australischer Prägung, freilich wieder von besonderer Eigenart findet.
Der Niauliwald auf der Westseite von Baladea ist ein Bild, das auf
Erden zum zweitenmal nicht wiederkehrt. Ganz einförmig stehen die meist
nicht allzu hohen, romantisch verkrümmten Bäume mit der grauweißen
oder gelben Rinde, fast an Birken erinnernd, im hohen, trockenen
Gras. Unbeschreiblich dürr und trockenheiß ist es in diesem ätherisch
riechenden Wald. Kleine Papageien beleben ihn -- aber keine Känguruhs
mehr (nur Papua hat noch welche), auch die Emuschar fehlt. Dafür gibt
es einen ganz eigenartigen Vogel von Pfauengröße, den graubraunen, mit
Trockengras und Niauli in Schutzfärbung lebenden +Kagu+, der wie ein
Truthahn ein Rad schlagen kann, aber das Fliegen verlernt hat und als
prächtiger Renner in dem offenen Busch gleichsam den Strauß dieser
phantastischen Insel darstellt. Leider stirbt er nun unaufhaltsam
aus, seitdem man die Hunde eingeführt hat, denen gegenüber er ganz
wehrlos ist. Und noch ein eigenartiges Tier belebt den schattenarmen
Niauliwald, dessen mattgrüne, rotstengelige Lederblätter gleich denen
der Eukalypten senkrecht hängen. Das sind die größten Landschnecken der
Erde, die faustgroßen und noch größeren Bulimusschnecken, die braun
oder schneeweiß an unsere Weinbergschnecken erinnern. Überall sitzen
sie im Grase (Anmerk. 15) und zwischen dem Gestrüpp der Lantanen, die
reizend bunt blühend in diesem Sonnenland jede kahle Stelle überziehen
und als fremde Einwanderer aus Amerika die einheimische Vegetation
unterdrücken.
Es ist der denkbarst schroffste Gegensatz zwischen der Dürre dieser
Gegenden und dem regentriefenden Sumpfurwald, der oft nur einige
Dutzend Kilometer weiter den anderen Hang der Gebirge unter seinem
fieberhauchenden Mantel begräbt. Hier stehen ernst und feierlich die
riesigen, bis 70 Meter hohen tausendjährigen Schmucktannen, die man
auch Kaurifichten nennt, nach ihrem Eingeborenennamen Kaori, ein
wunderbares Geschöpf, der älteste lebende Nadelbaum der Erde, ein
Überbleibsel der Steinkohlenzeit, mit deren Siegel- und Schuppenbäumen
er mehr Ähnlichkeit hat als mit unseren Fichten und Kiefern. Er ist
fast immer unverzweigt; wie grüne Schlangen ringeln sich mit Schuppen
besetzte Triebe um ihn; gelbweißes Harz (eben Kauriharz) tropft an
seinem graubraunen Stamm entlang. Stumm und steif, düster, von der
Ferne schwarz anzusehen, ragt er in seine heitere Umgebung wie eine
Statue der Längstvergangenheit. Wo viele Kaurifichten stehen -- und
kleinere Inseln sind ganz mit ihnen bedeckt -- wandelt man seltsam
bedrückt, gespenstig wie in einer Mondlandschaft, zu der die steifen,
fast meterlangen Stabheuschrecken, die darunter sitzen, gut passen.
[Illustration: Kaurifichten (~Araucaria columnaris~) und Lantanawildnis
auf Baladea. Original]
[Illustration: Im Regenwald der Südseeinseln. Originalphotographie des
Verfassers]
Auf der anderen Bergseite wieder brauen Dünste und Sprühregen.
Aber hellgrün, wie lachendes Leben, baden sich im Naß dort auf den
Berghöhen die Farnbaumurwälder, die ich mit zu dem Schönsten rechnen
muß, das mir, der ich doch von der gesamten Pflanzenwelt der Erde
einen Eindruck habe, auf meinen vielen Reisen entgegengetreten ist.
Berückend ist so ein Farnbaumwald, wie er z. B. auf Tahiti oder
Eimeo in der Gesellschaftsinsel-Gruppe in allerschönster Ausprägung,
noch schöner wie in Ostaustralien grünt. Ein helles Goldgrün ist
dann die Grundfarbe der Natur. Zartes, leuchtendes, in Spitzengewebe
aufgelöstes grünes Gold flirrt, leuchtet, glänzt, erfüllt die Luft
mit einem unwahrscheinlichen grünen Licht, in dem sogar die Schatten
leuchten. In seltsamstem Kontrast stehen dazu die tiefschwarzen und
braunen feuchtüberronnenen Farnstämme, schuppig oder narbig, je nach
der Baumart (Anmerk. 15), manche wie in braune Tücher eingeschlagen,
die einen klein, knorrig, die anderen schlank, von der Grazie und
Anmut einer Tänzerin, unter ihnen Farnwildnis, zwischen ihnen Lianen
und Gerank, über ihnen die hohen Urwaldbäume, das ganze belebt von wie
blaues Glas leuchtenden Honigvögeln, Papageien und den wie schwarze
Teufel umherflatternden fliegenden Füchsen, dem einzigen größeren
Säugetier dieser Inseln. Dicht neben einer solchen Gruppe steht dann
vielleicht ein Würger, dieser schreckliche Mörder der Pflanzenwelt,
der wie ein Medusenhaupt schlangengleich sich ringelnde bleiche Arme
nach den Bäumen streckt, sie umfaßt, aussaugt, völlig umspinnt, bis
sie sterben, vermorschend, zerfallend in seinen Armen als elende Ruine
vergehen, während er längst zum Nachbar hinübergeklettert ist. Oder
aber das Opfer stürzt hin, reißt ihn mit sich, schlägt eine große
breite Lücke ins Urwalddunkel. Dann tanzt Sonnenschein über all diesen
stummen und doch schrecklichen Kämpfen und mit ihm köstlich gefärbte
Falter, namentlich in der Papuawelt, wo sich noch ein Juwel der Natur
dem allen zugesellt, die edelsteinschimmernden Paradiesvögel, von denen
es einen schon auf Baladea gibt. Fliegende Blumen sind das, die den
Samthauch der schönsten Orchideen mit dem Metallglanz der Pfauenfedern,
dem Adel der Reiher und den sprühenden Lichtern und Funken der
Edelsteine zu einem Gesamtkunstwerk vereinen (Anmerk. 16).
[Illustration: Schnitzerei aus Farnbaumholz von Mallikolo (Neue
Hebriden). Originalaufnahme von R. H. Francé]
Aber die Wirklichkeiten dieses Waldes dulden kein ästhetisches
Genießen und keine Naturschwärmerei, außer man sei denn auf Tahiti,
wo eine harmlose Bevölkerung und das völlige Fehlen von Fieber und
irgendwelchen schädlichen Tieren wirklich das Wort vom Paradies der
Südsee rechtfertigen, das man neben einem anderen, etwas weniger
harmlosen, für diese Inselgruppe geprägt hat. Im Dunkelland bleibt
keine Zeit zum Naturgenuß. Täglich gehen im größten Teil des Jahres,
zumindestens in den zwei Regenzeiten, zehn- bis zwölfmal heftige
Gewitter mit Wolkenbrüchen nieder, die man mit dem Gefühl über sich
ergehen lassen muß, daß jede Durchnässung einen Fieberanfall bedeutet.
Sonst wäre der Wasserreichtum des Landes und die unerhörte Üppigkeit
der Flora auch nicht denkbar. Aber in dem Garten Eden schleichen hier
die dunklen, auf Menschen Jagd machenden Gestalten umher (Anmerk.
17), befangen in wüstestem Zauberglauben, der sie heißt, sogar die
Körper von ihren teueren Toten auszugraben, die Schädel in grausig
phantastischer Weise mit Muscheln zu schmücken, zu dörren und zu
bemalen. Dann wird aus Rinde und Bast ein Krüppelkörper dazu gemacht
und das ganze Schreckgespenst als Familienheiligtum vor der Hütte
aufgestellt. Oder die Hütte wird geschmückt mit den schaurig bemalten
Schädeln von aufgezehrten Erschlagenen; Tanzplatz und Männerhaus werden
mit grotesken Schnitzereien umstellt, mit Riesenbaumstämmen, die man
in Trommeln mit Menschengesichtern umgestaltet hat. Das ganze Dasein
wird durch Zauberverbote, Dämonenangst, Feindseligkeit, gegenseitiges
Abschlachten, Hungersnöte aus Unkenntnis der Natur und Eifersucht
verdüstert, Pfeile werden mit der Spitze in faulendem Fleisch gehalten,
um den Gegner auch schon durch die geringste Verletzung tödlich
zu treffen, die Frauen werden wie Sklavinnen zu lebenslänglicher
Arbeit verurteilt, während die Männer faulenzend mit lächerlichen
Wichtigtuereien ihre Tage vertändeln. Haß gegen jeden Fremden erfüllt
ihre Seele, steter Krieg von Stamm zu Stamm ihren Tag. Es gibt keine
wilden Tiere in jenen Ländern, denn der Mensch ist dort das wildeste
Tier; aber er rottet sich aus, geht unter in einem selbstgeschaffenen
Pandämonion, während die Natur um ihn zauberhaft mild von einem
Jahrtausend ins andere grünt und das Land mit einem Feuerwerk von
Schönheiten überschüttet.
VI. Der Amazonaswald
Der südamerikanische Urwald ist anders als alle Tropenwälder der
ganzen Erde. Sind die indischen Regenwälder durch das Gigantische der
Laubmassen, die Raumerfüllung und durch Blattgrün ausgezeichnet, der
australische Trockenwald durch die Einförmigkeit, die Fremdartigkeit
seiner Pflanzenwelt und die alle Vorstellungen übersteigenden
Riesenmaße seiner Bäume, der Urwald der Südsee durch die Anmut und
gleichsam Harmlosigkeit seiner Natur, so ist Tropenamerika von Mexiko
bis tief nach Brasilien hinein das Land des +schrecklichen+ Urwaldes.
Ich möchte sagen, er ist der tierischste von allen, während der
südasiatische der giftige, der australische der menschenfeindliche und
der Südseewald der unschuldige ist.
Ameisen, Termiten, Schlangen, Alligatoren, Katzen, Kolibris, Papageien,
Affen, Lianen, Orchideen, Palmen, Überpflanzen, überhaupt Blumen und
dazwischen Riesenbäume, das ist der Wald von Tropenamerika.
Ein Wald, der unausrottbar ist. Während man ihn niederbrennt, sprießt
er schon auf. Ich glaube, er wird nie gezähmt und ausgerottet werden.
Er ist so groß wie ganz Europa. In dem riesigen Talbecken, das der
Amazonenstrom mit seinen großen Nebenflüssen, dem Rio Negro, dem
Madeira, dem Purus, dem Rio Branco in ein wasserdurchflutetes, neun
Monate im Jahr überschwemmtes Sumpfland umgewandelt hat, umfaßt dieser
Urwald allein fünfzehnmal so viel Raum als Deutschland. Österreich kann
man hundertzwanzigmal in ihn hineinstellen. Er und der australische
Scrub, der auch mehrere Millionen Quadratkilometer in einem bedeckt,
sind die zwei größten Wälder des Erdballs.
Ich weiß nicht allzuviel von ihm, denn ich habe den Eindruck gewonnen,
man müsse jahrelang in ihm leben und forschen, bevor man sagen kann,
ich kenne seine Lebensgemeinschaft wirklich. Es ist auch unmöglich,
ein umfassendes Gemälde von ihm zu geben, so mannigfaltig ist er. Auch
+Humboldt+ ist das nicht geglückt, trotzdem er einige Jahre lang mit
ihm kämpfte. Er fuhr noch in einer Piroge von einigen Kariben begleitet
an den Waldrändern entlang auf der einzigen Straße, die durch die
Wildnis führt, nämlich auf den tausendfach verzweigten Gewässern dieses
Sumpfwirrsals. Heute gibt es zwei Großstädte im Amazonasurwald: +Pará+
und +Manáos+, zu denen man auf eleganten Salondampfern gelangt, und in
englischen Zeitungen wird von Touristenagenturen geworben: „~Come and
see the Amazonas. A very nice trip.~“ Wenn man aber in Manáos aussteigt
und an den paar Großstadtstraßen und dem prächtigen Opernhaus, in dem
nie gespielt wurde, vorbeigeht, endet schon die Stadt selbst vor einer
grünen Mauer. Brennend rote Lianenblüten gleißen herab, Brüllaffen
kreischen, Orchideen stehen im Dunkel, die Papageien schreien
ohrenbetäubend, Züge von Blattschneiderameisen wandern, und der alte
geheimnisvolle unbetretbare Urwald +Humboldts+ steht immer noch vor den
Toren dieser merkwürdigen Gummigroßstadt, die jetzt wieder allmählich
vom Wald aufgezehrt wird. Man kann nicht hinein, muß ein Piroge nehmen
mit zwei Indianern, die das Irrsal der Wasser kennen. Und dann fährt
man wieder an den Waldrändern wie +Bates+, der große Naturerforscher
dieser Welt vor siebzig Jahren, und +Humboldt+ vor hundertdreißig und
+Orellana+ vor vierhundert. Und nichts ist anders, als sie es gesehen
haben. Der ungeheure Wald verschlingt mit seiner unüberwindlichen Größe
alles Menschentum (Anmerk. 18).
Man kann nur Einzelbilder aus seinem Riesenerlebnis ausschneiden
und versuchen, aus ihrem Mosaik etwas von dem Eindruck des Ganzen
nachempfinden zu lassen.
Da sind die südamerikanischen Palmen. Sie durchsticken den Wald
viel häufiger als sonst irgendwo. Sie sind jedenfalls seine
hervorstechendsten Pflanzen. Trotzdem gibt es keinen eigentlichen
Palmenwald. Sie sind nur eingesprengt, wie etwa die Linden bei
uns. Trotzdem manchmal die +Palmyrapalme+, in Busch und Wüstungen
strauchartig wachsend, ganze Gestrüppe bildet. Auch die kleine
Nipapalme bildet einen Saum um die hier ebenso unvermeidliche und in
breitestem Maße ausgebildete und von Tausenden von Alligatoren belebte
Mangrovenzone. Überall aber bricht aus der Baumwirrnis die +Sabalpalme+
stachelig hervor, die +Mauritia+, die +Piassave+, die +Carnauba+,
natürlich die unvermeidliche von den Antillen stammende stolze
+Königspalme+, ohne deren Allee heute kein Südamerikabild denkbar ist,
trifft man überall.
Das nächste, was man nicht übersehen kann, ist der Reichtum an
Überpflanzen, überhaupt an Blumen. Besonders rote Blumen vom Typus der
Fuchsie und Kapuzinerkresse erfüllen die ganze Welt von Tropenamerika.
Eigentlich ist das verwunderlich, da im Sumpfwald fast nie die Sonne
scheint. Nur in den Gegenden, wo es roten Lateritboden gibt, diesen
ziegelroten Lehm, den man sich nicht anders deuten kann, als daß er
unter dem Sonneneinfluß durch überrasche Verwitterung zustande kommt,
dort ist auch viel Tropensonne. An den Flüssen aber wogt tagaus,
tagein ein weißlicher Nebel, aus dem ohne Wolken Regen sprüht, ein
Dampf, der die Sonne am Himmel verdeckt, die nur durch grelles Licht
wie von Jupiterlampen, ohne Schatten blendend, merkbar wird. Diesem
düsterverhangenen Himmel schreibt man es zu, daß an den großen Strömen
der Sonnenstich unbekannt ist, während er am Roten Meer und in Indien
manchmal durch den Tropenhelm hindurch droht. Vierzig und sechzig Meter
hoch aufgerichtet steht die Waldwand, und von oben bis zum Boden wallt
fast senkrecht ein Vorhang von Lianen über die Bäume herab, seiner
ganzen Länge nach bestickt von rosapurpurnen Fuchsienblüten, derselben
Fuchsie, die bei uns als winziges Bäumchen mit ihren lieben Glöckchen
erfreut. Oder ein gewaltiger Baum steht tot, verdorrt und einsam
und auf ihm sitzt ein Blütenzelt, lilarot brennend, tausende Blüten
neben- und übereinander. Die ~+Bougainvillea+~-Liane ist es, die den
Baum getötet hat, allmählich mit sanfter Blumenschönheit erdrückt und
erwürgt. Man hat diese Bougainvillea in alle warmen Länder verpflanzt,
und ein Abglanz ihrer Blütenschönheit ist auch schon an die Riviera,
sogar an die südalpinen Orte vorgedrungen. Aber nur in ihrer Heimat ist
sie so überwältigend schön.
[Illustration: Lianen (Baumwürger) im Urwald der Südsee. Zeichnung nach
der Natur von R. H. Francé]
Ebenso überschäumend sind hier alle „Affentreppen“ und Lianen,
die rote, gelbe Garben über die Wipfel schütten und mit Tauwerk,
Schlangennestern, Verhauen, Gittern das Waldesinnere versperren. Sie
selbst wieder sind besetzt mit Überpflanzen, Nest an Nest. Orchideen,
Bromeliazeen und Tillandsien drängen sich, wachsen aufeinander. Hier
hängt das „pflanzliche Roßhaar“ in dichten Fransen herab, dort wieder
strahlen Blumenrispen in niegesehener Schönheit. Tropenamerika ist das
Land der Orchideen. In diesen Ländern ist es Beruf, die Berg-Wälder
der Kordillere zu durchstreifen auf der Jagd nach Orchideen, denen
zuliebe Bäume gefällt werden, wenn die Wunderblumen zu hoch sitzen,
als daß man sie erreichen könnte. Wie lila Flammen glühen die
~+Cattleya+~blüten, ~+Odontoglossum+~ brennt gelb und rot über unserem
Kopf, ~+Epidendrum+~, ~+Masdevallia+~, ~+Laélia+~, ~+Catasetum+~,
~+Stanhopea+~, alle diese in Europa mit Gold aufgewogenen kostbaren
Dinge sind gemeine Dinge des Alltags. Wirklich häufig, an einem Baum
manchmal zu Dutzenden und mit Tausenden von Blüten geschmückt. Man
begreift, wenn man diesen überwältigenden Reichtum erst einmal gesehen
hat, daß von Zentralamerika besondere Orchideenschiffe diese kostbare
Fracht nach Europa bringen.
Alle Orchideennester aber sind bewacht von wie Feuer brennenden
Ameisen und alle sind umschwirrt von Kolibris. Lange hatte ich sie
schon gesehen und, verwirrt von so viel unerhörten Dingen, es zunächst
ganz gedankenlos hingenommen, daß eben grün und rubinglänzende
schwärmerartige Schmetterlinge all diese Blumen besuchen, bis mir
plötzlich aufging, diese hurtigen, so zart schwebenden Falter sind ja
Vögel! Kolibris, so groß wie ein Insekt, zierlichste, in eitel Smaragd
und Amethyste gekleidete Blumenfreunde, so zahm und zutraulich, daß
sie selbst in die Städte hereinkommen und auf den Märkten aus- und
einfliegen.
Blüten, Kolibris, Ameisen bilden überhaupt eine Dreiheit von besonderer
Bedeutung in dieser Welt. Die Mehrzahl der Blumen im heißen Amerika
sind Vogelblumen, aber gerade die Kolibris befruchten sie nicht. Sie
sind überhaupt keine Blumenbestäuber, sondern halten sich an den Blüten
nur der vielen Insekten halber auf (Anmerk. 19). Blütenbesucher sind
vielmehr die Honigvögel und man schreibt die Röhrengestalt der Blüten,
die in der südamerikanischen Flora so häufig ist, ebenso das Überwiegen
der grellroten und gelben Blumenfarbe dem Umstand zu, daß in diesem
Erdteil die Vögel eine größere Rolle als Blumenbefruchter spielen, denn
anderswo. Kapuzinerkresse und Fuchsie, diese zwei Sendlinge aus der
„~Hylaea~“, wie man wissenschaftlich dieses Lebensgebiet genannt hat,
sind echte und richtige Vogelblumen (Anmerk. 20).
Sonst fehlt es natürlich an Faltern, Käfern und Ameisen nicht als
Blumenbestäubern und alle drei Gruppen haben gerade im „Etéwald“,
dieser höchsten Form des äquatorialen Urwaldes, auch das Maximum
ihrer Ausbildung in jeder Hinsicht erreicht. Sowohl was die Zahl der
Arten wie der Einzeltiere, wie die Größe und Schönheit der Insekten
betrifft. Die Waldlichtungen sind die Heimat der Riesenkäfer, hier
hausen die farbensprühenden Prachtkäfer, die unvergleichlich schönen
Feuerfliegen und Cucujos, die die südamerikanische Nacht erhellen;
unerschöpflich ist die Zahl der Tropenfalter in der Neuen Welt, und
was nur an Ameisenwundern überhaupt bekannt geworden ist, das spielt
sich alles zwischen den in Waldesnacht begrabenen Mayatempeln der
Yukatanhalbinsel und dem großen Urwald ab, der auf der Landkarte heute
noch als ein weißer Fleck sich tief nach Brasilien hineinzieht. Die
Blattschneider und Sonnenschirmträger unter den Ameisen, die Wachen,
welche die durch zauberhafte rosa und zartgelbe Farben geschmückte
„Laubausschüttung“, nämlich die Entfaltung des jungen Laubes, behüten,
die in der Tropennatur allgemein üblich ist, die Ackerbauameisen mit
ihren „Ameisenreis“, die Pilzzüchter, kurz alles, was aus dem Fabelbuch
der Ameisenkultur bislang bekannt geworden ist, das hat seine Heimat
in Tropenamerika. Auch die Wunderdinge der Nachäffung unter Faltern,
Käfern, Geradflüglern, Wanzen können nirgends besser studiert werden.
Denn hier fliegt +Kallima+, der Schmetterling, der ein vergilbtes Blatt
auf seinen Flügeln so übervollkommen nachahmt, daß nicht nur Farbe,
Form, Blattadern zur Täuschung verführen, sondern (gleich gewissen
Heuschrecken) auch Regentropfen, Pilzflecken und Fraßstellen darauf
wiedergegeben sind, an einzelnen Stellen sogar wuchernde Schimmelpilze,
was doch gewiß nicht nötig wäre, wenn es bei dieser Erscheinung nur auf
Irreführung der Vögel berechnet wäre, die nach der +Kallima+ schnappen.
Sie unterließen dies auch ohne diese feinen und feinsten Einzelheiten
und würden das Beutetier nicht schonen, wenn sie nicht schon durch die
Tarnkappe der groben äußeren Nachahmung getäuscht wären.
Hier ballen sich alle Wunder der Natur und man kann Jahre
als Naturforscher in dieser Welt zubringen und doch wieder
Neues, Niegedachtes finden. +Humboldt+ hat fünf Jahre lang mit
unvergleichlichem Eifer und Glück die Amazonaswälder durchzogen und
nicht eine der ~Victoria regia~-Blumen, das größte Blumenwunder dieses
Waldes, gesehen. Hunderte von Forschungen und Beschreibungen sind
vorübergegangen an der entzückend-schrecklichen „Dame mit dem Schleier“
in Brasilien, dieser wahren Pilzblume, welche ein in der Nacht
weißleuchtendes Reifröckchen trägt und dadurch wohl die reizendste
aller Waldschwämme ist, aber zugleich so schrecklich stinkt, daß ihr
Entdecker bei der Beobachtung fast ohnmächtig wurde (Anmerk. 21).
Die gigantische königliche Wasserrose ist an den Nebenflüssen und
stillen Teichen des Amazonas so häufig, daß man heute die Touristen
mit besonderen Motorbooten zu ihrer Besichtigung führt. Ein
derartiger Sumpfwald ist so ziemlich der Höhepunkt dessen, was man an
überwältigendem Pflanzenleben auf Erden sehen kann.
Ringsum steht die kolossalische Baumwelt des Igapó-Waldes, wie die
Spanier den Überschwemmungswald, das eigentliche Auengebiet des
Amazonas nennen. Zahllose Palmwipfel schaukeln, die ungeheuren
Plankenwurzeln der Sterculiabäume bilden wahre Horste, da und dort
erhebt sich blattlos einer der Riesenwollbäume, wie ein Turm über
der Waldstadt. Bunt, geradezu scheckig, ist dieser südamerikanische
Wald. Neben dem frischesten und dem dunkelsten Grün ist Grau, Gelb,
Herbstbraun, Rosa, Weißgrau, grelles Rot vertreten. Eigentlich ist
es das Bild eines ewigen Herbstes. Immer gibt es Bäume darunter,
die jetzt Herbstlaubfall haben, um in zwei Wochen wieder zu grünen,
immer blühen andere über und über oder entfalten das junge, schlaff
herabhängende Laub in den buntesten Farben. Ohrenbetäubendes Geschrei
erfüllt hier die Lüfte. Eine Wolke von Vögeln, besonders Urubus, jagt
umher. Sie merken die Anwesenheit von Menschen und sind beunruhigt.
Darum haben sich auch alle Alligatoren zurückgezogen, als jetzt das
Schiff zwischen das Inselgewirr stiller Buchten einbiegt. Uralte Bäume,
besetzt mit weißen Reihern, sind gefallen und treiben mit weißem Geäst
im Fluß, in malerischsten Laubengängen überwuchern Lianen, ganze
Baumgruppen; Orchideen leuchten, rot blüht es und da ist jeder Weg im
Wasser versperrt. Eine grüne, gleißende Blattwiese breitet sich mit
runden Sumpfblättern. Die lila blühende Wasserhyazinthe ist es, die von
der Igapó ausging, um die ganze Tropenwelt als schiffahrthinderndes
Wasserunkraut zu erobern. Auch hier stemmt sich ihr dichter Teppich
gegen das Weiterdringen. Aber man wagt nicht ins Wasser zu steigen;
es könnte doch der furchtbare Piranha-Fisch hier hausen, der einem
das Fleisch in Fetzen aus dem Leibe reißt und in einigen Minuten ein
unglückliches Opfer in ein Gerippe verwandelt. Das Vordringen würde
auch nichts nützen, denn ein haushohes Dickicht von Orchideen versperrt
jede Aussicht. Urwald riesiger grüner Pfeilblätter an schenkeldicken
Stengeln, lebende vorsintflutliche Schöpferkraft der Natur, nie
gesehen, die Luft von einem intensiven Blattgrüngeruch erfüllt. Und
dahinter die große Seerose, die violettschimmernden Blattränder hoch
aufgesetzt und mit Stacheln bewehrt. Blätter, mehrere Meter groß, die
rosa Blütenköpfe wie ein Kohlkopf mächtig. Sie wird erst in der Nacht
aufblühen, um die Stunde, da die Anakondaschlangen auf die Affenjagd
gehen, die Pumas brüllen, der Gesang der Moskitos wie ein wütender
Chor das dumpfe Bellen der Riesenfrösche begleitet, der Tanz der
Feuerfliegen über all dem Treiben leuchtet und das gelbe Fieber in
bleiche Nebelschwaden gehüllt durch den Wald schreiten wird.