Der Schaffner grinste. »Wollen Sie die abholen, Freileinchen?«

»Ja,« antwortete Eva, »die Beschreibung paßt.« Und sie rief laut die

Namen: »Mathes, Peter, wacht auf!«

»Rrrrrr« schnarchte der eine, »pff, pff« schnaufte der andere.

Der Schaffner lachte. »Na, die haben einen gesegneten Schlaf,« meinte

er, »die muß man anders wecken!«

Und geschwinde kletterte er in das Abteil hinein und hob eins, zwei die

Buben von den Bänken und stellte sie hin. »Aufwachen!« schrie er.

Da rissen die Sternbübles, denn sie waren es wirklich, ihre Augen so

weit auf, so weit es ging. Weil ihnen die Umgebung aber gar zu fremd

vorkam, dachten sie, sie träumten noch, und fanden, ausgeschlafen hätten

sie noch nicht, und, pardauz, lag der Peter rechts auf der Bank und

Mathes links auf der Bank und rrrrrr, pff, pff schnarchten und pusteten

alle beide weiter.

Ein zweiter Schaffner und ein Gepäckträger waren inzwischen

herbeigekommen, auch die Geheimrätin stand vor dem Abteil, und alle

miteinander lachten über die verschlafenen Büblein.

»Die können's!« sagte der zweite Schaffner, und flugs kletterte er auch

in den Wagen, er packte Peter, sein Kamerad packte Mathes, und beide

trugen die Buben auf den Bahnsteig, und dort setzten sie sie so fest auf

den Boden, daß die Sternbübles nun wirklich munter wurden.

Sie gähnten, sahen sich an, sahen sich um, und weil ihnen die ganze

Sache etwas sonderbar vorkam, brachen sie in ein lautes Geschrei aus.

Das Brüllen nun verstanden die Sternbübles ausgezeichnet. Daheim in

Breitenwert, in der Löwengasse, sagten die Leute nicht: »Der brüllt wie

ein Ochse,« sondern: »Der brüllt wie die Sternbübles,« wenn jemand zu

arg schrie.

Und wenn die beiden schrieen, dann sah Mathes den Peter an und Peter sah

den Mathes an, und bei allem Schmerz und Kummer dachten sie meist: Ich

kann's noch lauter.

So ein mörderliches Geschrei war man aber auf dem Bahnhof von Leipzig

nicht gewöhnt. Ein paar Beamte liefen noch herbei, der Zeitungsmann,

einer, der Früchte und Keks verkaufte, alle kamen sie, und alle fragten

sie: »Was ist los, was fehlt den beiden?«

Eva versuchte die Buben zu trösten. »Seid doch ruhig!« bat sie. »Ihr

seid ja am rechten Ort. Kommt, wir fahren jetzt mit einem Wagen zu uns!«

Doch Eva konnte viel reden, die beiden brüllten weiter.

»Mit denen muß man deutsch reden,« brummte der erste Schaffner. Und

plötzlich brüllte er die beiden mit einer wahren Donnerstimme an:

»Himmeldonnerwetter, still sollt ihr sein, sonst stecke ich euch in die

Lokomotive!«

Schwapp! tat Mathes seinen Mund zu, schwapp! tat ihn Peter zu, und still

waren sie beide.

»Endlich!« sagte Eva, und ihre Mutter seufzte tief. Wie soll das mit den

beiden werden! dachte sie bekümmert. Wären die nur erst wieder da, wo

sie hergekommen sind!

Vorläufig schienen die Sternbübles aber gar nicht an die Rückreise zu

denken. Nun sie den ersten Schreck überwunden hatten, wurden sie ganz

zutraulich, und treuherzig sagten sie zu allen, die sie umstanden, guten

Tag und streckten ihnen ihre Hände hin. An denen klebte viel Kohlenstaub

und Reiseschmutz, und Eva von Ringewald erschrak etwas. Fein säuberlich

sahen die Sternbübles eigentlich nicht aus, denn auch die Gesichter

waren so schwärzlich, als hätten die Buben schon in der Lokomotive

gesteckt.

»Na, nun kommt nur!« sagte die Geheimrätin bedrückt. Ihre Freude über

den Besuch war nicht sehr groß. Trotzdem nahm sie freundlich Mathes an

der Hand, Eva führte Peter, ein Träger trug das Köfferlein der beiden,

und so gelangten sie alle an die Sperre.

»Eure Fahrkarten,« mahnte Eva, »die müßt ihr hier abgeben.«

Daheim hatte die Sternwirtin ihren Bübles sehr dringlich eingeschärft,

die Karten zu hüten und sie ja und ja nicht zu verlieren. Da hatten die

beiden, weil zweimal Schaffner so neugierig gewesen waren, ihre Karten

zu verlangen, diese zuletzt sehr gut versteckt, und sie erklärten jetzt

beide wie aus einem Munde: »Die Fahrkärtle können wir net zeigen.«

»Aber ihr müßt sie doch abgeben!« rief Eva.

»Nur heraus damit!« sagte der Beamte an der Sperre. »Schnell, schnell,

ich mache hier gleich zu!«

»Die Fahrkärtle wollen wir behalten,« behaupteten die Buben ganz

unverzagt.

»Nein, die müßt ihr abgeben, sonst -- sonst --«

»Kommt ihr in die Lokomotive,« half der Schaffner Eva, die nicht wußte,

was sie den Buben androhen sollte.

Das half wieder. Plautz setzten sich Mathes und Peter auf den Boden

nieder, und schripp schrapp zogen sie beide ihre Schuhe aus, und da

waren die Fahrkarten. Etwas zerbeult freilich, und der Beamte schüttelte

ein wenig den Kopf, aber dann sagte er doch lachend: »Na, euch merkt

man's an, daß ihr noch nicht viel gereist seid!«

»Viel Vergnügen in der großen Stadt!« rief ihnen der Zeitungsmann noch

spöttisch nach. Und eilends drehten sich die beiden um und sagten so

fröhlich und freundlich: »Danke schön!« daß Frau von Ringewald dachte,

sie sind doch lieb, die Buben; na, und der Schmutz geht ja ab!

Mathes und Peter hatten an diesem Tag schon viel erlebt, und sie waren

vor lauter Sehen und Sichwundern so müde geworden, daß sie zuletzt

eingeschlafen waren. Hier in Leipzig aber wurden sie wieder putzmunter.

Tausendnochmal, was gab es alles zu sehen!

Die Sternbübles hatten in ihrem Leben noch nie eine elektrische Bahn

gesehen, denn so etwas gab es in Breitenwert noch nicht, nun sahen sie

gleich recht viele auf einmal.

Und so groß waren die Häuser, so viele Menschen gab es, und die rannten

alle so eilig einher, wie es die Breitenwerter nur taten, wenn es

irgendwo brannte oder sonst etwas los war.

Die Bübles drehten sich wie Windmühlenflügel, sie schauten nach rechts,

nach links, blieben stehen, wurden geschubst und gestoßen, und Eva und

ihre Mutter atmeten auf, als sie die beiden endlich in einer Droschke

drin hatten. O je, das war eine mühsame Sache, mit den beiden vorwärts

zu kommen!

Das Gepäck wurde aufgeladen, der Kutscher rief hüh, und im rechten

Zotteltrab, wie das die Leipziger Droschken so tun, ging die Fahrt los.

Durch viele Straßen rollte der Wagen, und die Augen der Sternbübles

wurden immer größer, immer ängstlicher schauten die beiden drein, und

als der Kutscher endlich vor einem hohen, stattlichen Hause hielt und

Eva sagte: »Hier wohnen wir,« da ergriff die beiden eine

unbeschreibliche Sehnsucht nach der Löwengasse, und Mathes rief

jammernd: »Ich möcht' heim!«

»Ich auch,« schrie Peter nicht minder ängstlich.

Eva von Ringewald dachte erschrocken an das Gebrüll auf dem Bahnhof, und

sie sagte rasch: »Erst müßt ihr doch etwas essen, ihr seid doch gewiß

hungrig. Steigt nur aus, drinnen gibt es Schokolade!«

Das war ein Wort!

Die Sternbübles merkten gleich, hungrig waren sie wirklich, und darüber

vergaßen sie ihr Heimweh und kletterten nun ganz vergnügt aus dem Wagen.

Aus dem Hause kam ein älteres Mädchen in schwarzem Kleid mit weißer

Schürze und weißem Häubchen. Es war die Köchin Hulda. Die sah Mathes und

Peter an, als traute sie ihnen nicht recht, und als die beiden über die

Schwelle stolperten, brummte Hulda: »Na, die sehen aus, als machten sie

lieber zehn Dummheiten als eine.«

»Aber Hulda!« sagte Eva von Ringewald vorwurfsvoll. »Die Buben sind so

nett und bescheiden und nur ein bißchen schüchtern; die werden sicher

nicht viel Mühe machen.«

»Naaa!« Hulda sagte nichts weiter. Sie half Frau von Ringewald beim

Aussteigen, nahm das Gepäck und folgte den andern in das Haus hinein.

Ringewalds bewohnten das Erdgeschoß, das sehr groß und geräumig war, und

zu dem auch ein mäßig großer Garten gehörte, der auf der Rückseite des

Hauses lag. Den Sternbübles aber, die an ihr geräumiges Heimathaus

gewöhnt waren, erschien der Flur, in dem sie ihre Sachen ablegen mußten,

recht klein und nicht sehr prächtig; Verstecken spielen ließ sich schwer

darin.

»Erst mal waschen!« sagte da Hulda, denn die mochte schmutzige Hände gar

nicht leiden. Sie schob die Buben rasch in ein Zimmer, in dem alles

schneeweiß und blitzsauber war. Zwei Betten standen darin und zwei

Waschtische, und das allerschönste war ein weißes Schränkchen, hinter

dessen Scheiben allerlei Spielzeug bunt hervorschimmerte.

»Das ist für euch, wenn ihr recht artig seid,« erklärte Hulda, als sie

sah, wie verlangend die Bübles nach dem Schränkchen schielten. »Aber

erst wird gewaschen.«

Nun waren die Sternbübles gar nicht gegen eine tüchtige

Wasserplantscherei eingenommen; warum sie sich aber gerade am hellichten

Tage waschen sollten, während ihnen ein Schrank mit allerlei wundersamen

Spielsachen vor der Nase stand, das begriffen sie nicht. Kaum also hatte

Hulda das Zimmer verlassen, da witschten sie zum Schrank hin, um dessen

Herrlichkeiten zu bewundern. Leider war der Schrank verschlossen, und

Mathes und Peter konnten nichts weiter tun, als ihre Nasen an die

Scheiben pressen und alles von außen ansehen.

Sie sahen ein paar geheimnisvolle bunte Kisten, einige kleine Wagen und

Pferde, und just überlegten sie, was sie damit spielen wollten, als

Hulda wieder in das Zimmer trat. »Jemine,« schrie die, »ihr seht ja

immer noch wie ein paar Feuerrüpel aus, und, ach du meine Güte, den

Schrank habt ihr ja ganz beschmiert! Ich dacht' es mir gleich, mit euch

beiden kommt nur Ärger ins Haus.«

Ehe Mathes und Peter noch recht begriffen wie und was, hatte sie Hulda

gepackt und zog sie nicht sehr sanft zum Waschtisch. »Jacken aus,«

befahl sie grob, und dann strählte und striegelte sie an den Buben

herum, daß denen wirklich Hören und Sehen verging. Da war Mina daheim im

Silbernen Stern doch freundlicher, wenn die auch mal schalt, so grob

faßte sie nicht zu. Die Buben ahnten freilich nicht, wie unwillkommen

Hulda ihr Besuch war. Buben konnte die nämlich kein bißchen leiden, sie

behauptete es wenigstens immer, meinte, die wären alle unnütz, und seit

Frau von Ringewald die Sternbübles eingeladen hatte, war Hulda immer in

einer sehr unholden Laune. An diesem Tage war noch dazu das

Stubenmädchen Ida krank, also mußte Hulda allein für die Gäste sorgen.

Wohl wurde es denen nicht dabei, und am liebsten wären sie eiligst

entwischt.

Sie folgten ganz verdattert dem Mädchen ein paar Minuten später in das

Speisezimmer, in dem die Geheimrätin und Eva auf sie warteten.

Das Zimmer war groß und schön eingerichtet. Ein reich geschmückter

Tisch, mit allerlei guten Sachen bestellt, stand in der Mitte. Um aber

zu dem Tische zu gelangen, mußten Mathes und Peter über spiegelblanken

Boden schreiten, und daran waren die Breitenwerter Buben nicht gewöhnt.

Sie taten einen Schritt, noch einen Schritt, dann rutschten sie.

Mathes griff zuerst nach Huldas Rock, Peter tat es ihm nach, Hulda

wehrte sich, und klatsch, saßen sie alle drei auf dem Boden, und die

Teller und Gläser auf dem Tisch klirrten von dem Fall.

Die Geheimrätin sprang erschrocken auf, Eva lief zur Hilfe herbei, Hulda

schimpfte gewaltig, und die Buben taten und sagten nichts, die waren

viel zu verdutzt dazu.

»Ich sag's ja, ich sag's ja, die Bengels bringen nur Verdruß ins Haus!«

zeterte Hulda und sah die beiden so bitterböse an, daß denen himmelangst

wurde. Sie dachten gerade, es wäre vielleicht am besten, unter den Tisch

zu kriechen, als Eva von Ringewald sie aufhob. Die wußte mit sanften

Worten lind zu trösten, und den Sternbuben kam das blonde Fräulein so

holdselig wie eine schöne Märchenfee vor. Sie standen auf und gingen an

ihrer Hand an den Tisch, und weil Hulda, die sich über ihr Gezeter etwas

schämte, nun auch stilleschwieg, tauten die kleinen Gäste allmählich auf

und gaben Bescheid auf allerlei Fragen. Freilich, ein wenig kurz

gerieten die Antworten; ja und nein, mehr sagten beide nicht, aber dafür

aßen sie unglaublich viel. Eva fragte mitleidig: »Ihr hattet unterwegs

wohl gar nichts mit?«

»Doch, zehn Bröter!« antwortete Mathes.

»Und viele Äpfel!« ergänzte Peter.

»Und Schokolade!«

»Und Zuckerhimbeeren von Herrn Häferlein!«

»Und Kuchen!«

»Und --«

»Lieber Himmel, und das habt ihr alles aufgegessen?« rief Eva ganz

entsetzt. »Euch wird es übel werden.«

Die Buben rissen ihre Münder weit auf. »Übel wird uns net,« versicherten

sie, verwundert über Evas Entsetzen. »So arg viel war's doch auch net!«

fügte Peter kleinlaut hinzu.

»Halt nur jedem sein Rucksäckle voll!« sagte Mathes.

Eva lachte, und selbst über das ernste Gesicht ihrer Mutter glitt ein

fröhliches Lächeln, und ihre Heiterkeit fand das allerfröhlichste Echo

bei den Sternbübles; die lächelten nicht, die lachten so herzhaft, daß

sie hin und her wackelten vor Vergnügen. Sie erfüllten den weiten Raum

mit fröhlichem Lärm, und Mutter und Tochter dachten beide: Gut, daß die

Buben gekommen sind! Nur Hulda dachte das nicht. Die hörte aber auch das

Lachen nicht; sie saß in der Küche, brummte und knurrte wie ein Bär, dem

es in seiner Höhle nicht gefällt, und sie sagte wohl zum zwanzigsten

Male zur kranken Ida: »Paß auf, von den Jungen kommt uns Ärger ins Haus;

wenn's noch Mädel wären, aber Jungen! Was fängt man mit denen an!« Und

dabei seufzte sie tief und dachte an einen Jungen, den sie so lieb

gehabt hatte wie fast nichts auf der Welt.

Ida lachte. »Hulda,« rief sie, »wenn Sie keine Jungen leiden können,

warum sind Sie denn mit jedem Betteljungen so freundlich, der ins Haus

kommt?«

»Schnickschnack, ich kann freundlich sein mit wem ich will!« Damit war

das Gespräch zu Ende. Hulda nahm ihr Strickzeug, strickte und sagte kein

Wörtlein mehr an diesem Abend.

Viertes Kapitel.

Die Trostbuben.

Reisen, Schmausen und Lachen macht müde. Unversehens trat der Sandmann

hinter Mathes und Peter; denen fielen die Augen zu, und sie waren recht

froh, als Fräulein Eva vom Zubettgehen sprach. Sie sagten schon halb

schlafend gute Nacht, und in ihrem Zimmer sahen sie nicht einmal mehr

nach dem Spielschrank. Sie purzelten beinahe in ihre Betten. Als Frau

von Ringewald ein Weilchen später nachsehen kam, fand sie die beiden

schon im festen Schlaf liegen.

Eva saß neben den Betten, und sie flüsterte der Mutter heiter zu: »Ich

wollte ihnen noch ein Märchen erzählen, ich habe aber nur gesagt: >Es

war einmal --< da schliefen sie schon.«

Frau von Ringewald sah sinnend auf die Buben nieder. Sonderlich schön

waren sie nicht, aber wie sie so mit roten Backen in ihren weißen Betten

lagen, waren sie doch lieblich anzuschauen.

Die Frau seufzte tief. So sanft und friedlich hatte auch einst ihr Bube

geschlafen, und viele Stunden hatte sie an seinem Bett gesessen und

seinen Schlaf treu bewacht. Ihr Liebling, wo war er jetzt?

Tränen kamen in die Augen der Mutter, und Eva, die das sah, legte

zärtlich ihre Arme um der Mutter Hals. »Sei nicht traurig,« bat sie,

»unser Fritz kommt wieder. Er muß ja wiederkommen!«

»Er muß ja wiederkommen!« wiederholte die Geheimrätin, und eine leise

Hoffnung durchzitterte ihre Stimme.

»Wie könnte er die beste Mutter je vergessen!« Eva zog die Mutter auf

den Stuhl zwischen den Betten nieder, kauerte zu ihren Füßen, und so,

während die Sternbübles schliefen, Mathes im Traume lächelte und Peter

etwas grimmig dreinsah, redeten Mutter und Tochter leise miteinander von

dem Sohn des Hauses, der ohne Abschied vor zwei Jahren in die weite Welt

gezogen war.

»Wäre der Onkel doch nicht so streng gewesen!« klagte Eva.

»Darum durfte er uns doch nicht verlassen!« Frau von Ringewald hatte

dies Wort schon oft und oft gesagt, denn sie konnte es nicht verstehen,

daß ihr Junge, ihr zärtlich geliebtes Kind, so von ihr gegangen war.

Heimlich, ohne Abschied, ohne jemals zu schreiben.

Freilich, ihr Bruder, der Vormund ihrer Kinder, war sehr hart gewesen.

Der Konsul Bucher war ein strenger Mann, und besonders Fritz von

Ringewald hatte seine Strenge zu fühlen bekommen. Der sollte studieren

wie sein verstorbener Vater oder Buchhändler werden wie sein Onkel. Zu

beidem hatte Fritz keine Lust gehabt. Musik wollte er studieren, Geiger

werden, nichts anderes.

Der Mutter war es recht. Aber ihr Bruder sagte nein, und er zwang seinen

Neffen, in seine Buchhandlung einzutreten. Ein halbes Jahr hielt der es

aus, dann -- Mutter und Schwester waren gerade auf einer weiten Reise --

ging er davon, ohne Abschied.

Es wäre wohl anders gekommen, wäre die Mutter dagewesen. Die erfuhr nie,

was zwischen ihrem Bruder und ihrem Sohn eigentlich vorgegangen war. Der

Konsul schwieg darüber, und Fritz schrieb nicht, nie, seit zwei langen

Jahren nicht.

Eva tröstete alle Tage die Mutter mit dem gleichen Wort: »Unser Fritz

kommt wieder; wenn er etwas erreicht hat, kommt er wieder.«

Er kommt wieder! Die Mutter hoffte es, aber zwei Jahre sind lang für die

Sehnsucht einer Mutter. Eva sah das liebe, gütige Antlitz täglich

blässer werden. Die Geheimrätin mochte nicht mehr ausgehen, ihr Gram war

wie eine Spinne, die ein dichtes graues Netz spinnt, das Licht und

Freude absperrt.

Eva schlug allerlei Reisen vor, aber die Mutter war zu müde dazu. Auch

nach Breitenwert in den Silbernen Stern wollte Eva reisen, und wie auch

da die Geheimrätin nein sagte, fiel es Eva eines Tages ein, sie könnte

die Sternbuben einladen, der Mutter zum Trost und zur Freude.

Mathes und Peter Hinz als Trostbübles! Dies Amt ihnen zuzutrauen, darauf

wäre in Breitenwert wohl niemand gekommen. Aber als Eva von Ringewald

die beiden so friedlich schlafen sah, dachte sie: Es war schon recht,

die beiden einzuladen, Mutter wird gewiß ihre Freude an ihnen haben.

Von ihrem hohen Amt, Trostbübles zu sein, ahnten die beiden nichts.

Denen raubte kein Kummer den Schlaf, auch die vielen Bröter, Äpfel und

anderen guten Dinge lagen ihnen nicht im Magen, die schliefen wie zwei

Murmeltiere, ohne nur einmal aufzuwachen.

Nun hatten die Sternbuben aber eine dumme Angewohnheit. War Schule, dann

schliefen sie wenn möglich bis Mittag, waren Ferien, dann wachten sie in

aller Herrgottsfrühe auf. Daheim schalt Mina oft über diese dumme

Angewohnheit, denn sie meinte, Buben wären in den Ferien am besten im

Bett aufgehoben, da richteten sie am wenigsten Unheil an.

Weil in Leipzig die Breitenwerter Schule den Buben so entfernt lag wie

Afrika, wachten sie natürlich sehr früh auf und wußten gar nicht, wo sie

waren.

Sie blickten sich eine Weile höchst verdutzt an, meinten, sie tummelten

sich noch in einem Träumchen herum, aber da knurrten ihnen auf einmal

ihre Magen sehr vernehmlich. Na, und so etwas pflegt man meist nicht zu

träumen.

»Wir sind verreist!« schrie Mathes plötzlich.

Peter stopfte nachdenklich seinen Bettzipfel in den Mund. Das

Verreistsein so am frühen Morgen war ihm etwas ungemütlich, er hätte

lieber daheim in seinem Bett gelegen. Eben wollte er darüber stöhnen und

knurren, als sein Blick auf den Spielschrank fiel. »Das Schlüssele

steckt,« schrie er, und hops! da war er auch schon aus dem Bett.

Hops! sprang Mathes ihm nach. Beide kauerten am Schrank nieder und

begannen höchst vergnügt seine Herrlichkeiten auszuräumen. Nur mal

ansehen, dachten beide.

Zuerst kamen ein paar Geduldspiele zum Vorschein. Die legten die beiden

schnell wieder weg; Geduld war nichts für sie, und daheim nahmen sie

diese Spiele auch nur vor, wenn sie vor Langeweile gar nicht wußten, was

anfangen. Ein bißchen Puppenkram, der noch aus Eva von Ringewalds

Kindheit stammte, betrachteten Mathes und Peter sehr von oben herab. Sie

verrenkten und verdrehten den Gliederpüppchen die Glieder, und dann

räumten sie weiter. Ein Baukasten und einer mit allerlei Getier gefiel

ihnen schon besser, aber dann packten sie noch ein paar Tiere aus, bei

deren Anblick sie in das hellste Entzücken gerieten. Es waren ein paar

Mäuse, eine Ente und ein Hahn, die laufen konnten, wenn man sie aufzog.

Ähnliche Tiere hatten die Sternbübles letztes Jahr zu Weihnachten

bekommen, die hatten aber so viel im Silbernen Stern und auf der

Löwengasse herumlaufen müssen, daß ihnen sehr bald die Eingeweide

entzweigegangen waren.

Die Buben drehten nun flink Mäuse, Hahn und Ente auf. Da krähte der Hahn

und schlug mit den Flügeln, die Ente schnatterte, und die ganze

Gesellschaft lief lustig in der Stube herum. Sie rannten, standen still,

Mathes und Peter drehten sie wieder auf, und sie vergaßen über dem Spiel

ganz und gar, sich anzuziehen. Auf einmal, just als die Mäuse wieder

frisch aufgezogen herumrannten, tat sich die Türe auf, und herein

spazierte Hulda, die eine Kanne warmes Wasser brachte.

Eine lebendige Maus wäre vielleicht vor so einer wichtigen Person, wie

es Hulda war, ausgerissen. Die Spielmaus aber war höchst frech, die lief

dem Mädchen gerade zwischen die Füße.

Hulda schrie fürchterlich. Sie tat wahrhaftig, als wäre ein Löwe im

Zimmer, und die Buben, die das Geschrei für Spaß ansahen, lachten laut

und tapsten in ihren Nachthemden hin und her.

Da schnurrte auch die zweite Maus daher, und Hulda, die sich ganz

entsetzlich vor Mäusen fürchtete, hielt beide für lebendig. Klatsch!

warf sie den Wasserkrug hin und rannte jammernd aus dem Zimmer.

Draußen durchgellte ihr Geschrei die Wohnung, und die Geheimrätin, Eva,

selbst die kranke Ida liefen herbei, alle meinten sie, irgendein Unglück

sei geschehen.

»Was ist mit den Jungen?« fragte Frau von Ringewald.

»Brennt es? Soll ich die Feuerwehr holen?« quiekte Ida, die sich noch

ihren Rock zuheftete.

»Mäuse, Mäuse! Die Bengels haben Mäuse mitgebracht, und nu lachen se

noch!« Hulda schüttelte ihre Röcke, sie fürchtete, die Mäuse wären an

ihr heraufgekrochen. »Sie beißen, sie beißen!« stöhnte sie.

»Die Jungen sind an den Spielschrank gegangen,« rief Eva. »Hulda,

schämen Sie sich, Sie sind ein rechter Hasenfuß, laufen vor ein paar

Spielmäusen davon!«

Sie ging in das Zimmer, und dort fand sie die Hemdenmätze mitten in der

Überschwemmung stehen. Die Mäuse, Hahn und Ente hatten das Laufen

eingestellt; Wasser vertrugen sie nicht, selbst der Ente war es zu viel.

Mathes und Peter waren sehr verdutzt über Huldas Davonlaufen. Und als

sie die draußen schluchzen und jammern hörten, denn Evas Wort vom

Hasenfuß hatte die treue Seele bitter gekränkt, dachten sie, das Klagen

gelte dem Kruge, und sie riefen Eva eifrig entgegen: »Das Krügle ist net

ganz entzwei!«

»Nur der Henkel ist ab!« erklärte Mathes.

»Ein paar Sprüngle hat's,« fügte Peter hinzu.

»Und laufen tut es vielleicht auch.« Eva nahm lachend Mathes den Krug

aus der Hand; sie sah den ausgeräumten Spielschrank, die Tiere in der

Wasserflut, und sie zwang sich zu einem ernsten Gesicht und sagte:

»Spielt ihr in Breitenwert auch erst, ehe ihr euch anzieht? Das ist bei

uns nicht Mode!«

Den Buben fuhr der Schreck gewaltig in die Glieder, und sie stürzten

sich eilfertig auf ihre Sachen. Das liebliche Fräulein Eva mochten sie

gewiß nicht kränken.

Rips, raps, rups -- ging es. Mathes zog zwei Strümpfe über ein Bein,

Peter versuchte verkehrt in seine Hosen zu schlüpfen, und dann schrie

Mathes: »Das sind meine!« und Peter schrie noch lauter: »Meine sind's!«

Einer zog nach rechts, einer nach links, dann gab einer dem andern einen

Puff, und die Hösles flogen hoch im Bogen durch das Zimmer.

»Streitet euch doch nicht!« Eva mahnte es, aber da sah sie, wie sich die

Brüder vor Lachen krümmten, und sie ahnte, so machten die es oft. Sie

räumte flink den Spielschrank ein, zog vorsichtig wieder den Schlüssel

ab und sagte plötzlich gelassen zu den beiden, die sich noch immer um

ihre Kleidungsstücke rauften: »So, wer jetzt nicht in fünf Minuten

fertig ist, der bekommt kein Frühstück!«

Das Wort half wunderbar gut. Jetzt fuhr auf einmal jeder Bube ins rechte

Hosenbein, und bald standen beide blitzblank und fertig da, und Eva

führte sie in das Frühstückszimmer. Dort wartete Frau von Ringewald

schon am zierlich gedeckten Tisch. Und Hulda stand da, bereit, Kaffee

einzugießen, aber mit einer Miene wie eine Pulvertonne, die in die Luft

fliegen will.

Das kleine, behagliche Zimmer lag nach dem Garten hinaus, der jetzt im

bunten Herbstschmuck prangte. Freilich waren der Staub und der Ruß der

großen Stadt auf Büsche und Bäume niedergesunken; alles sah ein bißchen

schwärzlich aus, und dann gab es auch nur ein paar wohlgepflegte Beete

und sorglich geglättete Wege in dem mäßig großen Garten.

Spielen kann man da nicht drin, dachten die Sternbuben, und gerade da

fragte Fräulein Eva, die sehr stolz auf den grünen Winkel war: »Gefällt

euch unser Garten?«

»Noi!« riefen die Buben wie aus einem Munde, und beide schüttelten so

heftig die Köpfe, damit auch gar kein Zweifel an ihrem Mißfallen blieb.

»Na, solch freche Jungen! Finden unsern Garten nicht schön!« brauste

Hulda empört auf. »Ihr habt wohl gleich 'nen Park am Hause, he?«

»Aber Hulda!« Evas Stimme klang vorwurfsvoll, und dann fragte sie

freundlich: »Was gefällt euch denn nicht an unserem Garten?«

Die Buben sahen sich verlegen an. Was ihnen eigentlich an dem sauberen

Gärtchen nicht gefiel, wußten sie selbst nicht zu sagen. Sie dachten

eben nur an die Gärten, die sich daheim hinter den Häusern der

Löwengasse hinzogen, und die so ganz anders waren, so viel lustiger und

freier.

»Man kann net drin spielen,« platzte endlich Mathes heraus.

»Er ist so -- so fein!« stotterte Peter.

»Natürlich, für euch zwei ist er zu fein!« Es war gut, daß draußen die

Flurglocke ertönte und Hulda das Zimmer verlassen mußte, sie hätte sonst

gewiß noch allerlei gesagt, was den Buben recht unangenehm gewesen wäre.

Fräulein Eva war viel netter, die schwieg von dem Garten. Sie sah nur

wehmütig hinab. Ach, was wußten so ein paar dumme Breitenwerter Buben

davon, wie froh ein Großstadtkind über so ein grünes Fleckchen sein

kann!

»Erzählt einmal von eurem Garten!« forderte die Geheimrätin auf, während

sie Semmeln recht dick und lecker mit Mus für ihre Gäste bestrich.

Von ihrem Garten sollten sie erzählen! Die Sternbuben dachten nach. Am

meisten ließ sich vom Lindengarten erzählen, der ein Räuberschlößle

hatte, und gerade wollten sie den Garten ihrer Freunde preisen, als

Hulda wieder das Zimmer betrat. Die brachte Briefe, und darüber vergaßen

Mutter und Tochter den Garten und ihre Gäste, denn jedesmal, wenn Briefe

kamen, schlugen ihnen die Herzen, sie dachten: Vielleicht ist einer von

unserm Fritz dabei!

Auch Hulda, die schon viele Jahre im Hause war, dachte das, sie blieb

darum mitten im Zimmer stehen und wartete, ob die Geheimrätin oder Eva

nicht etwas sagten. Sie blickte still und fragend zu beiden hinüber, die

Sternbuben aber meinten, Hulda blicke sie so unentwegt an. Das machte

sie arg verlegen, und weil sie nicht recht wußten, wie sie sich helfen

sollten, begannen sie ihre Mussemmeln zu essen.

Nun kümmerte sich daheim im Silbernen Stern, wo es alle immer recht

eilig hatten, niemand viel darum, wie die Bübles aßen. Die pflegten

daher oft von ihren Brötern erst das Mus abzuschlecken und dann das

nackte Brot zu essen, wie das Gundel nannte, die oft über diese Art zu

essen schalt.

Schön war es auch nicht, niemand konnte das finden. Daheim hatte Trinle

Grill auch schon mal gesagt: »Ihr seid die reinen Saubarteles!« was auch

nicht schön war, aber in Breitenwert redete man halt so. Doch kein

Mensch hätte dort so ein ungeheures Geschrei erhoben, wie dies Hulda

plötzlich tat. Die vergaß Briefe und alles, schlug die Hände über dem

Kopf zusammen und schrie wohl zwanzigmal hintereinander: »Pfui, pfui!«

Mathes und Peter erschraken heftig, und Peter klatschte sich seine

Semmel vor Schreck an die Nase, und da sah er nun aus wie ein rechter

kleiner Schmierfink.

Fräulein Eva, die über einem Brief ihrer liebsten Freundin die kleinen

Gäste ganz vergessen hatte, sah auf und rief auch erschrocken: »Pfui!«

Dieser Ruf des lieblichen Fräuleins bekümmerte die Buben sehr. Mathes

stopfte vor Schreck seine Semmel in seine Tasse, schwapp! lief die über;

Peter wollte dem Bruder helfen, dabei riß er seine eigene Tasse um, und

über den zierlich gedeckten Tisch rann ein braunes Flüßlein.

»Sagt' ich's nicht, von denen kommt nur Ärger?« kreischte Hulda. »Auf,

marsch, raus, ihr Schmierfinken, ihr!«

»Halt!« Frau von Ringewald legte sacht ihre Hand auf die Huldas, die

eben mit hartem Griff Mathes von seinem Stuhle herabzerren wollte. »Mit

Gästen geht man sanfter um, Hulda, und mit Kindern hat man Geduld.« Über

das feine, traurige Gesicht der Geheimrätin lief ein Lächeln, als sie

den Buben die beschmierten, erschrockenen Gesichter streichelte. »Jetzt

geht mit Eva, die wird euch waschen,« sagte sie tröstend.

Hulda schwieg muckstill, und Eva stand rasch auf, nahm die Buben an die

Hand und führte sie in das Schlafzimmer zurück. Sie dachte dabei, wie

gut doch Mutter ist, und so gut war sie auch immer gegen den wilden

Bruder. Ist's möglich, kann der eine so gute Mutter wirklich vergessen?

Mathes und Peter waren die Herzen schwer. Die Patentante gefiel ihnen so

gut, und Fräulein Eva gefiel ihnen so gut, und nun waren sie gewiß alle

beide sehr böse, und weil sie das bedrückte, darum seufzte erst Mathes

schauerlich tief und dann Peter noch tiefer. Da kehrten Evas Gedanken zu

den beiden zurück, und sie fragte: »Warum seufzt ihr denn so?«

»Weil -- weil du uns böse bist,« stammelte Mathes.

»Jaa!« seufzte Peter.

Eva lachte. »Ich bin schon wieder gut,« versicherte sie, »wenn ihr jetzt

nur brav sein wollt.«

Bei den Sternbübles wurde sehr rasch aus schlecht Wetter gut Wetter. Im

Umsehen stellten sie das Geseufze ein, und Hulda machte ein ganz

verwundertes Gesicht, als ein paar Augenblicke später die Buben

blitzblank und purzelvergnügt wieder zurückkamen und nun ganz säuberlich

und manierlich aßen und tranken. Sie benahmen sich so nett, daß Eva nach

dem Frühstück sagte, nun würde sie den beiden die Stadt zeigen.

»Mit 'nem Schutzmann als Begleiter, sonst bringen Sie die beiden doch

nicht heil und ganz wieder zurück,« brummte Hulda.

Aber weder Eva noch die Sternbuben taten, als hörten sie Huldas

Unkenruf. Eva sagte: »Nun macht euch fein, ich tue das auch; in einer

Viertelstunde gehen wir.«

Und schon nach fünf Minuten standen Mathes und Peter im Flur. Sie hatten

sich äußerst fein gemacht, Alettes Handschuhe hatten sie angezogen und

Trinles Tüchle in ihre Brusttaschen gesteckt, und sie waren ein bißchen

geärgert, als Fräulein Eva darüber lachte und meinte, dies alles wäre

nicht nötig.

»Man sieht ihnen eben die Kleinstädter an der Nasenspitze an.« Das war

Huldas letztes Wort, das den Spaziergängern noch nachhallte. Es kränkte

sie aber nicht, denn draußen sagte Eva: »Wir fahren nun zuerst mit der

Elektrischen in die Stadt hinein; flink, dort oben hält sie, und ich

höre sie schon klingeln!«

Da liefen die Buben wie zwei Windhunde und vergaßen Hulda und ihren

Zorn. Zum erstenmal in einer elektrischen Bahn fahren, das war doch noch

eine Sache!

Fünftes Kapitel.

Verloren und wiedergefunden.

Manchmal ist doch so eine elektrische Bahn recht boshaft. Da klingelt

sie freundlich und einladend, tut, als würde sie warten und jeden

mitnehmen, und wenn dann einer denkt: Ha, die erreiche ich noch! dann --

schwuppdiwupp! saust sie ihm an der Nase vorbei.

Genau so erging es Fräulein Eva, Mathes und Peter an diesem Morgen mit

der bösen Elektrischen. Nun war das ja nicht weiter schlimm, denn sie

hatten alle drei keine Eile. Fräulein Eva wollte auch gerade sagen: »Die

nächste Bahn kommt bald,« als sie die beiden Buben heidi! dem Wagen

nachrennen sah.

»So dumm!« dachte Eva und rief, aber den Buben schienen die Ohren

zugemauert zu sein, und es blieb ihr nichts weiter übrig, als den

Ausreißern nachzurennen; die konnten ja in der wildfremden Stadt wer

weiß wohin laufen! So rasten denn alle drei eine Weile die lange, stille

Straße entlang, und da die Sternbübles flinke Beine hatten, hätte Eva

sie sicher nicht erreicht, wenn ein daherkommender Mann die beiden nicht

festgehalten hätte. Und der ließ nicht los, soviel die beiden sich auch

wehrten, strampelten und zappelten. Als Eva herankam, rief er ihr

entgegen: »Ich hab' sie. Na, die haben wohl was Nettes ausgefressen?«

Eva, die ganz atemlos war, erzählte, der Mann lachte über die dummen

Kleinstadtbuben, und die schämten sich entsetzlich. Und just da sauste

ihnen allen eine zweite Bahn an den Nasen vorbei.

»Seht ihr, wäret ihr stehengeblieben!« Der Mann sagte es, und Fräulein

Eva sagte es, und Mathes und Peter senkten reumütig die Nasen, und dazu

ärgerten sie sich gewaltig, denn der Fremde sagte noch, ehe er sie

losließ: »Mit denen nehmen Sie sich nur in acht, Fräulein! Die sehen

aus, als machten sie an jedem Tag drei dumme Streiche und am Sonntag

sechs!«

O, wie nur jemand so reden kann!

Die Buben waren tiefgekränkt, und ganz still stiegen sie, als nun

endlich wieder eine Bahn kam, hinein und saßen feierlich und steif auf

ihren Plätzen.

Ein bißchen wirbelig wurde ihnen dabei zumute. Die Bahn fuhr durch

viele, viele Straßen, und alle hatten sie hohe Häuser; wie die

Löwengasse daheim sah keine Straße aus.

Endlich stiegen sie aus. Auf einem freien Platz war es, der ein wenig

einem Ameisenhaufen glich, so viele Menschen liefen da hin und her,

Wagen rollten, die Schaffner der Bahnen klingelten, und die Buben wußten

gar nicht, wohin zuerst schauen.

»Der Platz heißt der Augustusplatz,« sagte Fräulein Eva, die den kleinen

Gästen alles recht genau erklären wollte.

»So heißt Herr Häferlein,« rief Mathes, froh, daß er an Breitenwert

denken konnte.

»Wer?« fragte Eva erstaunt.

»Herr Baldan auch,« sagte Peter. Und vielleicht hätten beide noch alle

Breitenwerter Auguste aufgezählt, wenn nicht ein Mann sehr grob

geschrieen hätte: »Platz da, ihr dummen Bengels!« Und puff! bekam Mathes

einen Stoß und Peter einen, und Fräulein Eva zerrte rasch die beiden vom

Fahrdamm herab. »Hier darf man nicht stehen bleiben,« erklärte sie

erschrocken und ging ein paar Schritte über den Platz hin.

»So, nun seht euch einmal um! Dort drüben, das ist unser Museum.«

In ganz Breitenwert gab es kein Museum, und Mathes und Peter wußten

nicht, war das eine Petroleumlampe oder sonst etwas. Sie starrten aber

dahin, wohin Fräulein Eva blickte, und da sahen sie einen großen

Brunnen, hoch aufgebaut und mit vielen Figuren schön geziert. Die Wasser

sprangen lustig aus vielerlei Röhren, und die Buben meinten, ein

Springbrunnen würde vielleicht in Leipzig Museum genannt. Sie riefen

daher vergnügt: »Das ist fein, arg fein!«

Die Freude der Buben freute Fräulein Eva, denn sie liebte es sehr, in

das Museum zu gehen. Sie versprach darum: »Morgen oder übermorgen gehen

wir zusammen hinein.«

»Kann man das?« Mathes sah ungeheuer erstaunt drein, und Peter wußte

auch nicht recht, sollte er lachen oder verwundert sein.

»Natürlich kann man das, warum nicht? Da gehen viele Menschen hinein.«

»Muß man da Badehösle anziehen?« forschte Mathes, dem die Sache doch

sehr bedenklich schien. In Breitenwert dachte doch kein Mensch daran, in

einen Brunnen zu steigen.

»Ba--dehösle?« Nun schaute Fräulein Eva aber verdutzt drein. Sie

schüttelte den Kopf, sah die Buben an, sah nach dem Museum hinüber, und

da ging ihr auf einmal ein Lichtlein auf. Die springenden Wasser

glitzerten in der Sonne, und sie ahnte die Verwechslung. »O ihr

Dummerles!« rief sie. »Ihr denkt wohl, der Brunnen ist das Museum, und

wir wollen zusammen in den Brunnen steigen?«

Weil Fräulein Eva lachte, lachten die Bübles auch; sie taten es sehr

herzhaft und laut, und ein paar Vorübergehende lachten mit. Unter ihnen

war auch ein junger Mann, sehr einfach, fast ärmlich gekleidet. Der

blieb plötzlich stehen und sah unverwandt zu dem fröhlichen Mädchen und

ihren kleinen Begleitern hinüber. Und als die nun in die Grimmaische

Straße einbogen, die den Augustusplatz mit dem Marktplatz verbindet,

folgte er den dreien.

Eva von Ringewald wollte den Buben nun doch erklären, was eigentlich ein

Museum sei, aber sie konnte viel reden, die beiden hörten nicht. Die

sahen sich nur immerfort um. War das ein Getriebe in der ziemlich engen

Straße! Den Sternbübles war es zumute, als wären sie in ein buntes

Geschichtenbuch hineinspaziert, und weil man sich in Geschichten laut

und nachdrücklich verwundern kann, verwunderten sie sich auch sehr laut.

Einmal schrie Mathes: »Peter, guck!« Dann schrie Peter: »Mathes, guck!«

Und dann zeigten sie mit den Fingern, klebten beinahe vor Schaufenstern

fest, drückten sich die Nasen an den Spiegelscheiben platt, rannten die

Vorübergehenden an, ließen sich selber ein paarmal umrennen, und sie

wären gewiß noch auf den Fahrdamm gepurzelt, wenn Fräulein Eva sie nicht

fest bei den Händen genommen hätte. Es war freilich schwer, in dem

Straßengewühl zu dreien zu gehen, und manch ein Vorübergehender schalt

über das Breitmachen. Aber schließlich kamen doch alle drei auf dem

Marktplatz an, wo es freier war. Hier blieb Eva aufatmend stehen, und

sie wollte eben ihren Schützlingen das Rathaus zeigen, als jemand ihren

Namen rief.

Eine Freundin war es, die ihr nachgelaufen kam. Die wollte sich gleich

die Breitenwerter Gäste ansehen. Das hübsche, lustige Mädchen redete

freundlich zu Mathes und Peter, doch die waren von all dem Neuen, das

sie sahen, so verwirrt, daß sie nur karge Antworten gaben.

»Seht euch ein bißchen um!« rief Eva von Ringewald, die gern mit ihrer

Freundin etwas bereden wollte. Die beiden Mädchen schwatzten zusammen,

und die Sternbübles standen auf dem Marktplatz von Leipzig und sahen

sich um. Der Platz war sehenswert, und an dem Rathaus konnte einer schon

seine besondere Freude haben. Aber schöne Häuser waren den Buben noch

recht gleichgültig, die sahen ganz andere Dinge. Die vielen Gefährte

aller Art gefielen ihnen vor allem, und dann geschah auf einmal etwas

ganz Wunderbares. Eine der vielen Straßen entlang, die alle auf den

Marktplatz einmündeten, kam jemand anspaziert, den Mathes und Peter

bislang nur aus Bilderbüchern kannten.

Ein Neger war es, einer, der dunkelbraun aussah wie ein

Schokoladenplätzchen.

Die Buben kreischten laut vor Verwunderung. Eva von Ringewald hörte es,

aber ihre Gedanken waren bei dem, was die Freundin ihr erzählte, und da

sagte sie nur: »Seid doch still, man schreit hier nicht auf der Straße!«

Patsch! waren die Bübles still, merkwürdig still sogar.

Eva hörte kein Wörtlein mehr von ihnen, und darum vergaß sie die beiden

über dem lebhaften Geplauder mit der Freundin ganz und gar. Leider aber

vergaßen Mathes und Peter ihre Beschützerin auch. Schon ihr Gebot,

stille zu sein, hatten sie kaum noch gehört, sie dachten nur an den

Neger und sahen nur den.

Dieser, der eine rote Mütze und dunkelblaue Jacke trug, war sonst auf

dem großen Meßplatz Türsteher bei einer Schaubude. Vormittags aber war

es in Leipzig auf dem Meßplatz meist sehr stille, also konnten

Schaubudenleute auch mal spazierengehen. Weil nun in Leipzig im Frühling

und Herbst alljährlich Messe war, erstaunten die Leute nicht sonderlich,

wenn Meßleute durch die Stadt gingen. Ein Neger schien niemand etwas

Besonderes zu sein, niemand riß darum den Mund so sperrangelweit auf,

wie es die Sternbübles taten.

Als der Neger in eine Seitenstraße einbog, hatten sie nur den einen

Wunsch, ihm nachzulaufen. Das taten sie auch. Sie fragten nichts und

sagten nichts, sie rannten einfach spornstreichs hinter dem Schwarzen

einher, rannten, bis sie neben ihm waren und ihm recht genau ins Gesicht

starren konnten.

Der gute Neger nun war das Anstaunen gewöhnt, die beiden Buben aber, die

so trapp trapp neben ihm herliefen, wurden ihm doch lästig. Er rollte

seine Augen, zeigte seine weißen Zähne und rief auf einmal mit rauher

Stimme: »Fort, ich fresse euch!«

Die Vorübergehenden lachten, aber Mathes und Peter erschraken ungeheuer;

sie schrieen laut auf und wichen entsetzt zurück. Ein paar Leute blieben

lachend stehen, auch der Neger lachte, aber alles das sahen Mathes und

Peter nicht mehr, die rissen einfach aus.

Heidi, husch! ging es die Straße entlang. Einer lief hinter dem andern

her, aber statt zurück rannten sie vorwärts, sie kamen an eine

Querstraße, liefen die entlang und wären wohl noch wer weiß wohin

gelaufen, wenn sie nicht über eine Kiste, die ein Fuhrmann vor einem

Torweg ablud, gestolpert wären.

»Himmeldonnerwetter! Nä, ihr Bengels, gennt ihr denn niche sähen!«

schalt der. »'ne Kiste ist doch nich 'n Wassertroppen, den man nich

sieht!«

Da kamen die beiden zur Besinnung. An ihren Knieen spürten sie es, daß

die Kiste wirklich kein Wassertropfen war; braun und blau hatten sie

sich geschlagen. Sie sahen sich verwirrt an und sahen sich ebenso

verwirrt um. Wo waren sie eigentlich, und wo war Fräulein Eva?

Der Neger war verschwunden. Kein Mensch ringsum bedrohte die beiden, nur

der Fuhrmann, der sich noch immer mit seiner schweren Kiste abmühte,

brummte weiter. Als er aber die tieferschrockenen Gesichter der beiden

sah, fragte er gutmütig: »Nä, warum seid er denn erst gerannt wie 'n

baar Bürstenbinder und steht nu da wie 'n baar Esel im Tanzsaal?«

»Der -- der Mohr wollte uns fressen!« stotterte Mathes, und Peter redete

ihm nach: »Ja, er wollte uns fressen!«

»Herrjeses!« Der Fuhrmann lachte dröhnend auf. »Nä, so was! Bei uns da

laufen doch die Menschenfresser nich auf der Straße herum! Hört mal, ihr

seid wohl nich aus Leipzig, wo seid ihr denn her?«

Weil der Mann so herzhaft lachte und so gutmütig dreinsah, faßten die

Sternbuben Zutrauen zu ihm; sie drängten sich an ihn heran und fingen

an, ihm ihr Abenteuer zu erzählen. Leider erzählten sie etwas

durcheinander, und der Fuhrmann wußte nicht recht, wie er Fräulein Eva

von Ringewald und den Neger zusammenbringen sollte, auch verstand er

nicht, warum Peter immer versicherte, Hulda würde böse werden.

Endlich kam dem Mann ein Gedanke; er fragte: »Die sind wohl alle von der

Messe, und ihr gehört wohl auch dahin?«

Nun hatten die Buben wieder keine Ahnung, was eigentlich die Messe war,

und sie starrten den Frager mit offenem Munde an. Der tippte mit dem

Finger an seine Stirn und brummelte: »Da rappelt's wohl? Geht mal lieber

heim zur Mutter!«

»Das ist zu weit,« schrieen alle beide erschrocken, und Peter fügte

klagend hinzu: »Wir sind doch auf Besuch, und Fräulein Eva ist doch mit

uns spazierengegangen!«

»So so, spazierengehen nennt ihr das, wenn ihr auf meiner Kiste

rumtrampelt! Na nu, wo ist denn Freilein Eva?«

Da kam Mathes ein Gedanke. »Auf dem Marktplatz steht sie,« schrie er aus

Leibeskräften, als wäre der Fuhrmann ganz taub.

Der schrak ordentlich zusammen. »Nä, ihr Schafsköppe,« murrte er

endlich, »wenn die da steht und ihr hier seid, dann geht ihr doch nich

spazieren! Nach dem Marktplatz ist das schon 'n Stück. Da geht mal die

Straße immer geradeaus und dann links und wieder immer geradeaus, un am

besten ist, ihr fragt noch dreimal, denn sonst rennt ihr gar noch auf

den Thomasturm. Und dann sagt Freilein Eva 'nen scheenen Gruß, un ihr

wäret viel zu dämlich, um alleine zu laufen.«

Nach dieser überaus freundlichen Abschiedsrede schob der Fuhrmann seine

Kiste in den Hausflur, und Mathes und Peter rannten sehr eilfertig

davon. Furchtbar nett fanden sie den Fuhrmann freilich nicht, aber er

hatte ihnen doch wenigstens den Weg gesagt. --

Eva von Ringewald hatte bald das Verschwinden ihrer Schützlinge gemerkt.

Die Freundin nahm Abschied, und sie sah sich nach den beiden um. Aber

alles Umsehen half nichts; von den Buben war kein Zipfelchen zu sehen.

Sie lief die Straße zurück, durch die sie mit den beiden gekommen war,

denn dort hatte ein Spielwarenladen die beiden arg gelockt. Aber vor dem

standen fremde Kinder, die beiden waren nicht dabei.

Eva fragte ängstlich einen Schutzmann; der hatte die Buben nicht

gesehen. Nun rannte sie in eine andere Straße hinein, fragte dort wieder

einen Schutzmann. Doch der wußte auch nichts von den Verschwundenen.

Da kehrte sie zum Marktplatz zurück, lief auf und ab in immer wachsender

Angst, bis ihr endlich der Gedanke kam, die beiden könnten vielleicht

heimgelaufen sein. So recht glaubte sie es zwar nicht, aber wenn jemand

in rechter Herzensangst ist, klammert er sich an die kleinste Hoffnung.

So erging es Eva von Ringewald an diesem Morgen. Sie setzte sich in

einen Wagen und fuhr heim, und trotzdem immerzu in ihrem Herzen eine

Stimme redete: Sie sind nicht da, können nicht den Weg gefunden haben,

sagte sie immer wieder zu sich selbst: Gewiß sitzen sie zu Hause, sicher

ist es so.

Endlich, endlich hielt der Wagen vor ihrem Wohnhause. Sie drückte auf

die Klingel, wie sie es sonst nie tat, und schrie Hulda, die öffnete,

entgegen: »Sind sie da?«

Erst begriff Hulda gar nicht, was Eva wollte. »Besuch ist nicht

gekommen,« brummte sie. Doch als sie niemand nachfolgen sah, rief sie

aufgeregt: »Herrjee, die Jungen sinn weg!« Und ordentlich stolz über

ihre eigene Klugheit fügte sie hinzu: »Das hab' ich doch gleich gesagt,

mit denen geht's schief!«

Hulda wollte noch viel sagen, was man alles für schreckliche Dinge mit

zwei so unnützen Jungen erleben könnte, und daß sie sich niemals welche

einladen würde, als Frau von Ringewald herbeikam. Die sah Evas

verstörtes Gesicht, sah sie allein und fragte erschrocken: »Die Kinder

sind weg, die uns anvertrauten Kinder?«

Eva sank schluchzend in der Mutter Arme, und da begriff Hulda auf

einmal, daß dies eine recht betrübliche Geschichte war. Sie schrie: »Ich

lauf' zur Polizei,« und wupps! war sie weg.

In Hausschuhen, so wie sie ging und stand, lief sie die Straße entlang,

und sie ließ sich die elektrische Bahn nicht an der Nase vorbeifahren,

obgleich die die allergrößte Lust dazu hatte. Hulda rannte ihr nach,

sprang auf, bumste einem etwas dicken Herrn vor den Magen, und als der

zu schimpfen anfing, sagte sie gelassen: »Schimpfen Sie nur nicht, uns

sind zwei Jungen verschwunden, so was, das ist viel schlimmer als so 'n

bißchen Gestoße!«

Da fragten gleich vier Leute zusammen erschrocken: »Jungen sind

verlorengegangen? Ja wo denn, wie denn, wann denn?«

Nun erzählte Hulda sehr gern gruselige Geschichten, auch tat sie sich

sehr gern wichtig. Also erzählte sie allen Leuten im Wagen von den

Sternbuben, und daß sie auf einmal -- haste nicht gesehen! --

verschwunden wären. Weil sie dabei an Frau von Ringewalds Angst und

Fräulein Evas Tränen dachte, wuchs ihr Groll gegen die Buben, und die

wurden immer unnützer in ihrer Erzählung. Max und Moritz waren die

reinen weißgewaschenen Engelchen gegen die beiden. Schließlich sagte der

dicke Herr, den Hulda erst so gestoßen hatte: »I du meine Güte, die

müssen Haue haben, wenn sie gefunden werden!«

»Die dürfte man gar nicht einladen,« rief eine ältere Frau. »Zwei solche

Rangen im Haus, na, ich danke!«

Hulda wollte gerade sagen, sie meinte das auch, als der Schaffner rief:

»Wächterstraße!« Das war die Haltestelle, an der sie aussteigen mußte,

und sie rannte sehr eilfertig hinaus. Dabei trat sie drei Leuten auf die

Füße und purzelte fast vom Wagen, und als sie das Polizeigebäude

erreicht hatte, stolperte sie über die Schwelle und rief dem

wachthabenden Schutzmann zu: »Sind se da?«

»Ich bin da,« antwortete der gelassen. »Wer soll denn noch da sein?«

Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte · 第 4 / 14 题