Noch ehe wir unsere Filme endgültig als Hauptteile in das nach den

entwickelten Gesichtspunkten entworfene Gesamtprogramm einfügen,

beschäftigt uns die ~Feststellung ihres Inhalts~. Das ist, wie

bemerkt, heute noch eine Arbeit, die oft ans Unmögliche grenzt, in

den Kinotheatern usw. aber meist -- ganz unbekannt ist. Geboten ist

grundsätzliches Mißtrauen gegen die Angaben der beigegebenen gedruckten

„Beschreibungen“. Allein die darin enthaltenen Namen sind oft, infolge

der fremden Herkunft der meisten Filme, ganz unbrauchbar. Man suche

sie an der Hand von Fachwerken, die man in öffentlichen Büchereien

findet, in ihrer deutschen Form festzustellen, nötigenfalls fragt

man Lehrer und Fachleute. Häufig gelangt man da zu höchst einfachen

und bekannten Bezeichnungen allbekannter Dinge, die einem mit ihrem

lateinischen, englischen usw. Namen höchst exotisch vorkamen. Sodann

verschaffe man sich selbst durch Lesen, Abbildungen usw. ein möglichst

genaues und umfangreiches Bild des betreffenden geographischen,

naturwissenschaftlichen usw. Gegenstandes. Man wird oft erstaunen,

was für ein brennendes Interesse da manche Bilder gewinnen, die man

vorher als langweilig ansah. Oft freilich wird man dann auch seinen

Film verwerfen müssen, weil er entweder nur Nebensachen des Themas oder

auch -- etwas ganz anderes zeigt. Nur wenn man selber so etwas von dem

Gegenstande kennt, kann man Wert oder Unwert eines Films wenigstens

ungefähr beurteilen, und wissen, wo sein Interesse liegt, und in

welchem Zusammenhang er unterzubringen ist. Fast alle Filme, belehrende

wie unterhaltende, haben „Beziehungen“ zu irgendwelchen Gedankengängen,

die Kennern und Gebildeten bekannt sind, beim Anblick der Bilder sofort

einfallen und für deren Wert oder Unwert oft entscheidend mitsprechen.

Wer diese Beziehungen nicht kennt, tappt im Dunkeln, und kann nie ein

Programm zusammenstellen, das geschmackvolle Leute befriedigt. Er suche

sich eine Hilfe; auch wenn er ein Universalgelehrter wäre, würde er

ohne solche Hilfe nicht auskommen.

Zu den so für würdig befundenen Filmen gilt es nun zunächst, die etwa

zum Verständnis unentbehrlichen ~Lichtbilder~ herauszufinden. Das ist

für den einzelnen schwer, aber solange es die Filmfirmen nicht gleich

selber tun, muß man sich an der Hand der Kataloge der Lichtbilderfirmen

zu helfen suchen.

Für diesen Zweck wie für den der Filmwahl (für letztere nur unter

gewissen, früher erörterten Bedingungen in Betracht kommend) wäre ein

von einer Zentralauskunftsstelle anzulegender und zu verwaltender

~Realkatalog~ mit Inhalts- und Wertangaben usw. sehr wünschenswert, und

auch die Firmen hätten gewiß das größte Interesse daran.

Ich will hier nur darauf aufmerksam machen, daß neben den großen

deutschen Firmen wie Unger & Hoffmann in Dresden, Liesegang in

Düsseldorf, Vereinen wie der M.Gladbacher und der Berliner

Volksbildungsverein, der Dürerbund usw. auch die Sammlungen des

Auslandes in Betracht kommen. Besonders sind die englischen Lichtbilder

zum Teil wegen ihres künstlerischen Wertes hervorragend. Zur Belebung

und künstlerischen Erhöhung kinetographischer Vorstellungen möchte ich

aber besonders auch auf die Verwendung naturfarbiger Einzelaufnahmen

(Lumière-Verfahren u. a.) hinweisen. Sie erfordern das hier vorhandene

sehr starke Licht, bringen aber das so sehr entbehrte farbige Element

in die Vorstellung. Es gibt unter ihnen ebenfalls bereits Kunst und

„Kitsch“. Kitsch sind diejenigen Bilder, die um ihrer Buntheit willen

gemacht sind. Kunst sind diejenigen, deren ~Farbenwerte richtig~

wenigstens ~angestrebt~ sind (weder „richtige“ Farben noch „vollkommen

richtige“ Farbenwerte sind hier überhaupt möglich, da beides subjektive

Begriffe sind) ~und~ die eine -- soweit sie willkürlich ist --

~geschmackvolle~ Farbenzusammenstellung oder Wahl zeigen. Auch hier

geht aber oft das stoffliche Interesse mit Recht über das „rein“

ästhetische.

Für die Projektion von Lichtbildern empfiehlt es sich, die häßlichen

Bilderwechsel zu verdecken, die Bilder lange genug und ruhig stehen

zu lassen und je schöner sie sind, desto weniger durch Reden zu

stören, zwischen allen eine genügende Pause zu machen. Die farbigen

Lichtbilder sah ich von Courtellemont in Paris sehr wirkungsvoll mit

einer Nebelbildereinrichtung (zwei verbundene Cameras) vorgeführt,

dergestalt, daß eins durch das neu auftauchende, noch unerkennbare neue

verblaßt und unkenntlich wird, unter Rückgang der Helligkeit wechseln

beide, und das neue taucht immer heller werdend auf. Freilich waren es

prächtige und abwechslungsreiche Bilder, die so vorgeführt wurden.

Auch der ~Vortrag~ erhält seinen meisten Stoff aus den zur

Inhaltsfeststellung der erwählten Bilder gepflogenen eignen Studien.

Hier gilt es nun, in die Tiefe der Erkenntnis, die man sich in aller

Eile angeeignet hat, nicht Meter für Meter den Zuhörer hineintauchen,

sondern sich hinterher wieder ganz und gar in die Seele jener

Unwissenden hineinversetzen, die nur unser Bild sehen werden, und

nur das zu seinem Verständnis Nötige wissen wollen. Worte, wenn auch

unentbehrlich, sind ein fremder Bestandteil in einer kinetographischen

Vorstellung. Wenigstens sind sie hier nicht in ihrer ~literarischen~

Kunstanwendung am Platze, sondern nur als kurze, _al fresco_ gegebene

eindringliche Erläuterungen. Will man seine Vorstellung mit einem

für sich wertvollen Vortrag abwechseln lassen, so setze man ihn eben

gänzlich für sich, am besten an den Anfang oder in die Mitte.

So kurz der Vortrag und so wenig und den Nagel auf den Kopf treffend

die Worte sein sollen, um so mehr sollte dennoch und gerade deshalb

der Vortragende die Redekunst beherrschen. Er sollte vor allen

Dingen völlig über den Schauspieler- wie den Predigerton, über das

Deklamieren wie über das Singen hinaus sein. Er soll langsam, deutlich

und eindringlich sprechen. Er hat nur kurze Minuten der Aufmerksamkeit

vor sich, in ihnen hat er wichtige Gedankenbrücken zu schlagen, Augen

zu öffnen, die Geister zu leiten. Er muß darum seine Zeit nutzen. Er

muß, solange er spricht, die Aufmerksamkeit voll auf sich lenken,

während der Bilder aber völlig untertauchen und alles weiter Nötige mit

mechanischen Mitteln zu erzielen suchen.

Sind die Grundzüge von Filmen, Lichtbildern und Vortragsinhalt

festgestellt, so kommt die endgültige Ausarbeitung des Programms. Über

seine äußere Gliederung und das Spiel von Steigerungen, Ruhepunkten,

Abwechslungen, Gegensatzwirkungen haben wir schon gesprochen. In den

meisten Kinotheatern ist das Programm ein „rollendes“ -- es beginnt

für jeden Eintretenden dann, wann er eben kommt. Mindestens wäre es

wünschenswert, auch um des ästhetischen Eindrucks willen auf den

Ankömmling selbst, die Neueintretenden sich bis zur Beendigung der

eben laufenden Szene in einem Vorraum sammeln zu lassen. Im übrigen

allerdings wird es für das Programm genug sein müssen, die einzelnen

Nummern abwechslungs- oder beziehungsreich aneinanderzureihen und für

hübsche Übergänge zu sorgen. Man kann es auch in eine Anzahl kleinere

Abteilungen, die ein kleines geschlossenes Ganze bilden, zerlegen.

Immer aber läßt sich auch solchem Programm ~Einheit~, nämlich ein

einheitlicher Grundgedanke geben. Dieser braucht nicht stets im

Stofflichen zu liegen -- er kann ganz weit wie ganz eng gefaßt sein.

Selbst die Parole „Buntes Allerlei“, nach der einmal alles Erdenkliche

zusammengereiht werden kann, kann doch diesen „einheitlichen

Grundgedanken“ bilden. Es ist dann mehr eine einheitliche „Stimmung“

oder Stimmungsmischung, die zugrunde liegt. Jedenfalls ist nicht jedes

„Bunte Allerlei“ eine künstlerische Einheit, sondern nur eins, dem man

anmerkt, daß es Stück für Stück aus einer bestimmten Stimmung oder

einem bestimmten Gedankenkreise heraus erwählt ist.

Höher steht, aber auch schwerer zu beschaffen ist ein Programm, das

einen einheitlichen Grund~inhalt~ in logischer oder doch sachlicher

Folge abhandelt. Da wird man zurzeit noch seine Pläne möglichst

allgemein halten müssen. „Der deutsche Wald“, „Englisches Volksleben“,

„Von der Spinne“, „Die Töpferei“, „Wie das Brot entsteht“ -- so

unglaublich es klingt, und auf so viele anklingende Kataloge und

Filmtitel der Uneingeweihte mich verweisen wird; man wird kaum die

zu irgend einer abgeschlossenen, rein nach dem sachlichen Interesse

entworfenen Vorstellung dieser Art die nötigen guten, richtigen,

geschmackvollen, sachlichen, geschweige denn künstlerisch vollendeten

Bilder auch nur ~nennen~ -- und man wird sie noch viel weniger

~erhalten~ können! Der Filmmarkt ist zurzeit nur auf die Erfüllung des

wöchentlichen Neuigkeitenbedürfnisses der Kinotheater eingerichtet,

darüber hinaus versagt seine Organisation völlig. Eher findet sich

schon was, wenn man sein Thema faßt: „Vegetationsbilder der Erde“,

„Aus dem Leben unterm Mikroskop“, „Von fremden Völkern“ u. dgl.

allgemeinen, im Grunde nichtssagenden Titeln. Da findet sich schon

was; ob man es kriegt, ist zurzeit Glückssache. Will man ernst zu

nehmende Vorstellungen dieser Art zurzeit machen, so ist man schon

auf reichliche Zuhilfenahme von Lichtbildern, Vortrag und -- Pausen

angewiesen.

Wie soll man denn aber zurzeit „künstlerische“ kinetographische

Vorstellungen machen? Es gibt nur einen Weg: man besuche, mit dem

genügenden Kapital ausgerüstet, die Berliner Filmfirmenvertreter,

und passe dort auf die wöchentlich erscheinenden Neuheiten auf. Da

hat man wenigstens den Vorteil, die Filme zu ~sehen~. Nun kaufe man

auf gut Glück die besten unter ihnen auf und sammle sie an, bis man

zu verschiedenen Themen -- die man sich unter Berücksichtigung der

Gelegenheit zurechtmacht -- einigermaßen Stoff beisammen hat. Hierzu

kaufe man, indem man sich das Gedächtnis hervorragender Filmkenner

und in zweiter Linie die Katalogbeschreibungen der Firmen zunutze

macht, ältere gute Filme zur Ergänzung -- ~sehen~ wird man sie

allerdings erst, nachdem man sie bezahlt hat und besitzt. Den so

gewonnenen Filmvorrat macht man durch Abtrennung der minderwertigen

und mißlungenen, aller zu kurzen, undeutlichen, albernen oder sonst

geschmacklosen Abschnitte und durch Umstellung der einzelnen Szenen

zurecht, bis die Sache ein Gesicht gewinnt. Man fahnde dazu eifrig

nach Lichtbildern und wissenschaftlichem Material usw. -- und gehe

dann an die Herausgabe der einzelnen Vorstellungen. Wie man schon aus

dieser keineswegs pessimistischen Beschreibung sieht, ist das Ganze

eine Aufgabe, die für den ~einzelnen~ überhaupt geradezu unmöglich ist.

Es muß daher ein besonderer Weg zur Verwirklichung gefunden werden --

hiervon später.

Die Feststellung der ~Naturgeräusche~ ist in vielen Fällen leicht,

in den meisten sehr schwer, wenn sie nicht geschmacklos ausfallen

sollen; die Ausführung ist meist leicht und wohlfeil. Theaterpraktiker

sind darin die besten Ratgeber. Wasserrauschen und Regnen wird oft

schon ausgezeichnet durch das Wischen von Papierbüscheln auf der

Erde nachgeahmt. Zum Windrauschen läßt man einfach gebaute Kammräder

an gespannten Schirtingbahnen schleifen. Erbsen, in einem Sieb

geschüttelt, ein großes geschütteltes Blech, eine genial auf Fell oder

Rahmen gehandhabte Trommel für Donner usw., eine Mundpfeife u. dgl.

wirken schon Wunder. Wer aber will, kann seine Instrumente mit wenigen

Kosten auf noch größere Höhe bringen. Viel schwieriger ist die richtige

~Beobachtung~ der Geräusche. Es ist aber doch wohl selbstverständlich,

daß ein lautlos fallender Baum, eine lautlos abgeschossene Kanone, ein

lautlos aufkochender Geiser nicht nur ein geradezu peinliches Bild

geben, sondern auch den Zuschauer, namentlich den unerfahrenen, über

die stattfindenden Vorgänge und ihre Kraftverhältnisse völlig irre

führen. Ebenso offenbar ist es aber, daß falsch und bloß nach der

Phantasie eines gleichfalls unerfahrenen Vorführers gegebene Geräusche

nicht minder irreführen und für den Geschmack nicht minder peinlich

sind. Das Studium von Naturgeräuschen und ihrer Wiedergabe, an sich

ein nicht uninteressanter Zweig der Naturwissenschaften, sollte daher

durch die Kinetographie geradezu zu einer Hilfswissenschaft entwickelt

werden. Vor allem sollten hier einmal die Grammophonie-Fachmänner

einsetzen. Sollte es nicht möglich sein, den unzerlegbaren und

doch so reizvollen und bezeichnenden Lärm des Volkslebens in einer

Londoner Straße grammophonisch aufzunehmen, während gleichzeitig der

Kinematograph den ~Anblick~ festhält? Wenn vorläufig beide Aufnahmen

noch nicht gleichzeitig aufgenommen werden können, so kann doch beider

Zeitmaß mit dem Metronom bestimmt und danach gleichzeitig wiedergegeben

werden. Das wäre meines Erachtens das ~nächste~ Ziel zur anzustrebenden

vollkommenen mechanisch-automatischen Kinematographie. Inzwischen

müssen wir uns mit den mehrfach angedeuteten Hilfsmitteln begnügen.

Die ~Musik~! Sie hat ihre Stätte im Kinotheater aus mehrfach genannten

Gründen. Gewiß ~kann~ sie wegbleiben. Unter allen Umständen ist sie

viel mehr einzuschränken, als jetzt im Kinotheater üblich. Auch sie

gehört nur dahin, wo sie ~unentbehrlich~ ist. Das ist sie vor allen

Dingen bei Tänzen und wo irgend im Bilde Musik gemacht wird. Ihre

weitere Anwendung ist Geschmackssache. Sie muß der Bildervorführung

~untergeordnet~ bleiben, daher ist -- wo nicht das Bild selber anderes

~zeigt~ -- vor allem Streichmusik geeignet. Sie wirkt am feinsten

im geschlossenen Raum. Klavier allein ist zu hart und individuell,

es drängt sich vor, ist auch zu eintönig. Klavier oder Harmonium

zusammen mit Violine und Cello, auch gelegentlich Flöte ist diejenige

Zusammenstellung, die sich allen Zwecken am feinsten anpassen läßt

und sich am wenigsten vordrängt. Und vor allem nicht vergessen: jede

Musik hat einen ~Sinn~! Nicht nur den, den sie dem musikalisch Hörenden

unmittelbar ausspricht, den Stimmungsgehalt, sondern gelegentlich

oft auch einen recht unerwarteten, durch Textworte festgelegten

konventionellen Sinn. Achtung, daß der nicht zum Bilde wie „die Faust

aufs Auge“ paßt! Für Musik gilt ganz besonders die Regel: so wenig wie

möglich, aber so vollendet wie möglich und -- sinnvoll.

Wohl hauptsächlich aus dem Gefühl der technischen Zusammengehörigkeit

heraus, dem auch wir ja schon Ausdruck gaben, findet man besonders in

Kinotheatern sehr häufig das Grammophon. Es spielt eine besondere Rolle

bei den schon erwähnten „Tonbildern“, die wir mindestens so selten

wie möglich im Kinotheater sehen möchten. Wenn diese Art noch nicht

vollendet im höchsten ~technischen~ Sinne hergestellt werden kann, so

sollte wenigstens die künstlerische Wahl und Darstellung einwandfrei

sein. Zu gesungenen Liedern einen Mann im Frack hinzustellen, der im

Takt dazu die Kinnladen und die Arme bewegt, ist durchaus überflüssig.

Der Genuß des Gesanges wird dadurch so wenig wie sein Verständnis

gehoben. Anders wär’s, wenn Lieder durch kleine Kostümszenen

illustriert würden. Dann aber möchte man diese Szenen wenigstens gut

gespielt sehen. Kein „grammophonischer“ Sänger oder Chor sollte sich’s

gefallen lassen, daß an seiner Stelle ein Schauspieler dritten oder

geringern Ranges mit Maske und Gebärde den Mund auf und zu klappenden

Caruso mimt. Da sowohl Kinematographie wie Grammophon noch ihre großen

Mängel haben, sollte man sich darauf beschränken, ganz einfache,

leichte, mehr im Groben wirkende Stücke festzuhalten, jedenfalls sich

nicht an die zartesten oder schwierigsten Meisterwerke der Gesangskunst

wagen. Ein von Kinderstimmen gesungenes und schlicht gespieltes

Weihnachtslied kann unter Umständen eine niedliche „Tonbild“einlage

geben; eine Meisterarie nie.

Will man Grammophon oder Phonographen mitwirken lassen, so ist es

geschmackvoller, ihn mit ausgewählten Stücken ~allein~ zu Gehör kommen

zu lassen. Da aber eine aus unsichtbarem Munde oder vielmehr aus einem

Schalltrichter kommende Stimme eine von jedermann peinlich empfundene

Unnatürlichkeit darstellt, so hat man von jeher nach einer Maskierung

gesucht. Für diese gibt es nur zwei Auswege. Entweder man stellt den

Apparat wie er ist, mit einer einfachen, nicht „verzierten“ Trompete

weithin sichtbar mitten vor die Zuschauer hin und sagt damit gleichsam:

„Jetzt kommt das kinetographische Wunder: der grammophonierte Gesang.“

Das ist am ehrlichsten und ästhetisch einwandfrei. Oder man stellt den

Apparat irgendwo hinter der Szene auf, so daß die Klänge gedämpft und

wohlberechnet in den Zuhörerraum dringen, wo nichts inzwischen die

Aufmerksamkeit ablenkt. Das hat u. a. den Vorteil, Mängel, z. B. die

Nebengeräusche, zu verdecken und die Zuhörer nicht abzulenken. Will

man mehrere Stücke geben, so vereinige man sie zu einem Programmteil,

zerreiße aber nicht alle Augenblicke durch sie den Zusammenhang der

sonstigen Vorstellung.

Für alles andere, besonders die Ausstattung des Bühnenbildes und des

Zuschauerraumes gelten die allgemeinen Regeln des guten Geschmacks.

D. h.: maßgebend ist vor allem die ~Zweckmäßigkeit~, verboten alles

Unehrliche, aller Pomp und Flitter, der etwas anderes vortäuschen soll,

als was da ist: eine Stätte gediegener volkstümlicher Unterhaltung.

Verboten alles Flimmer- und Zierratenwerk, das die Aufmerksamkeit

ablenkt, Auge und Nerven beunruhigt. Nicht die Sinne kitzeln, die

Nerven aufregen, die Phantasie erschöpfen, das Denken verwirren soll

die Kinetographie. Sondern wenn sie künstlerisch gewesen ist, so

erkennt man sie daran, daß man mit erfrischten Sinnen, bereichertem

Wissen, gereinigtem Fühlen, klarem Denken und voll deutlicher,

erhebender Erinnerungen von ihr nach Hause geht. Das zu erreichen, sei

das Ziel aller künstlerischen Kinetographie.

4. Wege

Das zu erreichen, wird sich zwar noch vieles wandeln, mancher gute

Kampf wird gekämpft werden müssen. Nicht nur die Kinetographie selbst,

sondern unser Gesamtheitsempfinden von dem, was schön und gut ist,

wird von Grund auf umgewälzt -- oder vielleicht nur vom Alpdruck

eines bis zum Wahnsinn überhitzten öffentlichen „Genuß“lebens befreit

werden müssen. Mächtige Interessen großer Kreise, die zur Befriedigung

ihrer persönlichen Wünsche gewissenlos an den geistigen Kräften

der ihnen immer wieder in Scharen als Beute zuwachsenden Jugend

schmarotzen, werden unschädlich gemacht werden müssen. ~Niemals kann

die Kinetographie zu künstlerischem Werte gelangen, solange nicht ein

Übel unseres heutigen öffentlichen Lebens eingedämmt ist: das Übermaß

an ganz oder fast unfreiwilligen geistigen Eindrücken überhaupt, die

stündlich auf uns herstürmen.~ Deren Eindämmung wird wohl am nächsten

die Aufgabe der allgemeinen Erziehung, der Aufklärung jedes einzelnen

schon von der Schule an sein. Und diese Erziehung und Aufklärung wird

an sich kein besseres Mittel benutzen können als den Sinn für das,

was wirklich und echt künstlerisch ist, zu stärken. Was wirklich und

echt künstlerisch ist, ist auch einfach und selten, sei’s in der

Erscheinung, sei’s im Genuß.

Inzwischen aber darf es auch am guten Beispiel, am Bessermachen

nicht fehlen. Wie sehr das durch die heutigen Verhältnisse auf dem

Gebiete der Kinetographie erschwert ist, habe ich nur andeuten, nicht

erschöpfen können. Wenn es sich aber darum handelt, einstweilen

das Beste zu tun, was möglich ist, und so die Kräfte zu gewinnen,

allmählich das Vollkommene anzuregen und zu erzwingen, so sei nur

dieser Fingerzeig gegeben. Ein einzelner kann wohl künstlerische

Musterprogramme schaffen und vorführen, aber er kann sie wirtschaftlich

nicht halten. Um das in einem kinetographischen Programm festgelegte

Kapital herauszuholen und gar fruchtbar zu machen, muß stets ein Ring

(Turnus) von regelmäßigen Verwertern vorhanden sein. Solche Ringe

müssen auch die bilden, die die Kinetographie durch Beispiele zur Höhe

einer Kunst erheben wollen. Solange eigne Vorstellungen, eigne Theater

für den Zweck nicht lohnen, müssen geistig rege Kinotheaterbesitzer

zur Einlegung solcher Vorstellungen angeregt werden. Regelmäßige

Wochenprogramme dieser Art werden wir ihnen vorläufig noch nicht bieten

können, aber vielleicht monatlich eins. Und wir werden erreichen

können, daß sie mit diesen Programmen, folgerichtig und streng allen

künstlerischen Ansprüchen entsprechend durchgeführt, volle Häuser

haben. Volle Häuser aber sind dasjenige, was selbst die Kinowelt mit

der Kunst versöhnen wird.

[Illustration: BILD & FILM

ZEITSCHRIFT FÜR LICHTBILDEREI UND KINEMATOGRAPHIE VERLAG DER

LICHTBILDEREI / GmbH / M.GLADBACH]

Eines der Haupthindernisse edler Volksbildung ist der Abweg, auf den

heute der Kino, dieses an sich so wundervolle Volksbildungsmittel,

gekommen ist. Eine Besserung mit allen Kräften zu erkämpfen, ist

eine der dringlichsten Aufgaben für jeden, der es mit der sittlichen

und künstlerischen Hebung unseres deutschen Volkes ernst meint.

Vorzügliche Dienste dabei leistet die im Interesse einer energischen

Kinoreform gegründete Zeitschrift „Bild und Film“. Das Abonnement

dieser Zeitschrift ist vor allem zu empfehlen den zahlreichen,

weitverästelten Volksbildungsorganisationen, der Presse, den Kommunen,

Polizeiverwaltungen, Lehrerkreisen, Volks-, Fach-, Fortbildungs- und

Hochschulen, den kirchlichen Kreisen der verschiedenen Konfessionen,

den verschiedenen Standesorganisationen, die ja alle auch die

Volksbildung auf ihre Fahne geschrieben haben: den Arbeitervereinen,

Gewerkschaften, Jugendvereinen, Gesellenvereinen, kaufmännischen

Vereinen, Beamtenvereinigungen, Frauenorganisationen usw. Ebensosehr

aber sind interessiert die Kinobesitzer selbst, denen an der

allseitigen Hebung des Kinowesens gelegen ist.

Der I. Jahrgang 1912 von „Bild und Film“ liegt ~gebunden~ vor

(128 Seiten in gr. 4º), ~Preis~ M. 3.20, und ist durch alle

Buchhandlungen sowie direkt vom Verlag der Lichtbilderei in

M.Gladbach zu beziehen. Der II. Jahrgang läuft von Oktober 1912;

monatlich erscheint ein Heft zu 40 Pf., halbjährlich M. 2.40. Das

Abonnement kann durch jede Buchhandlung, durch die Post und auch

direkt durch den Verlag in M.Gladbach bewirkt werden; im letztern

Falle liefert der Verlag im Postüberweisungsverfahren, läßt

Bezugsgebühr und Bestellgeld durch die Post einfordern und liefert

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Die von der Zeitschrift „Bild und Film“ vertretenen Reformziele sucht

in die Praxis umzusetzen die

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Einrichtungen für Theater.

FUSSNOTEN:

[Fußnote 1: Fahrt auf dem Avonfluß in Neuseeland, Urbanora Haus, London

(s. Katalog der Firma Eclipse, Berlin.)]

Kino und Kunst Lichtbühnen-Bibliothek Nr. 2 · 第 7 / 7 段