Trinkgelage von Satyrn und Nymphen mit spielenden Kindern. Relief auf
einem römischen Sarge. (Rom, Villa Pamfili.)]
Es ist nicht zu verwundern, daß man in der großartig brutalen
Phantastik römischer öffentlicher Feste auch den Zauber des Anblicks
dieser Kinder gelegentlich zu verwerten wußte. Man ließ sie wirken
durch den Kontrast. In der Arena sollten Löwen auftreten; die Kinder
erschienen zuvor, für die Bestien frischen Sand zu streuen und mit
dem Rechen zu ebnen. Ein gräßlicher Anblick folgte; ein Löwe ergriff
und zerriß etliche. Martial beweint dies und preist die Wölfin, die
einst den Romulus und Remus verschonte. So sehr war das Leben der Zeit
an diese Niedlichkeiten gewöhnt, daß sie das Volk als Verzierung der
Tierhetze in der Arena zu sehen begehrte[221].
Mit Teilnahme und nicht ohne Lächeln sehen wir jene Vornehmen Roms,
geschmackvolle Müßiggänger, übersättigt, lebensklug und immer noch
Leute großen Stils, sich verlieren in das kindische Getriebe, an seiner
jungen, Funken sprühenden Wärme die kühl gewordene Seele beleben.
Man schaute zu, wie possierlich sie sich tollten, ließ sie auf sich
herumklettern (es sei erinnert an die Statue des Nil), ließ sich von
ihnen den Kopf krauen, spielte das Nüssespiel mit ihnen, ließ sie
sich verstecken und haschte sie, voller Zärtlichkeit und Wohlgefallen
an der Hübschheit des kleinen Körpers, vor allem an dem unablässigen
süßen Geschwätz. Es gefiel vornehmlich das zwitschernde Plaudern, das
dummkluge Fragen, die drolligen Wahrheiten aus Kindermund[222] und die
kleinen ahnungslosen Unanständigkeiten. Tadelnd sagt Seneca: „Man kauft
die Kinder um ihrer kecken Reden willen und sucht sie darin noch zu
steigern.“ Anschauung kann vor allem das folgende Gedicht des großen
Liebesdichters Catull gewähren[223], auf das kleine Bübchen Camerius,
der entwischt ist, unter Rosen im Korbe der Blumenmädchen sich
versteckt und nicht reden und nicht zu seinem Herrn zurück will:
Wenn es dir nicht ungenehm ist,
Zeig’ mir, bitte, doch dein Schlupfloch.
Suchte dich auf unsrem Spielplatz,
Dich im Zirkus, Bücherläden,
In dem heil’gen Jovistempel
Und Pompejus’ Promenade;
Griff, mein Freund, nach allen Weiblein,
Die ich ungern frohgelaunt fand:
„Gebt mir, Mädchen,“ so verlangt’ ich,
„Den Camerius, schlechte Mädchen!“
Eine sprach: „Nimm nur den nackten.
Hier in Rosenknospen steckt er.
Doch um ihn mit dir zu tragen,
Mußt du sein ein Herkules!“ --
Dich so spröd’, Freund, zu versagen!
Sprich, bei wem du sein willst? rede
Dreist, teil’ mit, vertrau’s dem Taglicht:
Von den weißen Mädchen bist du,
Von den lieblichen, gefangen!
Rührst du nicht im Mund die Zunge,
Wird der Liebe Frucht verschleudert.
Venus liebt das viele Schwatzen.
Oder aber, riegle gerne
Deinen Gaumen zu, wofern ich
Eure Liebe teilen darf.
Die Kleinheit des Kindes ist hier scherzhaft übertrieben. Es ist die
Komik der Liliputgeschichten, die bei den Alten aus diesem Anlaß
typisch war[224].
[Randnotiz: Nacktheit der Kinder. Flügellose Putten in der Kunst.]
Eines aber fällt noch besonders auf: Camerius heißt „nackt“. Zum Wesen
des Putto gehörte das Unbekleidetsein; so urteilte nicht nur die Kunst,
deren Zweck es war, den Kinderkörper selbst naturwahr zu behandeln,
sondern auch das Leben. Wir erfahren durch ausdrückliches Zeugnis:
jene Delicien liefen in den Häusern stets nackt herum; es war dies so
sehr bezeichnend für sie, daß sie von den Schriftstellern technisch
einfach als „die Nackten“ eingeführt werden[225]. Der Anblick verletzte
kein Schamgefühl; die Schuldlosigkeit der unverhüllten Natur im Kinde
ist paradiesisch und hat etwas Heiliges. Darum haben eben die großen
Meister das Christuskind nur nackt bilden wollen, und auch heute ist
der sonst so wenig klassische Zeitgeschmack dem zugeneigt: wie gerne
lassen unsere zärtlichen Mütter ihr liebes Jüngstes in süßer Blöße im
Körbchen hockend photographieren!
So hat denn auch die antike Plastik diese +flügellosen+ Putten nach dem
Leben wiederholt dargestellt. Unsere Gelehrten sollten nur aufhören,
diese Figuren „flügellose Eroten“ zu nennen, da es einfacher und
das Zutreffende ist, vielmehr die Eroten als geflügelte Kinder zu
bezeichnen. Vielfach sind es Einzelstatuetten[226], wo das Kind bald nur
dasteht, bald Nüsse oder Astragalen spielt (so auch ein Bildwerk des
Berliner Museums), bald in die Fußfessel geschlagen trauert; zweie, die
sich balgen und in sich verbeißen, in entzückender Wahrheit (Statuette
in Vienne). Ein Relief im Garten der Villa Pamfili zeigt bei einem
Trinkgelage sechs nackte Kinderchen als Spielzeug der Zechgenossen.
So liebte sie Archytas von Tarent. Dazu die hübschen Kinder als
Brunnenfiguren, ein häufiger Schmuck antiker Atrien (in Rom), einen
Vogel oder Delphinkopf haltend[227].
Auch das pompejanische „Bad eines Knaben“, an dem nur Frauen beteiligt,
ist es wohl müßig als mythische Szene aufzufassen[228].
Die Kinderkörper sind hier wie sonst mit vollkommener Kenntnis
behandelt: die Gliedmaßen kurz, das Fleisch weich gedunsen, die
mondrunden Köpfchen mit echtesten Pausbacken und vollem Kinn, die
Nase noch schüchtern klein und charakterlos, so auch das Mündchen.
Über der Stirn meist der kokette Haarknoten, ein putziger kleiner
Verwandter des Haarknotens Apolls. Berühmt ist vor allem des +Boethos
Knabe mit der Gans+, eine Kampfszene und Parodie auf den siegreich
ringenden Herkules: der kleine Held kaum höher als das Tier; Energie
und Vergnügen im hellen Gesicht; die weichen Glieder in mannhafter
Anspannung, ein allerliebster Kontrast; der Oberkörper heftig
zurückgebeugt, das kleine Beinwerk wie Säulen fest aufgestemmt. Mit den
Pätschchen umschlingt er, ihn an sich drückend, den Hals des zischenden
Vogels[229].
Dies Meisterwerk führt uns hinauf bis mindestens in das zweite
Jahrhundert v. Chr. Das dritte Jahrhundert aber scheint die Zeit der
Erfindung der Amoretten gewesen zu sein[230].
[Randnotiz: Pausias. Aufkommen der Amoretten als geflügelte Spielkinder.]
Wir sahen: von Phidias bis zu Lysipp hinab bildete man Amor noch nicht
als Putte. Zuvor mußte die Kunst sich am Kinde selbst versucht haben,
und die Hochgewachsene, nach oben Schauende bückte sich gleichsam
mühsam danach. Polyklets nackte spielende Knaben sind auffallend
früh; der Künstler der Niobiden vermied noch, ein wirkliches Kind
einzuführen. Der kleine Bacchus im Arm des olympischen Hermes beweist,
wie wenig Auffassung und Übung für solchen Gegenstand vorhanden war,
und so erregt der Plutos des Kephisodot im Arm des „Friedens“ auch
in seiner neu aufgefundenen Gestalt[231] unerwünschte stilistische
Bedenken. Die Grabstelen Athens zeigen dann Fortschritte, die
Beispiele mehren sich langsam; zur Zeit Alexanders des Großen,
an der Schwelle der sentimentalischen Zeiten, war es der +Maler
Pausias+, der auf das Genre, und zwar unter anderem das massenhafte
Malen von Knaben (~pueri~) in kleinen Formaten sich beschränkte; daß
hierunter vorwiegend eigentliche Putten zu verstehen sind, wird nicht
gezweifelt[232]. Aber an Beflügelung dachte er so wenig wie Boethos bei
seinem Gänsebuben.
Treten wir von hier über das Jahr 300 in das Idyll der alexandrinischen
Zeiten ein, so sehen wir zuerst und auf einmal die Eroten, jetzt winzig
und in Scharen, durch Baumkronen flattern, in Zweigen sich wiegen
„wie Nachtigallen“, „mit rosigen Äpfeln vergleichbar“; so Theokrit.
Die wirklichen Amoretten sind plötzlich da[233], dieselbigen, die die
Wandgemälde Pompejis bevölkern, die über die steinernen Sarkophage
Jahrhunderte lang ihr munteres Leben ergießen, die aber auch im
kleinen und kleinsten den Metallrand des Handspiegels zierten oder als
Ohrgehänge das schöne Oval antiker Frauen einfaßten.
[Illustration: