Wir warten diese todbringende Stunde nicht ab. Auch nicht eine

Begegnung mit Indianern, den ebenso todbringenden Ureinwohnern dieses

verlorensten Landes, die mit Blasrohr und Giftpfeil die Mangrove und

Igapó durchklettern, mit bunten Papageienfedern geschmückt, oder auch

völlig nackt wie am Madeira oder Rio Tapajoz. Nur die Weiber tragen ein

farbiges Federgewand, einen mit Käferflügeln verzierten Rohrschmuck in

den Ohren und eine Halskette aus Samenkörnern, während die Männer diese

echte „Waldtracht“ mit Armringen aus Eidechsenhaut ergänzen. Diese

vielen unabhängigen Indianerstämme, die es im verlorenen Urwaldland

noch gibt, sind die echtesten Waldmenschen der Erde. Schon ihre Namen:

die Ameisen (~Tucunderas~), die Fische (~Piriacurus~), die Tukans

(~Tucanos~), die Menschenfresser (~Banhunas~) deuten darauf (Anmerk.

22). So könnten sich ja auch Leoparde oder sonstige Waldtiere nennen,

wenn sie sich durch Namen ihre Sippen unterscheiden wollten. Sie

bemalen sich sogar wie Leoparden buntscheckig mit Pflanzenfarben, um

bei ihren Kopfjägereien und Menschenfressereien unsichtbar anschleichen

zu können. Sie sind die wildesten der wilden und schreckenerregenden

Tiere im Amazonasland, die noch jeden, der diesen verzauberten Boden

einer Urwelt, wie sie die Erde nicht wieder trägt, betreten hat, mit

dem Gefühl entließ, er sei in einem verfluchten Land gewandert. Wie

ein einziges schreckliches Tier stürzt sich diese Urwaldnatur auf den

Eindringling. So wie ein Wort dieses Landes sagt: „Hinter jedem Blatt

ein Insekt, hinter jeder Blume wenigstens eine Ameise.“ Armeen von

beißenden Ameisen drohen, Zecken befallen den zu Hunderten, der das

Dickicht durchdringen will. Die Sandflöhe bohren sich unter die Nägel

der Füße, gräßliche giftige Spinnen liefern wahre Kämpfe. Es ist das

größte Schlangenland der Erde. Und selbst der Mensch ist ein raubendes,

giftiges, gefräßiges, ewig hungriges Wesen geblieben in einer solchen

wilden und unmenschlichen Natur, in der es für den, der sie besucht,

nur zwei glückliche Tage gibt: den ersten, da er kam und hingerissen

von ihrer überwältigenden Kraft und bezaubernden Schönheit in Tränen

der Freude ausbricht und den letzten, den er in ihr verbringt und sagen

kann, morgen bin ich all diesen Schrecken endlich entronnen .....

VII. Das wirkliche Bild der Tropennatur

So wie die sandbedeckten Wüsten und die arktischen Schneefelder

sind auch die großen tropischen Wälder die Stätten des Staunens,

wo der Mensch sich seiner Bedeutungslosigkeit und seiner Anmaßung

bewußt wird. Am besten ist es hier, nicht unter die Oberfläche zu

sehen; die Tiefe führt zum Wahnsinn. Nicht wenige brave Forscher

sind so zugrundegegangen auf ihren Wanderungen durch die dämmerigen

Hallen der Wälder, bis zur Brust im schlammigen Untergrund der

Tausende von Kilometer langen Uferstrecken versinkend; oder sie

wurden laut vor sich hinredend am Verhungern oder gestörten Geistes

aufgefunden. Die Roosevelt-Expedition traf solch einen Verirrten

Hunderte von Meilen fern von jeder Zivilisation; ein anderer

starb im Candelaria-Krankenhaus; ein dritter ließ eine letzte,

unzusammenhängende Botschaft an einem Baum am Rio Branco zurück ... Ein

Grauen geht aus von den schlangenverseuchten Sümpfen, den ekelhaften

Insekten, scheußlichen Krankheiten und Todesarten, den unverständlichen

Kulten, den sonderbaren atmosphärischen Stürmen, dem unheimlichen

Zwielicht, der drückenden Hitze und Lautlosigkeit, den giftmischenden

Eingeborenen und den erstickenden Düften der Verwesung ringsum.

Mit solchen Worten faßt ein ausgezeichneter Reisender (Th. +Domville+)

seinen Gesamteindruck über die fünf Millionen Geviertkilometer

Amazonasurwald zusammen, die auf der Landkarte noch ein weißer Fleck

sind und die er mit Recht den „verlorenen Erdteil“ nennt, auf dem sich

die Verhältnisse nie ändern können.

Und das drückt auch meine Überzeugung aus. Ich habe die letzten Reste

des europäischen Urwaldes im Osten und in den Alpen gesehen. Sie sind

düster und menschenfeindlich. Ich habe alle großen Tropenwälder der

Erde bereist. Sie sind noch düsterer und erniedrigen den Menschen, der

in ihnen wohnt. Sie sind für den Naturforscher ein Paradies, für den

Weißen aber, der in ihnen eine Heimat finden will, wirklich eine Stätte

des Grauens und des Verderbens. Ich habe sie ebenso leidenschaftlich

lieben gelernt, wie ich Entsetzen vor ihnen empfinde.

Das erlebte Bild des Tropenurwaldes, wie ich ihn sah, ist anders, als

ich es erwartet hatte und aus dem Schrifttum der Reisenden und der

Naturforscher kannte. Sie waren verliebt in ihre Abenteuer oder in

ihre Wissenschaft und haben daher fast immer vor Bäumen den Wald nicht

gesehen. Darum hat man uns die Tropennatur als ein Ideal geschildert,

das heute Millionen von jungen und alten Europäerherzen begeistert und

wie ein mit Sehnsucht und abenteuerlichen Gedanken lockender Traum

sie verwirrt. Aber so ist die Tropennatur nicht, am wenigsten der

Tropenurwald.

Amazonien, sein eigentlichstes Königreich, ist für jeden Reisenden, der

die Wahrheit gesagt hat, ein Land der quälendsten Monotonie, und im

Fieberwald von Papua, im indischen Dschungel, im Scrub ist es letzten

Endes nicht anders. Die vielen tausend seltsamen, überraschenden,

wunderbaren Naturentdeckungen sind nur dem Fachmenschen sichtbar

und auch dem nur nach und nach in mühsamer Forschungsarbeit. Wenn

man glaubt, der schöne, erquickende, zu allen Sinnen sprechende

Maienwald der deutschen Heimat, der die Seele mit Wonne erfüllt und

für den Wissenden der Lehrmeister des ganzen Lebens sein kann, sei

die +unterste+ Stufe von „Naturpracht“ und das steigere sich in einem

fort, in dem Maße, in dem die Natur ungestörter, das Klima heißer

und die Welt menschenleerer werde, dann verstrickt man sich tief im

Irrtum. +Schillers+ Wort, von der Welt, die vollkommen sei überall, wo

der Mensch nicht hinkomme mit seiner Qual, konnte nur entstehen, weil

sein Urheber niemals wilde unberührte Natur im Rohzustande gesehen

hat. Das ganze 18. Jahrhundert wiegte sich in einer idyllischen, mit

Schäferspielen tändelnden „Zurück-zur-Natur“-Stimmung, getäuscht durch

die Zauberbilder, welche die damaligen Entdecker der Südseewelt von

gewissen Inselnaturen mitbrachten. Man übertrug das dann fälschlich auf

die gesamte Tropenwelt und alle Urwälder. Nach dem einfachen Rezept:

ist schon unser Wald im Maiengrün so herrlich, wie schön muß erst der

ganz jungfräuliche Urwald dort sein, wo ewiges Maiengrün herrscht!

Weil +Forster+ und +Cook+, +Chamisso+ und +Kotzebue+ auf Tahiti ein

angenehmes Klima, eine harmlose und gezähmte Natur, schöne Berge

und freundliche Inselmenschen mit netten Frauen fanden, erbaute man

daraus das Märchen, in +allen+ den blauen Tropenfernen sei noch das

Paradies erhalten. Am wenigsten sei es bei uns. Und ein Rest dieser

Märchenstimmung hat sich fortgepflanzt bis heute und wohnt noch in

allen naturbegeisterten Seelen.

Aber die Wirklichkeit ist nicht so. Es trifft schon nicht mehr ganz

zu für den deutschen Wald, daß er desto schöner sei, je weniger

ihn der Mensch berühre. Die europäischen Urwälder, in denen der

Steinzeitmensch nicht anders herumzog, ewig hungrig und tierhaft wie

die auch in der Steinzeit lebenden Indianer und Melanesier, waren

schreckhaft düstere, in Humus und Moor vergrabene Waldsümpfe. Das

sieht man schon an den in den Gebirgen zurückgebliebenen Urwaldresten.

Grämlich, einförmig, düster stehen dort uralte Bäume in einem metertief

mit tiefschwarzem Humus bedeckten Boden, der das Wasser so zurückhält,

daß alles in sumpffeuchtem Mulm stockt. Pestwurz bedeckt die Lichtungen

mit Riesenblättern, Heerscharen von Verwesungspilzen überspinnen Strunk

und Dämmer, gefallene Baumleichen versperren unten so Weg und Steg,

wie oben Licht und Sonne durch das dichte Gezweig abgehalten ist.

Das Vergehen hält dem Werden die Wagschale. Blumen, Lebenslust und

jauchzendes Tierleben fehlen im Urwald der gemäßigten Klimate genau so

wie in den heißen Zonen. Erhaben ist er, von einer gigantischen und

ehernen Gesetzmäßigkeit, aber nicht des Menschen Freund.

+Das liebliche, harmonische, die Sinne entzückende Waldbild entstand

erst, als der Mensch seinen Ausgleich mit der Natur suchte und ihn

fand.+ Wir sind eben das Harmoniewesen; schön und gesund ist uns nur,

was nicht einseitig ist, nicht zu viel, nicht zu großartig, sondern

harmonisch mit uns im Ausgleich. Waldesgrün, reine Luft, Abwechslung

zwischen ernsten und heiteren Bildern, Blumen, Sträuche, daneben Ernst

des Hochwaldes, so viel Urwuchs und Verfall, daß es unser Leben nicht

störe, die Waldwiese darinnen und ab und zu Riesenstämme, ein in allem

ausgeglichenes Lebensbild, das ist unser „menschliches“ Ideal vom

Walde. Und ihm haben wir alle Wälder angenähert. Wir können auf die

Dauer gut nur mit einer solchen „vermenschlichten“ Natur leben, im

„Naturausgleich“.

Durch die Übervölkerung sind wir über das Ziel geschossen und haben

die Wälder in Forste verwandelt, sie wieder in der anderen Richtung

einseitig gemacht, künstlich verarmt. Oder man hat sie gar auf zu

weitem Gebiet ausgerottet. Seitdem wir Deutschen nicht mehr 60 Prozent

Wald im Lande haben, sprang die große Sehnsucht auf nach mehr Natur,

nach Unberührtheit. Seitdem spielt die Seele wieder mit Urwaldträumen.

Solange wir Urwälder hatten, tat sie es wahrlich nicht.

[Illustration: Waldbrand, ein in den ganzen Tropen immer

wiederkehrendes Bild. Vom Verfasser nach der Natur gezeichnet]

Aber ebensowenig wir in der Heimat wieder den Urwald herstellen können

und sollen, kann auch der exotische Urwald die Sehnsucht stillen. Wer

nicht nach Naturgesetzen und den Zauberdingen des Erkennens in ihm

forscht, dem hat der Tropenurwald nach der ersten Stillung der Neugier

und dem ersten Überwältigtsein der Seele vor so viel ungebändigter

Lebenskraft eigentlich nichts zu sagen. Für jeden Tropeneuropäer

verwandelt er sich bald in den „Busch“, den „Dschungel“, den er

fürchtet und niederbrennt, dem er aus dem Wege geht, der ein Hindernis

ist, das krankmachende, mit Gefahren drohende Hindernis des Lebens.

Außer er sucht Jagd und Abenteuer und auch davon hat ein Normalmensch

bald genug.

Das großartige Naturbild: Riesenbäume, Lianen, Überpflanzen, heilige

Dämmerung, Gigantengewächse, Tierarmut außer stechenden, beißenden,

brennenden Insekten, bleibt immer dasselbe. Der erste Tag ist der

schönste und jeder folgende wiederholt die Bilder. Je länger die

Waldwanderung währt, desto stärker wird das Grauen, das diese Natur auf

die Dauer uns Weißen einflößt. Sie ist nicht die unsere und kann nie

unsere Heimat werden.

Ich halte nicht zurück mit meiner Meinung, +daß der Europäer auf die

Dauer nicht in den Tropenwald-Ländern leben wird+. Weder am Kongo,

noch im indischen Urwaldgebiet, weder in Papua, noch in Amazonien.

Alle diese Länder haben den Menschen, der sich an sie angepaßt hat,

vertiert. Sie haben ihn, inmitten des unsagbaren Reichtums ihrer Natur,

seelisch und leiblich verhungern lassen.

Ich bin sicher, daß die Tage der Weltwirtschaft unaufhaltsam kommen.

Die ganze Erde wird zivilisiert werden und überall wird man neue

Reiche gründen und zu solcher Blüte bringen wie die australische

~Commonwealth~, die südafrikanischen Vereinigten Staaten, oder die von

Nord- und Lateinamerika. Aber den großen Tropenwäldern, entlang dem

Äquator, wird man jahrhundertelang, vielleicht für immer aus dem Wege

gehen. Vielleicht werden sie einmal die großen Klimareservoire der

Weltwirtschaft. Das wäre dann ihr natürlichster Beruf.

Der praktische Mensch kann für sie keinen anderen Gesichtspunkt

aufbringen, am wenigsten den eines Reise-, Erholungs- und

Siedlungsgebietes.

Anders der Naturforscher. Ihm sind sie das nachlebende Paradies, ein

für allemal die größte Studien- und Forschungsstätte der Welt. Und

alles, was ich an Begeisterung und Bewunderung vermieden habe, als

ich von dem Verhältnis der Lebenspraxis zum Tropenurwald sprach, kann

ich nun doppelt und vielfach hier häufen, da ich der Freuden des

Naturforschers im Tropenwald gedenke. Sie sind unerschöpflich. +Erst

ein Bruchteil dessen ist erforscht, was die Natur an Lebenswundern

bietet+. Amazonien ist noch mehr der Höhepunkt des irdischen Lebens

als die vielgerühmte indisch-javanische Natur, in der man ja (in

Buitenzorg und Peradenya) die größten tropischen Forschungsstätten

eingerichtet hat[1]. Vielleicht hält nur noch die Inselwelt des

Dunkellandes den Wettbewerb damit aus.

[1] Eine dritte planen die Amerikaner am Panamakanal im Gatunsee, der

ein großes Naturreservat ist.

Jedenfalls ist in Amazonien die Pflanzenwelt am Höhepunkt der irdischen

Entwicklung angelangt. Sie mutet mich nicht anders an, als sei sie

eine Fortdauer der Braunkohlenzeit. Merkwürdigerweise bildet sich

gerade hier -- und meines Wissens nach nur hier -- auch das einzige

Gegenstück zur Steinkohle. Das geschieht in den ungeheuren Sumpfgürteln

um die Riesenströme, namentlich dort, wo noch die Mangrove Bedingungen

ihres Gedeihens findet. Da steht überall hinter ihr ein breiter,

manchmal fünf und zehn Kilometer tiefer Gürtel von Farnurwelten

(~Acrostichum~-Arten), die in der Tiefe, in der sich Humus bildet,

verkohlen. Farnkohle ist die beste aller Steinkohlen und die größten

Lager davon sind genau in gleichen farnbewachsenen Sümpfen entstanden

wie heute noch. Und seltsamerweise ist gerade in dieser am tiefsten

verlorenen Welt noch ein Wunder der irdischen Vorzeit lebendig. Nur

dort gibt es noch fünf und zwölf Meter hohe Riesenschachtelhalme,

Wälder von Schachtelhalmen (Anmerk. 23), wie einst zur Steinkohlen- und

Jurazeit.

Phantastisch, das auszudenken und wirklich märchenhaft, es zu sehen:

Steinkohlenbildung und rauschende Wälder der Schachtelhalme in einer

Natur, die mit ihren Tausenden von Riesenechsen, welche gerade dort

noch am zahlreichsten hausen, Längstvergangenheit und Gegenwart in

einen Ring formt, als Zeichen, +daß weder die Erde noch die Lebenskraft

seit der Urzeit gealtert ist+.

Und trotzdem muß ich nach all den vielen Bildern, die ich hier von der

Tropennatur entrollt habe, nicht diesem nur gedanklich überwältigenden

Anblick, sondern der Südsee den Kranz meiner Liebe und Sehnsucht

reichen.

Baladea, die einsamen Palmeninseln im blauen Weltmeer, Tahiti und noch

mehr Eimeo, das Zaubereiland, haben es mir für immer angetan. Von ihnen

sage ich getrost, sie sind das Schönste, was ich an Tropenschönheit

gesehen habe.

Ich brauche nur die Augen zu schließen und schon rauscht mit dumpfem

Donnern das Weltmeer auf. Wie ein liebes vertrautes Lied nie

erlöschender Liebe. Ich sitze wieder hoch auf einem Felsenzacken

dieser vielzackigen Gebirge, die kristallene Bläue des Gluthimmels

ist gemildert durch den Seewind, die weißen Glocken der Palmlilien

läuten. Unter mir der schwere duftende Mantel der Wälder. Korallenrot

leuchten die Flamboyants, weiß die Gardenien, dunkelgrün mit edlem

Glanz schimmert das Laub der Banyanen, verlorene Rätselworte der Urzeit

flüstern die traurig-dunklen Kaurifichten. Und unten am Strand flirren

goldgrün die Kokospalmen, über dem Mangrovegürtel dampft die Hitze

und ringsum geht unermeßlich um den Himmelsrand Meer und blaues Meer.

Hinter mir aber, von glutvoll beleuchteten Wolken beschattet Felsberg

und dunkle Kette um Kette ins unbekannte, nichterforschte Land.

Und alles ist, als seien wir die ersten Menschen auf Erden, in

dieser köstlichen, unschuldigen und doch so viel Leben und Schicksal

verbergenden Stille fernster Welteinsamkeit, die ich so lieben gelernt

habe aus tiefstem sehnsüchtigstem Herzen, daß ich ganz sicher weiß, ich

werde nie wieder völlig unglücklich und trostlos werden, seitdem ich

sie erlebt habe ... meine schöne, weltenferne, unvergeßliche, geliebte

Südsee und ihr Dunkelland.

Anmerkungen und Erläuterungen

+Anmerkung 1+ (zu S. 8). Die grundlegenden Werke hierüber sind: F.

W. +Schimper+, Physiologische Pflanzengeographie auf ökologischer

Grundlage. Jena 1898. -- +Karsten+ und +Schenck+, Vegetationsbilder

der Erde. Jena 8ᵒ. -- +Wallace+, ~Tropical nature~. London 1878. --

+Brandis+, ~Forest Flora of India~. London 1874.

+Anmerkung 2+ (zu S. 11). Es kann natürlich nicht der Zweck dieser

Schrift sein, welche nur mit den +Naturbildern+ des Tropenwaldes

bekannt machen will, die Beweisführung und Einzeltatsachen für die

vier „ökologischen“ Faktoren des Tropenwaldes -- Urwaldcharaktere,

Waldgesetzlichkeit, Tropenanpassungen und biogeographische

Sonderprägung -- auszubreiten; dies soll vielmehr in einem größeren

Sonderwerk geschehen.

+Anmerkung 3+ (zu S. 16). Über Herkunft und Bedeutung des Laterits vgl.

S. 58.

+Anmerkung 4+ (zu S. 17). Die Buntblätterigkeit gehört zu den

ombrophilen Charakteren der Hygrophyten, wie E. +Stahl+ (Über bunte

Laubblätter, ~Annales de Buitenzorg XIII~) nachgewiesen hat. Besonders

schön sind in dieser Beziehung die Begoniaceen, auch Gesneriaceen,

Acanthaceen, gewisse Tropenorchideen (+~Goodyera~+, +~Anoectochilus~+),

+Rubiaceen+, +~Cissus~-Arten+, +~Anthurium cristallinum~+ usw. Die

dunklen Stellen erwärmen sich leichter, transpirieren also mehr.

+Anmerkung 5+ (zu S. 20). Für die ceylonischen Urwälder kennzeichnend

ist von Vögeln ein gelbschwarzer +~Oriolus~+, ferner der Tukan

(+~Anthracocerus coronatus~+), die Honigvögel (+~Cyrtotomus

lotenius~+), ferner der berühmte indische Roller (+~Coracias

benghalensis~+). Im Gebirge auch der harpyenähnliche, nur in Ceylon

vorkommende Adler +~Spizaëtus nipalensis~+. In den Wäldern treiben sich

übrigens die für Colombo charakteristischen schwarzen Straßenraben

(+~Corvus splendens protector~+) umher.

Charakterformen der indischen Urwaldschmetterlinge sind +~Telechina

Violae~+ mit fuchsgelben Flügeln, die altbekannten +Kallima-Arten+,

+~Papilio Nomilius~+ (wie ein Schwalbenschwanz), die trauerbraune

+~Euploea asela~+, die gelbe +~Catopsilia crocale~+ und viele hundert

andere.

+Anmerkung 6+ (zu S. 23). +Franz Wilhelm Junghuhn+ (1812-1864)

verdiente weit mehr Beachtung als Klassiker der Tropenliteratur. Man

sollte seine verschollenen Werke neu herausgeben. Er war Mediziner,

Botaniker und Geologe, wegen einem Duell zu 20jährigem Gefängnis

verurteilt, entfloh aber, ging zur Fremdenlegion nach Algier, dann nach

Java, wo er fast 30 Jahre lang als Topograph, Geologe und Botaniker

forschte und die Chinabaumkulturen leitete. Sein vierbändiges Hauptwerk

heißt: Java (deutsch in drei Bänden von F. Haßkarl zu Leipzig 1854).

+Anmerkung 7+ (zu S. 24). Ich habe im ceylonischen Regenwald folgende

acht Etagen unterschieden: Zu unterst 1. die Bodenlebewelt mit

besonders viel Insekten, riesigen Humusrhizopoden und den bekannten

Riesenregenwürmern. Die Zahl der Myriopoden ist weit größer als

im europäischen Humus. Darüber 2. die Kleinvegetation mit wenig

Lebermoosen, Moosen und Kräutern. 3. Die Selaginellenzone, überaus

üppig entwickelt, von der ich den Eindruck habe, daß sie im tropischen

Regenwald die Moosdecke ersetzt. 4. Araceen und Scitamineen,

Begoniaceen, überhaupt krautstämmige Pflanzen. Dann folgt auch hier,

ausgenommen an den Stellen mit „~horror vacui~“, eine Art Hiatus, den

im gemäßigten Klima die Sträucher ausfüllen. Es hat zwar auch der

Tropenwald seine Strauchvegetation, besonders Piperaceen -- +Piper+

spielt mit einigen hundert Arten darin eine weit größere Rolle als

allgemein angenommen wird -- Rubiaceen, Myrsinaceen usw. Im allgemeinen

aber ermöglicht der Mangel an Sträuchern der Bodenvegetation den

Lichtgenuß. 5. Jetzt folgen erst Bodenfarne, Farnbäume und Saprophyten,

sowie Wurzelparasiten (Balanophoraceen). 6. Dann kommt die Zone der

kleinen Bäume und Palmen. Hierher gehören Moraceen, Cecropiaceen,

Caricaceen, auch noch Farnbäume, Zapfenpalmen usw. 7. Die siebente

Etage ist die der Lianengewirre und Überpflanzen, +~Calamus~+,

+~Monstera~+, Nischenfarne -- +~Asplenium nidus~+, +~Polypodium

quercifolia~+ usw. -- Tillandsien, Orchideen, Bignoniaceen, +Bauhinia+

usw. 8. Erst als achtes Stockwerk erheben sich über diesem Gewirr 40-70

~m~ hoch die Hochbäume, zu denen die Kletterpalmen und Lianengewächse

emporsteigen und die allein schon durch ihre überaus reiche Verzweigung

-- viel mehr Verzweigungssysteme als die heimischen Bäume -- wieder

eine Reihe von Etagen bilden.

+Anmerkung 8+ (zu S. 33). Die australische Flora besteht zu 85% aus

andern Pflanzenarten als die Pflanzenwelt anderer Erdteile. Gänzlich

fehlen ihr Weiden, Pappeln, Baldriane, Resedaceen, Schachtelhalme,

Bambusarten und während in Europa die größten Familien die Kompositen,

Leguminosen, Kreuzblütler, Gräser, Dolden- und Nelkengewächse sind,

kommen in Australien die Leguminosen, Myrten, Proteaceen an erster

Stelle, dann erst Kompositen, Caricaceen, Gräser, Epakrideen, Orchideen

und Euphorbiaceen. Dabei hat Westaustralien kaum 10% mit Ostaustralien

gemeinsam.

+Anmerkung 9+ (zu S. 33). Die Vermehrung der Casuarinen ist erst

in neuerer Zeit geklärt worden (+Treub+). Durch die Mehrzahl von

Embryosäcken mit Eiapparat, den Beginn der Endospermbildung vor

der Befruchtung, erinnern sie an die Nacktsamer, sogar an die

Pteridophyten. Außerdem sind sie chalazogam, d. h. ihr Pollenschlauch

erreicht den Embryosack nicht durch die Mikropyle, sondern durch die

Chalaza.

+Anmerkung 10+ (zu S. 34). Grasbaum = +~Xanthorroea arborea~+ --

+Spinifex+gras = kein Spinifex, sondern +~Triodia~+ -- +~Acacia

dealbata~+ und +~Farnesiana~+ sind von Australien nach Europa gebracht

worden --. Gewisse der schönblühenden Heidenpflanzen Australiens sind

Nationalpflanzen geworden, so die „~native tulip~“ (+~Telopea~+) in

Neusüdwales.

+Anmerkung 11~a~+ (zu S. 37). Die heutige Tierwelt Australiens trägt

etwa den Charakter wie sie in Europa zur mittleren Jurazeit war, mit

dem Unterschied, daß die Riesenformen ausgestorben sind. An der Küste

leben immer noch die Muschelgattungen +~Waldheimia~+, +~Lingula~+,

+~Trigonia~+, +~Crania~+, der ~+Moloch+ horridus~ hat seinen nächsten

Verwandten an der krokodilähnlichen +~Megalania~+, der Ganoidfisch

+~Ceratodus~+ hat seine Verwandten in der Trias, die Beutler sind in

Europa seit der Jurazeit ausgestorben.

Alle australischen Säugetiere sind Beutler, ausgenommen der Dingohund,

die Mäuse, Ratten und Fledermäuse, die von Insulinde kamen. Die

Charaktertiere sind außer den mehr als 60 Arten von Känguruhs

(+~Macropus~+, +~Dendrolagus~+, +~Petrogale~+, +~Halmaturus~+), der

Wombat (+~Phascolomys~+), der Koala (~Phascolarctus~),die Opossums

(+~Phalangista~+), der Beuteldachs (+~Perameles~+), der ~Native devil~

(+~Sarcophilus ursinus~+), die winzige Beutelmaus (+~Tarsipes~+),

der Beutelmarder (+~Dasyurus~+), die Springmäuse (+~Notomys~+) usw.

Kennzeichnend sind auch die eierlegenden Ameisenigel (+~Tachyglossus

aculeatus~+) und das Schnabeltier (+~Ornithorynchus anatinus~+), das

schon ganz selten geworden ist. Von Vögeln sind der Emu (+~Dromicaeus

Novae Hollandiae~+) und der Kasuar (+~Casuarius~+), die Honigvögel

(+~Meliornis~+), der Leiervogel (+~Menura~+), die Laubenvögel

(+~Chlamydera~+ und viele andere Gattungen), die schwarzen Schwäne,

die Rosellapapageien (+~Platycerus eximus~+), die ~Cacatua~-Arten, die

+~Melopsittacus~+-Arten besondere Vertreter der überaus merkwürdigen

australischen Ornis.

+Anmerkung 11~b~+ (zu S. 37). Vergl. H. +Klaatsch+ „Der Werdegang der

Menschheit und die Entstehung der Kultur“. Berlin 1920. -- Auch: G.

+Buschan+, Völkerkunde. Leipzig. 8ᵒ. 3. Auflage.

+Anmerkung 12+ (zu S. 42). Tatsächlich ist der unausrottbare, weil aus

Notzuständen (die melanesischen Inseln haben gar keine jagdbaren Tiere

außer Tauben) hervorgegangene und kultisch verklärte Kannibalismus auf

Papua, den Salomonen und Neuen Hebriden heute noch vorhanden. Im Jahre

1926 gab es auf Mallikolo Opfer dieser schrecklichen Sitte, und 1927

wurde auf Malaita (Salomonen) die ganze weiße Bevölkerung und ihre

Schutzgarde überfallen und getötet.

+Anmerkung 13+ (zu S. 44). Als Mangrovebäume gelten vor allem die

häufigste ~+Rhizophora+ mangle~ und andere Arten (besonders in

Tropenamerika), ferner +~Sonneratia~+ im indomalaiischen Gebiet,

+~Avicennia~+ und +~Bruguiera~+ von Afrika bis Australien u. a. m.,

zusammen 60 Arten, nur in den Tropen. Atemwurzeln (Pneumatophoren) sind

besonders bei +~Rhizophora~+ und +~Bruguiera~+ entwickelt. Vergl. G.

+Karsten+, Die Mangrovevegetation. Jena 1904.

+Anmerkung 14+ (zu S. 51). Vergl. hierzu F. +Sarasin+, Neu-Caledonia.

1917. +Sarasin+ hat die Hypothese eines australindisch-melanesischen

Kontinents aufgestellt und mit gutem Material eines 13bändigen Werkes

wahrscheinlich gemacht.

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