Amorettenkauf.
Bild aus der Casa dei Capitelli colorati in Pompeii.
(Neapel, Museo nazionale.)]
[Randnotiz: Putten mit Falterflügeln. Psyche als Schmetterling.]
So weit das Kinderspiel in seiner Idealisierung. Wer fühlte, diese
Bilder vorurteilslos betrachtend, den Antrieb zu ihrer Erfindung
nicht heraus, den Spaß an puppenstubenmäßiger Verkleinerung der allzu
ernsthaften Wirklichkeit? Es fällt aber noch auf, daß bisweilen einige
dieser Putten nicht Vogel-, sondern +Falterflügel+ haben. Hiermit
kann weibliches Geschlecht angedeutet sein, und sie sollten also wohl
den Delicien weiblichen Geschlechts entsprechen. Übrigens kann hier
jedoch auf die Psychefrage von mir nicht eingegangen werden, und es
mag unerörtert bleiben, in wie weit man ungeflügelte Mädchengestalten
kindlichen Alters mit Recht für Psychen in Anspruch genommen hat;
man denke an die zärtlich in Umschlingung sich küssende kapitolinische
Kindergruppe.
Nur dies eine. Das Wort „Psyche“, die Seele, bedeutete zugleich auch
den Falter. Etwa seit dem Anbeginn der hellenistischen Zeit stellte
man die Seele selbst einfach als Falter bildlich dar. Schmetterlinge
zu fangen, zu quälen, am Faden fliegen zu lassen, ist aber eine der
jauchzendsten Kinderfreuden. Wie bequem ist hier wieder die Handhabe
zu symbolischer Behandlung gewesen, und wie treffend und entzückend
wahr ist das Symbol! Auch die Amorette spielt also fortan mit dem
Schmetterling, zerrt ihn am Faden usf.: es ist die Liebe, die die Seele
hascht und peinigt! -- Doch finden wir z. B. auf einem griechischen,
gewiß nicht späten Marmorsarge[252] festfeiernde +flügellose+ Kinder
geschildert, deren zwei (als Pendants) je einen Schmetterling sorgsam
schonend am Flügel emporhalten in jauchzender Gebärde! Der Falter ist
hier die Seele des Verstorbenen. Die hat hier aber im Tode gewiß nichts
mehr mit erotischen Dingen zu tun. Man fasse die Kinder schlechtweg
als das jenseitige Leben, in das „die Seele“ nun eingegangen oder
eingefangen ist.
Die „Liebesgötter“ sind Delicien in idealischer Verwandlung. Dieser
Satz kann uns nun auch noch zur richtigen Auslegung von Szenen
verhelfen, die von jeher, seit sie bekannt sind, die sinnige
Betrachtung an sich zogen. Goethe gab von ihnen eine dichterische
Inhaltsangabe (Ekphrasis) unter dem Titel „Wer kauft Liebesgötter?“ Das
Gedichtchen ist anspruchslos und soll hier nicht bekrittelt werden;
aber daß es den Sinn trifft, ist zu bestreiten.
[Randnotiz: „Wer kauft Liebesgötter?“ Kinderhandel.]
Zwei der pompejanischen Wandbilder (älteren Stiles) kommen in Betracht.
Uns genüge das eine, das einer genaueren Analyse bedarf[253]. Eine halb
offene Halle, säulengestützt, zeigt Fernsicht auf das Gebirge; das
Haus ist vornehm. Ein Mann in Handwerkertracht, mit nackten Füßen, hat
einen Vogelkasten voll Putten hereingetragen und übergibt sie, Stück
für Stück, einer jungen schönen Frau, die sinnend weich aufgestützt
dasteht; die edle Gewandung, das Diadem im vollgelockten Haar verrät
uns die Herrin des Hauses. Eine Amorette, mit Kränzchen als Spielzeug
in den Händen, schwebt schon flügge hoch oben zwischen den Säulen; der
gedankenvolle Blick der Frau schaut aber in die Weite an ihr vorüber.
Ein zweites Flügelkind steht sodann hinter der Herrin, als versteckte
es sich vor dem groben bärtigen Manne: dieses Kind ist von ihr schon
soeben in Besitz genommen, wie der Augenschein lehrt. Aber sie will
sich an dem einen nicht genügen lassen. Der Alte hat den Deckel schon
wieder vom Käfig genommen, und ein süßes Bürschchen zieht er am Fittich
heraus, das altklug kokett die Beinchen wirft und die Arme spreitet,
wie um möglichst vorteilhaft den allerliebsten Leib zu zeigen. Zwei
weitere endlich warten noch im Gitterkasten; sie sitzen darin bequem
genug ausgebreitet; das eine lugt neugierig hervor. Diese zwei aber,
wohl gemerkt, haben keine Flügel, obschon Raum genug da war, sie
zu zeichnen. Wenn die schöne Dame ihr Nachdenken beendet, hat sie
vielleicht alle fünf gekauft.
Welche Grazie in dem Ganzen, welch schelmischer Zauber in der
Verteilung und in den Verhältnissen! Auf großem Tafelbild die große
Halle; links zur Seite weggerückt ein hochragendes Weib, rechts ebenso
die grobgegliederte gebückte Gestalt des Mannes; als Mittelpunkt
aber im Vordergrunde das eine so winzige Kind, am Flügel gefaßt, von
breitem, freigelassenem Raum umgeben, mit der wichtigen Miene, als
riefe es in die Welt: Seht den Wicht; da bin ich! und um mich handelt
es sich hier!
So wie die Frau nachsinnend im Bilde steht, so stehen wir nachsinnend
davor. Wohl hat es Reiz, die Szene rein symbolisch zu fassen; möge der
Reiz uns nicht verführen. Die Beflügelung ist nicht durchgeführt; und
wäre es wahr, daß, wer die Amorette kauft, sich damit im Symbol den
Geliebten erwirbt oder einem bestimmten Liebeserlebnis hingibt, so wäre
es höchst bedenklich, daß die Schöne sich so sichtlich nicht mit der
einen begnügt! Wir würden ihr raten, doch lieber wenigstens für das
nächste Halbjahr das zweite Amörchen sich aufzusparen. So lange hält
die Flamme denn doch auch in einem südlichen Herzen vor.
Wir haben inzwischen von der Zutat des Flügels abzusehen gelernt. Die
Möglichkeit, hier das Alltagsleben selber in poetischer Umgestaltung
zu erkennen, steht uns auf alle Fälle offen, und so erklärt sich alles
ohne Künstelei und ohne das Suchen und Versteckenspielen tiefsinniger
Gedanken. Wir tun hier einen Einblick in den antiken +Kinderhandel+.
Von ihm und seiner Anschauung kam dem ersten Erfinder die Anregung, von
ihm gewiß ganz allein. Auf den großen Sklavenmärkten jener Zeiten muß
der +Kleinkindermarkt+ eine ganz regelmäßige Abteilung gebildet haben.
Wie oft wurde das Motiv von verkauften Kindern schon in der Komödie des
vierten Jahrhunderts verwandt! Seit die ~deliciae~ Modeartikel wurden,
war die Nachfrage um so größer. Die Kunst verschmähte es, diesen Handel
selbst in seiner rohen Form zu vergegenwärtigen; sie fügte zunächst
auch hier nur die Flügel hinzu und entrückte das Anstößige in den
phantastisch lieblichen Bereich des Märchens. An Seeplätzen waren
vorzüglich jene Märkte; daher heißt es in dem Gedichte des Meleager,
das vom Verkauf des Eroskindes handelt: „Wenn ein Kaufmann, der gerade
in See gehen will, es zu kaufen Lust hat, so trete er heran“[254]. So
über See und durch solchen Kaufmann müssen damals notwendigerweise die
alexandrinischen lebenden Putten nach Rom und an die sonstigen Plätze
gekommen sein.
[Randnotiz: Lebende Spielkinder mit Flügeln ausgestattet. Rückblick.]
Ein alter Hausdiener hat hier nun etliche von ihnen auf dem Markt
eingekauft -- ihn zeigt uns das Gemälde -- und bringt sie wie die
Hühner oder Tauben im käfigartigen Behälter in das Haus seiner Herrin,
einer vornehmen, solchem Luxus ergebenen Dame. Ein alter Zeuge sagt
ausdrücklich, Frauen waren es besonders, die sich die nackten Delicien
hielten[255]. Und es sind nun nicht einer, sondern gleich mehrere, denn
an ihrer „Vielheit“ freuten sich die Frauen, nach demselben Zeugen. Den
Vogelkäfig hat der Künstler sinnig verwandt, weil man ja die Kinder
allgemein mit jungen Vögeln verglich; gröber freilich war es in der
Komödie des Aristophanes zugegangen, wo der Einwohner Megaras sein
Töchterlein nicht im Käfig, sondern als Schweinchen im Sack auf den
athenischen Markt bringt, um sie an den „Liebhaber“ loszuschlagen. Weil
aber endlich der Künstler die Kinder in Eroten verkleidete, so war es
dichterisch folgerichtig und künstlerische Pflicht, wenigstens einen
derselben auch schwebend zu zeigen: Flügelkinder, die sämtlich nicht
fliegen, scheinen zwecklos erdacht, d. h. unkünstlerisch.
Der Dichter dieser Bilder übertrug also auch hier nur die Wirklichkeit
in das Märchen. Er glaubt an sein Märchen, wie jeder gute Erzähler es
muß, und wird die Figürchen auf Anfrage in der üblichen Weise einfach
Eroten genannt haben, die Frau aber kann nichts anderes sein als eine
Figur des wirklichen Lebens, weil ja auch der bärtige Diener dies ist.
Sie ist eine Dame der großen Welt. Denn der Künstler wußte, daß die
Schönen des eleganten Stils es liebten, sich selbst als Göttinnen und
ebenso die Spielkinder in Amoretten zu verkleiden. Für diese Tatsache
haben wir vier sprechende Belege: die Königin Kleopatra, von der im
Vorausgehenden (S. 150) die Rede war, weiter die ~parvuli~, die bei
Apulejus (~met.~ 10, 32) als Amoretten im Theater auftreten; sodann die
Cynthia des Dichters Properz, die diese geschwätzigen Bübchen ebenso
ausgestattet über die Straße schickt, um den säumigen Geliebten zu
sich zu holen[256], und endlich die Lesbia bei Catull. Catull findet
sich in stummer Nacht mit seiner Lesbia zusammen; um beide Liebenden
aber läuft derweil, wie er es schildert, ein kleiner Kupido hin
und her im krokusgelben Hemdchen, durch das der weiße Kinderkörper
hindurchleuchtet[257]. Der Bub läuft auch hier, er fliegt nicht. Seine
Lesbia nennt da der Dichter „Göttin“[258], den Buben nennt er „Kupido“;
der Knabe aber war so wenig Kupido selbst, wie Lesbia wirklich Göttin
war[259]. So kauft sich also auch auf dem Gemälde die schöne Frau,
die das Diadem einer Göttin trägt, die Kinder, die sie hinfort als
Amoretten umschwirren sollen, damit sie selbst der Venus selber
gleiche[260].
Auf wie viele andere Bilder und Motive dieselbe Weise der Auslegung
noch anzuwenden, in wie vielen Fällen die Annahme einer besonderen
Liebessymbolik noch abzuweisen ist? Es ist unmöglich, dem nachzugehen
und auf den weiten üppigen Beeten dieser Phantasien jede Blume zu
bestimmen. Denn wie veredelte Gartenblumen verwildern und zur ersten
Natur zurückkehren, je weiter sie wuchern, so ist es, als ob hier
anfangs wenigere und noch deutlicher symbolische Motive angepflanzt
worden seien, die dann, je massenhafter sie variiert wurden, je mehr
und mehr ihre symbolisierende Füllung verloren und zur prototypen
Einfachheit zurückkehrten. Doch sei in Kürze erinnert, daß die
Amorette, die mit einsamen Frauen plaudert[261], deutlich Wiedergabe des
Spielkindes ist, mit dem sich die Frauen zerstreuten; ebenso, wenn sie
beim Putz behilflich ist[262], ebenso endlich sogar bei Liebesszenen
selbst. Man denke nur an das Catullgedicht Nr. 56, wo Catull und Lesbia
mit dem ~pupulus~ zu dreien sich vergnügen[263].
Wir haben zu zeigen versucht, wie die Vorstellung und Darstellung der
Amoretten zustande kam. Ihre Verwertung als wirkliche Liebesgötter
haben wir auf einen verhältnismäßig nicht allzu weiten Kreis
eingeschränkt gefunden; dies blieb da zumeist ihre Rolle, wo sie mit
Göttern und Heroen, mit erwachsenen Menschen und ihrem Schicksal und
Leben in Verbindung gebracht sind. Und so gehören diese „Liebesgötter“
zum Inventar der Kunst bis heute.
[Randnotiz: Verwendung als Füllfiguren, als Engel, als Gräberschmuck.]
Die breite Masse der Darstellungen der unter sich spielenden Amoren
bedurfte dagegen einer besonderen Würdigung. Aus ihnen ist bei Späteren
die Vorstellung der Kindergenien oder der Putten als symbolische
Figuren abgeleitet. Rafael gibt sie, um an ein Beispiel zu erinnern, in
den Stanzen des Vatikan seiner Figur der Poesie zu dienenden Begleitern
und läßt sie die erklärende Aufschrift halten: „~numine afflatur~“.
Dies gemahnt auffallend an die Gestalt der Redekunst mit den „Epainoi“
beim Lucian. Die sinnreiche Gegenwart steckt ihnen beliebige Embleme in
die Hand, oder sie verwendet sie nicht einmal symbolisch, sondern nach
Schablone als gefügige Lückenbüßer und Eckensteher, an Postgebäuden,
an Öfen, auf Guldenscheinen, wo eben ein leerer Fleck nach winzigem
Zierrat zu verlangen scheint. Aber schon das Altertum selbst ist
in seiner Verfallszeit auch hierin vorangegangen. Auf schlechteren
Sarkophagen, die in Masse erhalten sind, sehen wir ganz ebenso die
Putten außerhalb der szenischen Komposition, die den Flächenschmuck
ausmacht, Fruchtgirlanden haltend, Medaillon tragend, oder bloß
hockend, stehend, an den Ecken, auf den Deckelkanten, das Mittelfeld
durchschneidend, angebracht: ein abgegriffenes Motiv, halb sinnlos und
zur Schablone geworden. Nicht einmal in der Entwertung der Flügelkinder
zu Statisten der Kunst hat die Gegenwart also etwas Neues gebracht.
Doch muß über die Putten als Gräberschmuck endlich noch ein weiteres
Wort hinzugefügt werden.
Blicken wir zur Renaissance noch einmal hinüber.
Auch als +Engel+ erfüllten die Geschwader jener Amoretten den
katholischen Himmel der Renaissancekunst; sie musizieren dort
vor der Madonna des Vivarini; sie schwimmen im Gewölke zu Füßen
der himmelerhobenen Maria (Ferrari); umgeben die heilige Familie
Morettos (zu Berlin) und ungezählter anderer Meister. Täuschend
ist die Erinnerung an die in Bäumen flatternden Eroten in Tizians
Martyrium Petri oder späterhin in Trevisonis Ruhe auf der Flucht.
Nicht selten genügen Köpfchen und Flügelchen und der Körper fehlt: so
auf den glasierten Terrakotten Luca della Robbias. Auch diese Putten
christlicher Seligkeit, diese „Gespielen“ des Jesusknaben, stammen
nicht aus dem Alten und Neuen Bunde, sie stammen von den Marmorsärgen
des Heidentums[264].
Diesem sogenannten Heidentum wohnte seit dem Untergang seiner Freiheit
und Jugend, seitdem es hellenistisch, seitdem es sentimental, seitdem
es modern geworden war, die weltflüchtige Sehnsucht inne nach Jenseits
und nach Seligkeit. Die drei Jahrhunderte vor und die drei nach Christi
Geburt zeigen das in großem Zug immer heftiger werdende Wettwerben der
Weltreligionen in der Zusicherung eines beglückten ewigen Lebens.
Seligkeit ist Unschuld; im Diesseits war beides nur im +Kinde+ zu
finden. Jene ~deliciae~ waren doch nicht nur eine phantastisch üppige
Verzierung des Lebens; wer sie kaufte, tat es doch nicht immer in
herzloser Verachtung des ewigen Wertes des Individuums. Lasterhafter
Mißbrauch der Einfalt kam vor; wer bezweifelt es? Aber es kann doch
hier nicht in Betracht kommen. Schon alles Voraufgehende gibt Zeugnis
und redet laut: der Zug der Zeit zum innigen Verweilen beim Kinde und
zur liebreichen Idealisierung seines Treibens, er war zu groß, er ging
zu sehr ins Breite, als daß er nicht auch Tiefe gehabt hätte. Der
sittlich Verdorbene fand hier Unschuld, der Unwahrhaftige fand hier
Wahrheit; er sah mit Staunen, wie ein Kind seine Affekte noch nicht
verbergen, noch nicht fälschen kann. Wer ein Kind auflachen sieht in
hellem goldigem Entzücken, der darf wohl heilig ergriffen sein von der
Echtheit dieses Tones; hier ist nicht Metall und Schlacke; die ganze
Seele ist ein flüssiges Gold, sie schwimmt noch in sich strahlend in
ungeteiltem großem Gefühl; sie ist eine Glocke mit immer nur einem Ton;
der aber ist tief und voll und rein und muß ihr Glockenmetall ganz
durchbeben.
Wer wundert sich hiernach, daß Augustus den kleinen Urenkel, den er
zärtlich liebte und sterben sah, als Amorette bei sich behielt und
in seinem Gemach als Bild aufstellte? Das Kind war apotheosiert,
verklärt, war nach christlicher Märchensprache zum Engel geworden. Auf
dem Pariser Tiberius-Cameo ist das Flügelkind in der Apotheose ähnlich
gedeutet worden. So verwendete man nun aber auch auf den Gräbern seiner
Verstorbenen gern +Putten+ als +Gräberschmuck+, und ihre Gestalten
häufen und drängen sich hier je mehr und mehr.
Besonders oft begegnet da zunächst die Einzelfigur des Flügelknäbleins,
das müde hingesunken friedlich auf der Grabstätte schlummert, und
zwar durchgängig mit Löwenfell und Keule, den Abzeichen des Herkules.
Wie seltsam und doch wie fein erdacht ist auch diese Erfindung! Das
Leben des Verstorbenen war wohl ein Herkulesleben, voll Dienst und
Arbeit gewesen; jetzt schlummert er so in Frieden wie dieses Kind,
und die Waffe darf rasten neben ihm. Aber Herkules errang sich mit
ihr einst das himmlische unvergängliche Leben; darum sind hier diesem
Herkuleskinde die Flügel gewachsen! Die Stoa redet hier wieder zu uns:
die Freude am Kinde hatte sie empfohlen, und derselben Stoa Ideal war
Herkules.
Zahllos endlich auf Sarkophagen, und nicht etwa nur auf
Kindersarkophagen, im Relief die vielfigurigen Kinderszenen. Sie
sind im Voraufgehenden schon vielfach von mir benutzt und zugrunde
gelegt. Was sollten denn, fragen wir, auf der Marmorlade, die den
Leichnam barg, jene Kinder, die da bald in sinnigen Spielen, das
Leben nachbildend, sich ergehen, bald im Festrausch einherziehen oder
Opferhandlungen verrichten, aber immer sorglos tändelnd und immer
fröhlich sind? Sie umgaben den Toten mit dem, was man als das seligste
Leben im Diesseits kannte und für das Jenseits erhoffte, und verhüllten
dem Leidtragenden mit der unschuldigen Wonne dieser Seligkeit den
herben Anblick des grabstummen Sarges. Es war Hoffnung, Verkündigung.
Und zwar genügten hierzu oft die ungeflügelten Kinder; öfter aber
brechen die Vogelschwingen hervor, und das Überirdische ihres Glückes,
das doch erst jenseits des Todes zum zweiten Male volle Wirklichkeit
werden kann, hat hiermit in ihnen Gestalt gewonnen. Die christliche
Phantasie könnte diese Gebilde wohl fast mit gleichem Recht Engel
nennen wie jene auf Rafaelischen und Tizianischen Entwürfen; im Wesen
aber waren sie von den antiken Amoretten nicht verschieden gedacht.
Und so ergibt sich zwischen scheinbar Getrenntestem die schöne Ahnung
eines Zusammenhanges. Die Kinder, die den Himmel des klassischen
Altertums als Eroten bevölkerten, sind im Grunde wie eine Illustrierung
des Satzes gewesen: „denn ihrer ist das Himmelreich,“ die in eben jenen
Zeitläuften geschah, als dieser Satz von kundigstem Munde gesprochen
wurde[265].
Seneca.
Jedes Ich ist ein Problem, und unsere Mitmenschen zu verstehen
die wertvollste Aufgabe, die uns das Leben stellt. Daß wir dies
lernen, darum ist unsere moderne Dichtkunst, die die Probleme sucht,
unablässig bemüht. Aber auch der Mensch der Vergangenheit ist unser
Mitmensch, und er ist erst recht Problem. Man versteht die Gegenwart,
man versteht vor allem die Vergangenheit nicht, deren Geschenk die
Gegenwart ist, wenn man die Persönlichkeiten, die großen Menschen
selbst nicht begreift, deren Namen uns die Weltgeschichte zuwirft.
Auch hat sich unsere fleißige Menschheitsforschung ihrer Pflicht
stets erinnert, ihr hellstes Licht um die epochemachenden Geister der
Vorzeit zu verbreiten. Aber einen Mann hat sie nahezu vergessen, und
seine angemessene Würdigung vermisse ich da, wo ich sie suche; dies
ist der „Philosoph“ Seneca, der Lehrer Kaiser Neros, der einzige große
Vertreter der stoischen Religion in lateinischer Sprache. Einer der
neuesten Darsteller der römischen Kaisergeschichte hat ihn einfach mit
dem Ausdruck „der glatte Schwätzer Seneca“ abgetan. Wir werden sehen,
wie durchdacht dieses Urteil ist.
Wer uns heute die Geschichte der schicksalsvollen römischen Kaiserzeit
erzählt, steht immer noch zu sehr auf dem Standpunkt Suetons und gibt
uns aufgereiht die Biographien der großmächtigen Kaiser selbst und
ihrer Frauen. Wir hören da immer nur von den Titelhelden, von den
Protagonisten im Drama. Seneca war nur Deuteragonist; er spielte keine
Titelrolle; er wollte es nicht. Seneca hat keine Kriege geführt, er hat
keine Justizmorde verübt, und wer prickelnde Personalien braucht, tut
gut, über ihn zu schweigen. Und doch ist jeder kleinste Lebenszug, den
wir von ihm erspähen, wie Goldglanz und tausendmal bedeutsamer als die
rastlosen Albernheiten und hirnlosen Schandtaten eines Nero, mit denen
man die Seiten füllt.
Darum habe ich in meinem Buch „Römische Charakterköpfe“ Seneca als eine
Haupt- und Eckfigur der römischen Kaisergeschichte hochgestellt, noch
stärker vielleicht die grundlegende Bedeutung seines Wirkens in dem
Büchlein über römische Kulturgeschichte betont. Um so mehr drängt es
mich zu dem Versuch, von ihm, wenn auch nur skizzenhaft, ein Sonderbild
zu zeichnen.
Seneca, sofern er Philosoph war, wird in den Geschichten der
Philosophie abgehandelt, und wir erfahren da, wieviel er in seiner
Lehre seinen Vorgängern verdankt. Seneca, sofern er Schriftsteller
war, wird wieder in anderen Büchern, in den Literaturgeschichten,
abgehandelt, und er erhält da beiläufig eine ungünstige Note, weil
er nicht klassisch, d. h. kein für unsere Primaner brauchbares,
ciceronisches Latein schreibt. Auch als Staatsmann hat Seneca kürzlich
eine Separatbehandlung erfahren[266]. Aber zum Verständnis des Menschen
führt dies nicht. Ein vielseitiger Mann verlangt eine vielseitige
Betrachtung[267]. Was nützt es, den Adam in seine Rippen zu zerlegen?
Wer ihn nicht ganz läßt, sieht nicht, wie ihn Gott geschaffen. Wer
will einen Lionardo in einen Physiker, Mechaniker und Künstler, wer
will einen Wilhelm von Humboldt in einen Staatsmann und Sprachforscher
zerschneiden? Es wäre ein sonderbares Unternehmen.
Wer Senecas wundervollen literarischen Nachlaß liest -- über
Seelenruhe, über die Muße, über Wohltätigkeit usf. --, der glaubt
zunächst einen Asketen, einen Prediger im härenen Rock und
Philosophenbart, den Mann der Weltflucht und Entsagung vor sich zu
sehen, dessen unermüdliche Sittenpredigt in Heiligung gipfelt und
endigt, in einem Gottesdienst der Tugend, in Freiheit des Ichs, das
heißt: in Niederkämpfung und Besiegung der Leidenschaften.
[Randnotiz: Vielseitigkeit; scheinbare Widersprüche in ihm.]
Lesen wir dieselben Schriften genauer, so merken wir, daß er nicht nur
ein Verächter aller Luxusdinge der Großstadt, sondern auch ihr Kenner
gewesen ist. Musik, Architektur, Kunstgärtnerei, Prunk des Hausrats,
die ganze Kulturblüte der ersten Kaiserzeit hat er gesehen, durchlebt;
sie lebt in ihm. Aber nicht nur das: er ist auch eine politische Größe,
und die Historiker, Tacitus, Cassius Dio, halten es für ihre Pflicht,
über ihn zu berichten: der erste Finanzmann Roms, voll weltlicher
Geschäftskenntnis, Großgrundbesitzer[268], von vielhundertköpfigem
Personal umgeben, Großkapitalist, der mit mächtigem Gefolge über die
Straßen zieht, beiläufig auch nicht bärtig, sondern das Gesicht glatt
ausrasiert, endlich Hofmann und Staatsmann, so erscheint er uns hier,
und der Verdacht erhebt sich, daß da Lehre und Leben in seltsamem
Widerspruch stehen, als zeigte Seneca zwei Gesichter, ein anderes der
realen Welt, ein anderes seinen Lesern, ein anderes seiner Gegenwart,
ein anderes der Zukunft. Der idealste, bravste, treu sorgfältigste
Sittenlehrer der römischen Literatur ein bloßer Wortdrechsler der
Tugend?
Und das Rätselhafte ist damit noch nicht erschöpft. Denn Seneca war,
wie man glaubt, auch Theaterdichter, und die einzigen römischen
Tragödien, die wir besitzen (es sind neun), stammen von ihm. Wozu die
Leidenschaften Medeas oder Phädras vorführen, wenn es doch gilt, die
Leidenschaften zu unterdrücken? Plato war konsequent und verbannte den
tragischen Dichter aus seinem Staat; der Dichter Seneca läßt das Laster
spielen, das er verurteilt? Hat der eitle Mann auch nach dem Lorbeer
geschielt? und war ihm der läppische Beifall des Theaterpublikums ein
Bedürfnis?
Wenn diese Widersprüche uns stören oder gar beleidigen, so bleibt
Seneca in seiner genialen Natur doch auch so eine erste Größe in der
Geschichte der Menschheit.
Der Staatsmann Seneca steht als Mann des Fortschritts und des sozialen
Friedens ehrwürdig und wie eine Lichtfigur auf dem dunklen Grunde der
Neronischen Zeit.
Der Dichter Seneca hat mit seinem vibrierenden Pathos auf das
pathetische Schauspiel der Neuzeit seit der Renaissance und seit Marlow
und Shakespeare tiefgehende, bleibende Einflüsse gehabt, die, je mehr
man dem nachgeht, um so deutlicher hervortreten[269].
Unendlich aber ist der Segen, den Seneca als Moralist geübt, und
schon darum müßte man ihm in unserem Zeitalter der ethischen Kultur
Denkfeiern begehen und Denkmäler errichten. Zum mindesten, man müßte
ihn lesen!
Die Widersprüche aber, von denen ich sprach, sind nicht einmal
vorhanden. Der Mann ist eine Einheit, eine große und ehrliche Gestalt
aus einem Guß. Auch als Dichter war Seneca Ethiker, auch als Staatsmann
ist er es gewesen.
Es ist nur zu natürlich, daß man schon im Altertum gegen den Mann einen
hämischen Ton anschlug und über ihn die Nase rümpfte. Warum lebte er
im großen Weltgetriebe und warf die Reichtümer nicht hinter sich, er,
der Wortführer der Bedürfnislosigkeit? Das waren die stumpfsinnigen
Winkelmoralisten, die so redeten. Seneca war großzügig und tapfer und
machte die Riesenkapitalien, die ihm zufielen, seinen guten Zwecken
dienstbar. Denn Geld ist Macht. Es war besser, daß die Macht in seiner
Hand war, als in der Hand der kaiserlichen Buhlerinnen und Libertinen.
Es ist, wenn man gut sein will, nichts bequemer, als sich aus den
großen Händeln zurückzuziehen[270]. Der bessere Mann ist der, der die
schnöden Mittel dieser Welt festhält, ihre Benutzung organisiert und
dem Fortschritt der Gesellschaft dienstbar macht. Der beste ist der,
der mit solchen Zwecken sogar den Thron gewinnt. Seneca stellte sich
hart neben den Thron Neros.
[Randnotiz: Einheit seines Wesens. Stoische Religion.]
Wir verkennen seine Schwächen durchaus nicht. Denn nur durch ein
gewisses Nachgeben war in dieser Welt der rohen Gewalten ein solches
Ziel zu erreichen. Die Einheit seiner Natur aber ist schon hiernach
klar. Den Aposteln und Heiligen der christlichen Kirche kommt es
zugute, daß wir ihre Biographie meist nicht kennen, und wir können
sie also unbedenklich für heilig halten und tun es gerne. Die
Lebensauffassung Senecas leugnet dagegen, daß es heilige Menschen gibt.
Für ihn sind auch die Besten sittlich immer unvollkommen. So stellt
er auch sich selbst vor uns hin. Aber daß man sich bestreben soll,
vollkommen zu werden, das ist seine kategorische Forderung.
Seneca ist vielleicht in demselben Jahr wie Christus geboren, und
unsere Zeitrechnung und Jahreszählung beginnt ungefähr mit seinem
Geburtsjahr. Der Trieb zur religiös sittlichen Wiedergeburt der
Menschheit ging damals durch Orient und Okzident; denn Orient und
Okzident bildeten ein Reich, das Römerreich. Das Römerreich war die
Menschheit. So wurde damals auch Seneca wie der Apostel Paulus zu einem
Verkünder einer neuen ethischen Religion.
Es handelt sich um die stoische Philosophie. Sie war in der Hauptstadt
Rom vor gut hundert Jahren durch Panaetius und den großen Posidonius
eingebürgert worden. In dieser stoischen Propaganda, die weitherzig
auch aus Platos, aus Epikurs Lehre das Beste mit aufnahm, wuchs der
junge Seneca auf, und er übernahm von den Genannten die Milde der
Gesichtspunkte.
Philosophie war damals das griechische Wort für Religion; und sie
gab nicht nur Moralgesetze; sie verlor sich eingehend auch in
Erforschung der Natur, in Betrachtung des Alls[271]. Seneca selbst
hat die Wirkungen des Vulkanismus des Vesuv, der sich im Jahre 63
n. Chr. zum ersten Male regte, sogleich studiert[272], er hat eine
Afrika-Expedition nach den Nilquellen angeregt[273], noch mehr, er hat
die Entdeckung Amerikas schon damals prophezeit und gefordert[274].
Aber diese Naturforschung (die ~quaestio naturalis~) führte unmittelbar
auf die große Grundursache und Einheit des Alls, auf Gott. Die Himmel
rühmen des Ewigen Ehre -- das ist der Grundgedanke bei Seneca. Seine
Naturbetrachtung ist Andacht. Wer das liest, möchte in die Kniee sinken.
Da aber das All in Gott ist, ja, da das All Gott ist, müssen wir
Sterbliche auch in Gott sein und gottgleich werden, da wir es nicht
sind. Daher die Lichtsehnsucht Senecas. „Wir gehen im Dunkeln und
im Halblicht. Wir wollen ins volle Licht, in den Himmel zurück, aus
dem wir stammen“[275]. Daher der Drang nach innerer Läuterung. Diese
Läuterung geschieht durch Übung, durch Ausübung. Lerne deine Pflichten
gegen dich selbst, gegen den Nebenmenschen! Das ist der rechte
Gottesdienst.
So entstand die umfassendste und feinste Pflichtenlehre, die die
römische und vielleicht auch die nachrömische Welt gesehen: Ratschläge
für alle Konflikte des Lebens, aus der Fülle der Erfahrung geschöpft.
Selbstbeherrschung, Selbstzucht ist die Vorstufe. Nächstenliebe,
die Sorge für die Mitmenschen, ist die Hauptsache. Es ist jene
Menschlichkeit, die in dem Satz gipfelt: Liebet eure Feinde, d. h. seid
um ihr Heil bemüht.
[Randnotiz: Der Ethiker für den lateinischen Okzident.]
Diese Lehre gehört dem Seneca ganz persönlich; sie ist ganz individuell
gefärbt[276]. Gleichwohl waren die Grundgedanken nicht neu. Man predigte
sie schon seit 300 Jahren von allen Dächern. Aber alle außer Seneca
sprachen griechisch. Das taten hernach ja auch die Verkünder Christi.
Seneca war der einzige, der diese Gedankenwelt lateinisch faßte, und
schon das war eine Großtat, ein Ereignis für Westeuropa. Denn alle
anderen wandten sich an die niedrigen Volksschichten, die in weitester
Ausdehnung auch in Italien, in Südfrankreich und anderen Provinzen
griechisch durchsetzt waren; das Volk hatte also längst seine Lehrer
und religiösen Erzieher. Seneca dagegen wollte die entscheidenden
Instanzen der großen Welt, die römischen Herrenmenschen, die Söhne
seiner Senatoren und Ritter, die künftigen Provinzialverwalter des
Weltreichs, er wollte den Kaiser selbst eingewöhnen in die Denkweise
der Menschlichkeit.
Und daher auch die glänzende Art seines Vortrags. Sie war bestimmt
durch die Adresse. Sollte Seneca etwa im breiten Wortschwall Ciceros
sich ergehen? Er wollte keine Wassersuppe geben. Oder hätte er
versuchen sollen den naiven Volkston anzuschlagen, wie ihn später das
christliche Evangelium braucht? Die Leute, an die er sich wandte,
hätten ein Buch im Bibellatein damals nicht angesehen. Seneca mußte
dem hochgeschraubten Kunstgefühl der vornehmen Welt Roms genügen,
und es ist ihm gelungen. Durch seine Schreibweise selbst hat er sie
herbeigelockt. Die Aufgabe war groß und neu, und er hat sie mit Geist
und Würde und Feingefühl gelöst.
Der deutsche Gelehrte stellt sich[277], wenn er Senecas Stil beurteilt,
planvoll auf den Standpunkt des geistig Armen, wenn er nicht überhaupt
diesen Standpunkt inne hat, und schüttelt den Kopf voll Bedenken,
weil der Mann, der da von Tugend redet, auch Geist hat. Die Franzosen
wissen besser zu urteilen; denn ihnen ist jener Standpunkt fremd und
sie wissen, daß Geist und Herz sich nicht ausschließen und daß auch
ein wahrhaftiges und ein heißes Gefühl sich in scharfgeschliffenen
Deduktionen und blitzenden Antithesen bewegen kann.
Gleichwohl wirken ethische Schriften leicht eintönig, auch wenn sie
ein Seneca geschrieben. Und wer mag heute überhaupt über Tugend lesen?
Heute interessiert nur die Literatur des Lasters und der Schwäche.
Damals aber waren Senecas Sittlichkeitsstudien aktuell, kühn und
ergreifend.
[Randnotiz: Grundgedanken. Die gleiche Tendenz in seinen Dramen.]
Denn nie stank die Sünde so zum Himmel wie damals in der
Millionenstadt, in dem „Babel“ Rom. Wir reden wohlgemerkt nicht von
der antiken Welt überhaupt, sondern nur von ihrer Hauptstadt[278].
Das zügellose Sichausleben war nie so zum Prinzip erhoben, das
Laster nie so gesellschaftsfähig, so hoffähig, wie dort unter
dem ersten Kaisertum. Die schauerliche Dekadenz des städtischen
Adels: Vermögensunterschlagung, Völlerei, Feigheit, Blutschande,
Verwandtenmord, Erpressung, Verworfenheit; die Bordellwirtschaft
Messalinas im Kaiserpalast, Agrippinas gieriger Ämterschacher
-- das war der freche Ruhm der Großen dieser Welt. Dazu auf dem
Richtplatz die Leichenhaufen der Verurteilten; dazu gar die grotesken
Volksbelustigungen, die Blutbäder der Gladiatoren in der Arena. Was war
da noch der Mensch? Was war da noch Menschenwert?
Da läßt Seneca in die Paläste seine Schriften ausgehen, die den Wert
der Einzelseele, des Individuums verkünden. Mit Verachtung wendet sich
der reichste und mächtigste Mann Roms von den großen Sensationen der
Arena ab[279]; aber er schilt nicht; er ermahnt und überredet.
Das Laster, sagt er, beherrscht uns alle; es ist eine ansteckende
Krankheit. Aber wir wollen genesen. Woher die Heilung nehmen? Verachte
alles Vergängliche; das gibt die Heilung; habe Ekel vor den Begierden;
kämpfe mit deinem Fleisch. Aber stehe aufrecht und fürchte dich
nicht[280].
Und freue dich des Leidens. Der gute Mensch wird nur stark durch
Erschütterung (~marcet sine adversario virtus~). Der Steuermann bewährt
sich erst im Sturm. Wir sollen den Sturm suchen[281]; wir sollen die
Wunden suchen, wie ein Athlet[282]. Und wir sind zur Liebe da, nicht zum
Hassen. Was soll der Zorn? Der dich beleidigte, der irrte nur. Also
vergib ihm. Hilf deinem Nächsten und warte nicht auf Dank; denn auch
die Gottheit fragt nicht nach Dank, wenn sie dir wohltut. Nur der lebt,
der vielen nützt; wer träge zu Haus sitzt, sitzt in seinem eigenen
Grabmal, und man müßte ihm auf seine Marmorschwelle schreiben: „Er ist
vor seinem Tode gestorben“[283].
Weiter: sei menschlich und dankbar auch gegen den Sklaven; denn alle
Menschen sind gleich vor Gott.
Der Körper aber ist nur eine Last, ein Gefängnis. Der Tod ist der
Geburtstag des Ewigen (der ~natalis aeterni~). Sterben ist Gewinn.
Halte dich reisefertig (~anima in expedito est habenda~). Wir fliegen
zu unserem Ursprung zurück[284]. Aber der Tod genügt nicht; wir sollen
auch unseren Tod noch wertvoll machen. Wir sollen haben, wofür wir
sterben[285].
Solche Gedanken nehmen, wie in der christlichen Lehre, den breitesten
Raum ein. „Ich liebe das Leben, weil ich sterben darf“[286]: das gibt
den Grundton. Aber auch der freiwillige Tod Catos wird als Rettung
aus der Not der Zeit, den Greueln der Tyrannei, gebilligt. Und so ist
Seneca endlich auch ein Seelsorger und Tröster der Trauernden. Auch wer
untröstlich am Grabe seines Kindes steht, findet bei ihm ein helfendes
Wort: „Kein Leben ist zu kurz, wenn es gut war“[287]. Von den sinnlichen
Freuden des Paradieses aber weiß er nichts. Im Jenseits sind alle
Herzen offen und durchsichtig: das ist das Schönste, was Seneca vom
seligen Leben zu verkünden weiß[288].
So überschwenglich reich diese Diatriben Senecas sind -- reich auch an
frischen, echt volkstümlichen Wendungen im Stile Bions und unmittelbar
anschaulichen Bildern aus dem Leben, -- so sehr enttäuschen seine
Tragödien. Aber auch bei ihnen muß ich verweilen. Denn an solchem Manne
ist nichts unbedeutend. Wo ist der Staatsmann, der Richelieu oder
Bismarck, der neben seinem großen politischen Wirken noch eine neue
Ethik und noch Tragödien bleibenden Wertes schrieb?
Der Stimmungsbereich ist in Senecas Dichtungen freilich eng. Er greift
immer nur nach dem Gräßlichen, Entsetzlichen. Eine Iphigenie, Antigone,
ein Philoktet liegt ihm nicht. Und der Grund dafür ist durchsichtig.
Die blutrünstigen Laster seiner eigenen Zeit sind es, die Seneca in
ihren tragischen Konsequenzen zeigen will: ~frenare nescit iras~[289]!
Brudermord, Familienschande, kannibalische Rachsucht bis zum Äußersten.
Es sind Abschreckungsbilder, die er gibt, und sie dienen der Moral.
Mitten in die furchtbaren Tiraden seiner Helden aber drängt sich das
Chorlied, das da die Armut der kleinen Leute, den ländlichen Frieden,
das Hirtenleben sehnsüchtig preist[290]. Niemand scheint bemerkt zu
haben, daß Seneca selbst uns in der Schrift ~De ira~ (II, 5) den
deutlichen Hinweis gibt, was die Tragödie für ihn bedeutet. Denn als
Beispiel für die üble Wirkung des Zornes führt er dort den „Aiax“ des
Sophokles an. Ganz ebenso sind seine eigenen Tragödien groß angelegte
Belegstücke für seine Theorie von der Verderblichkeit der Leidenschaft.
Die Überspannung bis zum äußersten, die uns in ihrem Ton belästigt, da
sie sich nirgends genug tun kann, lag im Zweck des Dichters.
[Randnotiz: Lesedramen; Vergleich mit Shakespeare.]
Es gilt dabei zu wissen, obgleich dies meistens verkannt wird, daß
diese Stücke nur Lesedramen, daß sie nie zur Aufführung bestimmt
gewesen sind. Daher eben sind sie uns allein erhalten. Sie verdrängten
alle Spieldramen der Früheren, eines Pomponius und Accius, durch ihre
Lesbarkeit. Es war bequeme Buchlektüre.
Woraus läßt sich das entnehmen? Aus ihrer Unaufführbarkeit. Ich rede
hier nicht vom Ortswechsel, den der Dichter zuläßt, nicht von den
eingelegten, oft schier meilenlangen Gesängen, die kein Chor wirklich
absingen konnte; auch nicht von den Helden selbst, die sich nicht
entwickeln, sich nicht wechselweise beeinflussen, sondern zumeist nur
Abhandlungen oder Sinnsprüche reden über Liebe und Haß, Wut und Neid,
an denen jeder Schauspieler hätte verzweifeln müssen. Es sei vor allem
auf eines hingewiesen:
Shakespeare läßt seinen Julius Caesar auf offener Bühne erstechen, und
das ist sein Haupteffekt. Bei Sophokles dagegen wird der böse Aegisth
sorglich hinter die Kulisse geschafft, um da durch des Orest Schwert zu
fallen. Das ist der tiefstgreifende Unterschied zwischen antiker und
moderner Tragödie. Die antike vermeidet solche sinnfälligen Effekte
ganz. Das ist, was sie so vornehm erscheinen läßt: keine Tötung, kein
Handgemenge. Seneca aber steht auf dem Boden des Shakespeare, nicht des
Sophokles: das ist das kunstgeschichtlich Merkwürdige; er bricht mit
der antiken Tradition und nimmt vollkommen das Moderne vorweg.
Es ist klar, daß die Gepflogenheit des Altertums durch das Kostüm
bedingt war. Der Schauspieler der Kaiserzeit ging auf dem Kothurn; er
balancierte auf einer hohen hölzernen Stelze. Bei jeder lebhafteren
Bewegung fiel er um, das lange Schleppkleid schlug in die Höhe, die
Stelzen starrten in die Luft, und das Publikum brach in furchtbares
Gelächter aus[291]. Nicht einmal ein Trinken und Essen konnte vorgeführt
werden; denn die mächtige Gesichtsmaske hinderte.
Seneca nahm auf diese Schwierigkeiten gar keine Rücksicht. Vor unseren
Augen erschießt Herkules mit dem Bogen seine fliehenden Kinder, und
die Leichen werden vor unseren Augen untersucht; sie haben den Pfeil
im Nacken. Vor unseren Augen steigt Medea aufs Dach und ersticht
da höhnend ihren kleinen Sohn, während Jason von unten zusieht und
jammert. Hippolyts Leiche ist zerstückelt; vor unseren Augen werden
Kopf, rechte und linke Hand und andere Gliedmaßen herbeigebracht und
der Körper mühsam wieder zusammengelegt, damit Theseus seinen Sohn
erkennt. Grauenvoller noch der Thyest, und dies ist vielleicht der
Gipfel der Dichtkunst Senecas.
Atreus haßt seinen Bruder Thyest. Ein tödlicher Haß. Er lockt des
Thyest drei Söhne an sich, schlachtet sie und setzt sie dem Bruder
als Speise vor. Die Türen zu einem Innenraum werden geöffnet: drinnen
liegt Thyest kauend und schon satt am Tisch auf dem Polster und zecht
und singt berauscht noch ein Lied. Plötzlich erfaßt ihn Schwermut;
er muß weinen; er ruft in Sehnsucht nach seinen Kindern. Da tritt
triumphierend Atreus herzu und sagt ihm in zweideutigen Worten: daß er
sie schon hat, daß er sie schon umfängt. Er selbst ist seiner Kinder
Grab. Inzwischen hat die Sonne, hat das Weltall sich vor Entsetzen
verdunkelt. Das letzte Drittel des Stückes spielt in völliger Nacht;
nur der Eßsaal ist künstlich erleuchtet. Kein antikes Theater konnte
das vorführen[292].
Die Schrecknisse der Shakespeareschen Kunst, die Erdrosselung
Desdemonas im Othello, die Blendung des Gloster im Lear, sind also in
den Lesedramen Senecas vorweggenommen. Es ist sicher, daß Shakespeare
in dieser seiner nervenerschütternden Praxis nicht etwa durch unseren
Seneca selbst beeinflußt war; denn auch die Passionsspiele und
Moralitäten des Mittelalters hatten es ja nicht anders gemacht; man
denke an Christi Geißelung und Kreuzigung, die man in allen Kirchen
leibhaftig vorführte. Aus Gideons Kampf mit den Philistern wurde damals
im „Prophetenspiel“ wirklich eine Schlacht, so daß die Zuschauer selbst
die Angst ergriff[293]. Gleichwohl haben Senecas Dramen, seitdem sie
wieder bekannt wurden[294], für dies grob drastische Verfahren eine
nachträgliche klassische Sanktion gegeben.
[Randnotiz: Herkules Oetaeus. Biographisches: Verbannung.]
Am denkwürdigsten aber ist Senecas Herkules Oetaeus[295], und jeder
Theologe und Evangelienforscher sollte dies Stück, den Herkules auf
dem Oeta, einmal lesen, so peinigend auch das enorme Pathos ist, das
ihn erfüllt. Denn da erhebt sich die stoische Religion dazu, einen
Gottessohn darzustellen, der auf Erden erschienen ist, um zum Gottvater
erhöht zu werden: eine Konkurrenzdarstellung zu den Evangelien, aber
schon um das Jahr 55, vor dem Ur-Matthäus und Marcus geschrieben.
Herkules wird nicht gekreuzigt, aber unter Höllenqualen vergiftet und
durch den Feuertod erlöst. Die Mutter aber, die ihn vom höchsten Gott
empfangen und geboren, Alkmene, steht vor ihrem sterbenden Sohn und
erlebt die Passion mit durchbohrtem Herzen und ringt nach Fassung, um
der Welt zu zeigen, wie eine Mutter um ihren Sohn trauern muß[296].
Dieser Herkules, mit seinem Flammentode, war ein altes Ideal der
Stoa[297], und er hat dem Christusdienst auch sonst Konkurrenz gemacht;
dies dürfen wir folgern aus jener Erzählung vom Peregrinus Proteus
(bei Lucian), der erst Christ ist, dann aber sich zur Herkulesreligion
bekehrt, vor dem Volke einen Scheiterhaufen errichtet und den Tod des
Gottessohnes Herakles auf sich nimmt.
Alles dies beweist genug. Es ist unglaublich, daß einsichtige
Philologen verkannt haben, wie eng verknüpft Senecas Tragödien mit
seinem Gesamtwirken gewesen sind.
Nun aber sein Leben selbst. Es fragt sich: was hat der Mann mit seinen
Lehrschriften gewollt? Wann und zu welchem Zweck hat er sie geschrieben?
Seneca war Spanier von Herkunft, ein Sohn Cordobas, ein Kind des
Sonnenlandes Andalusien. Der Spanier galt als brav und bedürfnislos;
er galt als heroisch, wenn man ihn marterte[298]. So ist uns Senecas
Vater als ehrenfester Mann bekannt. Der Sohn dachte gar nicht
daran, Berufsphilosoph, Kathederphilosoph, wie er es selbst nennt:
~philosophus cathedrarius~[299] zu werden. Er nahm die stoische
Lehre nur früh in seine Gesinnung auf; sie stärkte ihn bei schweren
Krankheitsfällen[300]. Der griechische Weise Demetrius, der als Bettler
(~seminudus~) in Rom einherging, war ihm ein lieber Verkehr, er
verehrte ihn zeitlebens schwärmerisch und hielt ihm die Treue. Seneca
aber wollte von vornherein etwas ganz anderes als dieser: er wollte
ein tätiger Staatsbürger, ein Mann der Tat und nicht der Betrachtung,
ein Mann der ~actio~, nicht der ~contemplatio~ sein. Das sagt er uns
ausdrücklich: sein Leben war ein Geschäftsleben ohne Ferien[301]. Als
junger Mann schon wurde er Senator[302] und zugleich der erfolgreichste
Sachwalter in den gewaltigen Prozessen jener Zeit, die vor Kaiser
und Senat geführt wurden. Das Leben des Senators aber war das
angespannteste: das müßige Volk lief in die Bäder; die Senatssitzungen
währten vom Morgen bis in die Nacht.
Der Kaiser Caligula aber war über die Erfolge dieses ernsthaften
Menschen wütend und zwang ihn, die Sachwaltertätigkeit aufzugeben. Da
beschränkte sich Seneca auf das, was er nennt: ~tacita advocatione
cives iuvare~, „mit stummer Advokatur den Mitbürgern zu helfen“[303]; er
stellte sich als Ratgeber zur Verfügung, ohne als Redner zu wirken[304].
Und in dieser Stellung und nicht durch seine Schriften gewann er schon
damals große Kreise von dankbaren Anhängern; denn als die Kaiserin
Messalina ihn im Jahre 41 nach Corsica verbannt -- Seneca war den
nichtsnutzigen herrschenden Hofkreisen unbequem --, da wird bemerkt,
daß das ein Schlag gegen die öffentliche Meinung der Hauptstadt war.
Man brachte gegen ihn das Unbewiesene vor, daß er Liebhaber der
verführerischen Prinzessin Julia Livilla, der Schwester Agrippinas,
war. Beide Schwestern, Livilla und Agrippina, waren der Messalina
verhaßt. Diese wilden weiblichen Katzen verbissen sich ineinander, bis
Livilla sich verblutete.
Sicher ist, daß Seneca mit Livilla und Agrippina irgendwie liiert
war[305] und daß Messalina in ihrem schamlosen Treiben sich vor Seneca
fürchtete oder durch ihn behindert fühlte. Denn so lange sie lebte,
duldete sie seine Rückkunft aus Corsica nicht. Kaum aber ist sie tot,
da wird er von Agrippina nach Rom berufen und beherrscht auf einmal die
Lage der Dinge, den Senat, den Hof.
[Randnotiz: Erzieher Neros. Schrift an Polybius. Schrift gegen den Zorn.]
Seneca wurde der Lehrer Neros. Ob Nero oder nicht vielmehr der junge
Prinz Britannicus Kaiser werden würde, war noch unentschieden, und so
ist es von Interesse zu erinnern, daß auch dieser Britannicus damals
seinen Erzieher hatte, den Sosibios, der vom Kaiser Claudius einmal
eine Million geschenkt erhielt, weil er sich auch als Berater des Hofes
bewährte[306]. Auf diesem Wege ist auch Seneca ein +Berater+ des Hofes
geworden. Sein Lehrauftrag betraf nur die Redekunst; wir wissen aber,
daß solche Rhetoriklehrer in den vornehmen Familien den ersten Zweck
hatten, für die sittliche Haltung ihres Zöglings zu sorgen[307]. Dadurch
gewannen sie oft genug maßgebenden Einfluß im Hause.
Aber er war noch immer kein „Philosoph“. Die einzige bemerkenswerte
ethische Lehrschrift, die Seneca bisher verfaßt, war die gegen den
Zorn[308]. In den acht Jahren auf Corsica hatte er Muße genug, hat aber
allem Anschein nach nicht daran gedacht, diese Schriftstellerei da
fortzusetzen. Er war zeitlebens Mann des Geschäftsfleißes, der ~actio~,
ein Organisator großen Stils. Daher war ihm das Exil so unerträglich.
Er war lahmgesetzt[309]. In der Zurückgezogenheit wird solche Natur
unproduktiv und versinkt in pflanzenhafte Stille. Nur im Getriebe des
großen Lebens, durch tägliche Reibung, entzünden sich ihre Fähigkeiten,
steigert sich ihr Können und Wollen, und sie wächst mit ihren Zwecken
ins Große.
Wie mit dem Cyniker Demetrius, so war Seneca mit dem griechischen
Gelehrten Polybius befreundet. Dieser augenscheinlich vortreffliche
Mann war Freigelassener des Kaisers und hatte als solcher das Hofamt
für Bittschriften zu verwalten. Als Polybius seinen Bruder verlor und
schwer um ihn trauerte[310], richtete Seneca im ersten Jahre seiner
Verbannung an ihn ein Trostschreiben; da war es naheliegend, ja
selbstverständlich, daß er die Gelegenheit benutzte, um in derselben
Schrift nun auch sein dringendes Verlangen nach Rückberufung aus dem
Exil zu äußern; Polybius sollte dafür wirken. Diese Schrift war aber
nicht etwa als Privatbrief abgefaßt; vielmehr veröffentlichte sie
Seneca, legte sie also selbst dem großen Publikum der Hauptstadt vor;
die Sache war für dies Publikum somit von Interesse, und sie war völlig
ohne Anstoß; sonst hätte er dies nicht tun können, und es ist also ganz
müßig, sie ihm heute als Fehlgriff oder gar als Selbstentwürdigung
anzurechnen[311]. Zugleich preist er in dieser Schrift die guten
Eigenschaften des Claudius in vollen Tönen -- solches Lob war damals
nichts als eine andere Form der Ermahnung[312] --, während zum Lobe der
Kaiserin Messalina kein Wort darin steht. Es folgt daraus aber, daß
Seneca auf Claudius, der ohne Frage manche guten Eigenschaften besaß
und der damals, im Jahre 43 auf 44, eben erst die Herrschaft begonnen
hatte, tatsächlich noch große Hoffnungen gesetzt hat. Dieser Kaiser
mit der schwachen Willenskraft bedurfte nur der Leitung, und dem
moralischen Einfluß Senecas hatte er sich überdies schon zugänglich
gezeigt; denn als in Rom Senecas Verdammungsschrift gegen den Zorn
bekannt wurde, erließ Claudius sogleich naiv gutherzig ein Edikt, in
dem er versprach, seine Neigung zum Jähzorn hinfort bemeistern zu
wollen. Konnte Seneca zunächst mehr verlangen? Er durfte damals also
erwarten, daß er den Kaiser auch weiterhin günstig würde beeinflussen
können, falls er aus Corsica fort und wieder in Rom war.
Allein die Kaiserin stand dem Plan gehässig im Wege, und erst als
Messalina starb, wurde sein Wunsch erfüllt.
In jener Mahnschrift über den Zorn hatte Seneca unter anderem auch über
Knabenerziehung gehandelt, und diesen Ausführungen dankte er es ohne
Zweifel, daß ihn Agrippina gleich nach seiner Rückkehr zum Erzieher
ihres Sohnes Nero berief[313]. Überhaupt aber veröffentlichte er in der
nämlichen Schrift sein Lebensprogramm und gleichsam seine Methode.
Kein revolutionärer Sturm und Drang steckte in ihm, keine Gracchus-,
keine Brutusnatur. Seine Tapferkeit war defensiv, nicht offensiv[314].
Inmitten der furchtbaren Brutalitäten will er nur andauernd und
grundsätzlich die Milde und Ruhe wahren und die stoische Lehre, daß
man nie Böses mit Bösem vergelten soll[315], wirklich wahrmachen. Mit
Verachtung blickt er auf die Germanen; denn die Germanen sind ein Volk
des Jähzorns, ein Volk der Rache. Bessern, nicht strafen soll man den
Gegner -- auch das öffentliche Strafrecht wird von ihm auf diesen Satz
gegründet[316] --, und ist der Kaiser selbst der Beleidiger, so soll man
es mit Lächeln tragen[317]. Das mag uns fremd berühren und in seiner
Durchführung als Schwäche erscheinen; wir dürfen aber nicht vergessen,
daß es ein kranker Mann ist, der so denkt und schreibt. Hager und
abgezehrt, ein Opfer der Neuralgie, vor allem zeitlebens von schwerem
Herzleiden gepeinigt[318], war Seneca auf die frugalste Ernährung, auf
die Verhütung aller jähen Erregungen angewiesen. Er kannte die Nähe des
Todes und bewahrte eben darum eine gleichmäßige Heiterkeit[319].
[Randnotiz: Agrippina zurückgedrängt. Senecas Reichsverwaltung.]
Kaum tritt nun dieser schwächliche Mann in das Zentrum der Ereignisse,
so muß er erleben, wie das Regiment gleich in seinen Fugen
zusammenkracht. Es war das Jahr 54 n. Chr. Agrippina, die Kaiserin,
vergiftet den Kaiser Claudius, ihren Gatten; sie läßt auch den Narciß
umbringen, den gefürchteten Hausminister des Kaisers.
Agrippinas Sohn Nero ist unmündig; Agrippina will jetzt selbst Kaiser
Roms sein; die starrsinnig übermütige Frau will ihr schmähliches
Raubsystem, ihre Mißhandlung des Senats fortsetzen. Da erhebt sich
Seneca. Mit zwei meisterhaften Schachzügen wirft er sie um, vernichtet
er die Autorität der Kaiserin, indem er ihr gleich bei einer der ersten
großen kaiserlichen Audienzen geschickt den Vorsitz entzieht[320] und
durch seine geistsprühende Satire, die man Apokolokyntosis nennt, ihr
politisches Ansehen vollständig zertrümmert[321], und regiert jetzt auf
einmal selbst, gestützt auf Burrus, den Präfekten der Garnison, das
Weltreich, die Welt von Armenien bis Spanien und England. Denn der
junge Kaiser Nero, dieser Ästhet, diese schillernde Molluske, dieser
knochenlose Polyp, war für ernste Dinge nicht zu haben. Seneca mußte
sich mit dem Versuch begnügen, seine gefährlichen Triebe zu mäßigen,
seinen Allmachtsrausch zu dämpfen. Nero war nur der Zeiger, nur das
Schlagwerk an der Uhr, Seneca fortan die stille Feder im Uhrwerk, die
niemand sah und deren stählerne Kraft alles bewegte. Als Schützer des
Vaterlandes betrachtet er jetzt sich selbst[322]. Es waren nur etwa 7-8
Jahre: die vielbesungene goldene Zeit Roms.
Der junge Kaiser mußte Senecas ausführliches Regierungsprogramm im
Senat wörtlich vorlesen. Und dies Programm wurde wirklich durchgeführt:
Seneca kehrte zu den Grundsätzen des Idealkaisers Augustus zurück,
desselben Augustus, dem er auch in seiner Claudiussatire voll Verehrung
das entscheidende Wort erteilt[323]; der Senat ist nun wirklich wieder
die selbständige gesetzgebende Körperschaft, der Kaiser nur der erste
Bürger der Stadt, und kein Justizmord geschieht mehr[324], keine
Staatsämter sind mehr käuflich; das scheußliche Denunziantentum, die
Gesinnungsriecherei hört auf; das Gerichtsverfahren ist wieder das
alte[325]. Man spricht wieder von der alten Freiheit; denn die Monarchie
ist zur Freiheit kein Gegensatz[326].
Dazu kamen aber auch Reformen[327], eine Reform des Steuerwesens[328],
vor allem die Zentralisierung der Reichsfinanz in der Hand des
Kaisers, indem das Ärarium des Senats in den kaiserlichen Fiskus
aufging. Das war Senecas nützlichstes Werk. Aber auch dem Gedeihen der
Reichsprovinzen galt seine Fürsorge; er hält darauf, daß die Provinzen
gegen die Statthalter in Rom unbehindert Klage erheben können[329].
Wie sehr Senecas Reformen ins Einzelne gingen, lernen wir jetzt aus
den ägyptischen Papyri. Seneca hat gleich im Jahre 55 für Ägyptens
Hauptstadt eine neue Gemeindeordnung[330] sowie für militärische
Aushebungszwecke eine Neuordnung der Namenlisten der Dienstfähigen in
Ägypten eingeführt[331]. Er war selber früher in Ägypten gewesen; daher
das Interesse[332].
Im übrigen rufe ich den Apostel Paulus zum Zeugen. In Paulus’
Römerbriefe, der im Jahre 54 oder bald danach geschrieben ist, wird im
Kapitel 13 die Reichsverwaltung Senecas anerkannt mit der Bezeichnung,
daß sie Gottes Dienerin zum Guten sei[333], vor der sich die Bösen, aber
nicht die Guten zu fürchten haben. Diese Worte schrieb Paulus damals in
Korinth, fern von Rom. Der Segen wurde überall empfunden[334].
Und eben erst damals begann nun auch die große Schriftstellerei
Senecas. Das ist das Erstaunlichste. Sie war also aktuell im höchsten
Grade. Diese Schriften sind Erzeugnisse der ~actio~, nicht der
~contemplatio~.
Zunächst allerdings Neros persönlichste Wünsche! Nero wünschte
Gedichte zu sehen. Wer weiß, was für Arientexte der junge Sänger von
seinem Lehrer erwartete? Seneca aber schrieb ihm damals zu seiner
Warnung jene schreckhaften Tragödien, von denen ich sprach, mit den
berühmten Schlagwörtern gegen die Tyrannen und der Mahnung: „~rex velit
honesta~“[335].
[Randnotiz: Lehrschriften über Gnade und Wohltun, über Reichtum u. a.]
Doch das ist belanglos. Jetzt schreibt er vor allem die große
Hauptschrift über die Wohltätigkeit[336] und die andere über die Gnade
des Herrschers. Er rafft seine Kräfte; er will jetzt sein Bestes tun.
Die zweite ist eine Erziehungsschrift, dem jungen Kaiser überreicht,
der vor Tyrannei, Blutvergießen und jeder herrischen Wallung dringend
verwarnt wird und Milde lernen soll, wie der große Kaiser Augustus
sie übte. Es ist bedeutsam, daß Seneca diese Mahnschrift nicht nur
dem jungen Kaiser in die Hand legte, sondern zugleich kühn ins
Publikum warf. Damit band er sich selbst vor der Öffentlichkeit. Der
Öffentlichkeit vertraute der Minister an, was er von seinem Monarchen
forderte. Nur sein Sturz konnte sein Programm aufheben. Wichtiger noch
das Werk über das Wohltun[337]. Es ist in der Tat das Vollkommenste, was
die Antike über Menschenliebe, d. h. über die Pflicht sozialer Hilfe
gebracht hat[338]. Keiner vor Seneca hat etwas Ähnliches, praktisch
Brauchbares geschrieben. Die Sophismen der griechischen Philosophen
schiebt er in überlegener Weise beiseite, alles Schulmäßige streift er
nach Möglichkeit ab[339]. Und diese Sachen kamen von der höchsten Stelle
im Reich; das ist das ganz Eigenartige: die Regierung selbst predigt
eine neue Ethik.
So hatten es einst auch Lykurg und Solon bei den Griechen gemacht; so
Moses bei den Juden. So macht es jetzt der römische Staatsmann.
Und so ist denn auch die Tragweite, die Einwirkung seiner Ethik die
tiefstgehende gewesen; sie reicht deutlich erkennbar durch die nächsten
Jahrhunderte, ja, sie reicht bis heute. Wenn Paulus in dem genannten
Kapitel, nachdem er Senecas Regierung als weltliche Autorität anerkannt
hat, hinzufügt: „Du sollst deinen Nächsten lieben (ἀγαπᾶν) wie dich
selbst[340]“, so war das eben der Gedanke, den Seneca damals von oben
her in die Welt warf und den Paulus billigte. Die spätere christliche
Kirche konnte in der Tat nichts tun, als diese Lehre festzuhalten, und
es läßt sich schwerlich sagen, daß sie sie wesentlich weiter gefördert
hat[341]. Ich erwähne das Sklaventum. Noch Thomas von Aquino, der Fürst
der katholischen Dogmatik im 13. Jahrhundert, hält an der Sklaverei als
einer staatlichen Einrichtung fest und ist betreffs der menschlichen
Behandlung der Unfreien nicht über das hinausgekommen, was Seneca
lehrt[342].
Eine persönlichere Note haben andere Schriften Senecas, wie ~De vita
beata~, d. h. „über reiche Lebensführung“ oder über das Wesen des
Reichtums, und die Schrift über die Seelenruhe, ~De tranquillitate
animi~. Man hatte ihm vorgeworfen, daß sich durch Neros launenhafte
Güte ein übergewaltiges Vermögen[343] in seinen Händen ansammelte.
Seneca legt nun erstlich dar, daß das Arbeiten für Staat und Vaterland
die höchste Pflicht des Lebens ist[344], sodann aber, daß nur der
Reichtum einen wirksamen Gebrauch der Tugend möglich macht, d. h. nur
die Geldkraft ermöglicht die soziale Hilfe[345]. Das Kapital muß nur in
den rechten Händen sein[346].
So dachte er. Nirgends aber finden wir dabei den Ton des Stolzes oder
protzenhafter Selbstüberhebung; vielmehr geht eine gutherzige und
liebenswürdige Bescheidenheit durch all seine Schriften, die echt ist
und sich gleich bleibt[347].
[Randnotiz: Geldwirtschaft. Stellung zu Nero. Rücktritt und Ende.]
Senecas großes Bankinstitut -- so können wir es nennen; es war
gleichsam eine Reichsvorschußzentrale -- gab Darlehen durch alle
Länder, über ganz Europa und Afrika. Wir hören einmal, wie die
jungen Gemeinden in England, welches Land damals eben erst römische
Provinz geworden war, eine Anleihe von 10 Millionen Sesterz bei ihm
gemacht haben und wie er das Geld kündigen muß, weil die Zinsen nicht
einlaufen[348]. Es ist kindisch zu sagen, daß er keine Zinsen hätte
fordern sollen[349]. Seneca wußte, daß eine von der Regierung selbst
geleitete Bank für den Staat ein Segen, daß sie aber ohne Sicherungen
nicht operieren kann. Staatsbanken kannte das Altertum noch nicht.
Das Privatinstitut Senecas kam dem am nächsten. Man erinnere sich,
um die Sache richtig zu verstehen, daß auch der kaiserliche Fiskus
das Privatvermögen des Kaisers war, das aber in den Dienst des Reichs
gestellt wurde. Just ebenso machte es Seneca mit seinem Fiskus.
Ganz abzusondern von dieser gewaltigen geldwirtschaftlichen Arbeit
ist Senecas eigene Lebensführung, seine persönliche großartige
Mildtätigkeit, die, wie wir lesen, auch noch den Nachlebenden als
leuchtendes Vorbild galt[350]. Er selbst äußert sich maßvoll: er gab
nur mit Wahl. „Ich habe einen Geldsack, der leicht aufgeht, aber
nicht durchlöchert ist, aus dem viel genommen wird, aber nichts
herausfällt“[351]. Doch hatte eben alles bei ihm großen Stil. Ja,
Tacitus erzählt, daß viele Kinderlose damals dem Seneca ihr Vermögen
vermachten; man wußte das Geld nirgends besser aufgehoben als bei ihm.
In Nero aber war längst die Bestie erwacht. Das Gräßlichste geschieht.
Nero läßt seine Mutter Agrippina ermorden. Es hieß: Agrippina hätte
auch ihrem Sohne nachgestellt. Das war auch für Seneca die Katastrophe.
Was sollte er tun? Er suchte trotz allem Nero zu halten. Ja, er mußte
Neros Schandtat bemänteln. Er mußte es; denn er brauchte ihn. Er konnte
ohne des Kaisers Zustimmung nicht wirken[352]. Wenn nur dieser Nero ihm
ferner gefügig blieb!
Hier müssen wir uns der antiken Denkweise erinnern. Dem Seneca erschien
der jedesmal regierende Kaiser, er sei gut oder schlecht, unantastbar
und durch sein Amt geheiligt, ein Stellvertreter Gottes[353], ungefähr
wie der Papst dem römisch-katholischen Christen. Suchen wir eine
Analogie aus unserer Zeit, so läßt sich in der Tat nichts anderes
sagen: der Kaiser Roms war Oberpontifex; er war der Papst des
Heidentums. Er ist wie das Wetter, das wir, ob es uns auch vernichtet,
willenlos hinnehmen und nicht ändern können[354].
Hätte Seneca damals rasch entschlossen Nero, den Muttermörder, selbst
aus der Welt geschafft, er hätte es mutmaßlich gekonnt; das Volk hätte
ihm zugejauchzt, und er wäre selbst Kaiser geworden. Es gab in der Tat
Leute, die das von ihm erwarteten. Aber Seneca war kein Sejan; ihm
fehlte der Wille[355]. Nur ein Soldat konnte Imperator sein, und das war
er nicht.
Nun wurde er bald genug Neros Opfer. Im Jahre 65 starb er. Nero hatte,
von dem nichtswürdigen Tigellinus beherrscht, Seneca schon aus den
Geschäften verdrängt, auch die Riesenkapitalien ihm abgenommen, um
das Geld für seine goldenen Palastbauten zu verschwenden, und stand
fortan sprungbereit, seinen Lehrer umzubringen. Aber er wagte es
nicht. Seneca war zu angesehen. Nero war zu feige. Das zog sich hin
durch drei Jahre namenloser Erregung[356]. Aber Senecas Philosophie,
sagen wir besser seine Natur, bewährte sich. Seine Seelenruhe ist
bewundernswert. Denn obschon er jetzt, beständig bedroht, wie auf einem
Vulkan lebte, fand der Rastlose in dieser Zeit trotzdem die Ruhe, nicht
nur ein vollständiges System der Moralphilosophie, das uns verloren
ist, sondern daneben sein großes naturforschendes Werk (wir könnten
es den „Kosmos“ der römischen Literatur nennen), eine Arbeit wirklich
wissenschaftlicher Haltung, vor allem aber seine 124 Moralbriefe zu
schreiben, die uns sein Innerstes erschließen und der gedankenreichste,
unvergänglichste Nachlaß seiner Feder sind. Er wußte, was ihm
bevorstand. In seinem 26. Briefe steht: „Ob ich tapfer bin, werde ich
in meiner Todesstunde zeigen.“ Er hat das durch den qualvollsten Tod
bewahrheitet. Sein gräßliches Martyrium war vernichtend für Nero, für
ihn selbst war es Verklärung. Die antiken Martyrologien erzählten
davon[357]; seine „letzten Worte“ wurden lange Zeit aufbewahrt[358].
[Randnotiz: Sein Einfluß auf die Folgezeit. Augustus sein Vorbild.]
Sein Werk aber blieb unverloren. Schon Nero nannte es mit seinem
unreinen Munde ein Werk für die Ewigkeit, ~munera aeterna~[359]. Der
beste aller Kaiser Roms war Trajan, auch er ein Spanier wie Seneca;
Trajan aber hat ausdrücklich an Seneca angeknüpft mit der Äußerung,
die Leistungen aller anderen Kaiser stünden hinter Senecas Verwaltung
zurück[360]. Gleichzeitig tönt uns aus Juvenal die Stimme des Volkes
entgegen: „Hätte das Volk damals zu wählen gehabt, es hätte Seneca
zum Kaiser gewählt“[361]. So führt die Höhenlinie der großen römischen
Kaisergeschichte von Augustus über Seneca zu Trajan und zu Mark Aurel.
Auch der Kaiser Mark Aurel war Spanier, und in Mark Aurel hat sich nun
das Ideal ganz verwirklicht: der Philosoph und Menschenfreund hatte
endlich den Thron selbst bestiegen. Schon vorher aber war Kaiser Titus,
„die Liebe und Wonne des Menschengeschlechts“, wie wir mit Zuversicht
ansetzen, durch mittelbare oder unmittelbare Beeinflussung Senecas zu
dem Musterkaiser geworden, wie Sueton ihn schildert[362].
Dann zerfiel das römische Reich. Aber das Erbe der Humanität Senecas
lebte unverloren weiter. Denn eben diese Humanität ist es, die dem
klassischen römischen Rechte der späteren Kaiserzeit zugrunde liegt
und in ihm praktisch wurde; sie fand aber zum Teil auch Eingang in die
Pflichtenlehre der christlichen Kirchenväter und hat so hineingewirkt
bis in unsere neueste Zeit. Die Kirchenväter hielten seit dem 5.
Jahrhundert Seneca sogar fälschlich für einen Christen; hätten sie es
nicht getan, seine Schriften wären uns mutmaßlich gar nicht erhalten
worden.
Jetzt ist jeder, der das Liebesevangelium des Christentums würdigen
will, verpflichtet, Senecas Schriften zu kennen.
Wir aber halten daran fest, daß Seneca ein Mensch aus einem Guß
war, kein Heros, aber doch ein Mann der Aktion großen Stils[363]
und ein seltener Mann: der im Ewigen zu leben versucht, aber sich
weltbestimmend mitten in die Endlichkeit stellt. Wir halten ebenso
daran fest, daß seine wichtigsten Schriften keine Schulabhandlungen
oder gar müßige Stilübungen, wie viele zu glauben scheinen, sondern
daß sie von hervorragend praktischer Bedeutung und das wichtigste
Hilfsmittel des Staatsmannes waren, der da einsah, daß ohne sittliche
Hebung, ohne Brechung des Egoismus, ohne Erweckung der sozialen
Impulse, ohne eine neue Ära des Menschentums die Gesellschaft nicht zu
retten war.
Auch darin aber stand er ganz auf dem Standpunkt seines Vorbildes, des
Kaisers Augustus.
Augustus gab seine berühmte Ehegesetzgebung; in gleichem Interesse
schrieb Seneca seine inhaltreiche Schrift „über die Ehe“. Wer will
hier noch den Zusammenhang verkennen[364]? Aber auch sonst hatte
Augustus das Volk, insbesondere die höheren Stände, durch Verbreitung
moralischer Schriften sanieren wollen. Da der Kaiser sie aber nicht
selbst verfassen konnte, so hob er, wie Sueton erzählt, aus der besten
Literatur der Vergangenheit persönlich viele wertvolle Stellen aus und
verbreitete sie durch Vorlesung und durch Abschriften mit Hochdruck.
Es war ihm bitter ernst damit[365]. Erst durch diese Parallele wird
Senecas Schriftstellerei ganz verständlich. Auch sie war in ihren
wichtigsten Teilen ein Produkt der ~actio~, nicht der ~contemplatio~.
Seine Schriften sind Regierungshandlungen, Erzeugnisse der
Staatsfürsorge, die aber aus einem warmen, ja, weichen Herzen kommen,
mit dem apostolischen Aufruf an jeden Einzelnen: Laß dich überzeugen!
Der Guten sind zu wenige[366]. Werde gut, lerne Menschenliebe, lebe dem
Staat und stütze das Ganze. Denn die menschliche Gesellschaft ist wie
ein schwebendes Tonnengewölbe. Ein Stein muß dem anderen Halt geben,
ein gegenseitiges Tragen: sonst bricht das Ganze zusammen[367].
An die Spitze aber stellte er das alte Gebot, das ~vetus praeceptum~,
das jeder Frömmste auch heute von ihm annehmen kann: Folge Gott! ~deum
sequere~[368].
Nur in einem ist Seneca bewußt und geradezu umstürzlerisch über
sein Vorbild Augustus hinausgegangen: in seiner Polemik gegen den
Aberglauben -- ~de superstitione~ --, in der er weitausholend und
in schneidendem Tone die Äußerlichkeiten im Ritus der herkömmlichen
Gottesdienste sowohl der römischen Staatsreligion wie beiläufig
auch der jüdischen bekämpft hat[369] von dem Grundsatz aus, daß
der Mensch mit Gott überhaupt nur innerlich verkehren kann und der
Ritus der äußerlichen Gebärden eine Torheit ist[370]. Auch über das
Begräbniswesen hat er sich auf das freieste geäußert[371]. Hier steht
Seneca als fortschrittlicher Theologe vor uns, der, wo immer er den
Volksvorstellungen nicht nachgeben zu müssen glaubte, aus Trieb mehr
noch als aus dogmatischen Gründen im Monotheismus lebte. „Gott hat so
viele Namen wie Gaben,“ sagt er[372], d. h. der Polytheismus ist nur
eine Vielnamigkeit Gottes. Es ist klar, daß er mit jenen Ausführungen
damals in vielen Herzen dem Christentum freie Bahn geschafft haben
muß; jedenfalls hat er dem Christentum gegen die heidnischen Kulte
die schärfste Waffe geliefert, bis die Kirche selbst dem Ritus der
äußerlichen Gebärden verfiel.
Man möchte wissen, ob er auch diese destruktive Schrift in der Zeit
seiner Reichsverwaltung geschrieben hat[373]?
Griechisch-römischer Mummenschanz und die Verhöhnung Christi.
Im Lager der römischen Truppen sitzt Pilatus, der Landpfleger, im
Gebäude des Prätorium zu Gericht über Christus, der sich den König
der Juden genannt hat. Christus ist zum Tode verurteilt. Während er
hinausgeführt wird und durch das Lager schreitet, fallen die Soldaten
über ihn her und treiben grausame Späße mit ihm: sie krönen ihn, geben
ihm Krönungsmantel und Zepter; die Krone machen sie aus Dorngestrüpp;
der Mantel ist wirklicher Purpur (πορφυρᾶ), das Zepter ein Rohr
(κάλαμος). Dies tun sie, wie wir betonen, weil Christus sich selbst
König genannt hat.
Wir nehmen an, daß dies tatsächlich so vorgefallen. Denn der Vorgang
hat nichts innerlich Unglaubwürdiges. Es ist aber die Frage, ob die
Legionäre ganz aus freien Stücken auf diese grausam theatralische
Art der Verhöhnung, die der Hinrichtung voraufging, verfielen oder
ob gewisse verbreitete Anschauungen ihnen dazu die Anregung gaben.
Waren sie nun aus Gallien, Spanien, Germanien oder einem anderen Teil
des Reichs dorthin versetzt, ohne Zweifel standen sie doch unter dem
Einfluß griechisch-römischer Tradition und Lebensweise. Es ist in
diesem Sinne von verschiedenen Gelehrten verschiedenes kombiniert
worden, Glaubliches und Unglaubliches[374]. Das vollkommen Zutreffende
scheint mir noch nicht gesagt zu sein.
Mancher wird wohl mit Scheu Teile der Passionsgeschichte, die der
Gegenstand seiner andächtigen Versenkung sind, in Beziehung gebracht
sehen zu sehr trivialen Verhältnissen des damaligen Lebens. Aber
Christi Leidensgeschichte ist doch in die Gesamtgeschichte der
Menschheit fest eingewebt, und so ist es ein begreifliches Verlangen,
wenn wir die unscheinbaren Fäden zu verfolgen suchen, durch die sie
mit ihrer nächsten Umgebung, mit dem Leben der profanen Wirklichkeit
zusammenhängt. Sie selbst wird dadurch an Glaublichkeit nur gewinnen.
[Randnotiz: Die Sakäen. Der Arme als König. Saturnalien.]
Auf der Suche nach Analogien ist man freilich bis zu den Skythen
gelangt. Die Saker (Σάκαι) waren ein Skythenvolk nördlich von Persien.
In Babylonien und bei den Persern feierte man ein nach ihnen benanntes
Fest, die Sakäen (Σάκαια), von dem die Griechen wiederholt berichten.
Der Redner Dio von Prusa weiß darüber mehr als andere und gibt seinem
Publikum den sensationellen Bericht zum besten: Um das Fest dem Ritus
gemäß zu begehen, hatte man einen zum Tode verurteilten Verbrecher
nötig. Der Verbrecher wird auf den Thron des Königs gesetzt, wird
mit dem Königsornat bekleidet und man läßt ihn üppig leben, auch den
Kebsweibern des Königs beiwohnen; dann aber wird er entkleidet, wird
gepeitscht und verbrannt. Es ist das Prinzip der Henkersmahlzeit vor
der Exekution. Wer kann darin aber im Ernste eine Übereinstimmung mit
der evangelischen Erzählung finden? Und was haben die Gewohnheiten der
Römer und Griechen mit den Sakäen zu tun? Vor allem aber besteht der
unabweisliche Verdacht, daß der Redner Dio hier phantasiert oder nur
eine Fabelei anderer zum besten gibt. Dies haben schon andere[375] mit
Recht gesagt. Denn die ältesten, zuverlässigsten Nachrichten über die
Sakäen wissen von Menschenopfern an diesem bacchantischen Feste nichts.
Im Altertum war das Königwerden die Traumsehnsucht des Armen. Das ist
Märchenton. „Ich werde König heißen,“ so träumt der darbende Fischer
Gripus beim Plautus, als er einen Goldfund in seinem Netz hat; „ich
will Bürger Athens, nein, ich will Archont, nein, ich will König
werden!“ so träumt auch der gedrückte Sklave bei dem Popularphilosophen
Teles[376]. Mit Rührung wird uns darum erzählt, wie Alexander der Große
einmal einen Veteranen seines Heeres im Schnee liegen und verschmachten
sieht und wie er ihn großmütig auf seinen Thron setzt, um ihn zu
retten[377]. Noch beweglicher die Geschichte von dem Kyprier Alynomos,
der vornehm, doch ganz verarmt, einsam in einem Garten lebt. Da wird
das Königtum in Paphos erledigt. Alexander der Große läßt nach Alynomos
suchen. Das Männlein begoß eben ein Beet mit Wasser und erschrak
heftig, als des Königs Gesandte ihn fanden. Im schlichten Kittel wird
er vor Alexander geführt. Der kleidete ihn allsogleich in Purpur und
machte ihn zum König von Paphos. „So macht das Glück Könige,“ ruft
Plutarch aus, der uns dies erzählt; „nur der Anzug wird gewechselt, und
man hofft und gewärtigt es selber nicht.“
Nur der Anzug wird gewechselt! Verkleidung! Maskerade! Es wäre
begreiflich, wenn auch das Volkstheater damals gelegentlich derartige
Traumkönige auf die Bühne gebracht hätte.
Lassen wir uns darum zunächst an die Saturnalien Roms erinnern, denen
ein griechisches Kronosfest (Κρόνια) entsprach; es ist ein Umweg, den
wir gehen, aber er wird sich als nicht zwecklos erweisen. In diesem
glückseligen Karneval der alten Saturnalien, dem großen Schenkfest des
Dezember, an dem alljährlich sieben Tage lang die Sklaven als Freie und
die Armen als Reiche galten, gab es auch einen Narrenkönig, der durchs
Los gewählt wurde[378].
Lucian ist uns dafür Hauptzeuge, und er redet von einem zweifachen
Königtum. Erstlich war es der Gott Saturn (Kronos), der beim Fest
selbst auftrat und von jemandem aus der Gesellschaft dargestellt wurde,
und zwar nicht etwa als grämlicher Greis, sondern munter und kräftig,
und, was das wichtigste, im Königsornat[379]. Es ist ja auch kein
Zweifel, daß der Kronos-Saturn, mit dem der geistreiche Lucian in dem
Schriftenkomplex Nr. 70 sich und seine Leser unterhält, nicht der Gott
selbst, sondern des Gottes Maske ist, d. h. der von einem Menschen im
Mummenschanz dargestellte Festkönig Kronos, der, wenn er den Traurigen
fröhlich machen will, ihm nicht etwa, wie sonst die Götter, im Traum
erscheint, sondern ihn leibhaftig von hinten am Ohr faßt und ihn
gehörig schüttelt, mit dem sich also auch bequem die allerlustigsten
Gespräche führen lassen und der da auch Briefe erhält und schreibt (der
erste dieser Briefe ist von „Ich“ an den Kronos gerichtet). Was Lucian
da gibt, ist nichts anderes als eine Karnevalszeitung, in der Prinz
Karneval-Kronos die Hauptperson ausmacht. Desselben Majestät erläßt
denn daselbst auch Gesetze für das Fest, die die Reichen sich in ihren
Atrien auf einer Säule aufstellen sollen; dazu die arge Drohung: Wer
die Gesetze übertritt, den wird dieser König zum Kybelepriester und
Eunuchen machen[380].
In allen Städten, ob groß ob klein, auch in den Feldlagern und Kasernen
war so alljährlich König Kronos zu sehen. Zu seinen Aufgaben aber
gehörte nicht nur, daß er selbst allen voran sich betrank, würfelte
und liebte, sodann auch dies, daß er wieder Festkönige schuf, die
ihm irgendwie unterstellt waren (ἄρχοντας καθιστάναι 70 1, 2). Beim
Wettrinken und Würfeln, heißt es, verleiht er den Sieg und macht, daß
der, der ihn darum recht bittet, König wird[381], so daß der so zum
Herrscher Erhobene allen alles befehlen kann, dem einen, daß er einen
satyresken Tanz zum besten gibt, dem anderen, daß er selbst sich als
niederträchtig und gemein beschimpfe, dem dritten, daß er mit der
Musikantin auf dem Arm dreimal ums Haus renne u. a. m. Leider, sagt
Kronos, ist dies Königtum, das ich verleihe, nur kurz; aber das meine
währt ja nicht länger[382].
[Randnotiz: Der Saturnalienkönig als Tölpel.]
Man kann indes annehmen, daß die von Kronos, d. h. die durch das Los
kreierten Festkönige und der König Kronos selbst gewiß häufig in einer
Person zusammenfielen[383]. Wie dem auch sei, jedenfalls sah sich auf
diese Weise so mancher arme Schelm aus der Masse des Volkes oftmals
in lustiger Verkleidung zum König erhoben, bis dann mit dem Fest auch
sein Glanz erlosch. Das war also gleichsam ein Theaterspiel, in dem
das schmausende und zechende Publikum selbst die Rollen übernahm,
ein Mummenschanz, in dem der erste beste, er sei noch so kläglich,
als König und Hauptperson Gegenstand parodischer Huldigungen und
durchgängig sehr harmloser Späße wurde[384].
Endlich aber beachte man nun noch, daß von Seneca, wie es scheint, mit
solcher Narrenkönigsrolle die Regierung des Kaisers Claudius verglichen
worden ist. Seneca sagt, daß dieser Claudius sich Zeit seines Lebens
wie ein „~Saturnalicius princeps~“ benahm[385]. Damit kann freilich
auch nur gesagt sein, daß Claudius ein Kaiser (~princeps~) war, der
die Saturnalien liebte. Aber es ist gewiß echter, weil pointierter,
wenn wir verstehen: er benahm sich stets wie ein Saturnalienkönig[386].
Das will besagen: seine Diener und Freigelassenen spielten dem Kaiser
auf der Nase herum, und über der unermeßlichen Vergnügtheit vergaß er
alle Pflichten. Ist dies aber zutreffend, so ist auch der Charakter der
Rolle des Saturnalienkönigs noch weiter klargestellt: wir stellen fest,
daß für ihn der Charakter des Tölpels oder des „Stupidus“ -- denn dies
war Claudius -- wesentlich war.
Allein diese gutmütigen und platten Späße nützen uns anscheinend in
unserer Sache nichts. Jede Analogie zur Verhöhnung Christi fehlt. Es
fehlt auch jede körperliche Mißhandlung. Es handelte sich ja bei dem
Fest auch nicht um einen zum Tode verurteilten Verbrecher; und der
Saturnalienkönig nannte sich denn doch mit Recht Saturnalienkönig,
Christus nannte sich nach Ansicht seiner Peiniger mit Unrecht König der
Juden.
Jedenfalls aber ist als unglaubwürdig und schwindelhaft beiseite
zu lassen[387], was uns um das Jahr 300 n. Chr. einmal in den Akten
des Hl. Dasius zur Sache gesagt wird. Um nämlich das Heidentum in
Verruf zu bringen, ersannen die christlichen Martyrienerzähler damals
Schreckensmären von Menschenopfern: wenn die Soldaten im Heerlager das
Fest begingen, habe sich der Saturnalienkönig, nachdem er an allen
Freuden des Lebens einige Tage lang sich gütlich getan, den Göttern
schlachten lassen müssen. So wird der Hergang auf einmal ähnlich
dem am Sakäenfest, von dem Dio fabelt. Davon weiß aber das Altertum
tatsächlich nichts. Es ist tendenziöse Erfindung.
Gehen wir weiter. Jener Mummenschanz, mit dem das Volk Roms und
Griechenlands sein Verbrüderungsfest verschönte und der oft auch den
Armen und Geringen für wenige Tage zum König machte, ließ sich nun
auch wirklich auf das Theater bringen. Dafür haben wir einen Nachweis.
Philos Schrift gegen Flaccus ~cp.~ 5 f. ist Zeuge. In Alexandrien in
Ägypten trug sich Folgendes zu.
Der Judenhaß war in Alexandria eine Macht. Gleichwohl und obgleich er
gewarnt war, begab sich der König der Juden, Agrippa I., von Rom aus
in die erregbare Stadt. Alsbald aber fiel die Spottlust des Janhagels
über ihn her, so oft er sich auf der Straße sehen ließ, und der
römische Präfekt Flaccus rührte sich nicht; er ließ die Straßenpolizei
nicht einschreiten. Als sich Agrippa im Gymnasion zeigte, da griffen
die jungen Leute sich einen nackten, d. h. dürftig gekleideten und
blödsinnigen Menschen (μεμηνώς τις) mit Namen Karabas, der das Gespött
der Straßenjungen war, von der Gasse auf, stellten ihn auf ein Podium,
krönten ihn, indem sie eine offene Buchrolle auf seinem Kopf zum
Diadem zusammenlegten, hingen ihm einen Fußteppich als Krönungsmantel
um und gaben ihm endlich statt des Zepters ein Stück von einem Schaft
des Papyrusschilfs, das weggeworfen auf dem Pflaster lag. Das geschah
aber, sagt Philo, in Nachahmung der Mimen im Theater (ὡς ἐν θεατρικοῖς
μίμοις). Denn diese Leute hatten keine feinere Bildung (βραδεῖς τὰ καλὰ
παιδεύεσθαι), sondern bei den Dichtern der gemeinsten Volksschwänke
gingen sie in die Lehre (ποιηταις μίμων καὶ γελοίων διδασκάλοις
χρώμενοι)[388].
[Randnotiz: Der Tölpel als König im Mimus.]
Ein Papyrusschaft als Zepter! eine Buchrolle als Krone! Derartige
Verkleidungen sah man damals also wirklich auch auf der Bühne. Aber
auch von dem, was Philo noch weiter hinzufügt, werden wir annehmen
dürfen, daß darin dieselben Theaterstücke nachgeahmt sind, wenn schon
Philo dies nicht ausdrücklich sagt. Denn der Bericht geht weiter. So
stand also Karabas als König da. Junge Leute stellten sich (jedenfalls
auf demselben Podium) als Gefolgschaft um ihn herum und spielten
eine Szene; sie huldigten ihm (ἀσπάζεσθαι) und gingen ihn dann um
Rechtsentscheidungen und um Entscheidungen in Verwaltungssachen
an. Die Menge aber bildete um die Gruppe einen Kreis, wie um den
Pulzinellkasten, und auf einmal scholl aus dem Publikum der Ruf:
„Maris!“ Maris hieß nämlich, sagt Philo, auf syrisch „der Herr“.
Agrippa selbst aber war Syrer.
Wir dürfen voraussetzen, daß solche Szenen wie die geschilderte
im Volksschwank oder Mimus damals beliebt waren. Daraus hat ein
Gelehrter[389] den zunächst wirklich naheliegenden Schluß gezogen, daß
auch die Kriegsknechte im Evangelium diesen nämlichen Volksschwank
gekannt haben und daß in der Verhöhnung Christi dieser Schwank von
ihnen nachgebildet, gespielt worden ist. Das Leiden des Herrn eine
Theaterszene! Christus ein Opfer der Parodie und des Mimus!
In der Tat liebte der Schwank die Parodie; er liebte auch das
Improvisieren, und um den königlichen Prunk nachzuahmen, konnte er
sich damit begnügen, Krone, Mantel und Zepter mit geringwertigen
Gegenständen, wie sie sich eben darboten, zu ersetzen; das wirkte
drollig und rührsam zugleich. Dementsprechend erhält also auch Christus
von den Soldaten das Rohr statt des Zepters, zur Krone aber werden
Dornen verwandt, von denen wir annehmen können, daß sie am nächsten zur
Hand waren. Die Übereinstimmung ist augenfällig.
Aber wir dürfen auch die Unterschiede nicht übersehen, und der irrt,
wer da glaubt, die biblische Erzählung aus Philo wirklich hinlänglich
erklären zu können.
Der Pseudokönig Karabas, von dem Philo redet, wird auch aufgefordert,
Recht zu sprechen. Es bleibt aber zweifelhaft, ob das wirklich zu
seiner eigenen Verhöhnung geschah. Wie die Handlung in solchem
Königsmimus verlief, wissen wir gar nicht. Auch Philo sagt es uns
nicht[390]. Es ist aber denkbar und vorläufig die nächstliegende
Annahme, daß darin einfach der Glückstraum des Armen, von dem ich
sprach, verwirklicht wurde und also die Verlegenheit eines Menschen wie
Alynomos zur Darstellung kam, der, aus der Armut aufgelesen, plötzlich
im Purpur Recht sprechen und regieren soll. Da der Mimus vielfach
ein Spiel aus dem Stegreif war, wurde dabei, wie gesagt, auch das
Königsornat improvisiert und der erste beste Gegenstand dazu verwendet.
Jedenfalls ist bei Philo nicht Karabas selbst das Ziel des Hohnes,
sondern Agrippa. Nur angesichts des anwesenden Königs Agrippa erhielt
die Karabasszene die Pointe beißender Satire und diente dem Zwecke der
Verhöhnung. Das ist klar. Agrippa sollte sich in dem armseligen Tropf
wiedererkennen. „Auch Agrippa ist nichts als solch ein kümmerlicher
Regent von Glückes Gnaden, der da vom Herrschen und Richten nichts
versteht!“ das war der Sinn, das war der Witz der Sache.
Suchen wir uns das Theaterstück, von dem die Karabasszene nur eine
Nachahmung war, selbst vorzustellen, so hatte dasselbe sicher keine
Spitze gegen die Juden Alexandriens[391]. Denn nirgends steht hiervon
irgend etwas angedeutet. Aber auch sonst war das Stück gewiß tendenzlos
und viel mehr rührsam als roh[392]: sein Gegenstand ein armer Schlucker,
der, wie er sich vielleicht heimlich gewünscht, oder auch ganz gegen
seinen Willen, plötzlich König wird, der sich aber als Stupidus
ausweist und schließlich erleichtert wieder in sein Nichts zurücksinkt.
Dieser Mimus braucht also von den Königsmaskeraden des
Saturnalienfaschings gar nicht wesentlich verschieden gewesen zu
sein. Im Gegenteil! Kein Zweifel, daß auch die Saturnalienkönige
in schlichteren Verkehrskreisen und in den Kleinstädten nicht etwa
immer in Gold und kostbare Stoffe gekleidet wurden, sondern daß man
sich dabei gerade so, wie wir es beim Karabas sehen, um den Spaß zu
steigern, in echt karnevalistischer Sorglosigkeit mit geringwertigen
und parodistischen Hilfsmitteln begnügte. Vor allem aber beachte man,
daß nach Philo jener Karabas, der den König darstellt, ein Blödsinniger
oder Schwachsinniger ist. Der dämlichste Mensch wird ausgesucht; er
war für diese Rolle just der geeignetste. Ganz ebenso haben wir aber
vorhin auch für den Saturnalienkönig den Charakter des Tölpels und
Stupidus festgestellt, genauer den Charakter des „~fatuus~“ oder
Blödsinnigen, der auch im Sprichwort ausdrücklich mit dem „König“
zusammengebracht wurde; ich meine das Sprichwort, von dem Seneca in
seiner Claudiussatire ausgeht: ~aut fatuum aut regem nasci oportere~:
„ein wahrer König oder ein wahrer Stumpfbold kann man nur von Geburt
sein!“ Kaiser Claudius aber, der Saturnalienkönig, war sogar beides in
eins, ~fatuus~ und ~rex~[393].
Aber die Ähnlichkeit zwischen Karabas und dem Kaiser Claudius geht
noch weiter. Die wirklichen Verdienste dieses Regenten kommen hier
natürlich nicht in Betracht, sondern nur die Anschauung, die über
ihn in seiner eigenen Familie, in der vornehmen Welt Roms und, als
Claudius starb, auch bei Seneca herrschte. Danach war Claudius
„~fatuus~“, schwachsinnig und unzurechnungsfähig von Geburt an[394],
wie Karabas. Aber er hatte gar keine Aussichten, König zu werden, und
lebte die längste Zeit seines Lebens ganz verborgen und verachtet[395],
wie Karabas. Wider den eigenen Willen wird er dann zum Monarchen
erhoben, wie Karabas. Aber er benimmt sich dabei wie ein alberner
Saturnalienkönig, so wie sich ohne Frage auch Karabas in der Mimusszene
seiner Natur gemäß verhalten haben muß. Nach dem Ausdruck Senecas[396]
dehnte Claudius die Saturnalien als Saturnalienkönig über das ganze
Jahr aus; d. h. sein Narrenregiment kam nie zu Verstande. Wer will
leugnen, daß zwischen der Vorstellung vom Saturnalienkönig und dem
einfältigen König im Mimus bei Philo kein wesentlicher Unterschied,
sondern vielmehr ein naher Zusammenhang besteht?
Blicken wir endlich zurück und vergleichen nochmals den
Evangelienbericht, so ergibt sich nun mehr als ein Unterschied. Denn
in der Bibel will Christus selbst König sein, und das ist es, weshalb
er verhöhnt wird. Bei Philo will Karabas selbst durchaus nicht König
sein, und darum richtet sich der Hohn der Mitspieler auch nicht gegen
ihn, sondern nur gegen den König Agrippa, der zuschaut. Der Unterschied
liegt auf der Hand. Er macht aber die vorhin bemerkte Übereinstimmung
zwischen der Karabasszene und dem Evangelienbericht vollkommen
illusorisch.
Dazu kommt der zweite und bedeutendere Unterschied, daß dem Mimus
nämlich augenscheinlich jede rohere Handlung abging. In den Evangelien
gipfelt ja die grausame Komödie darin, daß die Soldaten, die eben noch
vor Jesus knieten und ihn begrüßten: „Sei gegrüßt, König der Juden!“
ihn plötzlich anspeien und ihm mit dem gewiß sehr festen Rohr, das
als Zepter dient, aufs Haupt schlagen. In der Szene, die Philo gibt,
denkt niemand daran, Karabas zu vergewaltigen. Wir müssen also den
griechischen Mimus mit Nachdruck von aller Schuld lossprechen: zu der
Christuspassion hat sein Vorbild ganz gewiß keinen Anlaß gegeben.
Es fehlt demnach immer noch der Nachweis, woher es kommt, daß dieselbe
Person, der man den königlichen Schmuck anlegt, auch Gegenstand der
Verhöhnung, ja, auch der Züchtigung und Peinigung wird.
Man wird ein weiteres Suchen wertlos und zwecklos finden. Die
Geschichte der Schrift, kurz und ergreifend wie sie ist, erklärt sich
aus sich selber. Die Handlung entstand aus der Situation. Ganz ohne
Zweifel! Wozu also noch weitere Analogien? Und doch wird, was wir
lesen, begreiflicher, es verliert gleichsam das Zusammenhanglose und
stellt sich auf den Boden der Zeitgeschichte, wenn wir uns noch an
anderes erinnern und bei den Römern selbst weitere Belehrung suchen.
Wir fragen nicht den Mimus, sondern die Geschichte.
[Randnotiz: „~Sardi venales~“. Vitellius’ Ende.]
Ich denke zunächst und vor allem an die „~Sardi venales~“ Roms, so
seltsam sie klingen und so verschüttet auch ihr Andenken bei den
Historikern ist. Als die Etrusker niedergeworfen, als Veji, die
mächtigste Feindin in Roms Nähe, erobert war, wurde in Rom an den
kapitolinischen Spielen[397], die nie staatlich, sondern von einer
Privatgenossenschaft im Oktober ausgerichtet wurden, eine symbolische
Handlung üblich, die seitdem jährlich sich wiederholte; es war eine
Auktionsszene. Aus der Schar der verkäuflichen Sklaven wurde ein
möglichst kümmerlicher Greis (~senex deterrimus~) ausgewählt, in
das königliche Prachtornat der Etrusker nebst goldner „~bulla~“
eingekleidet und so fürstlich angetan zum Verkauf vom Forum auf das
Kapitol über die ~Sacra via~ geführt. Es war dies also der König Vejis
selbst, in tragikomischer Travestie, an dem sich das übermütige Volk
der Sieger „voll Hohn“[398] immer wieder belustigt hat. Wie leicht hätte
da auch schon der Spott die Formel finden können: „Sei gegrüßt, König
der Etrusker!“ In Wirklichkeit wird uns auch hier wieder (wie bei
Karabas und Kaiser Claudius) die Dummheit dieses Königs betont[399];
sonst hören wir nur, daß ein Marktschreier (~praeco~) den Spottkönig
nebst Gefolge mit dem Ausruf „~Sardi venales~“, d. h. „hier sind Sarder
zu kaufen!“ begleitete. Die Etrusker leiteten sich nämlich von Sardes
in Kleinasien her.
Zu körperlichen Mißhandlungen kam es jedoch hierbei nicht. Denn
man hatte den König Vejis nicht selbst vor sich, sondern nur sein
mimisches Abbild. Sowohl Einkleidung aber wie Verhöhnung liegt hier,
wie man sieht, tatsächlich vor; nach Plutarchs Zeugnis sah man diesen
Spottkönig in Rom wirklich alljährlich bis in seine Zeit, d. h. bis
zum Jahre 100 n. Chr. und später[400], also eben in der Zeit, als
die Evangelien geschrieben wurden, und wir beginnen schon jetzt zu
begreifen, wie es gekommen, daß auch die Einkleidung des „Königs der
Juden“ Jesus Christus und seine Verhöhnung von den Kriegsleuten eben
desselben Volkes geschah, bei dem solcher brutaler Mummenschanz zum
alljährlichen Festprogramm gehörte.
Ein paar Jahrzehnte aber nach Christi Leiden spielt sich in Rom der
Tod des Kaisers Vitellius ab. Da hören wir[401]: Vespasians Truppen
rücken gegen Roms Mauern. Vitellius ist besiegt. Er hat seinen Purpur
abgeworfen und verbirgt sich auf dem Palatin, in Lumpen gekleidet, um
nachts nach Terracina zu entweichen. Die feindlichen Soldaten aber,
die sein Kaisertum nicht anerkennen und bekämpfen, suchen nach ihm,
finden ihn beschmutzt und mit Blut besudelt. Sie zerreißen ihm das
Kleid am Leibe, binden ihm wie einem verurteilten Verbrecher die Hände
auf den Rücken, führen ihn über die ~Sacra via~, wo er noch gestern im
königlichen Wagen fuhr, auf das Forum, wo er sonst als Herrscher Recht
gesprochen. Und die einen schlagen ihn nun, die anderen zupfen ihn am
Kinn, alle verspotten ihn voll Übermut, indem sie ihm sein wollüstiges
Leben vorwerfen. Er senkt den Kopf vor Scham. Da stechen sie ihn von
unten mit den Dolchen ins Kinn, so daß er das Haupt aufrichten muß.
Ein keltischer Soldat hat Mitleid und versucht Vitellius zu töten,
um ihm weitere Grausamkeiten zu ersparen. Aber der Versuch mißlingt,
und mit Gelächter geht es weiter bis zum Gefängnis. Endlich wird er
niedergehauen.
[Randnotiz: Brutalität des Militärs. Das Königtum des Cynikers.]
Christus und Kaiser Vitellius! welch eine Zusammenstellung! Und doch
haben wir in jener wüsten Greuelszene endlich ein wirkliches Pendant zu
dem gefunden, was die Soldaten dem Heiland vor seiner letzten Stunde
angetan. Hier haben wir das, was im Mimus bei Philo vollständig fehlt:
der Mann, der da leidet, ist Prätendent; Vitellius prätendiert Kaiser
zu sein; Christus prätendiert König zu sein. Darum und durch diesen
Anspruch lenken beide den Hohn auf sich, und darum werden sie auch
gepeinigt, damit sie nämlich an ihrem Leibe ihre Wehrlosigkeit merken
und wie wenig sie in Wirklichkeit König sind. In beiden Fällen handelt
es sich außerdem um die Hinrichtung des Prätendenten; in beiden Fällen
aber kann die Soldateska Roms sich nicht entschließen, sie sofort zu
vollstrecken, sondern treibt zuvor, wie das Raubtier mit seiner Beute
ein grausames Spiel, wobei zu den Spottreden die Stockschläge kommen
(ῥαπίζειν Cassius Dio; διδόναι ῥαπίσπατα Evangel. Johann. 19, 3).
Es ist gut, den römischen Soldaten zu kennen, wenn man sein Verhalten
verstehen will. Was ich aber behaupte, ist zweierlei, und dies muß
scharf unterschieden werden.
Wenn die Soldaten auf den für sie ergötzlichen Einfall kamen,
Christus als König zu verkleiden und zu krönen, so ist ihnen das
gewiß eingegeben durch die Erinnerung an einen Mummenschanz, der,
wie gezeigt, damals auch sonst im Schwang und weit verbreitet, der
gelegentlich im Volkstheater des Mimus zu sehen, der vor allem in
Rom alljährlich im Oktober beim kapitolinischen Fest der ~Sardi
venales~ und gleich danach im Dezember beim Saturnalienfest gang und
gäbe war. Das Wichtigste an dem Hergang im Evangelium erklärt sich
jedoch vielmehr aus dem historischen Moment selbst, aus unmittelbarer
Eingebung und aus der brutal kaltherzigen Grausamkeit des gemeinen
Mannes im Heer, jenes römischen Söldlings, der die Könige Mazedoniens
und Numidiens dereinst gefangen nach Rom geschleppt und für den jetzt
eben die Zeit herankam, wo er frevelhaft übermütig die Kaiser Roms
selbst machte und wieder vernichtete. So sehen wir, wie er sich daran
weidet, als Henkersknecht seine Übermacht an dem Wehrlosen auszulassen,
der den Purpur beansprucht, ohne ihn behaupten zu können. Diese
unheimlich gärende Macht, die sich zuerst beim Tode des Vitellius vor
uns so grausig und erschreckend enthüllt, dieselbe ist es auch, die
sich im gleichen Triebe, aber voll Mißverstand an dem „König“ Christus
vergriffen hat.
Wir haben bisher nur die roheren Volksschichten des antiken Lebens, die
einer höheren Schulbildung und dem veredelnden Einfluß der griechischen
praktischen Philosophie nicht ausgesetzt waren, ins Auge gefaßt. Das
ist aber ungerecht. Versuchen wir daher schließlich auch noch, uns
vorzustellen -- und das ist wertvoller als alles bisher Gesagte --,
welchen Eindruck die evangelische Erzählung, von der wir gehandelt,
zur Zeit, als sie erschien, auf die wirklich gebildete griechische
Welt machte, d. i. vor allem auf solche Männer -- und sie zählten
allerorts zu Tausenden --, denen Religiosität und Trieb zur sittlichen
Läuterung damals die wichtigsten Werte und Kraftquellen der Kultur und
aller menschlichen Existenz schienen. Ich meine die Anhänger der Stoa
und des Cynismus, die da Reichtum und Ehre und Luxus und selbst die
Liebesfreuden verachten lehrten, sich allen sog. Glücksgütern entzogen
und die Selbstzucht bis zur Bedürfnislosigkeit trieben. So sehr sie
auf den Kaiser Roms herabsahen: der Königsbegriff stand als Gipfel des
Wünschenswerten doch auch bei diesen Männern obenan. Diogenes braucht
einen Alexander den Großen, um sich sagen zu können: ich bin mehr als
er. König sein! das ist auch hier das Schlagwort. Mit lang hallendem
Echo geht das Wort durch die Jahrhunderte hindurch: „Wer entsagt, ist
König!“ ~Rex eris!~ Wozu Belege häufen? Ich zitiere für hundert Stellen
nur die eine, wo Epiktet in seinen herben Diatriben von dem, der sich,
rasch entschlossen, dem mönchischen Leben des Cynikers zuwendet, sagt,
daß er nach Zepter und Königtum greift und daß Zeus selbst es ist, der
ihn mit Zepter und Diadem bekleidet[402].
Zepter und Krone! Gott gibt sie dem, der sich selbst überwindet! In
diesem Sinne und als geläufiges Symbol für den moralischen Sieg der
Vollkommenheit im Guten muß damals die Krönung Christi auch auf den
stoisch-cynisch erzogenen Griechen tief gewirkt haben. Die Krieger
hatten an Christus wider Willen das Rechte getan.
Witzliteratur und Gesellschaft in Rom.
Die erhabene Muse, die Begeisterung und Andacht wirkt, greift nur in
den Himmel zu den Göttern oder in die Vergangenheit, wo die sagenhaften
Helden wachsen, auf die kein Staub des platt Alltäglichen und der
trivialen Wirklichkeit fällt. Wer die Ideale eines Volkes kennen lernen
will, lausche ihrer erhabenen Dichtkunst; wer ihre natürlichen Triebe
und Instinkte, der suche seine Scherz- und Spottpoesie auf. Auch sie
hat ihre Muse, hat Kunst und Grazie; aber diese Muse schaut nach unten.
Indem +ein+ Volksgenosse mit Witzen oder Sticheleien über den anderen
herfällt, lernen wir seine Opfer, lernen wir auch ihn selbst, der da
redet, nahezu persönlich kennen, und das Menschentum selbst steht
lebendig vor uns.
Die alte römische Literatur ist an Invektiven reich; der Römer war in
allem stark und wuchtig, so auch im Schimpfen; er verstand sich aber
auch auf die Kurzrede, auf den scharfen Schliff des Worts.
Dabei ist es wichtig, zu beachten, welche Angriffsobjekte gewählt
werden und welche man vermeidet. Denken wir an unsere heutigen
Witzblätter. Der „Simplizissimus“, dessen künstlerische Leistungen
so hoch stehen, kannte keine Rücksicht und Vorsicht und übergoß,
weit ausgreifend, auch den Offiziersstand, auch hohe Chargen und
Würdenträger, auch Geistliche mit seinem ätzenden Hohn. Gutherzig
zurückhaltend sind dagegen die „Fliegenden Blätter“, auch „Meggendorf“.
Unser Wilhelm Busch hat sich wohl gelegentlich am Hlg. Antonius
vergriffen, den Militärstand hat er geschont. Bauern in ihrer
tollpatschigen Naivität führen uns die „Fliegenden Blätter“ vor,
Gauner vor Gericht, Geldprotzen, die gern adelig wären oder sonst dick
tun, verstiegene Dichterlinge, Hausfrauen, die nicht kochen können,
oder solche Schönen, die, um zu glänzen, ins Bad reisen wollen und
ihrem ächzenden Gatten das Geld aus der Tasche locken, um der Mode
zu frönen; dazu auch junge Leutnants mit dem Monokel und palmenhaft
schlanker Taille. Man lacht über all die Albernheit, aber man lernt
trotzdem das Volk, insonderheit den süddeutschen Menschenschlag, dabei
lieben; man muß ihm gut sein.
So führen uns nun auch die römischen Spottdichter in das Stadtvolk,
allerdings leider nur in das römische Stadtvolk ein. Auch Rom hatte
seine fliegenden Blätter; aber sie fliegen nicht mehr, sondern vieles
ist davon verloren und verflogen; der Rest ist festgeheftet im Buch
der strengen Literaturgeschichte, und wir müssen sie erst wieder
herauslösen und sie wieder in Flug bringen, damit sie leben und lachen.
Wenn wir hier auch von der großen Komödie des Plautus und Terenz ganz
absehen, so bleiben noch Dichter genug, an die wir uns halten können:
die Reste der Togatendichtung, des Lucilius und der Atellane, sodann
Catull, Horaz, die sonstigen Satiriker, vor allem Martial. Gröbster
Schimpf, harmlose Scherze klingen da durcheinander. Sehen wir einmal
nach, was sie uns bringen und sagen können.
[Randnotiz: Die Zote. Tendenzlos Lustiges. Die Invektive.]
Ein beträchtlicher Teil fällt da freilich gleich für uns weg: das
Gebiet der Unanständigkeiten. Die Zote gehörte damals als etwas
Selbstverständliches zum Witz, bei Griechen und Römern, ein Merkmal
primitiver Urwüchsigkeit, und war nahezu die ergiebigste Quelle für
die Satire. Um jemanden gesellschaftlich tot zu schlagen, war dies die
bequemste Waffe: man warf ihm sexuelle Gemeinheiten vor. Ob wahr oder
unwahr, es blieb immer etwas haften. Auch Julius Caesar ist dem nicht
entgangen.
Aber das war nicht nur im Altertum so. Das Christentum hat darin
keinen Wandel geschaffen. Das Obszöne gehörte zum Witz durch das ganze
Mittelalter (man denke nur an die Fastnachtspiele); es machte sich auch
im 16. Jahrhundert erschrecklich breit, ja es reicht noch weiter bis
in unsere nächste Nähe. Erst das 19. Jahrhundert hat sich gründlicher
davon gesäubert. Diese Dinge bilden ein Stoffgebiet für sich, das wir
nicht übersehen dürfen. Wir stellen sein Vorhandensein fest, aber wir
wollen nach Möglichkeit vermeiden, es zu betreten.
Drei Arten derjenigen Dichtkunst, die sich nicht in rein ernsthaftem
Ton hält, lassen sich, wenn schon die Grenzlinien oft nicht scharf
verlaufen, unterscheiden. Oft hat sie nur den Zweck der tendenzlosen
Belustigung, was die Griechen u. a. Hilarodia (ἱλαρῳδία) nannten.
Man soll nur sorglos lachen. Dahin gehören solche Sachen im Stil
der Jobsiade wie der Margites der Griechen oder die Geschichte, wie
Odysseus den Zyklopen übertölpelt; dann aber auch das ganze Gebiet
der Travestie, die dabei leicht in das Schlüpfrige geht; man denke
an Offenbachs Schöne Helena; und diese Spaßmacherei und Ulk wird
schließlich kraß realistisch in der Gartendichtkunst der Priapeen.
Anders liegt die Sache beim persönlichen Angriff, wo sich die Bosheit
regt. Das Lachen, das da entsteht, ist Schadenfreude, moralische
Vernichtung der Zweck. Hier regt sich der Schimpf und greift zu
allen Mitteln der Übertreibung und des Grotesken. So fiel schon
Nävius über den großen Scipio her, Catull und Calvus über Caesar,
Cicero über Antonius, Claudian über Eutrop, den allmächtigen Eunuchen
am christlichen Kaiserhof. Tapfer ist es, wenn die Dichter sich
dabei offen mit Namen nennen, und Nävius erntete für seine Angriffe
Kerkerhaft, Antonius ließ Cicero köpfen. Am häufigsten waren dagegen
anonyme Pasquille, die man an die Türen heftete und die das Volk durch
die Gassen schrie, so die Verse über den Kaiser Tiberius:
Unhold bist du und hart. Um dir kurz, was ich meine, zu sagen:
Köpfen laß ich mich gleich, wenn eine Mutter dich liebt[403].
Oktavian, der Triumvir, war ein schlechter Feldherr. Die Militärs in
Rom hatten ihren Spaß daran, wie kläglich es ihm im Seekrieg mit Sextus
Pompejus bei Sizilien erging. Da ging der Vers um:
Beide Seeschlachten verloren!
Beide Flotten! Wie von Sinnen
Würfelt er jetzt täglich: „Lernt’ ich
Doch beim Knobeln das Gewinnen!“
Auch aus dem Kleinleben des verschütteten Pompeji sind uns solche
Anwürfe bekannt. Man kreidete sie an die Wände, um den Mitbürger zu
ärgern, und da stehen sie z. T. noch heute. Zum Beispiel „Samius
wünscht seinem Kollegen, er möge sich erhängen!“ oder „Der Restitutus
hat oft viele Mädchen betrogen,“ oder in der Schenke an der Wand:
Kneipwirt, möchten solche Lügen
Auch einmal dich selbst betrügen.
Selber trinkst du reinen Wein,
Andern schenkst du Wasser ein[404].
[Randnotiz: Satire. Togatkomödie.]
Während diese Sachen meist kurz sind, je kürzer, je wirksamer, wie
gespitzte schlanke Pfeile, liebt die dritte Dichtungsform, von der ich
zu reden habe, vielmehr den breiten Aufbau; sie schreitet im breiten
Faltenwurf daher. Es ist die römische +Satire+. Der römischen Satire
genügt das Spotten nicht; sie will erziehen. Griechische Humoristen,
die zwar bitter ernst in das Leben sahen, aber das Laster nur für eine
Torheit der Seele, die Tugend nur für Klugheit hielten, haben die
satirische Predigt erfunden. Sie lag dem Römer vortrefflich, er ergoß
sein ganzes eigenartiges Wesen hinein und hat sich in ihr ausgelebt
von dem großen Lucilius an bis Juvenal und weiter. Die Spottgedichte
Martials sind nur kleine lachende Kobolde; die Satire schreitet
hochgewachsen, matronenhaft als weise Frau und Gouvernante von Beruf
mit strengem Blick und greller Stimme durch die Jahrhunderte Roms,
unermüdlich und mit spitzer Zunge scheltend, polternd und ermahnend;
denn sie will Rechtschaffenheit, anständige Gesinnung, Wahrheitssinn,
bisweilen auch Güte des Herzens lehren und den kleinsinnigen,
abgefeimten Praktikern des Lebens die edleren Werte vorhalten, sie an
das Sittliche gewöhnen. Da greift sie sich dann den und jenen aus dem
Publikum, legt ihn übers Knie und schwingt die Rute, daß er es fühlt
und die Zuschauer lachen, aber durch das statuierte Beispiel klug
werden. Dann ruht sie aus, schlägt die Hände zusammen und schüttelt
sich vor Lachen. Römische Satire und Kapuzinerpredigt: da ist kaum
ein Unterschied. Wir wissen, wie der Kapuziner zu den Wallensteinern
spricht. Abraham a Santa Clara ist der nächste Verwandte Juvenals.
Die Satire hat in der Tat einen hohen Beruf erfüllt und will ernst
genommen werden. Die winzigen Spottepigramme dagegen, im Distichon,
Jambus oder Phaläceus, sind Späße des Augenblicks, und der Leser huscht
rasch von einem zum anderen. Wozu sie behalten? Es lohnt nicht.
Für den Spätgeborenen aber lohnt das Verweilen doch; ich meine für
den, der den Augenblicksmenschen der Gegenwart in der Vergangenheit
wiederzufinden sucht. Im Epigramm ist das Leben lebendig: natürliches
Leben; Augenblicksleben; römisches Volksleben! Das ist es, was uns
jetzt kurz beschäftigen soll.
Einen Vorklang dessen, wonach wir suchen, bringt schon das alte
Volkslustspiel der sogenannten Togatkomödie. Nävius, Titinius, Atta
und Afranius waren ihre Vertreter. Nur kurze Späßchen sind uns leider
daraus erhalten; aber sie wirken mitunter wie Epigramme und werfen ein
kurzes Schlaglicht auf die Personen, die da auftraten und die für uns
sonst ganz im Dunkeln stehen. „Armselig die Eheherren, die bei ihren
Frauen die Magd spielen! Nur die große Mitgift macht’s[405].“ Und diese
Weiber sind dem Wein nicht abhold: „Gebt ihr zu trinken,“ heißt es;
„denn sie ist eben in Wut[406].“ Ein Modefatzke tritt auf, und man fährt
ihn an: „Du trägst ja gedrehte Stirnlöckchen wie ein Hermaphrodit[407].“
„Deine Frau ist zu protzig,“ rät ein Freund dem anderen; „schaff’ Wagen
und Maultiere ab und laß sie zu Fuß trollen[408].“ Das Straßenleben
tut sich auf, und wir hören den Vorwurf: „Du schreist so auf offener
Straße? Schämst du dich nicht vor dem Publikum[409]?“ Endlich der weise
Satz: „Es lohnt sich für das Kind nicht, daß seine Eltern leben, wenn
sie lieber Furcht als Ehrfurcht erregen wollen[410].“
[Randnotiz: Pasquille. Catull gegen Caesar.]
Die Stücke, aus denen dies genommen ist, waren noch altrömisch; sie
fallen noch früher als Ciceros Zeit. In der Zeit Ciceros, da blühte in
Rom nun auch schon das +Pasquill+, und da hören wir auch Namen. Das
kühne Wort herrscht. Ein Versteckenspielen gibt es nicht. Ein gewisser
Caninius war Konsul in Rom geworden; aber schon folgenden Tages
mußte er wieder aus dem Amt; er hat also in seiner hohen Würde nur
allzu wenig Schlaf gefunden. Cicero selbst war es, der ihn darum dem
Gelächter preisgab:
Caninius ist wach; das ist er in der Tat.
Er schlief nur +eine+ Nacht in seinem Konsulat!
Allerliebst ist das, aber immerhin noch harmlos. Das Gegenteil des
Harmlosen aber war +Catull+, Ciceros jüngerer Zeitgenosse. Lieb und
treuherzig, warm und herzgewinnend in seinen anderen Gedichten, die
von Liebe und Freundschaft singen, ist Catull Gift und Galle, wo er
angreift, und das unsauberste Wort ist dem Schonungslosen da gerade
recht. Abwischpapier nennt er das neue Epos des Volusius. So warf er
sich auch auf Julius Caesar. Caesar wurde eben damals groß. Er wurde es
durch die Unterstützung des großen Pompejus. Gleichzeitig gab Caesar
dem Pompejus seine junge Tochter Julia in die Ehe; Pompejus war also
Caesars Schwiegersohn. Den gallischen Krieg hatte er durchgefochten;
Mamurra hieß da der Hallunke und Durchgänger, der im gallischen
Krieg Caesars rechte Hand war, nicht nur als Genieoffizier, der beim
Brückenbau und allem Kriegstechnischen half, sondern auch als Räuber
und Ausplünderer des neu unterjochten Landes. Nicht nur mit der
rechten, mit beiden Händen griff damals Caesar und seine Kreaturen nach
Galliens Reichtümern. Wie ein Wutschrei der Entrüstung sind die Verse,
mit denen Catull sofort über Caesar und Mamurra herfällt. Für den
Augenblick hastig hingeworfen, sind sie doch ewige Geschichtsdenkmäler,
diese Verse. Das Hauptstück sei, damit jenes erregte Leben vor uns
aufgehe, hierhergesetzt, indem ich jedoch nicht versäume, einige
unerhört krasse Ausdrücke zu mildern[411]:
Wer kann dies nur mit ansehn, wer es dulden nur,
Der nicht ein Hurer, Schlemmer und ein Spieler ist,
Daß nun Mamurra sein nennt, was an Üppigkeit
Großgallien und das ferne Britenland besaß?
Du Wollust-Romulus, das siehst und gibst du zu?
Und übermütig, übertriefend soll er jetzt
Durchwandeln dürfen jedes beste Bettgemach,
Ein zärtlich weißer Täuber und Adonis? Wie?
Du Wollust-Romulus, das siehst und gibst du zu?
Du Hurer, Schlemmer und du Spieler, der du bist!
Das war’s, warum du einzig großer General
Auf der gen Westen allerfernsten Insel warst,
Damit hier euer Wüstling, der verbuhlteste,
Zwei Millionen oder drei verspeisen kann?
Was füttert ihn die alberne Freigebigkeit?
Hat er genug verjuxt nicht? nicht verpraßt genug?
Sein väterliches Erbe bracht’ er durch zuerst;
Zu zweit die Pontusbeute, dann die spanische
Als dritte, die der goldesreiche Tajo kennt.
Und Gallien und Britannien kennt die letzte gar.
Was hegt ihr diesen Schurken? Was versteht er denn,
Als Güter bloß zu schlucken, die die fettsten sind?
Das war’s, warum ihr, Schwiegervater, Schwiegersohn,
Die Welt zertrümmert, ihr beschmiertesten der Stadt?
Lärm und Orkan der großen, der größten Weltgeschichte: davon spüren wir
etwas in diesem Probestück. Caesar suchte seinen Frieden mit diesem
jungen, sprühenden Genie zu machen; aber Catull beruhigte sich nicht,
und wir hören, wie er noch weiter droht: „Abermals sollst du dich
über meine Jamben erbosen, du einziger Feldherr[412].“ Dann starb der
heißblütige Dichter. Er starb früh; Caesar überlebte ihn.
[Randnotiz: Vergil gegen Noctuin und gegen Sabinus.]
Der Lärm verstummte. In weit engere Verhältnisse führt uns zu jener
Zeit der große Dichter Vergil. Er war der Dichter des edlen Brusttons
und des sentimentalen Pathos; sentimental sind nicht nur seine Helden:
auch seine Hirten. Aber so war Vergil nicht immer; seine großen Werke
schrieb er erst als reiferer Mann und abgekühlten Blutes. Auch er war
einst jung und fuhr übermütig derb um sich, wie die anderen, wenn ihn
die Torheit der Glücksritter reizte, zu der Zeit, als er noch in seiner
norditalienischen Heimat, in Mantua und Cremona lebte, wo er geboren
war.
In Cremona lebte der Inhaber einer Töpferei, mit Namen Atilius. Der
„stolze Noctuinus“ kommt und heiratet dessen Tochter. Aber Noctuin ist,
so scheint es, Trinker, und heiratet auch noch gleich den Weinkrug, den
der Schwiegervater fabriziert. Nach volkstümlicher Redeweise wird der
Krug als Tochter des Töpfermeisters gedacht, der ihn geschaffen hat.
Nun kommt Vergil dem Noctuin mit einem kleinen boshaften Hochzeitspoem,
das für den heutigen Gelehrten unendlich wertvoll ist; denn es ist
für uns die einzige erhaltene Probe der sog. „Fescenninen“, des
Hochzeitsulks der alten Römer. Der Dichter steht auf der Gasse und ruft
das Volk zusammen:
Da kommt er, der Ekel, im Zug heran,
Der Noctuin, der stolze Mann.
Das Weibchen, das dir erwünscht erschien,
Du hast sie nun, hast sie nun, Noctuin.
Doch sieh: der Besitzer der Töpferei
Atilius hat der Töchter zwei
Und gibt dir -- stolzer, freu’ dich doch --
Auch die selbstgebackene zweite noch.
Die zweite Tochter ist der Krug.
Du leerst die Tochter in einem Zug.
Ja, auch solch ein „Zug“ ist ein Hochzeitszug.
Herbei, ihr Leute, und stimmet an:
Ein Hoch dem strebsamen Tochtermann!
Ob sich Noctuinus nicht an dem Dichter gerächt hat? Denn im
Schreibtisch blieb das Gedicht sicher nicht liegen. Anschaulicher
noch das andere Stück auf den Sabinus, den Parvenü, der früher
bloß Quintio hieß, der in Cremona einst Pferdeknecht gewesen,
dann sich zum Spediteur heraufgearbeitet hat. Es war die Zeit von
Caesars Gallierkriegen, von denen schon vorhin die Rede war. Große
Militärtransporte gingen damals für das Heer über Norditalien nach
Frankreich. Allein aus dem nachfolgenden Vergilgedicht lernen wir
drei dort ansässige Transportfirmen kennen; berühmter noch war der
Großbetrieb des Spediteurs Ventidius Bassus, den Caesar um seiner
Verdienste willen hernach zu den höchsten Staatsämtern beförderte.
Der Sabinus aber gab, als er glücklich reich geworden, in Cremona
sein Geschäft auf, wurde Duumvir oder der höchste Magistrat am Ort und
ließ nun in der Vorhalle des Tempels des Castor und Pollux -- oder der
„Castoren“ -- sein Sitzbild aufstellen, das jeder mit Hohn und Ingrimm
sah, der ihn einst als Knecht gekannt hatte. Auch den jungen Vergil
packt der Grimm, und wir hören:
Ihr Leute, seht: das ist das Abbild des Sabin.
Was sagt er? daß er einst der schnellste Spediteur.
Nie hat im Flug das leichtste Gig ihn überholt
Von andern Unternehmern, ob nach Mantua
Die schnelle Fahrt ging oder bis nach Brescia.
Das leugnet auch kein Konkurrent, der Trypho nicht
Noch Cerulus, die protzten mit dem Großbetrieb,
Bei denen der Sabinus (damals hieß er bloß
Der Quintio) den Gäulen und dem Zugvieh einst
Als Knecht die Mähnen kappte, weil das harte Joch
Aus Buchs dem Tier den Hals sonst wund und blutig rieb.
Cremona weiß das und das ganze Pogebiet,
Das Land der Sümpfe und der kühlen Alpenluft,
So sagt Sabinus: denn geboren ward er hier;
Als Bürschlein stand er hier im bodenlosen Dreck
Und lud im Nassen täglich alle Lasten ab,
Und dann als Maultiertreiber macht’ er meilenweit
Die Fahrten mit der Fuhre; ja, er selber trug
Die Last flink auf der Stange, wenn die Tiere faul
Sich sträubten (beide oder eins, rechts oder links)
Und bockig nicht mehr weiter wollten im Galopp.
Nie hatt’ er nötig, Göttern, die dem Reisenden
Sonst helfen, Gaben zu geloben. Nur zum Schluß
Hängt’ er im Tempel Roßkamm dann und Zügel auf.
Das ist vorbei! Jetzt sitzt Sabin im Tempel selbst
Als großer Herr und Stadtrat auf kurul’schem Stuhl
Und weiht sich den Castoren so als Statue!
Dies Gedicht ist in seiner lateinischen Fassung ein Meisterwerk ersten
Grades; die Übersetzung kann davon kaum eine Vorstellung geben[413].
Und was das Erfreulichste: sonst bewegt sich alle römische Poesie nur
in Rom selbst; hier haben wir einmal echten Lokalton, muntere, kecke
italienische Kleinstadtpoesie, wie wir sie sonst nirgends finden.
Übrigens hätte Vergil sein Gedicht so oder ähnlich auch noch heute
schreiben können. Ich denke an den Maultiertreiber Mr. Kerkens in
Kansas in Nordamerika. Im Januar 1910 ging durch unsere Zeitungen
folgende Notiz: „Der amerikanische Millionär Richard C. Kerkens in
St. Louis, der für die Vereinigten Staaten als Botschafter nach
Wien geht, hat einen etwas ungewöhnlichen Lebenslauf hinter sich.
Er ist in Irland geboren und in seiner Jugend in Fort Leavenworth
(Kansas) als Mauleseltreiber beschäftigt gewesen. Später rückte er
zum Hilfswarenaufseher auf. Von Leavenworth siedelte er nach Arkansas
über und von dort nach St. Louis, wo er in Eisenbahnspekulationen den
Grundstein zu seinem heutigen Vermögen legte.“
Alles wiederholt sich nur im Leben; ewig neu ist nur die Poesie.
[Randnotiz: Horaz’ Epoden und Lydia-Ode.]
Satiriker von Beruf war +Horaz+; er war überdies auch Spottdichter
in seinen Jamben (oder Epoden), und es lockt von Vergil zu ihm
hinüberzublicken. Denn gleich jenes Sabinusgedicht hat Horaz
nachzuahmen versucht[414]; auch bei ihm handelt es sich um einen
Emporkömmling, der jetzt stolz mit dreiellenlang-schleppender Toga
über die Heilige Straße fegt. Die Sache ist nach Rom verlegt. Aber
Horaz duckt sich; er wagt keinen Namen zu nennen. Der Schlag ist ein
Schlag ins Wasser. Die Invektive entwaffnet sich und wird zum bloßen
Sittenbild.
Gleichwohl gibt uns auch Horaz ein Meisterwerk. Ich meine das berühmte:
„~Beatus ille qui procul negotiis~.“ Mit diesen Worten hebt das Gedicht
an[415]. Irgendeine Stimme ist es, die da redet und das schlichte
Landleben preist: „Glückselig, wer heute keinen Wucher treibt, sondern
wie einst unsere Voreltern sein Feld bestellt! Die Rebe rankt er
bräutlich um die Pappel, pfropft Obst und sammelt Honig, liegt zur
Sommerzeit im Gras und lauscht dem rieselnden Bach und dem Vogelsang,
fängt im Winter Vögel im Garn und jagt den Eber. Da vergißt man alle
grauen Geschäftssorgen; Frau und Kinder sind um dich; das Vieh brüllt
dir im Pferch und wird gemolken, und man lebt vegetarisch von Oliven,
Malven und Sauerampfer, der auf den Wiesen wächst, und nur zum Festtag
schmaust man das Opferlamm.“ Wer spricht da? Ist es der Dichter?
O nein. Zum Schluß erhalten wir plötzlich die geschäftlich kurze
Mitteilung: ein rechter Pflastertreter der Großstadt, ein Wucherer ist
es, der sich in diese Phrasen hüllt:
So sprach der Wuch’rer Alfius, als sehnt’ er sich
Nach Erdgeruch, trieb dann sogleich
Am 15. des Monats alle Gelder ein
Und legt sie neu auf Zinsen an.
Sonst sind es leider zumeist nur alte Weiber und Megären, die Horaz
verhöhnt. Wenn er liebt, liebt er im Grunde nur die Körperlichkeit der
Schönen; wenn er höhnt, verhöhnt er nur den Schönheitsverfall und redet
von ihren grünen Zähnen und ähnlichem. Man möge das im Horaz selber
nachlesen; zum Übersetzen lockt es nicht. Auch noch, als er seine Oden
dichtet, laufen dem Horaz solche Motive mit unter; aber er redet jetzt
maßvoller. Ein Beispiel ist die Ode I, 25 auf die Lydia; es ist das
einzige Liebesgedicht, das ich hier einreihe:
Seltener schon treffen mit dichten Würfen
Kecke Burschen deine geschloss’nen Fenster,
Rauben keinen Schlaf dir, und ihre Schwelle
Liebt, ach, die Türe,
Die vorher die Angeln gar sehr gefällig
Drehte. Wen’ger hörst du und wen’ger rufen:
„Schläferin, mich läßt du die langen Nächte,
Lydia, verschmachten?“
Bald ist all dies Werben verstummt. Da weinst du
Wertlos, alt, im einsamen Winkelgäßchen,
Wenn dir mehr als thrakischer Wind, der wütet
Während des Neumonds,
Heiß entflammte Liebe und die Begierde,
Wie sie Mutterpferde wohl pflegt zu hetzen,
Rasen wird im schwärmenden Eingeweide,
Und du zergrämst dich,
Weil die heitre Jugend des frischen Epheus
Froh ist und berauscht ist in dunkler Myrte,
Dürres Laubwerk aber dem Hebrus weiht[416], dem
Bruder des Winters.
Aufregend war das nicht. Wer frug danach, wer diese Lydia war? Sicher
ein Geschöpf der niederen Frauenwelt, deren es tausende gab. Anders
+Ovid+, der eine vornehme Römerin, Furia, verspottete und sagte: „Da du
Furia heißt, warum soll ich dich nicht eine Furie nennen?“
Das scheußlichste der Art hat damals übrigens Kaiser Augustus
gedichtet. Es sind Schimpfverse auf die Fulvia, die stolze Gattin des
Mark Anton, aus der Zeit, als der große Mann und künftige Weltbeglücker
noch um die Herrschaft rang. Wir wollen das Epigramm mit Nacht
bedecken. Es ist ein Jammer, daß es sich bis auf uns erhalten hat.
Sehen wir uns nach anderem um. Da ist Bavius mit seinem Bruder: ein
neues Motiv von der zärtlichen Bruderliebe. Die beiden sind vielleicht
sogar Zwillingsbrüder und einander, wie wir hören, so treu, daß sie
zeitlebens alles, Landsitz, Stadthaus und Geldwirtschaft miteinander
teilen; es war ein Odem und eine Seele in zwei Körpern. Wie rührend!
Aber Bavius heiratet; auch die Frau soll gemeinsamer Besitz werden:
da kracht die Freundschaft auseinander; das macht der Zorn, und zwei
Königreiche mit zwei Gebietern sind entstanden, die sich fürchterlich
mit Krieg bedrohen.
[Randnotiz: Domitius Marsus. Martial. Die Epigrammdichtung spät
entwickelt.]
Dies kleine Genrebild führt uns nun endlich auf +Martial+ hin. Denn
es ist von +Domitius Marsus+ verfaßt, und Martial war der große
Nachahmer und Fortsetzer des Catull und des Domitius Marsus. Martial,
der unerschöpflich reiche Epigrammatiker aus der Zeit des Kaisers
Domitian: ein Spanier von Herkunft, unverheiratet, fest eingelebt in
das System der kaiserlichen Despotie, pflichtenlos und gedankenvoll,
ein poetischer Bummler, den seine immer gute Laune ernährt: eine
Schmeichelkatze ohne viel Ehrgefühl, eine Klientennatur mit dem Talent,
auf das anmutigste zu necken, zu loben und zu betteln, der sich als
Tischgenosse und Badegenosse der Vornehmen, als Witzemacher und
Verseschmied erster Güte Eingang in alle ersten Häuser der Weltstadt
verschaffte. Auch als er in den Ritterstand erhoben ist, lungert
und katzbuckelt er weiter. Aber seine göttliche Munterkeit, seine
Menschenkenntnis und Darstellungskunst steigert sich noch, und wir
müssen sie bewundern.
Wie war ein solcher Dichter damals möglich? und warum entfaltete sich
die epigrammatische Dichtung in Rom erst so spät? Denn zur wirklichen
Entfaltung, zum vollen Sichausleben kam sie tatsächlich erst durch
Martial. Die Antwort gibt Vergil. Es gab zu Vergils Zeit in Rom noch
keine große Kunst, die sich sehen lassen konnte; wozu sollte man
also die kleine pflegen? Ein schreiender Literaturhunger bestand,
und mit den winzigen Brocken Catulls ließ er sich nicht stillen. Wer
einen Festsaal schmücken will, kann dazu nicht Miniaturen brauchen;
große Tafeln muß er aufhängen, großmächtige Schildereien erst einmal
entwerfen lassen. Daher warf Vergil seine kleinen Jugendversuche hinter
sich und schuf das große Epos, die Äneide. Horaz gab Muster der Satire
und erhabenen Lyrik, Properz seine großen Elegienkränze, Ovid den
Decamerone seiner Metamorphosen. Das war die Augusteische Literatur;
aber sie war noch keineswegs überreich an guten Werken, und daher hat
die zweite Blütezeit unter Nero 50 Jahre später mit gutem Grund noch an
denselben Aufgaben festgehalten und demselben großen Stil gehuldigt.
Der junge Nero selbst dichtete; auch Seneca, sein großer Ratgeber,
tat es; und da gab es also neue Hirtengedichte, neue Oden, das Epos
des Lucan und des Nero, die Satiren des Persius; ja, sogar auch
Tragödien gab es, die einzigen römischen Tragödien, die uns erhalten
sind, in denen Cassandra, Phädra, Medea auf hohem Kothurn schreiten
und wunderbar fließend Latein sprechen. Nur die Griechen sind es, die
damals in Rom das kleine witzige Sinngedicht, das uns angeht, gepflegt
haben.
Die Römer selbst aber? Der Großbetrieb war einmal im Gange, und er
ging immer noch rastlos weiter; er kulminierte unter Kaiser Domitian,
in den fünfzehn Jahren 81-96. Dieser herrische Kaiser war der eifrige
Patron aller redenden und singenden Künste; aber er war ein Tyrann und
Feind der Freiheit. Da man unter ihm nicht frei denken, also auch nicht
philosophieren, nicht einmal Geschichte schreiben durfte, so flüchtete
nun alles zur Dichterei; ein angstvolles Gedränge auf dem Parnaß. Der
Mensch braucht Geistesgymnastik; aber nur der Turnboden der Verskunst
stand damals für diese Gymnastik noch offen. Ein Genie wie Statius
tummelte sich da, aber auch Dilettanten in Fülle. Von Jason und von
Phineus, von Achill, Diomed und anderen abgestorbenen Helden hallte Rom
täglich wieder: diese alten Geschichten konnten freilich den Tyrannen
nicht kränken. Aber der Reiz der Neuheit fehlte; das Auge hatte sich
an den großgezerrten Heldenbildern längst müde gesehen. Wir kennen das
auch heute: wer stundenlang Rubens bewundert hat, atmet glückselig
auf, wenn er vor Metsu und Teniers und Netscher, den kleinen munteren
Holländern, steht. Auch da, in den Holländern, zeigt sich unendliche
Kunst!
[Randnotiz: Martial.]
Solch ein Holländer ist Martial gewesen. Unter Domitian tat er sein
Atelier plötzlich auf, und er brachte Neues. Aus den verstaubten
Büchergestellen zog er den fast verschollenen Catull und Domitius
Marsus wieder hervor, um sie zu modernisieren; aber er knüpfte zugleich
an die feinen Sinngedichte der Griechen an. Und es war gleich wie ein
Wunder, eine Offenbarung. Alles riß sich gleich um Martials kleine
Bücher. Da war plötzlich ein Meister der Miniaturkunst, ein Dichter,
der es wagte, groß im Kleinen zu sein, indem er dreist ins ganz
alltägliche Leben griff. Dem Martial ging es im Vergleich zu dem großen
Epiker Statius so, wie es Lessing neben Klopstock erging: „Wer wird
nicht einen Statius loben? doch wird ihn jeder lesen? Nein. Wir wollen
weniger erhoben, doch fleißiger gelesen sein.“ Etwa jedes Jahr warf
Martial ein Buch heraus, in jedem Buch nur etwa hundert Nummern. Die
Sachen gefielen so, daß sie, obschon für den Moment gedichtet, doch
alle Zukunft beherrscht haben. Sie haben das Verdienst, daß sie uns
auch erhalten sind.
Versenken wir uns denn in diese Bücher, und ob es auf Kosten unserer
Geduld geschieht, indem wir die etwa 1200 Gedichte sortieren. Römisches
Großstadtleben wollen wir kennen lernen: dieser Poet zeigt es uns wie
kein anderer. Eine Unmasse von Eigennamen wirbelt uns entgegen. Es ist,
als ob wir mit dem Stock in einen Ameisenhaufen stießen.
Da ist der Kaiser selber, der sich „Gott und Herr“, man könnte auch
übersetzen „Herrgott“[417], nennen läßt; aber er ist unkenntlich hinter
einem dicken Vorhang von Weihrauchdunst und Schmeicheleien. Ob er
höchstselbst des Dichters Gedichtbücher lesen wird? Die Hofleute müssen
sie ihm, wenn er gnädiger Laune ist, in die Hände spielen. Da ist am
Hof der Kämmerer Parthenius, der Mann für Bittschriften Entellus usf.
Insbesondere Domitians junger Mundschenk, der „Frühlingsknabe“ Earinus
wird als der Ganymed des Allmächtigen von Martial besungen. Dazu kommen
die großen Paläste der Reichen, des zukünftigen Kaisers Nerva, des
Dichters Silius Italicus, der Witwe des Dichters Lucan, des dichtenden
Konsularen Stella, des großen Sachwalters Regulus. Da speist unser
Dichter gern, läßt sich obendarein beschenken und lobt alle diese
hochmögenden Personen mit Namennennung. Sie sind durch ihn verewigt bis
heute. Witz und Spott reicht an sie natürlich nicht heran, es sei denn,
daß der Dichter Geld braucht. Da wendet er sich einmal an den Regulus
(VII, 16):
Regulus, mir fehlt Geld. Wie helf’ ich mir? Deine Geschenke
Muß ich verkaufen. Wie wär’s? willst du der Käufer nicht sein?
Der große Herr wird sich wohl amüsiert und hoffentlich auch seine Hand
aufgetan haben.
Wo Martial dagegen wirklich spottet und hänselt, da nennt er die
wahren Namen nicht. Er sichert sich durch das Pseudonym. Er ist kein
geharnischter Catull. Ein Catull war damals nicht mehr möglich. Gerade
durch das Pseudonym hat sich Martial den Erfolg in allen Häusern glatt
gesichert. Um so offener konnte er reden, und so sind die Personen, die
er uns vorgaukelt, Typen, aber echte Typen, wie die Personen unserer
Fliegenden Blätter Typen sind. Wenn er die Menschen grob oder giftig
anfährt oder mit schallendem Hohn, da handelt es sich fast immer
um verliebte Sünden; das sind die altüberkommenen Schändlichkeiten
gewisser Kreise; und es bleibt oft zweifelhaft, ob dem Dichter mehr
Entrüstung oder Behagen dabei die Feder führt. Im übrigen aber welche
Gutmütigkeit! welch friedliches Geplätscher! Diese Fülle menschlicher
Schwächen, wie scharf werden sie beobachtet, aber wie milde beurteilt!
Kein Zorn packt den Leser an; nur ein malitiöses Lachen, ein
wohlgefälliges Lächeln braucht er aufzuwenden. Im Halbtraum nach dem
warmen Bade, wo man keine Aufregung, sondern nur leichteste Zerstreuung
will, da ist es Zeit für den Römer, in seinem Martial zu blättern.
Zunächst der Dichter selbst. Er wird in der Gesellschaft leider nicht
immer gut behandelt, und er unterläßt nicht, sich zu beschweren. Vor
allem das liebe Essen. Er geht zu Gast; man legt sich hungrig auf
die Speiselager; aber der Wirt läßt nichts auftragen und begnügt
sich, einige Parfümerien zu verteilen (III, 12). Schlimmer noch,
wenn ein genialer Koch sich darauf versteht, aus bloßem Kürbis ein
solennes Essen von vier Gängen zu bestreiten; Linsen und Bohnen,
auch Pilze, auch Datteln, auch der Kuchen zum Nachtisch wird aus dem
einen kleingehackten Kürbis hergestellt. Das soll was extra Feines
sein, und es kostet nichts! Welche Enttäuschung! (XI, 31). Bei einem
Vornehmen wohnt der Dichter auf dem Land. Der Mann zieht sein seltenes,
exotisches Obst hinter großen Glasscheiben in weiten sonnigen Räumen.
„Mir, dem alten Hausfreund, gibt er eine lichtlose Klause, die nur
eine handgroße Luke statt des Fensters hat; nicht einmal ein Eiszapfen
möchte darin wohnen. Wäre ich doch dein Obst,“ ruft der Dichter. „Da
ginge mir’s besser!“ (VIII, 14.) Und überhaupt die öden Pflichten, wenn
man Klient ist; man sollte sie einem Dichter doch erleichtern. Martial
wendet sich an den Labull.
XI, 24: Labull, nun ward ich dein Gefolgsmann. Das ist schlimm.
Du stellst mich, Freund, auf eine harte Probe.
Indes ich mich dir widme voller Grimm
Und täglich, was du tust und redest, lobe,
Ein unerhörtes Zeitverschwenden,
Wie viele Verse konnt’ ich da vollenden!
Scheint dir’s nicht ein Verlust, daß so im Keim erstickt,
Was Rom und alle Fremden sonst erquickt,
Was alle großen Herrn und Senatoren
Sonst gern genössen mit gespitzten Ohren,
Was jeder Kluge lobt und nur die andern Dichter,
Die Konkurrenten, tadeln, dies Gelichter!
Ich soll im feinen Rock an deiner Seite gehn
Und meine Werke sollen nicht entstehn?
Ein voller Monat ist’s: mein Blatt ist leer geblieben,
Und all die Zeiten hab’ ich nichts geschrieben.
Und das nur deshalb, daß ich dann und wann
Hübsch fürstlich bei dir speisen kann?
In diesem Gedicht hören wir auch schon gleich von Martials
literarischen Gegnern. Gegen die ist er natürlich unverlegen. Schlagend
ist seine Abfertigung:
III, 9: Marull schreibt Verse gegen mich? Er halt’ es nach Belieben.
Der, dessen Verse man nicht liest, der hat sie nicht
geschrieben.
Einem anderen, der sich selbst vorträgt, dient er folgendermaßen:
IV, 41: Du Zarter trägst ein Tuch um den Hals,
Um deine Gedichte aufzusagen?
Wir Hörer sollten lieber fest
Das Tuch um unsre Ohren tragen.
Schwieriger als die Konkurrenten ist oft das Publikum selbst. Es gibt
so viele, die nur das, was alt ist, bewundern und meinen: was neu ist,
kann nicht klassisch sein. Aber Martial ist guten Mutes:
VIII, 69: Du lobst, Vacerra, nur die alten Weisen,
Und nur die toten Dichter magst du preisen?
Verzeih! um deinen Beifall zu erwerben,
Beeil’ ich mich noch lange nicht zu sterben.
Nun aber die weitere Umwelt. Wie gutherzig menschenfreundlich ist
dieser muntere Geist da oft! Man merkt, er ist der Sohn einer reiferen,
menschlicheren Kulturperiode. Von einem Trinker heißt es, gnädig genug:
I, 28: „Ihm ist elend! Der Rausch von gestern macht’s.“
Gefehlt, ihr guten Leute!
Er kneipt ja immer die Nächte durch;
Sein Elend stammt von heute.
Von einem unweltlichen Menschen:
XII, 51: Der gute Fabulinus,
Nie schützt er sich vor Betrug
Und ward doch so oft betrogen!
Wer gut, wird niemals klug[418].
Und gar, wie rührend der Vers von dem Blinden:
III, 15: Kein Mensch gibt mehr Kredit in Rom,
Als unser Cordus gibt.
„Er ist doch arm. Wie macht er das?“
Ein Blinder ist’s, der liebt.
Alles das könnte auch ebenso noch heute gelten. Aber weiter. Soll ich
aus der Fülle noch ein paar Themen auf gut Glück, wie die Zettel aus
der Urne, herausgreifen? Über Standesunterschiede im Liebesverkehr
(III, 33); von unfähigen Advokaten (VIII, 7); von Emporkömmlingen,
die groß tun, bald ist es ein Schuster, bald ein Schneidermeister
(IX, 73; III, 18); vom Schulmeister, der mit der Rute fuchtelt (IX,
68) und dem Glück der sommerlichen Schulferien (X, 62); von Bauwut
(IX, 46) und sonstiger lächerlicher Verschwendung (VIII, 5; VII, 98);
den Toilettenmitteln der Römerinnen (IX, 37). Dazu der sonderbare
Mamurra, der in allen Läden stundenlang herumsteht, um mit Kennermiene
die Kostbarkeiten zu betrachten, aber gar nichts kauft (IX, 59);
Hermogenes, offenbar ein Mensch aus guter Familie, der die Manie hat,
überall die Tischservietten zu stehlen (XII, 29). Dazu ein gewisser
Klytus, der an Habgier leidet und es verstanden hat, im letzten Jahr
achtmal seinen Geburtstag zu feiern, weil es da Geschenke regnet;
Martial sagt mit Recht: Auf diese Weise, junger Mensch, wirst du
früh zum Greise; denn so wirst du jedes Jahr gleich 8 Jahre älter,
ein Neunjähriger kann so schon gleich zweiundsiebzig werden. Auch der
Barbier gibt endlich ein nettes Thema. Die Barbiere hatten im Altertum
noch keine Seife und mußten sich abmühen, um alle Haare gründlich
wegzunehmen. Da kommt der Rasierjunge; er hat ein so glattes Gesicht;
aber während der endlos langen Arbeit, die er verrichtet, wächst ihm
selbst ein Bart (XI, 84 und VIII, 52).
Doch des Aufzählens genug. Hören wir lieber den Dichter selber. Cinna
ist unleidlich, weil er in den Gesellschaften immer so leise spricht:
I, 89: Alles schwatzt du heimlich uns ins Ohr,
Cinna, was jeder hören darf im Kreise,
Lachst mir ins Ohr, weinst, schimpfst mir ins Ohr, du Tor,
Deklamierst mir Gedichte in dieser Weise.
Krankhaft! Nächstens flüsterst du gar, du Leiser,
Mir noch ein Hoch ins Ohr auf unsren Kaiser!
Es folgt Phileros mit den sieben Frauen, die er beerbt:
X, 43: Es ist fast übertrieben:
Der reichen Frauen sieben
Hat Phileros bis jetzt
Im Erdreich beigesetzt.
Gewiß ein harter Schlag.
Allein der Ärmste kann sich sagen:
Das Erdreich bringt Ertrag.
Die Saat wird siebenfältig Früchte tragen.
Und der frostige Redner Aulus:
III, 25: Ist wirklich dir, Faustin, das Thermenbad zu heiß,
Das freilich auch Julian nicht zu ertragen weiß,
Den Redner Aulus ruf’ ins Bad; da schmilzt die Hitze.
So frostig ist der Mann, so froschkalt seine Witze.
Da ist auch Fabulla, die sich für schön hält:
VIII, 79: Nur alte Schachteln sind dein Umgang immer,
Fabulla. Stets nur garstige Frauenzimmer
Sind deine Freundschaft, und du schleppst ohn Gnade
Sie ins Theater mit, zur Promenade
Und zum Diner. So ist es, sollt’ ich meinen,
Nicht schwer, Fabulla, schön und jung zu scheinen.
Dann aber tauchen die Zähne der alten Frauen vor uns auf, aber in
milderer Beleuchtung als einst bei Horaz:
I, 19: Vier Zähne hattest du, Aelia, wie ich glaube.
Der Husten kam; ihm fielen sie zum Raube.
Zwei warf der erste Anfall hinaus; beim zweiten
Sahn’ wir die letzten deinem Mund entgleiten.
Jetzt brauchst du dich nicht weiter zu bezähmen.
Ein dritter Husten kann dir nichts mehr nehmen.
Gern wurden die Hausärzte beschimpft, die Handlanger der Unterwelt.
Davon habe ich schon anderenorts eine blendende Probe gegeben[419]. Hier
eine zweite:
X, 77: Nichts Schlimmres im Leben hat Carus gemacht,
Als daß ihn das schwere Fieber umgebracht.
Wär’s doch ein leichtes gewesen! Ich muß ihm grollen.
Er hätte sich seinem Arzt erhalten sollen.
Man sieht: der Mensch ist verpflichtet, nicht an Krankheit, sondern
an seinem Arzt zu sterben! Rom war eigentlich keine gesunde Stadt;
leichtes Fieber stellte sich sehr häufig ein; aber man lief sorglos
damit herum. Auch das schildert uns einmal unser Dichter:
XII, 17: Woher kommt es (so fragst du mit Seufzen mich oft), daß das
Fieber
Dich nicht verläßt nun schon Wochen und Monate lang?
Mit dir fährt’s in der Sänfte, es badet mit dir in den
Thermen.
Schmaust Lampreten mit dir, Austern und Pilze sogar,
Zecht mit dir oft bis zum Rausch Setiner und schweren
Falerner,
Ja, und den Cäcuber-Wein stets nur gekühlt und auf Eis,
Bettet mit dir sich in Rosen zu Tisch und in würz’gem
Amomum,
Teilt auch nachts dein Bett, Daunen auf purpurnem Pfühl.
Da’s ihm so schlemmerhaft gut bei dir geht, da soll dich das
Fieber
Fliehn und zum Dama gehn, der auf das dürftigste lebt?
Schlimmer ist, wenn Martial einmal den Verdacht des Verbrechens
erhebt. Es handelt sich um Brandstiftung. Tongilianus wird von ihm
angeredet: