»Sicher!« Eva nickte. »Es war zu viel, morgen dürfen sie nicht wieder
auf die Messe,« erklärte sie.
Aber als Mathes am Morgen beim Frühstück saß, da behauptete er: »Ich
hab' net geträumt, der Zigeuner ist auf dem Gäßle gestanden.«
Und dabei blieb er.
Elftes Kapitel.
Die vielen Bilder.
Offenbar dachte die Sonne auch an diesem Tag, weil die Breitenwerter
Sternbübles nun doch einmal nach Leipzig gefahren sind, muß ich auch
dort scheinen. Sie glänzte wieder frühlingsschön am blauen Himmel, und
Mathes und Peter sahen nach dem Frühstück ein wenig betrübt auf die
sonnige Straße hinab. Tante Eva hatte gesagt: »Heute früh wird
daheimgeblieben; ihr mögt im Garten spielen. Allzuviel ist ungesund.«
Der kleine Garten lockte nicht sehr, und auf Herta und Irene waren die
Buben noch böse, also schien ihnen der Vormittag ein bißchen langweilig.
Aber Tanten, zumal wenn sie ein so weiches Herz haben wie Eva von
Ringewald, sehen nicht gern betrübte Kindergesichter, und sie ändern
dann wohl ihre Meinung.
Eva sah die Buben am Fenster stehen und etwas trübselig hinausschauen,
da dachte sie, es sind doch Ferien und die beiden sind zum Besuch hier,
was haben sie da vom Daheimbleiben am lichten Tag? Sie ging zu ihrer
Mutter und fragte die, und diese gute Mutter sagte sanft: »Geh mit ihnen
aus, zeig ihnen etwas, vielleicht den Zoologischen Garten.«
»Nein,« rief Eva, »heute nicht, dort erleben sie sicher wieder ein
Abenteuer und schreien in der Nacht. Ich führe sie ins Museum.«
»Auch recht!« Frau von Ringewald lächelte ein wenig. »Ich bin neugierig,
wie es ihnen dort gefällt.«
Husch! lag der Sonnenschein auch auf den Gesichtern der Buben, als Eva
ihnen sagte: »Wir gehen doch spazieren, ins Museum.«
»Hurra! Wo die vielen Bildles sind?« Mathes und Peter konnten sich nicht
schnell genug zum Ausgang richten; sie waren fertig, ehe Eva auch nur
den Hut aufgesetzt hatte. Die sagte: »So schnell geht das nicht, ich
habe noch für Mutter allerlei zu besorgen. Gehet aber einstweilen
hinaus, ihr müßt mir freilich versprechen, kein Schrittlein weiter als
bis ans Nachbarhaus zu gehen.«
Die Buben gaben das Versprechen, und sie hielten es auch. Und dies war
nicht einmal leicht, denn die Straße entlang kam mit flatternden Zöpfen
Annedore. Die winkte und nickte schon von großer Weite, und sie wunderte
sich arg über die Buben, warum die ihr nicht entgegenkamen.
Die standen und taten kein Schrittlein über die Hausgrenze hinaus. Sie
wollten brav sein, und als Peter noch einen Hopser wagen wollte, hielt
Mathes ihn fest: »Wir dürfen net.« Danach sahen sich beide an und
nickten sich zu, sie waren nämlich über ihre eigene ungeheure Bravheit
selbst erstaunt.
»Hallo, hallo!« schrie Annedore.
»Hallo, hallo!« antworteten die Buben und blieben stehen.
»Seid ihr angewachsen?«
»Noi! Wir dürfen net weiter.«
Da war Annedore schon neben ihnen, und es gab eine sehr herzliche
Begrüßung.
»Ich will euch nämlich einladen,« sagte Annedore vergnügt. »Meine Mutter
hat's erlaubt, obgleich sie euch noch nicht kennt, aber sie kennt Frau
von Ringewald, also geht es. Halb fünf dürft ihr kommen.«
Den Sternbuben kam nun freilich die Einladungsgeschichte etwas
umständlich vor; in Breitenwert lud man feierlich nur zu Geburtstagen
ein, sonst lief ein Kamerädle dem andern ohne Umstände ins Haus.
Immerhin, der Gedanke, am Nachmittag zu Annedore zu gehen, war
verlockend. Sie sagten daher sehr laut zu, und Annedore erklärte, sie
würde nun gleich auf Tante Eva warten, um diese zu fragen. »Fein, fein!«
jauchzte sie und hüpfte hin und her.
»Fein, fein, fein!« schrieen die Buben laut. Wer am Ende der Straße
wohnte, konnte gewiß ihr Rufen hören.
»Was ist denn fein?« Ein dunkler Schatten fiel über die sonnige Straße,
und als die drei aufblickten, sahen sie -- den Zigeuner vor sich stehen.
Nur nicht so bunt angezogen wie auf der Messe war er. Mathes erschrak
fürchterlich. Gerade wie in der Nacht war es. Aber doch wieder nicht so
unheimlich, denn Annedore war ja da, und Peter schlief nicht, ja alle
beide schauten den Zigeuner mehr neugierig als erschrocken an.
»Was ist fein?« fragte der Zigeuner noch einmal, und sein Blick glitt
dabei scheu am Hause entlang.
»Wir sind eingeladen,« antwortete Peter.
Der Zigeuner lächelte ein wenig. »Und jetzt geht ihr wohl spazieren --
allein?«
»Noi, mit Tante Eva!«
Peter blieb die Antwort halb im Munde stecken, denn Annedore zog ihn
heftig am Kittel. »Man darf nicht mit fremden Leuten reden,« tuschelte
sie ihm zu.
Ob der Zigeuner das gehört hatte? Er kniff die Augen ein wenig zu,
schielte wieder nach dem Hause hin und sagte langsam: »Dann ist -- eure
Tante wohl wieder -- gesund?«
Weil nach Peters Meinung jemand, der im Bett lag, sehr krank war, rief
er eifrig, ohne sich an Annedores Zerren und Ziehen zu kehren: »Noi, die
ist alleweil noch krank, furchtbar krank!«
Der Zigeuner lief plötzlich davon. Mit langen Schritten rannte er die
Straße hinab, und gerade als Eva von Ringewald aus dem Hause kam, bog er
in eine andere Straße ein.
»Der Zigeuner war da.«
»Annedore hat uns eingeladen.«
»Er hat mit uns geredet.«
»Ihre Mutter hat's erlaubt.«
»Er hat die Augen zugekniffen und so gemacht.« Mathes drehte den Kopf,
schielte nach dem Hause hin, und Eva von Ringewald stand da und wußte
nicht recht, was alle diese Reden bedeuten sollten. Sie sah den Zigeuner
nicht mehr, aber Annedore sah sie stehen; sie fing daher von der
Einladung an, und Annedore knickste und richtete mit so wohlgesetzten
Worten die Bestellung ihrer Mutter aus, daß die Sternbuben sie darob
anstaunten. Wie Alette Amhag, das Prinzeßchen der Löwengasse, kam sie
ihnen vor, und doch war sie eigentlich eher wild und lustig wie Trinle
Grill. Eva gab die Erlaubnis zu dem Nachmittagsbesuch, sie redete noch
ein paar Worte mit Annedore, dann fragte sie nach dem Zigeuner.