Stuttgart
Verlag von Levy & Müller
Nachdruck verboten.
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
Druck: Christliches Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart.
Erstes Kapitel.
Reisepläne auf der Löwengasse.
Im Silbernen Stern zu Breitenwert stand Mina in der großen Küche und --
wunderte sich.
Mina, die schon zwanzig Jahre in dem altberühmten Gasthaus diente, war
eigentlich nie eine Minute müßig, aber jetzt stand sie am Herd, ließ die
Töpfe überkochen und sagte nur immerzu: »Jemine, nein, so etwas, jemine,
jemine!«
Käthle, die Zweitmagd, hielt beim Hühnerrupfen inne und sah ihre ältere
Genossin verdutzt an. So ein Gewundere war ihr noch nicht vorgekommen.
»Sag doch, was ist, was soll das Jeminegerufe?« fragte sie neugierig.
Da tat Mina einen kellertiefen Seufzer und sprach mit einer Stimme wie
eine Brummglocke: »Unsere Bübles sollen nächste Woche verreisen!«
»Waaas?« Käthle sperrte Augen und Mund weit auf, vergaß das Hühnerrupfen
und schüttelte vor Verwunderung den Kopf, als wäre sie ein Apfelbaum,
von dem just ein paar Äpfel herunterpurzeln müßten.
»Ja, ja, guck mich nur net an, als wäre ich ein Gespenst!« rief Mina
barsch. »Unsere Bübles verreisen -- nach Leipzig.«
Mina seufzte, Käthle seufzte. Mina aus Sorgen, Käthle, weil sie die
Sache nicht verstand, auch nicht wußte, wo dies Leipzig lag. Auf dem
Monde vielleicht! Wer konnte alle Städte in der Welt kennen. Aber
schließlich schwätzte Käthle lieber als zu seufzen; sie ermahnte daher
Mina: »Erzähl doch, warum müssen sie verreisen? Ist's gar eine Strafe?«
»Bewahre, eine Belohnung! Eingeladen sind sie von einer reichen,
vornehmen Dame. Mathes ist ihr Patchen. Ach jemine, die kennt doch
unsere Bübles net, die weiß net, was das für Stricke sind!«
»Jetzt sind sie doch brav!« rief Käthle entrüstet.
»Na, na!« Mina sah gar nicht aus, als glaube sie sehr an der Bübles
Bravheit, und das war nicht nett von Mina, denn die ganze Löwengasse, in
der der Silberne Stern stand, fand, die Sternbübles, Mathes und Peter
Hinz, wären jetzt sehr brav. Früher, na ja, da war es etwas anders
gewesen, aber seit einem halben Jahre ließ sich gegen die beiden
wahrlich nichts sagen. Und jetzt behaupteten die Buben sogar, sie würden
ein gutes Zeugnis aus der Schule heimbringen. Und dann durften sie
reisen.
Während Mina seufzte, Käthle fragte und die Töpfe zischten und
brodelten, standen die beiden Buben mitten auf der Löwengasse und
erzählten ihren Kameraden von der großen Reise.
Es herbstelte schon, aber der Tag war noch warm, und die Sonne schien
hell in die Löwengasse hinein. Die gute Dame freute sich einmal wieder
an den schönen, alten Häusern und an den jungen, lustigen Kindern, die
es in der Löwengasse gab. Sie dachte vielleicht, ich sehe doch in viele,
viele Gassen hinein, aber so eine wie die Löwengasse gibt es nicht
wieder. Ein bissel krumm und schmal ist sie freilich und manchmal auch
etwas schmutzig, aber sie ist und bleibt doch eine liebe Gasse. Wenn ich
nicht Madame Sonne wäre, weiß der Himmel, ich möchte drin wohnen! Und
weil die Sonne gerade Zeit hatte und mit dem Schlafengehen noch warten
wollte, blinkerte sie ein paar Kindern neckend auf den Nasen herum. Das
störte die wenig; die hörten den Sternbübles zu und riefen gerade:
»Reist ihr wirklich ganz alleine?«
»Freilich, freilich, ganz alleine!« Es war ein Wunder, daß Mathes und
Peter nicht jeder flugs einen Meter größer wurden, so stolz reckten sie
sich. Die anderen Kinder, es waren Veit, Steffen, Trinle und Kasperle
Grill aus der Linde und Alette Amhag aus der Rose, neben der Gundele
Hinz, der Sternbuben lahmes Schwesterchen, stand, sagten alle
miteinander, so eine weite Reise, das wäre eine feine Sache.
»Und allein reisen wir!« schrieen die Sternbuben noch einmal.
»Ich hab' Angst, ihr kommt net hin,« rief Trinle Grill. Da seufzte
Gundel gleich verzagt und klagte: »Mir ist so bang um die beiden!«
Heisa, da schauten aber Mathes und Peter gekränkt drein! »Wir kommen
schon hin,« schrieen sie entrüstet, »und gleich schreiben wir, wenn wir
da sind. Och je, wenn's doch erst so weit wäre!«
Es standen noch zwei auf der Löwengasse, die auch dem Geschwätz über die
Reise zuhörten, es waren dies Herr August Baldan, Provisor in der
Lindenapotheke, und der immer freundliche Herr August Häferlein, der
sein Lädchen neben dem schönen alten Haus zur Rose hatte. Herr Baldan,
der immer etwas grillig war, brummte über das Geschrei der Kinder, und
Herr Häferlein lächelte dazu, aber plötzlich taten sie alle beide ihren
Mund zugleich auf und fragten: »Sagt mal, Sternbuben, warum reist ihr
gerade nach Leipzig?«
»Weil -- weil --« Mathes sah Peter an und Peter sah Mathes an, und dann
schrieen sie wie aus einem Munde: »Weil wir da eingeladen sind.«
»Na ja, aber von wem denn?« brummte Herr Baldan.
»Von unserer Pate!« Die Buben schrieen es wieder zusammen. Eigentlich
war Frau Geheimrat von Ringewald in Leipzig nur die Patin von Mathes,
aber das nahmen die Bübles nicht so genau. Und ehe Herr Baldan nur Luft
schnappen konnte zu einer neuen Frage, erzählten sie so geschwind, wie
ein Hase rennt, von der Frau Pate. Furchtbar reich sei sie und furchtbar
vornehm, und mal wäre sie in Breitenwert gewesen und im Silbernen Stern
krank geworden. Frau Hinz, die Sternwirtin, hatte sie gut und treulich
gepflegt, und weil Mathes gerade ein wunderfitziges kleines Büblein war,
hatte sie viel Spaß an ihm gehabt und hatte den Kleinen noch am Tage vor
ihrer Abreise aus der Taufe gehoben. Und alle Jahre zu Weihnachten kam
eine Kiste mit Spielsachen drin, aber selbst war die Frau Patin nie
wieder in Breitenwert erschienen. »Aber jetzt hat sie geschrieben, wir
sollen kommen,« rief Peter, und Mathes fügte stolz hinzu: »Sie möcht'
uns arg gern kennenlernen!«
»Na, die wird sich schön wundern, wenn ihr zwei Löwengäßler ankommt!«
brummte Herr Baldan. Der hatte heute Regenwetterlaune, aber den
Sternbuben verdarb er mit seinem Gebrumme nicht ihre purzelvergnügte
Sonnenscheinlaune. Die beiden schwätzten so lustig weiter, als säße der
grillige Herr Baldan irgendwo auf dem Glasberg im Märchen. Sie zählten
die Tage bis zur Abfahrt und berichteten allerlei furchtbar wichtige
Dinge; so sagte Mathes: »Wir kriegen neue Hösle.«
»Ja, und neue Hüte und neue Schuhe,« schrie Peter.
»Alles neu, sogar neue Sacktüchles!« Dabei fiel es Mathes ein: ein
Sacktuch kann man manchmal brauchen; er fuhr in seine Tasche und brachte
ein schwärzliches, zusammengeklebtes Lappending zum Vorschein.
»Pfui, aber pfui!« riefen die drei Mädel entsetzt, und Trinle, die neben
Mathes stand, sprang gleich ein paar Schritte weit. Sie rümpfte ihre
kleine Nase verächtlich und sagte ganz spitzweis: »Soll das ein neues
Tüchle sein?«
»In Leipzig werden sie sich ja recht über die Saubarteles wundern!«
brummte Herr Baldan wieder. Doch diese Rede kränkte Mathes nicht so sehr
wie Trinles Verachtung. Er seufzte tief und versenkte sein mißachtetes
Taschentuch wieder in die Tiefe seiner Tasche.
Und just da fiel Peter etwas ein, über das er ganz plötzlich in ein
unbändiges Lachen ausbrach. Er kreischte vor Vergnügen, tat einen
Luftsprung, krümmte sich wie eine Sichel, wollte etwas sagen, schluckte
und prustete und brachte vor Lachen doch kein Wort heraus.
Die andern sahen ihn verdutzt an, auch Mathes sah erst verwundert drein,
doch auf einmal fiel ihm ein, an was der Bruder denken könnte, und er
stürzte auf ihn zu und tuschelte ihm etwas ins Ohr.
»Freilich, freilich!« Peter nickte und kicherte, prustete und schluckte,
hielt sich sein Bäuchlein vor Lachen, und Mathes tat ihm alles nach. An
jedem Ende der Löwengasse war das Gelächter der beiden zu hören.
»Sagt's doch, was habt ihr denn?« Die andern wurden ungeduldig, sie
wollten auch das große, furchtbar wichtige Geheimnis erfahren. Aber die
Sternbübles brachten kein ganzes Wort heraus. Die schnappten nach Luft
wie ein paar Fischlein, die man auf ein Sofa gesetzt hat, und Herr
Baldan tippte mit dem Finger an seine Stirn und sagte ärgerlich:
»Übergeschnappt, übergeschnappt. Das kommt von der Reise.«
Da dachten Veit und Steffen Grill, hier hilft nur ein handfester Stoß,
um die beiden wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Und sie pufften die
beiden von rechts und links, klatschten sie auf die Rücken, und das half
wirklich. Mathes gelang es endlich, die große wichtige Neuigkeit zu
verraten; er platzte heraus: »Wir sollen -- sollen -- Handschuhe
kriegen!«
Potzwetter ja, die Sternbübles und Handschuhe!
Selbst Herr Baldan rutschte aus seiner Schlechtwetterlaune heraus und in
das allergrößte Vergnügen hinein. Er lachte mit seinem Freund August
Häferlein um die Wette, und wenn die beiden sich einmal verpusteten,
lachten die andern umso lauter.
Die Sternbübles strahlten. Sie kamen sich ungeheuer wichtig vor, und es
tat ihnen nur leid, daß sie die Handschuhe noch nicht hatten und sich
noch nicht im ungewohnten Staat ihren Kamerädles zeigen konnten. Sie
sagten das auch, und da fiel auf einmal Alette Amhag etwas ein, und sie
rannte eilfertig in die Rose und kehrte nach zwei Minuten mit einem
Kästchen voll Handschuhe zurück. Feine, zarte Lederhandschuhe waren es,
die Alette noch zu groß waren, und die, wie sie meinte, Mathes und Peter
wohl passen würden. Außer Fäustlingen im Winter bei der allerbittersten
Kälte hatten die Sternbübles noch nie Handschuhe besessen, und als sie
jetzt die feinen rehbraunen Dinger sahen, erschraken sie ordentlich. Die
sollten sie anziehen? Sie sträubten sich heftig, wie Zahnausziehen
erschien ihnen das.
»Ihr müßt!« riefen Alette und Trinle, und Alette, die schon weit in der
Welt herumgekommen war, sagte ernsthaft: »In der großen Stadt trägt man
eben Handschuhe.«
»Flink hinein,« schrie Herr Baldan, »wir wollen doch mal sehen, wie aus
unsern ruppigen, struppigen Sternbuben ein paar feine Herrles werden!«
Die feinen Herrle stiegen den Buben arg in die Nasen, und jeder streckte
flugs seine Hände nach den Handschuhen aus.
Aber wie Mädels nun mal sind, alle drei zugleich riefen sie entrüstet:
»Pfui, aber pfui, sind eure Hände schmutzig!«
»Wir haben sie doch gewaschen!« brummte Mathes gekränkt.
»Wann denn?«
»Na, heut früh!«
O jemine, und jetzt war es Nachmittag!
»Ihr müßt an das Brünnle gehen,« riet Trinle; »wir helfen!«
Da entschlossen sich die Sternbübles zu dem schweren Werk, aber an den
Brunnen brauchten sie nicht zu gehen. Alette nahm sie in die Rose mit
hinein, und nach ein paar Minuten kamen sie mit blitzblank gewaschenen
Händen wieder heraus, und die Handschuhprobe begann.
Das war ein schweres Werk!
Die Finger der Sternbübles, die so gelenkig für allerlei unnütze Dinge
waren, schienen plötzlich steif gefroren zu sein, und die drei Mädels
hatten ihre liebe Not, ehe die Handschuhe saßen. Aber schließlich gelang
die Sache doch, und mit weit gespreizten Fingern standen Mathes und
Peter da; die Handschuhe saßen wunderfein.
»Ich schenke sie euch für die Reise,« sagte Alette.
»Ich schenke euch auch was,« schrie Trinle, vom guten Beispiel der
Freundin angesteckt. Sie stürzte in die Linde hinein und kam nach
wenigen Minuten zurück, und doch meinten die Sternbuben, sie wäre
ewiglange geblieben, so erwartungsvoll waren sie. Sie dachten schon,
Trinle würde mit einem Reisekorb voll Geschenken ankommen, und sie waren
herzlich enttäuscht, als Trinle bei ihrer Rückkehr nur zwei winzige
Seidentüchlein in der Hand hielt.
»Das sind Tüchle für Mädles,« schrieen sämtliche Buben verächtlich,
selbst Kasperle, der doch erst ein rechter Dreikäsehoch war, schrie mit.
»Unsinn!« Trinle faßte Peter geschwind beim obersten Jackenknopf und
stopfte dem Buben -- eins, zwei, drei -- das eine Tüchlein, es war
himmelblau, in die Brusttasche. »Herr Häferlein trägt auch immer da ein
Tüchle,« sagte sie, »und dann ist's fein!«
Alle schauten auf Herrn Häferlein. Wirklich, dem guckte ein seidenes
Zipfelchen aus der Brusttasche heraus, und da erklärte Mathes flugs:
»Ich will auch ein Tüchle!« Er bekam auch eins eingesteckt, das war zur
Abwechslung rosenrot. Und wie die Buben nun mit den Handschuhen an den
weitgespreizten Händen und den seidenen Zipfeln in den Brusttäschchen
einherschritten, auf und ab, sehr würdevoll und feierlich, da sagten
alle, fein sähen sie aus, arg fein! Aber freilich, fein müßten sie in
der großen Stadt einhergehen, sonst machten sie Breitenwert und der
Löwengasse Schande.
»Von mir kriegt ihr noch eine Tüte von den großen Zuckerhimbeeren zum
Abschied,« versprach Herr Häferlein.
»Ich schenke euch Schokolade,« rief Alette, und Gundel nickte dazu und
versprach: »Ich auch!«
»Von uns kriegt ihr Malzzucker,« riefen die Lindenkinder. Den gab
nämlich ihr Vater manchmal her, wenn sie ihn recht darum baten.
»Von mir bekommt ihr Bauchwehtröpfles.« Herr Baldan lachte. »Ihr
verderbt euch doch den Magen unterwegs, ich kenne das schon! Kinder tun
das immer, zumal wenn sie allein fahren. Da sind Bauchwehtröpfles die
beste Reisegabe,« versicherte er.
Ein Sturm erhob sich.
Die Kinder fanden alle miteinander, das wäre nicht recht von Herrn
Baldan, so etwas zu sagen. Und alle erzählten sie von Reisen, die sie
schon gemacht hätten, und bei denen sie putzmunter geblieben und ohne
Bauchwehtröpfle ans Ziel gekommen waren.
Alette Amhag war weit in der Welt herumgekommen; die Grills waren schon
etliche Male zur Großmutter gefahren, zwei Stunden weit, und selbst die
Sternbuben hatten schon mal eine halbe Stunde in einem Zug gesessen. Und
wie sie das alles mit viel Lärm und Geschrei Herrn Baldan erzählten und
der immer entgegnete: »Ja, aber allein seid ihr net gereist,« da kamen
plötzlich zwei die Löwengasse entlang, die gewöhnlich den langsamen
Schritt liebten. Doch diesmal rannten sie.
Wer kann auch immer wissen, was einem Esel einfällt! Und Bäckermeisters
Esel waren es, die angerannt kamen. Der leere Brotwagen rasselte und
rumpelte hinter ihnen her, und am Gassenende tauchte der dicke
Bäckermeister Hering auf, der laut schrie: »Halten, halten!«
Wenn was los war, mußten die Sternbübles immer dabei sein. Sie vergaßen
Handschuhe und seidene Tüchlein und stellten sich kampfbereit den Eseln
entgegen. Aber die hatten nun mal keine Lust, stehen zu bleiben. Nach
links flog Mathes, nach rechts Peter, Veit und Steffen leisteten ihnen
Gesellschaft, die Mädels kreischten, Herr Häferlein schrie höflich:
»Bitte, stehen bleiben!« Aber Esel sind sonderbar, die hören nicht immer
auf höfliche Leute.
Herr Baldan machte es gescheiter. Der schrie nicht, bat nicht, drohte
nicht, der stellte sich einfach den Ausreißern entgegen und hielt sie
fest. Bums, da standen sie, bis der Bäckermeister kam und sie heimholte.
Auf der Löwengasse gab es ein großes Wehklagen. Die Sternbübles stimmten
es an, denn weder den alten Hösles noch den neuen Handschuhen war der
Kampf mit den Eseln gut bekommen. Jammernd standen beide da und hielten
die Hände weit ausgestreckt; gerade in den Gassenschmutz hatten sie
damit gegriffen, hin war alle Pracht.
Doch Alette, die sich besser auf Handschuhe verstand, tröstete, die
könnten gereinigt werden, und Gundel versprach: »Ich flick euch die
Hösle,« und Herr Baldan versicherte: »Ihr werdet noch manchmal in den
Schmutz fallen, ehe ihr nach Leipzig kommt.«
Die Sternbübles sahen sich an. Nun, so etwas kam freilich öfter vor, und
immer war es wieder gut geworden. Warum also weinen?
»So ist's recht!« rief Herr Häferlein. »Lacht nur wieder, dann bekommt
ihr auch die Zuckerhimbeeren.«
»Und reisen dürft ihr so weit!« sagte Trinle Grill sehnsüchtig.
Die Reise, o jemine, wenn's nur erst so weit wäre!
Mathes und Peter vergaßen die Esel, die beschmutzten Handschuhe, die
zerrissenen Hösle, alles, und plötzlich stimmten sie, nicht gerade sehr
lieblich, ein Lied an, das Gundel ihnen zur Freude und Übung wohl schon
zwanzigmal vorgesungen hatte.
»Wir reisen in die weite Welt,
Juchheissassa!
Wir haben einen großen Beutel Geld,
Juchheissassa!
Mit Stock und Hut
Und frohem Mut,
Mit 'nem großen Reisesack
Huckepack
Geht's in die Welt hinaus,
Juchheissassa!
Haben wir genug, kommen wir wieder nach Haus.
Juchheissassa!«
Zweites Kapitel.
Eine Reise, die keine Reise ist.
Am nächsten Morgen hing den Sternbuben der Himmel voller Geigen. Es
bekümmerte sie kein bißchen, daß es draußen regnete, plitsch, platsch,
immerzu. Sie merkten auch nichts davon, daß unter den Geigen am Himmel
etliche dicke, brummige Baßgeigen waren, bereit, ihnen mit Gebrumme und
Gesumme auf den Kopf zu fallen. Beim Aufstehen schwätzten sie, als
müßten sie an diesem Tage eine Million Wörter und etliche darüber
verbrauchen, und sie merkten gar nicht Minas Jammermiene, als die in das
Zimmer trat. Gleich ein Dutzend Fragen auf einmal purzelten Mina
entgegen, doch die gab darauf keine Antwort, sondern sagte knurrig:
»Seid still, schreit net so, Gundele ist krank. Der Hals tut ihr weh,
das kommt von dem dummen Herumgestehe auf dem Gäßle.«
Plumps! da lag die erste Brummgeige am Boden.
Gundele krank! Ja, das ging doch gar nicht an! Die Buben mußten doch auf
dem Schulweg mit der sanften Schwester von der Reise reden; dies war
doch das Allerwichtigste auf der ganzen Welt!
Just in diesem Augenblick krabbelte dem Peter ein Nieser ins Näslein,
und er nieste laut und vernehmlich: haizih! »Ich bin auch krank, ich muß
zu Hause bleiben!« schrie er.
»Haizih, haizih!« antwortete Mathes. Bei dem klangen die Nieser etwas
sonderbar, aber er schrie doch gewaltig: »Ich bin auch krank, ich kann
net in die Schule gehen.«
»Wir unterhalten Gundele!« schlug Peter vor.
Aber so ein paar Nieser machten auf Mina keinen Eindruck. Die sagte
kaltblütig: »Wer krank ist, muß ins Bett und Süpple essen, nur Süpple.
Na, und mit der Reise wird es dann wohl nichts werden.«
Haizih! Peter nieste vor Schreck gleich noch einmal, aber er rief doch
sehr flink: »Ich bin net krank, pah, ein Schnüpfle ist net schlimm!«
»Na denn marsch in die Schule! Gundele laßt ihr jetzt in Ruh, die soll
noch schlafen!«
Die Buben seufzten schwer, aber sie wagten kein Widerwort, denn mit Mina
war schlecht verhandeln an diesem Morgen. Dies merkten sie schon. Ein
paar Minuten später trabten sie der Schule zu, und sie hielten dabei
Ausschau nach den Kameraden. Auch nach Herrn Häferleins Laden schielten
sie hinüber, vielleicht stand der freundliche Kaufmann an der Türe und
war zu einem Schwätzlein bereit. Doch niemand ließ sich blicken. Nicht
einmal Bäckers Esel ging heute auf der Gasse spazieren, es sah auch
niemand zu einem Fenster heraus. Weil nun die Sternbuben nicht mit
jemand anderm von ihrer Reise reden konnten, redeten sie mitsammen. Sie
taten dies so eifrig, als hätten sie sich tausend und einen Tag nicht
gesehen, und darüber vergaßen sie ihren Schulweg.
Bumbum! hub da plötzlich die große Uhr der Marktkirche zu schlagen an.
Lieber Himmel, schon so spät! Der Schreck fuhr den Sternbuben gewaltig
in die Beine, sie begannen zu rennen und rasten mit gesenkten Köpfen
vorwärts, weil sie meinten, es ginge so schneller. Auf einmal stießen
sie aber dabei auf ein unerwartetes Hindernis. Jemand stellte sich ihnen
entgegen, breitete die Arme aus und sagte gemütlich: »Euch laß ich net
vorbei, ihr rennt sonst noch das Kirchtürmle um.«
Die Butterfrau Greinle, die allwöchentlich die Butter in den Silbernen
Stern brachte, war es, die die Buben aufhielt. Sie wollte ein Späßle
machen und dachte nicht an die Schule. Und weil Frau Greinle ein bißchen
schwerhörig war, verstand sie auch nicht gleich, was Mathes und Peter
ihr zuriefen. Die große, dicke Frau hielt die zappelnden Büblein fest
und sagte neckend: »Euch nehm ich mit, euch kann ich gut zur
Kartoffelernte brauchen.«
»Schule!« schrie Mathes, und Peter kreischte: »Wir müssen rein, wir
müssen rein!«
»Lieber Himmel, Frau Greinle, was machen Sie denn da!« klang's von der
Schultreppe her. »Lassen Sie doch die Buben los, es hat ja schon
angefangen!« Der Schuldiener Hupp rief das sehr laut, und diesmal
verstand es Frau Greinle, und sie gab erschrocken die Buben frei, die
heulend die Treppe emporhasteten. Oben blieben sie aber stehen und
klagten: »Jetzt kriegen wir 'n Strichle, huhuuuh!«
Schuldiener Hupp, der viel zu gut zu allen unnützen Buben und Mädeln
war, tröstete die beiden Schelme. »Ich sag's eurem Lehrer, nun geht
nur!«
»Ich werd's sagen!« Trapp, trapp, kam die große, dicke Butterfrau die
Treppe empor, und da rannten die Buben erschrocken hinein, denn der
Gedanke, von Frau Greinle begleitet in die Klasse zu treten, war ihnen
sehr unangenehm. Sie ahnten schon, sie würden ausgelacht werden, und sie
wurden wirklich ausgelacht. Ihren Kameraden erschien die Geschichte sehr
spaßhaft, selbst der Lehrer lächelte ein wenig, er meinte aber doch:
»Etwas spät scheint ihr aber doch gekommen zu sein.«
Mathes und Peter sahen sich an, eigentlich war's doch gut gewesen, daß
Frau Greinle sie aufgehalten hatte, denn nun kamen sie ohne Strich oder
Nachsitzen über das Zuspätkommen hinweg.
Aber ach, von den dicken Brummgeigen am Himmel purzelten an diesem Tage
doch noch etliche auf der Sternbuben Köpfe. Sie hatten über der Reise
vergessen, ihre Ranzen richtig zu packen, das Lesebuch fehlte, und
Peters Schreibheft war nicht zu finden, auch hatten beide ein falsches
Gedicht gelernt, und dies konnten sie noch nicht einmal, und in der
Geographiestunde warfen sie beide die Länder, Meere, Städte und Flüsse
durcheinander wie Nüsse in einem Säcklein. Lobstriche gab es darum nicht
an diesem Tage, und Mathes und Peter rutschten gerade noch so knapp am
Nachbleiben vorbei, und sie zogen nach der Schule recht bedrückt heim.
Der Regen hatte nachgelassen, aber Gundel lag immer noch im Bett. Sie
war zwar nicht sehr krank, aber die Mutter gebot doch: »Ihr Buben bleibt
draußen, Gundel muß Ruhe haben.«
Dies war sehr betrüblich, denn die Buben hätten himmelgern mit der
Schwester geschwätzt und hätten mit ihr Reisepläne geschmiedet, auch
machten ihnen die Schularbeiten wenig Spaß ohne Gundels Hilfe. Sie
wollten schon das Arbeiten vergessen, als ihnen noch zur rechten Zeit
einfiel, nur wenn sie bis zuletzt fleißig waren, durften sie reisen.
Darum setzten sie sich gleich nach dem Mittagessen hin und arbeiteten
ganz brav und emsig. Mina, die es sah, sagte zu Käthle: »Wirklich,
unsere Buben sind jetzt arg fleißig, an solchen Tagen haben sie sonst
immer ein Dummheitle gemacht, und heute hört man sie kaum.«
An Dummheiten dachten die Sternbuben auch wirklich nicht; wenn sie mal
ihre Nasen von den Büchern aufhoben, lachten sie sich an, und Mathes
wußte, Peter denkt an die Reise, und Peter wußte dies ebenso von Mathes.
Und kaum waren sie fertig, da redeten sie auch von der Reise. Und da
jemand, der reisen will, einen Koffer haben muß, dachten die Buben auch
an den Koffer. Sie hätten gern einen gehabt, der funkelnagelneu und
blitzeblank gewesen wäre, doch ihre Mutter meinte, zwei Büble wie sie
brauchten keinen neuen Koffer, oben auf dem Boden würde schon noch ein
Köfferlein stehen, das gut genug für sie wäre.
Mina solle den Koffer herunterholen, verlangten die Buben. Doch Mina
hatte keine Zeit, auch sagte sie: »Das hat noch gute Wege; ehe ihr
reist, rinnt noch viel Wasser vom Berge, und der Koffer kann noch ein
paar Tage auf dem Boden bleiben.«
Mina, die nie reiste, wußte eben nicht, was Reiseungeduld ist. Sie sah
ihre Gurken an, die sie einlegen wollte, und ließ die Buben stehen. Doch
die dachten, pah, ein Köfferle können wir uns allein vom Boden holen!
Und weil gerade niemand auf das Schlüsselbrett achtete, an dem alle die
großen, dicken Schlüssel des Hauses hingen, nahm Mathes flugs das rechte
Bund, und beide erstiegen tatenlustig die Bodentreppe.
Das Sternenhaus war weitläufig gebaut. Es hatte viele Zimmer, Ecken und
Winkel, und neben dem riesengroßen Wäscheboden gab es noch allerlei
geheimnisvolle Kammern, in denen die Kinder gern etwas herumkramten.
Urväterhausrat war da aufgehoben, Wertvolles und Wertloses stand da
untereinander, und Staub gab es auch genug. Der focht die Buben nicht
weiter an, sie stülpten alles durcheinander, guckten in alle Schränke
und Kästen hinein und entdeckten endlich ein braunes Köfferlein und eine
große, buntgestickte Reisetasche. Beides gefiel ihnen ungemein;
namentlich die Tasche, auf der ein Haus, eine Kuh, Bäume und Rosen
gestickt waren, fanden sie sehr schön, und sie beschlossen, Köfferlein
und Tasche zu wählen. Es sah sie aber auch niemand ein Weilchen später
mit Köfferlein und Tasche das Haus verlassen und das Löwengäßle entlang
streichen.
Der Regen hatte aufgehört, der Himmel war wieder hell geworden, und in
der Löwengasse tat sich eine Tür nach der andern auf, und große und
kleine Leute spazierten aus den Häusern heraus. Mathes und Peter fanden
bald ihre Kameraden. Alette Amhag und Trinle Grill kamen zuerst; die
wollten Gundel besuchen und waren sehr betrübt zu hören, dies sei
verboten. Sie lachten beide sehr über der Sternbuben Reisegepäck; das
Köfferlein fanden sie schäbig, die Tasche altmodisch. Auch Veit und
Steffen Grill, die sich bald dazu gesellten, lachten und sagten, schön
wären Tasche und Koffer freilich nicht, aber sie reisten lieber damit
als gar nicht.
»Sternbuben, wo soll's denn hingehen?« Vor den Kindern blieb ein
kleines, schmales Frauchen stehen. Es war die Schwester vom
Bäckermeister Hering, in der ganzen Nachbarschaft wurde sie das
Bäckerfräulein genannt. Alle Kinder liebten sie sehr, und alle Kinder
neckten sie, weil das Bäckerfräulein auf jeden Spaß hereinfiel und dann
selbst so herzhaft darüber lachen konnte.
»Nach Leipzig fahren wir,« schrien die Sternbuben stolz.
»Jemine, jetzt gleich?«
»Ja freilich, jetzt gleich!«
»In einer halben Stunde geht der Zug!« rief Veit.
»Jemine, da müßt ihr euch aber eilen!«
Die Kinder lachten, und das Bäckerfräulein regte sich auf. Es gehörte
nämlich zu den Menschen, die immer Angst haben, sie könnten zu spät auf
die Bahn kommen. »Geht nur, geht, eilt euch! Jemine, und so allein sollt
ihr fahren?« Das Bäckerfräulein sah so ängstlich drein, daß den Kindern
ihre Neckerei leid zu werden begann. Aber dann war es doch wieder sehr
lustig, so auf der Löwengasse einen herzbewegenden Abschied zu nehmen,
mit dem heimlichen Gedanken, wir gehen nachher in den Laden und erzählen
alles.
»Sputet euch nur, sputet euch nur!«
Die Kinder rannten wirklich die Löwengasse hinab, und das Bäckerfräulein
winkte und nickte ihnen noch zu, wünschte glückliche Reise, eine gute
Heimkehr, und dabei wuchs der Sternbuben Reiselust noch mehr. »Wir
wollen auf den Bahnhof gehen,« riefen sie.
»Ha, fein!« Die andern Kinder waren damit einverstanden, und alle sechs
marschierten nun miteinander nach dem kleinen Bahnhof. Das war ein Spaß!
Sie wurden unterwegs ein paarmal gefragt, wohin die Reise gehen sollte,
und jedesmal antworteten Mathes und Peter keck: »Wir reisen nach
Leipzig, jetzt gleich!«
Breitenwert hatte nur einen kleinen Bahnhof. Viele Züge hielten da
nicht, und die großen Schnellzüge fuhren immer sehr hochmütig an dem
Städtchen vorbei, und nur die Bummelzüge ruhten sich behaglich ein
Weilchen aus, ehe sie weiterdampften. Und just als die sechs Löwengäßler
auf dem Bahnhof anlangten, stand so ein gemächliches Zügle da, und seine
Lokomotive pustete, als wollte sie sagen: »Kommt mit, liebe Leute,
kommt, kommt!«
O die Glücklichen, die dem Ruf folgen konnten! Sehnsüchtig sahen die
Kinder auf den Bahnsteig hinaus, sie wären gern alle miteinander in den
Zug gestiegen, nur mal hinein und wieder hinaus!
»Macht doch, daß ihr hier wegkommt!« brummte der Beamte an der Sperre.
»Kinder haben hier nichts zu suchen.«
Oho, wenn man in sieben Tagen nach Leipzig reisen will, da kann man sich
den Bahnhof doch genau ansehen! Die Sternbuben sahen aus wie der
leibhaftige Widerspruch, und Peter krabbelte in seiner Hosentasche
herum, vielleicht fand sich doch ein Gröschle, um eine Bahnsteigkarte zu
lösen. Doch das Gröschle -- es war längst ausgegeben -- fand sich nicht,
auch die Grills hatten kein Geld, und sie brummten auch: »Mal so raus
könnte uns der Schaffner doch lassen!«
Alette Amhag sah die Sehnsucht ihrer Freunde, und sie konnte helfen. Sie
hatte von ihrem Vater Geld bekommen, um ihrer Puppe ein neues Kleid zu
kaufen. Doch Puppen müssen nicht so eitel sein und immer neue Kleider
haben wollen, dachte sie und zog ihr Geldbeutelchen heraus. Vier
Groschen waren drin und eine blanke Mark, vier Groschen -- damit kamen
vier Buben auf den Bahnsteig. Sie flüsterte Trinle ihren Plan zu, und
obgleich Trinle auch gern hinausgegangen wäre, sagte sie doch: »Ja, die
Buben sollen gehen.«
Und ein paar Augenblicke später marschierten vier Buben stolz durch die
Sperre an dem erstaunten Beamten vorbei. Mathes und Veit trugen den
Koffer, Peter die bunte Tasche, und Steffen sagte hochmütig: »Ich werde
Plätze suchen.«
Sie kletterten auch wirklich alle vier in ein Abteil zweiter Klasse
hinein, klapp! flog die Türe zu, und Trinle und Alette bekamen Grüße
zugewinkt. Sie nickten wieder und riefen: »Gute Reise!« bis sie sahen,
wie der Schaffner am Zuge entlang lief und die Türen schloß. Da
erschraken sie. »Kommt raus, kommt raus!« schrieen sie laut.
Doch die Buben hatten auch gemerkt, es geht fort, und sie wollten
eiligst aussteigen. Steffen suchte die Türe zu öffnen, es ging nicht.
Veit versuchte sein Heil, Mathes half, Peter half, pffpffpff, tat da die
Lokomotive und -- fort ging der Zug.
Die beiden Mädels schrieen verzweifelt: »Sie fahren weg, sie fahren
weg!«
»Brüllt doch net so!« rief der Mann an der Sperre unwirsch.
»Was fehlt euch denn?« fragte der Bahnvorsteher milder.
Da erzählten Alette und Trinle, und der Beamte runzelte die Stirn und
sagte, die Buben müßten Strafe zahlen, viel.
»Aber sie sind doch gar nicht da!« jammerte Alette.
»In Himmelsberg hält der Zug schon, bis dahin ist's ein halbes Stündle,
da werden sie schon wiederkommen! Aber nachher müssen sie zahlen, sonst
werden sie eingesperrt.«
Das war ein schlechter Trost.
»Aber wenn sie nun immer weiter fahren?« rief Trinle weinend.
»Dürfen sie gar nicht. In Himmelsberg werden sie aus dem Zug geholt; ich
bestelle das gleich mit dem Fernsprecher! Und nun geht heim, Kinder
haben auf 'nem Bahnhof nichts zu tun. Den Buben ist Strafe gesund.«
Die Mädel seufzten und weinten, weinten und seufzten, das Heimgehen ohne
die Buben machte ihnen wenig Spaß. Sie beschrieben allerlei Umwege und
gingen um die Löwengasse herum wie die Katzen um einen heißen Hirsebrei,
sie fürchteten die Frage: Wo sind die Buben?
Diese fuhren unterdessen ein Stücklein in das Land hinein, ohne gerade
viel Vergnügen von der Fahrt zu haben. Daß der Zug in Himmelsberg hielt,
wußten Veit und Steffen wohl, aber wie sollten sie dort ohne Fahrkarten
vom Bahnhof herunterkommen? Und Geld hatten sie alle vier nicht, um die
Fahrkarten zu bezahlen, darum ahnten sie alle vier, es würde bös werden.
Es wurde auch bös. In Himmelsberg öffnete der Herr Bahnvorsteher den
vieren selbst das Abteil, er ließ ein kräftiges Donnerwetter auf die
vier Schelme niedersausen, und dann verlangte er Geld, viel Geld. Die
vier dachten an ihre schlecht gefütterten Spartöpflein, o weh, wenn sie
die bis auf den Grund leerten, so viel war nicht drin!
Was war da zu tun?
»Geht einstweilen hinaus, nachher reden wir noch zusammen.« Des Herrn
Bahnvorstehers Stimme grollte, er sah bitterböse aus, dabei war aber
doch so ein heimliches Blinken in seinen Augen, daß Steffen, der es sah,
ein wenig Hoffnung schöpfte. Er ging aber auch neben den andern wie ein
begossenes Pudelchen durch die Sperre, trapp, trapp, und dann waren sie
draußen, niemand sah nach ihnen, niemand fragte sie.
Ein Weilchen standen die vier beisammen, bis sie begriffen, daß, wenn
sie jetzt recht liefen, sie in einer halben Stunde in Breitenwert sein
konnten. Würde man sie nicht zurückhalten?
Kein Mensch ließ sich blicken. Der Zug fuhr fort, und da machten es die
vier ihm nach, sie rannten auch fort. Fünf Minuten lang rannten sie und
redeten kein Wörtchen, bis endlich Peter den Mund auftat und rief: »Ich
hab' das Täschle liegen lassen!«