Hulda erzählte und fügte gleich hinzu: »Aber Haue kriegen se tüchtig!«

»Nun, dazu muß man erst die Buben haben!« meinte der Schutzmann;

»alleweile sind se noch nicht da!«

So war es auch. Von Mathes und Peter war kein Zipfelchen zu sehen;

niemand wußte etwas von ihnen, Hulda konnte fragen, soviel sie wollte.

Nach einer halben Stunde machte sie sich tiefbetrübt auf den Heimweg,

denn weil sie Frau von Ringewald und Eva sehr lieb hatte, hätte sie,

schon um denen eine Freude zu machen, die Buben gern gefunden.

Unterwegs fiel ihr zu allem Unheil noch ein, der Braten würde gewiß

verbrannt sein; da brach sie in Tränen aus, und bitterlich weinend stieg

sie wieder aus der Bahn. Wer weint, braucht ein Taschentuch, aber auch

das hatte Hulda vergessen, so hielt sie sich die Schürze vor das

Gesicht, schluchzte und schluchzte, und es war noch ein Wunder, daß sie

dabei nicht die Häuser und die Gartenzäune umrannte. Auf einmal aber gab

es doch einen Zusammenstoß. Bums! rannte Hulda mit jemand zusammen, und

erschrocken ließ sie die Schürze sinken und sah vor sich -- die

Sternbübles stehen, alle beide unversehrt und putzmunter.

Hulda schrie laut vor Überraschung. Ehe sie aber noch fragen konnte:

»Woher kommt ihr?« kam Fräulein Eva aus dem Hause gelaufen. Die rief:

»Gott sei Dank, da seid ihr! Wo waret ihr, wie habt ihr heimgefunden?«

Ein paar Fragen auf einmal zu beantworten, ist immer etwas schwer, und

Mathes und Peter wußten auch nicht recht, was sie gleich sagen sollten,

darum schwiegen sie und ließen sich in das Haus hineinziehen. Drinnen

redete zuerst Hulda; die schrie: »Auf der Polizei waren sie nicht.«

»Noi,« sagte Mathes entrüstet, »wir haben doch nur auf dem Marktplätzle

gestanden!«

»Und dann hat uns der Mann hergebracht,« erklärte Peter.

»Ja, und 'n Stückle Kuchen hat er uns gekauft.«

»Aber viel war's net.« Peter hielt es für besser, das gleich zu sagen,

denn satt war er noch lange nicht.

Weder Fräulein Eva noch Hulda aber waren mit dieser Auskunft zufrieden.

Sie fragten zugleich dies und das, bis Frau von Ringewald sagte: »Ihr

macht die Kinder ja ganz verwirrt, laßt sie einmal erzählen!«

Da kam es denn heraus, daß Mathes und Peter wirklich den Marktplatz

wiedergefunden hatten. Freilich, fragen hatten sie oft müssen, aber dann

hatten sie auf dem Marktplatz Eva nicht mehr gesehen. Sie hatten

gewartet und gewartet und schließlich angefangen zu weinen. Da war ein

Mann gekommen, der hatte sie nach ihrem Kummer gefragt und gleich

gesagt, als sie nur Evas Namen nannten: »Ach, Eva von Ringewald! Wo die

wohnt, weiß ich, kommt nur mit!« Er hatte die Buben durch viele Straßen

geführt und ihnen unterwegs, als sie arg über Hunger geklagt, in einem

Bäckerladen ein Stück Kuchen gekauft. Am Anfang der Straße hier hatte er

dann plötzlich gesagt, er müßte gehen, Nummer 14 wohnten Ringwalds, sie

könnten nun nicht mehr fehlgehen.

»Wer mag das wohl gewesen sein?« Mutter und Tochter sahen sich erstaunt

an, und beide forschten: »Wie sah der Mann denn aus?«

»Wie 'n Herr!« behauptete Mathes.

»Net wie 'n Herr!« widersprach Peter.

Und mehr wußten die Buben von dem unbekannten Helfer nicht zu sagen. Nur

von seiner Freundlichkeit erzählten sie, und daß er sie bereits auf dem

Augustusplatz gesehen hätte, als sie den Springbrunnen anschauten, den

sie für das Museum hielten.

Ein bißchen rätselhaft war die Sache, aber schließlich waren alle im

Hause nur froh, die Buben wieder zu haben, und diese waren froh, als

Hulda vom Mittagessen redete, denn sie hatten gewaltigen Hunger. Und da

Ida aufgepaßt hatte und alles gut geraten war, gab es ein vergnügtes

Mahl. Es focht die Buben auch nicht weiter an, daß Frau von Ringewald

erklärte, heute wären sie lange genug draußen gewesen, nachmittags

müßten sie in ihrem Zimmer spielen. Sie begriffen dies nicht recht, denn

in Breitenwert waren sie oft den ganzen langen Tag draußen, und niemand

redete davon, es wäre zu viel. Aber in der großen Stadt war dies wohl

anders, und schließlich war der Spielschrank verlockender als der

winzige Garten und die fremde Straße mit den hohen Häusern. Mathes und

Peter sagten darum sehr eifrig, sie blieben gern daheim, und als Eva sie

ermahnte, ein paar Zeilen müßten sie auch an die Mutter schreiben,

erklärten sie: »Wir schreiben ein Briefle, wir haben's versprochen.«

Und dann zogen sie nach Tisch vergnügt und froh und sehr tatenlustig in

ihr helles Zimmer, und selbst Hulda redete hinter ihnen her: »Wenn man's

recht ansieht, so schlimm sind se nicht, nur eben Jungen; man ist da nie

sicher, was rauskommt. Wenn das halbe Spielzeug entzwei geht, mich

soll's nicht wundern.«

Sechstes Kapitel.

Der böse Brief.

Eva hatte den kleinen Gästen noch ein paar feine, bunte Briefböglein

gebracht und sie ermahnt: »Vergeßt nicht, an die Mutter zu schreiben!«

Dann war sie gegangen, und die Buben blieben allein.

Es war sehr still in der Wohnung. Die Küche war im Kellergeschoß, von da

drang kein Lärm herauf, Frau von Ringewald ruhte um diese Zeit, und Eva

saß in ihrem Zimmer und las. Sie wollte ab und zu nach den Gästen sehen,

aber das Buch, in dem sie las, fesselte sie mehr und mehr, und sie

vergaß die beiden vollständig. Die fühlten sich auch ganz behaglich in

ihrer Einsamkeit. Sie räumten erst wieder einmal den Spielschrank aus

und wollten gerade ein Spiel beginnen, als Mathes mahnte: »Erst das

Briefle.«

Arg viel Lust hatte Peter nicht dazu, er folgte aber dem Bruder, und als

er die hübschen Bogen sah, erschien ihm das Schreiben ganz kurzweilig.

»Weißt was,« sagte er, »wir schreiben zusammen, du ein Sätzle, ich ein

Sätzle!«

»Fein,« erwiderte Mathes, »fang an!«

»Noi, fang du an, du bist älter!«

»Du hast's gesagt.«

Ein paar Minuten stritten sie miteinander, dann kamen sie auf den

Gedanken, der sollte anfangen, der über beide Betten hinwegspringen

könne. Die standen dicht zusammen, und das Kunststück schien leicht,

aber es mißlang beiden, und erst kollerte sich Mathes, dann Peter in den

Betten herum. Ein Weilchen machte ihnen das den größten Spaß, dann

mahnte Mathes wieder: »Das Briefle dürfen wir net vergessen.« Er hatte

es nämlich der Mutter daheim fest und heilig versprochen, er würde

schreiben.

»Fang an!« rief Peter.

»Noi, fang du an!«

Wieder stritten sie, bis sie den Ausweg fanden, sich anzusehen; wer

zuerst lachte, sollte anfangen. Kaum aber sah einer dem andern in die

blitzblanken Schelmenaugen, da lachten beide los, als sollten sie

platzen. Sie lachten und lachten, bis sie ganz atemlos waren, und dann

stritten sie noch kichernd miteinander: »Du hast zuerst gelacht!«

»Noi, du!«

»Du!«

»Du du du!«

Schließlich fiel Mathes eines der vielen Sprichwörter ein, die Frau

Tippelmann daheim in der Löwengasse zu sagen pflegt, und er rief stolz:

»Der Klügere gibt nach. Ich fang' an.«

»Noi, ich fang' an!« Peter wollte nun doch der Klügere sein.

»Ich hab's zuerst gesagt.«

»Wir wollen losen!«

Diesen Ausweg schlug in strittigen Fällen immer Schwester Gundel zu

Hause vor, und darum ging auch Mathes auf Peters Vorschlag ein. Sie

nahmen also flink zwei Papierstreifen, einen langen und einen kurzen,

falteten die zusammen, und Peter warf beide in die Luft, jeder sollte

einen fangen. Die Lose ließen sich jedoch nicht fangen, die verkrochen

sich höchst verschmitzt, und ein paar Minuten rutschten die Buben nach

ihnen im Zimmer herum. Ein Stuhl fiel dabei um, der Handtuchständer

begann zu tanzen, bis endlich Mathes ein Los fand und gleich darauf

Peter das andere in der Waschschüssel entdeckte. Da gab es keinen Streit

mehr, Mathes mußte anfangen, und er malte eifrig auf den schönsten

rosafarbenen Bogen: »Liebe Mutter!« »Wir sind hier,« schrieb Peter

darunter, und Mathes fügte hinzu: »Die Reise war fein.«

»Es geht uns immer gut.« Peter seufzte über das lange Sätzle, und

Mathes, der schon ganz schwarze Klecksfinger hatte, schalt ihn faul und

schrieb: »Wir haben uns schon färlaufen.«

»Das erzähl ich,« schrie Peter und riß dem Bruder die Feder aus der

Hand. Die spritzte zornig die Tinte weit über den weißen Tisch, und das

rosa Böglein bekam auch ein paar Flecke. Ohne solche ging es bei den

Sternbübles auch selten ab, beide grämten sich daher nicht weiter darum,

und Peter schlug vor: »Wir machen Küßle draus.« Da er die Feder hatte,

schrieb er auch gleich: »Die Klecksle sollen net Klecksle sein, sie sind

Küßle.«

Puuh! Peter tat einen Seufzer. War das ein langer Satz gewesen! Mathes

kaute nachdenklich an der Feder. Was sollte er noch schreiben? Wenn

etwas von Küssen dastand, war doch ein Brief eigentlich fertig. Also

schrieb er flink: »Fiele Grüße, und heute hat's Schokklatenbuhding

gegeben. Dein lieber Sohn Mathes.«

»Fein!« rief Peter und malte noch seinen Namen darunter.

Das Briefschreiben erschien ihnen aber ganz spaßhaft, und da es auch

noch ein himmelblaues Böglein gab, beschlossen sie, auf diese Weise auch

noch an Gundel zu schreiben. Sie taten es, wurden sehr flink fertig, und

kein Mensch konnte den Brief lang und ausführlich nennen. Mühsam zu

lesen war er nicht. Drei Zeilen, fertig! Sie hatten schon ihre Namen

darunter gemalt, als Mathes noch etwas einfiel. »Das muß ich schreiben,«

schrie er, »du darfst es aber net sehen.«

»Doch,« beharrte Peter, »ich muß es sehen.«

»Erst nachher, halt die Augen zu,« gebot Mathes, »es wird fein.«

Peter hielt sich wirklich die Augen zu, er blinzelte zwar zwischen den

Fingern hindurch, er konnte aber doch nicht sehen, was der Bruder

schrieb, bis der ihm seine fertige Schrift vor die Nase hielt. Da stand:

»Die Huhldah hier ist ein äklicher Affe!«

Peter quiekte vor Vergnügen. Das war fein! Gundel mußte das wissen, und

grob fand er es auch nicht, denn im Silbernen Stern brauchte ihr guter

Freund, der Hausknecht, oftmals solche nette Worte.

»Wir stecken's schnell ein, das darf niemand lesen.« Er begann die

Umschläge zu suchen. Fräulein Eva hatte sie doch mitgebracht; aber so

viel sie auch suchten, die waren auf einmal verschwunden. Über dem

Suchen kamen sie auch wieder an den Spielschrank, und über den

Herrlichkeiten darin vergaßen sie ihre Briefe. Sie begannen zu spielen,

spielten und spielten. Die Zeit verging, und die Kaffeestunde nahte. Eva

kam selbst, die kleinen Gäste zu rufen, und als sie die

Tintenklecksfinger sah, schalt sie: »Aber pfui, nun flink, wascht euch!«

Sie klingelte nach warmem Wasser, das Hulda selbst herbeibrachte, und

während Eva half, mit der Bürste die schwarzen Finger zu reinigen, sah

sich Hulda streng im Zimmer um. So eine Unordnung! Die Betten zerwühlt,

das Spielzeug verstreut, ein Stuhl lag am Boden, und sie sagte:

»Fräulein Eva, sehen Sie nur, wie die's treiben!«

Eva von Ringewald seufzte. Ja, schön sah es nicht aus, aber schelten

mochte sie auch nicht wieder, sie dachte: Ich hätte nachsehen müssen.

Mathes und Peter am Waschtisch wurde die Sache unheimlich. Huldas

Umherschauen war doch recht ungemütlich. Wenn die nun die Briefe

erblickte! Da rief Hulda schon: »Nä, und der gute weiße Tisch, so viele

Kleckse. Wie kann man die nur alle machen!«

Dumme Frage, dachten Mathes und Peter ungefähr, Kleckse macht man doch

nicht, die kommen von selbst!

Wenn Fräulein Eva sie nur freigelassen hätte. Aber die scheuerte mal an

der, mal an jener Hand herum, und geradezu ausreißen ging doch nicht.

Mathes seufzte und Peter seufzte, und da rief Hulda vom Tisch her:

»Jemine, die haben wirklich Briefe geschrieben!«

»Net lesen!« schrie Mathes erschrocken, und Hulda sagte: »I wo, so was

tut man doch nicht!«

Dabei war nun aber Hulda ein etwas neugieriges Frauenzimmerchen. Sie

legte den rosa Brief auf den blauen und den blauen wieder auf den rosa,

tat, als ob sie den Tisch abwischen wollte, und schielte doch immer zu

den Briefen hin.

»Net lesen,« schrie da auch Peter. Seine Stimme klang so ängstlich, daß

Fräulein Eva und Hulda beide aufhorchten und beide sagten: »Was steht

denn so Geheimnisvolles drin?«

»Ich leg' die Wische nur zusammen,« brummelte Hulda, aber sie hielt

dabei doch den himmelblauen Brief merkwürdig lange in der Hand, und

plötzlich riß Mathes seine Hände aus der Waschschlüssel und rannte durch

das Zimmer, um Hulda den blauen Brief zu entreißen.

Doch das Unglück war schon geschehen.

Hulda hatte das Wort über sich schon gelesen. Sie wurde puterrot, warf

den Brief auf den Tisch und kreischte zornig: »Mit den Bengels, Fräulein

Eva, will ich nichts mehr zu tun haben, die sind zu frech! Ekliger Affe

nennen se mich, und noch nich mal richtig meinen Namen können se

schreiben. So was, jemine, in meinem ganzen Leben hat mich noch niemals

nich jemand so geschimpft!«

Hulda brach in Tränen aus, und Eva sah hilflos auf die halbgewaschenen

Bübles: »Was habt ihr getan?« fragte sie traurig.

Die beiden blieben ganz stumm, sie wußten wirklich nicht, was sie sagen

sollten. Und bei aller Verlegenheit waren sie doch auch ein bißchen

wütend; warum war Hulda auch so neugierig gewesen!

»Gebt mir einmal den Brief her,« sagte Eva, die nicht einmal so recht

verstanden hatte, über was für ein Wort Hulda so böse gewesen war.

Da ging Mathes stumm an den Tisch, holte den unglückseligen Brief, und

weil er den Bruder nicht in falschen Verdacht bringen wollte, sagte er

ehrlich: »Ich war's, ich hab's geschrieben.«

»Wir haben zusammen geschrieben, immer jeder ein Sätzle,« rief Peter

eifrig, denn ihm war's zumute, als hätte er den schlimmen Satz

mitgeschrieben.

Eva von Ringewald sah sehr ernsthaft drein. »Jetzt trocknet euch ab,

dann räumt den Spielschrank ein, und nachher kommt ihr vor,« gebot sie

kurz. Sie ging mit einem so nachdenklichen Gesicht hinaus, daß die Buben

ihr bedrückt nachschauten. Nun war sie gewiß bitterböse, o je!

Eva ging zu ihrer Mutter, denn sie wußte nicht recht genau, sollte sie

lachen oder sich ärgern. Eigentlich ärgerte sie sich, und im Grunde

hatte sie den Besuch schon etwas satt. Trostbuben sollten die beiden

sein, ach, das war ein Reinfall gewesen! Ärger und Unordnung brachten

sie ins Haus, mehr nicht.

Frau von Ringewald saß bleich und müde in ihrem Sessel am Kaffeetisch,

als die Tochter zu ihr trat. Ihre Gedanken reisten wieder einmal wie so

oft Tag und Nacht in der weiten Welt herum und suchten den verlorenen

Sohn. Wo war er, lebte er noch?

Da legte ihr Eva Mathes' Brief auf den Tisch. »Lies, was die beiden

wieder angerichtet haben; Hulda hat's gesehen und ist wütend. Sie sind

doch arg unnütz die beiden.«

Frau von Ringewald las den himmelblauen Brief, und dabei erhellte ein

sachtes, liebes Lächeln ihr blasses Gesicht. »Es sind halt Kinder!«

erwiderte sie. »Erzähle einmal, wie kam's, daß Hulda den Brief gelesen

hat?«

Eva erzählte, und dabei blieb das Lächeln auf dem Gesicht der Mutter, es

wurde glänzender, schelmischer, und endlich sagte diese gütig: »Und

meine Eva hat die kleinen Gäste schon herzlich satt, gelt?«

»Ein bißchen, ja,« bekannte Eva. »Ich habe sie mir artiger vorgestellt

und dachte, es würde lustiger mit ihnen sein.«

»Kinder brauchen Geduld, mein Mädel. Und sage mir einmal, was haben denn

die Schelme so Schlimmes getan? Das Wort hier ist grob, freilich. Sie

reden aber in Breitenwert etwas gröber, und Hulda hat die beiden ja auch

unfreundlich behandelt, und zu lesen brauchte sie den Brief auch nicht.

Na, und heute früh?«

Frau von Ringewald lächelte noch immer, und Eva sah die Mutter

unverwandt an; plötzlich schlang sie stürmisch ihre Arme um sie und

sagte zärtlich: »Es sind doch liebe Buben, Mutterle; sie haben dich

lachen gemacht, und darum will ich auch nicht die Geduld verlieren.«

Und just da trappelte es draußen, und die armen Sünderlein kamen

anmarschiert. Sie waren etwas verblüfft, daß Fräulein Eva sie ganz

freundlich begrüßte. Sie schielten aber doch verlegen nach dem

Unglücksbrief hin, der vor Frau von Ringewald lag. Vor der Tante Pate

hatten sie noch eine große Scheu, aber da begann die zu reden, und das

klang gar nicht böse. Sie sagte ihnen, sie müßten Hulda freilich um

Verzeihung bitten, und ob sie nicht an die Schwester einen andern Brief

schreiben wollten.

»Ja,« rief Mathes eifrig, »ich schreib ihn.«

»Das feine Bögle!« Peter sah bedauernd drein. »Wir streichen's durch.«

»Das geht auch!« Eva brachte flugs ein Tintenfaß und strich selbst das

schlimme Sätzle durch, und dann rief sie Hulda, die nach zwei Minuten

wie eine Gewitterwolke daherkam. »Den beiden tut's leid, was sie

geschrieben haben, Hulda,« sagte Frau von Ringewald, »und sehen Sie, es

ist durchgestrichen.«

»Hm!« Hulda seufzte tief und sah ihrer Herrin ins Gesicht. Und auch sie

sah, daß diese lächelte, daß ihre Augen ganz froh blickten. Da drehte

sie sich blitzschnell um, streckte den Buben ihre Hand hin und

verkündigte ihnen: »Ich bin nu nich mehr böse, aber Stricke seid ihr,

und irgend 'ne Geschichte wird's schon noch, solange ihr da seid. Und nu

bring' ich den Kaffee!«

Hulda trabte hinaus, holte den Kaffee, und die Bübles atmeten auf, als

wäre jedem ein Vierpfundbrot vom Herzen gefallen. Danach wurde es sehr

gemütlich, und der Tag voller Unruhe und Abenteuer nahm ein höchst

friedliches Ende. Die Briefe wurden in Umschläge gesteckt, Eva schrieb

die Aufschrift, und die Buben durften allein bis zur nächsten

Straßenecke gehen und die Briefe in den Kasten werfen. Sie kamen von

diesem Ausgang schnell zurück, denn Eva hatte gesagt: »Nachher spielen

wir zusammen.«

Und sie spielten zusammen, lachten zusammen, und Frau von Ringewald saß

dabei und lachte mit. Hulda ging so oft durch das Zimmer, als hätte sie

Wunder was darin zu tun, und dabei hatte sie eigentlich gar nichts zu

suchen oder zu fragen. Und nach dem Abendessen erzählte Eva eine

Geschichte von Prinzessinnen und Feen, von einem goldenen Schloß, einem

rosenroten Vogel, einem dottergelben Zwerg und einem feuerroten Schaf.

Es war eine sehr lustige Geschichte, über die selbst Hulda lachte, weil

sie nämlich gerade wieder durch das Zimmer ging und ein bißchen zuhörte.

Als die Buben an diesem Abend in ihren Betten lagen, schliefen sie nicht

so fix ein wie am Tage vorher. Sie redeten noch ein paar Wörtlein über

dies und das, aber dann kuschelte sich Peter in seine Kissen und

seufzte: »Bin müde.«

»Weißt was?« schrie ihn da Mathes an, der noch ganz munter war.

»Wa--aaas denn?« Peter gähnte schauerlich.

»Wie der Mann aussah, der uns heute geführt hat? Der sah aus, wie --«

»Nuuu!« Peter pustete laut, er war eingeschlafen.

»Nun sag' ich's net,« knurrte Mathes, kuschelte sich auch in die Kissen

und schlief auch ein.

Siebentes Kapitel.

Gartenfreundschaft.

Am andern Morgen zogen graue Wolken am Himmel hin und her, und wer

ausgehen wollte, fragte sich: »Nehme ich nun einen Regenschirm mit oder

nicht?«

Die Sternbübles dachten an keinen Regenschirm der Welt, sie standen

höchst munter und vergnügt auf und schwätzten den Tag an wie zwei

Spatzen auf der Dachrinne. Sie erwarteten von dem Tag vielerlei an Lust

und Freude. Als sie aber in das Frühstückszimmer kamen, sah es da eher

nach Regenwetter aus. Frau von Ringewald lehnte sehr bleich in ihrem

Stuhl, und Fräulein Eva ermahnte gleich: »Seid stille, Mutter fühlt sich

nicht wohl.«

Die Buben erschraken. Sie kannten das gar nicht, daß eine Mutter krank

war. Die ihre war immer gesund und immer tätig. Also wußten sie auch

nicht recht, was sie tun sollten, vergaßen das Gutenmorgensagen und

blieben verdattert in der Mitte des Zimmers stehen.

»So schlimm ist es nicht,« sagte die Frau Pate linde, »kommt nur her und

sagt mir guten Morgen, ihr könnt auch reden, soviel ihr wollt.«

Wenn nun auch das Reden erlaubt war, mit dem Gang in die Stadt wurde es

an diesem Morgen nichts. Mathes und Peter bekamen weder das riesengroße

Denkmal zu sehen, das zur Erinnerung an die Leipziger Völkerschlacht

erbaut wurde, noch das Museum, das wie ein großes Bilderbuch sein

sollte. Eva, die sehr besorgt um ihre Mutter war, wollte nicht weggehen,

ehe nicht der Arzt dagewesen war; sie riet also den Gästen, sie möchten

sich etwas im Garten umschauen.

Garten ist Garten, dachten die beiden; wenn er auch klein war, spielen

ließ sich schon drin. Also zogen sie ganz vergnügt hinein und

durchschritten ihn erst einmal vom Anfang bis zum Ende, guckten in alle

Winkel hinein, und dann begannen sie zu zählen, was es alles drin gab.

Erst die Bäume, dann die Büsche, und dabei stellten sie fest, es gab nur

einen einzigen Birnbaum im Garten und keinen Beerenstrauch.

So ein Garten! Lieber Himmel, da waren die Breitenwerter Gärten andere

Kerle!

Selbst in Amhags Garten, der doch klein war, hatte es diesen Sommer

Johannisbeeren wie kleine Kirschen so groß gegeben. Verächtlich sahen

beide lange und angestrengt zu dem Birnbaum auf, und endlich sagten sie

enttäuscht: »Es hängt nichts dran.«

»Was soll denn dranhängen? Zuckerwerk vielleicht wie an einem

Weihnachtsbaum?« fragte über den Zaun hinüber ein spitzes Stimmchen.

Verwundert blickten Mathes und Peter dem Klange nach, und da sahen sie

zwei Mädel, ungefähr in ihrem Alter, im Nachbargarten stehen, die sehr

spöttisch dreinsahen und kicherten, als wären die Sternbuben ein paar

Hampelmänner. »Was macht ihr denn da?« fragte die eine, die eine rosa

Schleife wie eine Taube so groß im blonden Haar trug.

»Ihr seid wohl Gärtnerjungen, weil ihr die Bäume so anseht?« fragte die

andere, deren braune Zöpfe mit weißen Schleifen verziert waren.

»Noi!« riefen die Buben, denen wirklich nichts anderes zu sagen einfiel.

»Nein, wie ihr sprecht!« Die Mädel kicherten wieder, und die Blonde

fragte weiter:

»Woher seid ihr denn?«

»Aus Breitenwert.«

»Aus --?«

»Breitenwert,« wiederholten die Buben laut.

»Den Ort gibt's gar nicht,« rief die Braune hochmütig, »den haben wir

noch nicht in der Geographie gehabt. Oder ist's ein Dorf?«

»Noi, eine Stadt!«

»Pah, wie groß denn? So groß wie Leipzig?«

»Beinahe,« riefen die Buben alle beide, denn im Augenblick erschien

ihnen ihre Heimatstadt wirklich sehr groß und weit.

»Und wie seid ihr denn hierhergekommen? Was macht ihr denn in dem

fremden Garten?« Die kleine Braune sah aus, als wäre sie der Herr

Schuldirektor und sollte eine Prüfung abhalten.

»Wir sind doch Besuch!« Den Buben fing das Gefrage an unangenehm zu

werden, außerdem kamen ihnen die Mädchen höchst wunderlich vor; so fein

geputzt ging selbst Alette Amhag nicht auf der Löwengasse einher. Die

beiden sahen aus wie die großen Wachspuppen, die sie gestern in einem

Geschäft gesehen hatten.

»Besuch, bei wem denn?«

»Bei meiner Pate,« bemerkte Mathes, »sie hat uns eingeladen.«

»Ist das Frau von Ringewald?« Die Braune sah auf einmal sehr freundlich

aus. »Die ist reich,« flüsterte sie wichtig. »Aber wie heißt ihr denn?«

So ein Gefrage! Schon wollten die Buben davonlaufen, aber dann besannen

sie sich und sagten ganz sittsam ihre Namen. Doch damit waren die

Nachbarinnen noch immer nicht zufrieden, die wollten auch wissen, was

ihr Vater wäre, und ob sie in einem feinen Hause wohnen.

Nun erschien der Silberne Stern in Breitenwert den Buben schon als ein

Haus, von dem man erzählen kann, und sie erzählten unbefangen von der

Heimat und merkten nicht, wie die fremden Mädel ihre Näslein immer höher

reckten, just als käme von den Sternbuben her ein übles Gerüchlein.

»Ein Wirtshaus, puh!« rief die Braune.

»Gasthausjungen seid ihr und zu Besuch bei Ringewalds? Wie komisch!« Die

Blonde kicherte spöttisch, und dann fragte sie hochmütig: »Dann werdet

ihr wohl mal Kellner?«

Über das Wort brach die andere in ein lautes Lachen aus, und sie höhnte

verächtlich: »Kellnerjungen, Kellnerjungen!«

Was zu viel ist, ist zu viel. Die Sternbübles waren zwar sehr harmlos

und zutraulich, den bitterbösen Spott fühlten sie aber doch, und ein

gewaltiger Zorn stieg in ihnen auf. Gribsch, grabsch! packte Mathes die

Blonde an der rosa Schleife und Peter griff über das Gitter nach den

Zöpfen der Braunen, und ehe es sich die beiden versahen, beutelten die

Buben sie tüchtig hin und her.

Und Breitenwerter Bubenfäuste können schon zufassen. Den Mädeln wurde

himmelangst, und sie schrieen ganz jämmerlich.

Es kam aber keine Hilfe. In Breitenwert hätte sich bei solchem Geschrei

sicher schon da und dort ein Fenster aufgetan, hier sah niemand aus

einem der vielen, vielen Fenster, die auf die kleinen Gärten

hinaussahen. Doch Mathes und Peter wurde über dem Geschrei selbst Angst,

und sie ließen ihre kleinen Feindinnen los. Die rannten davon, blieben

in ihrem Garten in der Mitte stehen und schalten zornig hinüber: »Pfui,

pfui, ihr frechen Kellnerjungen!« Und dann begannen sie bitterlich zu

weinen; es klang, als wäre ihnen das größte Unrecht geschehen. Sie

kauerten am Boden nieder und schluchzten erbärmlich, und den Sternbuben

wurde es selbst dabei ganz wind und weh zumute. So etwas konnten sie

nicht vertragen.

»Flennt doch net so!« riefen sie über das Gitter.

»Ihr -- ihr -- seid -- so -- so -- grob!« schluchzten die beiden.

»Und ihr habt uns geschimpft.«

»Es war doch nicht so schlimm!«

»Doch!« schrieen die Sternbuben.

»Nein,« schluchzten die Mädel, »ihr seid doch Wirtshausjungen.«

»Das ist was Feines!« Mathes reckte und streckte sich, und plötzlich

schrie er die Mädel an, als wären sie taub. »Bei uns hat schon mal 'n

König gewohnt.«

»Ja, und 'n Herzog und furchtbar viele Grafen,« fügte Peter hinzu.

Ein König, ein Herzog und Grafen! Die Mädel hörten auf zu weinen, sie

sahen ihre Nachbarn halb eifersüchtig, halb mißtrauisch an. »Wirklich?«

fragten sie.

»Wir lügen doch net!« Mathes warf ganz hochmütig den Kopf zurück, er

fühlte, er mußte den Silbernen Stern ordentlich herausstreichen. »Fein

ist's bei uns,« lobte er, »viele, viele Stuben haben wir, und in einer

steht ein Bett mit goldenen Engeles drauf, da hat der König drin

geschlafen.«

»Ja, und in unserm Gärtle gibt es viele, viele Beeren und Kirschen und

Birnen,« rühmte Peter.

Der Silberne Stern, der so viele Köstlichkeiten barg, stieg in der

Achtung der beiden Mädel. Sie dachten an die großen Prunkhotels, die sie

kannten, und sie zupften an ihren Haarschleifen herum und gaben das

Weinen auf; mit den Buben da drüben ließ es sich vielleicht doch

unterhalten. Noch zögerten sie, dann kamen sie ein paar Schritte näher,

und die Braune sagte halb verlegen, halb herablassend: »Erzählt doch

mal, wie ist's denn bei euch?«

»Na, fein!« Mathes und Peter, die sich doch ob der Haarrauferei ein

wenig schuldig fühlten, begannen zu erzählen. Und wunderbar war das, das

Heimathaus und die Löwengasse bekamen goldenen Glanz in der Erinnerung.

Das kleine Gäßle schien ihnen viel länger und breiter als die Straße, in

der sie jetzt wohnten, der Sterngarten, der eigentlich nicht groß war,

wuchs und wuchs und wuchs zehnmal größer als all die grünen Winkel, die

da von Häusern umschlossen lagen. Na, und der Silberne Stern erst! Kein

Palast konnte schöner sein. Und die Freunde auf der Gasse, die Spiele,

die sie miteinander spielten, ganz wundersam war alles.

Den Mädeln klang es wie ein Märchen. Und dieses Märchen lockte und

lockte; sie vergaßen, daß die Buben sie gerauft hatten, sie standen

plötzlich wieder am Gitter, und als Peter beschrieb, wie wundervoll es

wäre, Räuber und Prinzessin zu spielen, rief die Braune: »Wir können's

ja mal zusammen spielen!«

Aber da war das Gitter dazwischen, das böse Gitter!

»Lauft auf die Straße; um die Ecke herum wohnen wir, da kommt ihr durch

das Haus zu uns,« riet die Blonde.

»Wir dürfen net auf die Straße.« Der Vorschlag lockte, aber Mathes und

Peter fanden es doch etwas bedenklich. »Wir klettern über das Gitter,«

schlugen sie vor.

»Könnt ihr das?« Solche Kletterkünste waren den Mädeln noch nicht

vorgekommen, aber ihr Zweifel spornte die Buben zu kühnem Tun an. Eins,

zwei, drei! stiegen sie am Gitter empor, und erst plumpste Peter, dann

Mathes drüben wie eine reife Pflaume in den Nachbargarten, und ihr

Kommen wurde mit großem Jubel begrüßt.

Die beiden Mädel, die ihren neuen Freunden ihre Namen nannten, -- die

Blonde hieß Irene, die Braune Herta -- vergaßen ganz und gar, daß es ihr

allerhöchster Ehrgeiz war, sich wie kleine Damen zu benehmen. Aus ein

paar Wachspuppen wurden im Umsehen ein paar wilde lustige Mädel.

Mathes und Peter sahen sich erst einmal in dem Garten um und fanden, ein

großes Leinenzelt könnte zur Not eine Rauberhöhle sein. »Recht passen

tut's net,« erklärte Mathes verächtlich, und Herta und Irene sahen ganz

betrübt auf das zierliche Zelt mit den weißen Biedermeierstühlen darin.

Warum war das nur kein Räuberschlößle wie das im Lindengarten in

Breitenwert?

Und dann befahlen die erst so verachteten Wirtshausbuben: »So wird's

gemacht und so,« und Herta und Irene gehorchten ohne Widerrede. Ein paar

Minuten später war das vergnüglichste Spiel im Gang. Alle vier tobten in

dem Gärtchen herum, hopsten auch einmal über die Beete, rissen beinahe

die Räuberhöhle um, und als Fräulein Eva in den Garten kam, um ihren

kleinen Gästen Frühstücksbrote zu bringen, sah sie die Bescherung.

»Aber wie seid ihr denn hinübergekommen?« fragte sie verdutzt.

»Über das Gitter.« Und flugs kletterte Mathes am Gitter empor, und flugs

war er wieder drüben, Peter tat es ihm nach, und Herta und Irene erhoben

ein großes Geschrei: »Geht noch nicht fort, geht noch nicht fort!«

Eva lachte. »Meinetwegen steigt wieder rüber, nur zerreißt euch die

Hosen nicht,« sagte sie, »und verpaßt das Frühstück nicht über eurem

Spiel!«

Das Frühstück vergessen!

Die Sternbuben waren ganz baff, wie nur jemand auf diesen Gedanken

kommen konnte, und da Fräulein Eva auch noch nicht so lange die

Kinderschuhe ausgetreten hatte, fiel es ihr ein, wie frühstückshungrig

sie und ihr Bruder stets gewesen waren, und sie lachte herzhaft über

ihre eigene Mahnung. Lachend kehrte sie in das Haus zurück, und Mathes

und Peter kletterten samt den Frühstücksbroten und den Birnen, die dabei

lagen, wieder zu ihren neuen Freundinnen hinüber.

Dann schmausten sie alle vier zusammen sehr vergnügt in der Räuberhöhle,

denn Mathes und Peter waren edelmütig genug, von ihrem Überfluß etwas,

doch nicht allzuviel, abzugeben. Dabei erzählten sie sich dies und das,

und es gab ein gegenseitiges Verwundern und Erstaunen. Was Herta und

Irene, die zwei sehr verwöhnte einzige Kinder waren, aus ihrer Schule

von ihren Freundinnen, von Theater und Gesellschaften erzählten, kam den

Sternbübles höchst sonderbar vor, und die Mädel wieder hörten den

Geschichten aus der Löwengasse zu wie einem Märchen. Sie saßen beide auf

einer weißen Bank, und trotzdem sie etwas zerzaust waren vom wilden

Spiel, kamen sie den Buben doch wieder vor wie zwei Puppen. Aber

freilich, diese Puppen konnten reden wie ein paar erwachsene Damen. Von

Schulgeschichten und Freundinnenklatsch kamen sie auf die Geschichten,

die sich die Dienstboten auf der Straße erzählten, und Herta, die noch

naseweiser war als Irene, erzählte auch den erstaunten Bübles, Fräulein

Evas Bruder, Fritz von Ringewald, sei durchgebrannt.

Erst kam Mathes und Peter das Durchbrennen ungemein spaßig vor, aber als

Herta weiter erzählte, daß Frau von Ringewald vor Kummer immer krank

sei, wurde ihnen die Sache bedenklich. Auch erschien es ihnen unmöglich,

daß Fräulein Evas Bruder ausreißen sollte, und Peter schüttelte heftig

seinen Kopf und rief: »Noi, das ist net wahr, ich glaub's net.«

»Ich auch net,« schrie Mathes, »ihr flunkert.«

Herta und Irene waren über diesen Widerspruch so verdutzt, daß ihnen

wirklich die Mäulchen stillestanden; ein paar Sekunden wußten sie kein

Wörtlein zu sagen, dann rief endlich Herta: »Es ist aber doch wahr!«

»Noi, wir glauben's net.«

»Aber doch, fragt doch Hulda danach!«

Doch davon wollten die Buben nichts wissen, und eine Weile stritten sie

sich alle vier hin und her, die Mädel schrieen laut, die Buben noch

lauter, und vielleicht wäre noch eine schlimme Geschichte draus

geworden, gar wieder eine Haarrauferei, wenn nicht ein sehr zierlich

gekleidetes Dienstmädchen erschienen wäre, um Herta zu holen. »Aber

Herta!« rief dieses entsetzt. »Was sind denn das für Jungen, die sind

wohl von der Straße?«

Die Sternbübles sahen zwar ein bißchen beschmutzt aus, denn sie waren

als Räuber auf der Erde herumgekrochen, so wüst aber doch nicht, wie das

Mädchen tat, und sie sahen darum auch gleich ganz bitterböse drein.

Nun hatten sich Mädel und Buben zwar eben noch tüchtig gestritten, und

Herta besonders war sehr wütend auf die widerborstigen Bübles gewesen,

doch in diesem Augenblick dachte sie an ihr schönes Spielen zusammen,

und sie rief gekränkt: »Das sind meine Freunde, Frieda! Und die sind

furchtbar vornehm, die wohnen im Silbernen Stern, und morgen spielen wir

wieder zusammen, nicht wahr?«

Mathes und Peter nickten eifrig. »Wir klettern wieder über das

Gitterle,« sagte Mathes, »und vielleicht spielen wir Indianer; da müßt

ihr euch aber ein bissele anstreichen und die Haare aufmachen.«

»Um Himmelswillen!« schrie Frieda. »Das ist ja gräßlich!«

»Das wird fein,« jauchzten Herta und Irene, und dann nahmen sie den

allerherzlichsten Abschied von ihren neuen Freunden, gar nicht als wären

ihnen die in die Haare gefahren und als hätten sie sich miteinander

gezankt. Mathes und Peter kletterten zu Friedas Entsetzen wieder über

das Gitter und winkten und nickten noch von drüben herüber, bis die

Mädel im Hause verschwunden waren, und dann sagte Peter nachdenklich:

»Manchmal sind's Äffles und manchmal sind sie's net.«

Sie standen noch und sahen nachdenklich in den Nachbargarten hinein,

überlegten noch immer, ob ihnen ihre neuen Freundinnen eigentlich

gefielen oder nicht, als Eva von Ringewald wieder zu ihnen kam. Der Arzt

war inzwischen dagewesen, und er hatte leise gesagt: »Hier kann nur eins

helfen.«

Eva wußte wohl, es war die Rückkehr des Bruders an das Herz der Mutter,

was der Arzt meinte. Ach, würde das jemals geschehen?

Mathes und Peter dachten just auch an den ausgerissenen Bruder, aber

nicht gerade mit Trauer, sondern mit sehr viel Neugier. Ob das wirklich

wahr war? Hulda trauten sie sich nicht zu fragen, und Fräulein Eva erst

recht nicht, darum hingen sie ganz verlegen die Köpfe, als diese zu

ihnen trat.

Eva merkte das wohl, und sie dachte: Ei, die beiden haben etwas

angestellt! Sie sah sich im Garten um, da war alles in Ordnung, nichts

zertreten, nichts abgerissen; sie sah sich auch die Bübles selbst an,

ein bißchen schmutzig waren sie, aber Hosen und Jacken waren heil. »Wo

sind denn Herta und Irene?« fragte sie.

Mathes gab Antwort. Er erzählte von dem Dienstmädchen, das gemeint

hätte, sie wären Straßenjungen.

»Seid ihr darum so niedergeschlagen?« fragte Eva lächelnd.

Mathes und Peter schüttelten die Köpfe, sie sahen sich an, wurden rot,

aber nach dem ausgerissenen Bruder wagten sie doch nicht zu fragen.

Eva bekam nichts aus den beiden heraus, und doch spürte sie, die haben

etwas, die verbergen etwas vor mir. »Kommt nun herein,« sagte sie ein

wenig kurz und streng, das Heimlichtun ärgerte sie.

Als alle drei das Gartenzimmer betraten, klingelte gerade Frau von

Ringewald in ihrem Schlafzimmer, und darum rief Eva eilig: »Geht in eure

Stube oder seht euch noch hier ein bißchen um.« Dann lief sie davon, und

die beiden blieben allein.

Denen gefiel das ganz gut. An den Wänden des hübschen Zimmers hingen

allerlei Bilder, die sahen sie sich an, und als sie fertig waren, gingen

sie in das Nebenzimmer, von da auf den Flur, und auf einmal standen sie

an einer kleinen Treppe, die abwärts führte. Von da herauf war Hulda

manchmal gekommen, also mußte es da unten auch noch Räume geben.

Entdeckungsreisen liebten sie beide sehr, und sie stiegen darum hurtig

die Treppe hinab und fanden es unten wie oben. Auf einen kleinen Flur

mündeten verschiedene Türen, und aus einer, die nur angelehnt war, zog

den beiden ein Düftlein entgegen wie von frischem Kuchen. Und dieses

Düftlein glich einer Angelschnur, es zog und zog, und auf einmal standen

Mathes und Peter in der Küche und waren selbst höchst verwundert

darüber.

Noch mehr war es Hulda, die gerade ein Blech voll kleiner goldgelber

Kuchen aus dem Ofen zog. »Hm,« brummte sie, »was wollt denn ihr hier?«

Das wußten die Buben nun selbst nicht.

»Die Jungen kommen,« rief Ida, die auch in der Küche war, »weil Sie

immer so schrecklich freundlich sind und nie nich schimpfen.«

Das ärgerte Hulda und sie knurrte: »Quitschquatsch, ich bin auch

freundlich, sehr sogar, und wenn die Jungen mich besuchen wollen, ist

mir's allemal recht. Kommt rein!« schrie sie Mathes und Peter an, als

wollte sie die verschlingen.

Die Buben zögerten. Diese Einladung klang doch nicht sehr verlockend,

aber da schrie Hulda noch lauter: »Kommt rein, macht die Türe zu; es

zieht mir die Kuchen zum Ofen raus. Ihr wollt wohl kosten?«

Das wollten die Buben schon, und sie kamen langsam näher. Weil Ida immer

lachte, erschien ihnen Huldas Schreien nicht so schlimm zu sein. Und

dann saßen sie plötzlich auf der Küchenbank, und zwischen ihnen stand

ein Tellerchen voll Kuchen, und Hulda brummte: »Eßt, eßt, in so 'n

Jungenmagen geht viel und noch was rein.«

»Na, Hulda, wie Sie aber nett zu Gästen sind!« Ida lachte und lachte,

die Sternbuben lachten auch, und Hulda grollte: »Gehen Sie man nach

oben, wir hier unten unterhalten uns schon! Das sind jetzt meine Gäste.

Nicht wahr, wir unterhalten uns?« brüllte sie die Sternbübles an.

Die verschluckten sich beinahe vor Schreck, nickten nur mit den Köpfen,

blieben aber doch sitzen, als Ida ging. Und es war sonderbar, ein paar

Minuten später unterhielten sie sich wirklich höchst vergnügt mit Hulda,

und zwar hatte eigentlich die Küche vom Silbernen Stern die Unterhaltung

begonnen. Nach der fragte Hulda, die Buben antworteten, sie erzählten

dies und das, und als Hulda sagte, der Silberne Stern möchte ihr schon

gefallen, wurden Mathes und Peter sehr vergnügt und redelustig. Sie

erzählten auch von ihrer Gartenbekanntschaft, was Herta und Irene gesagt

hatten, und unversehens waren sie bei der Geschichte von dem

ausgerissenen Bruder Fräulein Evas und wußten nicht wie.

»Herrje!« schrie Hulda erschrocken. »Davon dürft ihr nie ein

Sterbenswörtchen sagen. O du lieber Himmel, der Kummer!« Sie vergaß

ihren Kuchen im Ofen, hockte sich auf dem Kohlenkasten nieder und brach

in ein bitterliches Schluchzen aus. »Der Junge, der Junge, wenn man an

den denkt, bricht's einem das Herz,« klagte sie.

Den Buben wurde es seltsam weh, jeder hielt einen Kuchen in der Hand und

vergaß das Hineinbeißen, Huldas Weinen klang auch gar zu traurig. Aber

wie sollten sie ihr helfen? Sie wagten nicht einmal recht zu ihr

hinzugehen, und so hätten sie wohl noch eine lange Weile stumm

dagesessen, wenn nicht aus dem Ofen ein verdächtiges Gerüchlein gekommen

wäre.

»Die Küchles brennen!« schrie Mathes erschrocken.

»Herrje!« Hulda sprang auf, riß die Ofentüre auf und zerrte ein Blech

voll dunkelbrauner Küchlein aus dem Ofen. Ehe sie noch in neue Klagen

ausbrechen konnte, rief Peter: »Das ist net schlimm, so schmecken sie

fein.«

»Ach du meine Güte, gerade das hat er auch immer gesagt, unser Fritz!«

Huldas Tränen flossen aufs neue. Unter Tränen nahm sie die Kuchen vom

Blech, unter Tränen legte sie welche auf den Teller der Buben, und

dieser Kummer rührte Mathes so sehr, daß er plötzlich aufsprang und

rief: »Wenn ich groß bin, geh' ich ihn suchen.«

»Ich auch!« Der Peter hatte aber vergessen, erst seinen Bissen

runterzuschlucken, er verschluckte sich, hustete und hustete, Hulda

schlug ihn auf den Rücken, erzählte etwas von einem Storch, der an der

Küchendecke zu sehen wäre, darob mußte Mathes fürchterlich lachen, und

ein paar Minuten lachten, husteten und weinten alle drei durcheinander,

und im Ofen zischten und brodelten ein paar Töpfe, als wollten sie

mittun.

Einige Zeit später kam Ida wieder in die Küche und sah zu ihrem

Erstaunen Hulda inmitten der Sternbuben auf der Küchenbank sitzen. Sie

schälte Kartoffeln, und ihre Gäste hatten sich ganz dicht an sie

angeschmiegt, und als Ida etwas schnippisch fragte: »Ich störe wohl?«

rief Hulda laut »Ja!« und -- die Buben nickten dazu.

So etwas! Ida ging ein bißchen gekränkt wieder hinaus, und Hulda

erzählte weiter. Sie erzählte von Fritz von Ringewald, dem entlaufenen

Sohn des Hauses. Ihr Liebling war er gewesen, seiner Mutter stolze

Freude. Immer heiter, immer fleißig, am frohesten aber, wenn er seine

Geige im Arm hatte oder mitsingen durfte im altberühmten Thomaschor. Wie

schön das sei, wenn die Buben oben auf der Orgelbrüstung der alten

Thomaskirche ständen und sängen, erzählte Hulda. »Wie unser Fritz noch

dabei war, bin ich oft hingegangen,« sagte sie, »und unser Fräulein Eva

konnte sich gar nich satt hören an dem lieblichen Gesinge. Es wäre auch

alles anders geworden, wenn unser Herr Geheimrat am Leben geblieben

wäre, doch der starb so rasch, und unsere gnädige Frau nahm sich das so

zu Herzen, sie vergaß beinahe die ganze Welt über ihrem Kummer. Damals

hat's angefangen mit unserem Fritz. Sein Vormund wollte ihm die Musik

verbieten, der Fritz trotzte, er hätte sich sonst wohl seiner Mutter

anvertraut, aber er wollte ihren Kummer nicht vergrößern. Ach du lieber

Himmel, und hat ihr nachher noch viel größeres Herzeleid zugefügt!«

Hulda seufzte tief, und die Bübles seufzten mit. Das Ausreißen erschien

ihnen noch immer etwas unverständlich, und Hulda merkte wohl, hatte sie

so weit erzählt, mußte sie die Geschichte auch zu Ende führen. Sie fuhr

also fort: »Es wäre alles nich so schlimm geworden, wenn unsere gnädige

Frau nich hätte fortreisen müssen. Weit weg, nach Italien runter hat sie

der Doktor geschickt, und Fräulein Eva hat mitgemußt. Ich sollt' auch

mit, aber ich hab' mich gegrault vor 'n Land, wo die Leute anders reden

als wir. Na, so was, das liebe ich nich. Also ich bin hiergeblieben und

wollt' für unsern Fritz sorgen. Doch das litt der Herr Vormund nich, der

Junge mußte zu ihm; er wollt' ihm die Musik austreiben, hat er gesagt.

Zu dumm, daß ich das nich der gnädigen Frau geschrieben habe! Denn die

hat von alledem keine Ahnung gehabt, der Vormund war doch ihr Bruder,

bei dem, meinte sie, wäre der Fritz gut aufgehoben. Es sind aber zwei

harte Köpfe zusammengekommen, und eines schönen Tages, sechs Monate war

die Mutter weg, ist der Fritz auf und davon gegangen. Haste nich

gesehen, da siehste, weg war er! Hinterher hat's dem Herrn Onkel schon

leid getan, er hat suchen lassen, aber 'ne Stecknadel hätte man leichter

gefunden als unsern Fritz. Weg war er, und weg ist er geblieben. Ich

denk' immer, der ist in Amerika bei den Schwarzen.«

»Ich such' ihn,« schrie Mathes.

»Ich auch!« Und beide Buben schmiegten sich ganz fest an Hulda an, die

wieder in schmerzliches Weinen ausbrach. »Ihr seid gute Jungen,«

murmelte sie. »Ist schon recht, daß ihr gekommen seid. Ich mag euch auch

gut leiden, ganz gewiß.«

»Wir dich auch,« schrieen die Buben.

Und so wurde die Freundschaft unter Tränen besiegelt, und als die Buben

ein Weilchen später wieder nach oben kamen, antworteten sie stolz auf

Fräulein Evas Frage, wo sie gewesen wären: »Bei Hulda.«

»Da war's fein!« rief Peter, und Mathes nickte bedächtig dazu: »Sie

sagt, nun wären wir befreundet.«

Achtes Kapitel.

Auf der Messe.

Hulda zeigte ihre neue Freundschaft für die Sternbuben gleich an diesem

Nachmittag. Sie erbot sich nämlich, mit den beiden auf die Messe zu

gehen, und Eva, die gern bei der Mutter bleiben wollte, war sehr froh

darüber. Hulda versprach, die Buben wie ihre Augäpfel zu hüten, stellte

ihnen alle Wunder der Messe in Aussicht und sagte: »Die werden Augen

machen! Aber auf die Luftschaukel dürfen sie nich. Denn da fallen sie

mir gar kopskegel in meinen Marktkorb und brechen jeder noch drei Arme

und sechs Beine.«

Wie die Buben so viele Gliedmaßen brechen sollten, sagte Hulda nicht

dazu. Eva lachte, Mathes und Peter lachten, und dann trabten sie auf

ihren zwei Beinen sehr vergnügt mit ihrer neuen Freundin davon.

Natürlich fuhr ihnen wieder die elektrische Bahn an der Nase vorbei,

aber Hulda sagte: »Warten ist gesund.« Also warteten sie, denn die Messe

lief ja auch nicht gleich weg nach Huldas Ansicht.

Von der Messe selbst hatten die Sternbuben keine rechte Vorstellung. Sie

wußten nicht, daß seit Jahrhunderten die Leipziger Messen Weltruf haben,

und daß neben vielen, vielen Kaufleuten aus aller Herren Ländern auch

viele lustige, fröhliche Leute zur Messe kommen, um ihre Künste zu

zeigen. Dort, wo einst die Straße nach Frankfurt am Main führte, wo nach

der großen Völkerschlacht Napoleon mit seinem geschlagenen Heer

flüchtend dahinzog, befindet sich jetzt der große Marktplatz. Hulda

hatte gesagt: »Es ist wie ein großer Jahrmarkt,« und Mathes und Peter

dachten daher an den Breitenwerter Jahrmarkt, den sie für sehr groß und

bedeutend hielten. Als sie aber auf dem Meßplatz anlangten, da wünschten

sie sich zwar nicht sechs Beine, doch sechs Augen, um alles recht zu

sehen, was es zu sehen gab.

Potztausend ja! Was war der Breitenwerter Jahrmarkt mit seinen fünf

Buden und einem Karussell gegen die Messe von Leipzig! Wie eine kleine

Stadt war die mit langen Budenstraßen. Und in den Buden schimmerte es in

allen Farben, es glänzte und gleißte darin, und wenn einer nur Geld im

Beutel hatte, der konnte mehr kaufen, als er heimzutragen vermochte. Da

gab es Spielzeug und Musikinstrumente, Spitzen und Bänder, Seidenstoffe

und Blecheimer, Töpfe, Tassen, Teller, Gläser und Pfefferkuchen, Schuhe,

Schürzen, Bücher, Bilder und Holzsachen, Schmucksachen und lustige

Schnurrpfeifereien. Dazu waren die Leute alle sehr freundlich, Hulda

wurde immer Madamchen genannt, und Mathes und Peter brauchten nur etwas

anzusehen, gleich fragte jemand: »Na, junger Herr, was ist gefällig?«

»Ihr dürft auch nachher was kaufen; eine Mark für jeden hat mir Fräulein

Eva geschenkt,« sagte Hulda. »Aber erst überlegen, denn sonst kommt 'n

Unsinn raus. Nu gehen wir erst zur Schaumesse.«

Das war erst etwas! Ein Dutzend Augen hätten die Buben hier haben mögen,

das halbe Dutzend genügte nicht mehr. Was war das Breitenwerter

Karussell gegen die Prachtbauten hier! Die hatten gleich ein paar

Stockwerke, und ihre Pferde und Wagen, ihre Schlitten und Schaukeln

stammten gewiß alle aus einem Königsschloß. Das glitzerte wie von

tausend Edelsteinen, und Hulda erzählte: »Abends, wenn die Lampen

brennen, dann ist so viel Licht, daß ich allemal denke, unsere liebe

Sonne muß sich recht ärgern über das Gefunkle. Na, und nu seht mal

dahin, das ist 'n Ding! Wenn man da mal drauf fährt, ist's einem

nachher, als hätte man die Drehkrankheit und Stecknadeln in den Beinen.«

Ganz erschrocken sahen Mathes und Peter zu dem hohen, wundersamen Aufbau

empor, den Hulda ihnen zeigte. Es war eine Luftschaukel. In kleinen

Gondeln sausten die Menschen durch die Luft, sie lachten und winkten, es

sah gar nicht aus, als fänden sie das Fahren so schrecklich wie Hulda.

Doch die brummte: »Erst soll'n die mal runterkommen, nä, da laß ich euch

nich drauf. Seht mal dort, da ist 'n Zaubertheater.«

Neben dem Zaubertheater stand noch ein Gebäude, neben dem wieder eins

und so fort. Buden konnte man diese stattlichen Holzbauten gar nicht

mehr nennen. Und während sich die Buben umschauten, und es ein Wunder

war, daß ihre Hälse dies viele Hinundherdrehen aushielten, krähte unweit

von ihnen eine heisere Stimme: »Seht wohl, ich bin auch da!«

»Kasperle!« schrieen Mathes und Peter und sahen dahin und dorthin, und

dann stürzten sie, ohne sich um Hulda zu kümmern, auf ein kleines

Budchen zu, das wie ein verhutzeltes Fraule zwischen einer Schaubude und

einem Karussell stand. Das Budchen hatte einen kleinen roten Vorhang,

und aus einer Luke blickte wirklich Kasperle hervor, genau so wie er es

auf dem Breitenwerter Jahrmarkt tat.

»Kasperle,« riefen die Buben noch einmal, »bist du auch da?«

»Nu freilich!« antwortete Kasperle, der hier in Leipzig Sächsisch

redete. Seine Stimme klang recht kläglich, denn dem armen Kasperle ging

es auch sehr schlecht hier. Seine Nachbarn machten so viel Musik und

Getöse, daß die meisten Leute ihn gar nicht hörten. Auch Hulda schalt:

»Hier bleiben wir nich stehen, das ist ja nur 'ne kleine Schmierbude!«

»Allerschönstes Madamchen, laufen Se man nich fort!« flehte Kasperle.

»Ich hole auch gleich meine Frau und den Teufel und den König, und wen

Se noch wollen.«

»Unsinn!« brummte Hulda. Aber da bettelten Mathes und Peter mit

glänzenden Augen: »Wir wollen doch bleiben! Der Kasperle ist auch immer

bei uns.«

Komisch, dachte Hulda, nu sollen die sich die Messe ansehen, und dann

bleiben sie vor so 'n Jammerding stehen, weil das in Breitenwert so ist.

Kein Bemühen und Seufzen half, wo Mathes und Peter einmal standen, da

standen sie, und Kasperle gab sich auch alle Mühe, seinen Zuhörern

Freude zu machen. Er schlug Purzelbäume, zankte sich mit dem Teufel und

haute sich mit ihm, machte die tollsten Späße, und der Teufel wurde

fuchswild darob.

Mathes und Peter lachten hellauf, sie wackelten vor Lachen hin und her,

und Hulda wackelte mit; sie hatte das Grollen rasch aufgegeben und

lachte, ohne freilich zu wissen, ob über Kasperle oder die Buben. Und

diese jauchzende Fröhlichkeit der drei übertönte schließlich doch den

Lärm der stattlichen Nachbarn. Immer mehr Leute kamen herbei, zuletzt

gab es ein richtiges Gedränge vor dem Budchen. Da wurde Kasperle immer

lustiger, und gerade als er seine besten Späße machte, fing ein altes

Frauchen an, vor der Bude einzusammeln. Es gab jeder etwas,

Kupferpfennige und Nickelmünzen, und als das Frauchen zu Hulda trat, war

der Teller schon ganz voll. Hulda legte ganz hochmütig fünfzig Pfennig

auf den Teller, und die kleine Kasperlefrau knickste tief.

»Allerschönsten Dank!« murmelte sie. »Ach, ich wollte, die Herrschaften

kämen jeden Tag! Wenn zweie so lachen können wie die Jungen da, dann ist

das besser, als wenn Kasperle noch so laut schreit: »Ich bin da!«

Die Frau ging, die Leute zerstreuten sich, der rote Vorhang wurde für

ein Weilchen wieder geschlossen, und Hulda und die Buben gingen auch.

»Das war fein!« sagte Mathes, und Peter stieß einen Seufzer aus:

»Kasperle ist was Feines!«

»Kasperle hat's arg gut!« Mathes seufzte auch.

»Dummer Junge!« brummte Hulda, »den Leuten geht es schlecht, das konnte

man doch sehen, und es war schon recht, daß wir dastanden und so gelacht

haben, sonst wär' keine Katze weiter gekommen.«

Kasperle sollte es schlecht gehen? Ja wieso denn?

Mathes und Peter starrten Hulda tief erschrocken an, und die mußte ihnen

erst erklären, wie schwer es so ein kleines Budchen zwischen den andern

Prachtbauten hätte, um nur gesehen zu werden. Und Kasperle hatte eine

heisere Stimme gehabt und konnte nicht laut schreien, darum hörte ihn

selten jemand. In Breitenwert mochte das anders sein. Aber hier, lieber

Himmel, wer sah viel nach dem Budchen, wo es so viel Schöneres zu sehen

gab!

Die Buben senkten die Köpfe. Kasperle, dem lieben Kasperle ging es nicht

gut, das beschwerte ihre Herzen sehr.

»Mathes!« rief da plötzlich Peter, und »Peter!« rief Mathes, und beide

steckten die Köpfe zusammen, tuschelten etwas, nickten sich zu, lachten,

und als Hulda sie ganz verwundert ansah, sagten sie rasch: »Wir wünschen

uns was.«

»Na, was denn? Wohl für die Mark von Fräulein Eva?«

Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte · 第 5 / 14 题