Wer es in diesen Dingen zur Kunst bringen will, muß beim ~Maler~ und

beim ~Augenblicksphotographen~ in die Schule gehen. Sein eigentlicher

Lehrsaal aber ist das ~Kinotheater~: was hier wirkt und wie es

wirkt, muß er unablässig studieren. Denn nicht schöne Natur, sondern

ein schönes Bilderspiel soll er ja schaffen. Seine unerschöpfliche

Fundgrube aber ist die ~Natur~ selbst. Darin muß er täglich mehr

sehen und ins Kinematographische übersetzen lernen. Feste Regeln

zu geben ist natürlich unmöglich, denn hier ist dem persönlichen

Geschmack unermeßlicher Spielraum gelassen. Einige Gesichtspunkte

aber, die zum Richtigen führen können, wollen wir andeuten. Es handelt

sich namentlich um drei Dinge, die wir die Wahl des ~Motivs~, des

~Ausschnitts~ und der ~Komposition~ nennen wollen. Die drei dem Gebiete

der Malerei entnommenen Bezeichnungen gewinnen, auf Kinematographie

angewendet, eine etwas veränderte Bedeutung, da eben der Kinematograph

etwas zeitlich Fortdauerndes, ein Hintereinander, der Maler aber ein

Nebeneinander darstellt.

Das ~Motiv~ des Kinokünstlers ist natürlich ein ~Bewegungs~vorgang.

Wie die Wahl desselben durch ~technische~ Bedingungen begrenzt wird,

haben wir schon in einem frühern Abschnitt angedeutet. Im Hinblick

auf die Vorführung kann der Aufnehmende aber auch solche Aufnahmen

wählen, an denen sich das Mangelnde bei der Wiedergabe durch Wort,

Geräuschnachahmung u. a. ergänzen läßt. Nicht ergänzen lassen sich

~Farben~spiele. Plötzliche Vorgänge können aber für den Beschauer

durch den Vortrag vorbereitet werden. Undeutliche Einzelheiten kann

ein vorangehendes Lichtbild deutlich machen. Mit Rauschen, Donnern,

Explosionen begleitete Bewegungen können zum Teil -- wenn sie

vereinzelt auftreten und die Geräusche deutlich und einfach sind --

mechanisch andeutend in diesem Sinne ergänzt werden. Zarte Geräusche

aber -- wie Blättersausen -- lang dauernde -- Meeresbrandung -- oder

individuelle -- Vogelgesang -- kommen meist für Wiedergabe nicht in

Betracht. „Waldweben“ als solches ist kein kinematographisches Motiv.

Was nicht „_al fresco_“ im groben, in großen Zügen, wirkt, hat seine

Grenzen in der Wiedergabe.

Die Bewegung selber aber, die das „Motiv“ bilden soll, werde nicht

auf ihren Umfang oder ihre Heftigkeit, sondern auf ihre innere

Schönheit geprüft. Es kommt in Frage, ob der Apparat so weit oder so

nahe herangestellt werden kann, daß das, was uns in der lebendigen

Wirklichkeit fesselt, im Bilde wieder deutlich sichtbar wird. Es

ist ferner zu erwägen, ~wie lange~ das Bild wirken muß, damit es

allmählich über den Beschauer Macht gewinnt, seine Seele gefangen

nimmt, ihm seine feinen Reize enthüllt, ihm die ~Stimmung~ bringt.

Hiergegen sündigen fast alle derartigen Aufnahmen. Kaum fängt das Auge

an, sich in die Pracht zu vertiefen, da springt das Bild um. Der im

Stofflichen befangene Aufnehmende glaubt, er müsse den Zuschauern nur

ja alle drei oder fünf Sekunden etwas „Neues“ bieten, damit sie sich

nicht „langweilen“. Eben darum aber wirken die meisten dieser Bilder

langweilig und lösen Unruhe im Publikum aus -- weil es ja eben „nichts

ist“! Weil das Auge nicht einen einzigen Augenblick Zeit gewinnt,

sich zu vertiefen, weil das Bild einem weggezerrt wird, gerade wie

man zu „schauen“ beginnen wollte. In den meisten Bewegungen wird man

einen wirklichen Rhythmus bemerken, etwas wie das Hin- und Hergehen

unzähliger kleiner, vieler mittlerer und weniger größerer Pendel.

Diesen Rhythmus muß man erkennen und sich auswirken lassen. Auf großen

Wogen schwanken und rieseln zahlreiche kleine, und nach drei oder

vier großen Wogen kommt eine riesenhafte, als wolle sie alle vorigen

überbieten. Diese größte muß Zeit haben, einige Male zu erscheinen:

dadurch kommt der Beschauer hinter die großartige Schönheit dieser

Bilder.

Was den „~Rahmen~“ des Bildes angeht, den „Bildausschnitt“, so muß sich

der Kinomann nach andern Gesichtspunkten richten als der Maler. Dieser

kann kleine Fehler des wirklichen Bildes ändern, er hat die richtige

~Augen~perspektive, er berücksichtigt die Beweglichkeit des Auges,

indem er Vorder- und Hintergrund gleich scharf malt, für ihn sind ganz

andere Dinge Hauptsache als für uns. Ein naher Vordergrund, z. B. ein

Blick durch eine Baumlücke, oder aus einer Felsenhöhle heraus auf die

See, kommt, wenn das Motiv selbst in der Ferne (auf unendlich) liegt,

meist unscharf oder dunkel, ohne Einzelheiten heraus. Namentlich im

letztern Falle wirkt es, als gehörte es nicht zum Bilde. Wo also Rahmen

und Motiv nicht annähernd in eine Ebene zu bringen sind, werden wir

auf erstern meist lieber verzichten. Ein ins Bild hinein wischender,

überlebensgroßer Zweig z. B. ist nur störend. Wir müssen ihn vorher

wegbinden o. dgl. Man muß darauf sehen, daß die das Motiv bildenden --

die an einer bestimmten Bewegung teilhabenden -- Gegenstände entweder

im ganzen zu übersehen sind, oder aber ein solcher Überblick vom Auge

nicht verlangt wird. Habe ich z. B. das oben abgeschnittene Bild eines

Wasserfalls, so stört mich das, weil ich im unklaren bin, ob das Wasser

vielleicht doppelt so hoch, wie im Bilde sichtbar, oder etwa eben über

der abgeschnittenen Stelle herunterfällt. Zeigt man nun aber nur eine

kleine Stelle des Falles aus nächster Nähe, so komme ich gar nicht auf

den Gedanken, nach der Höhe des ganzen Falles zu fragen. Man muß eine

vollständige ~Bewegungseinheit~ auf das Bild zu bekommen suchen -- d.

h. ein „geschlossenes“ Bild, ein Motiv, das die Phantasie befriedigt

und nicht Fragen übrig läßt.

Die „~Komposition~“ in einem Kinobilde bezieht sich auf das Nach-,

nicht das Nebeneinander. Sie ist die schwierigste Aufgabe, weil eben

hier der Aufnehmende ja wenig „machen“, sondern nur klug auswählen und

abpassen kann. Man kann eben nicht, wie jener Operateur, angesichts

einer Wüste so lange drehen, bis irgendwoher ein Kamel ins Bild

kommt. Trotzdem erhöht es den Reiz eines Bildes ums Vielfache, wenn

es auch in dieser Hinsicht Komposition hat, wenn die Bewegung nicht

nur episch ist, sondern sich zum Dramatischen steigert. Ein Beispiel

davon bot ich in der Schilderung des Stromes von meinem Fenster

aus. Zuerst muß der Beschauer Zeit haben, sich in das unscheinbare

Spiel von Wellen, Wind, Wolken und Menschlein zu vertiefen. ~Dann~

sucht nun das Auge nach Abwechslung, nach einem ~Gegensatz~ an

diesem Idyll, und den bildet das groß und ruhig auftauchende, durch-

und abfahrende Schiff. Wie dramatisch ein solcher scheinbar so

nüchterner Vorgang ist, wie er die Phantasie anregt, wissen wir ja

aus entsprechenden _Laterna-magica_-Bildern. Da erscheint zuerst

die starre, grobkolorierte Landschaft und dann das ebenso starre

hindurchgeschobene Schiff. Das packt uns, weil in der Einfachheit etwas

Typisches, ich möchte sagen ein Symbol steckt. Oder man stelle sich ein

Stück Waldinneres, einen lauschigen Seitenpfad vor. Das Sonnenlicht

spielt in den leise atmenden Blättern. Im Sonnenstrahl tauchen goldene

Lichtfünkchen auf, sammeln sich und tanzen auf und ab: die Waldmücken.

Das Ballet tritt ab; wir atmen förmlich die Waldesstille. Da erscheint

ein Kopf auf schwankem Hals. Ein Reh äugt uns an. Es tritt vor auf

den Weg und schaut lange zu uns her. Plötzlich ein Zucken; es springt

seitwärts und verschwindet im Gebüsch. Es wäre ein Meisterwerk,

nämlich eine große Schwierigkeit, die vielleicht wochenlange Vorarbeit

erforderte, das Bild zu erlangen. Aber es würde überall, bei den

Feinsten wie bei den Kleinsten ungemessenen Jubel erregen. Wir hätten

die Schönheit der Bewegung der Natur in dramatischer Steigerung vom

Mückentanz und Blättersäuseln bis zum zierlichen Schritt und jähen

Sprung des großen Waldtieres belauscht.

So schwierig eine derartige Komposition mit „lebendiger“ Staffage ist,

so leicht ist sie, technisch genommen, reiner Landschaft gegenüber,

weil es da ja nur gilt, den richtigen Rhythmus zu belauschen, richtig

einzusetzen und wieder aufzuhören und -- unvorhergesehene Ereignisse

zu vermeiden. Auch kann man ja hier Dramatik ins Gesamtbild bringen,

indem man verschiedene Motive aneinanderfügt; z. B. zeigt man das Meer

in alltäglichem Wogenatmen. Dann an anderer Stelle und zu anderer Zeit,

wenn die weißmähnigen Rosse ungestüm furchend die Hälse aus dem Wasser

heben. Nun steigernd das Meer bis zur Sturmbrandung -- -- und wieder

abflauend bis zum regungslosen Blinken.

Den Höhepunkt der Kunst bildet die Komposition solcher Bilder mit

~Menschen~ darin. Der Greuel greulichster ist der Mensch in seiner

Pose. Jemanden, der’s weiß, dazu verwenden, ist jedem sich achtenden

Aufnahmekünstler verboten. Ich ging mal mit einem Maler spazieren und

wollte ein bestimmtes Motiv aufnehmen. Ich bat ihn, doch mal „des Weges

herzukommen“. Er ging ganz vergnügt weg und kam als ein anderer wieder.

Die Brust herausgeworfen, die Augen blitzend, den Hut schief, den

Mantel zurückgeschlagen, die Beine als wollt’ er Menuett tanzen -- ich

lachte grimmig und verzichtete. Hübsche Mädchen und Kinder pflegen zu

lachen -- kurz der Mensch, der sich photographiert weiß, verdirbt jedes

Bild.

Übrigens auch jeder, der sich gemalt weiß. Und darum muß es der

Kinokünstler wie der Maler machen: er muß den Menschen belauschen.

Vielleicht hat er gerade den Apparat vor einem Kornfeld aufgestellt,

über das halmbiegend die Wölfe der Mittagshexe rennen. Da kommt

ein Schnitter daher, und nach umständlichen Vorbereitungen -- sein

Selbstgespräch beweist, daß er sich unbelauscht glaubt -- beginnt er

die Sense zu schwingen. ~Der~ sieht uns nicht: aber gierig sucht unser

Apparat die Lichtwellen, die von ihm herfluten. So mit tausend Listen

und vollem Herzen die ganze Geschichte unsres täglichen Brotes, von der

Pflugschar bis zum Frühstück, mit Selbstbeschränkung kinematographisch

gezeigt: das könnte ein Kunstwerk werden.

~Der Rhythmus der körperlichen Arbeit~, der bildet selber ein Stück

Schönheit der natürlichen Bewegung. Unermeßlich ist hier das Gebiet des

Kinokünstlers. Wenn ich mit diesen Ausführungen erreiche, daß nur in

diesem und jenem der Mut geweckt wird, sich überhaupt um diesen Preis

zu bewerben, dann soll mir’s genügen. Ein großer Blick für das Leben,

seine Echtheiten und seine Schönheiten ist für den Aufnahmekünstler

unerläßlich.

5. „Gestellte“ Bilder

Wir haben im bisherigen aus dem Wesen der Kinematographie ihre

künstlerischen Gesetze entwickelt. Als Kernpunkt ihres Wesens

erkannten wir ihre Fähigkeit, mit bis dahin nichtgekannten Mitteln neue

Seiten der Wirklichkeit im Bilde zu zeigen, im besondern die Schönheit

der natürlichen Bewegung zum Gegenstand unseres Studiums zu machen.

Als Hauptbedingung, Hauptpflicht betonten wir immer wieder die, diese

widergespiegelte Wirklichkeit nicht zu fälschen, sie ~so~ aufzunehmen

und weiterzugeben, daß sie auf der Leinwand in völlig entsprechenden

Verhältnissen wiederkomme. Dies zu erzielen, war die eigentliche

~Kunst~ des Kinematographen. Eine hohe und strenge Kunst, die der

Willkür des Ausübenden scheinbar sehr enge Grenzen setzt, die sich

an eine enge Gruppe von Empfindungen wendet, eine ~Augen~kunst recht

eigentlich. Eine ~feine~ Kunst auch, die zu ihrer Wirkung der Sammlung

und Vorbereitung, der mittätigen Phantasie, geschulter Sinne und guten

Geschmacks bedarf. Und eine mühsame Kunst, deren Werke nur das Ergebnis

einer langen Reihe, aus verschiedenen Händen hervorgegangener oft

kostspieliger, sorgfältiger Arbeiten sind. Eine Kunst endlich, die zu

ihrem höchsten Erfolge eine langsame Gesamtentwicklung erfordert.

Kein Wunder, daß eine solche zwar tiefster, aber mühsam

heraufzuholender Wirkungen fähige Kunst dem Heere derer, die von der

Kinematographie in erster Linie einen reichen, aber mühelosen ~Gewinn~

erwarteten, ohne sich im geringsten um das seelische Wohlbefinden

derer zu beunruhigen, die ihnen das Geld herbeitragen sollten -- kein

Wunder, sage ich, daß denen diese Kunst viel zu langsam ging. „Die

Kinematographie selbst zur Höhe einer Kunst zu erheben“, das versuchten

sie gar nicht erst. Statt dessen verkuppelten sie die mit einer andern,

an sich hohen Kunst, der des Schauspiels. Sie erniedrigten beides,

Schauspielkunst und Kinematographie, und brachten dadurch jenen

Wechselbalg zustande, der als „Kinodrama“ seine Erfolge unseligen

Andenkens gefeiert hat. Der tatkräftige Widerspruch, den diese Schande

der Zeit bei den wahren Freunden und Erziehern des Volkes so gut wie

bei denen der Theaterkunst und der echten Kinematographie fand, hat,

scheint es, den Erfolg gehabt, den Stachel nur immer tiefer ins Fleisch

zu treiben, statt ihn zum Ausfallen zu bringen. Mit dem steigenden

Widerspruch der Gegner stieg der Reklameaufwand der Filmfirmen, mit

denen sie ihre Erzeugnisse erst recht als „höchste Kunst“, „_films

d’art_“, „dramatische Meisterwerke“, „künstlerische Volkserziehung“,

das Kinotheater als das „Theater des kleinen Mannes“ anpriesen. Je

widerwärtiger die Bilder inhaltlich wurden, desto lauter schrien die

Ankündigungen: „Erzieherisch! Dezent! Für Kinder freigegeben!“, und je

entschiedener sie sich ihrem ganzen Wesen nach von dem der dramatischen

wie der Kinokunst entfernten, mit desto raffiniertern Mitteln --

zuletzt unter genauer Nachahmung aller für Theateraufführungen

üblichen Ankündigungsformen, wie „Erstaufführung für X. reserviert“,

„A. N. in der Titelrolle“ mit Personenverzeichnissen usw. -- wurde die

Täuschung unterstrichen. Es sind geradezu gigantische Anstrengungen

von den großen Firmen gemacht worden, es sind besonders riesige

Kapitalien -- Hunderttausende von Franken -- in die Herstellung dieser,

der Sensation einer einzigen Woche dienenden, dann von ihren Urhebern

selbst zur Vergessenheit verurteilten Nichtigkeiten, Albernheiten und

Geschmacklosigkeiten verpufft worden. Zugleich aber, wenn auch äußerst

langsam und widerstrebend, wurden so wenigstens einzelne Firmen auf

einen Weg gedrängt, der ~doch~ endlich so oder so zu einer Besserung

führen muß. Es ist zwar heute noch nicht viel mehr als Reklame, auf die

man nicht viel geben darf, wenn neben den Namen vereinzelter wirklich

bedeutender, d. h. auch als Kulturerscheinung bedeutender Schauspieler

und Schauspielerinnen auch solche von ~Dichtern~ als künftiger

Film-„Text“-Verfasser auftauchen, von denen wir doch -- wie von Gerhard

Hauptmann -- wissen, daß sie endlich ihrer Natur nach gar nicht anders

~können~, als auch auf diesem Gebiete, wenn sie sich dort einmal

betätigen, zum Gediegenen und in irgendeinem Sinne auch künstlerisch

zu Rechtfertigenden zurückkehren. Hoffen wir nur, daß gerade diese

Entscheidenden erstens auch wirklich zum Schaffen kommen, nicht nur

ihre Namen als „Anreißer“ in Rundschreiben und Zeitungsnotizen prunken,

und daß sie zweitens Vorsicht, Rückgrat und -- ~Handwerk~ genug

wahren, um sich nicht übertölpeln zu lassen. Sonst können sie erleben,

eines Tages auf der Leinwand unter ihrem Namen „Dramen“ erscheinen zu

sehen, die ihnen die Röte ins Gesicht treiben. Mögen sie vor allem

nicht vergessen, daß auf diesem Gebiete mit dem Textbuche ~nichts~

getan ist. Der eigentliche „Kinodichter“ ist der, der die Regie hat

-- und seiner harren Aufgaben, die schwieriger sind als manchmal die

des Bühnenregisseurs. Denn er soll neue Wege pflügen, wo der andere

Überlieferung, Schule und Vorbild vorfindet.

Die Frage „Kino und Bühne“ -- die übrigens mehr Seiten als die hier

angedeutete hat -- ist in einem andern Bändchen dieser Sammlung

behandelt worden. Ich sehe daher hier von allem ab, was sie besonders

betrifft, und beschränke mich darauf, auf meinem eignen Wege

fortschreitend, die Frage des „gestellten“ Kinobildes und seiner

Erhebung zu einem Kunstwerk überhaupt und ganz allgemein zu behandeln.

Wir können ja nicht leugnen, daß der Kinematograph, wenn auch sein

Eigenruhm die Wiedergabe unbefangener und unbewußter Wirklichkeit

ist, doch ~fähig~ ist, auch Bilder zu erzeugen, die von denen der

Wirklichkeit abweichen. Auch diese Bilder haben zweifellos ihren

Reiz, und eben dadurch tritt auch für sie die Forderung auf, sie, wenn

überhaupt, zu Kunstwerken zu machen. Solche Bilder können entstehen,

indem wir entweder an Stelle natürlicher Gegenstände menschliche

Arrangements, vor allem also menschliche Pantomimen aufnehmen, oder

indem wir natürliche Vorgänge durch eine besondere Art von Aufnahmen

ganz verändert und in nicht mehr natürlicher Weise auf der Leinwand

erscheinen lassen.

Bilder letzterer Art werden „Trickszenen“ genannt, und es kommen da

eine ganze Menge von „Tricks“ in Betracht. Der häufigste ist die zu

schnelle oder zu langsame Aufnahme eines Vorgangs, wodurch dieser

umgekehrt entstellt im Bilde widerscheint. Wenn ich z. B. vor einem

laufenden Automobil die Aufnahmekurbel zu langsam drehe, das fertige

Bild aber im gewöhnlichen Zeitmaß abrolle, so läuft das ~Bild~automobil

mit einer ganz unmöglichen Schnelligkeit. Das wirkt natürlich sehr

lustig, wenn man’s nicht zu oft sieht. Umgekehrt kann ich von einem

langsamen Vorgange -- z. B. dem Erblühen einer Blume -- Einzelaufnahmen

in langen Abständen machen, die bei gewöhnlicher Vorführung dann ein

beschleunigtes Bild des Vorgangs geben. Zu solchem Zwecke angewendet

-- d. h. wenn das wahre Verhältnis nicht, wie oben, verschleiert wird

-- handelt es sich um eine vollkommen „richtige“ und oft lehrreiche

Naturaufnahme. Wird aber ein derartiges Bild beispielsweise in ein

anderes, im gewöhnlichen Zeitmaß aufgenommenes hineinkomponiert, so daß

es z. B. so aussieht, als blühe die Blume auf, während gleichzeitig ein

Mensch eine beschwörende Gebärde macht, dann wirkt das Bild märchen-

oder zauberhaft. Wird, wie man es häufig erlebt, ein Wasserfall oder

eine Eisenbahnfahrt durch eine Landschaft in so beschleunigter Weise

vorgeführt (damit das Programm eher zu Ende ist), so ist das durchaus

unkünstlerisch. Wird es aber absichtlich zu Zwecken der Illusion, zur

Erregung von Heiterkeit oder Märchenstaunen gebracht, so kann sich

eine ganz hübsche, unter Umständen auch künstlerisch einwandfreie

Unterhaltung daraus ergeben.

So betrachtet, sind wir geradezu wieder einem Wirkungsmittel auf die

Spur gekommen, das ~nur~ das Kino in gleicher Vollendung besitzt: die

Einflechtung zauberhaft erscheinender, durchaus wirklichkeitsfremder

Szenen und Übergänge in ein im übrigen alle Kennzeichen höchster

Naturwirklichkeit tragendes, ja sie verbürgendes Bild. Besonders das

Ineinanderkomponieren zweier in Wirklichkeit getrennt aufgenommener

Bilder bietet da eine Fülle reizvoller Möglichkeiten: fingergliedgroße

Zwerge tanzen unter Menschen, Visionen erscheinen und verschwinden, ein

Gulliverautomobil fährt durch Zwergenstädte usw. Ein geschmackvoller

Kinodichter wird bei der Wahl seiner Stoffe und in der Art ihrer

Behandlung ~nicht von den Möglichkeiten~ und ~Vollkommenheiten der

Schaubühne, sondern von denen der Kinoleinwand ausgehen~. Er wird im

Berührten sofort -- wie es ja viele getan haben -- die Anregung finden,

für das Kinoschauspiel zunächst an Stoffe zu denken, deren Wirkung auf

dem Ineinanderflechten von Wirklichkeit und Unwirklichkeit besteht. Vor

allem also Märchen und Zauberpossen! Das Märchen vom Tischlein deck

dich wäre so recht ein Kinomärchen. Aber wichtiger, als anzuregen, ist

es hier zu ~warnen~. Denn es haben schon viele für das Kino-„Märchen“

bearbeitet, und fast alle diese Märchen sind -- Greuel geworden. Das

lag und liegt vor allem daran, daß nichts schwieriger ist, als im

Bilde gerade den guten ~Übergang~ vom „Wirklichen“ zum „Unwirklichen“

zu finden. Unserer Märchen Reiz und Wert liegt gerade in dem

fortwährenden, unmerklichen, unabgrenzbaren, im Kunstmärchen -- schon

verschlechtert -- mehr oder minder „traumhaften“ Ineinanderspielen

von beidem. Diese Zauberereignisse sind nicht zauberhaft. Wie auch

in der Götter- und Heldensage spielen sich auch die über- und

unternatürlichen Vorgänge in Verhältnissen und Übergängen ab, die

beides, Natur- und Geisterwelt „organisch richtig“ erscheinen lassen.

Gerade diese Fähigkeit fehlt aber dem Kinematographen. Natürliches und

„Zauberhaftes“ stehen schroff nebeneinander. Die „Geister“ sind nur

kleiner oder größer, ferner oder näher, vielleicht auch durchsichtig;

im übrigen aber haben sie nichts Geisterhaftes, sondern sind Menschen

mit zu scharfen Umrissen, zu harten Einzelheiten, zu menschlichen

Größenverhältnissen. Die Masken, Schleier und Maschinen, die auf der

Bühne so ganz anders wirken können, erscheinen hier brutal wieder als

Masken, Schleier und Maschinen. Und ebenso ist es mit dem Einsetzen und

Vergehen derartiger Visionen. In die lebendige Natur hängt plötzlich

etwas Künstliches hinein, und das ist immer häßlich. Hier muß die

Regiekunst vereint mit der Technik äußerste Anstrengungen machen.

Der Kinodichter aber erwarte nicht, hier „traumhafte“ Wirkungen,

überhaupt nichts „Zartes“ verwirklichen zu können. Vielmehr ergibt

sich für ihn ein harter, etwas eckiger, hölzerner Stil, wie er sich

auch für das Kasperle und das mechanische Theater herausgebildet hat,

etwas wie eine ruckweise Stilisierung der Vorgänge. Das hat ja auch

seinen eignen, ich möchte sagen humoristisch-melancholischen Reiz. Das

Material -- der Film -- nimmt gewissermaßen die lebendigen Gebärden mit

sich, übersetzt sie in seine eigne Sprache ruckweiser und ungelenker

Fortbewegung. Die vom Dichter hineinzutragende Stilisierung ist

vielleicht das Vermittelnde zwischen der im „gestellten“ Bild schroff

nebeneinanderstehenden Natur und Unnatur.

Diese tritt noch in etwas anderm zutage: in dem nicht zu überbrückenden

Gegensatz zwischen dem Naturmilieu und den sich darin bewegenden

Schauspielern. Dem kann man natürlich entgehen, indem man die Szene in

ein Kulissen-Interieur verlegt. Hier wirkt das Unnatürliche weniger

störend, weil eben ~alles~ Unnatur ist. Auf der andern Seite liegt aber

eben wieder in dieser Möglichkeit, wirkliche und angestrebte Natur --

Natur und Mimik in einem Bilde zu vereinen, ein neuer Reiz und damit

eine neue, eigne Quelle künstlerischer Wirkungen für den Kinodichter.

In dieser Hinsicht „kann“ der Kinematograph zweifellos wieder mehr als

etwa die wirkliche „Naturbühne“. Denn deren Wirkung, ja bloßes Dasein

ist an eine Menge selten zusammentreffender Bedingungen geknüpft, und

die Illusionsstörungen sind bis zur Unüberwindlichkeit groß. Ja, da,

wo das Drama doch endlich seinen Höhepunkt hat, beim gesprochenen

Wort, wird die ~natürliche~ Umgebung geradezu überflüssig, daher

stilwidrig. Der Kinematograph hat da manches voraus. Aber auch hier

ist der genannte Gegensatz kaum zu überbrücken. Vielmehr scheint alles

mehr darauf hinzuweisen, Natur und Spiel mehr hinter- als nebeneinander

wirken zu lassen. So wie wir innere und Naturvorgänge gern dichterisch

vergleichen und eins durch das andere illustrieren, so würde gewiß

zwischen zwei pantomimischen Szenen unter Umständen ein reines

Naturschauspiel wunderbar stimmungbannend wirken. Denken wir uns so aus

einem „Liede vom Meer“ eine Szenenfolge; nach langem, innern Kampfe

hat die Frau den Liebenden in die Welt fahren lassen. Wir lassen ihre

sinnend zusammengesunkene Gestalt im Zimmer, in das sich die Dunkelheit

senkt. Das Bild wechselt nach kurzer Pause, und wir sehen am Strande,

wo sie in einer frühern Szene mit dem Geliebten gewandelt ist, die

Wogen des Meeres unruhig heranbrausen und zurückfallen, ohne daß eine

Figur mit dramatischer Pose die Sprache der Natur stört.

Kino und Kunst Lichtbühnen-Bibliothek Nr. 2 · 第 4 / 7 段