Tafel 10

Amoretten als Weinhändler, beim Rennen und als Goldschmiede.

(Bilder im Hause der Vettier in Pompeii.)]

Die Amoretten an den Wänden der vornehmen Häuser waren nichts als

das verklärte Spiegelbild jener ~deliciae~ und ~conlusores~, die

in den Atrien und Marmorsälen sich umtrieben. Nur so sind sie

entstanden; daher denn der Künstler gelegentlich, wo es ihm bequem war,

unbedenklich ungeflügelte Putten unter die geflügelten reihte[242].

Sie sind, wo sie unter sich sind, nur gelegentlich in den Dienst der

Liebessymbolik gestellt worden[243]. Nur aus der Kenntnis der ~deliciae~

erklärt sich das behandelte Problem, und man hüte sich, in jenen

Schildereien weiteren tieferen Sinn zu suchen, es sei denn, soweit er

überhaupt oft im kindischen Spiele liegt. Die Amorettendarstellungen

erschließen uns eben jene Kinderwelt. Kinder spielen das Menschenleben;

sie ahmen traumhaft im Kleinen nach, was sie im Großen um sich sehen

und noch nicht begreifen. Gewiß waren darin jene nackten Delicien

besonders erfindungsreich oder wurden besonders dazu angehalten.

Der affenartige Nachahmungstrieb des Kindes gab Anlaß zu jenen

allerliebsten Erfindungen, worin das Flügelkind lachend verrichtet, was

dem Menschen in Sorge und Arbeit und im Kampf um das Dasein auferlegt

ist. Es sind idealisierte Spielkinder mit idealisierten Kinderspielen.

[Randnotiz: Kinderspiele der Flügelkinder. Dieselben als Handwerker.]

Die Kunst selbst ist aber nichts als eine Offenbarung des Spieltriebes;

und die Spiele der Kinder selbst sind schon Kunst oder spielende

Nachahmung des Lebens. Dies ist der tiefbestrickende doppelte Reiz all

solcher Puttendarstellungen: die Phantasie des Malers spielt hier mit

dem Spiel des Kindes; die Nachahmung ahmt die Nachahmung nach; die

bewußte Kunst übt sich an der unbewußten mit Entzücken und Wohlgefallen.

Zunächst Einfacheres. Wer wird zweifeln, daß die sich den

Dorn ausziehende Amorette bloße Nachbildung ist des berühmten

Dornausziehers? daß die Einzel-Amoren, die mit der Gans oder

dem Schwane kämpfen oder sich schleppen, des Boethos Knaben mit

der Gans voraussetzen? Tanagräische Terrakotten, schon etwa des

dritten Jahrhunderts v. Chr., schwebende Eroten, halten einfaches

Kinderspielzeug. Kinder, kleine Vögel zärtlich haltend, sind häufig;

man gab ihnen beiläufig vielmals Flügel. Auch erscheinen oftmals in

Terrakotten die nämlichen Figuren bald geflügelt, bald nicht[244].

Delphine lieben Kinder schwärmerisch[245]; wie einladend war es,

Amoretten an ihre Stelle zu setzen! Der Delphin war ja selbst der

Liebling der Venus des Meeres! Ein unartiges Spielkind, das etwa ein

Gefäß zerbrach, wird zur Strafe in Fußfesseln geschlagen und weint[246];

wie verwendbar auch dies für den bösen Buben Amor, der so viele Herzen

zerbricht! So ist es ferner nach dem Leben, wenn der kleine Gott Amor

durchgeht und mit Sorge gesucht und mit Not gefunden wird; man denke an

Catulls Camerius. Nach dem Leben ist es, wenn er mit Ganymed, der jetzt

auch Putte geworden[247], Astragalen spielt; nach dem Leben, wenn Eroten

auf der Schaukel sich vergnügen, ihrer Flügel uneingedenk. Und so fort.

Nicht anders aber das sinnvollere Kindergetriebe, die eigentlichen

Imitationsspiele der Kinderwelt. Wir lesen: die Söhnchen des Vornehmen

in der Rüstkammer ihres Vaters kriechen einher zwischen Schilden und

Harnisch[248]; können sie dann laufen, so spielen sie Soldat[249];

nichts ist daher beliebter als Eroten unter Waffenstücken oder die

Siegestrophäe tragend. Und weiter: Kinder spielen Pferd und Wagen;

so auch die Eroten. Kinder spielen „Königsein“, Gerichtsszenen,

Athletenkampf; nach dieser Analogie sehen wir Eroten auf der Palästra

im Faust- und Ringkampfe[250]. Kinder spielen Trinkgelage und imitieren

die Trunkenheit; eben dies tun typisch die Eroten. Zur Erklärung

erinnere man sich noch, wie man zu den Symposien Erwachsener die

Delicien zuzog, sie vom Falerner trinken ließ und sich gewiß auch nur

zu oft an ihrem Rausche ergötzte. Wohl manch geistig angeregterer Junge

spielt heute Gottesdienst und hält Predigt vom Stuhl herunter (wie dies

Schiller getan); von Ambrosius, von Athanasius wissen wir, daß sie

schon als Kinder den Bischof nachäfften[251]; so imitieren die antiken

Kinder auch heidnische Opferhandlungen; ebenso tun dies die Eroten.

Es ist nun selbstverständlich, daß die Putten in jenen Bildern die

Imitation der Vorgänge des Lebens viel vollkommener ausführen, als dies

meist Kinder in Wirklichkeit vermögen. Dies ist das Recht der echten

Kunst; je getreuer der erwachsene Beschauer sich in der Kinderseele

wiederfindet, je tiefer faßt ihn die Bezauberung, je inniger ist

sein Lächeln, je gelungener ist die Kunstwirkung. Ebenso aber war es

ihr Recht, die Idee, daß das Kinderspiel das Leben nachahmt, frei

fortzusetzen und durchzuführen und auch auf Handlungen auszudehnen, die

dem Kinde in Wirklichkeit überhaupt nicht möglich sind.

Da sind zwei Flügelkinder als Landleute geschäftsmäßig beim

Ziegenmelken; wieder zwei beim Traubenpflücken, mit angesetzter Leiter.

Hier angeln sie. Hier liegt ein großes Brett über Holzblöcken; zwei

kleine Heinzelmännchen durchsägen es mit großer Säge; ein Hammer liegt

daneben.

Die Weinpresse ist aufgestellt: Amoretten stehen als Arbeiter am Werk

und steigern den Druck der Maschine mit Hammerschlag; der rote Most

fließt ab, und ein beschwingter Kollege rührt ihn im Kessel um, den er

auf einen kleinen Ofen gestellt hat. -- Ein Schusterladen: fertige Ware

auf Börtern im offenen Schrank und sonst frei aufgestellt, den Käufer

zu locken; die Inhaber sitzen am Kindertischchen, zwei Amoretten,

der eine das Händchen wie prüfend im Schuh, der andere daran mit dem

Leisten tätig. -- Oder die Ölbereitung: ein Flügelkind sammelt unter

dem Ölbaum von der Erde die Früchte im Korb; ein anderes steht bis

ans Knie im Kasten voll Oliven und tritt den Saft aus; ein weiteres

schleppt neue Last herzu; wieder eines dreht die Ölmühle. -- Und das

Kränzewinden: viere sitzen so recht seelenvergnügt um den Tisch auf

Bänken verteilt; man sieht, wie sie plaudern. Die Tischplatte ist voll

geschnittener Blumen; ein Gestell wie ein Laubgitterdach darüber; von

ihm hangen über den Tisch herab bald ein Dutzend Girlanden, unfertige;

die fleißigen Putten halten das Ende, um sie zu verlängern. Links

holt ein Flügelkind aus dem Korb neue Blumen; rechts wird ein anderes

abgeschickt, die fertigen Gewinde zum Verkauf zu tragen.

Vor allem berühmt geworden sind neuerdings die Bilder des Vettierhauses

in Pompeji. Da fanden sich in einer Stube ganze Wandstreifen mit

solchen Szenen, die in Photographien, in Farbendrucken alsbald in

alle deutschen Häuser kamen, und auch da sehen wir acht oder neun

solcher kleinen Persönchen eifrig am Werk: farbige Stoffe werden

gewalkt, Feingold geschmiedet usf., ein süßer Kinderzauber. Die bunten

Flügelchen stehen wie große Achselklappen auf den nackten Schultern;

sie sind Dekoration; sie dienen zu nichts.

[Illustration:

Aus dem Leben der Antike · 第 29 / 59 题