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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1928 so
weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche
Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
unverändert. Sofern der Sinn dadurch nicht verfälscht wird, wurden
fremdsprachliche Ausdrücke so belassen wie vom Autor formuliert.
Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber vom
Bearbeiter erstellt. Seiten mit Buchwerbung wurden am Ende des Bandes
zusammengefasst.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
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Antiqua: ~Tilden~
unterstrichen: _Unterstriche_
Im Sachregister (hier ‚Sachweiser‘ genannt) wurden Begriffe mit
den Großbuchstaben ‚I‘ und ‚J‘ nicht separat angegeben, da in
Frakturschrift zwischen diesen nicht unterschieden wird. In der
vorliegenden Fassung werden die Begriffe jedoch getrennt aufgeführt.
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~KOSMOS-BÄNDCHEN~
~URWALD~
Urwald
Von R. H. Francé
Mit einem farbigen Umschlagbild von
Rud. Oeffinger nach einem Original
des Verfassers und 19 Abbildungen
Stuttgart
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
Geschäftsstelle: Franckh’sche Verlagshandlung
Nachdruck verboten
Alle Rechte, auch das Übersetzungsrecht, vorbehalten
~Copyright 1928
by Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart
Printed in Germany~
Druck von Holzinger & Co., Stuttgart
Inhalt
I. Ankunft in den Tropen 5
II. Wo gibt es noch Tropenurwälder? 6
III. Der Anblick der Wälder Indiens 12
IV. Die Urwälder Australiens 27
V. Die Tropennatur auf den Südseeinseln 39
VI. Der Amazonaswald 56
VII. Das wirkliche Bild der Tropennatur 64
Anmerkungen und Erläuterungen 71
Sachweiser 76
I. Ankunft in den Tropen
Seltsam ferner Duft, der aufsteigt aus alten Erinnerungen von
Reisefieber und Naturschwärmerei, immer noch, wenn der Blick auf
gewisse Worte fällt, wie Tropenurwald oder Südsee oder Ceylon und
Amazonenstrom. Wer hat nicht mit glühenden Wangen und still verbissenem
Sehnsuchtsneid davon gelesen in alten und neuen Büchern und sich
gewünscht, auch einmal diese Zauberländer der Natur betreten zu können,
das Urwalddunkel, in dem Untiere lauern, aber die herrlichen Orchideen
auf den Bäumen brennen, das unschuldige Paradies der Südseeküsten, wo
im heiter-kindlichen Spiel schöne braune Menschen unter Kokospalmen
Blumenkränze flechten und auf Schritt und Tritt unbekannte Wunderdinge
ihres Entdeckers harren?
Vierzig Jahre lang habe ich so gelesen und gelernt über den
Tropenurwald und die Tropenwelt und mir ein Bild gemacht aus hundert
Werken, die in langer Reihe auf meinem Bücherschrank stehen,
angefangen von +Cooks+ und +Chamissos+ Reisen, von +Humboldts+
Aequinoktial-Amerika, +Bates+’ Naturforscher auf dem Amazonenstrom,
+Martius+ und +Stanley+, +Junghuhn+, +Ransonnet+ und +Haeckels+
Insulinde, bis zur botanischen Tropenreise von +Haberlandt+, den
gelehrten Werken von +Schimper+, +Karsten+ und +Winkler+. Bis dann
endlich nach vierzigjährigem Warten ein Morgen kam, an dem am
silberigen Himmelsrand vor mir ein blauer Riesenberg aus dem Meer
tauchte. Ganz spitz und zackig aus einem Gewirr von Gebirgen und alle
Gipfel zusammenschwebend über einer luftigen Wolke. Und ich wußte, an
diesem Morgen, nach achtzehntägiger Seefahrt, das ist der Adams-Pik
auf Ceylon. Und dieser ferne feine Blumenduft, der da auf einmal
herüberwallt über die Salzflut, das sind indische Düfte. Und das Heer
der schönsten gelben, himmelblauen, dunkelsamtgrünen Schmetterlinge,
die nun plötzlich das Schiff überfallen, so zahm und matt, daß man sie
mit Händen greifen kann, das sind die Tropenfalter der Urwälder, die
da langsam und feierlich am Himmelssaum emporsteigen. Wahrhaftig,
da stehen Kokospalmen, dieses echteste Kind der Tropen, ein ganzer
goldiggrüner Saum, jetzt unermeßlich viel, ein Kokospalmenwald,
und wenige Stunden später stehe ich drin klopfenden Herzens, und
vor Ergriffenheit steigt mir das Wasser in die Augen, die blühende
Lotusblumen vor sich sehen und Lianen und den heiligen Hain des ersten
Banyanbaumes, starr und feierlich wie ein Tempel mit den hundert
Säulen seiner Stämme, zwischen denen tiefbraune Singhalesen lagern,
bunt und märchenhaft ..... Und der erste Blick auf die endlich erlebte
Tropennatur sagt mir, was dann hundert andere Erfahrungen in Indien, in
Australien, auf den Südseeinseln, im Tropenwalde Zentralamerikas immer
wieder bestätigten: Alles ist anders, als ich es mir vorgestellt habe;
in den Büchern war noch nie ein lebendiges, künstlerisch wahres Bild
der Tropenwelt enthalten. Man muß alles selbst erleben, um es wirklich
zu kennen. Und von diesem Tag an beginnt, trotz allem, was ich weiß,
für mich doch ein neuer Welt- und Naturbegriff.
Ihn will ich versuchen, hier wiederzugeben, soweit er sich auf den Wald
der tropischen Länder bezieht. Ein erlebtes Bild des Tropenurwaldes,
wie ich es sah.
II. Wo gibt es noch Tropenurwälder?
Viele von der Naturzerstörung in unserer Heimat schon kleinmütig
Gewordene meinen, es gebe vielleicht überhaupt keine Natur mehr, wie
sie +Humboldt+ am Amazonenstrom oder +Junghuhn+ in Java sah. Java heißt
nicht umsonst die sterbende Insel. Sie verweisen darauf, daß heute im
Zeitalter des Weltverkehrs Vergnügungsdampfer den größten aller Ströme
befahren und die entlegensten Orte, wie Rio de Janeiro in Brasilien
oder Habana auf Kuba, Weltstädte geworden sind mit Wolkenkratzern,
Trambahnen, Riesenhotels und Fremdenbüros. Daß in Manaos im Herzen des
geheimnisvollen Amazonaslandes ein Opernhaus steht, und in Singapore
ein wunderbares Museum, daß man durch ganz Afrika jetzt mit +Cooks+
Reisebüro auf der Bahn fahren kann und daß Kinos in den Negerdörfern
spielen.
Das ist alles richtig, und ich kann aus eigener Erfahrung hinzusetzen,
daß man überall, auch in den entlegensten Teilen der Insel Ceylon
-- viel mehr noch in Indien selbst -- gewärtig sein muß, auf eine
herrschaftliche englische Villa zu stoßen, daß es auf Südseeinseln,
deren Namen in Europa kaum gehörte Worte sind, wie Viti Levu oder
Raratonga, Städte gibt, daß man dort, wo noch +Humboldt+ unter
Lebensgefahr durch unwegsamen Sumpfwald in Zentralamerika zog, heute
Golf spielt und im Clubhouse Radiomusik hört --, und trotzdem ist
die Erde noch erfüllt von Einsamkeit, unentdeckten Ländern, Völkern,
Inseln, Urwäldern, Köstlichkeiten, so frisch und unberührt, als wäre es
noch die Zeit der Schreckenstiere und Braunkohlenwälder, und die ersten
Menschen zögen furchtsam zum erstenmal durch ihr Land der Wunder.
Wenn einer mit Naturforscheraugen um die Erde gefahren ist, so hat
er zwar zunächst nicht den Eindruck, als sei die alte Kugel gerade
waldgrün. Im Gegenteil, er muß sein Urteil dahin zusammenfassen: Wasser
ist sie und nochmals Wasser, und die Länder darin sind meistens Wüsten.
Man erinnere sich, wie merkwürdig öde die Erde schon vom Flugzeug
aus wirkt. Daß ihr Gesamtbild da mehr Grau und Gelb, denn Grün ist,
wenn man nur erst einmal von tausend Meter aus auf sie herabschaut.
Ich habe die ganz bestimmte Vorstellung, daß die Erde, etwa vom Mond
aus gesehen, hauptsächlich zweierlei Anblicke bietet. Einmal ist sie
blaugrün. Dann sieht man auf die Wasserhalbkugel etwa mit der Inselwelt
Polynesiens als Mittelpunkt. Das anderemal ist sie rotgelb wie der
Mars, den man ja auch deshalb für einen Wüstenstern hält. Dann sieht
man auf die Landhalbkugel, und auf ihr überwiegen die großen Wüsten der
Sahara, von Südafrika, Arabien, Persien, die Steppen und Wüsten, die
den Russen und Mongolen gehören, alles andere.
Der Großteil aller Länder ist Wüste und Steppe. Nur Europa ist grün,
so wunderbar grün und üppig, daß man ganz bezaubert ist, wenn man
aus den andern Weltteilen zurückkommt. Und noch ein Weltteil ist
grün: die heißen Gegenden Amerikas. Dort, in der ganz ungeheueren
einstigen Meeresbucht, die heute von den Anschwemmungen das Amazonas
und Orinokos ausgefüllt ist, erstreckt sich das größte Waldgebiet
der Erde. Es ist so ausgedehnt, daß man ganz Europa samt dem Koloß
Rußland darin verstecken könnte, und alle die Urwälder Indiens, der
großen Sundainseln, sogar der riesige Kongourwald Afrikas schrumpfen
dagegen zusammen. Dieses Waldgebiet hat an Ausdehnung nur zwei
bekannte Rivalen. Das sind die riesige Nadelholzwildnis von Kanada
und Alaska in Nordamerika und der ungeheure Tannenwald, der sich von
Rußland durch ganz Sibirien bis an den Stillen Ozean erstreckt. Diese
beiden sind aber kein Tropenwald, und so mag man dem Amazonaswald die
Krone reichen. Denn er ist auch noch jungfräulich und in reichlich
drei Viertel seiner Gründe vom Weißen auch unerforscht. Nur in ihm
und um ihn herum sind alle fünf Möglichkeiten entwickelt, in denen
Tropenwälder auftreten können. Da ist zunächst der +Regenwald+, der
eigentliche Urwald, den die zahllosen Reisebeschreibungen meinen,
wenn sie ohne Sachverständnis vom Urwald sprechen. Neben ihm nicht
weniger entwickelt grünen die +Galeriewälder+, die in der Tropenwelt
die Flüsse begleiten und weniger von dem Klima als von dem Grundwasser
grün erhalten werden. Alle großen Ströme der heißen Zone in allen vier
Erdteilen, die in Betracht kommen, der Niger und der obere Nil so
gut wie der Brahmaputra und Mekong, der Orinoko und Magdalenenstrom,
der Flinders und Mitchell in Nordaustralien sind von solchen
+Galeriewäldern+ begleitet, die zu den üppigsten der Erde gehören, weil
sie in Wasserüberfluß schwelgen. An sie schmiegt sich überall dort, wo
in den Flüssen sich noch der Einfluß von Flut und Ebbe bemerkbar macht
und Salzwasser eindringt, ein besonders merkwürdiger Waldgürtel, den
man mit einem englischen Wort: die +Mangrove+ (sprich Mängro) nennt,
das gefürchtete und unheimliche Land der Moskitos und Fieber, dessen
Bäume sich alle dadurch auszeichnen, daß sie „lebendig gebären“, d.
h. nicht Früchte, sondern schon entwickelte junge Pflanzen von sich
abwerfen.
Neben diesen drei immergrünen Baumzonen dehnen sich aber dann im
Wärmegebiet der Erde noch länderweite Wälder, die ebenso wie bei uns
einen Teil des Jahres entblättert stehen. Das sind die +regengrünen
Tropenwälder+, dürr und ohne Laub in der Trockenzeit, aber auch im
feuchten Halbjahr nie so grün und üppig wie die vorgenannten. Die
Katingas Brasiliens und ein großer Teil des Waldes in Afrika und Indien
gehören zu diesem meist nicht sehr erquicklichen Landschaftsbild. Mit
ihnen bilden die afrikanischen und amerikanischen +Kampines+ einen
Übergang zum Grasland. Eine oft reizende Parklandschaft ist das, weite
Wiesen, Steppenflächen, in die Gehölze oder auch einzelne Riesenbäume
eingesprengt sind (Anmerk. 1).
Von all diesen Unterschieden aber weiß die Allgemeinheit nichts.
Ihr ist Tropenwald schlechthin: Regenwald und der Galeriewald
durcheinander, und alles ist Urwald, worin Lianen hängen und
Riesenbäume stehen, und zu ihrem Begriff des Urwaldes gehört nichts
anderes als „Urwaldriesen“, wie es in den Romanen so schön und so
gleichmäßig zu lesen ist, dazu Dickicht (Busch oder Dschungel [sprich
Dschangl] sagt der Reiseschriftsteller, wenn er Engländer ist), Lianen
und je nach dem Erdteil, um den es sich handelt, Abenteuer mit Tigern,
Leoparden, Riesenschlangen oder Elefanten. Dann ist das Urwaldbild
fertig und strotzt von „Echtheit“.
Die Wirklichkeit ist aber nicht so, und es ist Zeit, daß diese falsch
gesehenen und oberflächlichen Naturschilderungen dem verdienten
Belächeltwerden anheim fallen.
Jeder dieser Tropenwaldtypen, zu dem ich als fünften und ganz
besonderen noch den australischen +Scrub+ (sprich Skröb) gesellen
möchte, hat seinen Sonderlebenskreis, in dem außer den Bäumen
und großen Jagdtieren, die nebenbei gesagt, für die Natur dieser
Wälder ebenso wenig Bedeutung haben, wie etwa Hirsch und Adler für
die unseren, eine große Zahl von Farnen und Humusgewächsen sowie
Kleinpflanzen und eine nicht geringere von Kleintieren, namentlich
Ameisen, Termiten, Kleinvögeln und merkwürdigen Bodentieren die
allergrößte Rolle spielen.
Selbst in wissenschaftlichem Schrifttum ist dieser Lebenskreis des
Tropenwaldes noch nicht klar dargestellt; er ist nämlich überhaupt noch
gar nicht richtig erforscht, denn es waren noch zu wenig Naturforscher
da, die solchen Dingen ihre Beachtung zugewendet hätten. Die meisten
Reisenden haben vorwiegend geographische oder völkerkundliche oder
auch nur auf Sondergruppen, nur auf Pflanzen- oder Insektensammeln
gerichtete Interessen, oder sie sind bloß Jäger und Sammler. Man
hat zum Beispiel noch nicht klar herausgestellt, daß sich -- um in
der am besten bekannten Natur des Regenwaldes zu bleiben -- in ihm
Natureigentümlichkeiten sehr verschiedener Art mengen.
Da sind zunächst die jedem Urwald, sei er nun tropisch oder nicht,
zukommenden Eigenheiten. Das Unberührte der Natur, das jedem Baum
gestattet, bis an die natürliche Grenze seines Lebens zu grünen, sich
mit Plankenwurzeln und allerreichlichster Verzweigung auszubreiten.
Solche „Urwaldriesen“ bewundern wir auch in den Alpentälern, die noch
geschützte Natur bergen, oder im Böhmer Wald. Dort sind genau so wie in
den Tropen Blumenarmut, Humuspflanzenreichtum, reichste Entfaltung von
Leben in allen Stockwerken, eine ungemeine Anreicherung des Bodens mit
Humus, reichliche Lianenbildung Hauptcharakterzüge des Naturbildes.
Diese haben somit nichts zu schaffen mit der Tropennatur als solcher.
Ebensowenig wie gewisse Züge, die zu dem Begriff des Waldes überhaupt
gehören. Die Mannigfaltigkeit des Lebens vom Boden bis in die Wipfel,
die Verkettung und gegenseitige Anpassung von Pflanzen und Tieren,
überhaupt die Bildung einer in viele Untergruppen zusammenhängenden
Lebensgemeinschaft, das sind Waldeigentümlichkeiten, die um die ganze
Erde gehen und nicht bloß den Tropen eignen.
Echt tropisch dagegen sind gewisse Anpassungen, die nur im
Zauberbereich des Feuchtwarmen zu finden sind, als da wären: die vielen
bunten Blätter, der Samthauch so vieler Pflanzen, die verwirrende
Luftwurzelbildung, die wunderbare Farbigkeit von Blumen und Tieren, der
besondere Riesenwuchs (man denke doch nur an die Bambusgräser, und die
150 Meter hohen Eukalypten), die Vogelblumen, die Überpflanzen, die
Sonderbindungen zwischen Ameisen und Pflanzen, die übermäßig rasche
Verwesung und viele andere merkwürdige Dinge.
Diese Tropencharaktere aber sind wieder hundertfach abgewandelt,
je nach der örtlichen Ausprägung der jeweiligen Flora und Fauna,
die dem Tropenwald jene verschiedenen Gesichter verleiht, die
auch dem Naturunkundigen bekannt sind, als indischer Dschungel,
afrikanische Steppe, Amazonasurwald, der Farnbaumurwald Ceylons, als
der Palmenwald der Südsee oder der schreckliche Busch Australiens.
Diese Unterschiede, zu denen man noch viele hinzusetzen könnte,
sind hier geographisch bedingt. Im alten Australien gedeihen eben
andere Geschöpfe als in Afrika. Und Indien ist anders besiedelt als
Tropenamerika. Infolgedessen hat der Regenwald am Amazonenstrom einen
anderen Erlebniswert als die gleichen Regenwälder auf Java. Hier
überwiegen Palmen, Orchideen, ein Reichtum an Überpflanzen, Brüllaffen,
Schmetterlingen, Papageien, Ameisen, Pantherkatzen und Alligatoren;
im Märchenland von Insulinde dagegen gibt es im natürlichen Wald
weniger Palmen, dagegen mehr Riesenbäume, Pandanen, die großen
Schmarotzerblumen, einen großen Reichtum an Eidechsen, an sich aber
weniger Tiere, dafür Bambus, viel mehr Moose, Tiger, Dickhäuter und
mehr Termiten als Ameisen.
Aus diesen vier Hauptfarben mischt sich das Bild des
Tropenurwaldes und, in unendlich vielen Einzelansichten verwirrend
durcheinandergestellt, bereiten Urwaldnatur, Waldcharakter, tropische
Sonderanpassung und geographische Sonderbildung auch dann, wenn man
diese Gesetzmäßigkeiten einmal durchschaut hat, die allergrößten
Schwierigkeiten für das Verständnis durch das Übermaß, in dem alles da
ist (Anmerk. 2). Ob man nun Naturforscher ist oder nicht, immer wird
man beim ersten Anblick dieser urgewaltigen Natur im tiefsten gepackt
und überwältigt. Auch ohne daß man es zuvor in gelehrten Büchern
gelesen hat, weiß man es instinktiv, daß man in diesem Waldesgrün in
die Urzeit der Erde zurückversetzt ist und hat unwiderstehlich immer
wieder den Eindruck, gleichsam der erste Mensch im Paradiesesgarten zu
sein, in den das Eindringen etwas noch nicht Dagewesenes und Verbotenes
bedeutet. Tatsächlich ist die Lebewelt der Tropen der Zufluchtsort
der ältesten Tier- und Pflanzenformen. Um den Äquator herum scheinen
niemals große klimatische Änderungen stattgefunden zu haben, welche ja
wohl die Hauptveranlasser des Aussterbens der Lebensformen sind. Dort
konnten daher viele Geschöpfe ihren Lebensfaden bis in die Gegenwart
spinnen, die sonst schon das Zeitliche gesegnet haben. Farnbäume,
im Steinkohlenalter auch auf deutschem Boden einheimisch, sind
überall ausgestorben mit Ausnahme der Gebirge des Tropengürtels. Die
Riesenschachtelhalme, einst in Schwaben und Franken zur Saurierzeit
Dickichte bildend, leben in wenig bekannten Urwäldern Tropenamerikas
noch in fünf und zwölf Meter hohen Riesen nach. Die Zapfenpalmen, ein
Charakterbaum der europäischen Kreidezeit, haben sich in die Tropen
zurückgezogen. Gürteltiere, die uralten Lebensformen der Halbaffen,
der Beuteltiere, die großen Echsen, die altertümlichen Formen der
Großsäuger gibt es nur dort. Kein Wunder daher, wenn der Tropenwald
vorzeitlich, uralt, beinahe weltfremd wirkt. Dazu kommt, daß wohl etwa
die Hälfte sämtlicher in ihm grünender und kriechender Geschöpfe noch
unbeschrieben ist. Dadurch bedeutet er auch ein Neuland des Wissens,
trotzdem man z. B. aus dem wohldurchforschten Ceylon bereits dreimal
so viel Arten von Blütepflanzen und Farnarten, als England beherbergt
(nämlich 3000 Arten), beschrieben hat.
So ist denn der Tropenurwald tatsächlich für jeden, den Wissenden und
den Neuling im Lande der Natur das Rätselvolle, Unbekannte, mit hundert
Entdeckungen Lockende. Mit Recht ist er der Paradiesesgarten unserer
Sehnsucht und Naturfreude und das schönste Erlebnis, auf das ein
Naturfreund hoffen kann.
III. Der Anblick der Wälder Indiens
[Illustration: Die Weddahs, eine Menschenrasse aus den Wäldern Indiens.
Nach einer Originalphotographie]
Wenn auch Indien im ganzen genommen landschaftlich ebenso enttäuscht
wie es völkerkundlich und kulturell entzückt, so werden doch auch die
am höchsten gespannten Erwartungen von einem seiner Teile, nämlich
der Natur Ceylons, übertroffen. Diese Insel, die fast so groß ist
wie Bayern, aber bedeutend weniger Einwohner zählt, die sich noch
dazu auf sechs Völker verteilen, hat wunderbar malerische Mittel- und
Hochgebirge, aber auch wald- und wasserreiche stimmungsvolle Ebenen,
deren Üppigkeit vielleicht von keinem Teil selbst der Tropenwelt,
übertroffen wird. Den Seestrand umsäumt ein Kokospalmengürtel, dann
folgt eine reich bebaute Zone, jene, die Bananen, Zimt, Pfeffer,
Kaffee, Reis, Tee, Kakao und Kautschuk liefert, was aber bei der
Art der Tropenplantagenwirtschaft nicht anders wirkt, als wandle
man da durch üppige Fürstengärten. Darüber erhebt sich die Region
der Gebirgswälder, die eigentliche Heimat der Kaffee-, Tee- und
Gummiplantagen. Hier sind auch die wahren Urwälder, die nach oben zu
in Farnbaumdickichte und alpine Bergweiden übergehen, sich aber in
zwei ländergroße Gebiete auch in die fieberigen Ebenen hinabziehen.
Das eine dieser Gebiete ist der ungeheure Sumpfwald, in dem die
märchenhafte Ruinenstadt Anuradhapura liegt mit dem ältesten Baum
der Welt, einer urkundlich nachweisbar vor 2300 Jahren gepflanzten
Riesenfeige, und mit Bauwerken, die den ägyptischen Pyramiden nicht
nachstehen. Hier ist ein Waldland, in dem wirklich noch Tiger auf den
Reisenden lauern, wo in den Teichen sich Krokodile sonnen, die Bäume
von lärmenden Affen belebt sind und sich Millionen, aber buchstäblich
Millionen schönster Tropenfalter über wahren Blumenmeeren jagen. Der
andere große Urwald wird von Weißen fast nie besucht. Er ist ein Bann-
und Schutzgebiet im Südosten der Insel zwischen dem Gebirge und Meer,
ein undurchdringlicher fieberatmender Dschungel voll Schlangen und
wilder Tiere, in dem nomadisierend die Weddahs, eine Menschenrasse, die
man, trotz ihrer feinen und edlen Körpergestaltung, für eine der am
tiefstehendsten halten muß, umherziehen.
[Illustration: Die Talipotpalme (~Corypha umbraculifera~) Ceylons ist
die größte Palme der Erde. Originalzeichnung von R. H. Francé]
Das Klima dieser Niederungen ist unbeschreiblich heiß und regenreich.
Mit Gewittern niedergehende Regenmengen an einem Tage, die dem
Vierteljahresdurchschnitt von Berlin entsprechen, sind keine
Seltenheit. Eine Durchschnittstemperatur von 35 °~C~ im Schatten
ist die Regel. Und sie wird wahrhaft unerträglich dadurch, daß sie
auch des Nachts nicht sinkt, dafür aber in den Mittagstunden noch
gewaltig ansteigt. Wie ein ungeheures dampfendes Warmhaus, so liegt
im weißlichen Sonnenglast dieses Märchenland voll alter verzauberter
Geschichten, blumenduftend, farbig, erfüllt mit stillen Stimmungen,
halb europäisiert, halb wahrhaft mythologisch und urweltlich, wirklich
eine Götterinsel, wie ihr eingeborener Name Lankadiva besagen soll.
In diesem wunderbaren Land gibt es auch nicht eine Stelle, von der man
nicht ein Stück Wald, zumindestens eine Anpflanzung sehen kann. Schon
nach ganz kurzer Zeit lernt man diese aber von dem wirklichen Urwald,
von dem es viel weniger gibt, unterscheiden. Selbst auf die größten
Entfernungen hin erkennt man ihn an einem ganz untrüglichen Merkmal,
das für alle Tropenwälder der Erde gilt. Diese haben nämlich einen
überaus malerischen, unregelmäßigen Schattenriß, während Pflanzungen,
z. B. Kokoshaine oder die Wälder von Bambus, Kaffee- und Gummibäumen,
geschlossen einheitlich zusammenstehen, nicht viel anders als unsere
heimischen Forste.
Nur der Urwald ist zerrissen. Riesenbäume, die alle um das Drei- oder
Vierfache überragen, stehen neben wahrhaften Büschen; Baumruinen, von
Lianen überwuchert, trauern einsam in Lichtinseln; an anderer Stelle
wieder sind sie zu grünen Mauern zusammengesponnen. Wie Haus- und
Festungsruinen verwehren diese Wälle sogar dem Blick den Eintritt.
Dicht daneben aber klaffen ganze Gassen, die unlängst ein Windbruch
gerissen hat, die allerdings in einem Jahr wieder ausgefüllt sein
werden durch die unerhört gesteigerte Lebenskraft eines Landes, das
zwei, manchmal sogar drei Ernten im Jahre gestattet.
[Illustration: Riesenbambus in Ceylon. Nach einer Photographie für den
Kosmos]
Tritt man näher, entdeckt man, daß der Urwald keinen ausgesprochenen
Waldrand besitzt, außer er sei denn künstlich vom Menschen erhalten
durch stetes Roden und Brennen. Es gibt in der heißen Zone so
erstaunliche Kontraste, wie z. B. auf manchen Südseeinseln oder auch
auf Ceylon selbst, wo tadellos gehaltene Autostraßen einige Dutzend
Kilometer vor eine Ansiedlung leiten, dann jäh abbrechen und den
Reisenden vor einer Hecke stehen lassen, die Urwald, aber gleich auch
den dichtesten und undurchdringlichsten seiner Art bedeutet. Unter
natürlichen Verhältnissen aber geht der Hochwald der Tropen immer erst
in ein schönes Parkland über, wo Riesenbäume oder Bambus, meist mehr
der Ausdehnung wie der Höhe nach, in nicht weniger riesigen Gräsern und
üppigem Buschwerk stehen. Meist sind in diesem sonnigen und besonders
schlangengefährlichen Gebiet auch reichlich die lichtliebenden Palmen
angesiedelt. Oft aber tritt da auch der nackte und dann fast immer
ziegelrote Boden zutage, dem die Wissenschaft den Namen Laterit
(Anmerk. 3) gegeben hat. Aber einige Schritte weiter und schon taucht
alles in leuchtendes Grün und Dämmerschatten, die aber nie so tief
werden, wie etwa im heimischen Fichtenwald.
Es gehört zu den größten Schönheiten des tropischen Regenwaldes, daß
ihn ein wahrhaft magisches Helldunkel durchflutet, trotzdem sich der
Pflanzenwuchs auf engstem Gebiet zu unerhörten Massen zusammenballt.
Es ist aber vielerlei Vorsorge getroffen, daß eines nicht dem
anderen das Lebenslicht raube. Fast alle Baumkronen sind klein,
die Blätter allerdings groß, aber sehr vielgestaltig, schon durch
den Artenreichtum. Selten erblickt man im Umkreis eine große Zahl
gleichartiger Bäume, wie in unseren Wäldern. In der Regel ist alles von
einander verschieden und darum auch anders gestaltet. Nur in einem sind
auch die verschiedensten Baum- und Buscharten gleich: sie sind spärlich
verzweigt und besitzen glänzende Blätter. Schlangenartig gewunden,
überaus malerisch strecken sich die Zweige auseinander und sichern
schon dadurch ihrem Laub genügendes Licht. Noch vorteilhafter hierfür
ist die Neigung zur Wolkenkratzerbildung gewisser Bäume, die gleichsam
als Wald über dem Walde stehen, mit hohen Stämmen über den Dschungel
hinwegragen, dadurch selbst Licht genießen und den Genuß anderen
gestatten. Die Zerrissenheit der Waldkontur, die uns schon von ferne
auffiel, erweist sich so als lebenswichtiges Prinzip.
Im Waldesschatten erkennt ein beobachtunggewohntes Auge noch zwei
Charakterzüge, welche für die Lichtverteilung ausschlaggebend sind.
Fast alles Laub ist geneigt, wodurch der Lichteinfall besonders
begünstigt wird. Und der Glanz der vielen glatten, oft lackierten
Blätter erfüllt auch den Schatten mit Funkeln und Blitzen. Das zweite
große Merkmal des Tropenwaldes ist die Auflösung in Gruppen. Nirgends
fehlen daher Lichtinseln. Mag unten auch undurchdringlichste Wildnis,
Verhau und Dickicht wuchern, immer wieder fällt von oben in breiten
Bächen Sonnenlicht ein und vertreibt das Waldesdüster in einzelne
Winkel, wo es dann allerdings schon durch den Gegensatz unglaublich
finster ist.
Aus alledem webt sich die feierliche Kirchenstimmung eines Halbdunkels,
die den Wanderer nicht mehr verläßt, wenn sich einmal die Kronen des
Urwaldes über ihm zusammenwölbten. Ein geheimnisvolles, wunderbares
kühles, grünes Licht, das in jeder Hinsicht erfreut außer in dem
Augenblick, in dem es das Photographieren geradezu verhindert. Das
Tropengrün auf die Platte zu bannen, gehört zu dem mißlichsten
Beginnen, das man vornehmen kann.
Da steht man nun umflossen von grünem Zauberlicht und weiß vor
Verlegenheit über die unerhörte Fülle der Erscheinungen nicht, was
zunächst der Aufmerksamkeit würdig sei. Bald drängt sich aber doch eine
immer wiederkehrende Erscheinung unabweislich hervor. Das sind die
vielen buntfarbigen und die samtartig schimmernden Blätter.
Überall, wo sich die Schatten verdichten, stehen Blattpflanzen in
den entzückendsten Farben. Das ist eine unserer Heimat völlig fremde
Erscheinung. Wir kennen nur auf den Schattenblättern des Holunders
blaue Glanzlichter, und der Waldwachtelweizen ist das einzige Gekräut,
dessen Hochblätter am Blütenstand, da allerdings berückend schön,
goldgelb und amethystfarben angelaufen sind. Solches aber ist im Wald
heißer Länder und besonders im indischen Regenwald die Regel.
Braun und Rot, zarte Cremefarben, leuchtendes Violett wiegen dabei vor,
purpurrote Säume umflammen fast alle Blätter, die im tiefen Schatten
des Grundes hausen müssen. Auch ein schweres Grün neben einem zarten
Smaragdschimmer stellt sich namentlich auf feinsten Farnwedeln ein, das
ganz unvergleichlich ist. Silberflecken oder schneeweiße Stellen auf
den Blättern sind ebenso häufig, wie der schöne Gegensatz einer roten
Nervatur auf tiefsamtgrüner Spreite. Oft mengen sich auf dem gleichen
Blatt die verschiedensten Farben; ich konnte sieben unterscheiden auf
einem einzigen Laubblatt des Krotonstrauches, der ja überhaupt der
Meister bunter Bemalung seines Laubes ist und darum mit den Begonien,
mit Anthurium und verschiedenen anderen aus dem Tropenwald eingeladen
wurde, in die Gärten zu übersiedeln, ja sogar als Sommergewächs nach
Europa auszuwandern. Bei uns verlieren aber diese feenhaften Gewächse
den Schmelz, das Prangende und Glühende ihrer Farben und geben nur
einen sehr abgeblaßten Begriff von der Pracht ihrer Heimat (Anmerk. 4).
Man hat die Buntblätterigkeit als Anpassung an das Regenklima gedeutet,
und Versuche haben es bewiesen, daß an den bunten Stellen leichter
Wasser abgegeben wird als an den grünen. Der Wasserhaushalt dieser in
Feuchtigkeit fast erstickenden Gewächse wird daher auf solche Weise
sehr erleichtert.
[Illustration: Heiliger Bôbaum im buddhistischen Kloster von
Anuradhapura auf Ceylon. Originalaufnahme des Verfassers für den Kosmos]
Während wir sie betrachten, sind ihre Farben aber merklich dunkler
geworden. Schwere Wolken des täglichen Nachmittaggewitters sind
aufgezogen, und bevor wir noch aus dem Walde herausgefunden,
geht prasselnd wie ein Hagelschlag ein Guß nieder, der durch die
Auflockerung des Laubdaches ebenso leicht wie das Licht bis zum Boden
dringt. In einer Minute ist man bis auf die Haut durchnäßt; in der
nächsten fröstelt man schon, trotzdem die Temperatur bei Regen steigt,
und weiß nun, daß ein Fieberanfall fast unvermeidlich sein wird. Alles
tropft. Sofort steigt ein Nebeldampf vom warmen Boden auf, und ein
fauliger Humusgeruch verdrängt alle Düfte. Silberblitzende Schnüre
hängen zu Tausenden von den Laubkronen, und hätte man es nicht schon
gewußt, so würde man die Einrichtung der Träufelspitzen jetzt unfehlbar
entdecken. Diese Ficusblätter vor mir haben wahre Schnabelspitzen, zu
denen in tiefen Rinnen das Wasser von der ganzen Blattspreite geleitet
wird, nur damit es so rasch als möglich abfließe. Selbst wir atmen
mühsam in dem heißen, dampfgesättigten Brodem, der durch den Regen
entstanden ist, und das durch die Feuchtigkeit der Luft verhinderte
Trocknen des Schweißes erzeugt das unbehaglichste Gefühl. Wie sollte
man da nicht das Streben eines Blattes verstehen, die Ausscheidung des
Wassers durch alle nur denkbaren Mittel zu fördern! Die Träufelspitze
ist davon das naheliegendste, und so geht sie denn auch sozusagen
keiner einzigen Pflanze im Regenwalde ab. Die Meisterin darin ist
gerade die heilige Feige, der Bôbaum der Inder, der, bei jedem Tempel
angepflanzt, oft mit weißen Lappen und bunten Fähnchen behängt, in
einem wahren Baumkultus verehrt wird. Der religiösen Legende nach
deshalb, weil er der Baum gewesen sei, unter dem der Buddha zuerst
seine Lehre verkündete. In Wirklichkeit wird wohl die unsterbliche
Pflanzenkraft in diesem Symbol geheiligt seit Zeiten, in denen es
noch keinen Buddhismus gab. Ich bewahre ein solches Blatt, das mir
ein freundlicher indischer Priester zum Andenken vom 2300 Jahre alten
Bôbaum gab. Es hat die Länge von zwei Drittel dieses Buches, aber gut
die Hälfte daran ist Schnabelspitze.
Aber schon entschwinden uns alle Träufelblätter, Baumkronen und Botanik
zusammen, so dichter Nebel hat in diesem Bergwald eingesetzt durch die
intensive Verdunstung. Und jäh werden wir von allem Pflanzenstudium
abgezogen durch den glühenden Schmerz auf Hand und Hals, der uns jäh
überfällt. Was ist geschehen? Haben wir unversehens im weißen Düster
eine der schrecklichen ~Loasa~-Nesseln berührt, deren Gift einen
Menschen töten, zumindestens lähmen kann? Aber nein, auf uns kriecht
ein ekliger dunkler Blutegel, zwei, sechs sind es -- von den Bäumen
haben sie sich auf uns fallen lassen und saugen nun unser Blut.
Landplanarien sind es, eine wahre Landplage des ceylonischen Waldes
und, wie wir uns erst jetzt erinnern, die ersten Tiere, die sich uns
darin bemerkbar machten.
Auffällig, namentlich im Vergleich zu Südamerika, ist die Tierarmut
des indischen Urwaldes. Nach den Beschreibungen war man auf anderes
gefaßt, und in sonnigen Morgenstunden tritt denn auch manches besser
hervor, denn jetzt in dieser regnerischen Spätstunde. Da erschallt dann
herrlicher Vogelgesang überall, und hoch oben in den Wipfeln, wo Sonne,
Blüten, Orchideen und Laubgrün die köstlichsten Zelte bauen, schwirrt
es von Honigvögeln, Rollern und auch kleinen grünen Papageien. Indien
entbehrt ja der Kolibris, aber ~Cissa ornata~ ist fast ein Ersatz für
sie, so herrlich ist dieser langschwänzige zierliche Waldvogel mit
seinen blauen und braunen Schwingen und dem hellroten Schnabel. Dort
tanzen und schweben denn auch die fliegenden Edelsteine Indiens, die
ich neben den Blumen, vielleicht fast noch vor ihnen, als das schönste
preisen muß, mit dem mich das „Land, wo der Pfeffer wächst“ entzückte.
Manchmal schwirren um einen einzigen Blütenstrauch herum an zwanzig
bis dreißig Falter, woraus allein man schon entnehmen mag, wie sehr
der Urwald an Schmetterlingbestäubung angepaßt ist. Trauerbraune,
hellgelbe, wie Honig schimmernde, fuchsgelbe beachtet man gar nicht,
erst wenn sie zu Hunderten wirbeln, aber der gelbrotschwarze ~+Ixias
cingalensis+~ oder die köstlich metallblau schimmernde riesige
+Kallima+, türkisfarbene +Papilios+ führen wahre Elfentänze auf an
Farben- und Formenschönheit und bleiben unvergeßlich, so wie die
Orchideen und blühenden Lianen, als das entzückendste Erlebnis, das
diese Wälder boten (Anmerk. 5).
In diesem Augenblick ist zwar von Entzücken keine Rede, denn im
Zwielicht ist man über das unglaubliche Wurzelgewirr einer +Jacaranda+
gestolpert, mit dem einen Fuß tief in den dunklen Humusbrei eines
wahren Wurzeltopfes getreten, wobei einige handlange bewehrte
Tausendfüßler wie Schlangen hoch auffuhren. -- Schmerzlicher als
das aber ist man mit den den Sturz abwehrenden Händen in das grüne
Überpflanzendickicht einer Baumruine gefahren, die darunter verborgen
war. Und sofort schlugen die peitschendünnen Schösse der Rotangpalme
zu, die dort unter den Blättern ringelte. Ein paar Sekunden des
vergeblichen Kampfes, sich von ihren Dornenranken zu befreien, und
schon hängen aus den Kleidern herausgerissene Dreiecke, die Hände
bluten. Plötzlich ist man von Ameisen bedeckt und froh, nicht mit einer
Schlange Bekanntschaft gemacht zu haben, wie jene dreißigtausend armen
Teufel von Indern, die jährlich im Walde am Biß giftiger Schlangen
sterben. Eine halbe Minute lang lachte der ganze Urwald höhnisch auf,
daß es ihm wieder gelungen ist, den Eindringling und Feind Menschen zu
besiegen. Das Gebüsch krachte, der Schlamm spritzte, Vögel kreischten
und hoch oben erschienen für den Augenblick neugierige dunkle
Affengesichter. Aber dann ist wieder bleierne Ruhe und Leblosigkeit,
als ob nicht hinter den grünen Vorhängen tausendfältiges Leben hungrig
und unruhig lauerte.
Nun, wenigstens haben wir mit der Tierwelt dieser unheimlichen
maskierten Idylle doch Bekanntschaft gemacht. Bis man die wütend
beißenden großen braunen Ameisen, die Zecken und Blutegel abgeklaubt,
die blutenden Hautrisse gesäubert, die Fetzen der Kleidung ein wenig
mit Nadeln zurechtgesteckt hat, ist die Dämmerung eingebrochen,
jene rasche, in zehn Minuten vom Tageslicht zum Sternenglanz
übergehende Tropendämmerung, in der man eiligst trachten muß, den
Wald zu verlassen. Schon raschelt es überall im Laube, die Stunde der
Schlangen beginnt. Jetzt wäre die Zeit, in der auch die Raubtiere
mutig werden. Ein langes schmerzliches Geheul im Hintergrunde treibt
zur Eile. Ist’s ein Hanuman, einer der von den Indern als heilig
geschonten Affen, dem die Untiere den Garaus machen? Der Fluß schimmert
am Rande, die dunklen langen Schatten sind wohl Krokodile? Ohne es
zu wissen, sind wir in dieser Nacht über den Deich eines Sumpfes
gegangen, der voll der gefräßigen Reptilien lag. Am nächsten Morgen
waren wir Reiter überm Bodensee. Das Zauberland des Sonnentages wird
zum dunklen Schreckensreich. Aber versöhnend oder auch nur täuschend
schwirren jetzt Dutzende, nun sind es schon Hunderte von Leuchtkäfern.
Wie ein Reigen von Sternen tanzen sie um die Palmenkronen, haschen
sich, erlöschen, leuchten wieder auf, blaßblau und magnesiumweiß,
da zartgrün, ein Himmelszelt brennenden Lebens, stumm, feierlich,
während die großen Frösche im Sumpf einen dumpfen Chor anstimmen
und viele ferne Stimmen drüben im zackigen Schattenriß des Urwalds
zusammenheulen, als wäre dort die Hölle der Verdammten ...
[Illustration: Fliegender Fuchs (~Pteropus~) im indoaustralischen Wald
Aufnahme von R. H. Francé]
Zu den schönsten Erinnerungen meiner Wanderungen in den innersten,
fast unzugänglichen Gebirgen Ceylons gehören die Morgen an dem
Mahavelli Ganga, einem der wenigen großen Flüsse, die von den hohen
Bergen, in manchmal paradiesisch schönen Wasserfällen und zahllosen
Stromschnellen herabbrausen, um dann allmählich in den lotosumsäumten
Sumpfniederungen, zwischen Palmen und Dickichten sich in breite Teiche
aufzulösen, die unmerklich in Reisfelder und Pflanzungen übergehen.
Hohe, schön geformte Gebirge säumen den brausenden Fluß. Sie steigen
Kette um Kette höher, bis sie in das Hochgebirgsland der Zauberinsel
übergehen, das zwar keinen Schnee kennt, wohl aber ein europäisch
erfrischendes Klima, weshalb in Nuwara Elyia (spr. Neurelia) und
anderen Orten „Tropenfrischen“, Gesundheitsstationen für den in der
Glut des Tieflandes verschmachtenden Europäer entstanden sind, wo sich
im Sommer die ganze englische Regierung des Landes versammelt.
Es entspricht aber dem scharfen Kontrast, in dem sich das Leben hier
bewegt, daß dicht neben dem wahrhaft schweizerischen Hoteldorf dieser
„englischen Inseln“ die unberührte indische Urwelt grünt, als wäre noch
nie ein Europäer im Land gewesen. Büßer hausen dort als Einsiedler
auf den Bergen, in geheimnisvollen Höhlentempeln verehrt man liegende
Riesenstatuen von „schlafenden Buddhas“, in einer von der Regierung
zur Erhaltung des Klimas geschützten Zone breiten sich gerade hier die
dichtesten Wälder, und an ihrem oberen Saum tritt ein neues Wunderwerk
pflanzlicher Lebenskraft zu den bisherigen: ein breiter Saum schönster
goldiggrüner Farnbäume, die sich nur in den häufigen Nebeln und dem
fast steten Regengeriesel dieses Hochlandes wohl fühlen.
Dort am Mahavelli Ganga und in den Waldeinsamkeiten des
Hunasagyria-Gebirges gibt es auch noch wilde und halbwilde Elefanten,
dieses Charaktertier des südasiatischen Urwaldes, das zu ihm gehört wie
der Tiger zum Dschungel oder der Löwe zur afrikanischen Steinwüste.
Man sieht die großen Tiere in der Morgenkühle im Flusse baden, wobei
sie sich in drolligster Weise mit ihrem Rüssel gleichwie mit einer
Brause den Rücken abgießen und durch großes Geplätscher dafür sorgen,
daß sich kein Krokodil in die Nähe wagt. In der Mittaghitze ruhen sie
dann im Laubschatten und fächeln sich mit ihren großen Ohren Kühlung
zu. Erst in den späteren Stunden wird geäst, in einer rücksichtslosen,
waldzerstörerischen Weise sondergleichen. Breite Gassen bahnen sich
die Kolosse im Grün; junge Bäume werden ausgerissen, armdicke Stämme
werden geknickt oder mit dem Rüssel abgedreht, ein Lagerplatz von
Elefanten hinterläßt eine Wüstenei! Aber das schadet im Gesamtbild
dieses unvergleichlich üppigen Lebens nicht im mindesten. Ein
Elefantenpärchen hat im Laufe seines langen Daseins nur wenige (man
sagt sieben) Nachkommen, die Tiere wären also selten, wenn sie auch vom
Menschen nicht gejagt oder eingefangen würden, und ihre Verwüstungszüge
sind für diese Wälder die einzige Möglichkeit einer Umgestaltung und
Erneuerung im ewigen Gleichmaß ihrer Üppigkeit.
[Illustration: Gefangener Elefant im nördlichen Gebirgsland von Ceylon]
Wären nicht Baumverwüster da, dann kämen viele der schönen Gewächse
und Überpflanzen, welche die Lichtinseln besiedeln, vielleicht
niemals zum Leben. Denn der indische Regenwald hat noch mehr als
die anderen Tropenwälder die Neigung, undurchdringlich zu werden.
Ein ausgezeichneter deutscher Forscher, +Fr. W. Junghuhn+, der in
holländischen Diensten Java und Sumatra durchforscht hat und dem
wir außer +Humboldt+ wohl die besten Schilderungen der Tropenländer
verdanken (Anmerk. 6), hat das Wort geprägt, daß die Natur der Tropen
einen wahren „~horror vacui~“, eine Angst vor dem Leeren habe, womit
er sagen wollte, es gebe in diesen indischen Wäldern auch nicht ein
Plätzchen, das nicht von Pflanzen besetzt sei. Tatsächlich ist vom
Boden bis zu den dreißig bis siebzig Meter hoch ragenden Wipfeln
an vielen Stellen alles von Pflanzengrün erfüllt. Namentlich an
den feuchteren Abhängen, wo Lianen und Baumfreunde, Würger und
Kletterpalmen üppig wuchern können, ist die Welt einfach mit Blättern
verhängt. An solchen Stellen wird einem einer der wesentlichsten
Unterschiede zwischen dem Wald der gemäßigten und der heißen Zonen
klar. Wenn bei uns die Bodenwelt der Kleinpflanzen und Humustiere
von den Polstern der Moose zugedeckt wird, über die sich dann die
Stockwerke der Farne und Waldgräser, der Büsche und schließlich die
oberste Etage der Laubkronen erhebt, wenn es also bei uns an fünf
Stockwerke von Leben im Walde gibt, zwischen deren oberstem und den
Büschen meist, im Hochwald immer, viele Meter freier Raum klafft, so
zählt der Tropenwald an sieben bis neun solche Lebenszonen, deren jede
einzelne in ganz anderer Weise besiedelt ist wie bei uns (Anmerk. 7).
Da ist zuerst der ungeheure Reichtum an verschiedenen Baumarten. Der
aufmerksame Leser wird die Nennung einzelner Baumgestalten schon bisher
in dieser Schilderung vermißt haben. Das hat seinen guten Grund. Es
ist nicht möglich, vom Wald der heißen Zone Ausdrücke zu gebrauchen,
die den Bezeichnungen Buchen- oder Nadelwald entsprechen würden.
Dieser tropische Urwald hat keinen Charakterbaum. Man hat auf einem
Gebiet von 150 Quadratkilometer in Brasilien beiläufig 400 Arten von
Holzgewächsen festgestellt, und nicht anders ist es auf Ceylon, Java
oder in Hinterindien. Wenn ich etwa aufgezeichnet habe, daß Eisenholz,
Amherstien, Spathodeen, Feigenbäume mir besonders auffielen, so bezieht
sich das nur darauf, daß diese Bäume durch Mächtigkeit, bunte Blätter
oder herrliche Blüten im großen Grün hervorstachen; sonst aber müßte
ich ein seitenlanges Verzeichnis hersetzen, um sagen zu können, woraus
sich so ein Baumbestand zusammenfügt. Das hat unten seine Planken-
und Stelzenwurzeln und in Kirchturmhöhe (40-50 Meter!) goldiges Grün,
kleine buschige Kronen, Licht und Leben. Man stolpert als Erdkriecher,
die wir Menschen nun einmal sind, über ganze Wurzelgebirge, scharfe
Holzgrate und Kamelbuckel, Nester von Wurzeln mit tiefen Höhlen
dazwischen, die mit kaffeebraunem Mulm ausgefüllt sind. Es gibt da
Untiere von Wurzeln, Labyrinthe, in denen man sich kaum zurechtfindet,
und damit der Verwirrung kein Ende sei, hängen, namentlich von dem
herrlichen Banyan, eine der schönsten Pflanzengestaltungen, welche die
Erde beherbergt, auch noch arm- oder mannsdicke Luftwurzeln herab,
fassen Boden, bilden Säulengänge, Zelte, lauschige Nischen, dunkle
Grotten, die zu betreten allerdings hundertfache Gefahr hindert.
Das ist die erste vielgegliederte Etage. Auf den Hochbäumen aber
sitzt das zweite Stockwerk. Bei uns ganz kümmerlich vertreten durch
manchen Farn oder ein Ruprechtskräutlein, das es wagt, in das Moosicht
alter Astgabeln zu steigen, ist diese Welt der Überpflanzen ein
Wald im Regenwald. Da breitet sich als erstes ein rücksichtsloser
stacheliger Geselle aus, vielleicht das unangenehmste Geschöpf dieser
Genossenschaft. Die Kletterpalme ~Calamus~ ist es, die man mit einem
malaiischen Wort Rotang nennt und aus der man die Klopfstöcke des
„spanischen Rohres“ schneidet. Ihr schönes Palmenlaub breitet sie erst
oben im Licht aus, für den Menschenbereich besteht sie nur aus einer
unglaublichen Verfilzung von Tauen, Schnüren, Schlingen und Angeln
voll eisenharter Widerhaken, welche die Haut wie mit einem Messer
aufschlitzen. Wer ins Rotangdickicht gerät, kann darin hängen bleiben
wie in einem Stacheldrahtverhau. Die Dickhäuter Elefant, Tapir und
Nashorn sind wohl dieserhalb so dickhäutig geworden, sonst wären sie
längst verloren in den Rotangdickichten ihrer Heimat.
[Illustration: Ein Banyanbaum in Indien (~Ficus bengalensis~) in
Peradenyia. Nach einer Photographie]
Der wunderbare Baumfreund hat hier sein eigentliches Reich. Er wieder
behängt die Baumstämme mit Girlanden und läßt dann ein ganzes Tauwerk
von Luftwurzeln herabpendeln. So dicht wölbt er Blatt über Blatt, daß
die unteren nie einen Lichtstrahl empfangen würden, wären die oberen
Blätter nicht durchlöchert, eine Anpassung, bei deren Deutung, man
mag die Sache drehen und wenden wie man will, man nicht ohne die
Begriffe gegenseitige Hilfe und Intelligenz auskommt. Die Baumfreunde
verändern die natürliche Gestalt der Bäume, sie verwandeln sie in
grüne Zelte, sie bauen Mauern und schiefe Dächer auf. Banyan, Rotang
und Baumfreunde können, wenn sie zusammen wirken, jedem Vordringen
ein Ende bereiten, man mag das Hackmesser gebrauchen wie man will.
Zwei weitere Gruppen von Überpflanzen können aber im indischen Urwald
nicht übersehen werden, so vordringlich auch die schon genannten sein
mögen. Das sind die Nischenfarne und die Orchideen. Zahlreiche krautige
Farne aus den Gattungen der Engelsüß- und Tüpfelfarne hängen in großen
Büschen von den Ästen herab oder siedeln sich in einigen Metern Höhe
an alten Baumstämmen an, wobei die unteren absterbenden Wedel, eng
zusammengedrückt, Nischen bilden, in denen sich reichlich Humuserde
ansammelt. So bilden sie ein Nest, einen Korb voll Erde, in dem die
Wurzeln des Farnes begierig wuchern. Wunderliche Pflanzen, die ihren
eigenen Blumentopf da in der Luft oben aufbauen. Meister der Anpassung
und Musterbeispiele, wie man eine kümmerliche Lebenslage ausnützen
muß. Oberhalb ihrer fantastischen Nester, die übrigens fast stets von
Ameisen, Tausendfüßlern, Regenwürmern kolossalischer Art und Termiten
bewohnt sind, pendeln die dicken plumpen Blattampeln der Baumorchideen.
Ceylon ist ein berühmtes Orchideenland, wenn auch das allerschönste an
indischen Orchideen erst im Vorland des Himalaja wuchert, von wo zwei
Engländer in ihrem berühmten Werk an die 480 Arten abgebildet haben,
eine zauberhafter als die andere. Auch hier gibt es feenschöne Blumen,
besonders aus den Gattungen ~Dendrobium~ und ~Vanda~, die beide echt
südasiatisch sind. Leider sitzen die meisten nach Art von Hexenbesen so
hoch im Geäst, daß man weder ihren Duft noch ihre Lieblichkeit genießen
kann.
Viele Bäume sind auch mit triefenden Moosen behangen, auf denen erst
die blühenden Überpflanzen sitzen; manchmal machen sich Moose und
Flechten sogar auf den Blättern der Bäume breit und bedecken sie mit
Fransenbärten.