künstlerischen Leistungen hohen Ranges zu erheben, muß man sie „_sub
specie aeternitatis_“, „unter dem Gesichtswinkel der Ewigkeit“ oder
doch wenigstens des spätern Geschichts- und Kulturgeschichtsschreibers
zu sehen suchen. Da schmilzt das Pomphafteste und Glänzendste oft zu
einem Nichts zusammen, und das Geringfügigste schwillt zu leuchtender
Bedeutung. Was aber ist’s, das alle Dinge glänzend oder unscheinbar,
zu geschichtlicher oder kulturgeschichtlicher Bedeutung erhebt? Ihre
innere Wahrhaftigkeit, ihre Echtheit, Unmittelbarkeit, vermöge deren
sie der Ausdruck der großen Gedanken, Gesinnungen und Interessen sind,
die das ~Leben~ eines Volkes im öffentlichen und im häuslichen Kreise
zu einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt ausmachen. Das Begräbnis
eines großen Volksführers, der blumenbeladene Sarg, die schwarzen
Pferde, der billig und geschmacklos verzierte Leichenwagen, die langen
Reihen wandelnder Hüte und Schirme -- was ~daran~ „Ausdruck“ einer
Zeitströmung, was ~daran~ kulturgeschichtlich interessant ist, dafür
genügt irgendein alltägliches Beispiel als Beitrag zu dem Stoffgebiet:
Begräbnissitten bei den Deutschen des 20. Jahrhunderts. Wonach wird
aber das Auge des Beschauers nach einigen Jahrhunderten einmal suchen?
Nach Zeichen dessen, was ~echt~ hierin ist, nach mehr oder minder
großem Ernst, innerer Ergriffenheit Beteiligter, vielleicht auch
nach dem Auftauchen von Persönlichkeiten, die eine über ihre Zeit
hinaus als wichtig empfundene Rolle spielen. Warum also lange Bilder
von Sargträgern und Türöffnern, Droschken und Regenschirmreihen? Der
Aufnehmende suche einen Platz, von dem aus vor allem ~Erkennbares~ zu
erfassen ist, und wähle einige wenige, aber bezeichnende Szenen aus.
Dasselbe bei Paraden, Prunkzügen, Fürsteneinholungen usw. Gewiß, es
gibt da stets einiges brennend Interessante. Aber das, nur das muß aufs
Bild kommen, ~das~ aber auch groß und deutlich, möglichst frei von
störendem Beiwerk. Jede Gegenwart hat den Drang, ihre Lebenserscheinung
durch Pomp und suggestives Beiwerk zu fälschen, das Echte und
Ursprüngliche zu überdecken, den erwünschten ~Schein~ durch Gebärden
und kostspielige Pracht übermächtig zu machen. ~Der~ Kinematograph
ist nur ein Stümper, der ~darauf~ hereinfällt. Und vor allem: das dem
Auge der Nachwelt zu erhaltende Leben beschränkt sich überhaupt nicht
auf die Vorgänge, von denen die Zeitung unter „Politik“, „Lokalem“
oder „Vermischtem“ breit und wichtig berichtet. Schon unendlich viel
wichtiger, weil ~ehrlicher~, ist das ganz gewöhnliche, sich unbeachtet
wähnende Alltagsleben. Haben nicht die Maler und Zeichner aller Zeiten
sich heiß bemüht, gerade dies festzuhalten: das Leben des Alltags in
Arbeit und Erholung, in Dorf und Stadt? Sitzt man nicht stundenlang
an der Kreuzung zweier jener Großstadthauptstraßen, oder an einem
Dampferlandeplatz, in einer Markthalle, vor einer Schmiede oder dem
Dampfkrahn in einem Hafen, um das „Leben und Treiben“ zu beobachten?
Macht nicht jeder Neuankömmling in Berlin, London oder Paris ein
oder mehreremal seine Fahrt auf dem Omnibusverdeck über das Meer des
brandenden Lebens hinweg? Und nun stellen wir uns einmal vor: wir
hätten heute ein Bild vom Töpfermarkt in Athen oder von der Promenade
bei den Tuilerien zur Zeit von 1789 oder die Aufnahme einer stillen,
sonnigen Stunde vor Goethes Gartenhäuschen bei Weimar. Ein paar
Gestalten in der idyllischen Tracht jener Tage wandelten vorüber, und
es käme vielleicht ein kleiner Mann daher, von seinen Hunden begleitet,
und verschwände in jener umlaubten Tür -- wir hätten einen Besuch des
Großherzogs bei Goethe belauscht. Was wären wir wohl bereit, Eintritt
zu zahlen, wenn wir so manchen Großen oder Kleinen, dessen Name heute
unser Herz höher schwellen macht vor Ehrfurcht oder es durch seine
Liebenswürdigkeit gefangen nimmt, ~sehen~ könnten? All jene Helden der
Künste und Wissenschaften, der Arbeit und des Krieges, die zu ihrer
Zeit doch nicht in Denkmals- oder Photographiepose, dafür aber echt und
lebendig im Kulturrahmen ihrer Zeit wandelten?
Freilich, hier brennt’s uns allen auf den Lippen: ein
Wachsfigurenkabinett der Vergangenheit würden wir keineswegs sehen
wollen. Das, was solchen kinematographischen Bildern einzig und
allein Wert verleihen würde, dann aber auch unausdenkbaren Wert, das
wäre: ihre ~Echtheit~. Ihre Ungewolltheit, das Fernsein jeder Pose
und jedes Photographierbewußtseins. Das allein ist ja wieder die
~Stärke~ unserer Kunst, während Malerei und Photographie, Bühne und
Geschichtsschreibung, Selbstbiographie und Memoirenliteratur in der
Herausarbeitung feiner oder grober ~Pose~ doch unübertreffbar sind.
Hier erkennen wir eine weitere Grundforderung an den
„Aktualitäten“-Kinematographen: ~belausche~ deine Opfer, photographiere
sie, ohne daß sie es wissen. ~Wenn~ sie es wissen, sind sie alle aus
ihrer eignen Haut heraus. Die einen schreiten, statt zu gehen, rollen
die Augen und streichen den Schnurrbart, lächeln und winken -- die
andern sind nervös und finster, gereizt und ablehnend; und wenn einer
sich noch so sehr bemüht, unbefangen zu bleiben, so wird’s doch um
so mehr „gewollte Unbefangenheit“. Hat man Erlaubnis nötig, so hole
man sie ~nachträglich~ ein. Wenn man vorher die Gelegenheiten genau
studiert und nötigenfalls Mittelspersonen ins Vertrauen zieht, so gibt
es Mittel genug, um dem Kinematographen ausgiebig zu erlauben, was sein
gutes Recht, seine Kultur- und Geschmackspflicht ist: das unbefangene
Leben zu belauschen.
Es erweitere also der Tageskinematographist sein Gebiet und fasse
nicht nur die äußerlichsten Prunk- und Sensationsereignisse des Tages,
die „Haupt- und Staatsaktionen, Unglücksfälle und Verbrechen“ ins
Auge, sondern auch das Leben von Künsten und Wissenschaften, Geschäft
und Börse, Handel und Wandel, Sitten und Ideen. Das erfasse er so
heimlich wie möglich da, wo es sich in packenden, lebensvollen Szenen
verdichtet, und trete da nahe genug heran, um das auch auf den Film zu
bekommen, worauf es ankommt: seelischen Gehalt und feinen Ausdruck. Er
kinematographiere den „Zeitgeist“.
Aber, erwidert man mir, wir kinematographieren nicht für die Nachwelt,
sondern für die Gegenwart. Die bezahlt uns bar; was nützen uns die
Liebhaber und Interessenten nach hundert oder tausend Jahren?
Sie nützen uns. Sie lehren uns nicht nur, schärfen nicht nur unsern
Blick für das, was nach Jahrhunderten „wissenschaftlich wertvoll“
sein wird, sondern damit zugleich für das heute wahrhaft Packende und
Wirksame. Was macht uns denn unsern Alltag interessant? Das Alltägliche
drin, was wir beständig sehen, was uns zum Gewohnten geworden ist?
Nein: nichts als eben jene Züge, die die flüchtige Gegenwart zu einem
Bestandteil des unaufhörlich unter ihr hinrauschenden Stromes der
Geschichte und Kulturgeschichte machen. Wir selber sehen so nur hinein,
wie man in das Plätschern auflaufender Wellen an einem Uferwinkel
blickt. Erst dadurch, daß unsere Augen für das die Zeit Überdauernde
in diesen Dingen geöffnet werden, erst ~dadurch, daß wir ihn mit den
Augen unserer Nachfahren sehen lernen~, wird unser Alltag uns zu
einem Bilde von brennendem Interesse. Das eben muß der Kinematograph
uns zeigen -- dann dient er sich, indem er ~uns~ zu einem dankbaren
Publikum macht. Indem sich der Aufnehmende in die Rolle des großzügigen
Geschichtsschreibers für künftige Geschlechter denkt, wird er zum
hinreißenden Schilderungskünstler für die Gegenwart.
Dann erweitert sich ihm auch sein Gebiet noch mehr. Unser öffentliches
Leben, das so uniform scheint, zusammengesetzt aus Geschrei und
Gebärden, die an allen Stellen des Erdballs gleich sind, wo sich
„zivilisierte“ Menschen zusammengeballt haben, ist nur ein dünner
Firnis über dem wirklichen, intimen Volksleben. Das gärt und wirrt
darunter -- ein unübersehbares Leben voller eigenartiger Sitten und
Gebräuche, Trachten und Feste, uralter, oft zu unbewußt gewordenen
Alltäglichkeiten erstarrter, seltsamer Überlieferungen voll einstiger
tiefer Bedeutung. Da leben alle Zeitschichten der Kulturentwicklung
von der germanischen Urzeit bis zur weltstädtischen Überfeinerung, von
durchsichtiger Lasur überdeckt, auf den verschiedenen Bodenarten des
Landes nebeneinander. Da haben alle einzelnen Berufe in Dorf und Stadt
eine Menge Eigentümlichkeiten, aus alter oder neuerer Zeit stammend,
die alle einst verschwinden werden. Die Tänze, die Familien-, Jahres-
und Ortsfeste schälen sich, je mehr man sie in ihrer Unberührtheit
aufsuchen gelernt hat, immer reiner und glänzender in überlieferter
Schönheit und altem Sinne unter Biergärten- und „Restaurant“-Betrieb
heraus. Noch das Botenfuhrwerk zwischen Stadt und Land würde,
getreulich kinematographiert, in seiner ausgeprägten Eigenart seltsam
erscheinen, wie ein Bild aus einer andern Welt.
All diese Dinge, denen sich noch viele anreihen ließen, wären,
verständnisvoll und mit künstlerischer Vollendung kinematographiert,
im heutigen Kino von ebenso hinreißender Wirkung wie für eine Zukunft
von oft unberechenbarem Werte. Künstlerisch vollendet würde auch darum
schon ihr Wert steigen, weil ~dann~, aber auch nur dann, Sammlungen und
Archive, vor allem auch sammelnde Liebhaber, sie zu erwerben trachten
würden. Denn daß ihr Sammelwert unbedingt steigen würde, das dürfte ja
wohl keinem Zweifel unterliegen. Auch hier harrt der Kinematographie
noch eine große, kaum im rohesten in Angriff genommene Aufgabe.
Was hier gesagt worden ist, gilt natürlich entsprechend für
völkerkundliche (ethnographische) u. dgl. Aufnahmen in allen Landen.
Das blöde „Aufnehmen“ des ersten besten, was dem Gesellschaftsreisenden
an Sichbewegendem vor Augen kommt, hat da gar keinen Wert. Hier kommt
in erhöhtem Grade noch die Kunst in Geltung, Aufnahmen ohne Wissen
der Betreffenden zu machen oder aber -- vielfach unvermeidbar -- eine
solche Anordnung zu treffen, daß die unbefangene Wirklichkeit aufs Bild
kommt. Die allein hat Wert.
4. Die Schönheit der natürlichen Bewegung
Was wir im bisherigen immer wieder betonen und im einzelnen deutlich
zu machen bestrebt sein mußten: die Pflicht der Sachlichkeit,
Deutlichkeit, Großzügigkeit, des Suchens nach dem geistigen Gehalt,
dem „Bedeutenden“ in einem Vorgang, die Pflicht der vornehmen
Selbstbeschränkung als Voraussetzung auch des künstlerischen Wertes
aller Kinoaufnahmen -- das gilt im selben Grade natürlich auch für die
Menge der „naturwissenschaftlichen“ Filme. Und es ist für sie ebenso,
wenn nicht noch mehr, nötig, an diese Forderungen zu erinnern. Was man
in Kinos an geographischen, ethnographischen, zoologischen, botanischen
usw. Bildern sieht, hat in den meisten Fällen -- im Gegensatz zum
hochpreisenden Titel -- schon sachlich einen sehr geringen Wert. Es
beunruhigt den Kenner und stößt ihn zuletzt ab, weil es selten oder nie
Darstellungen dessen sind, was an dem Gegenstand für den Kenner und
den denkenden Menschen das Wertvolle und Wesentliche ist -- sondern
irgendeine, vom Schiffbord oder der Heerstraße der Cook-Reisenden aus
leicht „mitzunehmende“, sich bewegende Nebensache. Was hier zu fordern
ist, ~worauf~ es ankommt, werden wir Gelegenheit haben, in einem andern
Bändchen dieser Reihe darzustellen. Jetzt wollen wir diesen Punkt
verlassen und uns dem zuwenden, was wohl den reizvollsten Gegenstand
der Kinematographie ausmacht, worin sie ihre mächtigsten künstlerischen
Wirkungen zu erzielen vermag: der Darstellung der ~Schönheit der
natürlichen Bewegung an sich~.
Ja, das ist ja das Eigenste unserer Kunst: die ~Bewegung~ der Dinge
in ihrem vollen Reichtum und ihrer unverfälschten, unbefangenen
Schönheit bildlich festzuhalten! Das ist ja das unerhörte ~Können~
in der Hand des menschlichen Geschlechtes von nun an: dieses Alles-,
Echt- und Lebendig-Malen! Dies das verheißungsvolle, sinn-, herz-
und hirnbildende: Millionen die Augen öffnen zu helfen, ihrem Gemüt
nahe zu bringen diese unerschöpfliche Schönheit des Alltäglichen
um uns: dies millionenfache Leben und Sichregen in Form und Farbe,
Licht und Linie, dies Schwellen und Breiten, Hasten und Flimmern,
das erschütternd Große und das nervbebende Kleine! Was für ein Feld
eröffnet sich da dem Aufnahmekünstler, zu ~sehen~, zu ~wählen~, zu
~verkünden~, zu ~begeistern~! Wenn das Leben eines Michelangelo nicht
reicht, um die Fülle des Formenspiels auf dem menschlichen Körper zu
fassen, wenn Max Liebermann nie auslernen wird, das Spiel von Licht
und Farbe auf Kohlfeldern und badenden Knaben nachzutasten -- wird es
künftig die nicht zu erschöpfende Lebensaufgabe von Generationen von
Kamerakünstlern sein, die ~Schönheit der natürlichen Bewegung~ auf dem
Filmbande zu fangen und zu entwickeln. Um so weniger können wir hoffen,
mit der Feder irgendetwas mehr davon zu geben, als den ~Weg~ zu zeigen,
um auch auf diesem Gebiete vom Pfuschen und Patzen, vom Kleben am
Stoff und an der „Sensation“ zum künstlerischen Schaffen zu gelangen.
Als ein Haupthindernis für das bisherige Gedeihen dieses Zweiges der
Kinokunst muß das Vorurteil bezeichnet werden, daß reine Naturaufnahmen
„erfahrungsgemäß“ „unser Publikum“ nicht interessieren. Dem können
wir hier nur entgegensetzen: „Erfahrungen“ in dieser Frage gibt es
außerordentlich wenige, und diese wenigen beweisen das Gegenteil. Wo
wirklich -- sei es durch die ausnahmsweise kostspielige und mühsame
Bemühung eines Begeisterten, sei es als mit-„untergelaufenes“ Endchen
Film etwa in einem in freier Natur gestellten Schauspiel -- Zuschauer
einmal Gelegenheit hatten, Naturaufnahmen, die die „Schönheit der
natürlichen Bewegung an sich“ darstellen, zu sehen, da habe ich
stets nur Ausrufe des Entzückens, bei einigermaßen zulänglicher
Dauer jubelnde Begeisterung bemerkt. Dafür hat ~jedermann~ Sinn --
nicht nur „Gebildete“, sondern ebenso Bauern, Arbeiter, Kinder und
Dienstmädchen. Allerdings liegt es auch an der Vorführung, d. h. der
Programmzusammenstellung. Ein Film voll feiner Schönheit darf nicht von
vor- und nachkommenden „Radau“-Bildern totgemacht werden. Er muß sich
auswirken können. Von dem hierzu Nötigen sprechen wir später.
Naturaufnahmen der in Rede stehenden Art, mit vollem künstlerischen
Bewußtsein zum genannten Zweck gemacht, sind freilich so selten, daß
man sagen kann, sie laufen nur zufällig mal mit unter. Das Beste
der Art, das man zu sehen bekommt, ist unter einem ganz andern
Gesichtspunkt gemacht: dem der „Sensation“. Der Titel spricht allemal
von „den größten ...“, „den schönsten ...“ (nicht „schönen“!), von
„gigantischen ...“, „weltberühmten ...“ usw. Naturschauspielen. Nur
unter diesem Gesichtspunkte bekommt man einmal die Niagara- oder
Viktoriafälle, die Geiser Neuseelands, Meeresbrandungen am Golf von
Biskaya, Eisberge u. dgl. zu sehen.
Wenn man aber recht beobachtet, so wird man finden, daß es -- wie
auch in der Natur selbst -- gar nicht die räumliche Ausdehnung, die
Außergewöhnlichkeit ist, durch die so ein Schauspiel die Zuschauer
fesselt, sondern im Gegenteil: gerade das Gewöhnliche, das Typische,
die Regelmäßigkeit, das in aller Welt sich Gleichbleibende, Intime
daran. Was mitwirkt, wenn wir gerade die Niagarafälle im Bilde sehen,
ist nicht ihre ~Größe~ -- für die uns dem Kinobild gegenüber der
richtige Maßstab fehlt -- und nicht ihre ~Weltberühmtheit~ -- die den
meisten heutigen Kinobesuchern ein Geheimnis ist --, wohl aber ihre
größere ~Deutlichkeit~ und ~Übersicht~. Zeigt mit gleicher Deutlichkeit
und Übersicht (wozu allerdings die eigenste Gabe des Kinokünstlers,
das ~Wahl~talent, brennend nötig ist), den einfachsten Wasserfall in
eurem nahen Walde, das Auflaufen der Wellen auf den Uferkieseln eures
Flusses oder Dorfbaches, das Spielen des Lichts im Blätterwerk eurer
Garteneinsamkeit, laßt statt linkisch erhaschter Tiger und Elefanten
Rehe, junge Hasen, Amseln im Blätterteppich, Schmetterlinge um Blumen,
Bachstelzen und Möven über den Wellen als „Staffage“ auftreten, und
-- wenn ihr’s mit künstlerischer Sicherheit gemacht habt -- wird die
Wirkung gleich, oft größer sein. Denn die Natur ist im Kleinsten wie
im Größten gleich reich, gleich wahr, von den gleichen, gewaltigen
Gesetzen beherrscht,-- gleich schön.
Es ist nicht die ~Größe~ der Bewegungsträger in der Natur, wodurch sie
fesselt, sondern das all ihre Bewegungen gleichmäßig beherrschende,
ahnungsvolle Gesetz der Schönheit. Der ~Rhythmus~ ist das Geheimnis
dieses Gesetzes. Der Rhythmus, der gleich packend zu uns spricht aus
dem regelmäßigen Anschlagen der Meereswellen an das Ufer -- gleichsam
in immer wiederkehrenden gleichen Strophen -- im unzerlegbaren
unendlichen Herniedersinken weiter Wassermassen und Nebelstaubsprühen
großer und kleiner Wasserfälle -- einem epischen Gesang vergleichbar
-- wie im stoßweisen Erzittern, langsamen Sichneigen, schnellen und
immer schnellern Hinsinken der gefällten Tanne und dem nachfolgenden
Hochemporsteigen einer Wolke von Staub und Erde. Das ist das ~Drama~,
die „Handlungs“-Dichtung der „Bewegung an sich“. Nichts Willkürliches
darin, das Sichtbarwerden eines Gesetzes, von Ketten kosmischer
Ursachen, Schritt für Schritt erwartet und doch erstaunend, ungeheuer
packend, in seiner majestätischen Wirklichwerdung.
Die Schönheit dieser Bewegung fließt aus zweierlei Quellen,
deren beider Darstellung Eigenrecht des Kinematographen ist: der
~körperlichen~ Bewegung der Dinge selbst und dem Spiele des ~Lichtes~
auf und in ihnen. Beide sind unberechenbar, obgleich beide durch das
Gesetz des Rhythmus gebändigt; und durch beider Zusammenwirken entsteht
im kleinsten Wassertropfen, auf dem einfachsten Blätterzweig selbst
in scheinbarer „Ruhe“ eine Welt von Bewegungsschönheit. Wer den Blick
dafür erworben hat, kann ihr in der Wirklichkeit stundenlang zuschauen.
Warum nicht auch ihrem Abbild auf der Projektionsleinwand?!
Diese „~Ruhe~“ ist geradezu das andere Wort, womit ich ebenfalls das
Schönheitsgeheimnis der natürlichen Bewegung auszudrücken vermöchte.
Auch das ist etwas, das von den meisten Aufnehmern nicht begriffen
wird. Je unruhiger, zappeliger, unübersichtlicher, dem ~gewöhnlichen~
Auge aber ~auffälliger~ eine Bewegung ist, für desto geeigneter
zur Aufnahme halten sie sie. Das ist gleich falsch vom Standpunkte
des Beschauers wie des Kinotechnikers. Hastige Bewegungen „kommen“
im Bilde gar nicht als solche, man denkt sie sich (Schornstein im
Höhepunkt des Falles, plötzliche Armbewegung!) in Wirklichkeit bloß
dazu. Unverarbeitete, regellose, grelle Bewegungen werden im Bilde nur
zum Teil vom Auge erfaßt, vom Gehirn aber nicht verarbeitet, nicht
„begriffen“. In der Natur aber suchen wir derartige Bewegungen nicht.
Sie haben etwas Beunruhigendes, Erschreckendes, Unbefriedigendes,
Abstoßendes für uns. Nicht weil sie nicht an sich ebenfalls durchaus
gesetzmäßig wären, sondern weil wir infolge der Mängel von Auge und
Hirn diese Gesetzmäßigkeit schwer oder gar nicht zu übersehen vermögen.
Worauf unser Auge verweilt, was wir auf Wanderungen und Reisen, in
unsern Gärten und Springbrunnen um seiner Schönheit willen ~suchen~,
das ist das ~ruhige~, immer sicht- und erkennbare und dabei immer
geheimnisumhüllte und unerschöpfliche Sichregen der Dinge.
Es birgt ja auch dies Sichregen „Sinn“ nicht nur in seiner rhythmischen
Regelmäßigkeit, sondern auch insofern, als es unmittelbarer ~Ausdruck~
von etwas ist oder zu sein scheint. Gerade dadurch, daß sich elementare
Vorgänge -- das Ansteigen und Abflauen des Windes, das Aufglühen und
Verdämmern des Lichtes, selber Vorgänge von übergroßem Rhythmus --
in den Bewegungen getroffener Dinge widerspiegeln, gewinnen sie für
uns etwas Seelisches. Die Bewegungen in der Natur scheinen, wie jeder
Dichter sie ausnutzt, Erregungen in unserm Innern zu entsprechen.
Ruhiges Dahinfluten und trotziges Sichaufbäumen, glückseliges Glasten
im Sonnenlicht und felsenerschütterndes Aufflammen befreiter Massen --
in alledem erblicken wir uns selber wieder. Es sind zuletzt dieselben
Rhythmen, in denen Wogen und Herzen schlagen. Die Natur selber ist eine
fertige Dichtung -- es fehlte uns bisher nur das Handwerkszeug, sie
unverfälscht nachzudrucken.
Vor meinem Fenster, wo ich dies schreibe, schiebt sich der Strom dahin.
Undurchsichtig und spiegelnd sein Wasser, seine eignen Wellengekräusel
wie Eisschollen oder abgerissene Büsche dahintreibend. Drüben das
aufsteigende Ufer mit seinen Villen, Straßen und dem Himmel drüber her
badete sich in der Wintermittagssonne. Von Zeit zu Zeit hastete ein
Straßenbahnwägelchen dahin und ein anderes zurück. Menschen wanderten
und stiegen. Der Wind blies kleine Staubwolken auf. Diesseits, im
Garten, bogen sich, wogten und wackelten knospendicke kahle Zweige. Das
alles war Staffage. Verloren beobachtete es das Auge und kehrte immer
wieder, immer wieder zu dem blinkenden Strombande hin. Die lichten
Spiegelbilder der Häuser, die zerreißenden Schatten der Waldstämme
waren das Bleibende. Die Wellengekräusel, die Blinklichtflöße trieben
und trieben vorbei. Immer andere und immer dasselbe. Warum verweilte
das Auge so gerne darauf? Warum wurde es nicht satt, das zu sehen?
Warum stieg gerade aus diesem Bilde, gerade aus dem Bilde des
beständig laufenden Flusses soviel Ruhe, Frieden, innere Heiterkeit
ins Herz hinein, während die erregten Punkte und Flecke der Ufer die
Unruhe bedeuteten? Und nun trat das ~Drama~ der Bewegung ein. Vom
Fensterrahmen her schob sich der Bug eines beladenen Lastschiffs
her. Sein Körper folgte nach: groß, licht, bunt. An seinen Planken
schlängelten sich die Spiegellichter des Stromes. Die Menschen standen
regungslos ans Steuer gelehnt. Langsam -- oder schnell -- so langsam
oder so schnell wie das Herz das Strömen des Wassers deutete -- schob
sich das große Schiff vorbei, und hinterm Fensterrahmen kräuselten sich
wieder die kleinen, feinen Wellengeriesel.
Eine halbe Stunde darauf war das Wasser überkämmt von lauter größern,
aufstechenden, gleichmäßigen Wellen, alle im Aufbäumen und Versinken
gleich schnell vom Strome mit davongetragen. Das kahle Gezweige, das
ins Bild hineinragte, schien ängstlicher ineinander zu wirren.
Jetzt teilte sich das Licht. Große Flächen voll warmer Farben -- im
Bilde würden es Helligkeitsunterschiede sein -- leuchteten weit an den
Ufern überm Spiegel. Der Tag rüstete sich, Abschied zu nehmen. Unser
Apparat hätte sein Auge sehr groß auftun müssen, um davon noch etwas zu
erhaschen, und doch: es wäre gegangen.
Etwas, das sich unsere Aufnahmekünstler ebenfalls weniger entgehen
lassen sollten, sind atmosphärische Feinheiten -- dasjenige,
was der Maler Luftperspektive nennt. Es ist vielfach dasjenige,
was ein Bild vermeintlich „undeutlich“ macht, in Wirklichkeit
ihm die ~Schärfe~ nimmt. Aber diese Schärfe ist ja unwahr und
daher unschön, wo sie unwirklich ist. Im Photographieren solcher
Feinheiten sind die ~Engländer~ am meisten voran; sie haben es von
ihren Augenblicksphotographen gelernt. So wie die Engländer die
einzigen sind, die künstlerische Naturaufnahmen um ihrer selbst
willen als Lichtbilder in größerm Umfange und regelmäßig in den
Verkehr bringen (welcher deutsche Lichtbilderkatalog verzeichnete
dergleichen?!), so wie die englischen illustrierten Blätter, z. B.
Country Life, („Landleben“), Naturaufnahmen zeigen, in denen die
schwierigsten atmosphärischen Aufgaben glänzend gelöst sind, so
haben sie kinematographische Naturaufnahmen dieser Art, die zum
schönsten gehören. Es klingt lächerlich, ist aber wahr, der Silberduft
der Seeluft umspielt sichtbar die Strandblumen dieser Bilder; der
graue Glanz der Winterluft liegt über diesen Aufnahmen von Eis und
Schneelandschaften. Wenn man einem deutschen „Operateur“ mit der
Zumutung kommt, vor einem derartigen Gegenstand, bei irgendeiner
andern Witterung als „grellem Sonnenschein“, zu irgendeiner andern
Stunde als „von 10 bis 4“ seinen Apparat aufzustellen, so kann man
sicher sein, mit „fachmännischer“ Entrüstung zurückgewiesen zu
werden, weil solche Bilder: a) „technisch unmöglich sind,“ b) „unser
Publikum langweilen“. Von beiden weiß aber unser Kinomann gar nichts,
weil er: a) niemals die technischen Möglichkeiten ~versucht~ hat, b)
(wovon ich schon gesprochen), nie ein Publikum vor solchen Bildern
gesehen hat, weil es sie -- fast nie gibt. Er hält sich dafür an jene
berüchtigten „Mondschein“-Bilder, für die der ganze Film dunkelblau,
und die „Sonnenuntergangs“-Bilder, für die er dunkelrot gefärbt wird.
Wenn aber einerseits jeder gute Geschmack aufhört, wo der Aufnehmende
die Grenzen seiner technischen Möglichkeiten ~wirklich~ überschreitet
(und dann eben Fälschungen obiger Art liefert), so beginnen anderseits
die künstlerischen Reize einer Kinoaufnahme eben gerade da, wo der
Aufnehmende mit seinen technischen Möglichkeiten zu ~ringen~ anfängt.
Das ist’s ja gerade, das den Künstler ausmacht, daß er das Unmögliche
möglich zu machen, daß er die weichen Formen des Menschenleibes in
Stein und Bronze, das rieselnde Spiel von Sonnenlicht und Schatten mit
ölvermengten Erden, die zartesten Bewegungsvorgänge mit der Filmschicht
festzuhalten sucht. Nebelglanz und Wolkenzug sind aber gerade darum so
schön, weil sie ~leben~, weil sie Bewegung sind oder sich an bewegten
Dingen kundgeben. Es ist ja wahr, daß man, um wertvolle Bilder dieser
Art zustande zu bringen, manche Studien machen und verwerfen, manches
Lehrgeld wird zahlen müssen. Auch der Maler muß ja jahrelang arbeiten
und verwerfen, ehe er zu Meisterleistungen gelangt; wenn auch seine
Skizzen immer Interesse haben. Und Films sind freilich ein teures
Versuchsmaterial. Aber sie bringen ja auch, wenn gelungen, teures
Geld ein; und auch hier haben Skizzen, die von ehrenhaftem Bemühen
zeugen, ihren Wert. Diese Art Bilder würden ebenfalls neben denen von
geschichtlichem und anderm inhaltlichen Werte, um ihrer Schönheit
willen, leicht hohen Sammlerwert gewinnen. Kunstmuseen und einzelne
Liebhaber würden sich um sie bewerben, Schulen und Vereine sie ihren
Schätzen einverleiben. Daneben würden sie durch die Kinotheater wie
andere ausgenützt werden.