»Ach, das hast du ja geträumt!«
»Noi, ich hab's net geträumt!«
Mathes blieb dabei, und da auch Annedore und Peter von dem Zigeuner
erzählten und Annedore ihn als sehr unheimlich schilderte, sagte Eva,
doch etwas ängstlich geworden: »Ihr dürft gar nicht mit ihm sprechen;
das nächste Mal lauft ihr gleich in das Haus zurück, wenn er noch einmal
kommen sollte. Und nun schnell, sonst wird es zu spät für das Museum.«
Es gab einen kurzen Abschied von Annedore, die wieder heim mußte, und
dann trabten die Buben neben Tante Eva her in die Stadt hinein. Durch
breite, schöne Straßen ging's, über weite Plätze, auch durch ein paar
enge Gäßlein. Selbst durch etliche Häuser hindurch führte Eva ihre
Schützlinge. Diese langgestreckten, hohen Häuser, die manchmal zwei,
drei Höfe hatten, glichen eher Gassen, und sie gefielen den Sternbuben
sehr. Noch besser gefiel es ihnen freilich dann, mit ihrer jungen Tante
in einer Konditorei zu sitzen und Kuchen zu schmausen. Wie sie so an
einem Marmortischchen saßen und von einem Kellner bedient wurden, kamen
sie sich ungeheuer wichtig vor. Sie dachten, alle Leute müßten sehen: Da
sitzen die Sternbuben aus Breitenwert und essen Kuchen; nein, wie
vornehm!
Sie waren in ihrem ganzen Leben noch nicht in einer Konditorei zum
Kuchenessen gewesen, denn in Breitenwert gab es nur eine einzige, und in
die gingen nur die großen Leute; für Kinder war da kein Platz. Einzig
schade war, daß die Freunde aus der Löwengasse nicht zuschauen konnten,
um sie beide zu bewundern. Die hätten Augen gemacht, o je!
Doch es kam niemand und wunderte sich, und dem Kuchen ging es, wie es
Kuchen einmal geht, er wurde alle, das Vergnügen war zu Ende. Ein
Weilchen später stiegen Mathes und Peter die breite Freitreppe zum
Museum empor. Eva öffnete die schwere Eingangstür, und drinnen umfing
kühle Stille die drei. Der hohe, weite Raum, die breite Treppe innen,
alles kam den Buben ungeheuer prächtig vor, und Peter wagte die
schüchterne Frage: »Ist das ein Schloß?«
»Ein Schloß ist's nicht, aber schön ist's, gelt?«
Die Buben nickten nur. Die Feierlichkeit des Raumes bedrückte sie fast,
und die vielen Bilder an den Wänden verwirrten sie. Doch Eva führte sie
zuallererst vor ein Bild, das ihnen beiden ausnehmend gefiel. Da saß der
Herr Jesus in einer hellen, sonnigen Stube, und viele Kinder umdrängten
ihn, Kinder, wie sie daheim in Breitenwert herumliefen. Fein und
lieblich war das Bild, recht zum Freuen. Nach diesem gab es andere
Bilder zu sehen; manche fanden Mathes und Peter langweilig, manche
gefielen ihnen, eigentlich aber fanden sie, es wären zu viele Bildles
da. Unten hingen welche, oben hingen welche, und wenn man dachte, nun
ist's zu Ende, da kam wieder ein Saal, ein Zimmer und wieder Bildles,
große und kleine.
Eva von Ringewald liebte ein Bild besonders. Eine Berggruppe stellte es
dar, die im ersten Schein der Morgensonne glänzte. Dieses Bild war für
sie eine Erinnerung. Diese schönen Schweizer Berge hatte sie einmal so
glänzen sehen mit dem verlorenen Bruder zusammen. Damals hatten sie
lustige Pläne geschmiedet; nach Indien wollten sie reisen, nach China,
weit, weit in die schöne Welt hinaus.
An all das dachte Eva, während sie mit den Buben auf der Polsterbank vor
dem Bilde saß, und sie vergaß ihre beiden Schützlinge darüber etwas.
Ganz still waren die, merkwürdig still.
Menschen kamen und gingen vorüber, hinter sich hörte Eva ein leises
Kichern, und dann blieb ein alter Herr vor ihr stehen und sagte
gutmütig: »Die beiden da sind recht müde.«
Eva erschrak und sah sich um. Neben ihr lagen die Sternbübles und --
schliefen. Mathes saß noch halb, aber Peter hatte sich auf der
Polsterbank ausgestreckt, und ein Bein baumelte herab.
»Aber Jungen!« Eva zupfte die beiden verlegen an ihren Kitteln. »Steht
auf!« flüsterte sie ihnen zu, aber ihre sanfte Mahnung half gar nichts,
die beiden schliefen vergnügt weiter.
»Die müssen kräftiger geweckt werden,« sagte der alte Herr, und er
beugte sich selbst zu Mathes herab, schüttelte ihn tüchtig und rief ihm
halblaut ins Ohr: »Wach auf!«
Ein paar Backfische, die zusahen, lachten hell auf, und von der fremden
Stimme und dem Lachen erwachten die Buben. Peter, der meinte, in seinem
Bett zu liegen, wollte sich umdrehen und kollerte dabei auf den Boden.
Es gab einen dumpfen Fall, und ein Aufseher eilte erschrocken herbei.
»Herrjeses, nee!« rief der, »man kugelt sich doch hier niche auf dem
Boden herum, so was, das schickt sich doch nich!«
»Sie sind müde,« riefen die Backfische mitleidig.
Eva von Ringewald war so verlegen geworden, als wäre sie selbst
hingefallen. Als nun aber die Buben wieder auf ihren Beinen standen und
sich noch verschlafen und grenzenlos erstaunt umsahen und das Lachen
ringsum lauter wurde, seufzte sie tief. Es war doch recht schwer, den
Sternbuben die große Stadt zu zeigen. »Kommt heim,« murmelte sie und zog
die beiden rasch mit sich fort dem Ausgang zu. Die beiden folgten halb
im Traum, und erst als sie draußen standen im Sonnenlicht, wurden sie
wieder munter.
Vor ihnen lag der weite, schöne Platz im hellen Glanz. Der Springbrunnen
rauschte, seine Wasserstrahlen glitzerten in der Sonne, über den Platz
liefen viele Leute, die Wagen rollten, die Klingeln der elektrischen
Bahnen schrillten, es war schon ein Leben und Getöse, von dem ein paar
Kleinstadtbuben müde werden konnten.
Eva überlegte sich das gerade, als Mathes sie sacht am Kleid zog. »Jetzt
bist du wohl bös, Tante?« flüsterte er bedrückt.
»Ich konnt' doch net dafür!« klagte Peter auf der andern Seite.
»Nein, ich bin nicht böse.« Eva beugte sich ein wenig vor und fragte
neckend: »Ihr armen Schelme, es war wohl recht langweilig?«
»Noi, fein war's!« riefen beide, und Mathes fügte ehrlich hinzu: »Nur zu
viel Bildles sind drin.«
Der Zoologische Garten wäre wohl besser gewesen, dachte Eva, und sie
begann auf dem Heimweg von den Löwen, Bären, den Affen und vielerlei
Tieren zu erzählen, die sie sich morgen zusammen ansehen wollten.
Da wurden die Buben blitzmunter, und die Fragen purzelten nur so heraus.
Kaum hatte Mathes etwas gefragt, da tat Peter seinen Mund auf, und Eva
hatte dem noch keine Antwort gegeben, da wollte schon Mathes wieder
etwas wissen. Sie fragten noch, als Eva schon die Türe zur Wohnung
aufschloß, und Hulda, die ihnen auf dem Flur entgegenkam, dachte nicht
anders, als die Buben wären im Zoologischen Garten gewesen, so viel
redeten die von den Tieren dort. Wenn Hulda fragte, ob es ihnen denn
gefallen hätte, antwortete Mathes, ein Elefant sei auch drin, Tante Eva
habe es gesagt; und Peter erzählte von den Bären.
Auch bei Tische redeten sie mehr von den Tieren, die sie sehen wollten,
als von den Bildern, die sie gesehen hatten. Frau von Ringewald lachte
dazu, und Eva freute sich über das Lachen der Mutter; sie dachte, es ist
doch gut, daß die Buben da sind. Und sie war lieb und gütig zu ihnen und
begleitete sie am Nachmittag selbst zu Annedore. Die wohnte in einem
schönen Hause drei Treppen hoch, und Eva schärfte unten Mathes und Peter
ein, wie sie oben zu klingeln hätten. Sie sollten auch fein höflich
sein, der Mutter Gruß nicht vergessen, nicht zu viel Kuchen nehmen und
auch nicht zu wild sein.
So mit guten Ermahnungen beladen, kletterten die Buben die drei Treppen
hinauf. Ein bißchen bänglich war ihnen freilich zumute. Aber oben ging
es dann vergnügter zu, als sie es gedacht hatten. Annedores Mutter war
eine fröhliche, gütige Frau, die wohl wußte, Buben sind mal laut, Buben
essen gern Kuchen und vergessen es manchmal, so fein höflich zu sein wie
Erwachsene. Annedores einziger Bruder war freilich schon beinahe ein
junger Herr, er saß in Obersekunda und hielt es natürlich unter seiner
Würde, mit der jüngeren Schwester und ihren Freunden zu spielen. Denen
gefiel das Spielen zu dreien aber auch sehr gut, sie waren ungemein
lustig, und die Sternbuben vergaßen darüber die große Stadt; sie
spielten so, wie sie in Breitenwert mit ihren Kamerädles spielten. Wie
sie so mitten drin in Spiel, Lust und Freude waren, horchte Annedore auf
einmal auf; sie hörte Stimmen draußen, doch die verhallten wieder, und
nach ein paar Minuten kam Marie, das Zimmermädchen, herein und sagte:
»Annedore, Herta und Irene waren da, sie sind aber wieder fortgegangen,
als ich erzählte, wer bei dir ist.«
»Mögen sie!« brummte Annedore nur, und dann spielten die drei weiter und
vergaßen die beiden, die sie im Stich gelassen hatten.
Unterdessen stiegen Herta und Irene sehr niedergeschlagen die Treppen
hinunter, und Irene sagte: »Du bist schuld, warum bist du fortgelaufen.«
»Du bist schuld, du hast gesagt, wir sollen die Jungen mitnehmen,« rief
Herta.
»Du hast es zuerst gewollt.«
»Nein, du!«
So stritten sich die beiden und gingen verstimmt miteinander heim, denn
sie ärgerten sich, daß Annedore nur die Sternbuben eingeladen hatte und
nicht sie dazu. Annedore liebten sie eigentlich beide, auch war Annedore
Klassenerste, und es galt als Ehre, mit ihr zu verkehren. »Sie ist böse
mit uns,« klagte Irene.
»Daran sind nur die Jungen schuld,« schalt Herta.
»Wir reden nicht mehr mit ihnen.«
»Nein, nie mehr! Es schickt sich gar nicht, mit ihnen zu verkehren.«
Als die beiden nach Hause kamen, waren sie entschlossen, nie mehr mit
diesen groben, ungezogenen Buben zu spielen, ja, nie mehr. Und zeigen
wollten sie es ihnen, sie wollten morgen und alle Tage in den Garten
gehen und tun, als wären ihnen ihre neuen Nachbarn ganz unbekannt. Sie
dachten sich allerlei aus, womit sie die beiden ärgern wollten, und
dabei weinten sie selber vor Ärger auf der Treppe, während just zur
gleichen Zeit Annedore und ihre Gäste lachten, daß Marie warnte: »Ihr
werdet noch platzen vor Lachen!«
Hulda fand aber die Sternbuben noch ungeplatzt, als sie kam, die beiden
heimzuholen. »So früh?« riefen Annedore und ihre Gäste. »Viel zu früh!«
»Nich zu früh, spät ist's schon. Aber morgen oder übermorgen mögt ihr
weiterspielen bei uns. Fräulein Eva hat's gesagt, ich soll's bestellen.«
Das war noch ein Trost, der den Abschied versüßte.
Vergnügt trennten sich die neuen Freunde, und die Buben wanderten
vergnügt mit Hulda heimwärts. Für alles, was sie zu erzählen hatten, war
der Weg zu kurz; vor dem Hause blieben sie darum noch stehen, weil Peter
durchaus eine Geschichte fertig erzählen wollte, die Annedore ihnen
erzählt hatte, und die furchtbar komisch war.
Er kam jedoch mit seiner Erzählung nicht zu Ende, denn Mathes schrie
plötzlich: »Da war er wieder!«
»Wer denn? Aber Junge, schrei doch nicht so!« mahnte Hulda.
»Der Zigeuner da, da!«
Ein Mann ging sehr eilig dicht an den Häusern entlang, er glich in der
tiefen Dämmerung nur noch einem Schatten, als Hulda ihn erblickte.
»I Junge, du siehst Gespenster! Du hast wieder geträumt.« Hulda brummte
es ziemlich unwirsch, der Zigeuner fing an, sie zu ärgern.
»Noi, ich hab's net geträumt,« behauptete Mathes genau wie am Morgen.
»Er war's wieder, er war es ganz bestimmt!«
Hulda schwieg, nachher aber sagte sie zu Eva: »Fräulein Eva, mit dem
Zigeuner das ist 'ne sonderbare Sache. Graulen kann man sich. Ich
glaube, wir müssen auf die Jungen achtgeben. Am Ende raubt sie uns der
Zigeuner noch und macht Meßleute draus. Man kann nie wissen, was so 'n
Zigeuner denkt. Heute nacht aber schlafe ich in der Schrankstube neben
den Jungen, damit ich gleich dabei bin, wenn sie schreien.«
Und Hulda schlief wirklich in der Schrankstube. Doch Mathes schrie nicht
und Peter schrie nicht, niemand und nichts störte Huldas Schlaf. Sie
stand darum auch nicht auf und sah auch nicht den Mann vor dem Hause
stehen, der lange, lange unverwandt zu den dunklen Fenstern
emporstarrte. Nur der Mond sah ihn, und der Mond dachte: Da steht
wirklich der Zigeuner wieder da, was der nur will?
Zwölftes Kapitel.
Kasperle muß das Heimweh vertreiben.
Herta und Irene gingen am nächsten Vormittag wirklich in den Garten, nur
um die Buben zu ärgern. So meinten sie; heimlich hofften sie aber,
Mathes und Peter würden sehr nett sein, und sie würden sich wieder
miteinander vertragen, und sie würden sich auch mit Annedore versöhnen,
alles würde gut sein. Doch sie kamen weder dazu, ihre Nachbarn zu ärgern
noch sich mit ihnen zu versöhnen. Die erschienen gar nicht. Im Garten
blieb es still, und als die beiden Mädel zur Mittagstunde mißmutig ihre
schönen Spielsachen zusammenpackten und wieder hinaufgingen, kamen die
Sternbuben gerade mit ihrer jungen Tante heim. Sie waren im Zoologischen
Garten gewesen. Dort waren sie nicht eingeschlafen, ja sie wären gern
noch einmal so lange dort geblieben, so gut hatte es ihnen gefallen.
An diesem Nachmittag ging es in der Ringewaldschen Küche wie in einer
Menagerie zu. Mathes und Peter brüllten, brummten, kreischten und
schrieen wie die Tiere, die sie am Morgen gesehen. Hulda mußte doch
alles hören! Peter ahmte einen Affen nach, Mathes brüllte wie ein Löwe,
und Hulda sagte, fürchterlich sei es.
Die Buben dachten nicht daran, in den Garten zu gehen; erst als Annedore
kam, stiegen sie mit der hinab, und die war gern bereit, Zoologischen
Garten mitzuspielen. Natürlich mußten sie wieder brüllen, kreischen und
quieken, und dieser Lärm lockte Herta und Irene in den Garten. Und nun
konnten sie nicht einmal tun, als wären die da drüben nicht zu sehen und
zu hören, dazu war der Lärm zu groß. Und Annedore war ja auch dabei, um
deren Freundschaft sie bangten.
Sie standen erst von fern, dann kamen sie näher und sagten nun doch
zuerst guten Tag. Annedore nickte ihnen zu. »Wir spielen,« rief sie
vergnügt.
Mathes vergaß seinen Groll, er fand nämlich, der Zoologische Garten
könnte reicher besetzt sein, und darum rief er über das Gitter den
beiden zu: »Wollt ihr mitspielen?«
»Ja -- wir können, ja!« Herta sagte es sehr zögernd, und dabei hatte sie
doch die allergrößte Lust mitzutun.
»Na, dann kommt! Herta kann Kamel sein und Irene Stachelschwein.«
»Pfui, seid ihr grob!«
»Wir sind doch net grob!«
»Ja, grob seid ihr -- ihr Kellnerjungen!«
Mathes, der ohnehin ein Löwe sein wollte, brüllte laut vor Zorn; er war
drauf und dran, über das Gitter zu steigen, doch Annedore hielt ihn
zurück. »Die haben gedacht, du schimpfst sie,« erklärte sie.
»Sie haben _uns_ geschimpft!«
Annedore war sehr friedfertig. Zank und Streit mochte sie nicht leiden,
darum rief sie über das Gitter:
»Das war doch nicht geschimpft!«
»Ich bin kein Kamel!«
»Ich bin kein Stachelschwein!«
»Es ist abscheulich, das zu sagen!«
Annedore lachte, und da erst begriffen die Sternbuben den Irrtum; sie
lachten mit, lachten so herzhaft, daß ihre gekränkten Nachbarinnen
angesteckt wurden. Sie kamen näher, Annedore erklärte, und über das
Gitter hinweg versöhnten sich alle. Das Gitter trennte sie; und doch
spielten sie zusammen. Diesseits waren die Käfige, und jenseits
wanderten Herta und Irene einher und bewunderten die brüllenden wilden
Tiere drüben. Sie waren lieber Zuschauerinnen als Kamel und
Stachelschwein.
Es wurde nach aller Ansicht viel zu früh dunkel, und viel zu früh mußte
Annedore heimwandern. Doch den frohen Nachmittag beschloß ein froher
Abend, und die Sternbuben schliefen mit dem seligen Gedanken ein: morgen
ist Sonntag.
Wenn schon die Wochentage so vergnügt waren, wie würde da erst der
Sonntag sein!
Als Mathes und Peter erwachten, hörten sie ein sachtes, sanftes
Rauschen. Unablässig erklang das, und im Zimmer war es auch nicht so
hell wie in den vergangenen Tagen.
Es regnete! Plitsch platsch! tropfte es draußen, grau der Himmel, naß
die Straße. Die Buben starrten ganz verdutzt hinaus. Auf Regenwetter
hatten sie nicht gerechnet. Sie hatten den Sonnenschein hingenommen, als
müßte es so sein; der Gedanke, es könnte ein solcher Regentag kommen,
der hatte ihnen himmelfern gelegen.
»Vielleicht hört's auf,« sagte Mathes.
»Und wir können doch auf die Messe gehen!« Peter erriet des Bruders
Gedanken, denn auch er hatte an die Messe gedacht. Hulda hatte nämlich
gestern gesagt: »Am Sonntag ist es am allerfeinsten auf der Messe.« Und
nun hofften beide, Hulda würde mit ihnen gehen.
Doch als Hulda in das Zimmer kam, sah sie gar nicht aus, als hätte sie
Lust dazu. Sie machte ein höchst verdrießliches Gesicht und brummte: »Es
regnet.«
»Es hört sicher bald auf,« antwortete Peter hoffnungsvoll.
»I nä, das hört nicht auf! Wenn's so träscht, dann dauert's immer 'n
paar Tage.«
Das war keine schöne Aussicht. Aber das Regenwetter war es nicht allein,
was Hulda die Laune verdorben hatte. Herr Buchner kam heute zum
Mittagessen. Und obgleich sie sich vorgenommen hatte, ihn niemals mehr
Herr Brummerjan zu nennen, sagte sie doch zu den Buben: »Herr Brummerjan
kommt heute, da nehmt euch nur zusammen, mit dem ist nicht gut Kirschen
essen!«
»Wir besuchen dich in der Küche,« riefen die Buben etwas kleinlaut, denn
ihre Freude über diesen Sonntagsbesuch war nicht groß.
»Nä, gibt's nich! Bleibt ihr heute nur oben! Wenn heute was am Essen
nicht gerät, denkt meine liebe Frau gar, ich hätt's absichtlich gemacht.
Heute muß ich meinen Kopf zusammennehmen. Und nachmittag geh ich zu
meiner Schwester.«
»Net auf die Messe?« fragte Peter enttäuscht.
»Bewahre, bei dem Wetter doch nicht! Heute heißt's zu Hause bleiben.«
Dies sagte ein Weilchen später auch Tante Eva. Und weil sie selbst
allerlei zu tun hatte, riet sie den Gästen: »Spielt recht fein! Ihr
dürft auch den Spielschrank ganz und gar ausräumen.«
Für Ausräumen nun waren die Buben mehr eingenommen als für Einräumen.
Sie ließen auch wirklich kein Stück im Schrank, sie spielten dies und
das, und zuletzt entdeckten sie noch einen kleinen Tuschkasten und ein
Bilderheft dazu. Ausmalen liebten Mathes und Peter sehr. Namentlich
Peter setzte gern die Farben recht kunterbunt durcheinander, und eine
rosenrote Kuh oder ein himmelblaues Schaf waren bei ihm nichts Seltenes.
Sie räumten schnell den Tisch ab und begannen zu malen. »Das feinste
Blättle kriegt Tante Eva,« sagten sie zueinander, aber auch für Hulda
suchten sie ein Bild aus, und Peter malte einen zitronengelben
Hirtenjungen, der zuletzt aussah wie ein Papagei.
Draußen schrillte ein paarmal die Klingel, Stimmen ertönten und
Schritte. Die beiden achteten nicht darauf. Sie erschraken daher sehr,
als Ida die Türe aufriß und ihnen zurief: »Schnell, schnell, ihr sollt
mal vor ins Gartenzimmer kommen!«
Klapp! schlug Ida die Türe wieder zu. Es hatte draußen wieder
geklingelt, darüber vergaß sie zu sagen, was Fräulein Eva ihr
aufgetragen hatte.
Schnell sollten sie kommen! Die Sternbübles ließen Bilder, Farben,
Pinsel, alles liegen und rannten hinaus. Schnell kommen hieß rennen,
hieß die Türen kräftig zuschlagen und ordentlich trapsen. Wie der
Sturmwind kamen sie beide ins Gartenzimmer hinein, aber sie blieben
erschrocken an der Türe stehen, denn das Zimmer war voll fremder
Menschen.
Da saßen ein paar Damen, da saß auch Herr Brummerjan.
»Kommt nur näher!« sagte Frau von Ringewald. Und Ida, die hinter beiden
die Türe öffnete, schob sie vor. »Geht nur, geht!« mahnte sie.
»Jungen, was habt ihr gemacht!« rief Eva tief erschrocken.
In diesem Augenblick sahen sich die Buben selbst in einem großen, der
Türe gegenüberhängenden Spiegel. Jemine, was war das!
Wie eigentlich alle Farben aus dem Tuschkasten auf ihre Gesichter und
Hände gekommen waren, das wußten sie nicht, aber da waren sie. Besonders
Peter sah beinahe wie sein zitronengelber Hirtenjunge selbst aus, ganz
papageienbunt.
Und die Hände, ach die Hände erst!
Mathes und Peter wären arg gern in ein Mauslöchle oder Fingerhütle
gekrochen, doch keins von beiden war da. Sie blieben daher vor Schreck
wie angewurzelt stehen, hörten Gelächter, hörten auch Herrn Brummerjans
verdrießliche Stimme: »Deine Schützlinge sehen nicht gerade sonntäglich
aus, Eva!«
»Geht hinaus!« Eva von Ringewald sagte es dreimal, sagte es so streng,
wie sie sonst nie sprach. Aber Mathes und Peter waren zu verdattert, die
rührten sich nicht.
»Ärgern Sie sich nicht, Fräulein von Ringewald, die beiden haben gemalt,
da kommt so etwas vor.« Die Stimme klang den Buben hold in die Ohren,
und sie sahen flehend zu der schlanken, hübschen Frau auf, die neben sie
getreten war. »Ich muß euch doch einmal anschauen, denn sonst ist meine
Annedore betrübt.«
Und sacht schob Annedores Mutter Mathes und Peter in das Nebenzimmer. An
der Türe drehte sie sich um und bat: »Ich darf, nicht wahr? Ich möchte
doch meiner Annedore neue Freunde kennenlernen!«
Und dann waren die Buben allein mit Frau Reinach, sie hörten die gütige,
frohe Stimme, und da wagten sich allmählich ein paar Wörtlein aus ihren
Mündern. Annedores Mutter wußte gut, wie man Bübles und Mädles, wenn der
Mund zugefroren scheint, auftaut. Ihre Stimme klang wirklich wie ein
sanfter, warmer Sommerwind. Die Sternbuben hatten in den letzten
lustigen Tagen, an denen vielerlei im bunten Wechsel an ihnen
vorübergezogen war, herzlich wenig an Breitenwert, an den Silbernen
Stern, ihre Mutter und an Gundel gedacht. Plötzlich fiel ihnen alles
ein. Ihre Mutter sprach anders als Frau Reinach, und doch meinten sie,
die Mutter zu hören. Irgend etwas zwickte und zwackte da an ihren
Herzlein herum, tat weh und machte sie traurig.
Annedores Mutter strich ihnen sacht über die beschmierten Gesichter.
»Nun geht, ihr zwei, und wascht euch und seid wieder vergnügt.
Übermorgen müßt ihr wieder zu uns kommen. Annedore freut sich schon
darauf. Soll ich sie grüßen?«
Mathes und Peter nickten, und weil ihnen nichts zu sagen einfiel,
nickten sie wieder und wieder. Endlich murmelte Peter schüchtern: »Kann
sie net morgen kommen?«
»Nein, morgen ist sie zu ihrer Freundin Herta eingeladen, da darf sie
nicht mehr absagen.«
Im Nebenzimmer tönten die Stimmen lauter, Schritte erklangen, da sagte
Frau Reinach noch rasch: »Jetzt muß ich auch gehen, Kinder. Lebt wohl
und vergeßt das Waschen nicht vor dem Essen.«
Bedrückt schlichen sich Mathes und Peter in ihr Zimmer. Da lag ihre
schöne, bunte Malerei auf dem Tisch, und sie sahen fast böse darauf hin.
Die dummen Farben, warum klebten die auch so an! Seufzend gingen sie
beide an den Waschtisch und begannen eine große Rumpelei. Sie wollten
sich sehr schön machen und nahmen dazu ihre Bürstlein zu Hilfe; sie
rieben und rieben, bis Gesichter und Hände krebsrot waren, da endlich
fanden sie, es sei genug geschehen. Just da kam Ida ins Zimmer. Die rief
schon an der Türe ärgerlich: »Buben, was habt ihr denn gemacht? Schelte
hab' ich noch um euretwillen gekriegt. Na, seid ihr nun rein? Je, je,
ihr glänzt ja wie 'n paar Tomaten!«
So eine stille Mahlzeit wie diese hatten die Sternbuben im Hause der
Pate noch nicht erlebt. Frau von Ringewald fühlte sich matt, sie sprach
kaum, nur manchmal warf sie den Buben einen freundlichen Blick zu. Auch
Eva tat das. Deren Groll war rasch vergangen, weil aber Mathes und Peter
mit ihren Nasen beinahe auf den Tellern lagen, sahen sie die guten
Blicke nicht. Sie hörten nur immer Herrn Brummerjan reden. Der hatte
eine heisere Stimme, die immer verdrießlich klang, immer so, als tadele
er. Wie gut er es eigentlich im tiefsten Herzen meinte, das wußte nur
seine Schwester. Die wußte auch, daß der Bruder mit ihr um den
verlorenen Sohn litt, wußte, daß er seine Strenge längst bereute. Eva
dagegen grollte dem Onkel bitter, und darum war sie wie immer in seiner
Gegenwart schweigsam.
In diese Stille hinein klang ein paarmal ein lautes Klirren und
Klappern. Erst fiel Peter seine Gabel auf den Fußboden, dann warf Mathes
beinahe den Teller hinab. Jedesmal sagte Herr Brummerjan ärgerlich:
»Nicht so laut!« und jedesmal klapperten die Buben vor Schreck noch
lauter.
»Die Buben sind schrecklich unerzogen!« rief der Onkel gereizt. »Sie
sollten wirklich nicht mit am Tisch essen.«
Und das sagte er gerade, als Ida eine schöne rosenrote süße Speise
brachte, die gar lieblich duftete.
Die Sternbuben erschraken. Und wie es kam, wußte Mathes selbst nicht:
sein Teller begann zu rutschen, er wollte ihn halten, Peter wollte
helfen, und da sprang Peters Teller hops! vom Tisch, es klirrte, und das
feine Gerät lag zerbrochen am Boden.
»Unausstehlich ist's!«
Eva stand rasch auf, sagte leise zu den Buben: »Kommt!« und führte die
zwei still aus dem Zimmer. »Ida bringt euch den Nachtisch in euer
Zimmer, geht jetzt,« sagte sie draußen, und dann kehrte sie selbst
schnell in das Speisezimmer zurück. Sie wollte um der Mutter willen den
Onkel nicht ärgern.
Vom Mittagstisch weggeschickt!
Als Ida mit dem Nachtisch ins Bubenstüble kam, fand sie die beiden
bitterlich weinend am Fenster stehen.
»Heult nur nicht!« tröstete sie gutmütig. »Fräulein Eva hat euch
ordentlich viel süße Speise geschickt und da auch noch kleine Kuchen
dazu, kommt nur und eßt!«
Ida ging wieder aus dem Zimmer, und die Sternbuben aßen den Nachtisch.
Aber Tränen sind keine gute Würze. Das köstliche Gericht schmeckte ihnen
nicht, die Herzen waren ihnen schwer, sie fühlten sich einsam und
unglücklich, und Mathes sagte endlich mit tiefem Seufzer: »Ich möcht'
heim!«
»Ich auch!« Peters Tränen salzten die süße Speise. Bissen um Bissen
stopfte er in den Mund, und als er fertig war, heulte er laut: »Ich will
heim!«
Als Eva von Ringewald nach einem Weilchen kam, um nach ihren
Schützlingen zu sehen, fand sie zwei rechte Jammerbübles am Fenster
stehen. Sie tröstete linde, sagte, sie wäre nicht böse, ließ sich sogar
die Malerei zeigen, das Bildle, das sie haben sollte, ermahnte, es
fertig zu machen, und meinte, als sie ihre Gäste verließ, um mit dem
Onkel, während die Mutter schlief, Schach zu spielen, alles sei nun gut.
Heimweh ist aber ein böses Ding. Wenn es einmal da ist, spaziert es
nicht so geschwind wieder zum Herztürlein hinaus. Und in den Herzen der
Sternbübles saß das schlimme Ding und erzählte an diesem Regensonntag
immer vom Silbernen Stern und der Löwengasse.
Am liebsten wären beide rutsch! mit der Bahn heimwärts gefahren. An
Regentagen war's auch lustig in der Löwengasse; da platschte man im
Gäßle herum, ließ Schiffchen schwimmen, lief zu den Nachbarn. Da rannte
man husch! husch! und sagte dann stolz: »Ich bin unter dem Regen
weggelaufen, kein Tröpfle hat mich getroffen.« Man sagte das nämlich
auch, wenn man quitschquatschnaß war.
Ja, das Löwengäßle, wenn man doch gleich mal hätte dort sein können!
Und vor Heimweh kamen die beiden in eine bitterböse Streitlaune.
»Wir wollen malen,« sagte Peter.