Alette Amhag und Trinle Grill bogen gerade beim Obermarkt in die
Löwengasse ein, als vom Untermarkt her die vier Buben angerast kamen.
Heil und unversehrt, nur etwas niedergeschlagen wegen der verlorenen
Tasche.
»Und der Koffer, wo ist denn der?« fragte Trinle emsig.
»Veit hat ihn!«
»Nein, du hast ihn, Mathes!«
»Ich net!«
»Ich auch net!«
Ja, wo war er? Auf dem Bahnhof in Himmelsberg hatten die Buben das
Köfferle noch gehabt, später auch noch, als sie sich ausgeruht hatten,
aber dann war Mathes davongelaufen und Peter davongelaufen, und weil der
Koffer keine Beine hatte, war er stehengeblieben.
Tasche weg, Koffer weg, was würde die Mutter dazu sagen!
»Ihr dürft vielleicht net reisen!« Trinle sah äußerst bekümmert drein,
Alette weinte ein bißchen vor Mitleid, die Buben stöhnten, und der
Abschied von der Löwengasse fiel nicht so vergnügt aus wie die
Begrüßung. Die Sternbübles ließen die Nasen hängen, als sie den
Silbernen Stern betraten, und Mathes tuschelte Peter zu: »Wir sagen's
morgen Gundele, und vielleicht sagt's Gundele der Mutter und vielleicht
--«
»Wer hat denn heute den Bodenschlüssel gehabt?« Die Frage dröhnte den
beiden entgegen wie ein Kanonenschuß. Mina stand im Hausflur und sah
sehr grimmig drein. »Na, raus mit der Sprache, wer ist auf dem Boden
gewesen?«
Nun kam alles heraus.
»Die dürfen net reisen!« rief Mina entrüstet. »Das schöne, bunte Täschle
haben sie verschleppt und 's Köfferle von ihrem Großvater dazu. Die
müssen daheimbleiben.«
Ganz so streng sprach die Mutter nicht, aber sie redete auch von
Zuhausebleiben, wenn die Buben in den nächsten Tagen noch ein Dummheitle
machten.
»Dann müssen die gerade alle sieben Tage im Bett bleiben,« schalt Mina.
»Frau Hinz, lassen sie die net reisen, die stellen ganz Leipzig auf den
Kopf, zwei solche Unnützle, wie die sind.«
Mathes und Peter gelobten wieder einmal der Mutter reumütig, sie würden
schrecklich brav sein, und kein Bube legte sich in Breitenwert an diesem
Abend mit besseren Vorsätzen in das Bett, als es Mathes und Peter Hinz
taten. Lobstriche wollten sie noch in der Schule bekommen, sich nicht
einmal mehr die Hösle zerreißen, ganz wunderbar sollte es werden. Und
dann schliefen sie ein und träumten seltsame Dinge: dem Peter fuhr eine
Lokomotive ins Bett hinein, und das Bäckerfräulein war Lokomotivführer,
und Mathes saß mit der bunten Reisetasche irgendwo mutterseelenallein in
der Welt, und er schrie vor Angst laut nach der Mutter. Er schrie und
schrie, bis er der Mutter Stimme hörte, die beruhigend an sein Ohr
klang: »Buben, aufstehen, es ist Zeit!«
Hurra, wieder eine Nacht vorbei!
»In sechs Tagen reisen wir!« schrieen die Buben.
»Wenn ihr brav seid und keine Dummheitles macht,« sagte Mina von der
Türe her.
»Pah, wir sind nie --«
Mehr sagten die Buben nicht, sie steckten die Köpfe in die
Waschschüsseln; Mina machte so ein sonderbares Gesicht, das war recht
unbehaglich.
»In sechs Tagen reisen wir!« Die Buben riefen es Gundele zu, der es
wieder besser ging. »In sechs Tagen!«
»Wenn -- wenn ...!« echote da Mina wieder.
Drittes Kapitel.
Die Ankunft.
Es war sechs Tage später. Auf einem der vielen Bahnsteige des großen
Leipziger Bahnhofes schritten zwei Damen auf und ab. Die ältere der
beiden, die Frau Geheimrätin von Ringewald, sah sehr blaß und traurig
aus, und ihre Tochter Eva bemühte sich, sie durch allerlei lustige Worte
zu erheitern. »Paß auf, Mutter,« sagte sie, »die beiden Buben werden uns
viel Spaß machen.«
»Ich weiß nicht recht, Eva,« antwortete die Geheimrätin, »ob es nicht
eine Torheit war, die Buben einzuladen. Was sollen wir mit ihnen
anfangen?«
»O, ich spiele mit ihnen und zeige ihnen unsere Stadt,« rief Eva
vergnügt, und ihr liebliches Gesicht strahlte wie ein junger
Frühlingsmorgen. »In das Museum führe ich sie, in den zoologischen
Garten, überall hin, ich freue mich schon darauf!«
Die Geheimrätin lächelte wehmütig. Sie wußte genau, daß sich ihre
Tochter nur auf den Besuch freute, weil sie ihr damit eine Zerstreuung
zu schaffen gedachte. »Mein gutes Kind, du,« flüsterte sie leise, »wenn
ich dich nicht hätte!«
Die schöne Eva von Ringewald unterdrückte einen tiefen Seufzer. Der galt
dem großen Leid, das der Mutter und ihr Leben trübte, und sie sagte
tapfer, sich zum Fröhlichsein zwingend: »Jetzt werden sie gleich kommen,
in einer Minute werden sie da sein; wir wollen sie schon heiter
empfangen, gelt, mein Goldmuttel?«
Die Geheimrätin konnte nicht mehr antworten, denn der Zug, der die
Sternbübles nach Leipzig bringen sollte, fuhr just ein. Mit Puffpaff und
lautem Gepfeife lief er in den Bahnhof ein. Die Türen wurden
aufgerissen, Menschen stiegen aus, da und dort ertönten frohe
Willkommrufe, Gepäckträger wurden herangewinkt, und ein paar Minuten war
der Bahnsteig von lautem Getöse erfüllt. Doch alle hasteten, so schnell
sie konnten, dem Ausgang zu. Der Bahnsteig leerte sich, und nach ein
paar Minuten stand die Geheimrätin mit ihrer Tochter nur noch allein am
Zug, dessen Türen ein paar Schaffner schlossen.
»Sie sind nicht gekommen,« rief Eva traurig.
»Aber ihre Mutter hat doch heute gedrahtet, sie wären abgefahren.« Frau
von Ringewald sah sehr besorgt drein. »Wenn ihnen nur nichts zugestoßen
ist!« sagte sie ängstlich.
»Vielleicht sind sie irgendwo sitzengeblieben.« Eva lief noch einmal den
Zug entlang, und in diesem Augenblick rief ein Schaffner in ein Abteil
hinein: »Hallo, hallo! Was macht denn ihr da drinnen?«
Neugierig blickte Eva in das Abteil und sah darinnen auf den Bänken zwei
Büblein liegen, die so fest schliefen, als lägen sie um Mitternacht in
ihren Betten.
»Das sind sie,« rief Eva, »ganz sicher, das sind sie!«