Nun ging es zum Mahle, zum Zechen und Schwelgen, und als Lip

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1854 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische

Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Inkonsistente

Schreibweisen, insbesondere bei ‚eingedeutschten‘ Ausdrücken,

wurden beibehalten (z.B. Bajonet/Bajonett/Bajonette). Altertümliche

Ausdrücke wurden nicht an die heute übliche Schreibweise angepasst;

einige Vorsilben, beispielsweise ‚auf-‘ und ‚aus-‘ werden teilweise

anders verwendet als im heutigen Sprachgebrauch.

Umlaute in Großbuchstaben werden meist in ihrer Umschreibung

(Ae, Oe und Ue) dargestellt. Das Inhaltsverzeichnis sowie das

Abbildungsverzeichnis wurden vom Bearbeiter an den Beginn des

Buches verschoben. Die Titel einiger Kapitel im Inhaltsverzeichnis

wurden entsprechend der Kapitelüberschriften im Text geändert.

In der diesem Buch zugrundeliegenden Originalausgabe wurden

versehentlich die jeweils ersten Seiten der Kapitel XXXII (‚Neue

Unthaten der schwarzen Garde‘) und Kapitel XXXIII (‚Jockels

Tod‘) vertauscht, worauf auch die Fußnote im Inhaltsverzeichnis

hinweist. In der vorliegenden Bearbeitung wurde die wohl

ursprünglich beabsichtigte Reihenfolge aber wiederhergestellt.

Die erwähnte Fußnote war in der gedruckten Fassung irrtümlich

dem Kapitel XXI des Inhaltsverzeichnisses zugeordnet; in der

elektronischen Version wurde diese nun, dem Sinn entsprechend, dem

Kapitel XXXII zugewiesen.

Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit

den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: ~Tilden~

Antiqua: _Unterstriche_

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Lips Tullian

und seine Raubgenossen.

Eine romantische Schilderung der Thaten dieses

furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande,

welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz

Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht,

Schrecken und Entsetzen erfüllte.

Von

~_Dr. Ernst Frei._~

Mit fein colorirten Abbildungen.

~=Neusalza,=~

Druck und Verlag von =Louis Oeser=.

=1854.=

Wer ist der Mensch? -- Auf beiden Wegen

Zu ihm hinab, zu ihm hinan

Weht uns ein Gotteshauch entgegen

Und kündigt uns den hohen Menschen an.

Es flammt in ihm ein reines Gottesfeuer;

Hoch flammt es auf; doch stürzet er einmal

Sich von sich selbst herab: ein solches Ungeheuer

Birgt keine wilde Kluft, verhüllt kein grauses Thal.

Mit Zittern staun’ ich seine Höhen

In schrecklich wüsten Trümmern an!

Wie hoch muß nicht ein Wesen stehen,

Das so erschütternd fallen kann.

~Tiedge.~

Verzeichniß der Abbildungen mit Angabe, wohin sie gehören:

1) Titelkupfer: Der schwarze Wenzel und Lips Tullian,

oder zu Seite 11 gehörig.

2) Zu Seite 18 gehörig: Die Räuberhöhle.

3) „ „ 132 „ Die Ermordung zweier Gerichtsdiener.

4) „ „ 148 „ Lips Tullian in Lebensgefahr.

5) „ „ 169 „ Die schöne Schlosserswittwe in Prag.

6) „ „ 189 „ Die Theilung der Beute im Wald.

7) „ „ 212 „ Die Räuber als Baugefangene.

8) „ „ 272 „ Marianens Ueberfall.

9) „ „ 299 „ Der Kampf der Räuber unter einander.

10) „ „ 309 „ Die Wiedererkennung.

11) „ „ 336 „ Die Befreiung.

12) „ „ 423 „ Der erste Mord.

13) „ „ 442 „ Ein neuer Mord.

14) „ „ 443 „ Lips Tullian in Freiberg.

Inhalts-Verzeichniß.

Seite.

I. Der Entschluß, Räuber zu werden. 3

II. Der erste Raubmord. 9

III. Die Aufnahme unter die Räuberbande. 14

IV. Lips Tullians erstes Räuberleben. 20

V. Der Ueberfall von Trebnitz. 26

VI. Lips Tullians Flucht und Rettung. 42

VII. Sarberg, genannt: der Studentenfritz. 46

VIII. Samuel Schickel, der Brett-Bauer. 56

IX. Christian Eckold, der schöne Böttiger. 71

X. Hans Wolf Heinrich Schöneck. 95

XI. Daniel Lehmann. 113

XII. Michael Hentzschel. 125

XIII. Die Schenke an der böhmischen Grenze. 144

XIV. Eine neue Räuberbande. 149

XV. Der Einbruch in der Eimbecker Mühle. 154

XVI. Lips Tullians und seiner Genossen Ankunft in Prag. 160

XVII. Die schöne Schlosserswittwe. 164

XVIII. Die Trennung von Prag. 170

XIX. Die Entdeckung. 174

XX. Der Raub des Brautschatzes der jungen Gräfin von

Beuchling. 185

XXI. Der Schmuck des Juden Marx in Halle. 191

XXII. Der Badeaufenthalt. 197

XXIII. Eine neue Bekanntschaft und deren üble Folgen. 201

XXIV. Die Verurtheilung. 205

XXV. Die Baugefangenen. 208

XXVI. Der Oberprofos oder: die Lebensart der Baugefangenen. 214

XXVII. Eine unerwartete Nachricht. 254

XXVIII. Der Ausbruch der Baugefangenen. 258

XXIX. Der Brand von Libert. 260

XXX. Jockel’s Gewalthat gegen Mariane. 265

XXXI. Marianes Eifersucht und Schlauheit. 276

XXXII. Neue Unthaten der schwarzen Garde[1]. 280

XXXIII. Jockels Tod. 284

XXXIV. Der Kampf der Räuber unter einander. 295

XXXV. Die Ermordung eines Handwerksburschen. 302

XXXVI. Die Wiedererkennung. 307

XXXVII. Lips Tullian und Margarethe in Prag. 318

XXXVIII. Margarethens Untreue. 323

XXXIX. Lips Tullian wieder an der Spitze einer Räuberbande. 329

XXXX. Lips Tullians abermalige Gefangenschaft. 333

XXXXI. Der Lieutenant Schönknecht. 337

XXXXII. Schönknechts Verheirathung. 343

XXXXIII. Eine schlechte Erziehung. 357

XXXXIV. Ein schreckliches Opfer. 364

XXXXV. Philipps erstes Debut. 372

XXXXVI. Die erste Gefangenschaft. 376

XXXXVII. Josephine. 381

XXXXVIII. Die gefährliche Einsiedlerklause. 395

XXXXIX. Die Rettung. 401

L. Zusammenkunft mit Josephinen. 410

LI. Der Aufenthalt in Polen und Philipps erster Mord. 419

LII. Lips Tullians Befreiung. 426

LIII. Lips Tullians letzte Schicksale. 438

[1] Aus Versehen des Druckers sind in einigen Exemplaren im 9.

Hefte mehrere Seiten verwechselt worden und folgt dort auf

_pag._ 279: Die Seite mit XXXII. Neue Unthaten der schwarzen

Garde, dann geht es wieder von 281 in der Reihenfolge fort

bis _pag._ 283, wo dann die Seite mit XXXIII. Jockels Tod

folgt.

I.

Der Entschluß, Räuber zu werden.

-- Ich bin auch aus dem Himmel,

Und bin ein verstoßnes Kind.

~H. Laube.~

In einem Wirthshause an der schlesisch-polnischen Grenze saß zechend

und lärmend eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft. Sie erzählten

sich von den Thaten des gefürchteten, damals die ganze Grenze mit

Furcht und Schrecken erfüllenden unter dem Namen: „~der schwarze

Wenzel~“ bekannten Räuberhauptmanns und seiner Genossen.

„Das Merkwürdigste aber ist bei diesen verfluchten Räubern,“ meinte

einer von den Bauern, „daß sie sich unsichtbar machen können; denn

wenn sie verfolgt werden, wenn die Soldaten ihnen auf der Spur sind,

und sie bis in die Wälder treiben, da haben jene schon oft geglaubt:

jetzt können uns diese Schufte nicht mehr entgehen, sie sind in

unsrer Gewalt und wir liefern sie nun gebunden und in Ketten in die

Gefängnisse ein -- aber diese Hoffnung hat die Soldaten noch immer

getäuscht, denn plötzlich, gleichsam vor ihren Augen, waren die Kerle

verschwunden und die Soldaten hatten das leere Nachsehen und konnten

dann sogar jedesmal zu ihrem größten Aerger nicht einmal eine Spur mehr

von ihnen auffinden! --“

„Da habt Ihr ganz recht, Nachbar,“ meinte ein Anderer, „das macht die

schwarze Kunst, die Räuber haben jeder einen Diebsfinger, mit dessen

Hilfe sie sich unsichtbar machen können!“

„Wie meint Ihr das, Veit?“

„Nun, sobald ein Dieb gehängt oder mit dem Schwerte hingerichtet oder

gerädert wird und wie sonst noch solche sanfte Hinüberspeditionen

in jene Welt die Namen führen, so schneidet der, welcher sich jene

Kunst, sich unsichtbar zu machen, aneignen will, einen Finger von dem

Hingerichteten heimlich ab, trägt ihn jederzeit bei sich und dann wird

ihn nicht leicht ein Häscher oder Soldat in seine Gewalt bekommen!“

„Dummer Unsinn das!“ meinte ein junger Mann, dessen Kleidung sogleich

den Fremden verrieth. „Kein Diebsfinger, sondern Kühnheit, Muth und

Schlauheit -- das sind die Talismane, welche die Räuber besitzen und

die ihnen in den schwierigsten Fällen durchhelfen!“

Es entstand nun darüber ein Streit, bis der Fremde, den dieses Gezänke

auf die Länge der Zeit langweilte, sich verabschiedete und die Schenke

verließ, um ruhig seinen Weg weiter fortzusetzen.

Betrachten wir den Fremden etwas näher; er war ein hochgewachsener,

schöner, noch jugendlicher Mann, dem man Kraft, Gewandtheit und

Schlauheit sogleich auf den ersten Blick ansah; er trug die Kleidung

eines polnischen Cavaliers und sein Aeußeres ließ auf Wohlhabenheit

schließen.

Als er seines Weges ruhig dahinzog, war sein Inneres jedoch keinesweges

so ruhig, wie es wohl den Anschein haben mochte, vielmehr war dasselbe

in höchster Aufregung und er meinte vor sich hin: „So wäre ich also am

Ziele und bald beginnt meine neue Laufbahn! Die Menschen haben mich

gemißhandelt, haben mir mein Liebstes auf der Welt, meine theure,

angebetete ~Jumelle~, schändlicherweise mit Gewalt entrissen,

haben mich gleich einem Verbrecher in Ketten und Banden geworfen und

mich hilflos wieder in die Welt hinausgestoßen -- dafür sollen sie

mir büßen, an der ganzen Menschheit, die ich hasse mit aller Gluth

meiner starken Seele, will ich mich rächen, niemanden will ich mehr

schonen, Mord und Raub sollen nun meine Begleiter sein und Furcht und

Entsetzen vor mir hergehen. Ja, es ist fest beschlossen, ich werde ein

Räuber, und nicht umsonst habe ich in meiner Jugend alle Diebeskniffe

und Raubgeschicklichkeiten gelernt, ich werde sie nun brauchen

können; das Schicksal hat mich einmal dazu bestimmt, und Niemand kann

seinem Schicksale entrinnen! Wohlan, ich nehme den Fehdehandschuh des

Schicksals auf; wie es mich von meiner Geburt an schon hilflos in die

Welt gestoßen und mit Unglück verfolgt hat, will ich Tausende, und

wen nur mein Arm zu erreichen vermag, auch unglücklich machen, sie

ihrer Habe berauben und hilflos in die Welt verstoßen. Kein Erbarmen

und Mitleid soll meine Seele mehr kennen, das sind nur alberne

Herzenskitzelungen, und Schwachheiten, deren sich ein richtiger Mann

schämen muß, Tugend und Ehrbarkeit sind nur leere Truggebilde, eitle

Hirngespinste von Thoren, die es im Leben nie zu etwas Ordentlichem

bringen werden!“

So sprach er noch lange vor sich hin und bekräftigte sich immer mehr in

seinem einmal gefaßten Entschlusse, ein Räuber zu werden.

Er war ein unglücklicher, mit der Welt zerfallener junger Mann, den

sein guter Engel verlassen, den die Bosheit der Menschen von dem

schönsten Höhepunkte eines tugendhaften, friedevollen und beglückten

Lebens hinabgestoßen in die grauenvolle Tiefe des Hasses, der Rachsucht

und der Raserei, und von dem Satan beim Schopfe gefaßt, den gräßlichen

Schwur jetzt that, die Tugend, die Menschlichkeit von sich zu schütteln

und nur der Befriedigung roher Lüste, dem Raube und dem Morde mit

allen schönen Kräften seines reich ausgestatteten Geistes und Körpers

anzugehören. Aus seiner Tasche zog er einen Beutel hervor, worinnen

blankes Gold glänzte, und die Schwere und Größe der Börse verriethen

einen solchen reichen Inhalt, daß er gewiß lange davon hätte anständig

leben können, wenigstens so lange, bis er sich einen passenden

Nahrungszweig errungen.

Aber mit Verachtung blickte er auf das schöne und viele Gold.

„Verdammtes Sündengeld, das mir meine Schmach abkaufen und mein

zerrissenes Herz heilen sollte, dich mag ich nicht, du brennst mir

wie glühendes Feuer in den Händen! Hinweg mit dir, damit dich nie

mehr meine Augen sehen!“ Und mit diesen Worten schleuderte er die

goldgefüllte Börse in den an dem Wege vorbeifließenden Bach.

„Ja, Gold,“ sagte er dann wieder, „nach dir habe ich wohl einen

brennenden Durst, aber nur, weil ich mit dir machen kann, was ich will

und du mir das Mittel bist, alle meine Lüste und Leidenschaften zu

befriedigen; für dich ist alles feil: Tugend, Schönheit und Unschuld,

ja selbst die Seligkeit, wenigstens auf Erden hier! Aber dieses Gold

mag ich nicht geschenkt erhalten, ich will mir es verdienen, mit der

Faust mir es rauben, wo ich es finde, und ich bin der Mann dazu, daß

mir nicht leicht Jemand entgehen soll, auf den ich es einmal abgesehen

habe!“

Er lauerte nun darauf, alles Geldes baar, sich durch Beraubung des

ersten, der ihm begegnen würde, solches wieder zu verschaffen.

II.

Der erste Raubmord.

Und wie mit Eisenschlingen

Umfaßt den Gegner er,

Umsonst ist alles Ringen,

Umsonst die Gegenwehr.

~Matzerath.~

Nach Beute umherspähend, sah er einen wohlgekleideten Mann gemächlich

daher reiten.

Im Augenblicke ward der Unglückliche vom Pferde gerissen. Er schrie

um Hilfe und ein gräßlicher Schlag mit einem schweren Steine, von des

Räubers kräftiger Hand nach dem Kopfe gethan, machte ihn für immer

verstummen. Dieser raubte ihm Uhr und Börse, warf sich auf das Pferd

und sprengte über eine Wiese dem nächsten Walde zu.

Mit Raub und Mord hatte er den schrecklichen Cyclus seiner Gräuelthaten

eröffnet.

Schon ein paar Stunden war er auf einem Fahrwege dahin geritten, und

noch immer wollte sich das Ende des Waldes nicht zeigen.

Dagegen fühlte er sich von Augenblick zu Augenblick unwohler; er wurde

so matt, daß er beinahe vom Pferde sank; es klebte ihm die Zunge am

Gaumen, und sein Durst wurde so brennend, daß er für einen frischen

Trunk gern die geraubte Börse hingegeben hätte.

Den Zügel des Pferdes am Arme, schleppte er sich tiefer in den Wald

hinein, eine Quelle zu suchen. Lange war er fruchtlos umher geirrt,

und vermochte nicht weiter zu gehen. Er wollte unter einem Baume sich

lagern, als er den rückwärts am Sattel angeschnallten Mantelsack

bemerkte. Ohne selbst zu wissen, warum, da er in diesem Augenblicke

gewiß nicht an eine Beute, sondern nur an Rettung vor dem Verschmachten

dachte, schnallte er den Mantelsack ab, warf sich damit aufs Moos und

öffnete ihn.

Er schrie laut auf vor Freude; der Mantelsack war ein tragbares

Speisegewölbe, ein portativer Keller. Nicht ein Stückchen von Kleidern

oder Wäsche befand sich darin, wohl aber ein Magazin von Würsten,

Schinken und verschiedenen Braten, denen drei Flaschen Wein und eine

Flasche Rum, feines Gebäcke und Brot beigesellt waren.

[Illustration: _L. Oeser in Neusalza._

Der schwarze Wenzel u. Lips Tullian.]

Der vorige Besitzer dieses Magazins mochte wohl aus Geiz, um in den

Wirthshäusern wenig zu verzehren, oder aus Furcht, auf der Reise zu

verhungern, sich so reichlich versehen haben.

Schnell hatte er eine Flasche Wein geleert, ein tüchtiges Stück Braten

gegessen, und beschloß nun, frisch fort zu traben, da er befürchten

mußte, daß die Leiche des von ihm erschlagenen Mannes bereits gefunden

und das Gerücht von dem Morde vielleicht schon in weiter Umgebung

verbreitet worden sei. Er befestigte den Mantelsack und wollte eben zu

Pferde steigen, als er rücklings ergriffen und im Augenblicke zu Boden

gerissen war.

Ein baumlanger, breitschulteriger Kerl stand vor ihm, mit

hochgeschwungenem Knittel, und forderte Uhr und Geld[2].

[2] Siehe die Abbildung.

Sein erster heftiger Schrecken bei dem Gedanken, von der Faust eines

Häschers gefaßt und keiner Gegenwehr mächtig zu sein, war schnell bei

der barschen Forderung nach Uhr und Geld verschwunden; er sah, mit wem

er es zu thun habe; eine ganze Räuberbande wäre ihm minder furchtbar

gewesen, als ein einziger, tüchtiger Diener der Gerechtigkeit.

Mit einer Ruhe und einer Offenherzigkeit, die den Räuber erstaunen,

und den zum tödtlichen Schlage erhobenen Arm sinken machte, begrüßte

er ihn, erzählte, vor einigen Stunden, nicht fern von der polnischen

Gränze, einen Reiter erschlagen, ihm Uhr, Börse und Pferd genommen zu

haben, und erbot sich nicht nur allein zur Theilung, sondern auch zu

künftiger Gemeinschaft und Genossenschaft.

Schweigend hatte ihm der Räuber zugehört, er betrachtete jetzt das

Pferd.

„Was Teufel!“ -- rief er, und lachte laut auf -- „das ist ja der

Brandfuchs des Herrn von Liebenstein. Alle wackern Gesellen sollen Dich

auf den Händen tragen, daß Du dieser Bestie den Garaus gemacht hast.

Der Schuft war mit seinen Jägern und Gerichtsdienern immer hinter uns

her. Nun, dafür sollst Du auch belohnt werden, so wahr als ich der

~schwarze Wenzel~ heiße. Du bist der tüchtigste Kerl, vor dem

ich selbst Reverenz mache, und wenn Dir Dein voriger Antrag, mit mir

Gemeinschaft zu pflegen, Ernst war, so soll es Dir nicht an Gelegenheit

mangeln, auf Kosten anderer Leute in Saus und Braus zu leben. Schlag

ein, Bruderherz, und sey der Unsrige!“ --

Mit wilder Lust schlug dieser ein, riß den Mantelsack vom Pferde, und

unter den lasterhaftesten Gesprächen wurde getafelt und gezecht, bis

der Abend hereinbrach und das Wiehern und Stampfen des nach Futter und

Wasser verlangenden Pferdes zum Aufbruch nach einer Herberge mahnte.

„Wohin nun,“ -- fragte der neue Räuber -- „um nichts befürchten

zu dürfen, denn die Kunde von der Ermordung des Liebensteiner mag

schon weit herumgekommen und jeder Gastwirth gegen den Unbekannten

argwöhnisch sein, der mit keinem Passe versehen ist. Auch macht mir das

Pferd Sorge, da vielleicht Mancher es erkennen möchte.“

„Sei unbekümmert,“ tröstete der Spießgeselle, „Dich erwartet eine

Nachtherberge, wo Du gute Bewirthung und ein lustiges Treiben finden

wirst, wo Du sicherer bist, als in Abrahams Schoos. Wir haben eine

gute Meile zu machen, und ich werde Dich Wege führen, wo Du und der

Brandfuchs ungesehen bleiben. Nun folge mir!“

III.

Die Aufnahme unter die Räuberbande.

So schwör’ ich denn, mit Gut und Blut

Euer zu sein für’s Leben,

Mögt Ihr, als treue Bundsgenossenschaft,

Den Schwur zurück mir geben. . . .

Wenzel ging voran, und dieser folgte ihm, das Pferd am Zügel führend.

Es ging nur selten und immer nur eine kurze Strecke auf gebahntem Pfade

fort; im Hochholze und über Waldwiesen schritten sie schweigend dahin,

denn jeder war mit sich selbst zu sehr beschäftigt.

„Wir sind am Ziele!“ -- sprach Wenzel, als sie in einem

schluchtähnlichen Thale auf einer, von felsigen Hügeln dicht

umgürteten Stelle angekommen waren. Befremdet schaute jener umher, er

sah nichts, als Steinmassen, hohe dunkle Fichten und wildrankendes

Gestrippe. Und doch sollte er hier, nach Wenzels Versicherung, gute

Herberge und gute Gesellschaft finden? Es kam ihm der Gedanke, auf

diesen schauerlich-einsamen Platz gelockt worden zu sein, um ermordet

und beraubt zu werden; er fühlte sich dem baumlangen Kolosse nicht

gewachsen, doch war er fest entschlossen, sein Leben so theuer als

möglich zu verkaufen.

Was er nach einigen Augenblicken sah, minderte zwar seinen Argwohn,

mehrte aber seine Befremdung. Wenzel hatte den Arm bis an die Schulter

in eine Felsenspalte gesteckt und seine Bewegung zeigte, daß er an

einer Glocke ziehe. Bald darauf ertönte ein dreimaliger Hahnenruf, den

Wenzel eben so erwiederte. Jetzt kam um den Felsen herum ein Kerl,

eine Büchse unter dem Arme, einen furchtbar großen, immer knurrender

herandrängenden Fanghund an einer Kette haltend. „Masel toff Köng rodl’

ich den tuftesten Kaper in unsere Bingertei[3]!“ -- rief Wenzel. --

Mit wild freundlichem Lächeln reichte der Kerl dem Fremden die Hand,

schmeichelnd sprang der Bullenbeißer an Wenzel hinauf und beschnoberte

dann den Fremden, mit feindlichen Blicken ihn beobachtend.

[3] „Hier führe ich unserer Gesellschaft den wackersten Kameraden

zu!“

Es ging nun um den Felsen hin. Ein großer Haufen Laub und Reißig

lag auf einem Flecke. Schnell war ein Theil davon durch Wenzel und

seinen Kameraden hinweggeräumt, eine Fallthüre wurde sichtbar, und

als diese aufgehoben war, zeigte sich ein ziemlich breiter, nicht zu

abschüssiger Gang in die Tiefe, der für ein Pferd Raum genug hatte. Das

Pferd wurde von Wenzel hinabgeführt, während der Andere im Augenblicke

Licht geschlagen und eine Wachskerze angezündet hatte. Man gelangte in

ziemlicher Tiefe auf einen Platz, der ganz ausgebrettert war, drei bis

vier Pferde faßte und mit einem Vorrathe von Hafer und Heu versehen

war. Der Brandfuchs wurde abgesattelt, getränkt, gefüttert, und nun

ging es aufwärts, wo man die Fallthüre niederließ und sie wieder

sorgfältig bedeckte.

Wenzel kletterte nun den Felsen hinauf, hieß seinen Begleiter ihm

folgen und der Kerl mit dem Hunde schloß den Zug. Man kam an eine

Oeffnung, durch welche man kriechen mußte, dann in einen Gang, der hoch

und breit genug war, um aufrecht darin fortzukommen.

Wenzel pfiff auf einer Diebespfeife, sein Kamerad verrammelte die

Oeffnung mit Steinen, mit einem starken Querbalken, und aus der Ferne

flammte ihnen das sprühende Licht einer Fackel entgegen.

Es war ein junger Bursche von wildem, trotzigem Aussehen, der mit

der Fackel daher kam, Wenzel mit einem Freudengeschrei begrüßte, den

Fremden scharf beschaute, und dann mit seiner Leuchte voran schritt.

Der Gang führte abwärts. Gesang und Lachen erscholl aus der Tiefe, eine

Thüre wurde geöffnet, und der Fremde starrte mit sprachlosem Erstaunen

und festgewurzeltem Fuße die sich ihm darbietenden Erscheinungen an.

Eine Höhle, von Felsenwänden umschlossen und von sehr weitem Umfange,

war von unzähligen Fackeln, die in den Felsenritzen steckten,

erleuchtet. In der Mitte stand eine lange Tafel, an einer Wand hin lief

ein hoch aufgeschichtetes Strohlager, über welchem Flinten, Säbel,

Pistolen, Messer und Beile hingen. Ganz im Hintergrunde brannte ein

Feuer, von Kochtöpfen umgeben. An der Tafel saßen mehrere Männer mit

einigen sehr hübschen Dirnen, andere lagen auf dem Strohlager, andere

bereiteten Speise.

Auf den Ruf des Fackelträgers: „Der schwarze Wenzel ist da!“ -- sprang

alles auf und jauchzte dem sehr beliebten Kameraden entgegen, mit

Grüßen und Fragen ihn umdrängend.

Des Fremden Eintritt machte das Jauchzen und die Begrüßungen und die

Fragen plötzlich verstummen. Als aber Wenzel der Bande den Fremdling

als einen Gesellen ankündigte, und als er erzählte, wie der neue

Geselle den Liebensteiner, ihren Todfeind, auf freier Straße am hellen

Morgen erschlagen, und wie er sich im traulichen Gespräche und in der

Erzählung seines Jugendlebens als den tuftesten Chochem, Ganof und

Chasnemalochner[4] genügend beurkundet habe, da ward der Jubel zum

betäubenden Gebrülle, der Fremde an die Tafel gezogen, eine große Kanne

Wein ihm vorgesetzt, und er mußte mit Allen auf treueste Brüderschaft

anstoßen.

[4] Gauner, Dieb und Räuber.

Eine Dirne, deren Buhle vor Kurzem auf dem Rabensteine vollendet hatte,

trug sich ihm gleich mit aller Frechheit zur Nafkine[5] an, und er war

schon so tief gesunken, daß er nicht mehr seiner Jumello dachte, daß er

mit schamloser Lust solch einer Verworfenen sich hingab.

[5] Zuhälterin, so viel als Concubine.

[Illustration: _L. Oeser in Neusalza._

Die Räuberhöhle.]

Wenzel ließ nun die Männer einen Kreis um sich und den neuen Genossen

schließen. Es herrschte die tiefste Stille. Der Fremde wurde

aufgefordert, der Bande den Eid der Treue zu schwören. Er schwor

einen gräßlichen Eid. Am Schlusse des Eides streifte Wenzel den linken

Aermel seines Rockes zurück, ritzte sich mit der scharfen Spitze seines

Messers eine Ader, fing das Blut in die Hirnschale eines Todtenschädels

auf, und der neue Räuber leerte den grauenvollen Becher, seinen Eid und

seine Treue durch den Bluttrunk bekräftigend. --

In der Bande war eingeführt, daß jedes Mitglied einen Namen führe,

den ihm die Bande gebe. Der Fremde erbat die Begünstigung, von nun

an ~Lips Tullian~ genannt zu werden, da er schon in seiner

Kindheit von einem Tullian gehört habe, der vor zwei Jahrhunderten als

gefürchteter Räuber und Mörder in Ungarn und Slavonien gelebt hatte.

Einstimmig wurde ihm dieser Name gegeben.

Nun ging es zum Mahle, zum Zechen und Schwelgen, und als Lips Tullian

das Geld, um welches ihm der eben gegenwärtige Haupt-Baldoverer[6]

der Bande, ein Jude, des Liebensteiners Roß abgekauft hatte, der

Gesellschaft zum Ankaufe von Branntwein überließ, hatte er sich gleich

Alle zu den innigsten Freunden gemacht. --

[6] Kundschafter, Spion.

IV.

Lips Tullian’s erstes Räuberleben.

Ja, fürwahr die Hölle bindet

Fest, was einmal sie gefaßt;

Wie die Nadel, wenn sie hat

Den Magnet berührt, nach Norden

Ewig ihre Spitze drehet,

Kehrt, wer einmal bös gethan

Ewig seinen Sinn zum Bösen.

~Müllner.~

Lips Tullian schwelgte mit seinen neuen Genossen bis spät in die Nacht

hinein. An der Seite der schönen ~Lene~, seiner neuen Zuhälterin,

erwachte er am andern Morgen. Der Kopf war ihm wüste, es brannte ihm

wie Feuer im Gehirn, und er befand sich in einer höchst unangenehmen,

widerlichen Stimmung. Noch einmal wachte sein besseres Selbst in ihm

auf und zeigte ihm den Abgrund, in den er rettungslos versinken mußte,

wenn er die eben betretene Bahn fortschreiten wollte. Aber mit Gewalt

unterdrückte er die Stimme in seinem Innern, die ihn unablässig zur

Umkehr mahnte, er konnte ja auch nicht mehr zurück, denn er hatte ja

seine Laufbahn mit einem Raubmorde begonnen.

In den Armen der schönen Lene vergaß er bald seine üble Stimmung und so

übertäubte er den letzten Funken seines besseren Gefühls.

Diese Räuberbande war die verwegenste in ganz Schlesien; von ihrem

sicheren, nicht leicht auffindbaren Verstecke im Trebnitzer Waldgebirge

aus verbreitete sie weithin Furcht und Entsetzen. Raub, Mord und

Brandstiftung gehörten zur Tagesordnung. Vergeblich bemühten sich die

Behörden, diesem Treiben zu steuern, ihr Arm war zu schwach dazu,

denn wenn es ihnen auch nicht selten gelang, einzelne Mitglieder

dieser Räuberbande einzufangen, so wurden diese entweder von ihren

Genossen wieder befreit oder fanden selber Mittel und Wege, aus

ihrem Gefängnisse wieder auszubrechen, oder wurden gehängt; ein

Geständniß hinsichtlich des Aufenthaltsortes der Räuber war nicht

auszumitteln, und so lange die Räuberhöhle nicht ausgemittelt wurde,

blieben alle Anstrengungen der Behörden, dem Unwesen der Räuber zu

steuern, fruchtlos. Vergeblich setzten jene einen hohen Preis auf

die Entdeckung dieser Raubhöhle und auf den Kopf jedes Räubers, diese

verlachten und verspotteten ihre Versuche und Drohungen nur und

antworteten auf solche gewöhnlich durch einen neuen, höchst verwegenen

Einbruch auf einem festen Schlosse oder in einem wohlverwahrten

Gefängnisse.

Lips Tullian befand sich bei solchem Treiben ganz in seinem Elemente,

er wurde schnell der Kühnste und Verwegenste, sowie auch der Schlaueste

der ganzen Bande und galt bald ebensoviel, wo nicht noch mehr als

der schwarze Wenzel selbst. Schon durch die Ermordung des Herrn von

Liebenstein hatte er sich in großes Ansehen bei der Bande gesetzt, denn

dieser war, wie schon erwähnt, ihr gefährlichster und gefürchtetster

Verfolger, der unablässig ihnen auf den Fersen war und Tag und Nacht

nicht ruhte, wenn es galt ihnen zu schaden oder einen von ihnen

einzufangen. Er hatte auch schon eine nicht unbedeutende Anzahl von

ihnen unter Galgen und Rad geliefert. -- Was er mit seinem Ritt ohne

alle Begleitung damals beabsichtigt haben mochte, war schwer zu

rathen, sicherlich irgend einen geheimen Anschlag auf die Bande; um

so erfreulicher und erwünschter mußte dieser dessen Tod sein und eben

darum auch der Mörder dieses ihres rastlosen Verfolger bei ihnen in

großem Ansehen und Ehren stehen.

Ueber zwei Jahre trieb die Bande seit dem Eintritte Lips Tullians in

dieselbe ihr Wesen in dieser Gegend fort und zwar mit noch größerer

Verwegenheit und Frechheit wie früher; bald war der Name Lips Tullian

eben so gefürchtet und berüchtigt, wie der des schwarzen Wenzels, ja

noch mehr; und Lips Tullian konnte als der eigentliche Anführer der

Räuber gelten, denn er genoß nach und nach ein noch größeres Ansehen

bei seinen Raubgenossen, als der wirkliche Hauptmann, der schwarze

Wenzel.

War dieser auch bisher seiner zahlreichen Genossenschaft an Schlauheit

zur Auffindung ergiebiger Raubgeschäfte und an Muth in der Ausführung

gefährlicher Entwürfe überlegen gewesen, so machte er doch bald die

widrige Bemerkung, daß Lips Tullian in jeder Räuberbeziehung sein

Meister, und die Bande diesem Meister immer mehr gehorchend, immer

anhänglicher sei.

Eifersüchtig auf die Macht, die er schon seit Jahren über seine

Kameraden ausgeübt hatte, zu stolz, zu herrschbegierig, einen

Nebenbuhler seines Ansehens, noch viel weniger einen Gebieter zu

dulden, erschöpfte er sich in Entwürfen, dessen Ansehen bei der Bande

zu vernichten, oder, wenn das nicht gelinge, ihn auf unentdeckbare

Weise aus dem Wege zu räumen.

Wochenlang streifte er nun in verschiedenen Verkleidungen umher, und

spähete nur solchen Raubgelegenheiten nach, wo dem Räuber die größte

Gefahr drohete; er wußte, daß Lips Tullian nur die gefährlichsten

Unternehmungen liebe, daß er sich keiner versage. In der Gefahr den

Verhaßten untergehen zu machen, war sein einziges Vorhaben; ja man

flüsterte sich in der Bande zu: der schwarze Wenzel habe in einem

heftigen Gefechte mit Jägern und Bauern zweimal nach Tullian geschossen.

Dieser durchschaute seinen Todfeind sehr wohl; er war rastlos, sich

bei jeder Gelegenheit so auszuzeichnen, daß er mit Zuversicht erwarten

durfte, die Bande werde seine Thaten würdigen und ihn zum Oberhaupte

ernennen; Wenzels Entfernung aus der Gesellschaft sollte dann die

feste Bedingung sein, unter welcher er die Anführung übernehme und als

Oberhaupt sein Blut und Leben für die Bande weihe.

Das Treiben der Räuberbande hatte den höchsten Gipfel erreicht und es

war voraus zu sehen, daß ihnen nun ihr Handwerk bald gelegt werden

mußte, denn sie erdreisteten sich sogar, die Postwagen zu überfallen

und auszuplündern und die von der Regierung denselben beigegebene

Bedeckung niederzumachen.

Die Räuber mußten jetzt öfters Gefechte mit den gegen sie

ausgeschickten Soldaten bestehen; einen andern Vortheil über sie

vermochten die Soldaten jedoch nicht zu erringen, als den, daß sie

ihnen einige Leute tödteten, deren Leichnam die Räuber gewöhnlich mit

sich fortnahmen und in ihren unzugänglichen Schlupfwinkel trugen.

V.

Der Ueberfall von Trebnitz.

Sagt es selbst, wird Oerindur

Täglich kühner nicht und wilder?

~Müllner.~

Nach langer Entfernung kehrte Wenzel einst von der Kundschaft

zurück und brachte Nachricht, daß der Zigeuner und der kleine Karl

aufgegriffen und in das Gefängniß des Kriminalgerichtes von Trebnitz

gebracht worden seien.

Lips Tullian kannte die beiden als zähe Bursche, denen einige Grade der

Tortur keine Geständnisse zu erpressen vermögen. Aber er wußte auch,

daß der Kriminalrichter von Trebnitz ein eben so feiner als unermüdeter

Inquirent sei, und daß auch der hartnäckigste Leugner nie vor ihm in

seiner Hartnäckigkeit bestanden habe.

Diese beiden mußten daher dem gefürchteten Untersuchungsrichter

entrissen werden, das erklärte Tullian, und mit ihm die ganze Bande,

als die erste und nothwendigste That.

Die Ausführung war, der Festigkeit des Gefängnisses, der zahlreichen

Wächter und eines Militärcommandos wegen, das soeben zur Unterstützung

der Behörde in Beitreibung landesherrlicher Gefälle zu Trebnitz lag,

mit fast unüberwindlichen Schwierigkeiten und der höchsten Gefahr

verbunden, und doch mußte alles versucht, alles gewagt werden, denn die

Sicherheit, das Leben der ganzen Bande hing allein von der Freiheit

ihrer Gefährten ab.

An der Spitze des größten Theils der Bande zog Lips Tullian nach

Trebnitz. List und Gewalt blieben fruchtlos, sie brachen ihre

raschen, kräftigen Schwingen an der Wachsamkeit, und an dem Muthe der

Gerichtsdiener und Soldaten.

Die Bande mußte abziehen, wurde beim Abzuge von dem Militärcommando,

von berittenen Jägern und Gerichtsdienern, von wohlbewaffneten

Flurschützen und Bauernburschen plötzlich überfallen, trotz der

muthigsten Gegenwehr theils getödtet, theils gefangen und der

größte Theil zerstreut, Lips Tullian, der, mit der Tollkühnheit der

Verzweiflung kämpfend, erst auf Flucht dachte, als für die Seinigen

nichts mehr zu hoffen war, rettete sich auf dem Pferde eines Jägers,

den er, unter den Bajonetten der Soldaten, unter den Säbelhieben der

Berittenen vom Pferde stach.

Hierdurch bewogen, beschloß endlich die Regierung, diesen Räubereien

auf einmal ein Ende zu machen und die ganze Bande in der Höhle

aufzuheben.

Eine Compagnie Infanterie wurde zur Ausführung dieses Auftrags

beordert. Im Schutze der Nacht und eines dichten Nebels gelangten die

Soldaten bis an den Eingang der Höhle. Man konnte in das Innere der

Höhle nur durch einen engen, finstern Gang gelangen, durch welchen die

Soldaten auf dem Bauche kriechen und ihr Gewehr hinter sich her ziehen

mußten.

Der Anführer forderte die Entschlossensten und Muthigsten auf, in

die Höhle hineinzukriechen. Am Ende des Ganges, wo die Höhle sich

erweiterte, sollte Jeder auf die Seite treten, um seinem Nachfolger

Platz zu machen. 25 Mann von der Compagnie sollten vorderhand auf diese

Weise in die Höhle eindringen, die Uebrigen blieben außen stehen, um,

sobald sie schießen hörten, zu Hülfe eilen zu können.

Der Führer, welchen die Soldaten mit sich genommen hatten, ein junger

Mann von 20 Jahren, ein gefangener Räuber, welcher mit der Höhle

vertraut war, kroch zuerst auf dem Bauche, wie eine Schlange sich

windend, in den engen Gang hinein und verschwand alsbald im Dunkeln.

Ein Soldat folgte ihm, dann ein zweiter, dann ein dritter, bis endlich

die dazu bestimmte Mannschaft drinnen war, ohne daß sich irgend ein

Geräusch hören ließ, irgend ein Schein die dunkle Nacht erhellte,

welche sie umgab.

Die Stille schien von guter Vorbedeutung zu sein. Die Räuber, von einem

beschwerlichen Raubzuge zurückgekehrt, schliefen wahrscheinlich und

hatten auch wohl keine Wachen ausgestellt. Diese Hoffnung richtete die

bangklopfenden Herzen der außen harrenden Soldaten auf, und frohen

Muthes krochen noch weitere 15 Mann ihren Kameraden nach durch den

engen Gang.

Eine Stunde ging auf diese Weise vorüber, ungeduldig harrten die

Außenstehenden auf den Erfolg, aber eine zweite Stunde verging und

nicht der leiseste Laut unterbrach das schauerliche Schweigen, welches

in der Höhle herrschte. Plötzlich hörte man eine Salve krachen,

dann eine zweite und endlich eine dritte, ähnlich dem Krachen eines

Pelotonfeuers. Allem Anscheine nach kämpften die in die Höhle

gedrungenen Soldaten mit den Räubern.

Zwei Gensd’armen ritten in die benachbarte Stadt und meldeten, daß

die Soldaten des 65. Regiments mit den Räubern in der Leiterhöhle im

Handgemenge seien und daß die Letztern ohne Zweifel vernichtet werden

würden.

Diese Nachricht verbreitete sich schnell in der Umgegend, und die

Bauern eilten schaarenweise herbei, um die Gefangennahme der Räuber mit

anzusehen.

Inzwischen war es Tag geworden und die Schüsse in der Höhle waren

verstummt; von den 40 Mann, die in die Höhle eingedrungen, kam kein

einziger wieder zum Vorschein. Der Oberst des Regiments kam unterdessen

mit einer weiteren Compagnie aus der Stadt anmarschirt. Mit wenigen

Worten ließ er sich von dem seither Geschehenen unterrichten, und als

er erfuhr, wie viele Soldaten in die Höhle eingedrungen und wie kurze

Zeit nur das Schießen gedauert, überzog sein Antlitz tiefe Trauer, und

in fieberhafter Aufregung ging er auf und ab, um nachzudenken, was zu

thun sei.

Eine volle Stunde brachte der Oberst so in schweigendem Nachdenken

zu, und dieselbe peinliche Stille herrschte auch bei den Soldaten.

Endlich befahl er einem jungen Soldaten, in die Höhle hineinzukriechen.

Er selbst kroch sodann hinter ihm her und hielt ihn immer am rechten

Fuße, von dem er den Stiefel ausgezogen hatte. Nach einigen Minuten kam

der Oberst wieder zurück, bleich, mit verstörten Zügen. Das Regiment

hatte bei 40 Mann verloren, daran war nicht mehr zu zweifeln, denn als

der Oberst einige Minuten hinter dem jungen Soldaten hergekrochen war,

fühlte er plötzlich, wie dessen Fuß, den er immer in der Hand hielt,

krampfhaft zuckte und eiseskalt wurde; dann wurde der Körper gewaltsam

vorwärts gezogen. Aus diesen unheilvollen Anzeichen mußte er schließen,

daß der Unglückliche enthauptet worden und daß mit seinen Vorgängern

auf diesem gefährlichen Wege dasselbe geschehen sei.

Der Oberst ließ aus der Stadt zwei Maurer holen und den Eingang der

Höhle fest zumauern, ein Wachtposten wurde sodann vor die vermauerte

Oeffnung gestellt, und die wackern Soldaten des Regiments marschirten

schweigend in die Stadt zurück.

Waren auch die wackern Männer, die in die Höhle eingedrungen, eines

grausamen Todes gestorben, so büßten jetzt doch wenigstens die

Räuber für ihr Verbrechen; lebendig begraben mußten sie eines noch

schrecklichern Todes sterben, als ihre unglücklichen Opfer. -- Mit

diesem Gedanken tröstete sich der Oberst und die ganze Bevölkerung in

der Stadt und auf dem Lande. Man denke sich daher das Erstaunen dieser

Leute, als sie drei Tage nachher erfuhren, daß der Ober-Steuereinnehmer

in der Stadt beim Aufstehen seine Casse erbrochen und statt der

bedeutenden Geldsumme, die sich in derselben befunden hatte, nur noch

einen Zettel fand, auf welchem die Worte standen: ~Die Räuber in der

vermauerten Höhle~. --

Das Erstaunen und der Schreck, welcher sich bei diesem neuen verwegenen

Handstreich, dieser ruchlosen Prahlerei, in der ganzen Umgegend

verbreitete, läßt sich schwer beschreiben. Die abgeschmacktesten

Erzählungen fanden bei den abergläubischen Gebirgsbewohnern Glauben,

die Räuber waren bestimmt Hexenmeister und hatten einen Bund mit dem

Teufel geschlossen.

Die vernünftigen Leute dachten alsbald an einen zweiten Ausgang aus

der Höhle, denn anders ließ sich das räthselhafte Wiedererscheinen der

eingemauerten Räuber auf natürlichem Wege wenigstens nicht erklären.

Man forschte deshalb bei den Bewohnern des flachen Landes nach, ob

nicht der Eine oder der Andere von einem solchen zweiten Ausgang etwas

wisse, aber vergebens, weder jüngere noch ältere Leute hatten je von

einem andern Ausgang gehört, als von dem nun zugemauerten.

Man zündete alles Buschwerk in der Nähe der Höhle an, unter welchem

möglicherweise ein zweiter Eingang hätte versteckt sein können, aber

umsonst, es zeigte sich nichts. Endlich beschloß man das Gebirge

dermaßen mit Soldaten einzuschließen, daß keine lebende Seele an den

auf den Höhen und an den Abhängen des Berges, in welchem die Höhle lag,

aufgestellten Wachtposten unbemerkt vorbei konnte.

Diese Maßregel wurde ausgeführt, schien aber ohne Erfolg zu bleiben,

denn drei Wochen lang währte der beschwerliche Wachtdienst, ohne daß

sich der heiße Wunsch der Soldaten, ihre Kameraden rächen zu können,

erfüllen zu wollen schien.

Bereits begann die Mannschaft über den beschwerlichen Dienst zu murren,

da verließ in einer regnerischen Nacht ein Wachtmeister das Lager, um

ein Mädchen zu besuchen, welches eine Stunde vom Lager entfernt wohnte.

Diesen führte sein Weg an einem dichten Gestrüppe von Erdbeeren und

Zwergkirschenbäumen vorbei; er strauchelte in der Dunkelheit und fiel

auf einen bemoosten Stein. Plötzlich glaubte er unter diesem Steine

eine dumpfe Stimme zu hören. Ohne Geräusch zu machen, stand er auf und

legte sich in einer Entfernung von einigen Schritten in einem Gebüsche

platt auf den Bauch nieder, hielt den Athem an sich, und harrte mit

gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen sollten.

Dazwischen war jedoch Alles wieder stille geworden, und schon glaubte

der Wachtmeister sich getäuscht zu haben und wollte sich entfernen, da

sah er plötzlich, wie er den Blick immer fest auf den Felsen gerichtet

hielt, unter welchem er die Stimme gehört zu haben meinte, die Zweige

um denselben sich bewegen, und einen Mann sich langsam aufrichten,

der wie die Bauern der Gegend gekleidet war. Der Mann schaute sich

vorsichtig um, ob Niemand ihn bemerkt habe, und schlug dann die

Richtung durch den Wald nach der Landstraße ein.

Sobald der Wachtmeister diese seltsame Erscheinung hatte verschwinden

sehen, untersuchte er aufmerksam die Stelle, wo sie aufgetaucht war,

und fand hinter einer Felsenecke, dem ungeweihten Auge künstlich

verborgen, die Mündung eines unterirdischen Ganges, der gerade groß

genug war, daß ein ausgewachsener Mann durch denselben gehen konnte.

Der Wachtmeister merkte sich die Stelle genau und eilte mit seiner

wichtigen Entdeckung zum Obersten, überzeugt, daß er den zweiten

Ausgang der Räuberhöhle gefunden habe.

Augenblicklich rückte der Oberst mit einem halben Bataillone vor den

bezeichneten Ort, und drang in tiefster Stille in den langen schmalen

Gang. Nach einem unheimlichen Marsch von einer halben Stunde im

Finstern bemerkten die Soldaten in ziemlicher Nähe einen schwachen

Lichtschimmer. Eine Schildwache, die dort stand, und wohl glaubte,

sie habe es mit Freunden zu thun, rief ihnen ein „Wer da?“ zu, aber

ein Grenadier sprang rasch auf sie los, und durchbohrte sie mit dem

Bajonnette, noch ehe sie Zeit fand, ihren Ruf zu wiederholen, oder ihr

Gewehr abzufeuern.

Der Gang war hier so eng, daß alle Soldaten über die Leiche des Räubers

hinwegschreiten mußten. Diese Schildwache hätte gefährlich werden

können, denn hätte sie Zeit gefunden, zu schießen, so wäre es ihr

gelungen, die Soldaten aufzuhalten, und den Räubern Zeit zu geben, sich

zu sammeln, und den Soldaten das weitere Vordringen zu wehren.

Nachdem aber dieses letzte Hinderniß vollends beseitigt war, kamen die

Soldaten in einen geräumigen Saal, in welchem eine Truppe, 20 Mann

hoch, aufgestellt werden konnte. Hier ließ der Oberst Halt machen;

die Stunde der Gefahr war da. Fackeln wurden angezündet, die Trommeln

wirbelten zum Angriff, und die Räuber, mitten in einem Zechgelage

überrumpelt, sprangen entsetzt auf, griffen eiligst zu den Waffen, und

eröffneten unter lautem Geschrei ein lebhaftes Gewehrfeuer.

Dieser unerwartete Angriff und die verzweifelte Gegenwehr boten ein

furchtbares Schauspiel. Die Räuber waren der Zahl nach die Schwächeren,

aber sie hatten den Vortheil, mit allen Windungen und geheimen Gängen

der Höhle bekannt zu sein. In diesem Vertilgungskampfe beim Scheine der

Fackeln und dem Aufblitzen der Gewehrsalven wurde Alles ein Werkzeug

des Todes. Gewaltige Steinmassen, durch die von den Gewehrsalven

verursachte Erschütterung abgelöst, stürzten vom Gewölbe hernieder und

zerschmetterten in ihrem Falle Räuber und Soldaten. Die von den Felsen

abprallenden Kugeln rissen von denselben ungeheure Stücke los, welche,

wo sie trafen, schreckliche Verwundungen verursachten. Der schauerliche

Lärm des Kampfes, das Wirbeln der Trommeln, das Stöhnen der Verwundeten

und Sterbenden wiederhallte, durch das Echo vervielfältigt, in der

ganzen Höhle.

Der Räuber waren es höchstens vierzig, aber bei den Vortheilen, welche

ihnen die Oertlichkeit darbot, und da sie tüchtige Schützen waren,

die ihr Leben muthig in die Schanze schlugen, war ihre Stärke um das

Hundertfache höher anzuschlagen. Ueberall durch Spalten oder Vorsprünge

der Felsen gedeckt, schossen sie die Soldaten nieder, ohne daß diese

sie erreichen konnten. Glücklicherweise war die Truppe durch immer

nachrückende Verstärkung im Stande, ihre Verluste rasch zu ersetzen,

und durch allmäliges Vordringen die Räuber auf einen Punkt zu treiben,

wo der Kampf, der so vielen Wackeren das Leben kostete, doch endlich

mit einem Schlage zu Ende gebracht werden mußte.

Der Kampf hatte bereits eine Stunde gewährt, die Räuber waren, von

einer Stellung zur andern vertrieben, bis an einen kleinen See gelangt,

der sich nahe am Ende der Höhle befand. Sie wateten durch denselben,

und als die Soldaten, welche die seichten Stellen des See’s nicht

kannten, ihnen nachsetzten, sanken sie bis an die Hüften ins Wasser,

und hatten dabei ein mörderisches Feuer auszuhalten; als sie aber erst

wieder im Trockenen waren, trieben sie die Räuber mit gefälltem Bajonet

bis an das äußerste Ende der niedern Höhle vor sich her.

Dort aber wartete ihrer eine neue Schwierigkeit, ein weit ernsteres

Hinderniß, als alle seither durch ihren Muth und ihre Entschlossenheit

überwundenen. Die Räuber waren bis zum Ende der Höhle zurückgetrieben

worden, wo man mit Hilfe zweier Leitern, die zusammengebunden über

einen bodenlosen Abgrund gelegt waren, in eine zweite etwas tiefer

gelegene Höhle gelangte. Hier löschten die Räuber die Fackeln aus, und

zündeten einen Haufen feuchtes Stroh an, welches die ganze Höhle mit

einem dichten, erstickenden Qualm füllte. Sodann ließen sie sich an den

Leitern hinab, und stürzten diese in den Abgrund, nachdem sie einen

kleinen Vorsprung erreicht hatten, auf welchem jedoch nur acht von

ihnen Platz fanden, während die Uebrigen sich nach dem untern Theile

der Grotte begaben, von wo sie über Felsen und Steine in nischenförmige

Höhlungen kletterten, aus welchen sie, unsichtbar und geschützt, ihre

Gegner niederschießen konnten, wenn diese den Versuch machten, den

Abgrund zu überschreiten.

Das Erstaunen der Soldaten, als sie einen Augenblick durch die

Finsterniß aufgehalten, nachdem der Strohbrand gelöscht war, beim

Scheine der wieder angezündeten Fackeln die letzten Räuber in den

Felsen verschwinden sahen, läßt sich leichter denken als beschreiben.

Das Krachen eines wohlunterhaltenen Gewehrfeuers, das von dem Vorsprung

und von dem Gewölbe kam, weckte sie bald aus dem Erstaunen, und zeigte

Ihnen, in welcher Gefahr sie sich befanden. Das ganze erste Glied wurde

niedergeschmettert als es am Rande des senkrechten Felsen angekommen

war, an welchem der Abgrund begann. In augenblicklicher Entmuthigung

zogen sich die braven Soldaten zurück. In diesem ungleichen Kampfe sah

man sich von unsichtbaren Feinden getroffen, ohne ihnen wieder etwas

anhaben zu können.

Der Oberst erkannte indeß mit seinem erfahrenen Blicke, daß der

Augenblick der Entscheidung gekommen sei. Er hatte sich mit

Strickleitern versehen, und nachdem er alle Lichter hatte auslöschen

lassen, ertheilte er laut den Befehl zum Rückzuge.

Gleichzeitig vertheilte er, während der übrige Truppenkörper die

Füße bewegte, als ob er sich in Marsch gesetzt hätte, seine besten

Schützen in die äußersten Vertiefungen des Felsens, und ließ Leitern

herbeibringen, um sie über den Abgrund zu legen. Nach diesen

Vorbereitungen ließ der Oberst plötzlich einige Feuertöpfe nach dem

Vorsprunge jenseits des Abgrunds werfen, deren rothes Licht wie die

Flamme des Vulkans den Theil der Höhle, wo die Räuber auf dem Vorsprung

und in den Nischen versteckt waren, grell erhellte und den Soldaten

ihre Feinde sichtbar machte.

Nun fielen hundert Schüsse auf einmal, und man sah fast sämmtliche

Räuber, durch das plötzliche Licht geblendet und nun ihrerseits

von unsichtbaren Feinden niedergeschmettert, wie Figuren bei einem

Festschießen zu Boden stürzen. Nach einigen wenigen Salven war der

Kampf zu Ende. Jedoch gelang es den noch am Leben gebliebenen Räubern

zu entfliehen. Die meisten davon waren jedoch auf dem Platze todt

geblieben.

Nachdem der letzte Schuß gefallen war, sammelten sich die Soldaten

wieder; da zeigte sich erst, wie schrecklich ihre Reihen gelichtet

waren. Sodann durchsuchten sie die Höhle auf’s genaueste. Am äußersten

Ende derselben angekommen, prallte der Oberst, welcher mit mehreren

Offizieren voranging, mit einem Schrei des Entsetzens zurück. Ein

grausenerregendes Schauspiel bot sich seinen Blicken dar, vor welchem

auch seine Mannschaft, stumm vor Schmerz und Wuth, zurückschauderte.

An der ganz von Blut gerötheten Felswand standen 40 Körper und eine

gleiche Anzahl abgeschlagener Köpfe nach der Ordnung aufgestellt. Es

waren dies die Leichname der wackern Soldaten des 65. Regiments, welche

vor drei Wochen in die Höhle einzudringen versucht hatten, und denen

von den Räubern die Köpfe abgeschnitten worden waren, sobald sie an

das Ende des engen Ganges kamen.

Die zwölf gefangenen Räuber büßten nach nicht ganz drei Monaten auf dem

Marktplatze der Stadt ihr Verbrechen auf dem Schaffot.

VI.

Lips Tullian und seine Raubgenossen Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte · 第 1 / 20 段