Pflanzenklumpen, von ferne wie malerische Ruinen morgenländischer
Tempel anzusehen, wobei sich auch die Lianengewächse auf das kräftigste
betätigen. Sie senden wallende grüne Vorhänge von oben, greifen
mit eisengrauen Seilen von Baum zu Baum, knäueln sich ineinander
oder hängen mit Schlingen und Taubrücken nieder. Manchmal wälzen
sie sich schlangengleich am Boden, schenkeldick da, fadendünn dort,
unbeschreiblich vielförmig im Kampf ums Licht. Manchmal sieht so eine
Waldlaubhöhlung aus wie ein Theaterschnürboden voll herabhängender
Seile. Gliedketten von knochenbleichen verholzten Lianentauen bilden
die +Bauhinien+, die mit +Bignonien+, +Cissus+ und +Calamus+ in dieser
Verflechtung immer wieder kehren. Viele sind dazu mit Hackensprossen,
Widerhaken und Dornen besetzt, legen die gefährlichsten Fußangeln aus
und ziehen sich mit Vorliebe querspiralig über den Weg.
Manchmal steht an Stelle des Waldes eine ganze Zeltstadt, unten
braun, oben grün, die Bäume erstickt, übersponnen von Farnen und
Lianen, die sie überstiegen haben und erdrückt mit Blattdecken ohne
jede gegenseitige Anpassung und Rücksicht. In der blausonnigen Höhe
sind dann diese Zelte übersprenkelt von bunten Blumen, dort oben ist
Faltergegaukel und Vogeljubel, unten aber webt Moder, Stille breitet
sich in den dunklen schmalen Nischen, die in die Unterwelt dieser
Heiligtümer der Natur führen, deren Gesamteindruck überraschend
an die buntbemalten figurenstrotzenden Tempeltürme der indischen
Wallfahrtsstätten erinnert.
Man tritt heraus, verwirrt, übermüdet durch zu viel des
Schauenswürdigen, bedrückt durch all das Fremdartige und Gefährliche,
das in diesem indischen Walde haust, der wohl unseren Sinnen
Tausendfältiges, unserer Seele aber nichts zu sagen weiß, als das eine:
Geh, hier ist nicht deine Heimat ... Fremd bist du mir, in mir kann der
Mensch nicht leben, außer er wird zum Urwaldtier ...
IV. Die Urwälder Australiens
Australien ist heute immer noch der unbekannteste Teil der Erde. Nicht
nur etwa deshalb, weil gut zwei Drittel dieser Fläche von fast zehn
Millionen Quadratkilometern auf allen Karten weiß gelassen oder mit
den so vielsagenden Punktlinien angedeutet sind, sondern auch weil die
europäische Bildung bisher zu wenig Kenntnis von dem australischen
Leben genommen hat. Die wahre Ursache ist die Entfernung. Es sind fast
unsere Gegenfüßler. Die schnellste Reise dorthin umschließt immer noch
vierzig Tage Schiffahrt.
Um so größer ist die Überraschung, wenn man dort ein Neu-Amerika
findet, Millionenstädte mit Wolkenkratzervierteln und Straßen, die im
Verkehr Berlin übertreffen, weite, an Thüringen erinnernde Landschaften
voll Weizengold, mit Landstädtchen voll Idyllen, Blumengärten,
heiteren, bildungsfrohen Menschen, die jedem Fortschritt zugetan sind,
Luxusbadeorte wie am Ostseestrand, nur überwölbt von einem Himmel, der
mehr denn neun Monate im Jahre fast wolkenlos ist und dessen Winter mit
der Wärme eines lieblichen Maientages umschmeichelt.
[Illustration: Die australische Scrublandschaft bei Tarcoola. Nach der
Natur gezeichnet von R. H. Francé]
So ist aber nur der Rand eines Landes beschaffen, das -- noch hat man
es nicht ausgemessen -- nach einigen fünfmal, nach anderen zwölfmal so
groß wie Deutschland von der furchtbarsten Wüste und vielleicht dem
größten Urwald der Erde bedeckt ist.
Ich bin durch die arabische Wüste gezogen und habe die Sahara gesehen;
ihr Anblick ist viel herzbeklemmender als jener der australischen
Binnenwüste, denn sie entbehren auf tageweiter Flur manchmal aber auch
buchstäblich jeden Grashalm, während hier Millionen von Sträuchern
wuchern und ein Blumenmeer leuchtet. Trotzdem ist das australische
„Scrubland“ oder der Busch, wie die Leute dort kurzweg sagen, viel
menschenfeindlicher, denn es entbehrt vollständig des Wassers, es gibt
gar keine Oasen darin und überhaupt keine natürliche Lebensmöglichkeit
für einen weißen Menschen, während in Afrika und Arabien tropenüppige
Landstriche als Oasen grünen, so groß oder größer als manches ehemalige
deutsche Herzogtum.
In der Nullarborwüste und im großen Buschland regnet es nicht viel
weniger als in Berlin, sonst könnte dort doch nicht ein Gras- und
Waldgebiet bestehen, aber durch die eigentümliche Beschaffenheit der
oberen Erdschichten, die aus vollkommen wasserdurchlässigen Gesteinen
aufgebaut sind, hält sich kein Wasser oben. Es gibt keine Quelle,
keinen Bach, keinen Fluß auf vielen tausend Kilometer Runde, alles
Wasser rinnt in die Tiefe und kann von dort nur mit artesischen
Brunnenbohrungen heraufgeholt werden. Die gibt es aber im Scrub schon
aus Menschenmangel nicht, denn der europagroße fünfte Erdteil ernährt
nicht 450 Millionen Menschen wie der unsere, sondern nur etwas mehr als
sechs, von denen sich mehr als drei Millionen in den paar Großstädten
drängen. Man kann, trotz der statistischen Form, anschaulich sagen: auf
je drei Millionen Quadratmeter kommt dort im Lande +ein+ Mensch.
Das Land ist also fast menschenleer und der Scrub ist es vollkommen.
Man könnte wochenlang wandern, ohne einem Menschen zu begegnen. Aber
man wandert nicht, denn man würde verdursten. Mitten im Buschland
liegen einige Goldgräberorte, Kalgoorlie, Coolgardie, Boulders,
aber sie leben nur von Gnaden einer vierhundert Kilometer langen
Wasserleitungsröhre, die ihnen Wasser von einem gestauten Gebirgsbach
bringt. Sie würden an dem Tag verschmachten, an dem diese Röhre springt
und ausläuft.
Von Kalgoorlie wanderten wir mit einem kleinen Wasservorrat in den
Busch hinein, geführt von einem alten Waldläufer, der diese Welt auf
der Jagd nach Känguruhs und Gold seit dreißig Jahren kennt.
Noch sieht man das letzte Wellblechhaus mit einem Pfefferbaum und
einem winzigen Rasenstück davor, über dem sich der von der großen
Röhre gespeiste Zerstäuber mit silbernem Sprühen dreht, dann staubige,
gesprungene, harte Erde, eine Stunde lang kein Baum, kein Halm, dafür
unbarmherzig brennende Sonne und Schuttrümmer der Goldwäschereien, die
den Boden aufgewühlt haben. Wunderbar, dieses goldige Flimmern im Sand
allüberall. Man hebt kein Stückchen Gestein auf, in dem es nicht in
winzigen goldgelben Schüppchen gleißte. Gold rings umher. Aber mit den
Mitteln dieser wenigen Menschen nicht abbauwürdig, nur dort, wo eine
Ader angeschlagen werden kann oder -- was noch ganz selten vorkommt und
vor dreißig Jahren häufig war -- wenn gediegene Goldklumpen im Sande
liegen. Bis zum Abend gehen wir über den Goldsand. Unsere Füße haben
sicher ein Millionenvermögen überschritten, das man einst gewinnen
wird, aber heute noch dem Boden nicht entreißen kann. Inzwischen hat
uns der Buschwald aufgenommen und seine Wunder lassen auf Goldfieber
und Menschendinge vergessen.
Noch nie diese Freiheit der Erde! Alles ist dein, so weit das Auge
blickt. ~Nomans land.~ Der schöne englische Ausdruck berauscht die
Seele. Hier ist die Erde noch frei, ganz unbefleckt von Menschenhand.
Der Himmel unbeschreiblich rein, der Boden tiefrot, und ernste
Riesenbäume ganz locker und einzelnstehend, zwischen ebenso riesigen
Büschen und nicht weniger kolossalischen Gräsern ringsumher.
Kein lebendes Wesen. Totenstille. Kein Vogel kreischt, selbst
Fliegensummen fehlt. Hier gaukeln keine Falter. Seitdem die Erde
besteht, ist hier vielleicht noch nie ein Mensch gewesen. Das wirkt
gespenstig, verwirrend, gleichsam beängstigend. Man weiß, warum kein
Mensch da ist in diesem Niemandsland. Denn er würde verdursten. Und
unruhig fühlt man nach dem Blechtank, den man am Rücken trägt, wie ein
Taucher seinen Luftvorrat.
Diese turmhohen Bäume sind also die weltberühmten australischen
Eukalypten. Die ersten australischen Kolonisten haben diesen Baum
~gum-tree~ (Gummibaum) genannt und er, die Schwarzen und die Känguruhs
sind nach ihrem ungerechten Sprichwort die drei verachtetesten Dinge
gewesen. Aber wohl nur deshalb, weil man das Gewohnte nicht schätzt,
und die Eukalypten den größten Widerstand leisteten, als der Weiße
ins Innere des Landes dringen wollte. Hundertgestaltig oder, ganz
richtig gesagt, in 131 Arten und mit dem nahverwandten ~Melaleuca~-Baum
zusammen in 228 verschiedenen Arten besiedeln diese Pflanzen aus der
Gruppe der Myrtengewächse das ganze Innere Australiens, namentlich
den Westen und den Süden. Es sind zähe Büsche darunter, die den
Hauptbestandteil des undurchdringlichen gefürchteten „~mallee scrub~“
ausmachen, andere Arten (so ~E. amygdalina~) bilden die höchsten
und stolzesten Bäume, welche die Erde überhaupt kennt. Ihr Wachstum
ist erstaunlich. Achtzehn Monate alte Eukalypten sind schon 6-8
Meter hoch und achtzigjährige an 100 Meter. Aber man hat 140 Meter
hohe, ja sogar solche gemessen, deren Krone sich in 156 Meter Höhe
schaukelte. Der Kölner Dom ist nur 153 Meter hoch. Bäume, höher als
ein Domturm. Waldesalte, die man auf zweitausend Jahre geschätzt
hat, mit turmdicken, glatten, hellen, eisengrauen oder cremefarbenen
Stämmen, die mit Vorliebe hohl werden und dann Wohnungen für Känguruhs
und Beutelbären oder manch einen Buschläufer bieten, so groß wie ein
Wochenendhäuschen, kann man in diesem Busch zu Tausenden sehen.
[Illustration: Rieseneukalypten im Urwald Südwestaustraliens. Nach
einer Originalzeichnung des Verfassers]
Alles ist staunenswert und fremd an dem Eukalyptusbaum. Sein hartes
Holz, das nicht umsonst den Namen Eisenrinde führt, das Öl, das
alle Blätter durchdringt und nach Ansicht, die ich nicht bestätigen
kann, die Moskitos verscheuchen soll, weshalb man den Baum für
fieberwidrig hält. Tatsache dagegen ist, daß man ein gutes Leuchtgas
daraus bereiten kann und die Stadt Melbourne einst mit diesem Baumgas
beleuchtete. Wunderbar ist auch die Erzählung von den schattenlosen
Eukalyptenwäldern und tatsächlich, wenn auch nicht buchstäblich, so
gibt es doch eine große Verminderung des Schattens unter diesen Bäumen,
denn ihre Blattstiele bewirken durch eine eigentümliche Drehung, daß
die Blätter fast nahezu senkrecht stehen. Ein Schutzmittel gegen allzu
starke Besonnung, von Gräsern und Schwertlilien auch bei uns bekannt,
hier aber in wälderweiter Anwendung mehr als von merkwürdiger Wirkung.
Herrliche Geschöpfe sind diese Bäume; trotz ihrer Mächtigkeit wirken
sie überschlank. Die regelmäßig gegabelten Stämme haben lockere
Laubbüschel in drei bis vier Stockwerken schirmartig übereinander.
Diese Schirmbildung, die in allen tropischen Steppen wiederkehrt
und auch für Afrika überaus kennzeichnend ist, bedeutet natürlich
Windschutz. Das Laub selbst ist je nach der Baumart frischgrün, oft
namentlich in der Höhe rötlich überlaufen, oder die säbelförmig
gekrümmten Blätter sind taubengrau, mit einem blauen Schimmer
(daher Blaugummibaum), der den „Blauen Bergen“ bei Sydney den Namen
verschaffte. Tatsächlich legen die ungeheuren Wälder jenes schönen
Gebirges dort um manche Hänge und Bergflanken einen unsäglich sanften,
herrlichen blauen Hauch, der jene Landschaftsbilder ganz einzig
gestaltet. Dieses Blau entstammt einem Wachsüberzug der Blätter, gleich
jenem der Pflaumen, um sie vor dem Verdorren zu hüten.
In scharfem Gegensatz zu diesem mächtigen, gefestigten Leben aber
liegen allüberall unter diesen Baumriesen knochenbleiche oder
silbergraue gefallene Stämme. Baumleichen, wunderlich verkrümmt,
schneeweiß gebleicht von dieser unerbittlichen Sonne, starren sie,
zerfallen in großen Horsten, bilden undurchdringliche Verhaue,
zwischen denen im grauen Moder schon wieder siegreich das frische
Grün der jungen Generation das Leben von einem Jahrhundert ins andere
hinüberträgt.
Aber die Eukalypten sind nicht die einzigen Gewächse in diesem Urwald
(Anmerk. 8), wenn auch die absoluten Herrscher, so daß man mit Recht
von einer Eukalyptenformation sprechen kann. Mit ihnen mengt sich
ein Verwandter, mit dem wohlklingenden Namen aus der Südseesprache:
Niauli. Es ist die ~Melaleuca~, die dann auf den Australien im Osten
vorgelagerten Inseln die Wälder bildet und in allem dem Eukalyptus
ähnlich ist, nur nicht so mächtig wird. Da ist ferner das uralte
Pflanzengeschlecht des Casuarinen, das wie ein Mittelding zwischen
Weide und Zypresse, trauergedämpft, immer nur eingesprengt, aber
niemals fehlend, den australischen Binnenurwald besiedelt. Unglaublich
malerische Verzweigungen und die dunklen Rutenäste mit den quirlig
reduzierten Blättern geben ihnen ein ganz eigentümliches Kleid, und man
hat mit Recht von ihnen gesagt, daß sie an Schachtelhalme erinnern. Es
sind die altertümlichsten Laubbäume, die die Erde kennt, man sieht es
ihnen an, daß sie wohl schon zur Steinkohlenzeit die Erde bevölkert
haben und als eine Art „lebendes Fossil“ hier und in Indien, wo sie
auch noch vorkommen, ein letztes Asyl gefunden haben. Das hat die
Untersuchung ihrer Entwicklung denn auch bestätigt, denn sie sind eine
Art Pflanzenrätsel. Ihre Vermehrung vollzieht sich ganz anders als die
aller bekannten Blütepflanzen (Anmerk. 9), nach Art von schon längst
ausgestorbenen Pflanzen, weshalb man sie denn sogar als einen Übergang
zwischen Farnen und Blütepflanzen hat ansehen wollen, was ganz gewiß
nicht richtig ist.
Zahlreich sind im Eukalyptenwald auch die Akazien mit blattartigen
Blattstielen, das schöne Veilchenholz und vor allem die herrliche
~Acacia dealbata~ mit ihren goldgelben Blütenkügelchen, die vom
fernen fünften Erdteil eine Weltreise angetreten hat zu uns, ist sie
doch der Frühlingsbote der Riviera geworden, die man als „Mimose“
auch im Berliner und Münchner Blumenladen verkauft. Keine Dame, die
mit ihnen den Gästetisch schmückt, weiß, wo die Heimat des seltsamen
feingliedrigen Geschöpfes ist, daß es im weltenfernen australischen
Buschwald ein Liebling auch der schwarzen Waldmenschen ist, deren
Frauen oft einen blühenden Akazienzweig ins wollig-krause Haar stecken.
Zwischen den Bäumen und Baumbüschen wuchert eine Menge merkwürdigster
Kleinbüsche und Riesengräser, vor allem das schreckliche, wunderschöne,
mannshohe, hellgrüne, hügelbildende +Spinifex+-Gras, das mit seinen
Stachelspitzen jeden zerreißt, der unversehens daran rührt. Der
tiefgrau schimmernde Salzbusch, der wirklich wachsblaue „~blue-bush~“,
sind die allergewöhnlichsten Gestalten dieser Einöden, die auch noch
weit über den Waldbereich hinausgreifen, in die Wüste eindringen und
dort auf tageweiten Ländern die Alleinherrscher sind.
Im eigentlichen Scrub aber teilen sie sich in der Herrschaft mit noch
zwei Pflanzenwundern, die auf Erden nirgends mehr wiederkommen als in
dieser seltsam schön-schaurigen Urwelt, die in manchem mehr an einen
fremden Stern erinnert als an die gewohnten Bilder des Erdballs.
Das sind die Grasbäume und die über alle Maßen schönen, wilden Blumen
Westaustraliens (Anmerk. 10). Die Grasbäume sind für Australien
kennzeichnende Frühlingsblüher. Sie stehen stets auf sandigem und
unfruchtbarem Boden und dem mag ihr überaus langsames Wachstum
zugeschrieben werden. Einer dieser buckeligen Zwerge, denn an diese
Gestalt erinnert ihr tief braunschwarzer, niedriger Stamm mit dem
hellgrünen feinen Grasröckchen, hat das respektable Alter eines alten
Mannes, dem auch seine Größe entspricht. Oft genug aber steigt der
schuppige Stamm nicht über einige Dezimeter empor. Den armlangen
schmalen spröden Grasblättern würde niemand ansehen, daß dieses Gewächs
zu den Lilien gehört, aber im fünften Erdteil ist alles verwandelt und
anders als bei uns und wenn es auch Wälder, Heiden, Wiesen gibt, so
sind doch darin von je zehn Pflanzen acht solche, die in unserer Heimat
nicht leben und uns fremd und wild anstarren. Das Lilienartige des
Grasbaumes meldet sich erst, wenn er im September, in dem wunderlichen
Land also im Frühling, nach Art der Palmlilien eine oder zwei mannshohe
Blütenschäfte ausstreckt, die von der Ferne zwar wie Rohrkolben
anzusehen sind, sich aber in der Nähe doch mit lilienartigen Blüten
besetzt erweisen.
Ganz phantastisch ist so ein Grashang, an dem eine Schar Grasbäume
beisammen hockt, als sei es ein Trupp von Schwarzen in ihren
Palmenröckchen. Man kann gar nicht an bekannte Bilder anknüpfen,
sondern ertappt sich immer wieder dabei, daß man sich das Leben auf
anderen Gestirnen so vorgestellt habe, wie es hier im Lande der
lebenden Fossilien wirklich ist.
Da watschelt flink auch schon so ein lebender Vorweltler herbei; der
stachelbewehrte australische Ameisenigel ist es, und erst jetzt, wo man
ihn in der Natur beobachten kann, wie er mit seiner langen klebrigen
Zunge wie auf einer Leimrute Termiten fängt, erkennt man, welch
wunderbare Schutznachahmung ihn mit den Grasbäumen, zwischen denen er
mit Vorliebe lebt, verbindet. Nun, da er unbeweglich kauert, ist er
von einem verdorrten Grasbaumschopf nicht zu unterscheiden. Pfiffig,
wirklich wie ein kleiner Igel blinzelt er mich an, als wollt’ er sagen,
ich weiß, du wirst mich schonen, bin ich doch ein ganz Seltener, ich,
eines der letzten eierlegenden Säugetiere, das in kleine Sandhöhlungen
jetzt bald fünf bis sechs Eier wie ein Vogel ins Nest legen wird, um
dann die auskriechenden Jungen noch zu säugen.
Natürlich wurde der lustige kleine Bursche auch verschont, man wagte
überhaupt kaum in diesem Zaubermuseum der Natur etwas zu berühren,
auch nicht die köstlichen blaublütigen Graslilien (~Dianella~), die
allerliebsten kleinen Goldsterne (~Hypoxys~), die zartblühenden
Erdorchideen (~Caladenia~ und ~Glossodis~), lauter Wunderblumen
mit vertrauten Heimatnamen, hinter dem sich, so wie hinter den
australischen Heidekräutern (besonders die Gattungen ~Styphelia~ und
~Leucopogon~ sowie ~Lissanthe~) lauter wildfremde, wenn auch reizende
Blumengesichter verbergen.
Ein blütenreicher aber ganz duftloser, dafür um so mehr bunter
Teppich unterbricht den Scrubwald und hier, wie immer von den Blumen
untrennbar, tummeln sich auch Scharen von Insekten. An diese wieder
sind Reptilien geknüpft und von beiden leben Kleinsäuger, so daß man
unmittelbar vom toten, traurig starrenden Busch in ein reiches, aber
wieder völlig ungewohntes Tierleben gerät.
Auch die Insekten sind durchaus andere als bei uns. Wohl glaubt man in
Ameisen und Fliegen zunächst die Gefährten unserer Naturwanderungen
wieder zu begrüßen, aber man täuscht sich darin: gar nicht verwandte
Familien sind ganz ähnlich gekleidet und diese „Konvergenzerscheinung“
kehrt in ganz Australien wieder. Schon im Bereich der Gewächse fiel
es auf, daß viele Akazien das Gewand der Weiden tragen, sie sind
auch die Frühlingsboten wie jene. Die ~Epacrideen~ sehen aus wie
Heidekräuter und so ist durchaus alles. So huschen nun hier auf dem
weiten Blumenfeld Springmäuse, es schlüpfen Füchse und Dachse, von den
Bäumen flattern Eichhörnchen, die alle keine Mäuse, Dachse, Füchse,
überhaupt keine Säugetiere sind, sondern ganz fremde, mit jenen in
keiner Verwandtschaft stehende Tiere aus dem uralten Geschlecht der
Beutler (Anmerk. 10). Sie alle ziehen ihre Jungen gleich dem Känguruh,
das der bekannteste aller Beutler ist, aber in diesem verwandelten
Land auch nicht mit diesem Namen, sondern „~wallaby~“ genannt wird,
in einem Hautsack, dem sog. Beutel, groß, in dem die Kleinen munter
aus und ein klettern, um unter seinem Schutze Milch zu trinken.
Trotzdem haben diese Tiere auch die Lebensweise und infolgedessen die
äußeren Formen von Dachs, Fuchs, Bär, Maus und Marder. Hunderterlei
solcher Beuteltiere beleben die australischen Einöden und es sind die
entzückendsten fingerlangen Tierchen, aber auch Ungeheuer darunter,
wie das Riesenkänguruh, das größer als ein Mensch ist und bis an
zweieinhalb Meter mißt. Wer da glaubt, die Känguruhs seien schon
selten oder gar ausgestorben, der wird im westaustralischen Scrub
eines besseren belehrt. Manchmal hüpfen Scharen der drollig flüchtigen
Tiere auf, jagen wie geschleuderte Fußbälle dahin, kauern sich dann
nieder und sind unter Umständen so harmlos und zahm, daß sie sich
ihr freundliches graues Eselsköpfchen krauen lassen. Känguruhjagd
zu Pferde gehört heute noch zum Lieblings-Sonntagsvergnügen des
westaustralischen Farmers. Wie die wilde Jagd fliegen Reiter und die
armen gehetzten Tiere dahin, aber die Jagd ist gefährlich, nicht weil
es wehrhafte Wallabys gibt, sondern weil immer wieder Roß und Mann im
weglosen, überall gleichen Buschwald die Orientierung verlieren und
nimmer wiederkehren. Ein furchtbarer Tod des Verdurstens wartet ihrer.
Fleisch liefert der Wald hier dem Jäger genug und auch Früchte die
Eukalypten. Aber da die Weißen nicht das unbegreifliche Kunststück der
australischen Ureinwohner gelernt haben, die Wurzeln herauszufinden,
aus denen man Wasser saugen kann, kommt jeder um, der hier den Weg
verloren hat. Die Buschläufer erzählen, daß sie zuweilen Skelette
gefunden haben in Resten von altertümlicher Tracht als Zeichen, daß
seit Jahrhunderten niemand mehr an jenem Ort gewesen war.
Aber alle diese unheimlichen Geschichten verflattern unbeachtet, da in
diesem Augenblick eines der ganz großen Naturwunder dieses Wunderlandes
langsam, mit gleichsam zornigen Bewegungen hervortritt und einen
seltsamen Bückling macht. Was ist das nur für ein Tier? Man kramt im
Gedächtnis und stößt dann einen Freudenschrei aus. ~Chlamydosaurus
Kingii~, die Kragenechse ist’s, ein kleiner nachlebender Saurier, auch
so eine Art lebendes Fossil. Eine grüne, braun gesprenkelte Eidechse
mit bösem Basiliskenkopf, um den der gezackte Kragen jetzt noch schlaff
hängt, im nächsten Augenblick aber, da sie uns sieht und fürchtet, zur
Schreckstellung prall aufgerichtet wird, wobei ihn rötlich-violette
Wellen überzittern. Eine von den vielen merkwürdigen Eidechsen der
Halbwüste, die auf der Jagd nach den zahllosen Insekten sind, die uns
nun, da wir an die Freiung herausgetreten sind, auf einmal umschwirren.
Die blauen Schmeißfliegen und die +Trigona+bienen, die kleinen
widerlichen Stechfliegen, von denen Australien wimmelt, aber auch die
berückenden Schmetterlinge, die großen Papilionen, von denen einer der
berühmtesten dieser uralten, neuesten Welt, der ~Papilio Ulysses~,
schon vor dem Kriege bei den europäischen Schmetterlingshändlern
um fünfzig Mark gehandelt wurde. Von allen diesen Tieren fällt als
besonders merkwürdig die rote Riesenfliege ~Craspedis~ auf, die von
Busch zu Busch schwirrt und fast Daumenlänge erreicht. Ein unangenehmes
bremsenähnliches Tier mit großen Glotzaugen und dickem aufgetriebenem
Hinterleib. Auch ungeheure dunkelbraune Ameisen mit dreieckigem Kopf
und glänzendem Bruststück laufen unermüdlich über den Sand. Sie sind so
groß wie ein Junikäfer, ein für Ameisen ganz unerhörter Riesenwuchs.
Noch seltsamer ist es, zu vernehmen, daß diese Tiere ungesellig sind,
keine Nester bauen, sondern nach Raubkäferart sich allein durchs Leben
schlagen.
Viele seitenlange Schilderungen dieser merkwürdigen Welt könnte ich
hersetzen; von den Vogelspinnen, die kleine Vögel überwältigen können,
den seltsamen Käfern des Scrubs, den Stabheuschrecken und den Vögeln,
die da und dort den Busch mit lärmenden Scharen erfüllen, worunter
sich besonders die scharlachroten +Rosella+papageien und die stets
zornig-geschwätzig weißen Kakadus im Süden auszeichnen. Aber das Bild
würde nur durch gehäufte Einzelheiten unübersichtlich und nicht mehr im
Wesen anders werden (Anmerk. 11 ~a~).