sind auch die Menschenbewohner dieser unbewohnbaren Gegenden. Man hat
sie früher mißverständlich Australneger genannt; sie sind aber eine
Rasse für sich, nach der Überzeugung des Anthropologen H. +Klaatsch+
(Anmerk. 11 ~b~) sogar die tiefststehendste aller Menschenrassen, die
in jedem Merkmal dem europäischen Urmenschen, dem sogen. Neandertaler,
näher steht als den jetzt lebenden Menschenformen. In kleinen Horden
schweifen diese Halbtiere im großen Scrub als Nomaden umher. Sie gehen
völlig unbekleidet, kennen keine Viehzucht, errichten keine Häuser, nur
Windschirme und Dächer aus Zweigen, nicht viel anders als die Orangs
im benachbarten Insulinde. Sie haben es nicht so weit gebracht, Boote
zu bauen, um das Meer befahren zu können. Sie sind zwar friedfertig;
aber sie arbeiten nicht und hungern lieber, als daß sie irgend eine
Zivilisation annehmen würden. Vor dem Weißen ziehen sie sich immer
tiefer in den Busch zurück, und es gibt im Norden des Erdteiles, auf
der Yorkhalbinsel noch genug Stämme, die nie einen weißen Mann gesehen
haben.
Sie sind einfach ein Bestandteil dieses großen Urwaldes, ein
Geschöpf mehr, das von ihm abhängt, ihn genau kennt, alle seine
eßbaren Früchte verkostet, auf geheimnisvolle Weise aus Baumwurzeln
Trinkwasser zu saugen weiß, mit Wurfhölzern das Känguruh und den Emu,
den australischen Strauß, zu jagen versteht, aus dessen wunderbar
schönen Straußenfedern sich dann diese schwarzen Frauentiere eitel und
glückstrahlend Federschürzen und Kopfschmuck anfertigen. Denn auch ihr
Herz schlägt und sie merken es nicht, daß ihre Rasse die häßlichste
aller Menschen ist.
[Illustration: Eingeborener Australier von Westrelien. Gezeichnet vom
Verfasser]
Die Tropennacht ist hereingesunken, ein paar von den schwarzen
Gestalten haben sich eingefunden, starren verwundert auf unser
Lagerfeuer, strecken bettelnd und stumm die schwarzen Hände aus ihrem
großen Dunkel in den ungewohnten Lichtkreis. Draußen schnattern und
kreischen die Kakadus, es raschelt und piepst, die Opossums und
Beutelmäuse pfeifen, in den ungeheuren Kronen der Eukalypten rauscht
der Nachtwind und darüber steht sternenbestickt in unsagbarem Glanze
der australische Südhimmel. Nicht einmal die Sterne haben wir mit
ihm gemeinsam. Nur der Sirius funkelt in allen bunten Farben, und
ganz im Norden steht hier unser Südgestirn, der Orion. Sonst ist
alles fremd auch in dieser Nacht. Unbekannte Sternbilder sind wie
ein großer Lichterbaum aufgerichtet, die Milchstraße strömt breit in
einem unbekannten Glanze, verwirrend schön leuchtet hier eine zweite
Milchstraße hernieder: die Magelhaensche Wolke, die vielleicht ein
ähnliches Weltsystem wie das unsere ist. Und ruhig strahlt das schöne
Kreuz des Südens.
Die Stimmen des Urwaldes tönen hinauf in ihrem wilden und
phantastischen Gesang, bis auch sie einschlafen, und nur mehr das
Geheimnis der Nacht wacht über diesem geheimnisvollen Niemandsland.
V. Die Tropennatur auf den Südseeinseln
Nimmt man eine Karte des Stillen Ozeans zur Hand, so starrt man immer
wieder erstaunt auf diese sogar auf der Landkarte erstaunlich große
blaue leere Fläche. Man kann den Globus so drehen, daß man von der Erde
nur eine Wasserhalbkugel sieht. Nur am Westrand verschwimmt dann ein
Streifen Australien am Rand, und gleichsam von ihm lösen sich ein paar
ansehnliche Inseln ab, Papua, wie das einstige Neu-Guinea heute heißt,
Neu-Britannien, die Salomonen, die Neuen Hebriden, Neukaledonien, alle
in einem Zuge und offenbar zusammengehörend. Der Rest ist „Inselstaub“,
verstreute Körnchen im großen Blau, dem großen Salzwasser, dem größten
Ozean der Erde.
So ist auch in Wirklichkeit der Eindruck, wenn der Dampfer Tag
und Nacht diese Fluten furcht. Die Tage und Wochen schwinden und
nichts ist am Himmelsrand als leerer Glanz, Meeresblau, träumerische
Einsamkeit, die große Stille der Leblosigkeit. Siebzehn Tage sind
wir von den Marquesas-Inseln, die selber nur ein Staubkörnchen sind
im unermeßlichen Wasser, gefahren bis Südamerika, Tag und Nacht mit
Eisenbahngeschwindigkeit und haben kein Fußbreit Land gesehen, nicht
einmal ein anderes Schiff.
Um so köstlicher ist dann der Anblick, wenn endlich einmal wieder eine
Insel aus der großen Flut taucht, mit Grün und Leben und der Hoffnung
auf Menschen, seien sie wie immer. Zuerst sieht man da fast stets
eine große Wolke von ganz bestimmter Gestalt. Ganz anders wie die
sattsam betrachteten nassen, formlosen Wolkenschwämme im „schwarzen
Topf“, wie die Seeleute die Äquatorzone dieser Meere nennen wegen der
dort ununterbrochen die Luft verfinsternden kleinen Gewitter. Die
Wolken, die ein Land anzeigen, sind langgedehnte Dunststreifen, aus
denen senkrecht hohe, blendendweiße Türme aufsteigen, oder schneeige
Schwanenflügel hervorwinken, gleichsam als rufe das Leben uns schon
seinen Gruß zu.
Das nächste, was man sieht, ist ein Hauch, über den immer gestritten
wird: ist es schon Land oder noch eine Täuschung der Ungeduld? Und
dann schwimmt es heran. Ist’s eine bergige Insel, dann erscheinen die
Berge immer erstaunlich hoch, ist es ein Atoll, dann dehnt sich eine
ganz flache Linie. Aber sie ist gezackt wie ein Kamm. Bald lösen sich
die einzelnen Kokospalmen im Bilde und nun steht es unsäglich lieblich
und idyllisch vor Augen. Ein flacher Strand, schneeweiß blinkend, der
goldgrüne Saum des Kokoswaldes und dahinter duft-graugrün wunderlich
geschnittene Berge, den schweren Mantel des Waldes auf ihren Schultern
und das Geheimnis des unbetretenen Landes in ihren Tälern, denn von
allen diesen Berginseln mit ihren klangvollen und schönen Namen:
Bougainville, Isabel, Choiseul, Vanikoro, Baladea, Mallikolo, Aurora,
Toman, Uala, Aragh, Pentecôte, Efate, Uvea, und wie sie sonst heißen
mögen, ist immer erst der Uferrand betreten und besiedelt, so weit er
es überhaupt ist und das Innere jungfräulich wild, ein weißer Fleck auf
der Seekarte auch heute noch. Was Wunder, wenn da fieberhafte Erregung
ein Naturforscherherz höher schlagen läßt! Man soll das erleben können,
heute noch, im 20. Jahrhundert, im Zeitalter von Weltzivilisation und
Radio und Fernbild! Ein Land, Wälder, Menschen, die noch unentdeckt
sind, paradiesisch urweltlich, so echt und unberührt vom Weißen, als
sei es nicht 1927, sondern zweihundert oder tausend Jahre früher
und wir die ersten Europäer, die diesen Küsten nahen! Glücklicher
Aufschwung der Seele, die noch ahnungslos und unbekannt ist mit den
Wirklichkeiten!
[Illustration: Unbekanntes Gebirge auf Efate (Neue Hebriden). Nach
einer Zeichnung des Verfassers auf seiner Weltreise 1926/1927]
Man will landen voll brennender Ungeduld, aber man muß sie zügeln,
stundenlang, eine ganze Nacht hindurch. Oder endgültig. Denn der
Kapitän des großen Frachtschiffes (Passagierdampfer fahren in diesen
unbekanntesten Inselwelten Melanesiens überhaupt nicht) erklärt oft
genug, für mein Schiff gibt es hier keinen Eingang in die Riffe und
unsere Schaluppe würde in dieser Brandung zerstört werden wie ein
Schächtelchen. Der Neuling in dieser Welt sieht zwar keine Riffe,
wohl aber ein weiße Linie zwischen dem Schiff und der Küste, die sich
hebt und senkt. Und was er zuerst für Murmeln eines fernen Gewitters
gehalten hat, ist das Donnern dieser Brandung. Man steht stundenlang
davor und wartet ruhigeres Meer ab. Oder sucht auf Umwegen einen
passenden Kanal zwischen den Riffen zur Einfahrt. Kaum ist man in der
Lagune, da ziehen auch schon wie große schwarze Stabwanzen die langen
Auslegerboote der Eingeborenen herbei. Sie sind die einzigen bewährten
Fahrzeuge, die in diesen Inselbrandungen, die bis zwanzig Meter hoch
aufschlagen, nicht umkippen. Man erschrickt, wie häßlich und tierisch
diese Papuas sind. Rotschwarz, mit platten, breitflügeligen Nasen, mit
wulstigen Lippen und krausem Haar. Meist von herkulischem Wuchs, mit
Muscheln geziert, einem Gürtel von Palmenbast um den Leib oder angetan
mit einem Grasrock, sonst nackt, glänzend, von Kokosöl triefend, dessen
ranziger Duft den Raubtiergeruch verdeckt, den diese finsteren und
unfreundlichen Menschen ausströmen. Man weiß, daß sie Kannibalen sind
(Anmerk. 12) und glaubt es ihnen auch anzusehen. Schon vorher wurde man
von erfahrenen Tropenweißen gewarnt: Trauen sie ihnen nie! Drehen sie
ihnen niemals den Rücken! Den Revolver muß man hier immer schußbereit
halten ... Und dem Boot dieser Insulaner muß man sich anvertrauen? Eine
Minute der weißen Wasserhölle brüllt auf. Man klammert sich an das
Stangengerüst. Was macht es, daß man bis auf die Haut durchnäßt wird?
Wenn man nur durchkommt. Die Schwarzen haben unübertrefflich geschickt
gesteuert, das Boot wird hoch auf den Strand hinaufgeworfen. Man steht
schon auf dem Sand. Draußen lärmen stockhohe Wellen ohrenbetäubend.
Das ist der Empfang. Eine Faktorei. Das Wellblechhaus eines Weißen.
Darum ein Wäldchen von Bananen, Auberginen, Mangobäume, ein Feld,
das wie Lupinen aussieht, aber Maniok ist, Gitter voll rankender
Bohnenblätter, die Igname heißen, Riesenblätter von Arum und
Kokospalmen. Ein Wald von Kokos, hundert und tausend kleine, ganz
junge, wie in den Kübeln europäischer Gärtner und schlanke Riesenbäume
mit silbergrauem Stamm und einer fließenden goldschimmernden Krone, die
immer raschelt und das Schönste ist, was Palmennatur nur hervorgebracht
hat.
Dieser Fleck Erde ist „die Kultur“. Noch zwei Wellblechhütten
voll von Kokosnüssen, denn der Pflanzer, bei dem wir landen, ist
Kokoshändler, wie alle in jener Welt, und unser Schiff kommt alle vier
Monate einmal, um seine „Kopra“ abzuholen. Dann ein paar elende aus
Palmblättern errichtete Rundhütten für seine Kulis und dann dahinter
-- der weiße Fleck auf der Karte, das niebetretene Gebirge, der große
Südseeurwald.
Hier können wir nun zwei Tage streifen oder auch drei oder vier,
denn man wird nun von allen benachbarten Pflanzungen in Booten Kopra
bringen und einladen, damit diese so fern gereiften Früchte nach
Hamburg oder Marseille wandern können in die Palminfabrik und von da
auf die Tische von ganz Europa als Palmfett und Margarine für Menschen,
die keine Vorstellung haben, wie die Welt aussieht, die ihnen dieses
Nahrungsmittel sandte.
„Waren Sie im Innern?“ fragt man den Pflanzer. „No,“ sagt der erstaunt,
„wozu? Wild gibt’s nicht auf diesen verdammten Inseln, die Kokos wächst
nur am Strande. Um mir das Fieber zu holen oder einen giftigen Pfeil
von diesen Affen da? No, viel Glück ...“
So ist die Insel Toman beschaffen, so ist Mallikolo, genau so ist Aoba
oder Epi oder Malaita, oder die Bai Unia auf Neu-Kaledonien oder jede
beliebige der vielen hundert Inseln von den Malaienstaaten südlich auf
viele tausend Meilen hin, jene, die die vielen Namen führen: Papua,
Neu-Britannien, Auru, Salomonen, Santa-Cruz-Inseln, Louisiaden, Neue
Hebriden, Neu-Kaledonien, und von denen Papua, die größte, mehreremal
ausgedehnter ist als Deutschland, ein ganzer unbekannter Erdteil, aber
auch Neu-Kaledonien, noch so groß wie Württemberg, oder Birara, fast so
umfangreich wie Preußen.
So stoßen Ideal und Wirklichkeit zusammen. Denn der Weg in den
unbekannten Urwald, auf den man natürlich nicht verzichtet, ist ein
Martyrium und eine Kette von Gefahren.
Ich bin in Gebirgen gewesen, die keinen Namen tragen, sah Berggipfel im
Abendschein glühen, alpenschöne Felsenhäupter, die nie jemand betreten
hat, denn die Eingeborenen fürchten sie wegen der Dämonen, die auf
ihnen hausen sollen, bin durch Täler geschritten, die keinen Eigentümer
haben, habe die köstliche Luft eines Landes eingeatmet, das wirklich
frei ist -- denn die Neuen Hebriden sind noch nicht in Besitz genommen
-- wo es keinen Staat gibt, kein Eigentum, wo man selbst alles in
Besitz nehmen kann, was man sieht und haben will ...
Da ist zunächst die Mangrove, der große Wald, den man durchschreiten
muß, um von den sumpfigen Meeresbuchten an den Fuß des Gebirges zu
kommen.
Was ist Mangrove? Eine Wald- und Sumpfform, mehr als das: eine
Lebensgemeinschaft, die an das Brackwasser und die Existenz gewisser
Bäume geknüpft ist (Anmerk. 13). Eigentlich sind alle diese Bäume nur
riesige Gebüsche, an den Massen der Tropenvegetation gemessen, dafür
jedoch von einer Üppigkeit, die das Durchkommen im Mangrovedickicht
zu den qualvollsten Aufgaben macht, die einem Reisenden gestellt
sein können. Ein sinnverwirrendes Gestrüpp von zähen Ästen und bogig
gekrümmten, vielverzweigten Wurzeln, die alle die Neigung haben, in den
Schlamm und das Wasser hinab Senker zu bilden, so daß die Bäume auf
zahlreichen Stelzen stehen, schwankend und beweglich, aber doch sicher
vor allen Wasserstandsschwankungen und Flutwellen. Die Mangroven lieben
das Salzwasser, ihre Grenze an den Tropenflüssen ist stets an dem Punkt
erreicht, bis zu dem die Flut wirksam ist. Oft genug wandern sie aber
in seichten Buchten auch einfach in das Meer hinaus und bilden dort
seltsam schnurgrade Alleen. Eine zweite Merkwürdigkeit aller dieser
Gewächse sind die sog. Atem- oder Kniewurzeln. Jeder Mangrovebaum
ist mit einem ganzen Verhau von senkrecht aus dem Boden starrender
schneeweißer oder dunkler spitzer Wurzeln umgeben. Diese nach aufwärts
wachsenden Wurzeln sehen wie Spargelspitzen aus und sind nichts anders
als die Wurzeln der Bäume, die in den mit giftigen Gasen erfüllten
Schlick einfach umkehren und die Atemluft aufsuchen, als Zeichen,
wie zielsicher die Instinkte der Pflanzen sind. Die dritte große
Merkwürdigkeit der Mangrovebäume, die mit ihren meist saftiggrünen,
lederigen Blättern die echten Salzpflanzen sind, besteht darin, daß
sie gar keine Samen bilden. Aus der jungen Frucht wächst sofort die
Wurzel des neuen Keimlings etwa einen halben Meter lang nach abwärts.
Hat man das noch nicht gesehen, ist man zunächst ganz überrascht über
den merkwürdigen Anblick der Bäume mit ihren abwärts gekehrten grünen
Kerzen, bis man nicht gelegentlich den einen oder anderen Keimling
beobachtet, der senkrecht ins Meer gleitet und dort im zähen Schlick
sich wie ein Fliegerpfeil einbohrt. Er kann sofort Wurzel fassen, denn
Ankerauswüchse, die reinen Enterhaken, waren schon vor der Ablösung von
der Mutterpflanze bereit. So bepflanzt jeder Baum, der einmal Wurzel
geschlagen hat, seinen ganzen Umkreis auf eine merkwürdig intelligente
Weise mit Nachkommenschaft, denn auch jene Jungmangroven, die nicht
sofort Fuß fassen können, sind schwimmfähig, treiben tage- und
wochenlang im Meer umher, überstehen die wütendste Brandung, werden
von den Strömungen an andere Inseln verschleppt und verbreiten so die
Mangrovevegetation in der ganzen Tropenzone.
[Illustration: Mangrovebäume an einem Tropenfluß mit Atemwurzeln. Vom
Verfasser nach der Natur gezeichnet]
An diese sonderbaren Bäume heftet sich nun aber eine ganze
Lebensgemeinschaft, deren Studium mir unerschöpfliches Vergnügen
gewährte. Wo der Boden trockener ist, schließen sich die ebenso
stelzenwurzeligen Schraubenpalmen, nämlich die +Pandanus+bäume
an. Mit ihrem wirren Schopf langer grüner Grasblätter, die in den
Tropen als Flechtmaterial hochgeschätzt sind, erinnern sie wirklich
an Palmen, mit denen sie verwandtschaftlich nicht das geringste
gemeinsam haben, aber ihre malerisch gekrümmten Stämme sind auf einem
oft stockhohen vielverzweigten Gerüst und Stelzenwerk aufgebaut,
daß man darin manchmal auch wie in Hallen spazieren gehen kann.
Gespenstisch grau ragen diese schwankenden Bauten; die kleine
+Nipa+palme, und eine unglaublich dichte Wildnis von Farnen (das gilt
namentlich für die südamerikanische Mangrove) füllt jede Lücke aus,
glucksende tiefschwarze Schlammkuhlen gleißen in kleinen Teichen,
an denen in Papua und Tropenamerika Horden von trägen Krokodilen
lagern, der herrlich blaue Königsfischer und Eisvögel lungern und
spähen auf den Wipfeln, und Scharen von Kletterfischen, allen voran
der Schlammspringer, sonnen sich auf den Stelzen und lauern auf
Moskitos. Diese dickköpfigen drolligen Tiere vermögen eine Zeitlang
auf dem Land zu atmen; sie klettern durch Spreizen ihrer Schuppen
heraus, schnellen sich aber in eiligstem Kopfsprung ins Wasser,
wenn man sich dem Sumpfrand naht. Da sind die geradezu komischen
Winker-Krabben; sie gewähren dem Besucher dieser von allen Menschen
scheu gemiedenen Welt stets neues Vergnügen der Beobachtung. Die
großen blassen, roten oder lila Krabben hausen in sorgfältig offen
gehaltenen Schlammlöchern, um die sie eine ganze Röhre bauen. In
steten gegenseitigen Fehden machen sie sich rastlos zu schaffen, bis
sie den seltenen Besucher erspäht haben. Dann stürzt jede Krabbe
zu ihrer Röhre, schlüpft behend hinein, hält aber schützend die
gewaltige Schere verteidigungsbereit heraus und vollführt mit ihr
heftige Schreckbewegungen. Man muß laut auflachen, denn wie ein
freundliches, abschiednehmendes Zuwinken mutet dieser Reflex an. Aber
das Lachen vergeht einem, wenn man nur genügend nahegekommen ist und
die Scharen von Moskitos zu spüren bekommt, die den Mangrovesumpf
beleben. Tausende, das ist gar kein Vergleich. Es sind Millionen.
Ein Rauch, Wolken von Mücken, ein Moskitonebel, der stellenweise
die Landschaft unsichtig macht. Die Mückenlarven leben unten im
Schlamme, der köstliche Kleindinge birgt. Viele Tage habe ich mit der
Untersuchung dieses schwarzen Mangrovefaulschlammes zugebracht, aus
dem so viel Unheil für die Menschen kommt, der in Wahrheit die Ursache
ist, warum das Amazonasgebiet, das Flußtal des Magdalenenstromes in
Südamerika, ganz Guayana, das schönste Zentralamerika, große Teile von
Hinterindien, ganz Papua, alle melanesischen Inseln, Nordaustralien,
das Kongogebiet, also die schönsten und fruchtbarsten Teile der Erde,
Erdteile weit größer als Europa, unbewohnbar und unnutzbar sind, als
Herd der gefürchteten Malaria und der schrecklichen Tropenfieber. Die
köstlichsten Riesenkieselalgen habe ich in diesem Schlamm gefunden und
eine der merkwürdigsten Algenvegetationen, aber gerade von diesen leben
die Myriaden von Mückenlarven, unter denen auch die fieberbringende
~Anopheles~ ist, die uns die tötenden blutverzehrenden Blutamöben
einimpft. Neben ihr ist gerade hier in Melanesien ein kleiner schwarzer
Moskito (der ~Culex nocturnus~) besonders häufig, der zwar keine
Malaria verursacht, aber mörderisch sticht und ein temperaturloses
Fieber nach sich zieht mit Mattigkeit, nervösen Störungen, Magenleiden
und allgemeiner Apathie. Keiner entgeht in diesem Land diesen Übeln;
weder Feuer, noch Räucherwerk oder Moskitonetze, nichts nützt. Der
kalte Fieberhauch der Mangrove kriecht überall hin, und alle Weißen,
die nur einige Monate auf den Inseln sind, werden blaß, aufgezehrt von
den Fiebern; dann kommt die Tropenkollerzeit, dann die matte, kraftlose
Periode, und fliehen sie dann noch nicht, endlich das kunstlose Kreuz
am Urwaldrand. Ein Kreis von Kreuzen umgibt jede Europäersiedlung in
diesem Menschenfresserland, das man von ferne ein ideales Paradies
nennt.
[Illustration: Urwaldbaum (~Ficus prolixa~) auf Baladea (Südsee).
Photographie des Verfassers]
[Illustration: ~Nepenthes Vieillardii~, eine insektenfressende
Kannenpflanze, auf Neu-Kaledonien. Originalzeichnung für den Kosmos]
Das ist die Lebensgemeinschaft der Mangrove. Nun haben wir sie
durchschritten und sind im eigentlichen Südseeurwald, der namentlich in
den Gebirgsschluchten an Reichtum, Schönheit der Formen und Phantastik
alles übertrifft, was sonst Waldesschönheit zu bieten vermag. Er
ist weder so übermächtig riesenhaft wie der indische Regenwald,
noch so erdenfremd wie der australische Scrub. Sein Charakterbaum
heißt Banyan, einige nur hier lebende ~Ficus~-Arten mit Luftwurzeln
und Säulen, ein verworrenes Gespinst von Stämmen, Wurzeln, großen,
dicken, frischgrünen Blättern, das, noch mit Lianen und Baumwürgern
zusammengesponnen, jedes Vordringen hemmt. Dicht daneben eine Steppe
von hohem Alang-Alanggras oder eine Flur voll von entzückenden
gut deutschen Adlerfarnen. Der heimische Adlerfarn ist auch in der
Südsee zu Hause, in einer Abart, deren Wedel, wenn sie abgestorben
sind, silbergrau werden. Für den Augenblick glaubt man eingetaucht
in die Farnwildnis die 25000 Kilometer, die uns hier von der Heimat
trennen, überflogen zu haben und auf deutschem Boden zu stehen,
bis die ~Cycas~-Palmen, die mit unbeschreiblich feinfransigen,
dunkelgrünen Wedeln die Farne überschatten und die Riesenbüsche von
Kannenpflanzen, die sich nun über den tiefen Riß eines Bachbettes
beugen, die Wirklichkeit der exotischsten Ferne zurückrufen. Das
zarte kostbare, gehegte Kind der Warmhäuser, die insektenfressende
~Nepenthes~ ist hier ein wilder, gemeiner Busch, so wie die Mimosen
ein lästiges Unkraut, das man mit Füßen tritt, mag das zartgefiederte
Laub auch schmerzlich zusammenklappen. Hunderte der goldgrünen,
rotüberlaufenen Kannen hängen ringsum, manche schwergefüllt mit dem
„Magensaft“, in dem ein ganzer Klumpen gefangener und zerlöster Ameisen
den Bodensatz bildet. Erschütternd wirkt so ein Pflanzenwunder,
wenn man es mit der Selbstverständlichkeit alltäglicher Umgebung
vor sich aufgerichtet sieht, obwohl ja alles, was Pflanze, Tier,
Leben, Natur heißt, das gleiche unbegreifliche Wunder ist und nur
abstumpfende Gewohnheit darüber hinwegsehen läßt, dieselbe Gewöhnung,
die auch bald im Tropenwalde das Merkwürdigste mit einem Achselzucken
hinnehmen läßt: Nun ja, Kletterfarne sind eben auch da. Und dort
die Hirschgeweihfarne, von denen man so viel gelesen. Dabei sind
diese Kletterfarne ein unbegreifliches Ding mit dreieckigen, auf der
Unterseite dick mit Sporenpulver bedeckten Blättern, von deren Rändern
fransig der Goldstaub quillt. Und dornig, wie eine Ranke, klettert das
buschartige Pflänzchen über Strauch und Baum, ein Farn als Liane, nie
vorgestellt und nie gesehen. Und die Geweihfarne kleben an den dicken
Waldstämmen, als seien sie aus grüner Pappe ausgeschnitten. Unten
zunächst eine Reihe von Tellern, die sich an den Stamm anschmiegen und
fetten, edaphonerfüllten Humus in sich schließen, in dem ein Wurzelfilz
haust. Aus dieser grünen Manschette aber hängen die langen gegabelten,
ochsenzungenartigen Blätter heraus. So lebt dieses seltsame Gewächs
zwischen Himmel und Erde und braucht von der Welt nichts als Wasser,
das ihm freilich auf den Südseeinseln reichlichst zuteil wird, gibt es
doch hier in den Bergen bis 20000 Millimeter Niederschläge im Jahr, und
jeden Abend brauen die Wolken und Nebel um die Spitzen, und tropfender
Sprühregen bei 40° Hitze erhält alles in der Üppigkeit eines Glashauses.
Streng scheiden sich allerdings -- wie man das besonders lehrreich auf
Papua und Neu-Kaledonien sehen kann -- Lee- und Luvseite der Inseln.
Die meist östliche Regenseite ist mit dem dichtesten Tropenurwald
bedeckt, die andere Seite ist gewöhnlich durch Bergketten von ihr
geschieden. Sie sind auf Baladea (denn das ist der richtige Namen von
Neu-Kaledonien) zweitausend, auf Papua aber fünf- bis sechstausend
Meter hoch (ganz ist ja dieses Land noch nicht erforscht). Diese
Seite hat ganz wenig Regen und ist daher nur mit Savannen oder einem
Trockenwalde bedeckt, der sich auf Baladea und den benachbarten Inseln
aus Niauli und Schmucktannen sowie die schachtelhalmartigen Casuarinen
zusammensetzt. Australien reicht da +einfach+ herüber und so wird auch
von der Pflanzenwelt die von der Erdforschung neuerdings mit größter
Mühe festgelegte Tatsache bestätigt, daß bis etwa zur Braunkohlenzeit
an Stelle dieser blauen Meere ein ganz großer Erdteil bestand, der von
Hinterindien über Papua und Australien bis Baladea, wahrscheinlich
sogar bis zu den Fiji- (sprich Fidschi-) Inseln reichte und allmählich
zerbrach und versank, diese Tausende von Inseln als zerbröckelte Reste
übriglassend, an denen übrigens die Änderungen und Erderschütterungen
ununterbrochen seitdem weitergehen. Dieser Teil der Erde ist einer der
reichsten an Vulkanen und das größte Schüttergebiet der Erde. In einem
Vierteljahr haben wir Dutzende von großen Erdstößen mitgemacht und an
gewissen Inseln (so Ambryn, Efate) sind sie ein tägliches Ereignis
(Anmerk. 14).