Wollen wir aber diese Gesamttechnik -- diese Gruppe technischer Künste

-- im Gegensatz zur Kinematographie im engern Sinne bezeichnen,

so müssen wir uns nach einem neuen treffenden Namen umsehen. Er

liegt im Worte „Kinematographie“ eigentlich angedeutet. Es besagt

„Bewegungs(selbst)niederschrift“, und soll sich eigentlich auf die

Festhaltung sichtbarer körperlicher Bewegungen im Bilde beziehen.

Wie es aber oft mit solchen Erfindungsbezeichnungen geht, ist auch

diese eigentlich schief. Denn Bewegungen im genannten Sinne fängt

ja der Kinematograph eigentlich gar nicht auf und gibt sie nicht

wieder: er entnimmt ihnen im Gegenteil bewegungslose Augenblicke und

hält diese fest. Die Zusammenvorführung dieser Bilder gibt nur den

~Schein~ der Bewegung wieder. -- Aber eine andere Bewegung hält der

kinematographische Film ebenso wie die Photographie überhaupt und auch

die Grammophonie fest, und auf dieser „Bewegungsniederschrift“ beruht

Wirkung und Wert dieser ~ganzen~ Gruppe von Techniken: ich meine die

~Bewegung der Licht- und Tonwellen, die von den Gegenständen des Sehens

oder des Hörens ausgehen~. Diese ununterbrochene Bewegung selber

schreibt sich auf chemisch-physikalischem Wege in der Film- wie in der

Wachsschicht usw. auf, und sie selber oder doch die Erweckung ihres

automatisch genauen Wiederbildes ist die Ursache des auf Papier oder

Leinwand wieder sichtbar werdenden Bildes, wie des wiederklingenden

Tongefüges. In ~diesem~ Sinne haben wir also das Recht, all diese

Techniken als auf „Bewegungsselbstaufzeichnung“ beruhend zu bezeichnen.

Zum Unterschiede von dem leider schon „verbrauchten“, etwas schief

vorweggenommenen Worte „Kinematographie“ -- womit ich nach wie vor die

Technik des „lebenden Bildes“ meine -- habe ich drum vorgeschlagen,

die ~ganze Gruppe~ mit dem -- überdies richtiger oder doch besser

gebildeten -- Worte „~Kinetographie~“ zu bezeichnen. Die Silbe „ma“ in

diesem Worte ist mindestens überflüssig, es kommt von κινέω, κίνησις

(Stamm κιν Verbindung -ετ-). Wenn ich nun von Kinetographie als

~Vorstellung~ spreche, so verstehe ich darunter eine solche, die im

Kern aus dem Zusammenwirken aller oder mehrerer der genannten Techniken

(also auch Lichtbild und später einmal Grammophonie) besteht, die

durch Wort, Musik, einstweilen künstlich-mechanische Begleitgeräusche

usw. als unentbehrlichen, aber den kinetographischen untergeordneten

Bestandteilen gebildet wird.

2. Das „Programm“

Aus dem vorigen haben sich schon einige Hinweise auf die ~äußere~

Gestaltung eines Programms ergeben. Um aber einem Irrtum vorzubeugen,

betone ich nun, daß trotz der Heranziehung aller möglichen Hilfsmittel

ein Programm weder seine ~Einheitlichkeit~ noch seine ~Ruhe~ verlieren,

noch ungebührlich ~lang~ werden darf. Die erlaubte ~Länge~ eines

Programms richtet sich allein nach der Aufnahmefähigkeit der Zuschauer,

diese aber wieder ganz nach Inhalt und Gliederung des Programms. Je

länger es ist, einen desto kunstvollern Aufbau und desto feinere

Gliederung erfordert es. Ein Programm mag kurz oder lang sein, es

muß in all seinen Teilen eine Steigerung oder doch Wachhaltung und

Neubelebung des Interesses bewirken. So wie aber der schönste Ton

zuletzt aus Mangel an Atem in Töne zerlegt werden muß, so kann

ein langes Programm nicht von einem fortwährenden Sichüberbieten,

immer noch heftigern und lebhaftern Eindrücken leben, sondern es

muß in Teile zerlegt werden, die jedes in sich selber wieder ein

abgeschlossenes Ganze bilden. Aber auch das kürzeste Programm ist

verpfuscht, wenn es aus lauter „Schlagern“, aus lauter Bildern

höchster Erregung und Verblüffung besteht. Im Gegenteil. Die Kunst

besteht darin, nicht nur „tolle Effekte“, mit denen ja leicht zu wirken

ist, unterzubringen, sondern eben auch die feinern und nüchternen

Programmbestandteile in Wirkung zu bringen. Das ist ja der größte

Fehler fast aller Kinoprogramme, ja der ganzen Kinematographie,

daß sie gleichsam aus einem fortwährenden Gebrüll, einem ständigen

Sichüberbieten, dem „Totschreien“ aller feinen Wirkungen bestehen.

Feine, gute, künstlerische Aufnahmen, die für sich selber und im

passenden Rahmen, z. B. einzeln nach dem Vortrag eines Gelehrten

angebracht, Stürme von Begeisterung erregen, kommen im Kinotheater

gar nicht zur Geltung. Die Beschauer sind durch vorangehende Possen

und nachfolgende Schauerdramen in Nervenerregung, sind so starke

und grobe Effekte gewohnt, daß sie für die Stimme der schlichten

Naturwahrheit, und wär’s in den großartigsten Schauspielen, die die

Erde bietet, einfach keinen Sinn haben. Die Mittel, auf denen die

Wirkung jedes ~zeitlichen~ (Hintereinander-) Kunstwerks, also auch der

Kinetographie beruht, sind ~Steigerung~ und ~Gegensätze~. Was ich an

einem gedachten Meeresfilm skizzierte, das Anheben mit Szenen ruhig

schöner Bewegung, die Steigerung nach und nach bis zum Höhepunkte

elementarer Erregung, dann das mehr oder minder schnelle Abklingen bis

an die Grenze völliger Ruhe -- das, mit allen Abwandlungen, muß auch

das Gesetz jedes ~Gesamtprogramms~ sein. Natürlich kann man’s auch

anders machen. Man kann mit einem lustigen „Fortissimo“ einsetzen, mit

einem kinematographischen „Galopp“ schließen und dazwischen schwere,

langsame Wirkungen verlegen. Man kann auch auf ein „Idyll“ unmittelbar

einen „Sturm“ folgen lassen und umgekehrt (wobei ich nicht nur an

Idyll und Sturm dem ~Inhalt~ sondern auch der Sinnenwirkung nach

denke; z. B. auf ein zart gehaltenes Schwarz-Weiß-Lichtbild folgt ein

bunter Kinemacolorfilm). Man kann in einen Teil alle ruhigen, mehr

belehrenden, oder alle schwarz-weißen Aufnahmen, in einen zweiten alle

heitern, bunten oder rein künstlerischen Bilder verlegen usw. Die

Hauptsache ist, ~daß~ die Programmgestaltung durchdacht ist, und zwar

immer nicht „am grünen Tische“, sondern lediglich in Berücksichtigung

der lebendigen Wirkung.

Was die Interpunktionszeichen im Aufsatz, das sind die Pausen in einem

Programm: Mittel feinster unmittelbarer Kunstwirkung. Es gibt da

Kommas, Semikolons, Punkte, Ausrufungs- und Fragezeichen, je nachdem

ob es kurze Trennungen zwischen umspringenden Filmteilen oder lange

trennende Einlagen sind, ob es allmählich und halb oder plötzlich und

ganz hell wird, ob die Pause leer bleibt oder ablenkend ausgefüllt wird

usw. Vor allem muß jede Pause auch wirklich eine ~sein~ -- ebenso wie

jedes Bild eins ~sein~ muß. Das heißt (und hiergegen wird sehr viel

gesündigt), daß jedes Bild genügend Zeit haben muß, deutlich erkannt

zu werden und zu wirken, und jede Pause ausreichen muß, auch wirklich

die jeweils bezweckte Ausruhung, Sammlung usw. zu bewirken. Von beiden

hängt in erster Linie die ~Ruhe~ der Gesamtvorstellung ab, und die ist

eine der ersten Bedingungen für ihre künstlerische Vollkommenheit.

Weiter gehört dazu, daß auch die zur gegenseitigen ~Ergänzung~

dienlichen Techniken und Hilfsmittel nicht zu ihrer ~Erdrückung~

mißbraucht werden. Auch das ist eine der gewöhnlichsten Erscheinungen

im Kino. Es ist ein grober Unfug, Bilder von Musik begleiten zu

lassen, außer in Ausnahmefällen, wo diese Musik eigens, mit feinstem

musikalischen Verständnis und völliger Unterordnung dem Bilde angepaßt

und zu seiner Ergänzung oder Erläuterung unentbehrlich ist. Das ist

z. B. bei ~Tänzen~ der Fall, die ja der Seele entbehren, wenn man die

dazu gehörige Musik nicht hört. Noch schlimmer ist die Begleitung der

kinematographischen Bilder mit ~Worten~. Der Versuch, ihnen erläuternde

„Dialoge“ unterzuschieben, ist ja verständlich, solange schlechte,

d. h. für sich unverständliche „dramatische“ Pantomimen das Programm

beherrschen. Dann ist eben das Hilfsmittel mehr das in Worte gebrachte

„Begleitgeräusch“ (ohne das solche Bilder manchmal unerträglich sind);

das unkünstlerische sind die Filme selber. Wovon ich aber spreche, das

ist der erläuternde ~Vortrag~. Zum Verständnis gesprochener Worte sind

ganz andere Gehirnteile in uns tätig als zur Aufnahme von Bildern durch

das Auge. Beide Arbeiten strengen die Nerven an und erfordern unsere

ganze Aufmerksamkeit. Auf Erläuterungsworte achten zu müssen, während

man gleichzeitig schnell vorbeiwandernde Bilder entziffern soll, das

ist daher eine noch größere Qual als diese Zumutung bei Lichtbildern,

die wenigstens stillestehen. Eben darum sollte man alle Erläuterungen

mit und ohne Hilfe von Lichtbildern (Landkarten, Tabellen, Schemen

usw.) unmittelbar ~vor~ das Kinobild verlegen, die letzten Sekunden vor

diesem aber ~nur~ noch, eindringlich und kurz, ~sprechen~. ~Während~

des Bildes sollte man sich jeder Störung, selbst des geringsten

Hinweises enthalten. Dauert ein Bild länger, und ist es innerlich ohne

Steigerung usw. (z. B. eine an sich schöne Fahrt auf schaukelndem

Boote durch eine idyllische Landschaft), so mag eine zweite Verwendung

von Begleitmusik, nämlich nun zu „melodramatischen“ Zwecken, zur

Hebung der Stimmung und Unterstreichung des Rhythmus, gleichzeitig

zur Beruhigung der optischen Sinne, in ihr Recht treten. Was von der

hier selbstverständlich vorausgesetzten Handmusik gilt, gilt erst

recht von der automatischen, soweit diese überhaupt in Betracht kommt.

Vielleicht sollte man, um ~vereinzelt~ auf besonders wichtige Vorgänge

in Kinobildern aufmerksam machen zu können (da doch manchmal das

stoffliche Interesse noch gebieterischer als das stets durch solche

Mittel beeinträchtigte ästhetische), kleine ~Lichtsignale~ einführen.

Es könnten etwa rings um die Leinwand verteilte oder verschiedenfarbige

Glühlämpchen sein, die kurz vor überraschend auftretenden, schwierig

zu beobachtenden Einzelheiten aufleuchten und während dieser brennen.

Durch ihre Lage und Verteilung, auf die vorher aufmerksam gemacht wird,

könnten sie auch auf die ~Stelle~ der erwarteten Erscheinung hinweisen.

Begleitworte usw. werden um so störender, je mehr wir daran denken,

die Gesichtserscheinungen im Bilde auch durch „Begleitgeräusche“ zu

ergänzen. Auch diese Geräusche (von denen wir noch sprechen) dürfen

aber nur da eintreten, wo sie zum Verständnis oder zur Erhaltung der

Phantasie in den richtigen Bahnen ~unentbehrlich~ (und natürlich:

„richtig“) sind. Sie dürfen weder gewohnheitsmäßig noch aufdringlich

werden: nur Begleitung; aber eben auch nicht unwahr zurückhaltend.

Endlich kommt es noch darauf an, den ganzen zur Vorführung nötigen

Apparat in einer Weise zu ordnen, daß er den künstlerischen Genuß und

Zweck nicht stört, sondern fördert. Da wir immer im Auge behalten,

vor allem das kinetographische Wirklichkeitsbild durch sich selber

sprechen lassen zu wollen, so ist nötig, alle Hilfsmittel, alles

rein technische und besonders das nicht kinetographische, das in

Wirklichkeit bei guter Ausführung großen Raum einnimmt, unsichtbar

werden zu lassen. Es ist dasjenige, was dem Faden im Puppentheater,

der Komparserie auf der Bühne entspricht. Was wir zeigen, sind auf

sachgemäß und angenehm ausgestatteter Fläche unsere Bilder, und hin und

wieder lassen wir den leitenden Menschenwillen persönlich erscheinen.

Wie das alles zu machen ist, erläutert wohl am besten eine Beschreibung

der Mustervorstellungen, wie sie seinerzeit der Verfasser mit reichen

Hilfskräften und großem Apparat in Dresden und anderswo gab. Sie haben

-- von einem großen Kreise Gebildeter unterstützt und lediglich dem

gemeinnützigen Zwecke dienend, zum erstenmal und bisher nicht wieder

erreicht noch nachgeahmt, einer breitern Öffentlichkeit gezeigt, was

man mit den damaligen Mitteln (um 1910) erreichen konnte. Ihr Mangel

war nun der, daß man sich an die gegebenen Films, wenn auch an die

besten der vorhandenen, halten mußte, die aber noch ganz „im alten

Stile“ hergestellt waren. Sie sind heute noch ebenso. Wir hoffen durch

unsere Schrift dazu beizutragen, daß eines Tages mehr inhaltlich

vollendete, formell geschlossene -- künstlerisch einwandfreie Bilder

zur Verfügung stehen. -- Wie wir’s dort machten, läßt es sich in

Kinotheatern entsprechend, vielleicht noch besser, weil weniger

kostspielig und durch die Dauer ertragbringender, einrichten.

Eine große und tiefe, erhöhte, gegen das Publikum durch Leinwand und

Proszenium abgekleidete Bühne bildete den Schauplatz unserer Taten.

~Hinter~ ihr stand der Kinovorführungsapparat, selbstverständlich

eine tadellose Präzisionsmaschine, in dem bekannten eisernen, mit

Asbest ausgeschlagenen Vorführerhäuschen. Je nach den Verhältnissen

war ihm eine Tür geöffnet, oder (am liebsten) nur ein Loch für den

Lichtstrahl durch die Wand geschlagen. Wir projizierten also „von

hinten“, wodurch die Ablenkung der Neugierde und Aufmerksamkeit durch

den den Saal durchschwebenden Lichtstrahl und alle seine Zufälligkeiten

vermieden wurde. Auch war nun der Apparat durch Eisengehäuse,

Glasfenster, Bühnenwand und Proszenium so isoliert, daß so gut wie

~gar~ kein Geräusch mehr hörbar wurde. Die Verständigung mit dem

Vorführer wurde anfangs durch verabredete, im Zuhörerraum unhörbare

Klingelzeichen bewirkt, später durch Vermittlung von Gehilfen, die den

Vortrag hörten und bald die Stellen, wo die Bilder usw. einzusetzen

hatten, von selber kannten. Von da an ging alles lautlos, wie durch

ein Wunder. Ich bemerke noch, daß wir natürlich Gleichstrom oder

Umformer benutzten. Vor und unter dem Kinoapparat stand auf der Bühne

der Lichtbilderapparat. Wir hatten drei Vorführer. Zwei -- von denen

der eine die Verantwortung für den ganzen technischen Apparat, die

Bühne, das Personal usw. hatte, also der „technische Leiter“ war --

wechselten in der Bedienung des Kinematographen ab, der dritte --

ebenfalls gelegentlich von einem andern Mitwirkenden abgelöst -- war

der Lichtbildermann. Unter diesen „andern Mitwirkenden“ befanden

sich stets ein oder zwei Freunde, die mit Vergnügen und Eifer die

~Geräuschapparate~ handhabten. Regen zu machen, Wasser rauschen, Züge

über Brücken rumpeln, den Sturm heulen, den Donner pumpeln und die

Geiser zischen zu lassen, sie ist auch eine Kunst, aber eine dankbare.

An der Seite der Bühne saß ferner nicht weniger als ein dreiköpfiges

Orchester mit seinen Instrumenten. Klavier, Harmonium, Cello und

Geige. Ich wäre unvollständig, wollte ich nicht den schmunzelnden

Feuerwehrmann erwähnen, den uns die Polizei nicht aufzunötigen vergaß.

Von diesem kleinen „Wallensteins Lager“ ahnte aber niemand etwas von

den edlen Herren und schönen Damen, sowie dem „Volk“ der Großen und der

Kleinen, die ehrfurchts- und andachtsvoll, von den pompös betreßten

Dienern zwischen polizeivorschriftsmäßig breite, mit den Füßen

festgeklemmte Stuhlreihen wandelten, und sich von da aus am Anblick

eines prächtigen „Proszeniums“ weideten, oder -- wenn’s Kritiker oder

„Konkurrenten“ waren -- giftige Bemerkungen austauschten. (Wobei aber

festzustellen ist, daß bei weitem die meisten der ~erstern~ das, was

wir fertig brachten, mit großem Verständnis und warmer Anerkennung

empfahlen.) Das, was sie da sahen, war in der Tat so schön, wie’s

jemand machen kann, der eben von Vorhandenem ~auswählen~ muß. Um die

ganze Bühne herum zog sich ein hohes Proszenium aus dunkelrotem, wenig

geziertem Plüsch. In der Mitte wies ein leicht angedeuteter Rahmen

und ein Samtvorhang von der Farbe des Proszeniums auf die Stelle der

lichtdicht abgeschlossen dahinter angebrachten Leinwand hin. Diese

Einrichtung hatte nicht nur den Vorzug, geschlossen die Erwartung

der Zuschauer auf festliche Geheimnisse zu richten und derweil ihren

Augen einen geschmackvollen Ruhepunkt zu geben, (wozu noch vier grüne

Lorbeerbäume mitwirkten). Sie lenkte gleichzeitig die Blicke auf

die Stelle des eigentlichen Schauspiels, umrahmte diese in schönen

Verhältnissen und verhinderte jeden störenden Eindruck ringsum. Sie

grenzte einen weiten Raum für die Mitwirkenden ab und verdeckte

diese, Instrumente und Apparate, sie dämpfte die Geräusche und fing

verirrte Lichtstrahlen und Reflexlichter ab. Seitlich neben dem Vorhang

stand, in gleicher Höhe mit der Bildfläche das Rednerpult, von wo der

Vortragende frei sprach. Zur Erläuterung an Lichtbildern (Karten usw.)

hatte er einen Zeigestock zur Verfügung. Während der Bilder verschwand

er ganz im Dunkel. Sein Zu- und Abgang und seine Verbindungen mit der

Bühne war, um jede Augenstörung zu vermeiden, durch spanische Wände

usw. verdeckt.

Die Vorstellung begann bei hellem Saal mit einem kurzen freien

Vortrag. Dieser wendete sich nach kaum merklicher Pause dem ersten

Bilde zu und gab eine Beschreibung dessen, was zu erwarten war, in

welchem Sinne es aufzufassen, und was darin besonders zu beachten

sei. Derweil verdunkelte sich der Saal; die Kohlen in den Apparaten

aber glühten zischend auf. Die Vorführer stellten ihre Bilder ein

-- die Zuschauer merkten nichts von alledem, da der schwere Vorhang

die bereits beginnenden Bilder verdeckte. Jetzt ging er auseinander,

und der Eisenbahnzug setzte sich durch die Alpenlandschaft hindurch

in Bewegung. Dazu ertönte das Rütteln der Wagen, hin und wieder das

Pfeifen der Lokomotive. Die Geräusche veränderten ihren Klang, wenn’s

über Brücken, durch Tunnel ging. Die Geräusche, anfangs munter und

anregend einsetzend, wurden schwächer, nachdem man sie in die Phantasie

der Zuschauer eingeführt glauben konnte. Stellenweise wurden sie ganz

unterlassen. Trotz gewisser Mängel, die nicht weniger an den (ewig

nervös umspringenden) Filmen wie an unserer Unerfahrenheit und der

Unzulänglichkeit unserer Maschinen lagen, gewöhnte man sich doch

sofort so an sie als an Notwendiges und Selbstverständliches, daß

ihr gelegentliches Fortbleiben von ernsthaften Besuchern peinlich

bemerkt wurde. Bevor das Bild „umsprang“, wurde es unsichtbar, und

ebenso blieben dem Auge, infolge der geschilderten Einrichtung die

unerfreulichen Anfänge des neuen Bildes erspart, es floß gleich fertig

aus dem Dunkel hervor. Am Schlusse sprang wieder jene kurze dunkle

Pause ein -- und an Stelle des Filmbildes stand ein landschaftliches

Lichtbild von ruhiger Schönheit da.

Nachdem das lebhafte, von Beifall zeugende und zuerst von

Händeklatschen usw. begleitete -- Gemurmel sich gelegt hatte, diente

nun eine Reihe Lichtbilder der Erläuterung des Vorhergegangenen und

der Vorbereitung des Folgenden, zugleich der Augenerholung. Auch

die Lichtbilder wechselten so, daß sich zwischen allen die Leinwand

einen Augenblick verdunkelte, daher das häßliche Ab- und Anschieben,

gelegentlich auch Stocken und Probieren unsichtbar blieb. Dieser

Wechsel geschah aber mit der Zeit so prompt, daß wie durch einen

Zauber ein Bild an der Stelle des andern stand. Dann wurde es wieder

dunkel. Man hörte Wasser rauschen, und als der Zwischenvorhang wieder

auseinanderging, sah man einen Wasserfall in Tätigkeit usw. Am Schlusse

dieses Teils wurde ein wunderschönes Bild -- eins der wenigen auch

künstlerisch fast völlig einwandfreien, die es gibt,[1] gespielt. Die

Zuschauer wußten erst nicht recht, wo sie waren, als wie ein Zauber zu

diesem Bilde eine unsichtbare, zarte und doch in Rhythmus und Melodie

wie dazu gemachte (und natürlich angepaßte) Musik dazu erklang, die

das Bild bis zu seinem Ausgang begleitete. Der rauschende Beifall,

der sich erhob, während sich überm geschlossenen Vorhang der Saal

wieder erhellte, galt nicht nur dem ganzen bisher gesehenen, sondern

ebenso dem letzten Bilde und dem echten musikalischen Genuß, der

damit verbunden gewesen war. Das Proszenium schien eine Sphäre von

Zaubergeistern zu sein, ein geheimnisvolles Land von Licht, Leben und

Musik.

Auf den ersten Teil folgte ein zweiter, kürzerer. Er bestand aus

lauter kurzen (vielfach leider, aber notgedrungen viel zu kurzen)

völkerkundlichen Szenen, die im Gegensatz zu den längern und ernstern

Landschaften, natürlich besonders munter wirkten. Und hinreißend wirkte

es auf jedermann, wenn nun endlich mal die jungen Japanerinnen und

nachher die Tiroler nicht zu einer der üblichen Klavierpaukereien,

sondern zu einer unsichtbaren, scheinbar von ihren eignen Instrumenten

kommenden, nach Möglichkeit „echten“ Musik tanzten! (In diesen Dingen

~ganz~ echt zu sein, ist dem Kinotheaterbesitzer leichter, als es uns

damals war, wie ich zeigen werde.)

Der dritte Teil war nun derjenige, der die mächtigsten Eindrücke

bringen mußte, sollte er gegen die vorigen nicht abfallen. Daher

hatten wir ihm (das Gesamtprogramm hieß: „~Schauspiele der Erde~“),

die „Tausend Spiele des Wassers“ vorbehalten, und ließen es hier

nun wirklich am Großartigsten, das die Erde zeigt, nicht fehlen.

All unsere Künste mußten sich, nachdem die Rede den gröbsten zu

erwartenden Mißverständnissen vorgebeugt hatte, zu kräftiger Wirkung

vereinigen, und so rauschten vor unsern Augen die Wasserfälle der

„Welt“, donnerten die „Geiser Neuseelands“, brauste die Brandung des

Meeres. (Wir hätten auch andere als die „größten“ dieser Schauspiele

genommen, wenn sie -- zu haben gewesen wären.) Um, worauf es uns ankam,

vor allem den sinnlichen Eindruck jener gewaltigen Naturerscheinungen,

ihre seelische Wirkung zu erreichen, nahmen wir ganz keck alles, was

wir von „Viktoria“-und „Niagara“fällen erreichen konnten, zusammen,

und ließen die Wassermassen nur immer stürzen und nebeln, brausen und

wirbeln. Dies nach dem Vorurteil gewisser Leute höchst „langweilige“

Schauspiel fesselte ebenso wie die den Schluß bildenden langandauernden

Bilder vom Meereswogen alle unsere Zuschauer, selbst kleine Kinder

und die einfachsten Leute bis zur Starrheit. Zuletzt, angesichts des

beruhigten Meeres, setzte die Melodie von „Das Meer erglänzte weit

hinaus“ (Harmonium) ein, und es ging ein Aufatmen aus einem Banne durch

die Reihen, als die Vorstellung zu Ende war.

3. Einzelheiten

Was wir in dem als Beispiel angeführten Programm „Schauspiele der

Erde“ durchzusetzen versuchten, litt unter den Mängeln des uns zur

Verfügung stehenden Filmstoffs, zu deren Abhilfe den Weg zu weisen, wir

im ersten Teile dieser Schrift versucht hatten. Wir mußten aus bunt

zusammengewürfelten, zufällig und meist ohne viel sachliches oder gar

künstlerisches Verständnis hergestellten, aus unzähligen unzulänglichen

Teilen zusammengeflickten, gar nicht oder unbrauchbar oder gar

falsch und irreführend erläuterten Filmen und zufällig auftreibbaren

Lichtbildern unser Programm zusammensetzen, ihm danach Namen, Gestalt

und Gliederung geben. Wie glücklich werden unsere Nachfolger sein,

die einmal den umgekehrten, vernünftigen Weg beschreiten können: sich

zuerst eine sachlich begründete, geschlossene Vortragsidee ausarbeiten,

danach die richtigen, vollendet hergestellten Filme und Filmteile frei

auswählen, wo nicht ihre Herstellung selber bewirken, die geeigneten,

an Ort und Stelle gemachten Lichtbilder gleich mit erhalten, die

erwähnten ausführlichen Angaben und Beschreibungen, einschließlich

Aussprache und Geräuschbeobachtungen usw. fertig vorfinden! Uns hat

das alles, obgleich ein kleines Heer von Professoren und gelehrten

Fachmännern uns nebst zahlreichen Büchern unterstützten, eine

unendliche und doch schlechterdings nicht völlig zum Ziele führende

Arbeit gekostet. Noch heute sind uns einzelne der Filme, die wir

damals selber aus London und Paris holten, (im Vertrauen auf die

Zuverlässigkeit der Beschreibungen und deren leichte Ergänzung durch

Literatur), in Beziehung auf ihren nackten Inhalt ein Buch mit sieben

Siegeln geblieben. Eine große Menge Filme haben wir als unerklärbar

oder völlig falsch bezeichnet, unbenutzt lassen müssen. Monatelange

Arbeit hat uns, unterstützt vom Zufall, zum Verständnis und zur

richtigen Bezeichnung gerade der allerschönsten und wertvollsten

Bilder verholfen. Dabei ist noch der Schwierigkeit ihrer Erlangung zu

gedenken, die bei der auf diesem Gebiete herrschenden Unordnung und den

eigentümlichen Interessen der Filmfirmen, in der Tat zuletzt nur durch

gefälliges Entgegenkommen ermöglicht wurde. Dies alles war für uns eine

gute Schule, deren wertvollste Früchte wir in den vorigen Abschnitten

geborgen haben. ~Eine gute Kinovorstellung wird in der Hauptsache von

den Aufnahmeoperateuren und in den Filmateliers gemacht.~ Ist da gut

und richtig Hand in Hand gearbeitet worden, so ist alles weitere für

den Vorführungsleiter leicht. Nicht ist im allgemeinen zu erwarten, daß

die Bilder zu ganzen abendfüllenden usw. Programmen an einen vorher

auszuarbeitenden Vortrag gereiht, zu diesem einzigen Zwecke hergestellt

werden. Dazu ist die Kinoaufnahme zu sehr von Zufällen abhängig, und

die mannigfache Verwendung und wechselnde Zusammenstellung der Bilder

ein zu großer Vorzug. Ich möchte das Erstrebenswerte vielmehr so

bezeichnen, daß gleichsam an jeder Kinoaufnahme ~Verbindungsfäden~

stehen bleiben, mittels deren sie leicht und passend in jedes Programm

hinein verknüpft und wieder daraus gelöst werden kann. Sie muß so

gemacht sein, daß sie überallhin paßt. D. h. sie braucht nicht immer

für sich selber ein abgeschlossenes, für sich allein den Gegenstand

erschöpfendes Ganzes zu sein, aber sie muß den höchsten Anforderungen

der Art entsprechen, zu denen sie gehört. Sie muß ferner so erläutert,

eingeordnet und zugänglich sein, daß sie für sich selber keine neue

Identifizierungs- und Zurichtungsarbeit erfordert.

Solange das nicht der Fall ist, bleibt die Herstellung eines

„Musterprogramms“, einer „künstlerisch vollendeten“ Vorstellung eine

Gigantenarbeit, und es wird immer noch etwas zu wünschen übrig bleiben.

Wir wollen, so gut es geht, die einzelnen Elemente einer solchen

Vorstellung sichtend durchgehen.

Kino und Kunst Lichtbühnen-Bibliothek Nr. 2 · 第 6 / 7 段