vorgenommen werden.“ --

Lips Tullian war gleich entschlossen. Er wusch sich Gesicht und Hände,

zog seine Kleidung wieder an, steckte die Doppelpistolen zu sich, hing

seinen kurzen, scharfen Säbel um und hüllte sich in den weiten, feinen

Mantel, den er auf dem Pferde des Jägers gefunden hatte. Er war zur

Abreise gerüstet.

Der Köhler brachte ihm noch eine Zehrung in einer vollen Flasche

Branntwein, Brod und Speck, überdieß einen Beutel mit 60 fl., welche er

in jüngster Zeit zur Anschaffung von Lebensmitteln für einsprechende

Kameraden aus den Zusammenschüssen der Bande erhalten hatte.

Daß der Köhler bei seiner Armuth und bei der Gewißheit von dem Unfalle

der Bande diese Summe ausliefern wollte, ist ein Zug von Redlichkeit

und Herzensgüte, der nur von einem tugendhaften Manne, aber nicht von

einem Diebshehler hätte erwartet werden können. Lips Tullian trug noch

die inhaltreiche Börse des Herrn von Liebenstein unangegriffen bei

sich; er besaß eine nicht unbedeutende Summe von seinem Antheile an

der jüngst geschehenen Beraubung eines sehr reichen Pächters, und war

daher eher geneigt, dem armen Köhler zu geben, als von ihm zu nehmen.

Unter den besten Wünschen dieser Leute verließ er gegen Mitternacht die

Hütte.

Böhmen war das Land, wohin er eilte, anfangs aber nur in Nachtmärschen,

und kaum von mehr als Quellwasser und Waldfrüchten lebend.

An der sächsisch-böhmischen Grenze trieben damals, wie ihm wohl

bekannt war, mehrere verwegene Räuber ihr Wesen, es waren dies:

~Sarberg~, bekannt unter dem Namen der ~Studentenfritz~; ~Schickel~,

der Brettbauer; ~Christian Eckhold~, der schöne Böttcher; ~Hans Wolf

Schöneck~; ~Daniel Lehmann~ und der Kolmnitzer Schneider: ~Michael

Hentzschel~. Diese raubten theils einzeln auf eigene Faust, theils in

Verbindung mit einander; eine geschlossene Bande war es nicht. Diese

aufzusuchen, war Lips Tullians Absicht, um sich diesen anzuschließen,

sie zu vereinigen und sich aus diesen verwegenen Männern eine neue

Räuberbande zu bilden.

Es dürfte daher wohl jetzt an der rechten Stelle sein, diese Leute

etwas näher kennen zu lernen.

VII.

Sarberg,

genannt: =der Studentenfritz=.

Ein feindlich Schicksal stürmte durch mein Leben.

Nein, nicht geboren ward ich, als ein Dieb

In Waldesnacht mein Leben zu verdienen;

Zu schönern Tagen zog das Glück mich auf,

Und aufgezogen seiner Gunst vertrauend,

Betrog es mich und ließ mich sinken.

~Th. Körner.~

In dem Dorfe Hündorf des Fürstenthums Sagan war Sarberg geboren.

Sein Vater, herrschaftlicher Verwalter, und seine Mutter, aus einer

angesehenen Familie stammend, genossen den allgemeinen Ruf eines

unbescholtenen Wandels.

Unter der weisen Sorge und der zärtlichen Liebe seiner biedern Eltern

erwachsend, die für die Erziehung ihres einzigen Sohnes das Beste

thaten, verrieth Friedrich schon in der Blüthe des Jugendalters recht

viele Fähigkeiten, aber auch viele Neigung zu einem schwärmenden Leben,

dabei einen Muth und eine Beharrlichkeit von seltener Stärke.

Zur Nachfolge im Amte seines Vaters von den Eltern und dem gräflichen

Gutsherrn bestimmt, wurde Sarberg in Allem, was er für seine künftige

Bestimmung zu wissen nöthig hatte, sorglich unterrichtet. Aber schon

als Knabe von zwölf Jahren erklärte er mit eisernem Trotze, sein

Leben nicht hinter den Pflügen, auf dem Kornboden, bei der Viehmast

verleiern, sondern als Soldat oder Seemann einst große Dinge leisten zu

wollen. Dieser Erklärung setzte sein Vater, der mit leidenschaftlicher

Vorliebe an der Landwirthschaft hing, und sie für den wichtigsten und

edelsten Zweig an dem Riesenbaume des menschlichen Wirkens hielt,

das freundlichste Zureden, die herzlichste Ermahnung entgegen; diese

wurden zum strengen Ernst, zur harten Behandlung, zur Androhung der

Enterbung und des Fluches, als Friedrich mit aller Kälte und Festigkeit

versicherte, nicht von dem Willen seines Vaters, sondern nur von seinem

eigenen sich für seinen Stand bestimmen zu lassen.

In früherer Zeit der Gegenstand der zärtlichsten Liebe seiner Eltern,

jetzt mit Geringschätzung, oft mit der rauhesten Härte behandelt,

wurde der sonst offene Friedrich ein listiger Heuchler. Er begann mit

Thätigkeit sich der Landwirthschaft anzunehmen, bei jeder Gelegenheit

den Unterricht seines Vaters, den Rath erfahrner Landwirthe einzuholen

und alles aufzubieten, was seine, nun so plötzlich erwachte Neigung zum

landwirthschaftlichen Wirken im hellleuchtenden Lichte darzustellen

vermochte. Ueber diese Sinnesänderung ihres Sohnes waren Vater und

Mutter entzückt, aber bald sollten sie enttäuscht werden.

Friedrich war klug genug, recht wohl einzusehen, daß er ein hübsches

Sümmchen nöthig habe, um beim Militär oder auf einem Schiffe

unterzukommen, ohne als ein geldloser Wicht gleich bei seinem

Erscheinen hintenangesetzt zu werden. Durch Beharrlichkeit in seiner

laut ausgesprochenen Abneigung gegen die Landwirthschaft war er von

allen Mitteln entfernt, sich Geld zu verschaffen; dadurch, daß er den

Wünschen seiner Eltern schmeichelte und ihrem Willen ganz zu genügen

schien, öffneten sich ihm wieder deren Herzen und Börsen.

Aber er begnügte sich nicht, seine wackern Eltern durch Heuchelei zu

täuschen, um aus ihrer Casse zu schöpfen, sondern war bald schlecht

genug, durch heimlichen Verkauf von Holz aus den herrschaftlichen

Wäldern, durch Betrügereien im Kornhandel und durch manchen andern

ehrlosen Gelderwerb sich nach und nach eine bedeutende Summe zu

ergaunern.

Gerade als seine Kasse in einem Zustande sich befand, der ihm die

Mittel zur Erfüllung seiner geheimen Pläne gewährte, rückte ein

Commando des österreichischen Dragonerregiments Mansfeld in Hündorf

ein. Der commandirende Officier erhielt sein Quartier im Schlosse. Nun

war Friedrich in seinem Elemente. Man fand ihn nur in den Ställen bei

den schmucken Dragonerpferden, oder im Wirthshause unter den Reitern,

die er schon als seine Kriegsgefährten betrachtete, ja sich schon im

Schlachtgewühle in ihren Reihen, bald durch Belohnung seiner Tapferkeit

an ihrer Spitze sah.

Der Wachtmeister des Commando, ein alter Kriegsmann, der dem

Doppellümmel vorzüglich hold war, wurde von Friedrich zu seinem

Vertrauten erwählt. Des Jünglings schöne, kräftige Gestalt, seine

empfehlungsreiche Haltung, der Anstand und die Gewandtheit, womit

er, ein von Jugend auf geübter Reiter, das wildeste Dragonerpferd

tummelte, hatten das werblustige Gemüth des Wachtmeisters bald mit dem

Wunsche erfüllt, solch einen herrlichen Rekruten in die Schwadron zu

bekommen. Als ihm nun Friedrich vertraute, von dem heißesten Verlangen

beherrscht zu sein, in die Reihen der Mansfeldischen Reiter zu treten,

doch dieses nur heimlich geschehen könne, da sein Vater dazu nie seine

Einwilligung geben werde; und wie nun Friedrich den Wachtmeister um

guten Rath, um sein kräftiges Wirken zur Erfüllung so heißer Wünsche

bat, und diese Bitte durch einige Goldstücke unterstützte, da versprach

ihm dieser mit einem derben Fluche, alles anzuwenden, was solch ein

schätzbares Verlangen nach dem Glücke, kaiserlicher Majestät zu dienen,

zur Erfüllung bringen könne. Auf der Stelle ging der Wachtmeister zu

seinem Offizier und vertraute diesem Friedrichs Wünsche, zugleich

aber auch die Hindernisse von väterlicher Seite. Der Officier, ein

kaltherziger, geldsüchtiger Patron, der, um seinen Säckel zu füllen,

allen Eltern ihre Söhne entführt hätte, hörte kaum vom Wachtmeister,

daß der junge Mensch Geld habe, als er Friedrich zu einer geheimen

Unterredung in ein nahes Wäldchen beschied, das heiße Verlangen

des Kriegslustigen noch mehr entflammte, dann plötzlich Berge von

Hindernissen aufthürmte, aber diese gleich wieder in die lieblichste

Ebene umwandelte, als Friedrich, den Geldsüchtigen durchschauend,

ihm 50 Dukaten für die Einreihung in die Schwadron, jedoch auf sehr

geheimen Wegen, pränumerirte. Der Officier gab sein Wort, ertheilte

Friedrich den Rath, ein Geschäft aufzufinden, welches ihn einige Tage

vor dem 27., wo die Schwadron wieder aus Hündorf abmarschire, vom

väterlichen Hause entferne, und dann auf Seitenwegen voran zu eilen, so

daß er in Frauenfeld, wo das Commando Rasttag halte, gleich bei selbem

einrücken und mit abmarschiren könne.

Einige Tage vor dem Abmarsche der Dragoner gab Friedrich gegen seinen

Vater vor, so eben von einem zuverlässigen Manne erfahren zu haben,

daß in Liebrode -- er bezeichnete absichtlich einen, dem Marsche

des Commandos in entgegengesetzter Richtung liegenden Ort -- eine

bedeutende Anzahl spanischer Schafe verkauft werde, und ein sehr

vortheilhaftes Geschäft zu erwarten sei, da der Gutsbesitzer, von

seinen Gläubigern gedrängt, die Schafe um jeden Preis verkaufen müsse.

Vater Sarberg, schon lange nach jenen herrlichen Merinos lüstern,

und über seines Sohnes Betriebsamkeit hoch erfreuet, gab diesem eine

bedeutende Summe in Gold und seine besten Wünsche mit. Da die Hin- und

Herreise, wie auch der dortige Aufenthalt mehrere Tage erforderte, so

fiel es nicht auf, daß Friedrich einen vollen Mantelsack an den Sattel

schnallte. Auf seines Vaters bestem Reitpferde, durch Heuchelei und

Betrug im Besitze einer reichen Goldbörse, zog Friedrich von dannen,

einem Leben voll Verirrungen, Laster und Verbrechen, dem schmachvollen

Lohne seiner Thaten entgegen.

Zwei Jahre hatte Sarberg im österreichischen Dragonerregimente

Mansfeld gedient und zum Wachtmeister sich aufgeschwungen, als er in

der Trunkenheit den Offizier, der ihn arretiren wollte, niederhieb,

ins Stockhaus gebracht und zum Tode verurtheilt wurde. Die Tochter

des Stockmeisters, eine liederliche Dirne, schon seit längerer Zeit

mit Friedrich im vertrautesten Umgange und mit dessen Besitze einer

bedeutenden Geldsumme bekannt, versprach, ihn aus dem Gefängnisse zu

befreien, wenn er ihr auf das Feierlichste gelobe, sich mit ihr bei

erster Gelegenheit trauen zu lassen. Friedrich versprach ihr seine

Hand, seine unveränderliche Dankbarkeit, das herrlichste Leben mit

einem kräftigen Eide. Schon in der nächsten Nacht war Friedrich, von

der schlauen Dirne als Barfüßermönch verkleidet, unaufgehalten an der

ehrfurchtsvoll begrüßenden Schildwache vorüber durch das Stadtthor

gegangen und bald an dem verabredeten Orte angelangt, wo die Befreierin

in männlicher Kleidung seiner harrte, und, einen Korb auf dem Rücken,

an der Seite des vermummten Barfüßers wohlgemuth dahin zog, für einen

Knaben geltend, der den geistlichen Herrn begleite, um für selben die

Geschenke der Landleute zu tragen.

Jenseits der Gränze wurden die Verkleidungen in einen Teich versenkt.

Aus dem Korbe ging für Friedrich ein sehr stattlicher Anzug hervor, und

Elisabeth war schnell im niedlichen Frauenkleide. Friedrich, der schon

als Knabe von einem Formstecher in Hündorf von dieser Kunst so manches

sich angeeignet hatte, schrieb für sich und Elisabeth in der nächsten

Schenke einen wohlstylisirten Reisepaß, schnitt in festes Holz das

Gerichtssiegel seines Grafen, und versah sich so mit einem Dokumente,

welches allen Schein der Giltigkeit hatte und seine Reise ungehindert

machte. --

Daß Friedrich Sarberg nach seiner Entweichung aus dem Stockhause

bei einem Reiterregimente des Churfürsten von Brandenburg, dann

im dänischen Regimente Rottenstein, zwei Jahre hierauf unter den

Jordanischen Kürassieren als Fourier gestanden und sich da mit

Elisabeth verheirathet, hierauf im Görzischen Regimente gedient, die

Schlacht bei Binschof in Polen als Fahnenjunker mitgemacht habe und

als Adjutant des Dragoner-Obristen Billitz aus dem Militär-Verbande

getreten sei, gehet aus den Untersuchungsakten hervor, jedoch

ohne klare Beleuchtung seines Wandels in jener Zeit, über dessen

Unbescholtenheit er in seinen Verhören auf das Feierlichste sich

verbürgte, immerhin zum gerechtesten Zweifel des Criminalrichters, der

die Narben an Sarbergs Körper, von ihm als Folgen erhaltener Wunden im

Kriege angegeben, nur gar zu gut als die Merkmale ausgestandener Tortur

erkannte. Endlich gelang es doch, Sarberg zum Geständniß zu bringen,

daß einige dieser Narben aus einer Tortur herrührten, in welcher man

zu Hohenstein seinen Körper mit Wachslichtern gebrannt hatte, um von

ihm die Anerkennung eines Raubmordes zu erzwingen, welchen er während

seiner Kriegsdienste in Ungarn begangen haben sollte, daran aber ganz

unschuldig gewesen sei.

Nachdem Sarberg das Dragonerregiment des Obersten Billitz verlassen,

vorher aber seine Elisabeth, mit ihrer freudigsten Einwilligung um 30

Dukaten an einen alten, reichen Weinhändler abgetreten hatte, ging er

nach Danzig, handelte dort anfangs mit Pferden, dann mit Räucherwerk

und Flachs, gewann viel Geld, trieb dabei falsches Spiel mit Würfeln

und Karten, verlor aber all sein Vermögen an einen viel gewandtern

Betrüger, erstach diesen in der Wuth der Verzweiflung, und floh in die

Wälder, wo er sich an eine Räuberbande anschloß, einige Mal in Haft

gerieth, theils durch Ausbrechen aus den Gefängnissen, theils durch das

hartnäckigste Leugnen sich frei machte, dann ohne Genossenschaft stahl,

Straßenraub und Mord ausübte, endlich, wie wir alsbald sehen werden,

mit Lips Tullian sich vereinigte, und die Ehre genoß, an der Spitze der

Vertrauten dieses Verbrechers zu stehen.

Den Beinamen: „Studentenfritz“ hatte er erhalten, seiner Fertigkeit

im Schreiben und seiner Geschicklichkeit in Verfertigung von Stempeln

und Petschaften wegen, da in jenen Zeiten der ungebildete Mensch Alles

Student hieß, was sich durch Fähigkeiten und Künste dieser Art über das

Gemeine erhob.

VIII.

Samuel Schickel, der Brett-Bauer.

Ha! gräßlich wird es Tag in meiner Brust!

Ich Rasender, daß ich von Glücke träumte! --

Fahr’ hin, du letzter Glaube an die Menschheit! --

Welt, wir sind quitt! Du hast dein Spiel verloren!

~Th. Körner.~

Im sächsischen Dorfe Schönfeld, zur Gerichtsbarkeit des Amtes

Frauenstein gehörig, lebte ein Fuhrmann, Christoph Schickel, der

zwar nicht unter die reichen, wohl aber unter die vermögenden Leute

gehörte, den größten Theil des Jahres mit seinen vier Rappen über Land

war und sich nie lange zu Hause aufhielt, da sein Weib eben nicht den

sanftesten Charakter, dabei eine wahre Leidenschaft zum Widerspruche

hatte, vorzüglich aber, sobald ihr Mann in’s Haus trat, ein

unerschöpfliches Klagelied über ihre Kinderlosigkeit anstimmte, oft mit

beißenden Bemerkungen über des Mannes eheliche Kälte ausgestattet, wo

es dann auch nicht an sehr trivialen Anspielungen auf Ausschweifungen

während des Umherziehens im Lande und des Aufenthaltes bei hübschen

Wirthsfrauen und Mägden gebrach. Christoph Schickel, mit einer wahren

Fuhrmannsnatur begabt, dabei durch den steten Umgang mit der rohesten

Volksklasse eben nicht sehr verfeinert, begrüßte meistentheils bei

seiner Heimkunft die klagende, widersprechende, giftig anspielende

Ehefrau mit der Peitsche und wiederholte öfters im Laufe seines

Aufenthaltes zu Hause dieses Fest des zärtlichen Wiedersehens.

In der ganzen Umgegend von Schönfeld war die Sehnsucht der Frau

Schickel nach einem süßen Pfand ihrer ehelichen Liebe recht

wohl bekannt, und als sie sich nun auch gegen die Schönfelder

Klatschschwestern äußerte, selbst ein fremdes Kind annehmen und mit

der herzlichsten Mutterliebe erziehen zu wollen, so kam eine Dirne aus

Schönfeld ihren Wünschen zuvor, indem diese wegen ihrer Schwangerschaft

aus dem Hause der Eltern verstoßen und von dem armen aber herzensguten

Dorfhirten aufgenommen, ihr neugebornes Kind in Lumpen hüllte, der Frau

Schickel nächtlicher Weile vor die Thüre legte und sich auf und davon

machte, nachdem sie dem Hirten vertraut hatte, welches Geschenk sie der

kindersüchtigen Kärnerin hinterlassen habe.

Frau Schickel war anfangs sowohl gegen das Kind, als auch dessen

unberufene Geberin sehr erbost, jedoch bald, trotz ihres sonst

langwährenden Zürnens, durch den Anblick des wohlgestalteten, kräftigen

Kindes besänftigt, und als nun auch ihr Ehemann bei seiner Heimkehr von

einer Magdeburger Fahrt das gar hübsche Büblein mit freundlichem Auge

betrachtete, auf seine Arme nahm und herzte und kußte, und als nun Frau

Schickel über die Erfüllung ihres liebsten Wunsches allmählich die üble

Gewohnheit des Wiederbellens und der beißenden Bemerkungen ablegte,

so begann von Tag zu Tag der Friede und die Eintracht in diesem Hause

einheimischer zu werden, und beide Eheleute liebten den Findling um so

mehr, da er ihnen gleichsam zum Spender häuslicher Ruhe, Zufriedenheit

und Friedfertigkeit geworden war. Gleich nach der Taufe, wobei ihm der

Name Samuel gegeben wurde, gingen die Schickel’schen Eheleute zum Amte

und ließen über ihre Erklärung, den Findling an Kindes Statt anzunehmen

und einst alle ihre Habe auf ihn zu vererben, eine gerichtliche Urkunde

aufnehmen.

Alles, was in einer Dorfschule an Unterricht ertheilt werden kann,

lernte Schickels Pflegesohn mit großem Eifer und entwickelte

recht viele Fähigkeiten. Der Schule entwachsen, wurde er in der

Landwirthschaft unterrichtet, begleitete aber schon von seinem

vierzehnten Jahre an den Nährvater auf seinen Fahrten und leistete, an

körperlicher Kraft und Größe beinahe ein Jüngling, dabei wachsam, klug

und geschäftslustig, recht gute Dienste.

Das Umherziehen auf dem Lande, der fast ununterbrochene Aufenthalt

in Wirthshäusern, wie auch die so viel gesehenen Beispiele der

Sittenlosigkeit, des Betruges, der Rohheit, des Karten- und

Würfelspiels, der Völlerei und Unzucht, untergruben immer mehr Samuels

Moralität, die ohnehin nicht auf Felsen gebaut war. Noch nicht volle

siebzehn Jahre alt, hatte der schöne, kräftige Bursche schon die Schule

der Unkeuschheit und der damit verschwisterten Laster durchgemacht,

überbot die tüchtigsten Trinker, betrog im Spiele mit Karten und

Würfeln, im Handel und Wandel, bestahl seine Pflegeältern und begann

sich zu einem um so gefährlichern Bösewicht auszubilden, da er die

Verstellungskunst im höchsten Grade besaß und zu heucheln und gleißen

auf das Meisterhafteste verstand.

Eines Tages saß Samuel in einer Schenke bei Dresden, wohin der

Pflegevater ihn mit einer Ladung von Pferdehäuten gesandt hatte, und

ließ sich vorsetzen, was gut und theuer war. Während er es sich recht

wohl schmecken ließ und dabei einige Burschen seines Gelichters

mit Bier und Branntwein bewirthete, trat eine armselig gekleidete

Weibsperson an seinen Tisch und bat um ein Almosen. Samuel zog eine

Hand voll Geld aus der Tasche und warf der Bettlerin mit prahlerischer

Gebehrde einen Thaler hin. Sie dankte, betrachtete Samuel mit einem

langen, höchst freundlichen Blicke und setzte sich dann an einen

gegenüber stehenden Tisch, wo sie bei ihrem Kruge Bier Samuel nicht

aus dem Auge ließ. Bald darauf ging dieser in den Stall, um nach den

Pferden zu sehen, und unbegrenzt war sein Erstaunen, als die Bettlerin

in den Stall trat, die Thüre verschloß und mit den Worten: „Grüß Dich

Gott, lieber Sohn!“ -- auf ihn zueilte. Aber bald war er überzeugt,

seine Mutter vor sich zu sehen, da ihm diese alle Umstände genau angab,

von ihrer Kindheit und ihrem Leben in Schönfeld an bis zum Augenblicke,

wo sie ihn, einige Stunden nach seiner Geburt, an der Thürschwelle des

Fuhrmanns Schickel ausgesetzt hatte.

War Samuel auch ein roher, lasterhafter Mensch, so erwuchs in ihm

doch gegen seine Mutter ein wirklich zärtliches Gefühl. Er schämte

sich nicht ihrer Lumpen und ihrer durch Armuth und Kummer zerrütteten

Gestalt. Mit Herzlichkeit reichte er ihr die Hand und drang in sie,

sich an seinen Tisch zu setzen, damit er sie auf das Beste bewirthen,

dann für bessere Kleidung sorgen und über ihre Unterkunft und künftige

Ernährung mit ihr Rath halten könne. Das lehnte seine Mutter ab, die

sich schämte, neben ihrem wohlgekleideten Sohne und seinen Zechgenossen

in ihrem zerlumpten Anzuge Platz zu nehmen. Sie bat ihn um etwas Geld,

um im nächsten Dorfe bei Schönfeld sich einige Tage bei einer Base

aufhalten zu können, wo er sie heimlich besuchen und dann erfahren

solle, was sie zur Begründung ihres künftigen Unterhalts bereits

ausgedacht habe. Von dem Sohne reichlich beschenkt, eilte sie fort,

kehrte aber schnell wieder zurück und bat ihn auf das Dringendste,

gegen Jedermann ihr Dasein auf das Sorgfältigste zu verschweigen.

Als Samuel zu Hause angekommen, und Rechnung über Fracht und Ausgabe

abgelegt war, ging er, unter dem Vorwande großer Müdigkeit, gleich nach

Einbruch des Abends in seine Schlafkammer, stieg leise aus dem Fenster

und lief dem Aufenthalte seiner Mutter zu.

„Lieber Samuel,“ -- sprach diese zum Eintretenden, und reichte ihm

ein volles Glas Branntwein -- „ich habe ein Plänchen gemacht, durch

dessen glückliche Ausführung mein Lebensunterhalt geborgen sein wird.

Läuft auch etwas Schelmerei dabei mit, so bin ich nicht so einfältig,

Gewissensbisse darüber zu befürchten; der alte Schickel hat Geld, ich

aber keines, und noch dazu die trostreiche Aussicht, verhungern zu

müssen, da ich zu schwerer Arbeit weder Kräfte noch Lust habe. Höre

nun, was ich erdachte.“

Lips Tullian und seine Raubgenossen Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte · 第 2 / 20 段