Tafel 9

Römisches Kind.

(Statue in Rom, Vatikanische Museen.)]

Eroten, Amoren, so benannte sie fast einstimmig die alte Literatur. Wie

war dies gedacht? Wir finden oft 7, 10, 12 oder 15 vereint. Sollte Frau

Venus so fleißig geboren haben, trotz unvergänglichster Jugendschöne?

Aber diese Kinder sind überall deutlich +gleichaltrig+. Sollte dies

ein einziges wunderbares Wochenbett der Himmlischen gewesen sein?

Schwerlich plagte sich die Phantasie sogleich mit derlei dogmatischen

Fragen. Spätere aber geben uns Auskunft: es sind Söhnlein vieler

Mütter; nur einer heißt Sohn der Schaumgeborenen selber; die übrigen

sind Nymphenkinder und sind bloß seine +Gespielen+[234]. Jeder erkennt:

hier ist das Institut der Gespielen, der ~conlusores~, die der Reiche

für sein Söhnchen sich hält, ganz einfach in die Fabel übertragen; und

so wie beispielsweise Severus seinen Fünfjährigen mit einem Schwarm von

Gleichaltrigen umgab; so will auch Venus ihren Amor nicht allein wissen

im Eden von Paphos; von den dienenden Nymphen nimmt sie die Kinder als

~conlusores~. Die Kunst in ihrem schimmernden Bilde illustriert uns

auch hier das tägliche Leben.

Noch mehr aber muß der Gebrauch der ~deliciae~ oder der kleinen

Spielkinder diese Erfindung beeinflußt haben. Die bildende Kunst der

Alten idealisiert gern; sie liebt es, das wirkliche Leben in göttlicher

Verkleidung vorzuführen. So wie sie nicht Gastgelage von Griechen

oder Römern, sondern von Satyrn, Panisken und Nymphen zu schildern

pflegt, in denen dann aber doch das Herkommen der Wirklichkeit waltet,

so beruhigte sie sich nicht bei den Kindern des Pausias und schuf

ein überwirkliches Kinderleben nach dem Bilde der Wirklichkeit. Wir

werden gleich hören, wie die ~deliciae~ auch im wirklichen Leben zu

theatralischer Wirkung als Liebesgötter aufgeputzt worden sind. Dies

wird uns nur wie zufällig mitgeteilt; es kann weit öfter geschehen sein.

[Randnotiz: Erfunden in Alexandria. Vogelnatur. Kindernest.]

Wir fragen zunächst, wo der Typus der uns geläufigen Liebesgötter

ausgebildet worden ist. Alexandria war die große Lehrstätte des

hellenistischen Luxus. Die pompejanischen Wandmalereien sind in

überzeugender Weise zu großen Teilen auf alexandrinische Vorlagen

zurückgeführt worden. Schon hierdurch sind wir hauptsächlich an

Alexandrias Dichter und Künstler gewiesen. Daß dabei diese Künstler von

anderer Seite schon Anregung empfingen, braucht nicht ausgeschlossen zu

sein; die Amoretten von Tanagra weisen auf Einfluß attischer Kunst.

Daß eine eigentümliche Plastik in Alexandria bestand, ist insbesondere

von Th. Schreiber dargetan worden. Dazu stimmt nun aber auf das

trefflichste, daß eben diese Stadt auch im Leben als ein Hauptplatz

für den Gebrauch der ~deliciae~ sich erweisen läßt. Denn schlechthin

„alexandrinisch“ nennt Quintilian jene nackten Kinder. Vom Nil, sagte

auch Statius, pflegte man sich die kleinen Plauderer zu kaufen[235];

dazu kommt als leibhaftiger Zeuge die letzte alexandrinische Königin

Kleopatra, die mit einem Schwarm von ihnen sich umgab, als sie auf

goldenem Schiffe märchenhaft blendend dem Antonius entgegenfuhr, sie

selbst als Venus, die Kleinen als Amoretten angetan. Und wenn sie

von ihnen sich „fächeln“ ließ, so fallen uns Wandbilder Pompejis

ein, wo die Amorette an eine sitzende schöne Frau sich lehnt, einen

blattförmigen Fächer in der Rechten. Ohne Frage alexandrinisch ist

auch die herrliche Statue des Nil zu Rom; der Flußgott mit mächtigem

Leibe, gemächlich aufgestützt daliegend; 16 Putten, +ungeflügelt+,

hocken und klettern ohne Scheu um ihn und über ihn; sie können nur

für den Nil erdacht, nur am Nil geboren sein. Eine eigenste Erfindung

ägyptisch-griechischen Geistes aber endlich ist die Figur des

Gottkindes +Harpokrates+, eine Erscheinungsform des Horos, auch dies

ein nackter Putto mit dem Haarknoten (Zeuge ist schon Catull, ~carm.~

72); die Hand hält er als Zeichen des Schweigens zum Munde; eben diese

Gebärde selbst gewiß eine alexandrinische Erfindung, erdacht, um den

Gott auszuscheiden aus der Alltäglichkeit; den ägyptischen Kindern

wurde ja, wie gezeigt, nichts so nachgesagt wie die Schwatzhaftigkeit.

Daher heißt nunmehr auch Amor „der immer schwatzende“; auch er ist

jetzt als Alexandriner naturalisiert[236].

Der starke Fittich des älteren, stürmischen Amor ist abgeschafft und

vergessen. Die Kinder schaukeln sich auf dem stumpfen und gleichsam

unentwickelten Flügel des jungen Vogels, des Singvogels. Auch diese Art

der Beflügelung zu ersinnen, lag nicht fern. Der Gedanke scheint zwar

künstlich; aber schon die Proportion empfahl ihn, und er beruhte zudem

auf durchaus volkstümlicher Denkweise.

Kinder sind „Küchlein“; schon Äschylus hatte sie einst liebkosend so

genannt; dies blieb seitdem beliebt in der griechischen Dichtung[237].

Wie man heute sein Nesthäkchen hat oder eine schlimme Mutter

Rabenmutter schilt, so dachten die Alten noch ständiger die +Kinder

als junge Vogelbrut+. Folgerichtigkeit ist die Tugend der antiken

Phantasien. Vom „Kindernest“ redete darum schlechtweg die Komödie;

im Nest hat Horaz sich als kleiner Junge dereinst die Flügel wachsen

lassen; Tauben haben ihn, den Säugling, gehegt. Singen oder Zwitschern

(~pipiare~) nannte man das Plappern der kleinen Bälge. Der Glücksmensch

gilt sprichwörtlich als Sohn der weißen Henne, die Mehrzahl von uns

aber sind gemeine Küchlein, aus Unglückseiern gebrütet. So konnte

denn das uns so fremdartige Märchen entstehen von der Geburt der

Kastoren aus dem Ei der Leda; wie in der Theogonie Eros selbst, der

Weltgeist, aus dem Weltenei sollte geboren sein[238]. Auch wir nennen

wohl heute ein niedliches blankes Kind wie aus dem Ei gepellt (Fr.

Reuter). Und hiernach sehe man nun jenen, von manchen so seltsam

gefundenen Marmorbaum im Museum des Vatikan mit den Nestern darauf,

voll von ungeflügelten Kinderchen; man sieht, es war dies ein durchaus

volkstümliches Genremotiv, und das Monument ist von höchstem Werte für

uns als bezeichnendster Beleg dieser Denkweise. Genial aber war es, an

dies Volkstümliche anzuknüpfen und die Kinder, die man im Leben wie die

Küchlein um sich sammelte, nun selbst als junge Flieger, als Tummler

in den Lüften darzustellen[239]. Zu der Erfindung der Amoretten hat

sicherlich diese Anschauungsweise in erster Linie die Anregung gegeben.

+Die beschwingte Putte, das Kind als Vogel, kaum erdacht, fiel dann

von selbst mit dem altgewohnten Eros zusammen.+ Auch blieb man sich

seiner Vogelnatur bewußt; vom Vogel Amor reden wiederholt die Dichter.

„Nachtigallen gleich“ nannte die Eroten Theokrit. Gleichwohl -- und

dies scheint sehr beachtenswert -- sind diejenigen Darstellungen bei

weitem die häufigsten, wo die Amoretten von ihrer Vogelnatur keinen

wirklichen Gebrauch machen, sondern wie rechte Kinder nur laufen,

stehen, dasitzen und mit aufgesetzter Sohle der Erdenschwere gehorchen.

Aus der kindlichen Natur erklärt sich aber nun weiter auch die Vielheit

der Amoretten und die Art ihrer Beschäftigung. Spielen ist des Kindes

Beruf, und ohne Beruf kein Leben. Es kann ihm ganz für sich allein

obliegen, so stundenlang; da summt es und schwätzt es vor sich hin und

personifiziert jeden Gegenstand, den es anfaßt. Dramatisch aber wird

die Sache sogleich, wo etliche Kleine zusammenspielen. Allein schon,

wie sie schön tun und sich lieb haben. Und das Spielgenie steigert sich

hier. Was die noch tief träumenden Seelen beschäftigt, tritt jetzt aus

ihnen als Handlung heraus; das Innenleben wird Außenleben. Dies Leben,

dies Drama war, was der Darsteller brauchte. Daher griff er so gern zur

Vielheit von Amoretten, daher ließ er die vielen so gern unter sich

beschäftigt sein.

[Randnotiz: Die Bedeutung der Liebe ausgeschaltet. Geflügelte

~deliciae~.]

Wir werden uns also nicht mehr verwundern, daß die sogenannten

Liebesgötter so +oft von den Dingen der Liebe absehen+. Auf den

pompejanischen Wandbildern des älteren („dritten“) Stils ist dies noch

seltener der Fall; hier nehmen sie dem Herkules bei der Omphale die

Waffen weg und ähnliches; in der großen Masse der Bilder indes und auf

den Sarkophagen sind sie in Handlungen begriffen, die sie scheinbar

nichts angehen; sie ahmen sogar Berufshandlungen Erwachsener nach,

halten Olivenernte usf. Ist hier die Bedeutung der „Liebesgötter“

verblaßt? oder sollen wir sie vielmehr für Genien nehmen, für

Kindergenien, die jene Berufshandlungen in den Bereich göttlicher

Heiterkeit hinaufziehen und also sie weihen und verherrlichen? Den

Begriff „Genius“ indes kannte ja das Altertum selbst gut genug; aber

es hat keinen Genius je als Kind gebildet. Wohl aber hat es den

Alten freigestanden, die Flügelknaben, die die Kunst bildete, auch

einmal +nicht+ für Eroten anzusehen; zwei derselben umgeben Venus

auf Julischen Münzen; Horaz spricht den einen in seinen Liedern als

Cupido, den anderen aber als Jocus an, und Lucian braucht einmal für

sie sogar den Namen Epainoi, d. h. Personifikationen des Lobes, welche

die Göttin der Redekunst umflattern[240]. Er sagt ausdrücklich, sie

ähneln den Eroten, aber es sind keine. Auch der antike Ausdruck Genius

paßt hier nicht. Wir nennen sie „Personifikationen“, und als solche

waren also die Flügelkinder beliebig verwendbar[241]. Bezeichnend aber

ist noch, daß Lucian zugleich auch noch auf die sechzehn flügellosen

Putten vergleichend hinweist, die die Statue des Nil umspielen. Dies

sind deutlich ~deliciae~, aber sie sind auch hier zur Personifikation

verwendet; sie bedeuten die 16 „Ellen“, um die der Nil bei seinen

Überschwemmungen zu steigen pflegt.

[Illustration:

Aus dem Leben der Antike · 第 28 / 59 题