Erst eine so vorbereitete Aufnahme kann zum wertvollen Bestandteil

einer künstlerisch vollendeten, d. h. hier einfach sachgemäß

durchführten und individuell ergänzten Endaufführung werden. Nur sie

bietet die genügende Unterlage zum Erläuterungsvortrag, ermöglicht die

Vorbereitung der Zuschauer auf wichtige auftauchende Einzelheiten,

ihre Einführung in den Wert des Bildes, die intensive Anfeuerung ihres

Interesses und Belebung ihrer Phantasie, die Vervollkommnung der

Illusion durch Geräuschnachahmung, die Herbeischaffung ergänzender

Lichtbilder, die Vorführung im richtigen Zeitmaß. Sie erhöht aber auch

den wissenschaftlichen und Sammelwert des Bildes um ein Vielfaches,

ja macht es unter Umständen zu einem Unikum. Man glaubt nicht,

wie schwierig, ja unmöglich es ist, in vielen, ja in den meisten

Fällen auch gute Kinonaturaufnahmen nur einigermaßen ihrem Inhalt

nach zu bezeichnen, besonders wenn man in Betracht zieht, daß ein

Kinobesitzer endlich nicht die Professoren aller Fakultäten zu Rate

ziehen kann. Wer hat alle Städte des Orients gesehen, wer kennt die

abergläubischen Zeremonien aller Wilden Polynesiens. Wer ist zugleich

mit allen wichtigen Persönlichkeiten einer Staatsaktion, mit jedem

Protoplasmaklümpchen im Wassertropfen vertraut, und wer findet sich

wiederum ohne weiteres in schwierige Kolbengänge und Räderspiele

von Maschinen hinein? Geradezu unmöglich ist diese Forderung dem

Kinobesucher selbst gegenüber, der ein Bild, noch dazu mit all seinen

optischen Mängeln, zum erstenmal an sich vorbeihuschen sieht. Aber

ebenso praktisch unmöglich, mindestens wochen- und monatelange Arbeit

erfordernd, ist es in den meisten Fällen auch für den vielseitig

gebildeten Berufsmenschen. Dennoch wissen wir alle, daß gerade

Natur- und technische Vorgänge, so fesselnd sie rein sinnenmäßig

als Bewegung einen Augenblick sein mögen, brennendes Interesse doch

erst erhalten, wenn uns gerade jene Wissenseinzelheiten dazu bekannt

werden. Jedenfalls kann ein nicht oder nur halb verstandenes Bild nie

harmonisch, also künstlerisch wirken. Zum ~Verständnis~ aber bedarf

jedes Kinobild der Vorbereitung, Erläuterung und Ergänzung, die nur auf

Grund von an Ort und Stelle gemachten Notizen möglich sind.

Freilich ist bei wenigem Nachdenken einzusehen, daß es nichts weniger

als einfach ist, diese Beobachtungen und Notizen zu machen. Vielmehr

kann das überhaupt nur ein fachmäßig und zugleich vielseitig gebildeter

Kenner des Aufnahmegegenstandes. Und dieser wieder wird in den meisten

Fällen von den aufzunehmenden Ereignissen einfach überrannt werden,

wenn er sich nicht lange vorher eingehend und gewissenhaft aus

Fachwerken und Vorstudien auf das zu Erwartende vorbereitet hat.

Nur natürlich ist’s und weiterhin im Interesse des Endzwecks gelegen,

wenn eben dieser wissenschaftliche Begleiter auch zugleich der

vorbereitende und mitwählende ~Beirat~ ist, der ~vor~ jeder Aufnahme,

ja vor ihrer Vorbereitung gehört wird. Unglaublich viel Film wird an

höchst wert- und geschmackloses Zeug verschwendet, und die Firmen

wundern sich dann nachher, wenn weder das „Publikum“ sich dafür

interessiert, noch auch der so heiß umworbene Gebildete (Schulmann,

Fachgelehrte usw.) darauf eingeht. Natürlich kann eine Kinoaufnahme

nur vollkommen und dauernd wertvoll sein, die das vom Standpunkt

des Kenners Schöne und Wissenswerte aus einem Vorgang -- nicht aber

irgendwelches mehr oder minder bewegliche Drum und Dran -- umfaßt. Das

kann aber einer, der der beste „Operateur“ sein mag, nicht beurteilen.

Es ist auch eine körperlich unmögliche Aufgabe, zugleich die technische

und die künstlerische Seite einer Aufnahme in Beziehung auf Zeitpunkt,

Dauer usw. zu beherrschen oder gar sich noch Einzelheiten zu merken und

zu notieren.

Von der weitern technischen Behandlung der Aufnahme interessiert uns

zunächst die ~Entwicklung~. Diese geht meist sehr schematisch vor

sich. Das eingelaufene Negativ wird, vielleicht nach einer kleinen

Probeentwicklung, in ganzer Länge vielgewunden um einen Rahmen

gewickelt und nun der allgemeinen Lösung ausgesetzt. In Wirklichkeit

besteht aber ein solches Filmband meist aus einer Reihe von

Einzelszenen, die eine ganz besondere technische Behandlung verlangen.

Selbst wenn diese Szenen auseinandergeschnitten und besonders

behandelt werden, so ist das doch meistens zu spät, wenn erst die

ersten Bilder auftauchen. Gewissenhaft gemachte und beachtete Notizen

des Aufnehmenden selbst wären da von größtem Wert. Gerade bei der

Entwicklung eines Negativs sollte die Schablone und die Massenarbeit

ganz beiseite gelassen werden. Es ist Hand- und Qualitätsarbeit im

höchsten Sinne.

Eine Eigenart der meisten Bilder, unter denen die ~englischen~ eine

rühmliche Ausnahme machen, ist die ~Härte~ der Entwicklung. „Schärfe“

zwar -- die ja nur vom Aufnehmer abhängt -- halte ich für unerläßlich

in jedem Falle; künstliche Unschärfe zugunsten irgendeines Effekts wäre

unnatürlich. Aber Härte und Grellheit sind zu vermeiden: Lichter und

Schatten müssen übergehen, es muß Mitteltöne und nicht nur Gegensätze

geben. Das ist vor allem ein Gebot der Schönheit und Vollkommenheit

einer Aufnahme und deren Entwicklung, denn nur so kommen reiche

und zarte Einzelheiten zur Geltung. Es ist aber auch ein Gebot der

Gesundheit. Jede Vorstellung stellt an sich sehr starke Ansprüche an

die Augen, und schon bei der Aufnahme, mehr noch bei der Herstellung

der Bilder muß alles willkommen geheißen werden, was zur Schonung

der Augen beiträgt. In diesem Sinne kann man auch die sogenannten

~Tönungen~ gutheißen -- wenn sie diesen und keinen andern Zweck

verfolgen. Grelle oder dicke, als „Farben“ wirkende Tönungen, um

übertriebene, wunderbare oder gar gefälschte „Effekte“ hervorzubringen,

sind Greuel und verderben die schönsten Aufnahmen. Wer kennt nicht

tintenrote „Sonnenuntergänge überm Meer“ oder erdigblaue „Mondnächte“?

Tönungen müssen sich in zarten, unaufdringlichen Übergängen zwischen

den Grundfarben halten. Ein wenig Anklingen an eine im wirklichen

Bilde vorherrschende Farbe (grün für Waldlandschaft, blau für Meer und

Himmel,) mag ja nicht unter allen Umständen zu verbieten sein, ist aber

durchaus überflüssig. Die Tönung ist nichts anderes, als was das Papier

für die Zeichnung ist: das gesunde Auge rechnet es nicht mit zum Bilde.

Zurückhaltung! Tönungen sollen nur mal eine Abwechslung fürs Auge

bieten; sie müssen selten bleiben.

Über farbige Bilder muß ich offen reden. Die Farbengebung der meisten

Kinobilder ist Handschablonenarbeit; unendlich mühsam und kostspielig.

An eine naturalistische Ausmalung der Einzelheiten ist natürlich nicht

zu denken. Es handelt sich nur darum, einige Grundfarbentöne über den

Film zu verteilen: grün für Laub, blau für Wasser und Himmel, gelb für

Gebäude usw. Bei der Kleinheit des Gegenstandes kann’s nicht fehlen,

daß auch mal blaue Menschen und rote Hunde mit durchlaufen. Die ganze

Bemalung ist lediglich vom dekorativen Standpunkt aus zu werten: Farben

zu sehen, erfrischt nach so viel Grau in Grau das Auge, erleichtert

die Unterscheidung und ruht dadurch auch aus. Insofern mag man sich’s

dazwischen einmal gefallen lassen, sofern die dekorative stilisierende

Absicht deutlich erkennbar ist. Verbrechen gegen den Geschmack sind

aber Bilder, die, wie gewisse Varieteeszenen, ein an sich scheußliches

Farbengemengsel zeigen, das den Anspruch macht, „malerisch“ zu

sein. Das sind farbige Filme niemals, und Firmen, die sich achten,

sollten dergleichen ebensowenig wie liederliche, oberflächliche oder

aufdringlich kolorierte Sachen herausbringen.

Von größter Bedeutung für das Endergebnis ist nun noch die Tätigkeit

des oder der Film~verwalter~. Das fertige Negativ wird zunächst dem

Chef oder einem Vertreter vorgelegt, die damit wertsteigernd oder

entwertend umgehen können. Entwertend, wenn sie mit den einzelnen

Szenen herumspielen, die Reihenfolge in unnatürlicher Weise ändern,

fremde Bestandteile hinzufügen, zum Verständnis wichtige Einzelheiten

wegschneiden, (mit der bekannten Begründung: „Das interessiert unser

Publikum nicht“) ausführliche Szenen kürzen, sensationelle Titel und

Erläuterungsphrasen ersinnen, kurz in irgendeiner Weise die Aufnahme

fälschen. Sehr den Wert der Aufnahme steigern können sie aber, wenn

sie sich mit Hilfe des ersten Positivs, den Sinn des Dargestellten

an der Hand der Aufnahmenotizen vergewärtigen, technisch mißlungene

Szenen, auch wenn der Inhalt noch so schön ist, unbarmherzig streichen

(darunter mindestens alle, die weniger als 10 Sekunden laufen!), und

nun ein reichliches Tatsachenmaterial für verständnisvolle Vorführung

zur freien Benutzung der Interessenten ausarbeiten lassen. Daß die

einzelnen Szenen der zur Aufbewahrung aufgerollten Negative durch

zwischengesteckte, herausstehende, kleine Titelblättchen (angeklebt)

bezeichnet sein sollten, um später die Stellen für Teilkopien leicht

wiederzufinden, erwähne ich nur als besonders bemerkenswertes

Kennzeichen der allgemein zu wünschenden Ordnung in der Aufbewahrung.

Denn für künstlerische Musteraufführungen ist es oft auch von

ausschlaggebender Bedeutung, ob man bestimmte Szenen bestimmter

Aufnahmen jederzeit ohne Zeitverlust auffinden und kopiert erhalten

kann.

Die ~Positive~ sollten zwischen je zwei Szenen (Bildumsprung) einige

Zentimeter toten Film (unbrauchbarer Rohfilm oder schichtloser Film,

nicht aber bebilderter!) enthalten. Denn es ist, wie wir sehen werden,

für eine geschmackvolle Aufführung eiserne Regel, zwischen zwei

Bildszenen eine, wenn auch kurze Verdunklungspause zu machen. Das

ist aber, besonders ehe der Vorführer sein Bild auswendig weiß, fast

unmöglich, wenn die Szenen unmittelbar aneinander geflickt sind.

2. Technische und industrielle Lehr- und Verdeutlichungsaufnahmen

Von den Aufnahme~gegenständen~ fassen wir zunächst diejenigen ins

Auge, denen gegenüber sich der Kinematograph rein als Berichterstatter

zu verhalten hat: Aufnahmen von Gegenständen und Experimenten zu

Zwecken wissenschaftlicher, technischer, schulmäßiger Belehrung

oder Bekanntmachung, zu Archiv- oder Propagandazwecken. Ein

Vergleich mit der Augenblicksphotographie erinnert uns, daß auch

diese Aufgabe ~künstlerisch~ gelöst werden kann und muß. So gut wie

die Photographie von Maschinen, Waren, Innenräumen, Kunstwerken

usw. heute das Alleingebiet von Photographen ist, die in ihrer Art

Künstler sein müssen, so und noch mehr muß es die kinematographische

Wiedergabe entsprechender Sachen sein. Die schaudernde Erinnerung

an so manche pomphaft angekündigte kinematographische Abbildung von

Maschinen und Werkstätten im Betriebe, von Fabrikationsvorgängen oder

landwirtschaftlichen Arbeiten, selbst von Trachten und Moden genügt zum

Verständnis unserer Forderung. Was nützt uns ein Tohuwabohu riesiger

Hände, die im Wahnsinnstempo allerlei rätselhafte Manipulationen

ausüben, was ein Durcheinander von Rädern und Stangen, von denen einige

mal da und mal da verschwunden sind, wir wissen nicht warum?

Der Hauptfehler, der hier gemacht wird, ist die ungenügende

Berücksichtigung der Tatsache, daß die Rundheit (Plastik) der

Gegenstände in der Kinematographie verloren geht, und daß sich Hinter-

und Vordergrund nicht voneinander abheben. Ein weiterer Fehler, daß

man nicht bedacht hat, daß das Auge nicht mehrerlei zugleich zu

sehen und zu deuten vermag, und daß es nicht darauf ankommt, das zu

photographieren, was sich am meisten und sichtbarsten bewegt, sondern

diejenigen sich bewegenden Teile, die die eigentliche Arbeit tun. Es

trägt nichts zum Verständnis einer Nähmaschine bei, daß der Fußtritt

auf- und abwippt, und das Rad sich dreht, während die Nadel einen

rasenden Tanz vollführt.

Bei allen derartigen Aufnahmen ist die Herausschälung und

Heraustrennung des jeweils einen Arbeitsvorganges, auf den es ankommt,

erste Bedingung. Zunächst muß dabei (in der Regel; feste Vorschriften

lassen sich nicht geben, nur Hinweise) der natürliche Hintergrund

völlig abgetrennt werden. An seiner Stelle ist eine gleichmäßige Fläche

anzubringen, deren Schattenwert sich von dem der in Betracht kommenden

Gegenstände möglichst gleichmäßig unterscheidet. Desgleichen wird es

sich empfehlen, etwa bei Maschinen, die abzubildenden arbeitenden Teile

so zu umkleiden oder zu überstreichen, daß sie ebenfalls bestimmte,

ruhige, die Unterscheidung erleichternde Tonwerte im Bilde erhalten;

vor allem sind blendende Teile so zu behandeln, die im Bilde geradezu

hypnotisierend wirken. Nun sind diejenigen Bewegungen auszuwählen, die

sich, nötigenfalls unter Verlangsamung, kinematographisch deutlich

wiedergeben lassen. Alles andere ist überhaupt wegzulassen; zu seiner

Darstellung muß man entweder besondere Modelle machen, oder es dem

ergänzenden Lichtbild oder der Worterklärung überlassen. Einer der

verwerflichsten Fehler solcher Bilder (manchmal allerdings nur auf

der Wiedergabe beruhend) ist das übertriebene Zeitmaß entweder der

Aufnahme oder der Bewegungen selbst. Es entsteht, indem entweder die

Aufnahme zu schnell oder die Wiedergabe zu langsam gemacht wird. Mag

das den Zweck haben, Film zu sparen, oder will man dem Beschauer

imponieren, oder hält man überhaupt den Vorgang in seiner natürlichen

Abwicklung für zu langweilig: in jedem Falle ist es liederliche Arbeit,

die auf künstlerischen Wert keinen Anspruch hat. Ein weiterer hier

beliebter Fehler ist die viel zu kurze Dauer der einzelnen Aufnahmen.

Das Auge muß sich an das kinematographische Bewegungsbild noch viel

mehr als an das wirkliche gewöhnen, ehe es etwas davon versteht, ja

es überhaupt erfaßt. Bei Bildern von 2 oder 3 Sekunden Dauer, wie man

sie häufig zählen kann, ist das unmöglich. Dieser Sparsamkeit steht

auf der andern Seite viel zu große Ausführlichkeit in der Wahl der

Szenen gegenüber. Der Aufnehmende hat nicht das künstlerische Endziel

-- das Bild auf der Leinwand -- im Geiste vor sich, nicht was da

wirkt, ist für ihn maßgebend. Vielmehr zählt er sich auf, aus welchen

Einzelheiten theoretisch ein Fabrikationsvorgang o. dgl. besteht,

und glaubt nun, er müsse von jeder dieser Einzelheiten ein wenn auch

völlig unverständliches Pröbchen zeigen. Das ist natürlich Unsinn. So

wie ein Redner, um einen Vorgang klarzumachen, ihn nicht weitschweifig

von Anfang bis zu Ende erzählt, sondern das Wichtigste und am besten

Darstellbare herausgreift, das aber auch gründlich, deutlich und

eindringlich behandelt -- so muß es der Kinokünstler angesichts solcher

Aufgaben tun. Natürlich muß er sich da von Sachverständigen beraten

lassen.

Ein nicht auszurottender Aberglaube scheint es endlich zu sein,

daß derartige Ausnahmen nicht anders eingeleitet, beschlossen und

zwischendurch geziert sein dürfen als mit irgendwelchen Mätzchen:

komisch sein sollende Grimassen von Arbeitern, kokette Blicke

weiblichen Ursprungs, Possen und Albernheiten oder auch Scherze, die

~erzählt~ vielleicht nicht unwirksam sein würden, kinematographiert

aber widerwärtig sind. So sah ich z. B. einen Film, der die Entwicklung

-- ich glaube von Käsemaden -- zeigte und eingeleitet wurde durch

den überlebensgroßen Kopf eines Mannes, der höchst affektiert ein

Käsebutterbrot kaute, und es dann durch eine Lupe besah. Der Hersteller

hatte an die zu einer Einleitung passenden Worte gedacht. „Wenn

mancher wüßte, was er alles mit und in einem Käsebutterbrot verzehrt,

so würde er wohl.... usw.“ Er hatte aber nicht Stilgefühl, Geschmack,

künstlerische Sicherheit genug, um zu bemerken, daß eben dieser Gedanke

literarisch-rednerischer Verwertung vorbehalten bleiben muß, nicht aber

sich kinematographieren läßt. Aus dem einfachen Grunde, weil er sich in

einem wenige Sekunden dauernden Satze klar und appetitlich ausdrücken

läßt, während man ihn aus einem langen, quälenden Kinobild, wie aus

einem Bilderrätsel, doch nur mühsam und unsicher errät.

Das ist ein Gesetz für alle Kinoaufnahmen, daß man sich auf Bilder

beschränken muß, die etwas ausdrücken, was sich eben nicht auf

anderm Wege -- Wort, Lichtbild, Musik usw. -- etwa kürzer, besser

und verständlicher machen läßt. So besagt das Augenblicksbild einer

ruhenden Maschine (Diapositiv) in den meisten Fällen für ihre

Gesamtanlage viel mehr als eine Kinoaufnahme, in der die großen,

ganz äußerlichen, unruhigen Bewegungen eher stören. Um etwas

~klar~zumachen, ist die Kinematographie unter allen Umständen nur

ein ~Hilfs~mittel, und nicht das vollkommenste. Dessen muß sich der

Aufnahmekünstler bei technischen Aufnahmen besonders bewußt sein und in

der ~Beschränkung~ seine Meisterschaft suchen.

3. Geschichtliche und kulturgeschichtliche Aufnahmen, Bildnisse

Alle kinematographischen Bilder, die nicht „Dramen“ u. dgl.

Szenisches darstellen, führen auf dem Programm und in der Sprache der

Kinofachleute den seltsamen Namen „~Aktuelles~“. Damit pflegt man in

der Zeitungssprache Sachen zu benennen, die nur eine Bedeutung für

den ~Augenblick~ haben, Tagesereignisse usw., die morgen vergessen

sind, für „heute“ aber um so brennenderes Interesse haben. Die

Kinoleute verstehen darunter aber nicht nur Tagesereignisse, wie

Paraden, Besichtigungen, Morde, Unglücksfälle, oder die Stelle davon,

„wo es gewesen ist“, Modeschöpfungen usw., sondern überhaupt alle

„Natur-“, technischen, industriellen, gewerblichen, geographischen,

ethnographischen, zoologischen, botanischen und sonstigen

naturwissenschaftlichen Bilder, Sport- und Militärszenen usw. Diese

Benennung, die die Verhältnisse, wie sie sein sollten, umdreht, ist

bezeichnend für den Geist oder die Gedankenlosigkeit, die heute die

kinematographische Erzeugung und Vorführung beherrscht. Denn „aktuelle“

reine Tagessachen sind doch in Wirklichkeit die szenischen Bilder,

besonders die „Dramen“ und Possen, die eine Woche lang das künstlich

aufgestachelte Interesse des Publikums reizen und danach weder mehr

verlangt werden noch irgendwelchen Wert haben. Es sind Feuerwerke,

sensationell, kostspielig, aber vergessen wie verpufft. Gerade die

andern Aufnahmen aber, die in den Programmen wie in den Prospekten der

Filmfirmen etwa ein Zehntel bis ein Achtel der Gesamtbilder ausmachen,

gegen neun Zehntel bis sieben Achtel der „Dramen“, sind diejenigen, von

denen selbst die geringsten, einigermaßen richtig behandelt, geradezu

Ewigkeitswert haben würden -- weil doch selbst die geringsten davon

Dokumente von ~Wirklichkeiten~ sind. Es ist überaus bezeichnend, daß

die Kinoleute gerade diese Bilder nur unter der in den meisten Fällen

sogar unzutreffenden Etikette der „Aktualität“ in ihr Programm spärlich

einzuschmuggeln wagen. Nur darin, daß sie wirklich oder angeblich an

irgendein Tagesereignis anknüpfen, erblickt man ihren Wert, und nur

darum setzt man sie den Leuten vor. Und wer diese Bilder ansieht,

findet denn auch meistens: sie sind danach. Es sind zum großen Teile

flüchtig und verständnislos aufgenommene Bilder, die dem Namen nach mit

irgendeinem Tagesinteresse zusammenhängen. In Wirklichkeit sucht man

oft vergebens nach dem tatsächlichen Zusammenhang, oder man findet ihn

in einer lächerlichen oder ärgerlichen Nebensache. Wohl das albernste

dieser Art, worin sich aber das Kino auf den wenig entschuldbaren

Vorgang gewisser illustrierter Blätter berufen kann -- sind die Bilder

zu solchen Ankündigungen wie: „Das große Eisenbahnunglück bei X.“,

„Das Erdbeben zu Y.“ usw. Das Bild zeigt in Wirklichkeit nichts von

diesen Ereignissen als ihre ~Nachwirkung~, oder auch bloß den Ort,

wo sie stattgefunden haben. Das wäre schon minder lächerlich, wenn

es dementsprechend ehrlich angekündigt würde. Dann aber würde es

allerdings wenig mehr „ziehen“, weil sich die Besucher mit Recht sagen

würden, daß man sich eine tote Trümmerstätte -- falls sie überhaupt

Interesse biete -- am wenigsten in einem ~Kinematographen~ ansehen wird.

Ähnlich oberflächlich und äußerlich ist das Verhältnis des

Kinematographen zu andern Tagesereignissen -- wie sich schon in der

Auswahl kundtut. Was davon kinematographiert wird, ist fast ausnahmslos

nur der mehr oder weniger glänzende ~Schaum~ des Tages. Aufzüge,

Paraden, Fürstenbesuche, Begräbnisse, Rennen, Unglücksfälle -- jede

Woche aus einem andern Teile der Welt, und jede Woche dasselbe. Und

immer ~aus~ all diesen Ereignissen, unter denen gewiß manches auch

sein tieferes Interesse hat, die langweiligsten und von ihnen die

nebensächlichsten Dinge ausgewählt. Gewiß, es interessiert uns, die

Staatsoberhäupter mal zu sehen -- aber es interessiert uns nicht im

geringsten, immer wieder auch ihre Sonderzüge, geschmückte Bahnhöfe,

wartende Frackmenschen, begleitende Uniformen zu sehen. Ja, wenn wir

mit den bedeutendern darunter befindlichen Persönlichkeiten ~bekannt~

gemacht würden! Aber davon ist meist keine Rede. Oder wenn uns bei der

Gelegenheit ein Einblick in fremde Länder und Großstädte, Volks- und

Gesellschaftsszenen gegeben würde, wenn wir sähen, was derlei Dinge

in London, Paris, Neuyork, Bombay, Yokohama, aber auch in den Dörfern

oder Kleinstädten der Bretagne oder Schottlands von denen in Berlin

oder Tangermünde unterscheidet! Aber gerade das wird uns ängstlich

unterschlagen. Nur was sich an international gleichförmigen Untiefen

an den großen, leicht zugänglichen Verkehrsorten ansammelt, zeigt

uns der Kino. Das Bezeichnende, dauernd Wertvolle fehlt. Die Bilder

sind von äußerst geringem ~aktuellen~ Wert, gerade weil der Sinn für

den ~dauernden~, geschichtlichen und kulturgeschichtlichen Wert der

Tagesereignisse fehlt.

Gerade hier liegt aber wieder einer der Schwerpunkte der

Kinematographie versteckt, gerade hier harren ihrer die stolzesten und

dankbarsten Aufgaben. Gerade hier vermag sie auch um künstlerischen

Lorbeer zu ringen, den ihr keine andere Darstellungstechnik streitig

machen kann.

Kino und Kunst Lichtbühnen-Bibliothek Nr. 2 · 第 2 / 7 段