Hoffnung gezeigt, daß die Kinematographie vielleicht die Erweckerin
einer neuen, in sich reifen ~mimischen~ Kunst werden würde. Gewiß,
es haben sich viele Schauspieler gefunden, die ihre Gebärdensprache
erfolgreich in den Dienst des Kinos gestellt haben. Aber wohl alle (mir
ist wenigstens keine Ausnahme begegnet) haben mehr oder minder nur
die übliche ~Bühnen~gebärden- und -mienensprache dem Kino angepaßt.
Sie haben sich vor allem auf diejenige auf der Bühne übliche Mimik
beschränkt, die im Kinobilde überhaupt zur Geltung kommt -- und das
sind nur die übertriebenen, heftigen, fratzenhaften Begleitgebärden
zu Worten. Da aber das Kinoschauspiel keine Worte kennt, so würden
die meisten dieser Gebärden unverständlich bleiben, wenn nicht ein
sogenannter „Rezitator“ oder „Humorist“ -- die Erklärung dazu verläse.
Da diese Erklärung weder an sich künstlerisch erträglich ist, noch mit
der photographierten Mimik zu einem Ganzen verschmilzt, so bleibt das
Ganze eine Geschmacksungeheuerlichkeit. Wer für das Kinobild spielt,
kann das als ~Künstler~ nur tun, indem er eine für sich sprechende,
stumm-deutliche Gebärden„sprache“ erfindet und sich auf das beschränkt,
was sich mit Gebärden aussprechen läßt. Da im Bilde ja noch von der
wirklichen Mimik vieles verloren geht, so ist der Kinoschauspieler in
der Tat auf einen geringen Formenschatz angewiesen, und auch von diesem
Gesichtspunkte her empfiehlt sich der Ausweg einer mechanikartigen
Stilisierung und einer mit wenigen übereingekommenen Handgebärden _al
fresco_ wirkenden Körpersprache. Da, wie schon bemerkt, dem Kinobilde
Plastik und richtige Perspektive fehlen, so empfiehlt sich hier
vielleicht die Komposition in ein flaches Bühnenbild hinein. Alles dies
muß auch der Kinodichter berücksichtigen. ~Worte~ dürfen auf keinen
Fall die Gebärde stören, weder als „Erläuterungen“ noch als „Dialog“.
Zwischen Worten und Bildgebärden ist so wenig Übergang wie zwischen
Naturmilieu und Mimik oder Wirklichkeit und „Traum“ im Kinobilde.
Sollen Worte mitwirken, so müssen sie ~zwischen~ die Bilder verlegt
werden. Vielleicht kann man auch wagen, einzelne Motive nach Art
lebender Bilder durch erläuternde Verse begleiten zu lassen, doch kann
das nur zur Verdeckung minderwertigen Spieles geschehen.
Jene Eigenfähigkeit des Kinos aber, Natur und Spiel räumlich
und mit gleicher Realistik zu vereinigen, weist wieder auf ein
besonderes Gebiet hin, wo es Meister sein könnte: die pantomimische
Wiederherstellung geschichtlicher Vorgänge auf natürlichem Schauplatz.
Zweifellos würden solche Vorgänge in dramatische Form gebracht werden.
Ihr eigentlicher Wert wäre aber nicht der dramatische, sondern der
archäologisch-geschichtliche. Es hat nicht nur Neugierreiz, sondern
einen die Phantasie berichtigenden, das Wirklichkeitsgefühl besonders
für geschichtliche und kulturgeschichtliche Verhältnisse stärkenden
Wert, Menschen und Szenen der Vergangenheit mal nicht in der Verzerrung
durch Maler und Dichter, sondern sozusagen „_in natura_“, in ihrem
natürlichen Verhältnis und ihrer natürlichen Wirkung wiedererstehen
zu sehen. Natürlich hätte bei solchen Dingen der Gelehrte mehr als
der Dichter mitzusprechen, denn höchste, dem Stand unserer Erkenntnis
entsprechende Echtheit wäre ja hier die Hauptforderung. Ich brauche
nicht besonders zu betonen, daß ich mit dieser Anregung nicht Schrecken
wie die Verkinematisierung Homers, Dantes oder Schillers wieder
heraufbeschwören oder beschönigen will.
Vielmehr ist eine der wichtigsten Tugenden, die dem mimenden
Kinematographen anzuempfehlen ist, Ehrfurcht und abermals scheue
Ehrfurcht vor allen geistigen Höhenleistungen, die er durch plumpes
Mitmachenwollen so leicht verballhornen kann. Wo er sich an Märchen,
geschichtliche, religiöse oder dergleichen Szenen wagt, zittere er
davor, etwas von dem zarten Duft, der geistigen Bedeutung und Größe
dieser Dinge anzutasten. Er wähle nur Szenen, die Realismus, Drastik
und puppenhafte Stilisierung vertragen. Es ist seine Eigenart, mit
Dingen, die auf der Bühne illusionfördernd wirken, wie Schminke,
Kostüme, Maschinen und Posen, illusionzerstörend bis zur Lächerlichkeit
zu wirken. Besonders mache ich aber auf die Darstellung religiöser
Szenen aufmerksam. Es ist nicht zu leugnen, und besonders von
katholischer Seite begriffen worden, daß die kinematographische
Vorführung, z. B. von „Szenen aus dem Leben Jesu“, namentlich zu
Festzeiten und besonders auf illusionsfrische Zuschauer von oft
erschütternder Wirkung ist. Zu dem eigentümlichen Reiz der Schilderung,
der ja auch in gewissen Volksspielen mitwirkt, tritt hier der Eindruck
der verblüffenden, so selbstverständlich erscheinenden Einfügung
von Dingen erlesenster Seltenheit in eine vollkommen natürliche und
vertraute Umgebung. Sogar manche ungeschickte, manche unzulängliche
Mimik verwischt ja gar der Kinematograph. Aber dann kann eine einzige
Unzulänglichkeit, eine einzige Geschmack- und Taktlosigkeit alles
wieder verderben. So wirkt ein grobgemalter Papierstern über der Hütte
von Bethlehem ebenso abstoßend, wie das plötzliche Hochheben eines
nackten Säuglings aus der Krippe unästhetisch, illusionstörend und
pietätlos. Mit weniger als den Summen, die an derartige Bilder gewagt
werden, ließe sich viel Edleres und künstlerisch Wertvolleres schaffen,
als was man gewöhnlich zu sehen bekommt.
Versucht man, sich weiter in oben entwickeltem Sinne auszumalen, in
welcher Richtung ~die echte Kinopantomime~ ihre Entwicklung suchen
könnte, so kommt man von selber auf den Gedanken an den Kunst- und
Ausdrucks~tanz~. Dieser bildet um so mehr eine dankbare Aufgabe
für das Kino, als ja auch geschmackvoller Musikbegleitung bei der
Vorführung nichts im Wege steht. Doch steht auch hier am Ende drohend
und warnend das Schreckgespenst des sogenannten „~Tonbildes~“, soll
heißen der Verbindung von Kinematographie und Phonographie. Diese ist
gewiß eine Sache der Zukunft. Aber solange noch Bild und Musik (Rede)
~getrennt~ aufgenommen werden müssen, und die Tonwiedergabe nicht von
jenem quakenden Nebengeräusch zu befreien ist, kommen diese Tonbilder
künstlerisch nur so weit in Betracht, wie es sich um derbe oder
humoristische Wirkungen handelt, und auch da nur ausnahmsweise.
Der ~Humor~ aber ist ein unbestrittenes Sondergebiet des
Kinematographen. Wir mögen ihn um so weniger missen, als die
Kinovorführung an sich ein spröder Gegenstand ist. Was wir aber
sehr gern missen würden, sind all diejenigen Szenen, deren Humor
stofflicher Natur ist: Fratzenziehen, sinnlose „Verfolgungen“, dumme,
freche oder widerwärtige Streiche. Humor ist nicht Lachkitzel,
sondern Lustigkeitserregung. Der Humor besteht nicht in zerbrochenen
Töpfen oder ins Wasser gefallenen Menschen, -- in Anblicken, die
augenblicklich lachenerregend wirken -- sondern in heitern ~Gedanken~
und über Erdenschwere emporhebenden Empfindungen, die in uns erregt
werden. Ich rege die ~Vermenschlichung~ der Kinoposse an; man bringe
~Begriffe~ hinein. Das Kasperle- und Puppentheater bieten hier Anregung
und Vorbild. Man zeige uns nicht Narren, Gecken und Krüppel, denen
etwas Unerwartetes passiert, sondern lustige Menschen, die Spaß
„machen“. Man gebe der Pantomime humoristischen ~Stil~. Und vergesse
vor allem nicht, daß in fortwährenden „Lachsalven“, in „toller
Heiterkeit“ in einem ununterbrochenen Fortissimo von Knalleffekten
jeder ~feinere~ Humor zugrunde geht, unbemerkt und wirkungslos bleibt.
Guter Kinohumor wird überhaupt nicht eher eine Statt finden, als bis
-- die übliche ~Programm~gestaltung Raum und Aufnahmefähigkeit für ihn
überläßt. Dieser Frage wenden wir uns nun zu.
C. Die Vorführung
1. Kinematographie oder Kinetographie
Alle Anregungen, die wir bisher -- statt irgendwelcher fester
Vorschriften -- geben konnten, dienten nur dem Zwecke, den
hauptsächlichen Rohbestandteil kinematographischer Aufführungen, die
~Filme~, auf eine solche Höhe zu erheben, daß sich ~überhaupt~ auf
ihnen künstlerisch annehmbare Aufführungen aufbauen ließen. Um das
noch einmal in einem Satze zusammenzufassen: wir forderten im Grunde
nichts, als daß erstens jeder einzelne Film in der größten Vollendung,
der er sachlich fähig sei, hergestellt und behandelt werde, und daß
dies zweitens stets im Hinblick auf die Gesamtvorstellung geschehen
solle, in der er einst zu wirken hat, daß die Wirkung in dieser
Gesamtvorstellung den ~Maßstab~ der anzustrebenden Vollkommenheit
bilden solle. So wie also der Dichter eines Dramas z. B. nicht
daran denke, wie hübsch sich etwa sein Werk am Kaffeetisch ~lesen~
lasse, oder wie geschmeichelt sich etwa ein Gönner oder eine Schöne
dadurch finden werde,-- sondern wie er immer nur das ~Bühnenbild~ als
Erstrebenswertes vor seinem geistigen Auge stehen hat, so soll auch
der Kinokünstler beispielsweise nicht daran denken, wie interessant
oder schön an sich ein Vorgang sei, oder welches Aufsehen sein Titel
in Zeitungsnotizen machen werde, oder wie belehrend oder moralisch
sein Gegenstand an sich sei, sondern nur, ob und wieweit er all diese
lobenswerten Eigenschaften haben werde, wenn er als Bild, im Rahmen
einer Kinovorstellung unmittelbar zu dem Publikum sprechen werde, das
dort in Betracht komme. Wir müssen uns daher nun genaue Rechenschaft
davon zu geben suchen, erstens wie eine solche Kinovorstellung
notwendig ist, d. h. welches ihre bleibenden und unabänderlichen
Bedingungen sind, die also auch für den Filmhersteller Gebote sind
-- zweitens was nun zu geschehen übrig bleibt, um aus dem gegebenen
Stoff, eben einer „Kinovorstellung“ ein harmonisch wirkendes, echtes
~Gesamtkunstwerk~ zu machen.
Die Bedingungen einer Kinovorstellung sind infolge der technischen
und wirtschaftlichen, zum Teil auch sozialen Verhältnisse, die
ihnen zugrunde liegen, enger und unverrückbarer als die mancher
andern Kunst. Sowohl Theater wie Lichtbildervorträge lassen
sich in den mannigfaltigsten Formen und Zusammenstellungen
denken, Kinovorstellungen aber werden stets in erster Linie
~Massenveranstaltungen~ sein. Das kommt daher, daß ihr Stoff --
besonders die Filme -- selber sehr kostspielig herzustellen ist, auch
die Vorrichtungen zur Vorführung usw. ziemlichen Aufwand erfordern,
während gleichzeitig die Darbietungen doch einer Art angehören und
so massenhaft auftreten und auftreten müssen, daß der einzelne im
allgemeinen nur geringe Preise dafür zahlen wird. Die Vorführungen
lohnen sich also -- und zwar je vollkommener sie sind, desto mehr --
immer nur, wenn sie vor großen Versammlungen und regelmäßig stattfinden
-- und eben dies ist wieder ein Grund, weswegen es vergebliche
Liebesmüh ist, diesen Darbietungen einen „exklusiven“, künstlerisch
oder sozial „vornehmen“ Charakter geben zu wollen. Mag auch das „beste“
Publikum in Kinotheater oder Einzelvorstellungen gehen und in ersterm
Stammpublikum werden, und mögen ihm auch die gediegensten Genüsse
geboten werden: immer ist doch das Kinotheater wirtschaftlich darauf
angewiesen, den geistigen Stand „jedermanns“ zu berücksichtigen, d. h.
„voraussetzungslos“ zu wirken. Das bedeutet: es muß im besten Sinne
~volkstümlich~ sein. Besonders ist es durchaus zu verneinen, daß die
Kinematographie ernstlich entweder ~literarischen~ oder (anders als
ausnahmsweise) ~wissenschaftlichen~ Zwecken dienen kann. Über den
erstern Punkt haben wir uns schon im Kapitel von den „gestellten
Bildern“ ausgelassen. Das Kinobild, und also die Kinovorstellung
kann und wird, gerade je künstlerisch wertvoller es gestaltet ist,
im dramatischen Sinne nur eine neue Art von Jahrmarkts-, Puppen-
oder mechanischem Theater, eine unter Umständen sehr reizvolle neue
volkstümliche Belustigung schaffen, nie aber etwas, das „literarische“
Ansprüche oder die des Schaubühnenfreundes befriedigte. Soweit aber
die Kinematographie ~wissenschaftliche~ Hilfsarbeit leistet (im
wirklichen Sinne des Wortes) kommt sie als Schaustück kaum, jedenfalls
wirtschaftlich nicht in Betracht. Denn „wissenschaftlich“ sind ihre
Leistungen nur da, wo sie wie ein neues, die Sinne übertreffendes
Beobachtungsinstrument wirkt, z. B. als Ultramikroskop oder zur
Zerlegung schneller Bewegungen usw. in ihre Einzelteile. In diesem
Falle interessieren den Forscher ihre Einzelbilder in langsamer
Betrachtung meist mehr als deren eigentliche kinematographische
Vorführung. Das zur finanziellen Rentabilität nötige Publikum finden
solche Bilder naturgemäß nicht; sie kommen für „Kinovorstellungen“ als
solche nicht in Betracht.
Wo kinematographische Bilder als „wissenschaftlich“ gepriesen
werden, sind sie meistens etwas ganz anderes, nämlich „~lehrreich~“.
Natürlich können nur Bilder lehrreich, zu Lehrzwecken brauchbar
sein, die mit der Wissenschaft, d. h. Betrachtungsweise und Methode,
nicht im ~Widerspruch~ stehen, und in diesem Sinne sind sie ja auch
„wissenschaftlich“. Solche Filme aber, die wir lieber „Lehrfilme“
nennen wollen, bedürfen eben zu ihrer „wissenschaftlichen“, d. h.
unmißverständlichen Vorführung derselben Behandlung wie alle andern.
Sie müssen „künstlerisch vollendet“ dargeboten werden, einerlei,
ob sie vor Schulkindern, Studenten oder gemischter Zuhörerschaft
erscheinen sollen. Auch die wissenschaftlich vorbereitetern Beschauer
müssen ja in der Lage sein, diese Bilder erst wieder gleichsam aus
dem Kinematographischen ins „Augenrichtige“ zu übersetzen. Auch
ihre Phantasie muß richtig eingestellt und geleitet werden: aus der
„Vorführung“ muß eine „Vorstellung“ gemacht werden. Auch wenn wir
-- wohl mit Recht -- annehmen, daß zu den heute üblichen Kino- und
Saalvorstellungen sich als neuer mächtiger Zweig der Kinematographie
~Unterrichtsvorstellungen~, vielleicht in den Schulen selber,
gesellen werden; so unterliegen diese den gleichen technischen,
wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen. Ja erst deren vollkommene
Berücksichtigung durch eine vollendet ausgebildete Vortragskunst wird
dem Kinematographen den bisher vergeblich erstrebten Eingang in die
Schulen öffnen.
Aus der so bedingten Eigenart aller Kinovorstellungen ergeben sich
vor allem eine Anzahl Forderungen, die wir als ~gesundheitliche~
zusammenfassen können, deren Berücksichtigung das ästhetische Bild
einer Kinovorführung beeinflußt. Von diesen werden wir zum Teil später
sprechen; zunächst überlegen wir uns, welchen Einfluß sie auf die
Gliederung der Vorstellung, die ~Programmgestaltung~ haben werden.
Ein kinematographisches Bild allein und ganz für sich betrachtet,
oder auch eine ununterbrochene Reihe davon ist in jeder Hinsicht ein
Unding -- ist überhaupt ~nichts~. Es dürfte kaum einen Film geben,
der, so vorgeführt, überhaupt inhaltlich verständlich, geschweige denn
ästhetisch erträglich wäre. Ein Film gibt, wie schon öfter erwähnt,
rein technisch genommen weder ein Bild der Wirklichkeit, noch gibt
er, was er gibt, optisch vollkommen. Selbst das beste Kinobild greift
anfangs und wieder auf die Dauer die Augen stark an. Das liegt nicht
nur daran, daß die Augen durch Überbrückung der Tausende von wirklichen
Bildunterbrechungen, die wir als „Flimmern“ stets wahrnehmen (kein
Kinobild ist vollkommen flimmerfrei), viel stärker als von einem Bilde
mit ~stetiger~ Bewegung in Anspruch genommen werden. Sie strengen sich
auch unbewußt gleichsam fortwährend an, zu entdecken, was sie in der
Wirklichkeit zu finden gewohnt sind. Farbe, Plastik, richtige Linien
und deutliche Luftperspektive. Sie kämpfen fortwährend gegen die
unscharfen und unerkennbaren, gleichsam unentzifferbaren Einzelheiten,
auf die wir vor der Wirklichkeit unser hin und her wandelndes Auge
„fixieren“ -- was hier nichts hilft. Auch das helle Licht der Natur
entbehrt das Auge; hier geht ja alles gleichsam in einem Schattenreiche
mit arg gedämpften und gleichsam totem, kreidigem Lichte vor sich. Die
Natur selber erläutert uns, was wir sehen, zugleich durch eine Menge
von Geräuschen und Klängen, Düften und Berührungen. All dies Fehlende
vermißt gleichsam die Phantasie des Kinobesuchers, und die allein
von allen Sinnen gebrauchten Augen bemühen sich vergebens, es ihr zu
ersetzen. An ihre Stelle muß das Denken treten. So kommt es aber, daß
beides, Augen und Hirn vor dem Kinobilde bald erlahmen und das um so
eher, je weniger sie vor dem Kinobilde durch andere Mittel unterstützt
und ausgeruht werden.
Aus dem Gesagten ergibt sich ohne weiteres, daß es eine künstlerische
Anforderung an die Kinovorstellung ist, den Beschauern im weitest
möglichem Maße das Fehlende zu ersetzen. Seine Grenze findet dies
Bestreben wieder nur in dem Gebote, den Vorzug des Kinobildes, seine
automatische Naturechtheit, nicht zu zerstören. Dies geschieht
überhaupt nicht durch Erläuterungen usw., die offenkundig gar nicht
den Anspruch machen, selber unmittelbare Naturkundgebungen zu sein,
und ebensowenig durch technische Ergänzungen, die, wenn auch nicht
auf automatischer Naturwiedergabe beruhend, doch Naturgeräusche usw.
~echt~ oder stilisiert wiedergeben. Denn durch das letztere Mittel
werden sie ja auch wieder als das gekennzeichnet, was sie sind:
menschliche, nicht naturautomatische Erzeugnisse, die zwar ~hinter der
Wirklichkeit zurückbleiben~ (sie nur andeuten), ~aber auch nicht über
sie hinausgehen~. Nur das letztere ist geschmacklos.
Diese Hilfsmittel der Kinovorstellung müssen sich gleichzeitig in
der andern Richtung bewegen, neben der Erhöhung des Verständnisses
der Kinobilder auch dem ~Ausruhen~ der Augen zwischen ihnen zu
dienen. Zum letztern Zwecke dienen in erster Linie die ~Pausen~
zwischen den einzelnen Bildern. Es ist unerträglich, ein Bild nach
dem andern herunterhasten zu sehen, womöglich wie ein Negerdorftanz
begleitet gleichzeitig von ununterbrochenem Klavierhämmern,
Grammophonquarren, Erläuterungsgeschrei und Spässen. Und zwar müssen
nicht nur die einzelnen Bilder, sondern auch die Szenen, aus denen sie
zusammengesetzt sind, durch deutliche Pausen, in denen Auge und Hirn
sich erholen, getrennt sein. Zu diesem Zwecke muß sich zwischen je zwei
Filmteilen, wie schon erwähnt, ein Stück grauer oder einfarbiger Film
befinden, mit dessen Eintreten ins Gesichtsfeld sofort ein ruhiges,
wohltuendes Licht auf der Leinwand ist; hierauf kann die Objektivklappe
ganz herabgelassen werden, worauf das neue Bild „fertig“ und schon
im Rollen wieder auf der Leinwand erscheint. Eine gute Augenerholung
bilden auch an sich schon ~Lichtbilder~, wenn sie deutlich und schön
sind. Besonders aber sehnt sich nach langem Grau in Grau das Auge
wieder nach ~Farben~, ja nach etwas ~ganz anderm~ als dem Erlebten.
Aus diesem Grunde ist’s, weswegen ich wiederholt geradezu empfohlen
habe, als ~kurze~ Programmteile mit vor- und nachheriger Pause
kaleidoskopartige Farbenspiele, farbige Nebelbilder, Schattenspiele und
andere anmutige optische Scherze und Experimente einzulegen. Jedenfalls
wären derartige „Pausenausfüllungen“ weit mehr zu empfehlen als die
üblichen meist scheußlichen Lichtbilderreklamen. Auf jeden Fall aber
müssen außerdem von Zeit zu Zeit größere Pausen im ~erhellten~ Raume
eintreten. Auch dieser aber sollte nur am Anfang und am Schlusse ~voll~
erleuchtet und ~allmählich~ verdunkelt oder erhellt werden. Während
der Vorstellung als Ganzem aber vermeide man auch hierin alle grellen
Gegensätze. Man halte den Saal während des Spieles so hell, während der
Pausen so halbdunkel, wie es mit dem jeweiligen Zwecke zu vereinigen
ist.
Ebenso der Augen- und Nervenerholung wie der Ergänzung der Filme dienen
die durch ~Vortrag~ und ~Lichtbilder~ hervorgerufenen Pausen.
Die ~Begleitgeräusche~ und die ~Begleitmusik~. Sie entlasten die
Nerven und die Phantasie von einer geradezu übermenschlichen Arbeit,
regen die ~Stimmung~ an, stellen die Übergänge her, schließen Irrtümer
und Täuschungen aus, schaffen Abwechslung und Gegensätze. Wer die
Dinge einigermaßen eindringend beurteilt, wird uns zugeben, daß eine
Filmvorführung an sich überhaupt nicht Gegenstand einer Vorstellung,
geschweige denn einer ~Vorstellung als Gesamtkunstwerk~ sein kann.
Vielmehr haben wir es mit einer ganzen Gruppe ihrem Wesen und Kern
nach neuer Naturveranschaulichungsmittel zu tun, die einander nebst
gewissen Hilfsmitteln alle ergänzen, und eine ohne die andere einfach
sinnlos sind. Das wird uns noch mehr klar, wenn wir uns diese neue
Welt vorausschauend nicht nach ihrem jetzigen Entwicklungszustande
zu vergegenwärtigen suchen, sondern nach der idealen Vollendung,
auf die alle vorhandenen Ansätze hinweisen. Dann ist es offenbar,
daß zur Kinematographie, wie technisch so auch ästhetisch jene
andere Gruppe von Erfindungen gerechnet werden muß: die mechanische
Selbstaufzeichnung, Vervielfältigung und Wiedergabe von natürlichen
~Klang~erscheinungen: Ton, Geräusch und Wort, ~Grammophonie~ oder
~Phonographie~. Das dem Menschengeist heute vorschwebende, im
Kinotheater zum Teil schon verwirklichte Ideal ist (um nun gleich ganz
vollständig zu sein): die mechanische Selbstwiedergabe vollständiger
Gruppen von Naturerscheinungen, wie wir sie mit Zeichnung, Farbe,
Plastik, Bewegung, Klang, Geräusch und vielleicht eines Tages sogar
mit Geruchseindrücken mit den Sinnen wahrnehmen. Zwar wird auch eine
solche Vorführung niemals menschlich-willkürlicher Erläuterungs- und
Ergänzungsmittel, besonders des Wortes, niemals menschlich-künstlicher
Durcharbeitung zur Erzielung einer befriedigenden Gesamtwirkung, kurz
niemals der „Vermenschlichung“ im Sinne guten Geschmacks entbehren
können. Aber in ihrem Wesen wird sie ein neues Werkzeug menschlichen
Geistes, eine neue Mehrerin und Wahrerin menschlichen Glückes,
Ausbreiterin und Verallgemeinerin menschlichen Wissens, menschlicher
Anschauung, menschlicher Kultur, ein Wahrzeichen und Mittel
menschlicher Verständigung und Veredlung sein.