Die Buben nickten lebhaft. »Wir wollen sie -- Kasperle geben.«

Unsinn, hätte Hulda beinahe gesagt, aber sie tat es nicht, sie besann

sich auch nicht lange, sondern nickte bedächtig mit dem Kopf:

»Meinetwegen, mir ist's recht. Ist ja auch wahr, Spielzeug habt ihr

genug, und -- Kasperle kann es gewiß brauchen.«

Einige Augenblicke später standen die drei wieder vor dem Budchen, und

Mathes und Peter brüllten den Vorhang an: »Kasperle, komm raus, wir

wollen dir was schenken!«

Zwei, dreimal wiederholten sie ihren Ruf, bis das Zipfelmützchen aus dem

Vorhang herauslugte und eine klägliche Stimme fragte: »Vielleicht 'ne

Wurst?«

»Noi, das hier!« Mathes und Peter reichten jeder seine Mark hinaus, und

Hulda gab auch eine, und Kasperle purzelte vor Verwunderung über die

reiche Gabe beinahe aus dem Budchen heraus. »Ich freu' mich, ich freu'

mich!« schrie er und wackelte mit Kopf und Beinen, und dann setzte er

sich auf die Brüstung der kleinen Bühne und begann zu singen, und es

klang, als ob ein Hahn krähte:

»Kasperle ist 'n armer Mann,

Hat nur sein Flick-Flickröcklein an,

Hat nicht Bett, hat nicht Tisch,

Hat nicht Braten und nicht Fisch.

Trocken Brot am Morgen,

Abends Kummer und Sorgen,

Das ist 'n bißchen wenig,

Doch tauscht er mit kein' König;

Denn allzeit lustig, allzeit froh

Ist Kasperle, hussaholdrioh!«

Zuletzt schrie Kasperle und zappelte immer toller, die Buben jauchzten,

und der Lärm lockte neue Zuschauer herbei. Als Hulda und ihre

Schützlinge gingen, drängten sich die Menschen vor dem Budchen ganz

dicht zusammen; Kasperles Stimme übergellte selbst das Karussell, und

Hulda sagte befriedigt: »Heute geht's dem mal gut, aber nun gehen wir

hier rein und trinken Kaffee.«

Gegen diesen Vorschlag erhoben die Buben keinen Widerspruch. Freilich,

so flink kamen sie nicht zu ihrem Kaffee. Ein Schwarzer lief ihnen über

den Weg, der sah genau so aus wie der von gestern, und aufgeregt rissen

sie Hulda von der Tür der Kaffeeschenke weg: »Da ist er, da ist er!«

»Wer denn?« Hulda sah sich rundum, sie sah viele, viele Menschen, aber

den Schwarzen sah sie nicht, der war in eine Bude hineingegangen, und

Mathes und Peter konnten nur von ihm erzählen.

Hulda war gar nicht verwundert, sie sagte gelassen: »Solche laufen hier

oft rum, und hier drin spielen sogar Zigeuner. Ja, ja, bei uns gibt's

was zu sehen!«

Die drei traten nun in einen großen, hellen Saal ein, in dem viele

kleine Tische standen. Fast alle waren sie schon besetzt, aber

schließlich fand sich neben einer kleinen Treppe noch ein freier Tisch

für die neuen Gäste. Das Treppchen führte zu einer kleinen Bühne empor,

auf der ein paar Männer in bunten, seltsamen Gewändern saßen und Geige

spielten.

»Das sind die Zigeuner,« erklärte Hulda. Sie selbst sah kaum zu den

Spielern auf, sie sah sich lieber um, sah sich die Menschen an, die im

Saal saßen, und außerdem dachte sie ungeduldig an Kaffee und Kuchen.

Mathes und Peter aber starrten unentwegt zu den Zigeunern empor. Durch

Breitenwert waren einmal solche gezogen, die hatten freilich nicht so

bunt und sauber ausgesehen, sondern recht zerlumpt und schmutzig. Käthle

im Silbernen Stern hatte allerlei wunderbare Geschichten von ihnen

erzählt, hatte gesagt, sie könnten wahrsagen, es ginge aber nie in

Erfüllung. Auch Kinder sollten sie rauben, stehlen und sonst allerlei

unbehagliche Taten tun. Alles hatte ein bißchen graulich geklungen, und

Mina hatte alles dumme Räubergeschichten genannt. Jedenfalls waren

Zigeuner Leute, die sich für zwei Buben schon des richtigen Ansehens

lohnten, zumal wenn die Buben selbst gemütlich am Kaffeetisch saßen.

Mathes und Peter besorgten darum das Anschauen auch recht gründlich und

suchten allerlei Räuberhaftes an den Zigeunern zu entdecken. Dies war

ein vergebliches Bemühen. Die vier Männer sahen nämlich sehr gutmütig

aus, kein bißchen grimmig, und so braun und dunkelhaarig, wie eigentlich

Zigeuner sein sollten, waren sie auch nicht. Ja, sonderbar genug, der

eine hatte zwar schwarze Haare, dazu aber kornblumenblaue Augen, solche,

wie Fräulein Eva sie hatte. Er wandte den Buben halb den Rücken zu, aber

jedesmal, wenn er sich etwas drehte, stießen die beiden sich an, und

endlich tuschelte Mathes dem Bruder zu: »Das ist er!«

Peter sah etwas zweifelhaft drein, so ganz klar war ihm die Sache nicht.

Doch als der Zigeuner einmal nach ihnen hinsah, nickte er ihm zutraulich

zu, und Mathes nickte auch.

»Herrje! Wem nickt ihr denn da zu?« fragte Hulda erstaunt. »Kennt ihr

denn jemanden?«

»Ja, den Zigeuner oben,« flüsterte Mathes, »der hat uns gestern

heimgebracht.« Und sein Fingerlein wies Huldas Blicken den Weg.

»I nä!« Hulda starrte nun auch zur Bühne empor, aber da hatte sich der

Zigeuner gerade umgedreht, und nur sein Rücken war noch zu sehen. Da

murmelten die Buben auf einmal höchst erstaunt: »Gestern war er aber

blond!«

»Dann ist er's eben nich!« Hulda lachte. »Ihr seid schon 'n paar

Dummchen; wie soll denn 'n Zigeuner wissen, wo ihr hingehört, die sind

doch fremd hier. Und wenn einer einen Tag blond ist und den anderen

schwarz, dann ist er eben ein anderer.«

Und nach dieser Rede Huldas kam der Kaffee und der Kuchen, und alle drei

vergaßen ein Weilchen die Zigeuner vollständig. Erst beim Weggehen

dachten die Buben wieder an den geheimnisvollen Mann, und gerade als sie

hinsahen, blickte sie der Zigeuner an. Sein Blick war freundlich und

vertraut, und alle beide pufften Hulda gelinde, und Peter schrie laut:

»Er ist's doch! Da, er sieht uns.«

Schwapp! drehte der Zigeuner ihnen wieder den Rücken zu, und Hulda

brummte ärgerlich: »So 'n dummer Kerl, mal ansehen kann er sich doch

lassen! Aber nun kommt, jetzt könnt ihr auf dem gräßlichen Drehding

fahren, nur schlecht darf's euch nich werden.«

Die Bübles versicherten eifrig, ihnen würde es nicht schlecht, es wäre

ihnen noch niemals schlecht geworden vom Karussellfahren, und sie

purzelten auch ganz bestimmt nicht runter.

Das richtige Karussell zu finden, war gar nicht leicht. Den Buben gefiel

eins immer besser als das andere, und sie wählten und wählten, bis

endlich Hulda sagte: »Entweder fahrt ihr jetzt oder nicht.« Da

entschlossen sich die beiden, ein Karussell zu besteigen, auf dem es

Löwen und Tiger und noch viele andere Tiere gab. Hulda bezahlte gleich

für drei Fahrten, und dann sagte sie, sie würde rasch einige Töpfe

kaufen, inzwischen sollten die Buben fahren und sie wieder hier am

Karussell erwarten. Dies versprachen die beiden, und sie erstiegen

vergnügt ein paar Wüstentiere, und dideldum! ging die Fahrt los.

Hulda kaufte Töpfe, die Buben fuhren, zuletzt auf ein paar Schwänen, und

als diese dritte Fahrt begann, sahen sie plötzlich unter den Zuschauern

den Zigeuner stehen. Als sie an ihm vorbeikamen, nickten sie ihm zu, und

diesmal nickte er wieder. Rundum ging's, da war wieder der Zigeuner, sie

nickten, er nickte, und wieder rundum; da stand er noch immer, und

wieder nickten sie, und wieder nickte er.

»Wenn's alle ist, gehen wir zu ihm,« sagte Peter.

»Da ist Hulda,« rief Mathes.

Und da stand wirklich Hulda, nickte, winkte und lachte, die Musik brach

ab, die Fahrt war zu Ende.

»Schon!« sagten die Bübles seufzend, und dann kletterten sie von ihrem

köstlichen Sitz herab und wurden unten von Hulda empfangen. Die hatte

ihre Töpfe gekauft, und den Buben drehte sich ein Weilchen alles im

Kreise herum, und erst als sie wieder fest auf den Beinen standen,

konnten sie Umschau nach dem Zigeuner halten. Doch von dem war selbst

die Nasenspitze nicht mehr zu erblicken, und Hulda lachte sie beide noch

obendrein aus. »Das ist doch so,« erklärte sie, »wenn eins auf dem

Karussell fährt und nickt, dann nicken die Zuschauer wieder. Doch nun

kommt, jetzt gehen wir noch ins Affentheater und dann nach Hause!«

Affenbekanntschaften hatten die Sternbübles in ihrem Leben noch nicht

viele gemacht, sie gingen sehr neugierig und erwartungsvoll in das

Theater hinein und dachten, wenn die Äffles so lustig sind wie Alette

Amhags Augustle, der leider so schnell gestorben war, dann wird's fein.

Es wurde aber noch feiner als fein, es wurde herrlich!

Hulda nahm ersten Platz, und dann saßen alle drei nebeneinander auf

roten Samtstühlen, und das Spiel begann. Wie Menschen waren die Affen

gekleidet, und wie Menschen benahmen sie sich; sie aßen und tranken,

fuhren spazieren, gingen wie vornehme Damen und Herren einher, machten

allerlei Kunststücke, warfen den jauchzenden Kindern im Zuschauerraum

Kußhände zu, zankten sich und versöhnten sich, zuletzt gab es sogar eine

Hochzeit, und damit war das Spiel aus.

»Kommt!« mahnte Hulda.

Doch die Buben rührten sich nicht. Die starrten wie verzaubert auf den

bunten Vorhang der kleinen Bühne. Dahinter waren nun die lustigen,

drolligen Spieler verschwunden, und als Hulda wieder zum Aufbruch

drängte, da riefen beide: »Es war so kurz!«

»Je, ihr wollt wohl sechs Stunden mit 'ner Draufgabe hier sitzen!«

murmelte Hulda. »Nächstes Mal da gehen wir wieder her, nu kommt, wir

müssen nach Hause gehen. Fräulein Eva denkt sonst, sie haben uns gleich

dabehalten.«

Da lösten endlich die Bübles mit einem tiefen Seufzer ihre Blicke von

dem Vorhang los. Es war wirklich eine schwere Trennung, und als sie

durch das Theater schritten, das schon ganz leer war, und in dem nur

noch ein paar Lampen brannten, drehten sie sich so häufig um, daß Hulda

sagte: »Ihr werdet noch mit den Augen rückwärts heimkommen! Jetzt

aufgepaßt, hier geht's raus!«

Und da waren sie draußen. Der Spätsommertag neigte sich schon seinem

Ende zu, und nur ein breiter roter Streifen am Himmel erzählte vom Tag,

der vergangen war. Nach diesem schönen Himmelsschein sah aber niemand;

auf dem Meßplatz war es hell genug. Alle Buden und Karussells hatten

flink ihre Lampen angezündet; rote, blaue, gelbe, grüne Lichter glänzten

auf. Das funkelte, schimmerte und flimmerte wie in einem Märchenland.

Die Schaubuden hatten sich in Feenpaläste verwandelt, und die Karussells

glitzerten, als trügen sie Edelsteine zum Schmuck. Und immer neue

Lichter flammten auf, immer heller wurde der Glanz, und immer fröhlicher

klang das Dudeln der Leierkasten, das Geigen und Blasen der Instrumente.

Die Luftschaukel stieg auf und ab, die Karussells drehten sich, die

Menschen lachten und jauchzten, und immer mehr und mehr kamen und

füllten den weiten Platz.

Der rote Streifen am Himmel verlosch; blaß, fein und noch ein wenig

schief ließ der Mond sich sehen. Sehr vergnügt sah er gerade nicht auf

das Lichtergewirr herab; das ärgerte ihn tüchtig. Er dachte wohl: Ihr

dummen, dummen Menschen, was braucht ihr den vielen Glanz? Habt ihr

nicht uns, die schönen, sanften Himmelslichter?

Es war wirklich gut, daß der Mond seine betrübte Frage nicht an die

Sternbübles richtete, denn die hätten ihm sicher in diesem Augenblick

eine blitzdumme Antwort gegeben. Die meinten nämlich, es könnte auf der

ganzen Welt nichts Wundervolleres geben als dies blitzende, bunte,

funkelnde Durcheinander; sie hätten hinten, zu Seiten, oben auf dem Kopf

und gar noch an jeder Fingerspitze Augen haben mögen, um nur alles recht

genau zu sehen. Sie rissen ihre Äuglein zwar weit genug auf, es langte

aber immer noch nicht, und darum stießen sie da und dort an, stolperten,

drehten sich wie Kreisel, so daß Hulda immer wieder mahnen mußte:

»Kommt, kommt, es ist Zeit!«

Bums! rannte Peter an einen Mann an, der ein großes Plakat trug und mit

lauter Stimme irgend etwas schrie.

»Dummer Bengel!« schalt er, und Hulda ergriff ihren Schützling. »Junge,

sieh dich doch vor!« mahnte sie. »Komm! Herrje, wo ist denn Mathes?«

Sie blickte nach rechts, schaute nach links, da sah sie ein paar

Schritte weit Mathes mit weit offenen Augen vor einer Bude stehen, vor

der ein Mann in scharlachrotem Anzug stand, der immer brüllte: »Hier

gibt's das größte Wunder der Welt zu sehen, das allergrrrrößte!« Hulda

packte Mathes und zog ihn mit fort. »Nun komm endlich! Herrje, wo ist

denn Peter?«

Da war Peter wieder verschwunden! Diesmal half kein Rechts- und

Linkssehen, und es blieb Hulda nichts weiter übrig, als laut des

Vermißten Namen zu rufen: »Peter, Peter!«

»Peter, Peter!« riefen gleich ein paar andere Leute mit.

»Peter!« gröhlte ein langer Bengel, »Peter!« quiekte ein stubsnäsiges

Fräulein von einer Schaubude herab, und da kam Peter, atemlos und froh,

Hulda und Mathes wiederzusehen. Er war gestoßen worden, weggedrängt, er

wußte kaum wie, und Hulda, froh, ihn wieder zu haben, rief etwas

überlaut: »Na endlich, nu gehen wir aber nach Hause!«

»Is recht, die Kleenen müssen ins Bette!« schrie der lange Bengel, der

vorher laut nach Peter gerufen hatte. »Das sind ja noch Wickelkinder,

und man 'n Schnuller nich vergessen!«

So eine Beleidigung!

Mathes und Peter vergaßen Messe, Lichterglanz, fremde Menschen, die

große Stadt, Hulda und alles; sie taten, als wären sie daheim in

Breitenwert auf der Löwengasse, wo sie sich auch nicht Hohn und Spott

gefallen ließen. Ehe der fremde Junge noch wußte, wie ihm geschah,

rannten die beiden wütend gegen ihn an und puff, platsch! sausten die

kleinen, derben Bubenfäuste auf ihn nieder.

Eine Prügelei auf dem Meßplatz!

Hulda schrie laut und versuchte ihre Schützlinge fortzuziehen. Neben dem

großen Jungen aber erschienen plötzlich drei, vier andere, die sich

drohend gegen die Sternbübles wandten, und die hätten beinahe recht

tüchtige Haue bekommen, wenn nicht irgend jemand sie gepackt und

fortgezogen hätte. Ganz rasch ging das; eins, zwei, drei! Da standen sie

auf einmal im Winkel am Kasperletheater, Hulda kam angelaufen, und in

der Ferne verschwand ein buntgekleideter Mann.

»Der Zigeuner,« sagte Mathes, als er wieder zu Atem kam.

»Jemine, was ihr mir für 'n Schreck eingejagt habt!« Hulda sah sich nach

dem Retter um, doch der war im Gewühle verschwunden, und sie nahm nun

die Buben fest an den Händen und eilte im Sturmschritt mit ihnen dem

Ausgang zu. Stehenbleiben litt sie nicht mehr, aber dann blieb sie auf

einmal selbst wie erstarrt stehen, als Peter fragte: »Wo hast du denn

die Töpfe?«

Ja, wo waren die!

»Im Affentheater hab' ich sie vergessen, du meine Güte!« jammerte Hulda.

»Den ganzen Korb hab' ich stehen lassen!«

Es half nichts, sie mußten noch einmal zurück. Wieder ging's in Hast und

Eile über den Platz, wieder drehten die Buben die Köpfe wie die

Wetterfahnen dahin und dorthin, und immer heller, strahlender schienen

ihnen die Lichter zu glänzen, und auch das Affentheater, das sie bald

erreichten, erschien ihnen größer, prunkvoller als beim Tageslicht. Wie

gut, daß sie wieder hinein mußten, den Korb zu holen; den hatte Hulda

nämlich neben ihrem Platz stehen lassen. Die seufzte schwer: »Nun muß

ich gar noch Eintritt bezahlen,« sagte sie, »und dann müssen wir das

Geld absitzen. Jemine, wann werden wir nach Hause kommen!«

Mathes und Peter sahen gar nicht so betrübt aus wie Hulda. Der Gedanke,

noch einmal ins Affentheater gehen zu müssen, machte ihnen den größten

Spaß. Doch die Geschichte kam anders. Neben der Kasse stand groß und

breit Huldas Korb, und der Mann, der die Karten verkaufte, sagte

freundlich: »Freilein, da ist er. Na, Ihnen hat's gut gefallen bei uns,

wenn Sie sogar den Korb vergessen haben.«

Da war es nichts mit dem Hineingehen. Hulda dankte sehr, versprach das

Wiederkommen beim nächsten Mal, und dann gebot sie: »Jetzt faßt ihr mich

unter und nu flink, sonst schickt Fräulein Eva noch auf die Polizei nach

uns und weint so sehr wie gestern!«

Wieder ging's im Sturmschritt über den Platz der Haltestelle der

elektrischen Bahn zu. Die drei stiegen ein, und erst als sie drin saßen,

merkten die Buben, daß sie eigentlich rechtschaffen müde waren. Sie

lehnten sich etwas an Hulda an, blinkerten mit den Augen, und wenn ihnen

ihre Beschützerin nicht dann und wann einen kleinen Stoß gegeben hätte,

wären sie vielleicht eingeschlafen.

Daheim empfing Fräulein Eva wirklich schon etwas besorgt alle drei.

»Endlich!« rief sie. »Es ist schon so spät!«

Aus dem Erzählen wurde an diesem Abend nicht mehr viel. Frau von

Ringewald war eingeschlafen, und alles sollte still im Hause sein, um

den leisen Schlaf der Kranken nicht zu stören. Mathes und Peter durften

in ihrem Zimmer Abendbrot essen, und dann half ihnen Hulda den Weg ins

Bett finden, wie sie sagte. Wenn einer so müde ist und beinahe über

seine eigenen Beine fällt, ist das nicht so leicht, und den Bübles ging

es an diesem Abend so.

Peter schlief ein, ehe er noch drin lag; Mathes aber hielt noch die

Augen offen, und als Hulda zur Türe hinausging, rief er ihr nach:

»Hulda, der Zigeuner sieht aus wie --«

»Denk' jetzt mal nicht an den schwarzen Kerl,« unterbrach ihn Hulda,

»sonst träumste von ihm und schreist in der Nacht. Denk' lieber ans

Karussell, so 'n bißchen rundum fahren im Traum schadet nichts.«

Die Tür klappte, Hulda war hinausgegangen. Mathes steckte den Kopf in

die Kissen und brummte noch: »Und er sieht doch so aus!« Dann schlief er

auch ein.

Neuntes Kapitel.

Noch einmal die Messe.

Nichts störte den Schlaf der Sternbuben in dieser Nacht. Sie träumten

von der Messe und dem Zigeuner, von der Heimat, dem Affentheater und von

sonst noch allerlei. Alles hopste im Traum kunterbunt durcheinander, und

einmal murmelte Peter halblaut: »Die Schule fängt an, es klingelt

schon.«

Mathes hörte nicht darauf. Der saß gerade im Traum auf einem Tiger und

ritt auf dem die Löwengasse entlang; sollte er da vielleicht von seinem

wunderbaren Reitpferd absteigen um der Schulklingel willen? Es waren

doch Ferien, also blieb er sitzen, ritt im Traumland herum und fand es

sehr sonderbar, daß plötzlich jemand immer seinen Namen rief. Endlich

wurde ihm das Rufen zu bunt, er klappte die Augen auf, bums! fiel die

Türe vom Traumland zu, und er sah nun Hulda am Bett stehen und sah den

lichten Tag ins Zimmer scheinen.

»Nä, ihr seid ein paar gesegnete Faulpelze!« rief Hulda. »Sechsmal habe

ich nun schon gerufen, und der Peter da ist noch immer nicht wach.«

»Uahuah!« Peter gähnte, er reckte und streckte sich, und dann erkannte

er auch Hulda und merkte, es war Tag.

Und was für ein Tag! Es gab einen tiefblauen Himmel und eine goldene

Sonne, als wären noch die Hundstage. Aber zu einem Spaziergang kam es

auch an diesem Vormittag nicht. Frau von Ringewald war kränker geworden,

und was Peter in der Nacht für die Schulklingel gehalten hatte, war die

Glocke gewesen, um Hulda herbeizurufen. Die hatte mit Eva ein paar

Stunden gewacht, und obgleich die Mutter nun schlief, hatte keine von

ihnen Lust, den Buben die Stadt zu zeigen. Doch denen war auch das

Gärtchen recht. Über der Messe hatten sie Herta und Irene völlig

vergessen, nun fielen ihnen die neuen Freundinnen wieder ein, und sie

rannten nach dem Frühstück vergnügt in den Garten, um beide zu sehen.

Erst waren diese nicht da, aber lange brauchten die Sternbuben nicht auf

die Nachbarinnen zu warten. Fein und zierlich angetan kamen die bald

durch den Garten. Sie hatten heute Hüte auf und Handschuhe an und

erzählten, sie würden spaziergehen. Herta nickte den Buben sehr

herablassend zu und sagte gnädig wie eine Prinzessin: »Ihr dürft

mitkommen. Geht nur hinein und fragt; wir warten auf der Straße auf

euch.«

Da waren die Buben flink dabei. Der helle Tag voll Sonne lockte, und sie

rannten schnell in das Haus zurück und brachten drinnen ihr Anliegen

vor. Fräulein Eva sagte aber nicht so schnell ja, wie daheim die Mutter

in solchen Fällen es tat; die machte ein gar bedenkliches Gesicht,

redete etwas von Verlaufen, aber Hulda sagte: »Ach, mit den beiden

Zierpuppen von drüben können sie schon gehen, die sind wie Damen und

machen sicher keine dummen Streiche.«

Eva nickte. Die feingeputzten Mädel würden schon nichts Unrechtes tun.

Auch taten ihr die Buben leid. Sie dachte, gewiß langweilen sie sich

sonst, und sie sind doch zur Ferienfreude hier. Sie packte ihnen selbst

leckere Frühstücksbrote ein und brachte sie an die Flurtüre, dann ging

sie noch in den Erker, der sich nach der Straße hin ausbuchtete, und sah

den beiden nach. Da liefen der Mutter Trostbübles, und die Mutter selbst

lag krank und hatte keine Freude von dem Besuch. In Evas Augen traten

Tränen. Das junge Herz war ihr schwer, die Sonne lockte auch sie hinaus,

und am liebsten wäre sie den Buben nachgelaufen und mit ihnen durch die

herbstbunten Wälder getrabt, die die Stadt Leipzig im Halbkreis

freundlich umschmiegen.

Von diesen Gedanken ahnten die Sternbuben nichts. Die hatten ihre

Freundinnen aus dem Garten getroffen und gingen mit ihnen steif und

feierlich die Straße auf und ab. Eva sah es und dachte beruhigt, wenn

sie mit den beiden zusammen sind, geschieht ihnen sicher nichts. Dann

verließ sie das Fenster und ging zu ihrer Mutter, setzte sich still an

deren Bett und bewachte den Schlummer der Kranken.

Unten auf der Straße sagte Herta in diesem Augenblick: »Jetzt sieht uns

niemand mehr nach, nun flink, wir gehen auf die Messe!« Und husch!

drehte sie sich um und rannte in eine Nebenstraße hinein, und die drei

andern folgten ihr, die Buben etwas erstaunt, aber gar nicht ungern.

Am Ende der Straße blieb Herta stehen. Sie war ganz atemlos. Der Hut war

ihr etwas schief gerutscht, die Haare waren zerzaust, und sie sah auf

einmal gar nicht mehr aus, als könnte sie kein Wässerlein trüben,

sondern viel eher etwas frech und unnütz. »Paßt auf,« sagte sie zu den

Sternbuben, »wir gehen zusammen auf die Messe und fahren Karussell

immerzu. Habt ihr Geld?«

Das hatten Mathes und Peter, denn zum Reisen und Mitbringen gehört doch

Geld. Die Mutter hatte ihnen darum jedem noch ein paar Markstücke in

funkelnagelneue Beutelchen getan und freilich gemahnt: »Haltet gut damit

Haus!« Aber schließlich Karussell fahren durften die Buben in

Breitenwert auch, und wenn Jahrmarkt war, liefen sie sechsmal am Tage

hin, um sich alles recht anzusehen; sie fanden darum das Messegehen auch

sehr spaßhaft.

»Annedore wollte mitgehen,« sagte Irene etwas zaghaft.

»Pah, die! Sie fragt ja erst, und dann darf sie nicht.« Herta sah aus,

als machte ihr Annedores Mitgehen nicht viel Freude, und schon wollten

alle vier weiterlaufen, als plötzlich ein Mädel um die Ecke bog, ein

bißchen wie der Sturmwind, der alles umreißt, denn Mathes, der am

nächsten stand, bekam einen tüchtigen Puff.

»Hallo, da bin ich! Ich darf.«

»Gefragt? Pah, du Tugendspiegel!« Herta rümpfte verächtlich die kleine

Nase.

»Ohne Erlaubnis macht's mir keinen Spaß.« Annedore zuckte die Achseln,

dann drehte sie sich um und musterte die Sternbuben. »Sind das die?«

fragte sie. Und ohne eine Antwort abzuwarten, streckte sie Mathes und

Peter die Hand hin und sagte: »Ich heiße Annedore Reinach. Habt ihr

wirklich einen richtigen silbernen Stern auf eurem Haus oder hat das

Herta nur geflunkert?«

Auf dem Heimathaus in Breitenwert saß der silberne Stern nun freilich

nicht, aber im Wirtshausschild prangte er; doch ob er echt oder unecht

war, darüber hatten sich die Buben auch noch nicht den Kopf zerbrochen.

Sie sahen sich also etwas ratlos an, und gerade wollte Mathes etwas vom

Silbernen Stern und seinem Stern erzählen, als Herta ungeduldig rief:

»Wir müssen gehen, sonst haben wir dort keine Zeit.« Und flink ergriff

sie Mathes und Peters Hände und rannte mit beiden voran, Irene und

Annedore folgten.

Solange die Straßen noch menschenleer waren, rannte Herta; als sie aber

in eine belebtere Straße einbogen, ging sie auf einmal gemessen und

feierlich und kümmerte sich auch nicht darum, daß Annedore und Irene

lachend voraus liefen. »Es ist unpassend, zu rennen,« sagte sie zu den

Buben; »vornehme Kinder tun das nicht. Annedore ist schrecklich wild und

ungezogen.«

Mathes und Peter blieben stumm. Sie wären viel lieber mit Annedore und

Irene gerannt, denn eigentlich gefiel ihnen Annedore am besten. Und

warum das flinke Laufen unpassend sein sollte, begriffen sie nicht.

»Wir rennen oft bei uns,« sagte endlich Mathes.

»Na ja, in einer kleinen Stadt!« Herta sah sehr hochmütig drein. »Ich

habe nämlich gestern meinen Vater gefragt, wie groß Breitenwert ist; der

hat gesagt, es wäre ein Nest, und wenn man aus einem Nest stammt, weiß

man natürlich nicht, was sich schickt.« Und da ihr die Buben auf diese

Rede die Antwort schuldig blieben, begann sie eifrig zu erzählen von

ihrem Zuhause, wie reich der Vater wäre, wie viele Kleider sie selbst

hätte, sie redete von Theater und Konzerten, von Sommerreisen und

Kaffeegesellschaften, spottete über ihre Lehrer und klatschte über ihre

Freundinnen Irene und Annedore. Wie ein Wasserfall ging es. Mathes und

Peter kamen gar nicht dazu, auch nur den Mund aufzutun, aber je länger

die Unterhaltung dauerte, desto unbehaglicher wurde es ihnen, und sie

waren froh, als der Meßplatz erreicht war.

Am Eingang warteten Annedore und Irene schon etwas ungeduldig auf die

drei, und Annedore rief: »Ihr geht ja wie Schnecken!«

»Es schickt sich nicht, durch belebte Straßen so zu rennen.« Herta sagte

es sehr spitz, und dann erzählte sie: »Wir haben uns unterhalten; nicht

wahr, Jungen, es war sehr fein!«

»Noi!« riefen die beiden sehr flink, und Mathes fügte hinzu: »Du hast

alleweil allein geschwätzt, wie -- wie -- 'ne Elster.«

»Pfui, ihr seid aber frech!« Herta war tief gekränkt, sie brach gleich

in Tränen aus und sagte, sie würde allein gehen. Die andern Mädel

lachten, und die Sternbuben wußten nicht recht, ob sie lachen oder

ernsthaft dreinschauen sollten. Schließlich lachten sie auch, und das

ärgerte Herta noch mehr. Ein Weilchen drohte der Meßbesuch ins Wasser zu

fallen, aber die Musik von dem großen Platz dudelte gar so lustig

herüber. Dumdumdidellallalla! Das lockte und zog. Annedore hüpfte voran,

die Buben folgten, Irene lief mit, da folgte denn auch Herta, denn

allein mochte sie nicht bleiben; bei sich dachte sie freilich: Die

Elster streiche ich ihnen noch an.

So bunt und vielfarbig wie am Tage vorher war es jetzt nicht auf der

Messe. Die sah eigentlich ein bißchen verschlafen aus, denn viele Buden

hatten noch geschlossen; selbst die Karussells drehten sich nicht alle.

Dafür aber lag der Platz im Sonnenlicht, die Luft wehte sommerlich warm,

und weil nicht so viele Menschen da waren, konnten sich die Kinder alles

recht ansehen. Die Meßleute, mitunter bunt und seltsam aufgeputzt,

trödelten vor ihren eigenen Buden herum, sie unterhielten sich

miteinander, ließen sich von den Kindern gutmütig anstarren, ja einer,

der himmelblaue Strümpfe und einen sonderbaren Kittel von rotem Samt

trug, fing an, sich mit den Fünfen zu unterhalten. Er sagte, er wäre ein

Herold und rufe immer das größte Weltwunder aus, aber jetzt schliefe das

größte Weltwunder, da könnte er spazierengehen.

In diesem Augenblick rief eine rauhe Stimme: »Ludwig, Ludwig, der Kaffee

kocht!« Da rannte der Mann mit den himmelblauen Strümpfen spornstreichs

davon, und eine Frau, die neben den Kindern stand, sagte: »Das war sie.«

»Wer denn?« fragte Herta.

»Na, das größte Weltwunder! Die Frau mit dem langen Bart.« Die Frau, die

klein und sehr dick war, schüttelte den Kopf. »Es lohnt sich nicht sehr,

sie anzusehen,« meinte sie; »meine Wachsfiguren sind schöner, kommt doch

zu mir rein, ich mach's billig; weil Vormittag ist, kostet es nur 'nen

Groschen.«

Die Kinder kamen gar nicht dazu, der Budenfrau eine Antwort zu geben,

denn jemand schrie sie an: »Karussell gleich fährt. Wolle Sie mit, ßöne

Kinder?«

Die fünf drehten sich um, und die Sternbuben schrieen laut auf vor

Verwunderung. Da stand leibhaftig so ein Schwarzer vor ihnen, wie sie

ihm vorgestern nachgelaufen waren. Er grinste, seine weißen Zähne

blitzten, und dann sagte er noch einmal: »Wolle Sie mit, ßöne Kinder?«

»Die sollen erst bei mich reinkommen,« rief die Frau mit den

Wachsfiguren ärgerlich, aber da klingelte das Karussell nebenan; es sah

sehr stattlich und verlockend aus, und Annedore hüpfte von einem Bein

auf das andere. »Wir wollen fahren, wir wollen fahren,« bettelte sie.

Eine Minute später saßen sie alle auf dem Karussell, das drehte sich,

die Musik spielte, die Buden, der ganze Platz schien zu tanzen, und dann

war das Vergnügen zu Ende, die Kinder kletterten herab und liefen

weiter. Es gab immer mehr zu sehen. Die Sonne glänzte, alles stand bunt

und lustig in ihrem Schein. Da und dort tat sich eine Bude auf, Kasperle

fing an zu rufen, die Luftschaukel drehte sich, und die fünf vergaßen

die Zeit, vergaßen den Heimweg, das Mittagessen und alles. Einmal

surrten und brummten seltsame Stimmen durch die Luft. Die Buben horchten

auf; was war das?

»Die Fabrikpfeifen sind's, es ist zwölf, wir müssen bald heim,« sagte

Annedore und zeigte hinüber. Am Rande weiter Wiesen erhoben sich dort

dunkle Häusermassen, und aus vielen hohen, schlanken Schornsteinen stieg

dunkler Rauch empor. Die Buben sahen hin, wie Fleißfinger, die anzeigen:

Hier wird gearbeitet, waren diese vielen, vielen Essen, aber an Fleiß

und Arbeit dachten Mathes und Peter nicht. Sie ließen die Fabriken

pfeifen, soviel sie wollten, und lauschten auf das Gedudle und Gelärme

um sich herum.

Aber auch die Mädel vergaßen die mahnenden Stimmen in der Luft.

»Nur noch ein Weilchen,« sagte Herta. »Noch einmal Karussell und dann

noch Luftschaukel.«

»So viel Geld hab' ich nicht mehr,« erklärte Annedore.

Doch Herta hatte Geld, und Herta hatte noch keine Lust heimzugehen. Sie

war jetzt auch keine kleine Dame mehr, sondern ein sehr wilder, sehr

ausgelassener Irrwisch. Sie ging nicht, sie hopste, lief an die Buden

heran und fragte: »Was kostet dies, was kostet das?« und rannte dann

lachend wieder weg. Sie saß auch zuerst wieder auf dem Karussell, ritt

auf einem Panther, und kaum hatte die Dreherei aufgehört, da rannte sie

schon zur Luftschaukel hin. »Jetzt wird's fein!« schrie sie. »Kommt

flink!«

»Ich fahr nicht mit,« sagte Irene, »mir wird's schwindlig.«

Annedore zögerte, und Herta ergriff Peters Hand: »Komm du mit!« Peter

folgte und Mathes folgte, und schließlich kam Annedore auch mit, und

kaum saßen alle vier, da drehte sich die Schaukel, die Wagen stiegen

höher und höher, schon konnten die Kinder auf die Köpfe der Zuschauer

sehen, nun auf die Budendächer, noch höher ging's hinauf, da schrie

Herta plötzlich: »Ich falle, ich falle!«

Mathes packte sie, Annedore umklammerte sie, Peter faßte sogar zur

Sicherheit ihr Kleid. Herta konnte nun wirklich nicht fallen, und doch

schrie sie unausgesetzt und wurde so weiß wie ein Blättlein Papier.

Die Buben bekamen Angst. Auch sie meinten, alles drehe sich unter ihnen,

auch sie dachten, wir fallen. Aber da ging es schon wieder abwärts,

schnapp! stand die Schaukel, und ein Mann rief: »Bitte aussteigen!«

Die vier Luftfahrer wollten das auch tun. Annedore zog Herta, die Buben

schoben, und plötzlich purzelten alle vier aus dem kleinen Wagen heraus,

sie wußten nicht wie.

Lautes Lachen brauste ringsum auf. Ein paar Stimmen riefen: »Ihr Diener,

meine Herrschaften, nicht zu höflich!«

Und dann griffen etliche Hände zu, und endlich standen die vier wieder

auf ihren Beinen. Zwar drehte sich noch alles um sie herum, aber ein

Mann klopfte ihnen freundlich den Staub von den Kleidern und tröstete

sie: »Das geht bald vorbei. So, nun ist's gut; na, da sitzt noch Staub.«

Er klopfte an Mathes herum und an Peter und sagte zu Herta: »Du

verlierst dein Taschentuch, kleines Fräulein.« Er war überhaupt so

freundlich, wie nur einer sein kann. Er brachte auch noch alle vier zu

Irene, wünschte ihnen noch viel Vergnügen, und ehe sich die Kinder

bedanken konnten, war er verschwunden.

»Der war nett!« Herta sah sich nach nach dem freundlichen Helfer um,

auch die Sternbuben drehten sich nach allen Seiten um. Da war er nicht

und dort war er nicht, aber -- sie jauchzten laut auf -- dort war der

Zigeuner.

»Da ist er, da ist er!« Mathes zeigte mit dem Finger und Peter zeigte

mit dem Finger, und obgleich Herta und Irene dies sehr unschicklich

fanden, sahen sie doch den Fingern nach und fragten neugierig: »Wer ist

da?«

»Der Zigeuner von gestern.«

»Ein echter Zigeuner!« Peter sah stolz drein. »Ganz echt ist er,«

versicherte er noch.

»Kennt ihr ihn?«

»Hm, vielleicht!« Mathes machte ein Gesicht, als hätte er die ganze

Tasche voller Geheimnisse, und Herta fragte ein bissel unwirsch: »Sag's

doch, woher kennt ihr ihn?«

Mathes erzählte und Peter erzählte, und dabei schauten alle fünf

unverwandt den Zigeuner an, und als die Buben mit ihrer Geschichte

fertig waren, rief Annedore: »Ihr müßt ihm guten Tag sagen, da merkt

ihr's gleich, ob er es ist.«

»Ja, fein! Und wir gehen mit.« Herta zappelte vor Ungeduld, den Zigeuner

zu sehen, aber Irene blieb stehen und erklärte: »Ich graule mich.«

»Hier kann er uns doch nichts tun!« Annedore und Herta zogen die

Freundin mit fort, die Buben gingen voran, gingen auf den Zigeuner zu

und blieben vor ihm stehen. »Guten Tag!« Mathes zog seine Mütze, Peter

zog seine Mütze, aber der Zigeuner blieb unbeweglich stehen, er sah über

sie beide hinweg, als wären sie zwei Mücklein.

»Guten Tag!« Die Buben schrieen es ganz laut, da endlich sah sie der

Zigeuner an. »Was wollt ihr?« fragte er, und seine Stimme schnarrte wie

eine alte Kastenuhr. So hatte ihr freundlicher Begleiter neulich nicht

geschnarrt.

»Er ist's net!« rief Mathes enttäuscht. Aber da drängte sich keck und

flink und ein bissel frech Herta heran und fragte: »Haben Sie die Jungen

neulich nach Hause gebracht?«

»Wohin denn?« Der Zigeuner kniff die Augen zu, und Herta fand ihn nun

auch greulich. »Zu Ringewalds,« sagte sie kleinlaut und wich langsam

zurück.

»Nix kennen! Wer sein das?« Sonderbarerweise sprach der Mann jetzt

wieder ganz anders, aber Peter stieß den Bruder an und tuschelte ihm zu:

»Er ist's doch!«

In diesem Augenblick summten und tönten wieder die Fabrikpfeifen, ein

paar laut und gellend, ein paar dumpf, wie klagend, und Annedore schrie

erschrocken: »Jetzt ist's eins, wir müssen nach Hause.«

»Ach was, wir essen erst gegen zwei!« Herta sah ganz unbekümmert aus,

aber Annedore und Irene sagten beide ängstlich: »Wir müssen furchtbar

schnell nach Hause und die Jungen auch. Die sagen, Frau von Ringewald

wäre krank; wenn die sich nun sorgt!«

Den Buben selbst fuhr der Schreck über die späte Stunde arg in die

Beine. Sie vergaßen den Zigeuner, der sie auf einmal sehr aufmerksam

anblickte, und alles Drumrum und begannen zu rennen. Die Mädel folgten,

im Galopp ging es den breiten Mittelweg entlang, und Herta, der nun doch

ihr Fortlaufen das Gewissen beschwerte, rief unterwegs: »Wir fahren

alle, dann geht es flink.«

»Dort ist unsere Bahn, sie fährt gleich fort.«

Annedore winkte. Herta und Irene schrieen: »Halt, halt!« und die Buben

ächzten und pusteten wie Lokomotiven vor Eile. Sie erreichten aber noch

alle ohne Unfall den Wagen, kletterten hinauf, und fort ging es.

»Zahlen!« sagte der Schaffner und sah sie brummig an.

Die Buben griffen in ihre Hosentaschen, die Mädel suchten in ihren

Handtäschchen nach, da schrie Herta: »Mein Täschchen ist weg!«

»In meinem ist nichts mehr drin,« klagte Irene.

Mathes und Peter suchten und suchten, sie drehten ihre Hosensäckle um

und um, allerlei kam zum Vorschein, die neuen Geldbeutel fehlten.

»Na, wird's bald!« brummte der Schaffner, der aussah, als wäre er mit

dem linken Fuß zuerst aufgestanden.

Nur Annedore hatte noch ihren Groschen; es war der letzte. Sie bettelte:

»Die haben ihr Geld verloren, aber wir haben's so eilig, lassen Sie uns

mitfahren.«

»Geht nicht,« knurrte der Schaffner und zog an der Klingel, »wer kein

Geld hat, muß aussteigen.«

»Fahr du, Herta,« rief Annedore rasch, »geh zu Frau von Ringewald und

sag, wo die Buben sind, wir kommen nach.«

»Nein, nein!« Herta schluchzte laut. »Das kann ich nicht, das kann ich

nicht.«

Schnurrr! hielt der Wagen, und der Schaffner mahnte: »Aussteigen, flink!

Nur wer Geld hat, kann bleiben.«

Hops! sprang Annedore auch vom Wagen. »Ich geh mit euch,« sagte sie,

»ich lasse euch nicht im Stich.«

Die fünf standen unten, der Wagen fuhr weiter, und Herta begann zu

weinen. Irene fiel ein, und die Buben weinten nicht, die heulten laut

und schauerlich, heulten, wie sie es schon manchmal in Breitenwert auf

dem Löwengäßle getan hatten. Über das Gebrüll erschraken nicht nur die

Mädel, auch viele Vorübergehende sahen sich um, ein paar Leute blieben

gar stehen, und Herta und Irene bogen eilig in eine Seitenstraße ein.

Dort schalt Herta böse: »Schämt euch doch, so weint man nicht, das

schickt sich nicht!«

»Unsere Beuteles!« klagte Mathes. »Ganz neu waren sie, und so

schrecklich viel Geld war drin!«

»Ich will -- su -- suchen gehen,« schluchzte Peter. Der meinte, es

könnte nicht schwer sein, auf dem Meßplatz zu suchen.

»Ihr seid zu dumm!« Herta hatte schon wieder die Tränen getrocknet, und

sie, die draußen so wild gewesen war, ging nun wieder einher wie eine

kleine Dame. »Seid stille,« fuhr sie die Buben an, »so ein Geschrei

schickt sich nicht!«

So schnell wurden die Buben aber mit ihrem Kummer nicht fertig, die

heulten weiter. Da verlor Herta die Geduld. Als eine Frau gar fragte:

»Was fehlt euch, Kinder?« rief sie heftig: »Das schickt sich nicht, ich

schäme mich mit euch zu gehen; komm, Irene!« Und blitzschnell bogen

beide in eine andere Straße ein und riefen von dort: »Komm mit uns,

Annedore!«

»Nein!« Annedore schüttelte den Kopf sehr nachdrücklich, und ihre

rostbraunen Zöpfe flogen hin und her. »Ich lasse die Jungen nicht im

Stich, die kennen den Weg noch nicht,« rief sie ärgerlich den

Freundinnen nach.

Im Augenblick hörten Mathes und Peter auf zu weinen. Hertas und Irenes

feiges Davonlaufen kränkte sie, und Mathes sagte trotzig zu Annedore:

»Kannst auch gehen, wir finden den Weg schon!«

Aber Annedore lachte über den trotzigen Bubenstolz. »Mitgefangen,

mitgehangen, sagt mein Vater immer,« antwortete sie. »Ihr wißt den Weg

doch nicht, und würdet ihr mich denn im Stich lassen?«

»Noi!« riefen beide Buben, und Mathes fügte wichtig hinzu: »Seine

Kamerädles läßt man net im Stich!«

»Kamerädles!« jauchzte Annedore. »Wie fein das klingt! Wir sind

Kamerädles, hurra, und kommt, jetzt rennen wir; da kommen wir noch eher

heim als die andern.«

Den Buben war das sehr recht. Sie faßten sich alle drei an den Händen

und rannten die Straßen entlang, und Annedore erzählte dabei von ihrem

Zuhause und fragte die Buben nach Breitenwert. Darüber vergaßen die

beinahe ihre verlorenen Schätze. Atemlos kamen sie alle bei Ringewalds

an. Dort standen Hulda und Ida auf der Straße und hielten Umschau nach

den Verlorenen, und oben am Fenster erschien Evas verweintes Gesicht.

»Herrje!« schrie Hulda böse, »ihr --«

»Wir sind schuld,« unterbrach Annedore sie rasch, und dann erzählte sie,

flinker als ein Regentröpflein fällt, von dem gemeinsamen Meßbesuch und

dem verlorenen Geld. »Ich glaube, das hat uns der Mann gestohlen, der an

der Luftschaukel stand,« schloß sie.

»Jemine, damit seid ihr gefahren und kommt heil und lebendig nach

Hause!« schrie Hulda. »Ihr seid doch --«

»Sie können nichts dafür,« unterbrach sie Annedore wieder, und ihre

blauen Augen sahen flehend zu Hulda auf. Schilt nicht! bettelte der

Blick.

Das war noch ein Kamerädle! Mathes reckte sich und rief: »Sie kann auch

net dafür, sie hat gedurft, und ein Gröschle hat sie und ist net mit dem

Bähnle gefahren ohne uns, und sie ist net davongelaufen, und sie sagt,

sie wär' unser Kamerädle.«

»Ja, und die Jungen müssen mich besuchen, und ich besuche sie, und wenn

sie wieder abreisen, dann schreiben sie mir.«

»Na, dann ist ja die Freundschaft im besten Gange!« brummelte Hulda.

»Aber wo sind denn die andern, ich denke, die sind auch dabei?« fragte

sie.

»Davongelaufen sind sie!« Und nun ging das Erzählen an, und Hulda hätte

wohl den Meßbesuch von Anfang bis zu Ende erzählt bekommen, wenn sie

nicht gesagt hätte: »Das Mittagessen ist längst fertig.«

»Ich muß heim; morgen auf Wiedersehen!« Annedore lief davon, daß ihre

Zöpfe flogen, und die Sternbuben hasteten die Treppe hinauf, und oben an

der Türe stand Fräulein Eva und hatte verweinte Augen, und sie sagte

traurig: »Nun habe ich mich wieder um euch gesorgt!«

Da hingen Mathes und Peter die Köpfe wie zwei Schneemännlein, wenn der

Tauwind bläst, Hulda aber sagte: »Lassen Sie sich nur erst erzählen,

Fräulein Eva, wie's war; ihr Kamerädle, wie sie's nennen, sagt, sie

wären nich schuld daran. Wenn sie aber was Dummes gemacht haben, dann

gibt's keine Kirschenspeise nachher.«

Zehntes Kapitel.

Herr Brummerjan und der Fahrstuhl.

Noch ehe die Kirschenspeise kam, wußte Eva von Ringewald alles. Mathes

und Peter erzählten, zusammen und allein; einer redete von der

Luftschaukel, der andere von dem verlorenen Geld, sie schwätzten vom

größten Weltwunder und dem merkwürdigen Zigeuner, und als Hulda selbst

die süße Speise brachte, da gab es gerade ein fröhliches Gelächter am

Tisch, und Eva sagte: »Sie sollen beide Nachtisch bekommen, Hulda. Ein

bissel unnütz war zwar das Fortlaufen, aber sie sagen, sie wollen es

bestimmt nicht wiedertun.«

»Bestimmt net!« rief Mathes.

»Du mußt immer mitkommen, Fräulein Eva,« bat Peter.

»Sagt Tante Eva!« Es fiel Eva ganz plötzlich ein, daß sie den Bübles

eigentlich gern eine gute Tante sein wollte, und sie merkte auch an den

strahlenden Augen, denen gefiel dies ausnehmend gut. »Na also, dann ist

das 'ne Tantenspeise!« Hulda setzte das leckere Gericht auf den Tisch,

und ehe sie aus dem Zimmer ging, sagte sie noch, fast ein bißchen

eifersüchtig: »Mir müßt ihr aber auch noch von der Messe erzählen!«

Mathes und Peter versprachen das gern, und nachdem sie sich noch die

Mäglein mit der süßen Speise gefüllt hatten, riet ihnen die liebliche

Tante selbst, sie sollten jetzt zu Hulda gehen, wenn nicht etwa ihre

Briefschreibelust groß wäre.

Doch die Lust war weder groß noch klein, sie war gar nicht da, und so

stiegen denn die Buben zu Hulda hinab und erzählten ihr und Ida die

Abenteuer des Morgens. Darüber verging die Zeit geschwinde. Die

Kaffeestunde kam. Mathes und Peter stiegen wieder die Treppe hinauf, und

oben im Gartenzimmer gab es eine große Überraschung. Frau von Ringewald

saß wieder in ihrem Sessel. Es ging ihr besser, und auch sie wollte nun

von dem Meßbesuch hören. Da mußten die Gäste zum drittenmal ihre

Abenteuer erzählen. Sie fanden dies höchst vergnüglich, und wenn noch

drei Zuhörer und dann wieder drei Zuhörer gekommen wären, den beiden

hätte es den größten Spaß gemacht.

Frau von Ringewald hörte mit einem so heiteren Gesicht zu, daß Eva in

ihrem Herzen dachte, vielleicht werden sie doch noch Trostbübles für die

Mutter. Mathes und Peter selbst fanden, die Pate höre noch besser zu als

Hulda. Die hatte immer von der Luftschaukel hören wollen und den

merkwürdigen Zigeuner langweilig gefunden, während Frau von Ringewald

gerade von dem etwas wissen wollte. »Geige spielt er,« murmelte sie, und

das frohe Lachen erlosch wieder auf ihrem Gesicht.

Einen Augenblick war's ganz still im Zimmer.

»Er ist aber kein richtiger Zigeuner,« erklärte Mathes.

»Warum denn nicht?« fragte Eva rasch, die gern die Mutter auf andere

Gedanken bringen wollte.

»Weil die schwarz sind, sagt Mina, und weil der blaue Augen hat, und

manchmal macht er so.« Mathes kniff seine Äuglein ganz klein zusammen,

hielt den Kopf schief, und Peter machte ihm das flink nach. »So sieht er

aus,« riefen beide.

Eva und ihre Mutter lachten, weil die Buben mit ihren runden rosigen

Gesichtern gar nicht zigeunermäßig aussahen, und über dem Lachen

überhörten sie das schrille Tönen der Klingel draußen, Stimmen und

Schritte. Und just als Mathes sagen wollte, der Zigeuner wäre bestimmt

ihr Führer von vorgestern, tat sich die Türe auf, und Hulda ließ einen

älteren Herrn eintreten. »Nun, so lustig?« fragte der mit einem Gesicht,

als krame er das Lachen nur höchstens alle Jahre einmal aus seiner

Kommodenschublade heraus.

»Ach, Albert, du bist es!« Frau von Ringewalds eben noch so heiteres

Gesicht wurde ernst und still, auch Eva lachte nicht mehr, und die Buben

standen verlegen auf. Sie hörten, wie Eva den Fremden Onkel nannte, und

sie ahnten, es war der Onkel, von dem ihnen Hulda erzählt hatte.

Sehr freundlich schaute Herr Albert Buchner die beiden Buben eben nicht

an. Er fand, seine Schwester habe sich mit dem Besuch eine recht unnütze

Last aufgeladen, und verdrießlich fragte er: »Das sind nun wohl deine

Patenkinder, Renate? Hm, hm! Sehen recht unnütz aus!«

»Sie sind recht brav,« rief Eva rasch. »Flink, Mathes, Peter, gebt

meinem Onkel die Hand.«

Die Buben erinnerten sich rechtzeitig der guten Vermahnungen, die ihnen

daheim die Mutter, Mina, Herr Häferlein und viele andere noch gegeben

hatten, und so verbeugten sie sich vor dem Herrn tief und streckten ihm

dann treuherzig ihre Hände hin. Die höfliche Verbeugung gefiel diesem,

er sah um ein Scheinchen freundlicher aus und fragte herablassend: »Nun,

wißt ihr denn auch, wer ich bin?«

Mathes und Peter nickten nur stumm und sahen sich gegenseitig an. Sie

fanden den Namen des Onkels nämlich höchst komisch und dachten, man

könnte ihn nicht sagen, ohne zu lachen.

»Ihr seid wohl stumm? Antwortet doch!« Herr Buchner konnte Nicken und

Kopfschütteln nicht leiden, er war Gehorsam gewöhnt. Wenn er fragte,

wollte er Antwort haben, und da die Buben noch immer stumm blieben,

herrschte er sie streng an: »Nun sagt, wer bin ich!«

»Herr Brummerjan!« riefen Mathes und Peter, und es kam, wie sie gedacht

hatten: sie platzten heraus.

Wer nicht lachte, war Herr Buchner, auch Frau von Ringewald sah tief

erschrocken drein, während Eva es beinahe den Buben nachmachte. Sie

schwieg aber, als der Onkel erstaunt rief: »Wie soll ich heißen? Sagt's

noch einmal!«

»Herr Brummerjan!« Diesmal brachte nur noch Mathes das Wort heraus,

Peter hatte den Kopf ganz tief gesenkt und kicherte in seine Jacke

hinein.

»So, so, Herr Brummerjan werde ich in deinem Hause genannt, Renate! Das

ist ja sehr erfreulich!« Herr Albert Buchner sah bitterböse drein, und

Frau von Ringewald rief ängstlich: »Aber Jungen, was redet ihr da, wer

hat euch das denn gesagt?«

»Hulda,« antwortete Mathes verlegen, dem nun auch das Lachen vergangen

war. Vielleicht stimmte der dumme Name gar nicht.

»So, Hulda, natürlich! Du hast wirklich sehr liebenswürdige Dienstboten,

Renate; es wäre nun wohl Zeit, daß diese Hulda aus dem Hause käme.«

»Geht hinaus, geht in die Küche!« Eva war tief erblaßt, sie schob die

Buben zum Zimmer hinaus, dann ging sie rasch zurück, und den beiden

tönte ihre Stimme nach; wie Weinen klang sie. Und als die Buben schon

auf der Treppe waren, hörten sie oben noch den Onkel laut und böse

reden, dann dröhnte sein Schritt über den Flur, und die Türe klappte

laut.

Ganz verstört kamen die beiden unten an, und weil nur ein mattes Licht

Treppe und Flur erhellte, stolperten sie und bumsten laut an die

Küchentüre an. Hulda öffnete erstaunt. »Na nu, da kommen wohl

Stolperhans und Purzelwu-die-Treppe-runter!« rief sie. »Ihr seid wohl

vor Herrn Brummerjan ausgerissen?«

»Er heißt ja net so!« schrieen Mathes und Peter vorwurfsvoll. »Er ist

schlimm bös geworden, weil ich das gesagt habe.« Mathes sah Hulda

ordentlich strafend an, und Hulda sank tief erschrocken auf einen

Küchenstuhl nieder.

»Furchtbar bös,« klagte auch Peter.

»Das habt ihr gesagt, ihm gesagt?« jammerte sie.

Die Buben nickten kummervoll. »Du hast es uns doch heute erzählt, und

wie wir's net haben glauben wollen, hast du gesagt: doch, doch!«

»Das stimmt, Hulda, na, ist das nu eine Geschichte!« Ida hatte nebenan

in der Wäschestube das Gespräch mit angehört, und sie kam, das

Bügeleisen in der Hand, rasch herein.

Hulda saß ganz vernichtet auf ihrem Stuhl. Dreimal wiederholte sie: »Ihr

habt ihn wirklich Herr Brummerjan genannt?« Und jedesmal antworteten

Peter und Mathes kläglich: »Ja, wir haben's gesagt.« Und Peter fügte

hinzu: »Und alleweil schrecklich gelacht haben wir!«

»Kann man glauben, daß Jungen so 'ne Dummheit glauben!« Hulda stöhnte

und wickelte verzweifelt ihre Schürze um die Arme. »Was wird nur meine

liebe gnädige Frau sagen!« klagte sie.

»Er hat gesagt, du mußt nun fort,« berichtete Mathes.

»Aus dem Haus!« Peter nickte mitleidig dazu.

»Ich -- aus -- dem Haus, hier fort?« Hulda wurde kreideweiß, und

plötzlich sprang sie auf, rannte aus der Küche und polterte in großer

Hast die Treppe hinauf.

»Jetzt hat sie aber einen Schreck gekriegt!« murmelte Ida ein wenig

schadenfroh. Aber gleich darauf tat ihr Hulda wieder sehr leid, und sie

begann den Buben zu erzählen, wie gut Hulda wäre, und schon so lange sei

sie im Hause; wie Fräulein Eva und ihr Bruder noch ganz klein gewesen

wären, sei sie gekommen, und Fräulein Eva habe selbst gesagt, Hulda wäre

wie eine zweite Mutter zu ihnen gewesen. »Und wenn sie den Herrn Buchner

Brummerjan nennt, gar so unrecht hat sie nicht,« rief Ida. »Er hat sie

immer nicht leiden können, ist nie freundlich zu ihr gewesen, immer hat

er gesagt, sie verwöhne die Kinder zu sehr. Meine Schwester hat mir das

alles gesagt, die vor mir hier im Hause war,« schloß Ida.

Da öffnete sich sacht die Türe, und Eva von Ringewald trat ein. Sie

lächelte ein wenig über die verlegenen Gesichter der Buben. »Kommt mit,«

sagte sie freundlich, »wir gehen noch zusammen in die Stadt, ich muß

noch etwas besorgen. Hulda bleibt bei der Mutter.«

»Dann bleibt Hulda,« flüsterte Ida vor sich hin, aber Eva hörte es doch.

»Ja, sie bleibt, unsere gute, treue Hulda darf nicht fort,« sagte sie

und nickte Ida zu.

Den Buben war es, als fiele ihnen ein kleiner Mühlstein vom Herzen, und

sie kletterten vergnügt die Treppe wieder empor, zogen sich eilfertig

an, und wenige Minuten später wanderten sie mit Fräulein Eva der

elektrischen Bahn zu. »Ihr dürft aber nicht einen Schritt auf der Straße

von mir fort gehen; versprecht ihr das?« fragte die junge Tante.

»Ja!« brüllte Mathes, und Peter antwortete ganz feierlich: »Net ein

Schrittle lauf' ich fort.«

Es dämmerte schon, und auf den Straßen und in den Läden wurden bereits

die Lichter angezündet. Wenn man nun in Breitenwert abends durch das

Löwengäßle ging, glänzten auch Lichter; in jedem Haus gab es zwei, drei

helle Fenster, der Kaufmann Häferlein hatte seinen Laden erleuchtet, und

in der Lindenapotheke brannte Licht. Aber was war das alles gegen das

Lichtmeer der großen Stadt! Licht glänzte neben Licht. In manchen

Häusern gab es kein dunkles Fenster, und in den Läden blitzte und

schimmerte es noch viel heller und verlockender als draußen auf der

Messe. Vor einem Riesenhaus, das viele Schaufenster hatte, und das von

unten bis oben erleuchtet war, blieb Fräulein Eva stehen. »Es ist ein

Warenhaus,« sagte sie, »kommt, wir gehen hinein.«

Drinnen hätten die Buben vor Erstaunen nun wirklich einen Hopser

gemacht; sie wußten nicht, wohin zuerst sehen, so viel gab es

anzuschauen. Es war wie ein riesengroßer Laden, und doch waren es

eigentlich viele, viele kleine Läden nebeneinander, nur gab es keine

Mauern dazwischen. Und hoch war das Haus, bis zur Decke konnte man

sehen. Aber Treppen schienen gar nicht da zu sein, denn Eva sagte:

»Jetzt fahren wir hinauf,« und sie schob die Buben geschwinde in eine

Kammer, ein Mann schloß die Türe, es wackelte ein bißchen, und dann

machte der Mann wieder die Türe auf und sagte: »Zweiter Stock.«

Und wieder lagen hier unzählige Dinge ausgebreitet, manches lockte zum

Kauf, und vor einem Stand mit bunten Krügen, Vasen und ähnlichen Dingen

tat Mathes plötzlich einen tiefen Seufzer und klagte: »Mein Geld!«

»Uuh!« ächzte Peter, der nun auch an diesen schweren Verlust dachte, und

er tippte mit seinem Finger an ein buntes Porzellanpüppchen: »Das würd'

Gundel freuen!«

»Bitte, nichts anfassen!« rief die Verkäuferin streng. »Die Figur kostet

fünfunddreißig Mark.«

»O Gott,« sagte jemand, »können die zwei dort ihre Münder aufreißen,

schrecklich!« Eine Dame ging vorüber und lächelte. Die Verkäuferin

lächelte, und Eva wurde verlegen. »Kommt rasch weiter,« sagte sie, »hier

sind die Sachen zu teuer; für Gundel kauft ihr etwas auf der Messe.«

»Wir haben doch kein Geld mehr!« Die Sternbuben redeten wie daheim in

der Löwengasse; da fand kein Mensch etwas dabei, wenn sie mal ein

bißchen brüllten, hier drehten sich aber gleich etliche Leute um, und

die beiden erschraken selbst, wie laut ihre Klage geklungen hatte.

»Wenn ihr brav seid, schenke ich euch Geld, damit ihr Gundel etwas

kaufen könnt,« versprach Eva und zog die Buben weiter. Sie selbst kaufte

einige Dinge, und Mathes und Peter wunderten sich sehr, daß sie erst

sagte, dies will ich haben und das, und es nie mitnahm. Bezahlen tat sie

auch nie, nur einen Zettel bekam sie, das war alles.

Sie fuhren noch ein Stockwerk höher, und wieder kaufte Eva, und wieder

vergaß sie die Sachen mitzunehmen. Endlich sagte sie: »Nun bin ich

fertig!«

Der Fahrstuhl oder die kleine Stube, wie ihn Mathes und Peter nannten,

war aber auch fertig, kein Mensch ging mehr hinein, nur Peter, der

dachte, ich komm schon rein, quetschte sich noch durch; er war drin, die

Fahrt ging los, aber -- Tante Eva und der Bruder fehlten.

»Nun ist Peter allein gefahren!« rief Eva oben erschrocken. »Komm, da

geht ein anderer Fahrstuhl, wir fahren gleich nach.«

Sie kamen auch glücklich in die zweite kleine Stube hinein, und abwärts

ging's. »Erdgeschoß!« rief der Mann, und beide stiegen aus, aber kein

Peter war da.

»Er ist gewiß wieder hinaufgefahren.« Eva begann ängstlich zu werden.

»Geschwind komm, da geht der dritte Fahrstuhl!« Sie schob Mathes hinein,

und es ging wieder aufwärts -- doch kein Peter war da.

»Vielleicht ist er ganz nach oben gefahren.« Eva rannte auf den ersten

Fahrstuhl zu, der eben wieder die Fahrt nach oben antrat, und drinnen

sagte sie zu dem Führer: »Haben Sie nicht einen Jungen mitgenommen, der

ähnlich wie der hier aussieht?«

Der Mann guckte Mathes an und nickte: »Freilich, freilich, so einer war

dabei,« versicherte er, »der ist erst mit runtergefahren und dann mit

rauf.«

Eva erzählte nun, wie sie Peter verloren hatten, und der Führer lachte.

»Den finden wir schon,« versicherte er. »Wie ich die Jungen kenne, fährt

der jetzt immer rauf und runter. Fahren Sie mit zurück und warten Sie

unten, er kommt schon wieder.«

Eva befolgte den Rat. Sie fuhr mit Mathes zurück, der Führer sah an

jeder Aussteigstelle nach, doch kein Peter war da. Sie kamen unten an,

und auch da stand kein Peter.

Etwas unruhig warteten beide. Der zweite Fahrstuhl kam an: kein Peter

stieg aus, der dritte hielt: wieder war Peter nicht darin. Nun kam der

erste wieder, und als erster entstieg demselben Peter, und der Führer

rief: »Na, das ist wohl der richtige, dem hört man's gleich an, wenn er

nur schon den Mund auftut, er ist vom Lande.«

Peter war ein bißchen verlegen, denn er war wirklich auf- und

abgefahren, mal im zweiten, mal im dritten Stockwerk ausgestiegen. »Hast

dich wohl gefürchtet?« fragte Eva linde.

»Noi!« Peter sah sie strahlend an. »Erst war's 'n bißchen komisch, aber

dann war's fein. Mathes, mach's auch mal!«

»Ja!« schrie Mathes begeistert, und schwuppdiwupp! war er im Fahrstuhl

drin, und ehe Eva ihn halten konnte, klappte die Türe: hinauf ging es.

»Ihr seid ja schrecklich!« rief Eva, nun wirklich erzürnt. »Ihr habt mir

doch versprochen, nicht einen Schritt von mir fortzugehen, und nun

haltet ihr nicht Wort.«

»Hier ist doch net 's Gäßle!« murmelte Peter bedrückt. »Und -- und -- er

ist doch net fortgelaufen!«

»Nein, nur fortgefahren!« Evas Ärger hatte sich schon gelegt. Zur

Sicherheit hielt sie aber Peter fest an der Hand, der sollte ihr nicht

wieder ausreißen. So lange wie auf ihn brauchte sie aber auf Mathes

nicht zu warten. Dem war das Hinauffahren nicht so gut gelungen; oben

hatte ihn der Führer erkannt und ihn einfach wieder mitgenommen. »Da ist

der zweite,« schrie er Eva zu. »Die Jungen müssen sie anbinden,

Fräulein!« Dabei gab er Mathes einen gelinden Stoß, Eva fing den

Ausreißer auf, dankte dem Führer, und dann sagte sie: »Jetzt aber

schnell heim. Und wehe euch, wenn ihr nur einen Schritt von mir

fortgeht! Bitterbitterböse werde ich dann.«

Sie ging erst noch an die Zahlstelle, da bekam sie nun doch alle ihre

Sachen, und mit Paketen beladen kehrten die drei, ein wenig spät zwar,

doch noch zu rechter Zeit, heim. Sie fanden Frau von Ringewald noch in

ihrem Lehnstuhl sitzen. Hulda saß neben ihr, sie sah verweint aus, aber

doch ganz vergnügt, und als Eva von den Fahrten im Fahrstuhl erzählte,

lachte sie sogar ein bißchen. »Nä, nä,« rief sie, »früh auf der

Luftschaukel, nachmittags im Fahrstuhl, das gibt bestimmt schlechte

Träume. Eßt nur nich viel zum Abendbrot, die Fahrerei und 'n voller

Magen, das gibt 'ne schlechte Nacht.«

Hulda meinte es gewiß gut mit ihrem Rat; trotzdem befolgten ihn die

Buben nicht. Die vergaßen ihn schon nach einundeinerhalben Minute, und

nachher ließen sie sich das Abendbrot besonders gut schmecken, und als

sie in ihre Betten stiegen, dachten sie an keine bösen Träume. Und doch

behielt Hulda recht. Peter schlief zwar wie ein Mehlsäcklein, Mathes

dagegen träumte wunderliche Dinge. Mit dem größten Weltwunder zusammen

fuhr er immerzu Karussell, und vielleicht wäre er noch bis zum Morgen

gefahren, wenn nicht plötzlich der Zigeuner ihn vom Pferd herabgezogen

hätte. Mathes bekam Angst, der Mann sah ihn so bitterböse an und schalt

wie der Führer vom Fahrstuhl. Da dachte Mathes im Traum wie manchmal im

Leben: Ausreißen ist gut, und riß aus.

Doch trapp trapp! lief der Zigeuner hinter ihm her.

Mathes lief zu Kasperle, der zog rasch seinen Vorhang zu, und plötzlich

rief da der brummige Schaffner und schrie: »Zahlen! Wer kein Geld hat,

darf nicht herein.«

Und da war der Zigeuner ganz nahe, und auf einmal sah er aus wie Herr

Brummerjan. Mathes schrie, er rannte fort und der Zigeuner immer hinter

ihm her; da war die Luftschaukel, und in seiner Angst kletterte Mathes

an dem Gerüst empor, höher und höher und -- plumps! da fiel er herunter.

Mathes rieb sich die Augen. Er war nun nicht mehr auf dem Meßplatz. Ganz

verwundert sah er sich um. Das Zimmer war matt erhellt, denn draußen

stand der Mond klar und rein am Himmel, und sein sanfter Schein füllte

das Bubenstübchen. Auch brannte auf der Straße, gerade vor dem Fenster,

noch eine Laterne und gab Licht. Mathes erkannte nach und nach seine

Umgebung und merkte auch allmählich, daß er nicht in seinem Bett,

sondern auf dem Fußboden lag. Nun war es für die Sternbuben etwas höchst

Erstaunliches, wenn einer von ihnen einmal in der Nacht aufwachte. Darum

besann sich Mathes auch lange, ob er nicht doch träumte. Erst als es ihm

ein wenig kühl wurde, merkte er, daß er wirklich wach war.

»Peter!« stöhnte er endlich, »Peter!« Aber er konnte oft Peter rufen,

der hörte ihn nicht. »Wach auf!« schrie Mathes, aber Peter wachte eben

nicht auf.

Schließlich gab Mathes das Rufen auf und schickte sich an, in sein Bett

zu steigen. In diesem Augenblick wurden auf der Straße Schritte laut;

trapp, trapp! ging es, genau so, wie vorhin das Laufen des Zigeuners

geklungen hatte.

Trapp, trapp, trapp! In der nächtlichen Stille hallten die Schritte

laut.

Mathes stand nun schon auf seinen Beinen. Furchtsam war er nicht, aber

neugierig. Wer mochte da gehen? Geschwind lief er zum Fenster, schob die

Vorhänge zurück und schaute hinaus.

Die Schritte verstummten plötzlich, ganz still war es nun.

Daheim im Silbernen Stern schliefen die Buben stets bei offenem Fenster,

und Mathes dachte, dabei kann man doch besser hinaussehen. Er riegelte

also das Fenster auf und sah hinaus. Die Straße lag ganz im weißen Licht

des Mondes, dazu leuchtete die Laterne wie eine Lampe. Mathes sah

niemand auf der Straße gehen, doch da --

Ein gellender Schrei durchhallte das Zimmer. Neben der Laterne stand ein

Mann, und Mathes sah gerade -- dem Zigeuner in das Gesicht.

Der Bube brüllte fürchterlich vor Schreck, und Peter, der nun doch wach

wurde und den Bruder schreien hörte, schrie gleich mit. Davon konnte

jemand schon munter werden.

Eva hörte das Geschrei. Hulda hörte es, und beide kamen fast zu gleicher

Zeit angelaufen. Sie fanden Peter schreiend im Bette sitzen und Mathes

auf einem Stuhl stehend; auf den war er in seiner Angst

hinaufgeklettert. Es dauerte ein Weilchen, ehe die beiden Helferinnen

erfahren konnten, was eigentlich geschehen war. Sie sahen das offene

Fenster und blickten hinaus; still und friedsam lag die Straße im

Mondlicht, kein Mensch war zu sehen.

»Sie haben geträumt; ich hab's ja gesagt, von der vielen Fahrerei ist es

ihnen duselig geworden,« erklärte Hulda. »Geben Sie ihnen Zuckerwasser,

Fräulein Eva, und dann rasch ins Bett. So was, bei nachtschlafender

Zeit!«

Eva fand den Rat der alten Dienerin gut. Mathes und Peter erhielten

jeder ein Glas Zuckerwasser. Mathes kletterte in sein Bett zurück, Hulda

ließ zur Sicherheit noch die Rolläden herab, dann löschte sie das Licht,

und einige Minuten später schliefen die Buben wieder fest.

Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte · 第 6 / 14 题