Mathes brummte: »Ich mag net.«

»Du mußt, deine Bildles sind noch net fertig.«

»Ich mag net.«

»Du bist dumm!«

»Du bist 'n Esel!«

»Ich hau dich!«

»Ich hau wieder!«

Und rips raps! lagen sich beide in den Haaren. Sie pufften und knufften

sich, zerrten sich durch das Zimmer, ein Stuhl flog um, auf dem Tisch

schwappte das Wasser über die Malerei, sie merkten es nicht. Aber Hulda

merkte es gleich. Die kam nämlich, um Abschied zu nehmen, ehe sie zu

ihrer Schwester ging. »Buben!« schrie sie, »rappelt's bei euch, daß ihr

euch am lieben Sonntagnachmittag prügelt? Na, so was!« Sie packte beide

und schüttelte sie tüchtig.

»Ich möcht' heim!« jammerte Peter.

»Ich auch!«

»I nä, auf einmal! Ihr habt wohl Heimweh?«

»Noi, ich hab' net Heimweh,« klagte Mathes, »aber ich möcht' heim.«

»Ich will auch heim!«

»Also habt ihr doch Heimweh! Ja, aber warum haut ihr euch denn?« Hulda

schüttelte immerzu den Kopf. »Das soll nun jemand begreifen!«

Sie begriff es nicht, und die Sternbübles begriffen auch nicht, was da

so in ihren Herzen zwickte und zwackte, sie unfroh machte; sie sagten

nur immerzu: »Wir haben net Heimweh!«

»Ach was, papperlapapp! Natürlich habt ihr Heimweh!« Hulda sah sich

nachdenklich im Zimmer um. »Wißt ihr was?« rief sie plötzlich und holte

aus dem Schrank die bunten Briefbogen heraus. »Darauf schreibt ihr

wieder an eure Mutter und an Gundel und an alle eure Freunde.«

Schreiben! Mathes dehnte das Wort ganz lang, sehr viel Lust hatte er

nicht. Doch Hulda wußte gut zuzureden, und so entschlossen sich die

Buben wirklich, Briefles zu schreiben.

Hulda räumte noch selbst den Tisch ab, stellte alles zurecht, ermahnte

die Buben, mit den Tintenklecksen sparsam zu sein, und dann ging sie.

Unterwegs dachte sie: Bin neugierig, ob sie mich nun wieder ekliger Affe

nennen!

Doch diesmal kam Hulda in den Briefen sehr gut weg. Vielerlei stand in

den Schreiben: von der Messe, dem Zoologischen Garten, vom Zigeuner, von

Annedore und der Konditorei. Eva, die den beiden selbst ihr Vesper

brachte, war froh, sie so gut beschäftigt zu finden. Sie versprach

ihnen: »Wenn der Onkel fort ist, spielen wir noch Lotto zusammen.«

Draußen rann und rauschte der Regen unablässig nieder. Der Tag erlosch

frühe. Der Onkel ging, und er verlangte sogar beim Abschied, noch die

Buben zu sehen. Hinterher tat es ihm doch leid, daß er sie verjagt

hatte, und er lud sie sogar ein, sie sollten ihn besuchen. Er erhielt

freilich keine Antwort. Denn wenn ein Kirchturm gekommen wäre und gesagt

hätte: »Wir wollen zusammen Haschen spielen,« verwunderter hätten die

Sternbuben nicht sein können. Da brummte Herr Brummerjan: »Kleinstädter

sind's, man merkt es!«

Kaum war der Onkel weg, da kam Hulda wieder. Tante Eva sagte: »Nun

spielen wir noch Lotto.«

Vor dem hübschen Bilderlotto riß das Heimweh ein bißchen aus; die Buben

wurden wieder ganz vergnügt. Während Eva mit ihren Gästen im Wohnzimmer

spielte, sagte Hulda gnädig zu Ida: »Ich will mal bei den Buben

aufräumen!« Und dann ging Hulda in das Bubenzimmer, räumte auf und --

las die drei Briefe, die Mathes und Peter geschrieben hatten.

Die gute Hulda war nämlich neugierig wie eine Elster, sie wollte wissen,

was diesmal von ihr in den Briefen stand.

Sie las und freute sich. Da stand: »Hulda liben wir fuhrchbar.« Na, das

hörte sich doch anders an als »ekliger Affe«. Hulda las die Briefe von

Anfang bis zu Ende, und obgleich sie auch mit der Rechtschreibung ein

wenig auf Kriegsfuß stand, dachte sie doch: Na, na, Buben, Fehler macht

ihr aber arg viele!

Doch was stand denn da?

Hulda las den Satz einmal, zweimal, ja, sie las ihn zum drittenmal, und

ganz bestimmt, er lautete: »Der Ziehgeuner siht aus wie Tante Efa, und

erst hat er mal blond ausgesän.«

»Dumme Jungen!« brummelte Hulda. Sie legte den Brief weg, nahm ihn

wieder auf, schüttelte immer mehr den Kopf, und dann setzte sie sich

plötzlich auf einen Stuhl; sie konnte nicht mehr stehen bleiben, so sehr

war sie vor ihren eigenen Gedanken erschrocken. »So was, das ist doch

nicht möglich!« Hulda hatte die Gewohnheit, manchmal mit sich selbst zu

sprechen; sie tat das jetzt auch und sagte tief seufzend vor sich hin:

»Dumme Jungen! Der Zigeuner unserm Fräulein Eva ähnlich! O du lieber

Himmel, auf was für närrische Gedanken kommt man noch! Nä nä, so was, so

was!«

Hulda vergaß, daß sie das Abendessen herrichten wollte, sie vergaß den

grauen Regentag, die Sternbuben und noch vielerlei, sie dachte nur immer

an einen blonden Buben, den sie so lieb gehabt hatte wie ein eigenes

Kind. »Fritz, mein Fritz,« klagte sie, »wärst du doch nicht in die weite

Welt gegangen!«

Draußen regnete es immerfort, doch auch innen im Zimmer gab es ein

Regengüßlein. Hulda weinte, sie hielt sich die Schürze vor das Gesicht

und weinte bittere Tränen hinein, und ein paar tropften auf Mathes

Brief, und es wurden große Flecke daraus. So weinend fand sie Ida, die

kam, an das Abendessen zu erinnern.

»Hulda!« rief sie erstaunt, »was ist denn los? Haben gar die Jungen

wieder frech geschrieben?«

»I wo!« Hulda trocknete sich seufzend die Tränen ab, nahm Mathes' Brief,

steckte ihn schnell in den Umschlag und klebte den zu. »Nett haben sie

geschrieben, ich -- ich dachte ..., na eben, ich dachte nur so

allerlei.«

Ida schielte nach den Briefen hin, zwei lagen noch da, und sie wollte

gerade danach greifen, als sie Mathes und Peter draußen trapsen hörten.

»Schnell, schnell, Hulda, das Abendbrot! Wann soll denn die gnädige Frau

ihre Suppe bekommen, wohl um Mitternacht?«

»Herrje!« Hulda rannte zur Türe hinaus, stieß dort mit den Sternbuben

zusammen, die sie ganz verdutzt ansahen. Hulda hatte geweint!

Zwei Minuten später wußte es die Pate und Tante Eva: Hulda hat geweint!

»Habt ihr sie geärgert?« fragte Eva erschrocken.

Aber die Buben hatten ein gutes Gewissen, und darum stiegen sie auch

unverzagt zu Hulda in die Küche hinab und fragten Hulda sehr

eindringlich nach ihrem Kummer.

»Mir fehlt nichts,« brummte diese. »Ich war nur mal 'n bißchen traurig,

weil -- weil --«

»Weil's geregnet hat?« fragte Peter.

»Ja, darum, und nu ist's wieder gut. Geht nur rauf!«

Viel war mit Hulda an diesem Abend nicht anzufangen. Sie blieb wortkarg,

behauptete, das Regenwetter wäre ihr in die Glieder gefahren, und sicher

würde es noch drei Tage lang regnen.

Das war kein guter Trost. Mathes und Peter gingen nicht so vergnügt wie

sonst zu Bett, und als sie allein im Dunklen lagen, kam das böse Heimweh

wieder und quälte sie, und sie machten es wie Hulda, sie weinten. Sie

taten dies freilich nicht still, sondern ziemlich laut, und Eva hörte

plötzlich wieder ein schauerliches Gebrüll. Erschrocken lief sie zu

ihren kleinen Gästen hinüber, drehte das Licht an und sah nun beide

heulend in ihren Betten sitzen.

»Aber Buben, was fehlt euch denn?«

»Ich möcht' heim!«

»Ich will auch heim!«

»Meine Mu--mutter!«

»Mu--u--« Peter konnte das Wort gar nicht mehr zu Ende sagen, er wühlte

schluchzend den Struwwelkopf in seine Kissen.

Sie haben Heimweh, dachte Eva mitleidig und versuchte die beiden Schelme

zu trösten. Erst mit guten Worten. Morgen würde die Mutter schreiben,

und morgen würde sie ihnen wieder etwas Neues zeigen. Als das nicht

half, fragte sie: »Soll ich euch vielleicht eine Geschichte erzählen?«

Wutsch! lief das Heimweh zur Türe hinaus; Mathes und Peter wischten sich

die Tränen aus den Augen, und beide riefen: »Ja, aber eine lange!«

»Eine von der Messe,« bat Mathes.

»Vom Affentheater,« verlangte Peter.

»Nein, davon nicht, aber eine von einem Karussell will ich euch

erzählen,« sagte Eva, »und so lang ist sie, wie sie lang ist. Also

hört!«

»Es war einmal eine alte Frau. Die besaß ein Karussell. Das war ihr

einziger Besitz. Damit mußte sie für sich und ihre drei Enkelkinder den

Lebensunterhalt erwerben. Nun war das aber kein großes, schönes

Karussell, sondern ein kleines, altes Ding, verschlissen und wacklig.

Und wenn die Frau damit auf die Messe oder auch nur auf einen Jahrmarkt

kam, da lachten die Leute, und niemand wollte auf dem alten Karussell

fahren. Die Kinder spotteten, nannten es den alten Klapperkasten und

gingen lieber zu den großen, neuen Karussells. Da hatte denn die arme

Frau nur immer geringe Einnahmen, und wenn es auf dem Jahrmarkt recht

lustig zuging, dann saß sie manchmal mit ihren Enkelkindern traurig im

Winkel, und der Hunger quälte sie. Sie sah, wie sich die andern

Karussells lustig drehten, wie sie gar nicht leer wurden, und ihr

kleines, schäbiges Karussell stand da, und niemand mochte damit fahren.

Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte · 第 9 / 14 题