Denn wenn wir uns fragen: was in aller Welt ist denn nun woh

Hinweise zur Transkription

##########################

Der vorliegende Text wurde anhand der 1913 erschienenen Ausgabe nahezu

originalgetreu wiedergegeben. Lediglich ganz offensichtlich falsch

gesetzte Satzzeichen wurden stillschweigend korrigiert. In heutiger

Zeit seltene und unübliche Schreibweisen (z.B. „größern“ anstatt

„größeren“; „der Kino“) wurden dagegen durchgehend beibehalten.

Die Buchausgabe erschien in Frakturschrift; zur Heraushebung einiger

Passagen wurden diese dort gesperrt gesetzt. Im obigen Text sind

solche Stellen mit Tilde-Symbolen umgeben (~gesperrt~). Insbesondere

fremdsprachige Ausdrücke wurden im Original in Antiqua-Schrift

gesetzt, was hier mit Unterstrichen wiedergegeben wurde (_Antiqua_);

Einzelbuchstaben in Aufzählungen und Überschriften sind hiervon

aber ausdrücklich ausgenommen.

Gegenüber dem Original wurden die folgenden Korrekturen vorgenommen:

# p. 11: „kinemotographische“ → „kinematographische“

# p. 14: „von denn“ → „von denen“

# p. 28: „da man sich“ → „daß man sich“

# p. 30: „des brandenen“ → „des brandenden“

# p. 33: „dieser Zweiges“ → „dieses Zweiges“

# p. 36: „wiederspiegeln“ → „widerspiegeln“

# p. 40: „nüchterne“ → „nüchterner“; „entsprechender“ →

„entsprechenden“

# p. 42: „Hauptflicht“ → „Hauptpflicht“; „lang am“ → „langsam“

# p. 47: „Handgeberden“ → „Handgebärden“

# p. 53: „zuempfehlen“ → „zu empfehlen“

# p. 54: „menschlich-künstlischer“ → „menschlich-künstlicher“

# p. 61: „einen unsichtbare“ → „eine unsichtbare“

# p. 63: „Ganze“ → „Ganzes“

# p. 64: „daß“ → „das“

# p. 66: „ales“ → „alles“; „diese“ → „diesen“

[Illustration: Lichtbühnen-Bibliothek

Kino und Kunst

Von Hermann Häfker

[Illustration]

~Zweites Heft~:: ~Preis eine Mark~]

Kino und Kunst

von Hermann Häfker

Lichtbühnen-Bibliothek Nr. 2

Herausgegeben von der Lichtbilderei

Volksvereins-Verlag GmbH., M.Gladbach 1913

Inhalt

A. ~Allgemeines:~

1. Der Ruf nach Kunst 5

2. Das Wesen der Kinematographie 11

3. Die künstlerische Aufgabe 16

B. ~Die Herstellung des Films:~

1. Die künstlerischen Gesichtspunkte in der technischen

Filmherstellung 19

2. Technische, industrielle usw. Lehr- und

Verdeutlichungsaufnahmen 24

3. Geschichtliche und kulturgeschichtliche

Aufnahmen, Bildnisse 27

4. Die Schönheit der natürlichen Bewegung 32

5. Gestellte Bilder 41

Die Schönheit der menschlichen Bewegung (Tanz, Gebärde)

Kino und Humor

Das Drama

C. ~Die Vorführung:~

1. Kinematographie oder Kinetographie 49

2. Das „Programm“ 55

3. Einzelheiten 62

4. Wege 70

A. Allgemeines

1. Der Ruf nach Kunst

Die gewaltige Bewegung, der von viel tausend Stimmen aufgenommene Ruf

nach „ästhetischer Kultur“, nach „Kunst überall“ ist hervorgegangen

aus der eigentümlichen Not einer Zeit, die anders ist als eine je

vordem dagewesene. Ehedem thronten in ihren Tempeln erhabener Würde

die Künste: Musik, Malerei, Bildhauerei, Dichtkunst, Baukunst. Der

Widerschein der Schönheiten, die sie schufen, fiel spärlich und

milden Glanzes auf das ganze Alltagsleben, seine Gebrauchsgegenstände

und seine geistigen Äußerungen. Gelehrte stritten sich um höchste

Schönheit und echten Stil, Kirchen, Fürsten und Reiche führten den

„Geschmack“. Wo Kunst war, war eine große Idee, großes Wollen,

großes Können, Lebensverdichtung. Aus den Werken der Kunst strömten

große Empfindungen, stark bewegend und doch fern von allen

Alltagsleidenschaften in den Beschauer über. Der Anblick von Kunst war

ein Fest, weil er selten wie ein Festtag war.

Heute ist diese Zeit auf Niewiedergewinn verloren. Bildmäßiges und

Plastisches, Wort und Klang, Farben und Linien, früher die Wahrzeichen

jener Festtagskunst, strömen wie Hagelwetter auf die Nerven des

modernen Menschen -- besonders, aber nicht allein, in der Großstadt

-- ein. Beim Aufstehen begrüßt ihn neben dem Frühstück ein dickes

neues Buch: die „Zeitung“. Lauter zu uns gesprochene Worte, geistige

Beeinflussung mannigfacher und auf Nervenaufpeitschung berechneter

Ordnung, die sich durchaus der Mittel der Literatur bedient. Aus

unserm Hausrat, bis hin zu unserer Tapete spricht die malerische und

plastische Phantasie vieler Menschen, ja vieler und großer Zeiten

zu uns. Ein Gang durch die Straße führt uns an Ankündigungssäulen,

Wandflächen voller Bilder und lauten Reden vorbei. Die Ladenfenster

entfalten alle Kräfte der Seelengewinnung, die ihre Hersteller den

raffiniertesten Erzeugnissen der Künste abgesehen haben. Die Buchläden

locken und reden mit tausend Zungen auf uns ein. Im Café warten unserer

-- und selbst in der volkstümlichen Lesehalle -- Hunderte von glänzend

„illustrierten“ Zeitschriften und Zeitungen. Musikkapellen spielen

dazu. Abends verwandelt sich die Großstadtstraße in ein Feuerwerk,

dessen jähe und blendende Pracht unsere Sinne und Gedanken lange

abzieht und im Banne hält. Man darf sagen: Wer überhaupt für diese

Dinge noch Sinne hat (dem in der Großstadt gesund Aufgewachsenen wächst

in der Tat, wie mir scheint, bald eine Art Schutzhaut, aber die reifend

von draußen hereinkommen, sind die Opfer) -- ich sage: Wer diese Dinge

ernst nimmt, naiv zu verarbeiten sucht als das, als was sie sich doch

durchaus geben, als ~Künste~ -- der braucht kostbare Entwicklungsjahre,

um sich überhaupt hindurch zu finden. Um hindurchzukommen, vom ersten

Begeisterungsrausch durch erwachende innere Gegenwehr bis zur nötigen

Abgebrühtheit. Denn alles, was ~hier~ mit den Mitteln der Künste

arbeitet, erzeugt nicht reine, sondern Fuselrauschstimmung, wenn es

nicht hohen und reinen Dingen dient, aus hohem und reinem Geiste

hervorgegangen ist. Es ist nicht nur die ständige Aufpeitschung der

Sinne, die an all dem liegt, durch kitzelnde Genüsse -- es ist alles

auch „Ausdruck“. „Ausdruck“ von einer Wirklichkeitswelt und einer

Gesinnung, die dahinter liegt.

Die Gesinnung, die sich durch dies alles ausdrücken will, die Ideen,

die dies alles suggerieren will, sind nicht selten, nicht menschlich

hoch und echt. Vom einfachen Anpreisen und Einredenwollen mehr

oder weniger zweifelhafter Bedürfnisse bis zum zwecklosen Spiel

mit Ausdrucksformen vergangener Zeiten, ist dies alles gemeine

Alltäglichkeit. Gemeine Alltäglichkeit in aufregende festliche

Gebärden gekleidet. Massenhaft -- nicht selten und echt -- ist

schon die ~Erfindung~, die dem meisten dieser Art zugrunde liegt.

Das ist das eine Eigentümliche. Und diese Massenerfindung wird nun

-- das ist das zweite -- mit einem geringsten von Menschenmühe,

automatisch-chemisch-maschinell ~vervielfältigt~. Nicht, wie die Platte

des Holzschneiders, langsam und mühevoll einige hundert Male -- sondern

Tausende und Hunderttausende von Malen, mühelos, schnell und billig. So

kommt es, daß ein einziger Einfall, etwas Gemeines mit künstlerischem

Mittel (bildlich, musikalisch, dichterisch) „auszudrücken“, morgen

nicht ~eine~ Verkehrsecke in einer Stadt schändet, sondern von den

Wänden, Läden, Schaufenstern und Lichtgerüsten ~aller~ Städte und

vieler Dörfer -- nicht Deutschlands, sondern ganz Europas, oft der

ganzen Welt -- herunterschreit. Und jeder Tag bringt Neues. Noch nie,

solange es eine Geschichte gibt, hat jeder einzelne Mensch, er mag

wollen oder nicht, so viele eindringliche, mit den wirkungsvollen und

oft gewandt gehandhabten Mitteln der Künste hämmernde Eindrücke auf

Sinne, Herz und Denken aushalten müssen, wie der, der heute mittags aus

Bureau und Geschäft tausend Schritte bis zu seiner Mahlzeit geht.

Lange Zeit war der ~Buchstabendruck~ die einzige herrschende Form,

Kunstähnliches -- in Worte geprägte Gedanken -- in Massen zu verbreiten

und zwangsweise, unausweichlich, dem Menschen aufzudrängen. Die

literarischen Künste waren die einzigen, die darunter leiden mußten.

Wer Musik oder ein gutes Drama hören wollte, wen’s nach Bildern oder

plastischen Werken gelüstete, der mußte sich noch extra rüsten, mußte

Konzerte oder Theatersaal, Ausstellung oder Museum aufsuchen.

Da kamen neue Erfindungen herzu, die auch alle andern Künste wehrlos

machten. Von denen, die billige Vervielfältigung architektonischer

und neuerdings plastischer Werke ermöglichten, schweige ich hier.

Aber man kam jetzt auf den Weg, diejenigen Sinneseindrücke, die durch

„Wellen“ physikalischer Natur erzeugt werden, dadurch festzuhalten und

zu vertausendfachen, daß man diese Wellen -- die optischen und die

akustischen -- sich selbst in festem Stoffe fangen und „aufschreiben“

ließ. Von dieser so gewonnenen „Naturmatrize“ konnte man nun so viel

„Abdrücke“ nehmen, wie man wollte. Der Stoff zum Auffangen optischer

(Gesichts-) Eindrücke (Lichtwellen) war die photographische Schicht,

der zum Auffangen phonetischer (Gehörs-) Eindrücke (Klangwellen),

war die -- verschieden zusammengesetzte -- Walze oder Platte der

Phonographen und die Schablonen automatischer Musikinstrumente.

Phonograph (Grammophon, Pianola) und Photographie waren die neu

gewonnenen Techniken. Von ihnen hat zuerst die Photographie mit ihrer

immer größern Vervollkommnung einen Siegeszug durch die ganze Welt

genommen. Infolge ihres bescheidenen und gewissenhaften, hingebenden

Automatismus wurde sie zu einer wertvollen Helferin ästhetischer Kultur

durch massenhafte Verbreitung künstlerischer Einzelvorlagen und eine

selbständige Deuterin und Weiserin der Natur durch fälschungslose

Wiedergabe gewisser Seiten von ihr. Sie ist es, die -- vielen noch

unbewußt -- uns auch aus den meisten bildlichen Eindrücken der

Straße und des öffentlichen Lebens anspricht, die scheinbar Werke

ursprünglicher Handkunst sind.

In ihrer einfachen Gestalt als Augenblicksaufnahme hat die Photographie

gewiß mehr Segen als Unheil gestiftet. Dann aber arbeitete der

Erfindungssinn einen Weg zu ihrer Anwendung aus, durch den sie

plötzlich eine unheimliche und verheerende Macht über menschliche

Gemüter und menschliche Kultur gewann. Sie wurde zur ~Kinematographie~.

An sich nichts als eine planmäßige, durch einen wunderbaren Mechanismus

ermöglichte Vorführung tausender von Augenblicksaufnahmen nacheinander,

ahmte doch ~diese~ Photographie nicht nur Licht und Schatten eines

toten Bildes nach, sondern selbst Plastik und Bewegung lebendiger

Wirklichkeit. So trat sie mit einemmal als Nebenbuhlerin nicht nur

der Malerei, sondern selbst des Schauspiels, in einem gewissen Grade

selbst der Plastik, und in Verbindung mit der Grammophonie selbst

der Oper und der Vortragskunst auf. Mit den verdichteten Reizen

dieser seelenaufrüttelnden Künste verband sie etwas von der trockenen

Stilisierung des Puppentheaters und fügte hinzu die -- äußerste

Wohlfeilheit sensationeller Jahrmarktsgenüsse.

Sie fügte den automatisch erzeugten und vervielfältigten kunstähnlichen

Eindrücken, die sich dem Straßenmenschen heute aufdrängen, ihn

zauberhaft locken, vielleicht den mächtigsten hinzu. Auch um deswegen

den mächtigsten, weil sie schon von allen am kunstähnlichsten ist,

will sagen, ihre Gebärden von einer ganzen Reihe und von den an sich

schon eindrucksvollsten Künsten borgt. Sie hat dadurch wirklich

Theatern „Konkurrenz“ gemacht, das beweist doch: sie hat Zuschauer

an sich gezogen, die „Kunst“ gesucht haben, und denen die Kunst der

Schaubühne mindestens zu umständlich zugänglich und -- zu teuer war.

Die Eindrücke, die sie bot, waren allerdings jetzt fast ausnahmslos das

Gegenteil künstlerischer: sie waren nicht „rein“, sondern beruhten auf

einem Aufschäumen solcher Instinkte, deren gemeinste auch die Hunde

am Prellstein erregen: Geschlechtsgefühle, Angst, Gier, Eitelkeit,

erkitzeltes Gelächter, fuselhafte, anstrengungs- und maßlose,

begeisterungsüßliche Rührsamkeit. Und das „Große“, das durch sie zu den

Besuchern sprechen wollte, denen diese Kunst „Ausdruck“ wurde, war nur

oder fast nur das großgeschriebene „Verdienen“!

Unter dieser Sintflut von „Ausdrucks“-Techniken, die die Welt seit

wenigen Jahrzehnten -- auf Niewiedervergehen -- überschwemmten,

bäumte sich, nach anfänglichem Versagen, die gesunde Widerstandskraft

des menschlichen Geistes auf. Große Bewegungen strebten, unter

verschiedenen Namen, in diese neue Welt von Geisteseinwirkungen das

hineinzubringen, was ihr fehlte: ~Gewissenhaftigkeit~. Aber mit

„moralischen“ Schlagworten wäre man hier nicht weit gekommen.

Denn wer um ~Moral~ prozessiert, hat die Last des Beweises zu tragen.

Wer aber jemandem nachweisen will, daß er irgendetwas getan oder

geschaffen habe aus „unmoralischer“ Gesinnung, der müßte in den Herzen

lesen können. Die Behauptung, moralisch in gutem Glauben gewesen zu

sein, ist schwer zu widerlegen. Es kann auch eine Tat oder ein Werk als

Leistung durchaus moralisch sein, das in der Wirkung, wenigstens auf

einen Teil der Beeinflußten, unmoralisch ist. Wer einen Mann oder ein

Werk als „unmoralisch“ verklagt, muß den objektiven Beweis der Unmoral

führen: Moral aber ist zumeist Gesinnungssache.

Unter den kinematographierten „Dramen“ befinden sich viele, die

von „Moral“ nur so triefen, und die doch das Verwerflichste und

Verbildendste sind, das erdacht werden kann. Anderseits haben nicht nur

„Schund“-Werke, sondern es haben auch Goethes „Werther“ Selbstmorde,

Schillers „Räuber“ Totschläge angeregt. Von einem Schaffenden „Moral“

fordern, heißt seine Gewissenhaftigkeit ansprechen -- sie nachzumessen

gibt es keinen menschlichen Maßstab. Die moralische Forderung ist

kein Schutz gegen das Verderbliche in Literatur, Kunst und denjenigen

Tätigkeiten, die sich künstlerischer oder kunstähnlicher Mittel

bedienen.

Die ~künstlerische~ Forderung aber wendet sich nicht an den

Schaffenden -- dem kann sie nach getaner Arbeit oder bei mangelnder

persönlicher Veranlagung nichts nützen -- sondern sie wendet sich an

den Empfangenden. Sie öffnet ihm Sinne und Bewußtsein, um das Echte,

das im ungeweihten Ohr von jedem Lärm übertönt wird, zu vernehmen, sie

gibt ihm Schutz, Gegengift und das Mittel zu bewußter Ablehnung des aus

fauler Quelle Geflossenen. Die „künstlerische“ Forderung umschließt

die moralische: weil das künstlerische ~Sehen~ etwas erschauen läßt,

das Widerstandskraft und einen Widerwillen gegen jede Sinnenreizung

niedrigerer, „unmoralischer“ Natur erzeugt. Was wir als schmutzig und

gemein erkennen, ist niemals Kunst,-- nicht weil es schmutzig und

gemein ist, sondern weil es andere Nerven in Mitschwingung versetzt

als die, durch die wir das Künstlerische erkennen. Wohl können auch

künstlerische und gemeine, schmutzige Bestandteile in einem Werke

vereint sein, aber eben sie sofort zu unterscheiden, die einen

anzunehmen, gegen die andern immun zu bleiben, das ist wesentlicher

Segen der „ästhetischen Kultur“, d. i. „Sinnenschulung“.

Diese Einsicht hat gewiß sehr dazu beigetragen, die von verdienstvollen

Stellen gepredigte „Ausdruckskultur“ so allgemein angenommen werden zu

lassen, aber es wäre ein Irrtum, sie nur um dieser, ihrer „moralischen“

Wirkung willen, fordern und pflegen zu helfen. Man kann ebensogut

den künstlerischen Charakter eines Erzeugnisses darin erblicken, daß

es die ~Gesundheit~ des Genießens wie des Schaffens, oder daß es den

~wirtschaftlichsten Kraftverbrauch~ auf beiden Seiten im stofflichen

wie im geistigen Sinne verbürgt. Beides sind Werte, deren sich der

einzelne wie die Gemeinsamkeit praktisch nur dadurch vergewissern kann,

daß sie all ihr Tun wie ihr Genießen zur Kunst erheben. Suchen wir aber

die Bedeutung der künstlerischen Forderung und ihre innere Kraft ganz

allgemein gerade für die unserer Zeit eigentümliche Not zu erfassen,

so kommen wir immer wieder darauf, daß sie auf eine ~Eindämmung~ des

Vielzuvielen, auf die Wiederunterwerfung der herbeigerufenen Maschinen-

und Automaten-Massenproduktionsgeister unter den wollenden menschlichen

Geist hinausläuft. An die Stelle der Herrschaft mechanischer

Bequemlichkeiten und automatisch-stofflicher Sinnenreizungen setzt sie

wieder den wählenden und ablehnenden Menschen, an die Stelle passiven

Leben-über-sich-ergehen-Lassens setzt sie das Tun, das Schaffen, das

Eigen- und Selbstsein, die Bejahung und Erhöhung des Lebendigen in uns.

Sie setzt ~uns selber~ an die Stelle unserer Lebensverzierungen und

Nervenkitzelmaschinen.

In diesem Sinne ist’s, daß angesichts der besondern Not der Zeit die

alte Forderung wieder allgemein wurde, ja erst eigentlich feste Gestalt

und tiefere Begründung erhalten hat, daß wir ~alles~, was wir tun, ~als

Kunst tun sollen~. Eine Sache künstlerisch machen, heißt aber, nach

Schiller, in letzter Linie nichts anderes, als sie „vollkommen“ machen:

sie so innerhalb der durch ihre stoffliche und technische Eigenart,

ihrer wirtschaftlichen und Zweckbedingungen gesteckten Grenzen bis zum

Rande mit eigengefühltem ~Leben~ anfüllen, daß das Ergebnis in jedem

einzelnen Falle das ~höchsterreichbare~ ist.

Die Kinematographie zur Kunst erheben, sie als Kunst ausüben,

läuft also darauf hinaus, sich zunächst einmal so ehrlich und

unvoreingenommen wie möglich in ihr Wesen und ihre Bedingungen zu

vertiefen, sich ihrer Grenzen wie ihrer Aufgaben und Möglichkeiten

bewußt zu werden. Zu zweit ist dann die Aufgabe, diese gegebenen

Möglichkeiten innerhalb des Gebots des ~Echtbleibens~ so mit Leben zu

erfüllen, daß das fertige Lichtschauspiel, wie irgendeine andere Kunst,

der lebendigste „~Ausdruck~“ eines hinter ihm stehenden menschlichen

Wollens, menschlichen Empfindens, Freuens und Leidens wird. Von diesem

Drange nach ~Fülle~ erfüllt, wird auch der Kinokünstler von selber

seine Arbeit nicht Wertlosem oder Alltäglichem widmen, sondern das

~Beste~ und Gehaltvollste hineinlegen wollen, das der Tag dem Tage

geben mag.

Stellen wir uns das Kinoschauspiel so von Seichtheit, Schmutz,

Geschmacklosigkeit, gehaltlosem Sinnenkitzel, vor allem von aller

Kräfteverschwendung und -verzappelung, von allem ~Zuviel~ gereinigt

vor, und erinnern uns dann an die geschäftliche Organisation auf

der es beruht, und an die es gebunden ist, so muß uns das Herz

höherschlagen. Dann würde allwöchentlich in aller weiten Welt aus

tausend weiten Stätten heitern, jedermann zugänglichen Genusses

eine Fülle reiner stärkender Geistesnahrung in alle Volksschichten

hineindringen, würden Volksschichten und Völker der Erde in einem

gewissen Grade in gleichen Empfindungen, Gedanken und Anschauungen, in

gleichem Wissen und ausgleichender Bildung zu einer Kulturmenschheit

zusammengewöhnt werden können. Das Kinoschauspiel vermöchte da mehr

als das gedruckte Wort, weil es seinen wirtschaftlichen Bedingungen

nach -- im Gegensatz zum Wort -- an eine sehr beschränkte und sehr

zentralisierte Erzeugung und an einige nur wenig zu vermehrende,

großartige Verbreitungsorganisationen gebunden ist. Und weil es, wie

schon bemerkt, vermöge seiner unmittelbaren Anschaulichkeit, seiner

sinnenpackenden Lebensähnlichkeit und seiner Voraussetzungslosigkeit

seltener, aber unvergeßlicher auf den Menschen, besonders den weniger

vorgebildeten wirkt.

2. Wesen der Kinematographie

Wir sprachen vom „Kinoschauspiel“, von dem wir hohe Wirkungen

erwarteten. Da werden wir von vielen mißverstanden worden sein. Im

gewöhnten Wortsinn versteht man unter einem „Kino-Schauspiel“ das,

woran die meisten unter „Kinematographie“ überhaupt zuerst und fast

ausschließlich denken: nämlich nicht das „Schauspiel“ besonderer Art,

das durch die kinematographische Bildervorführung und ihr Zubehör

-- Vortrag, Musik usw. -- im Kinotheater auf der Leinwand zustande

kommt, sondern ein der Bühnendichtung nachgeahmtes „Schauspiel“ --

eine Posse oder ein „Drama“ usw. --, dessen optische Erscheinung

zum Teil (ohne die Farben u. a.) vom Kinematographen aufgenommen,

vervielfältigt und zu einem Bilde verflacht wiedergegeben wird. Ein

wenig Nachdenken zeigt uns, daß diese Art von Kinoschauspiel in unsere

Auseinandersetzungen nur zum Teil und in einem besondern Sinne gehört.

Wir wollen im wesentlichen überlegen, wie wir die ~Kinematographie

selbst zur Kunst~ erheben können, und nur nebenbei fragen, in welchem

Verhältnis sie (als Dienende und Vermittelnde, als Aufbewahrerin und

Vervielfältigerin) zu andern Künsten steht. Zum ~Kinodrama~ (wie

wir’s mal nennen wollen) steht die Kinematographie in zweierlei

ganz verschiedenem Verhältnis. ~Entweder~ sie will nur dazu dienen,

dramatische Darstellungen, schauspielerische Leistungen von besonderm

Erinnerungswert der Nachwelt aufzubewahren: sie soll besondere

Regieleistungen, Glanzszenen berühmter Schauspieler, Bühnenvorschriften

usw. für Archive zu fachlichen oder kultur- und kunstgeschichtlichen

Zwecken festhalten. Dann kann sie ~selber~ „künstlerisch“ nur sein

durch eine besonders vollkommene Erfüllung ihrer technischen Aufgabe,

das Gewünschte dokumentarisch getreu, automatisch widerzuspiegeln.

Sie kann zu künstlerischem Werte steigen dadurch, daß sie hinter

das dramatische Kunstwerk völlig zurücktritt. Niemals aber würde

man die betreffende schauspielerische, dichterische Leistung selber

„kinematographische Kunst“ nennen. ~Oder~ es kann ein Schauspiel

erdacht, eine Szene gespielt werden nur zu dem Zwecke, in der

kinematographischen Wiedergabe zu wirken: zu dieser Art gehört oder

sollte gehören das meiste, was in Kinotheatern an „Dramen“ usw. gezeigt

wird. Hier ist weder das Spiel selber noch die kinematographische

Aufnahme das „Kunstwerk“, sondern das Kunstwerk ist erst die

Verschmelzung von beiden, das fertige Bild auf der Projektionsleinwand.

Man kann hier eigentlich weder von einem „Schauspiel“ (im gewohnten

Sinne) wenigstens nicht von einem „Drama“ sprechen noch von „zur

Kunst erhobener Kinematographie“, sondern man müßte einen ganz neuen

Namen suchen, wie es denn ja auch geschehen ist: kinematographische

Bilderspiele, Kino-Schattenspiele, lebende Bilder, Licht-Pantomimen o.

dgl. In der Hauptsache unterliegen solche Spiele dem Gesetzgebiet der

Dramaturgie, die ja angibt, wie ein Schauspiel aufgebaut, ein Spiel

beschaffen sein muß, je nachdem es etwa auf einer modernen Bühne,

einem antiken Theater, in einem Zirkus oder einem Puppentheater usw.,

kurz unter bestimmten Zweckgesichtspunkten zur Geltung kommen soll.

Mit diesen Fragen wird sich ja ein anderes Bändchen dieser Sammlung

ausführlich befassen. Wir werden an seiner Stelle nur insoweit darauf

zurückkommen, wie wir es von ~unserm~ Gesichtspunkt -- „Kinematographie

selbst zur Kunst erhoben“ -- zu streifen haben. Das allerwichtigste

aber ist für unsere Freunde, sich dies scharf vor Augen zu halten:

daß just die Wiedergabe oder auch Schaffung (in gewissem Sinne) von

bühnenähnlichen „Stücken“ wie überhaupt die Wiedergabe von „gestellten“

Bewegungsvorgängen weder die einzige, noch die wichtigste Aufgabe der

Kinematographie ist, und daß am allerwenigsten gerade da das Gebiet

ihres „Künstlerischwerdens“ liegt. Die Wiedergabe von dramatischen

„Sujets“, sei’s für Archive, sei’s für Belustigungszwecke ist vielmehr

nur eine (wenn auch ausdehnungsfähige und zurzeit besonders begehrte)

Betätigung ihrer Wesensaufgabe (in der allein sie auch ihr Emporsteigen

zu einer Kunst suchen kann): der durch Menschenhand und -nerv möglichst

wenig gefälschten, möglichst wirklichkeitsgetreuen Wiedergabe von

natürlichen Bewegungen, auf Grund ihrer chemisch-automatischen

Selbstaufzeichnung.

Denn wenn wir uns fragen: was in aller Welt ist denn nun wohl dasjenige

an der Kinematographie, worin ihre ~Eigenart~ besteht, worin sie sich

also von allem andern verwandten -- Malerei und Zeichnung, Bühne und

Puppentheater, Augenblicksphotographie und Lichtbild, Beschreibung und

allgemeine Stimmungserregung, Schattenspiele und Kaleidoskop, und was

man sonst alles zum Vergleich heranziehen könnte -- unterscheidet,

das, was ihr keine andere Kunst oder Technik nachmacht, das, was ihr

unsere Herzen gewonnen hat, woran die Kulturmenschheit ihre stolzesten

Empfindungen und ihre höchsten Hoffnungen geknüpft hat -- so wird

doch keiner zur Antwort geben: dies Höchste und Eigenartige ist das

„Theaterstück“. Jede Bühne, jedes Puppen-, ja Kasperltheater hat

(sobald man vom künstlerischen Standpunkt daran tritt) unendlich

viel vorm Kinodrama voraus. Die Pantomime muß sich auf sehr wenige

Wirkungsmittel beschränken, um kinematographisch feststellbar zu sein,

und von dem wenigen kommt im fertigen Bilde wieder nur ein Bruchteil

zur Geltung. Wir werden ja darüber noch ausführlicher sprechen. Auf

jeden Fall brauchte nicht der ~Kinematograph~ erfunden zu werden, um

Theaterkunstwerke oder auch nur ihre Vorführung in weitern Kreisen

zu ermöglichen; und soweit er das letztere tut, tut er’s in denkbar

unvollkommenster Weise.

Nein, das vorerst unübertreffliche Neue und Eigene der Kinematographie

ist dies, daß sie -- innerhalb der ihr gesteckten Grenzen -- ~das

Schwarzweiß-Bild wirklicher Vorgänge~ (nicht nur Augenblickszustände)

~mit dokumentarischer Treue festhält, vervielfältigt und wieder

sichtbar~ macht. Wer die Kinematographie zur Kunst erheben, ein

kinematographischer Künstler sein will, kann es nur werden, indem er

diesem Ziele mit immer steigender Vollkommenheit durch Ausnutzung aller

in der Technik liegenden Möglichkeiten und ihre weitere Steigerung

nachstrebt. Das ist die neue Welt, die sich uns geöffnet hat, seit

die Kinematographie Wirklichkeit geworden ist. Vor 30 Jahren las ich

eine Novelle von einem Manne, der eine Muschel erfunden hatte, die

die im Äther umherirrenden Lichter und Klangwellen längst vergangener

Ereignisse auffing und wieder ordnete, so daß ihr Besitzer Cäsar

wandeln sah und Beethoven spielen hörte. Es war nur eine Illusion,

die Verzückung eines Wahnsinnigen gewesen. Künftige Zeiten werden

vermittels der Kinematographie und ihrer grammophonischen Schwester

Cäsaren und Beethoven von heute wieder erstehen lassen können, und wir

können’s bereits. Meere, die an meilenfernen Küsten wogten, sehen wir

wiederwogen, Raum und Zeit vergessend. Aber, das eben ist das Wertvolle

der Kinematographie: wir sehen sie nicht wogen, wie die Phantasie

des Malers oder die des Theater-Miedings sie sich und uns vorstellt,

sondern so, wie sie es wirklich zu einer bestimmten Zeit an einem

bestimmten Orte taten. Sie haben sich selber gemalt, keine Menschenhand

hat zitternde Striche hinzugefügt, dies Bild hat Beweiskraft.

~Das~ kann der Maler nicht, noch irgendein anderer Künstler. Der

Wert menschlicher Hand- und Körperkunstwerke beruht auf ihrer

Vereinfachung der wirklichen oder gedachten Naturmodelle zu „Motiven“.

Ist der Maler „Naturalist“ oder „Impressionist“, will er also von

den Sinnen Wahrgenommenes, recht „wirklich“ wiedergeben, so tut er

es indem er von den einzelnen körperlichen Erscheinungen, die den

festzuhaltenden Sinneneindruck ausmachten, „Abbildungen“ im möglichst

naturentsprechenden Mengenverhältnis nebeneinandersetzt. Wie dem

richtigen Dramatiker immer noch ein Baum „Wald“, dem Zeichner

einiges blätterähnliche Gekritzel einen „Baum“ „bedeutet“ -- so ist

dies „Mit-Bedeutungen-Spielen“ doch zuletzt das Handwerkszeug aller

Handkünste. Der Maler, der nachahmen wollte, was die Kinematographie

kann, nämlich „alles“ wenn auch nur in ~einem~ Ausdrucksmittel, dem

„Schwarz-Weiß“, wiederzugeben -- der wäre kein Künstler; er wäre

vielleicht ein Narr. Das kann nur die Natur selbst,-- sich selber

nachahmen, ein erstarrtes Spiegelbild von sich machen. Umgekehrt:

im Auswählenwollen, im Betonen bestimmter Empfindungserreger, im

„Komponieren“ und „Stellen“ von Bildern, da ist der Kinematographie wie

der Photographie überhaupt ein sehr enges Feld gesteckt. Da liegt ihre

Stärke nicht: und dann kann sie sich da auch nicht oder nur in enger

Grenze als ~Kunst~ bewähren. Die Wesensaufgabe der Kinematographie ist

nicht nur, „Wirklichkeit“ wiederzugeben, sondern vor allem auch ~die~

Wirklichkeit, die eben keine andere Technik oder Kunst wiedergeben

kann: die der freien, unbefangenen Bewegung in der Natur und all ihrem

Reichtum an Einzelheiten.

Bevor wir den Reizen und Möglichkeiten dieser Aufgabe nachgehen, müssen

wir das Wesen „der Kinematographie“ weiter betrachten. Es wird Zeit,

uns nun zu fragen: was ~ist~ nun die „Kinematographie“ -- ~was~ ist das

Enderzeugnis, der „Gegenstand“ unseres Kunstbestrebens?

Vor dieser Betrachtung geht’s uns wie vor einem blühenden Baume, dessen

Schönheit uns fesselte. Treten wir näher heran, so sehen wir seine

lichtgraue Wolke sich in eine wimmelnde Menge von Blüten, Blättern und

Zweigen auflösen, von denen jedes einzelne so schön, so vollkommen und

in sich abgeschlossen ist, wie uns vorher das Ganze erschien. Auch

„die Kinematographie“ besteht ja aus einer reichen Reihe einzelner

Betätigungen menschlichen Könnens, einzelner, von Menschen angeregter

mehr oder minder automatischer Vorgänge. Jede einzelne dieser

menschlichen Betätigungen, Anregungen und Überwachungen chemischer

Vorgänge ist, vollkommen ausgeübt, in ihrer Art eine Kunst. Und in fast

jeder einzelnen betätigen sich ja meist auch eine oder mehrere andere

Personen.

Da haben wir zuerst die kinematographischen Handarbeiten: das

~Aufnehmen~, das ~Festhalten~, das ~Vervielfältigen~ und das

~Wiedergeben~ des Bildes. Zum ~Aufnehmen~ gehört: die Vorüberlegung und

Wahl des Bildes, die Einstellung und Bewegung des Films im richtigen

Augenblick, die gleichmäßige Bewegung der Kurbel im richtigen Zeitmaß,

nachdem der Film richtig eingefügt und die Blende gewählt ist, die

gleichzeitige Beobachtung der Vorgänge (die der Film festhält), das

richtige Verstehen, auch Studium des Gegenstandes, seine Feststellung,

die Bezeichnung und Ordnung, der Schutz und die Versendung der

-- vom rohen Film in nichts zu unterscheidenden -- Negative. Das

~Festhalten~ des Bildes ist, bei allem Automatismus des Grundvorgangs,

doch ebenfalls in hohem Grade vom Verständnis und der Aufmerksamkeit

des Menschen abhängig: das Entwickeln bis zum richtig getönten, nicht

zu scharfen, noch weniger unscharfen Negativbilde, das Fixieren, das

Trocknen. Die ~Vervielfältigung~, das ein- oder hundertmalige Kopieren

„macht“ zwar eine Maschine, aber „besorgen“ muß es doch der Mensch,

der durch Regelung der Belichtung Schwächen des Negativs ausgleicht

usw. Das ~Wiedergeben~ endlich eröffnet eine verwirrende Fülle von

Möglichkeiten: die rein technische Führung des Films hinterm Objektiv

vorbei, die Wahl und Ausstattung der Bildfläche, die Unterstützung der

Bildwirkung durch das gesprochene Wort, begleitende oder umrahmende

Musik, Nachahmung von Naturgeräuschen, Vereinigung mit Lichtbildern

und anderm einschließlich beleuchteter Pausen zu einem harmonischen

Ganzen (Programmgestaltung) eben der „Vorstellung“, endlich die

Raumausstattung.

In etwas weiterm Sinne, und doch nicht unbeteiligt zuletzt auch

am künstlerischen Werte des Endergebnisses ist sogar der riesige

geschäftliche Apparat, der von zentraler Stelle aus das Programm

des kleinsten Vorstadttheaters regeln hilft. Das aber führt uns von

den beeinflußbaren, von dem ein Kunstwerk wollenden Menschenwillen

eingeschlossenen, zu denjenigen elementaren Bedingungen hinüber, die

-- wie die finanzielle und soziale Lage der Theaterbesitzer und ihres

Publikums -- einfach gegeben sind -- ohne deren Berücksichtigung aber

gleichfalls ein Kinoschauspiel etwas Unvollkommenes und daher auch

Unkünstlerisches sein würde.

All diese beeinflußbaren und unbeeinflußbaren Einzelheiten aber

haben alle nur (in unserm Sinne gedacht) ~ein~ Ziel, wenigstens

ein allen andern vorangehendes Ziel: ~die künstlerisch vollkommene

Gesamt-Kinovorführung~, das, was ich eingangs ~das zur Kunst erhobene

Kinoschauspiel~ nannte. Dieses Schauspiel, im höchsten Sinne des

Wortes, kann nicht zustande kommen, wenn auch nur eine einzige der

aufgezählten Handhabungen versagt hat, eine einzige der elementaren

Bedingungen unberücksichtigt geblieben ist. Genauer: das Endergebnis

kann nicht ein künstlerisch einwandfreies sein, wenn auch nur einer

der vielen, die an seinen Bedingungen mitgearbeitet haben, irgend

etwas anderes gewollt, an anders gedacht hat, als in erster Linie an

das Gesamtziel: das künstlerische Kinoschauspiel. Es gibt vor allem

~einen~ Gesichtspunkt, der namentlich in industrieller Arbeit den des

künstlerischen Wollens in den meisten Instanzen weit in den Schatten

zu stellen pflegt, nämlich bei den Angestellten den: wie kriege ich

am bequemsten so viel wie möglich Lohn, und bei den Leitern den: wie

machen wir soviel wie möglich Geld? Diese Frage und das sie begründende

Streben ist vollkommen berechtigt, wenn es sich dem unterordnet:

wie mache ich meine Sache so vollkommen wie möglich? Eine Erwägung,

die ja wohl an sich mit der erstern nur bei kurzsichtigen Leuten in

Widerspruch steht. Und die selber wieder in die Frage ausläuft: wie muß

ich’s machen, um zu meinem Teile dazu beizutragen, daß das Endergebnis,

das Gesamtprogramm im festlichen, menschenerfüllten Kinotheater ein

vollendetes Kunstwerk sei!

3. ~Der künstlerische Gegenstand~

Der „Zweck“ aller Kinematographie, und also der Gegenstand auch all

ihrer künstlerischen Bestrebungen ist -- wie dem Maler das Bild, dem

Baumeister das Haus -- die wirkliche ~vollendete Gesamtaufführung~.

Ihre Ermöglichung teilt sich in zwei sehr verschiedene Tätigkeiten:

erstens die ~Herstellung~ der nötigen Bilder und Apparate, zweitens

ihre Zusammenstellung unter sich und mit andern (Lichtbildervortrag

usw.) und ihre Vorführung, kurz die ~Vorstellung~. Wir wollen

dementsprechend die künstlerischen Aufgaben der ~Aufnahme~ und der

Wiedergabe getrennt besprechen. Sie werden von verschiedenen Personen

und Berufskreisen ausgeübt, ihre Mittel und Aufgaben sind verschieden,

das Gemeinsame an ihnen ist aber dies, daß die Aufnahme und Herstellung

der Bilder lediglich dem Endzweck der Wiedergabe dient.

Der Kinoaufnahmekünstler muß sich von zweierlei Gesichtspunkten leiten

lassen. Einerseits schwebt ihm die ~Vorstellung~ vor, zu der er einen

möglichst herrlichen, naturgetreuen und wirkungsvollen Beitrag liefern

will -- auf der andern Seite ist er sich der engen Grenzen bewußt, die

ihm in seinem Streben sein Stoff und seine Technik weisen. Künstlerisch

wertvoll kann nur ein Kinobild sein, das eben auf kinematographischem

Wege auch das vollendet wiedergibt, worauf es ankommt: nicht also

ein schönes Stück kinematographierter Natur, sondern ein schön

kinematographiertes Stück Natur. Diese technischen Grenzen der

Kinematographie sehen wir aber sehr häufig außer acht gelassen, und

daher wollen wir sie uns, soweit sie für die Aufnahme in Betracht

kommen, recht klar vor Augen halten.

Der Kinematograph gibt weder alles sich Bewegende wieder, noch gibt

er es so wieder, wie das Auge es sieht. Er ist zunächst an sehr enge

Beleuchtungsgrenzen gebunden, wodurch neun Zehntel aller Gegenstände

für uns von selber wegfallen, darunter fast alle Aufnahmen in

geschlossen Gebäuden, selbst wenn sie sehr licht sind. Für unsere

Breiten kommen ferner Frühling und Herbst sowie trübe Wintertage

kaum in Betracht, und von den übrigbleibenden nur die hellsten

Tagesstunden. (Von Atelieraufnahmen mit künstlichem Licht usw. sprechen

wir am besondern Orte.) Sodann sieht unser Apparat nicht wie wir,

frei in die Landschaft hinein, er kann nicht sein Auge rechts und

links schweifen lassen, noch weniger es abwechselnd auf Nähe und Ferne

einstellen. So gibt er also nur einen kleinen, keilförmigen Ausschnitt

aus einer Naturszenerie. Ist er auf weit eingestellt (d. h. ein

„weitsichtiges“ Glas genommen), so ist der Ausschnitt um so schmaler

und spitzer; ist er dagegen nahsichtig (von kurzer Brennweite), so gibt

er nur nahe Gegenstände richtig, ferne dagegen verschwommen wieder. Da

er nur mit ~einem~ Auge blickt, so zeigt er die Gegenstände auch nicht

körperlich (plastisch), wie wir sie sehen, sondern bildhaft flach.

Er gibt auch ihr scheinbares Größenverhältnis (Perspektive) nicht

falsch, aber anders als das Auge, und die Nähe und Ferne verschieden,

je nach der Brennweite des Objektivs (Aufnahmeglases) wieder. Meist

sind die Gegenstände im Vordergrunde zu groß und hinten zu klein.

Dieser Übelstand wirkt besonders auffällig an sich bewegenden Dingen

oder Personen, die aus dem Hintergrunde nahend, unnatürlich schnell an

Größe wachsen. Auch durch andere Umstände ist die Zahl der Bewegungen,

die der Kinematograph „richtig“ wiedergibt, beschränkt. Wie die zum

Beschauer senkrechten, so gibt er auch schnelle Querbewegungen,

besonders aus der Nähe, falsch wieder: sie lösen sich in ihre

einzelnen Augenblicksaufnahmen auf, und erscheinen grob flimmernd. Da

ferner der Apparat seine Schaufläche nur mühsam und begrenzt ändern

kann, so kann er auch einer ununterbrochenen Fortbewegung in ~einer~

Richtung schlecht folgen. Bleiben also als mögliche, mindestens als

kinematographisch vollendet wiederzugebende Bewegungen aus technischen

Gründen solche übrig, die sich bei genügendem Licht in bestimmter,

einigermaßen gleichmäßiger Entfernung auf beschränktem Bildfelde

abspielen und auch bei Wegfall der plastischen Erkennbarkeit gut

unterscheiden lassen. Diese Bedingungen ändern sich nur wenig, wenn der

Apparat selber, z. B. von einem fahrenden Zuge aus, bewegt wird.

Aufs neue schmilzt die Zahl der in Betracht kommenden Aufnahmen

gewaltig zusammen infolge des Verhaltens der lichtempfindlichen Schicht

gegen Farbenunterschiede. Der Kinematograph gibt Farben an sich

überhaupt nicht wieder. Deshalb müssen wir auf all die Naturbilder

verzichten, deren Reiz und Herrlichkeit wesentlich in ihrer Farbe

liegt. Diese ebenso wie die minder farbigen muß der Aufnehmende im

Geiste gleichsam in die „Schwarz-Weiß“-oder Licht- und Schattenwirkung

übersetzen, um sich vorzustellen, wie der Anblick im fertigen Bilde

sein wird. Der Kinematograph gibt zwar nicht die Farben, aber an

ihrer Stelle den Farben~wert~ in verschiedenerlei Grau „ausgedrückt“

wieder,-- und zwar diesen anders als unser Auge. Uns leuchtend

erscheinende Farben, wie rot und gelb, wirken dunkel, dunkle, wie blau,

dagegen licht, und das im Kinematographen noch mehr wie sonst in der

Photographie, weil hier der Ausgleich mittels besonderer Filmschichten,

Gelbscheibe und Entwicklung unmöglich oder doch selten und nur zum

Teil möglich ist. Mit Rücksicht darauf muß sich also der Aufnehmende

mehr als „Zeichner“ denn als „Maler“ fühlen. Was einem Bilde Ausdruck

und Deutlichkeit verleiht, sind große deutliche Umrisse und große

gleichmäßig getönte oder gleichsam getuschte Flecken. Jenes reizvolle

Vielerlei und Durcheinander in der Natur, wenn es auf Farben oder

blendendem Glanz beruht, ist nichts für ihn. Nur dann, wenn es sich auf

eine reizvolle „Zeichnung“ zurückführen läßt, wenn ein Vielerlei von

„Formen“ ist, wird es auch in seinem Bilde als reizvoller und deutlich

erkennbarer Reichtum wiedererscheinen.

Die verschiedenen Verfahren, ~Naturfarben~ zu kinematographieren,

leiden noch an zu großen Mängeln, und soweit sie überhaupt praktisch

verwertbar sind, sind sie noch -- wie Urbans „Kinemacolor“ -- Monopole

einzelner Firmen. Gewiß wird auch hier eines Tages etwas Vollendetes

hervortreten; einzelne Kinemacolorbilder sind sogar schon mit Vergnügen

zu betrachten. Aber noch sind die technischen Mängel -- besonders

falsche Wiedergabe der Farbenwerte und das Flimmern -- zu groß, um

diese Vorführungen in den Kreis unserer Betrachtungen ziehen zu können.

Wir müssen uns ferner bewußt bleiben, daß das kinematographische

Bild, eben weil es ja in Wirklichkeit aus Tausenden von Bildchen

zusammengesetzt ist, all der individuellen Behandlung in Entwicklung,

Fixage und Vervielfältigung, aller Retouche und Nachhilfe unfähig

ist, durch die man in eine Augenblicksaufnahme oft eine ganze Menge

persönlicher Auffassung hineinzulegen vermag. Selbst in Beziehung auf

die Wahl des Bildausschnitts läßt es nicht so viel Freiheit wie das

Einzelbild, da eben Rahmen und „Komposition“ des Gegenstandes sich

während der Aufnahme in unvorhergesehener Weise ändern können.

Endlich liegt eine Beschränkung, die zwar in jeder Kunst mitspielt,

in der Kinematographie besonders nahe: unter all den prächtigen

und herzbewegenden Bewegungsbildern in der Natur muß man auf die

verzichten, die -- zu lange dauern. Der Grund liegt nicht nur darin,

daß eben doch die Mängel eines Kinobildes im Vergleich mit einem

Naturvorgang so groß sind, daß auch die beste Aufnahme auf die Dauer

langweilen würde. Wenn nicht nur Farbe, Plastik, Perspektive und

Ausdehnung fehlen oder unvollkommen sind, sondern auch alles, was

nebenbei das Ohr hört, Vogelgesang und Donnerrollen, Wasserrauschen

und Käfersummen, und was wir fühlen und riechen: Blumenduft, Luft

und Winde -- da werden wir uns doch bewußt, daß wir auch im Besitz

der Kunst, „die Natur sich selbst aufschreiben zu lassen“, nicht

glauben dürfen, sie meistern zu können. Außerdem wirkt aber hier die

ökonomische Frage besonders stark mit. Filme sind so teuer, daß eine

stundenlange Aufnahme ein kleines Vermögen verschlingt und daher

nur gewagt werden kann, wo das Ergebnis etwas von Anfang bis Ende

Fesselndes hat. Immerhin sind lange dauernde Aufnahmen technisch nicht

unmöglich und finden zuletzt ihre Grenze nur im Hinblick auf die

fertige Herstellung, die weder zu lang noch zu eintönig sein darf.

B. Herstellung des Films

1. ~Die künstlerischen Gesichtspunkte in der technischen

Filmherstellung~

Die ~rein technische~ Tätigkeit von der Aufnahme bis zur Herstellung

des fertigen Bildes ist zwar im wesentlichen auf die Anregung

und Überwachung automatischer Naturvorgänge, ihr vollkommenes

Auswirkenlassen und die Auswahl unter ihren Ergebnissen beschränkt,

bietet aber eine Menge Möglichkeiten, auch auf das künstlerische

Endergebnis einzuwirken. Der Grundsatz muß hier sein, die Echtheit und

Wahrheit der Naturselbstwiedergabe in allem zu wahren und zu fördern,

und nur da, wo man ohne Verletzung dieser Bedingung die Wahl hat

zwischen dem, „wie der Mensch es sieht“ und dem, „wie die Glaslinse es

sieht“, sich geschmackvoll nach der Seite des erstern zu entscheiden.

Unwahr darf das Kinobild auf keinen Fall werden, aber in allem muß

seine Wirkung in der ~Vorführung~ als Maßstab vorschweben. Da müssen

wir allerdings auf einzelne, an eine vollkommene Vorstellung zu

stellende Anforderungen vorgreifen.

Soviel ist klar, daß das bloße Abrollen nach einer guten Naturaufnahme

noch kein Kino-Schauspiel ist, oder doch in den seltensten Fällen.

Der Vorführer oder Regisseur der Vorstellung muß in der Lage sein,

einen Unterschied des Kinobildes von der Wirklichkeit auszugleichen:

die Plötzlichkeit und Unvorbereitetheit, mit der es sich abrollt,

und die Undeutlichkeit mancher Einzelheiten. Mit andern Worten: ein

kinematographisches Bild muß psychologisch vorbereitet und erläutert

sowie szenisch ergänzt werden können. (Vortrag, Lichtbilder,

Naturgeräusche usw.) Dazu gehört aber vor allen Dingen, daß der

Vorführer oder Erläuterer selber weiß, was er darstellt, und daß er

~mehr~ davon weiß, als das Bild selbst verrät. So merkwürdig es klingt:

trotz zahlreicher geschwätziger oder schwungvoller gedruckter Beigaben

und Erläuterungen von Filmfirmen, fehlt doch zu den meisten Bildern

so gut wie alles, um dieses Bedürfnis der Regie zu befriedigen. ~Es

bleiben nicht nur fast alle Einzelheiten, die ein Bild interessant

und wertvoll machen, in den meisten Fällen unvermerkt und unerläutert,

es sind nicht nur viele der gegebenen Erläuterungen falsch, sondern

es sind sehr häufig selbst die Bezeichnungen ganzer Bilder und Szenen

falsch~. Das liegt nur zum Teil an der Verwechslung der Negative auf

dem Wege von der Aufnahme durch die Entwicklungsräume zum Bureau,

an ihrer mangelhaften Bezeichnung und unordentlichen Aufbewahrung,

an Mißverständnissen und Übersetzungsfehlern oder gar absichtlicher

Sucht des Namengebers nach Sensation und Aktualität. Es liegt in der

Hauptsache in Versäumnissen bei der Aufnahme, und diese wieder zum

Teil in mangelnder Vorbereitung der Aufnahme. Zunächst einmal müßte

es selbstverständlicher und eiserner Brauch bei jeder Naturaufnahme

(worunter ich jede nicht gestellte geographische, geschichtliche,

sonst wissenschaftliche usw. verstehe) sein, daß sich dabei außer dem

Kurbeldreher („Operateur“) und seinem etwaigen technischen Gehilfen

jemand befindet, dessen einzige Aufmerksamkeit darauf gerichtet

ist, den Gegenstand der Aufnahme scharf zu beobachten, über jedes

einzelne Vorkommnis genaue Notizen zu machen oder nötigenfalls einem

Stenographen zu diktieren. Das letztere wird z. B. nötig, wenn etwa

ein Zug von Militär oder hervorragenden Persönlichkeiten, eine

ethnographisch interessante Straßenszene, das mikroskopische Gewimmel

in einem Wassertropfen usw. aufgenommen wird, oder Naturszenen, die

starke Überraschungen und eine Menge interessanter Einzelheiten bieten,

wie etwa Vulkanausbrüche o. dgl. Da ist ~ein~ Mann, unter Umständen

mehrere, vollauf beschäftigt, zu ~sehen~, und können nicht auch noch

schreiben. Die Notizen müssen sich auf alles Beachtenswerte erstrecken,

und etwa enthalten:

Genaue Angabe von Ort, Datum und Tagesstunde der Szene,

Sinn und Bedeutung des Gesamtvorgangs,

Namen und Kennzeichen aller Einzelheiten, der Örtlichkeit (Berge,

Wasser, Ansiedlungen, Bäume, Tiere) und Personen (Name, Aussprache[!],

Stand, Tätigkeit im Bilde, Kennzeichen, Einzelheiten der Tracht usw.),

Alle Abschnitte (Phasen) der Szene, Bewegungsvorgänge.

Dabei wahrgenommene, im Bilde nicht wiedererscheinende, daher in der

Vorstellung zu ergänzende Nebenerscheinungen, wie vor allem ~Geräusche~

(genaue Angaben), Farbenerscheinungen, Reden, Ausrufe, Gespräche,

Liedertexte, Tanz- und andere Musik usw.

Bei physikalischen und technischen Aufnahmen außerdem Maßangaben

(Messungen), wissenschaftlich nötige oder interessante Einzelheiten,

endlich (eventuell):

Metronomische Angaben über das Zeitmaß der Kurbeldrehung bei der

Aufnahme, für den Entwickler nötige Angaben über Beleuchtung und

technische Einzelheiten der Teilaufnahmen.

Es ist außerdem nötig, daß auf dem Rohfilm selbst an den Stellen, wo

ein Bild umspringt (Szenenwechsel), wenn Zeit dazu ist, nicht nur ein

Strich, sondern auch eine Notiz (eventuell Zahl) gemacht wird, so daß

Verwechslungen ausgeschlossen sind.

Kino und Kunst Lichtbühnen-Bibliothek Nr. 2 · 第 1 / 7 段