Weintransport, Wandbild aus Pompeii.
(Neapel, Museo nazionale.)]
[Randnotiz: Modernes Verkehrsleben. Ruhe des Südens.]
Wir betreten die sonnigen Länder des Mittelländischen Meeres. Da fehlt
jede Hast; alles atmet die Ruhe des Südens, der Antike. Die Affekte
der Menschen sind lebhaft und heiß, der Arbeitstrieb dagegen ist
gemächlich und liebt das Ausruhen. Die Straße belebt das Maultier,
das Ochsengespann, und am Lastkarren kreischen die Räder, die schwere
Radscheiben sind, wie man sie jetzt noch in der Türkei hat. Dies unser
erster Eindruck. Daß wir heute die Lokomotive lateinisch benennen,
ist ein närrischer Umstand; ebenso ist Veloziped lateinisch. Aber
modernes Latein; der Römer kannte diese Wörter nicht. Wohl aber
ist das „~cito~“, das wir früher auf unsere Eilbriefe setzten,
römisches Erbe; lateinisch auch der „Kurs“ unserer Kursbücher und die
„Stationen“. Sobald aber die physikalische Wissenschaft eingreift und
ihre Erfindungen bringt, stellt sich das Griechisch ein. Mit „Auto“
bezeichnen wir, was immer sich automatisch bewegt. Auch „elektrisch“
ist griechisch, griechisch „Telephon“ und „Telegraph“; die Doppelsilbe
„Tele“ bedeutet uns alle Fernwirkung ins Endliche und Unendliche, und
es ist darum zu verwundern, daß wir unser Geschütz Mörser und Kanone
und nicht lieber „Telemach“ nennen. Denn Telemach, des erfinderischen
Odysseus Sohn, ist eben der aus der Entfernung Kämpfende.
Das alte Griechenland war freilich viel zu winzig, um selbst praktisch
vorzugehen. Denn in zwei Tagen lief ein Läufer von Hauptstadt zu
Hauptstadt, von Athen nach Sparta[65]. Was wollte man mehr? Wozu erst
durch das wilde arkadische Gebirge Straßen schlagen? Auf der felsigen
Insel Rhodos fuhr überhaupt nie ein Wagen[66]. Der Schnelläufer (der
Hemerodrom) war Griechenlands Ruhm, und er genügte. Wohl aber hat uns
Griechenland die Ideale geliefert: es ersann den Botengott Merkur, der
mit dem Stab und auf dem Flügelschuh durch die Luft springt. Darum
schmückt Merkurs Gestalt noch heute bei uns tausend Bahnhöfe. Er ist
der intelligente Bote, und alle Meldung richtet er nur mündlich aus.
Anders die Göttin Iris, die die Briefpost vertritt. Wie der Regenbogen
schnellt Iris durch den Äther, aber der Gottvater Zeus traut ihrem
Gedächtnis nicht und gibt ihr seinen Auftrag oft schriftlich in die
Hand: Himmelsbriefe, die jedem Sterblichen sein Schicksal, Freudiges
und Trauriges, bringen[67]. So ist es mit den Briefen auch noch heute.
[Randnotiz: Griechen, Perser, Karthager. Späte Entwicklung Roms.]
Nicht Hellas, sondern das große Perserreich des Darius hat dereinst
vorbildlich das Straßenwesen und Nachrichtenwesen entwickelt. Im
Buch Esther lesen wir vom bösen König Ahasver, der dort von Indien
bis zum Mohrenland herrscht. Der König erhebt sich im Grimm und
schickt an einem Tage an alle seine „hundertsiebenundzwanzig Länder“
Boten mit dem schriftlichen Erlaß der Judenverfolgung; jeder Erlaß
in anderer Landessprache. Da sehen wir, so kurz die Worte sind, die
große staatliche Organisation des Meldewesens, das damals über Persien
und die ganze Türkei ausgriff, vor Augen. Daher auch die persischen
„Parasangen“, die Meilenmessung der Straßen, und die „Angaren“
(berittene Eilboten), von denen der alte Herodot uns redet. Die
Karthager waren die Schüler der Perser und haben dann alles dies in
ihrem nordafrikanischen Landbesitz früh nachgeahmt. Die raschen Züge
und Ritte Hannibals und anderer punischen Führer setzten unbedingt
einen hochentwickelten Straßenbau voraus. Das straßenlose Meer dagegen
haben die Griechen, diese echtesten Seeleute, im Wettbewerb mit den
Phöniziern, erschlossen, das Meer, das für den Schwimmer selbst Straße
ist. Wundervoll schön und reich entwickelt war die schlanke Triëre, das
griechische Kampfschiff, das wie ein Tausendfüßler auf seinen Rudern
daherschoß; nützlicher das Frachtschiff, das in der Größe unserer
Briggs und Schoner mit hohen Segeln und starken Masten sich in die
Wogen legte und in langen Karawanen durch die Wasserwüste Poseidons
zog, um Gefäße und Metallwaren, Korn und Wein, Baumaterial und tausend
Rohstoffe und Industriewaren im Austausch von den Mutterstädten in die
fernen Kolonien zu tragen.
Wie anders das Römervolk! Ein wasserscheues Bauernvolk war es von
Haus aus, träge und bis zum Stumpfsinn unbeweglich, und hat erst
spät, erst als das Bedürfnis dringend wurde, all jene Dinge dem
regsamen Ausland abgelernt. Die Zeit der lokalen Kleinkriege war
vorüber; die Verhältnisse zwangen plötzlich zu großen Leistungen, und
sogleich half den Römern die griechische Intelligenz. Die griechischen
Techniker machten alsdann alles. Der herrische Römer ließ andere für
sich arbeiten, aber er wußte treffsicher mit politischem Weitblick
und Scharfblick die Ziele zu setzen. Charakteristisch ist, daß der
Eigenname „Cursor“, der „Läufer“, nur an einer römischen Familie, der
Papirier, haftete. Vom Papirius Cursor redet uns der Historiker Livius.
Der haltungsvolle Römer lief sonst nicht gern; der alte Papirius fiel
durch seine Schnellfüßigkeit auf[68].
[Randnotiz: Stadtklatsch. Ausrufer. Maueranschläge. Brieftafel.]
Die Hügelstadt Rom selbst besaß in ihrem Inneren nur wenige fahrbare
Straßen wie die „~via lata~“, auf denen die Transporte in die Stadt
per Achse kamen (die „~sacra via~“ war Prozessionsstraße). Man schritt
und kletterte sonst nur durch schmale Gassen (~clivi~ und ~vici~), die
man darum zusammenfassend „Gänge“, ~itinera~ (von ~ire~), nannte. Aus
Gängenvierteln und einigen Marktplätzen bestand die Stadt. Die müßige
Menge sammelte sich, wie es noch heute im Süden ist, an gewissen
Standorten, und sie war nun auch ihr eigener Bote und Berichterstatter;
geschah etwas Neues, so rauschte es in der Stadt gleich von Mund zu
Mund. Wenn die Senatoren beraten, staut vor der Sitzungshalle sich die
Menge und lärmt so lange, bis jemand notgedrungen heraustritt und die
Neugier vorläufig befriedigt. Heulender Protest erhebt sich, wenn ein
mißliebiges Edikt herauskommt[69]. Ein Gesetz gegen den Frauenluxus
soll es geben; der strenge Cato ist am Werk: da rotten sich die
Weiber, die davon hören, an allen Kreuzpunkten, umstellen geradezu das
Forum, so daß ihnen kein Mannsbild entgeht, und bearbeiten sämtliche
Stimmfähigen, damit der böse Antrag zu Fall kommt[70]. Agitation und
Klatsch: das ist römisches Straßenleben. Es verlautet, daß ein gewisser
Rutilus gestern ein glänzendes Essen gegeben hat, und Rutilus ist doch
so arm! Gleich wissen das alle Müßigen, und das Räsonnieren geht los,
in den Tempelvorhallen, in den Thermen und Friseurbuden[71].
Aber auch das Ausrufen ersetzte die Meldung. Das Kalenderwesen war
schwierig; das Publikum mußte wissen, wie in jedem Monat gewisse
Termine lagen; an jedem Ersten erschien auf dem Kapitol ein Priester
(~pontifex~) und rief den Eintritt der „Nonen“ aus[72]. Dazu nun die
Ausrufer von Beruf, die die Stadt bezahlte, jene altmodischen Figuren,
die wir auch in unseren deutschen Kleinstädten noch vor etwa 50 Jahren
an den Straßenecken regelmäßig tätig sahen, als Ersatz für Tageblatt
und Lokalanzeiger. In Rom fehlte ihnen die Schelle; sie hatten nur
ihr dröhnendes Organ und verkündeten nicht allein lautschallend die
Angebote bei den Auktionen, sondern auch Wichtigeres: „Morgen, ihr
Bürger, die feierliche Beisetzung des großen Aemilius Paulus, der den
König von Mazedonien besiegte; als Leichenspiel wird eine Fabel des
Terenz gespielt;“ oder: „Die Gladiatoren aus Capua sind da; morgen wird
das Forum für sie mit Sand bestreut.“ Auf demselben Forum Roms, diesem
Zentrum der Weltgeschichte, finden die Herren Senatoren sich natürlich
täglich zusammen; Cicero steht da plaudernd mit Pompejus und Lukull,
macht seine Witze und freut sich, wenn Lukull ihn freundlich zu Tisch
einladet: da fährt der Ausrufer dazwischen und schreit: „Die Sitzung
geht an!“ und die Herren schieben sich in die Kurie, um über die
Eroberung Galliens oder über die Schulden des jungen Königs von Ägypten
zu beraten.
Aber auch das schriftliche Verfahren bestand. Durch Anschrift an den
Mauerwänden wurden die neuen amtlichen Verfügungen bekanntgegeben. So,
wie heute der Landrat im „Blättchen“ seinen Kreis zur Feststellung
der Menge des vorhandenen Schlachtviehes auffordert oder mitteilt,
daß die Blutlaus den Obstbau schädigt und daß von ihrem Auftreten der
Behörde sofort Anzeige zu machen ist, so las das Publikum damals im
Maueranschlag das neue Korngesetz oder den Wehrbeitrag, den der Bürger
fortan zu zahlen hatte. Am Schluß des Jahres gab es in gleicher Form
ein Verzeichnis aller wichtigen Jahresereignisse, von den Schlachten
an, die der Römer wieder einmal gewonnen hatte, bis zum fünfbeinigen
Kalb, das irgendwo auf dem Lande geboren war, und jeder konnte sich
Abschrift nehmen von dem, was ihn anging. Proskriptionen hießen solche
öffentlichen Maueranschläge. Als Sulla seine Menschenhetze eröffnete,
gab er in derselben Weise die Namen seiner Opfer vorher in allen
Straßen Roms bekannt, am ersten Tage 80 Namen; an den folgenden ging es
in die Hunderte. Dadurch sind die unschuldigen Proskriptionen zu einem
Wort des Schreckens geworden; es waren „Anschläge“, die der Tyrann auf
das Leben seiner Mitbürger machte.
[Randnotiz: Archive. Die ersten Straßen. Telegraphie. Meldedienst.]
So gab es im städtischen Verkehr viel zu lesen. Aber man las und
schrieb natürlich noch viel mehr. Persönliche Grüße und Wünsche
kreidete man den Freunden und Freundinnen an ihre Tür oder auf
den Türpfosten, oder auch der Sklave kam mit einer schriftlichen
Ausrichtung ins Haus und ersuchte, die Antwort gleich wieder mitnehmen
zu dürfen. Die Wachstafel war eine hochwichtige Sache, und man hatte
sie immer zur Hand; der Diener, ohne den niemand ausging, hielt sie
bereit. Alles das Schreibwerk war rasch vergänglich, unendlich viel
bedeutsamer dagegen die Gotteshäuser, ich meine die Außenwände der
Tempel. Da waren in monumentalen Bronzetafeln wie für die Ewigkeit alle
wichtigsten Dokumente, die Staatsgesetze, die Bündnisverträge Roms mit
auswärtigen Völkern befestigt und aufgehängt. Solche Tafeln sah man zu
Tausenden. Bei dem Tempelbrand auf dem Kapitol des Jahres 69 n. Chr.
gingen allein 3000 zugrunde[73].
Soweit die enge Hauptstadt selbst. Sobald aber die treibenden
Lebensinteressen über die Stadtmauern hinausreichen, da wird die
Landstraße nötig und der Überlandbote oder Kurier. In dem Bauernland
Italien gab es zunächst nur ungepflegte Kommunalstraßen und Feldwege
oder Vicinalwege, die durch das Ackerland von Dorf zu Dorf führten
und die der Anwohner in Ordnung hielt[74], und damit hat sich das
siegreiche Rom 400 Jahre lang begnügt. Erst nachdem es das Umland
Neapels, das schöne Kampanien, erobert hatte, führt Rom im Jahre 312
v. Chr. die erste festgedämmte Chaussee, die unter staatlicher Aufsicht
stand, die berühmte Via Appia, südwärts bis nach Capua. Erst in den
Jahren 241 und 220 kommen dann die Via Aurelia und Flaminia hinzu,
die beide nordwärts nur bis Pisa und Rimini reichen. Hannibal, der im
Jahre 218 in Italien einrückte, konnte diese Straßen schon benutzen.
Sonst blieb der Römer auch noch im Hannibalkriege mit seinen zahllosen
Marschanforderungen ganz auf die dörflichen Fahrwege alten Stils
angewiesen.
Ebenso unausgebildet aber, bis zum Stumpfsinn, war damals auch noch das
Nachrichtenwesen, der militärische Meldedienst. Meldungen mit Fanalen,
mit Leuchtfeuern sind völlig oder fast völlig unbekannt; auch die
Taubenpost hat der Römer nie ausgebildet, obwohl doch die Tauben schon
damals, wie heute in Venedig, Heuschreckenschwärmen gleich, um alle
Dächer flogen. Im 2. Jahrhundert v. Chr. erfand der geniale griechische
Historiker Polybius im Dienste des ersten Feldherrn der Zeit, des
jüngeren Scipio Africanus, die eigentliche Telegraphie im heutigen
Wortsinn. Wir kennen das telegraphische System des Polyb genau; es war
eine wirkliche Vorwegnahme unserer Morsetelegraphie; aber es blieb auf
dem Papier stehen und ist nie zur Anwendung gekommen, und 2000 Jahre
haben vergehen müssen, bis es in neuer Form wieder auferstand. Der
genannte große Feldherr winkte einfach ab. Solche Sache war für den
grobsinnigen Römergeist zu fein und kompliziert; man wäre dadurch, wo
es sich oft um Geheimmeldungen handelte, zu sehr in Abhängigkeit vom
dienenden griechischen Personal geraten; denn die Griechen hätten den
technischen Apparat auf alle Fälle bedienen müssen.
Wie tropfenweise und spät die politischen Nachrichten damals noch in
der Hauptstadt eingingen, zeigt uns des Livius Geschichtserzählung[75].
Wir sehen dabei, wie aus dem Luftschiff, von oben in die Stadt Rom
hinein. Hannibal hat soeben am Trasimenischen See gesiegt. Ein
einzelner Bote taucht in Rom auf mit der vagen Nachricht, und der
Schreck, der entsteht, ist grenzenlos. Das Volk staut sich auf
dem Markt; die Matronen irren in Scharen durch die Gassen. Ein
endloses Fragen den ganzen Tag. Niemand weiß etwas. Man ruft nach
den Magistraten, die sich verstecken. So ist es ja immer, daß die
Regierungen Unglücksnachrichten unterdrücken wollen. Endlich, als es
Abend wird, tritt wirklich der Praetor Pomponius heraus und bekennt
wortkarg: „Wir sind in einer großen Schlacht besiegt.“ Bestimmtes
weiß auch er noch nicht; aber das Gerücht geht um: „ein Konsul ist
tot; zahllos die Gefallenen.“ Jeder bangt um seine Söhne. Indes
vergehen noch mehrere Tage; die Weiber postieren sich in Haufen an den
Stadttoren auf, um den ersten Flüchtling, den ersten Boten abzufangen.
Es hat also tagelang, trotz der Nähe des Schlachtfeldes, an Eilboten,
die der Staatsbehörde die offizielle Meldung brachten, gefehlt: bis
endlich wirklich die Erwarteten kommen, und das endlose Ausfragen
beginnt. Natürlich fehlen dann auch Ohnmachten und Schlaganfälle nicht.
In den Armen ihres Sohnes verscheidet eine Römerin; eine andere rührt
der Schlag infolge einer Falschmeldung.
[Randnotiz: Gesandtschaften. Eilmärsche. Ausbildung des Straßenwesens.]
Nicht besser die Beweglichkeit der damaligen Diplomatie im Ausland.
Hannibal belagert Sagunt in Spanien; eine römische Gesandtschaft
sucht ihn dort auf, um dagegen Protest zu erheben. Hannibal läßt sie
gar nicht vor. Da machen sich die römischen Herren nach Karthago
selbst auf, um dort gegen ihn zu wühlen, denn Hannibal hat in seiner
Vaterstadt zahlreiche Feinde. Aber Hannibal selbst schickt gleich
seine Eilboten, die viel schneller sind, dorthin, und als die Römer
in Karthago glücklich anlangen, ist Rat und Bürgerschaft schon völlig
in Hannibals Sinn bearbeitet[76]. Bald danach setzt Hannibal über den
Ebro und will, um Rom anzugreifen, durch Südfrankreich, durch das
gallische Land. Da kommen, um das zu verhindern, römische Gesandte zu
den Galliern und fordern: die Gallier sollen das punische Heer nicht
durchlassen. Schallendes Gelächter empfängt sie. „Ihr kommt zu spät,“
heißt es, „Hannibals Gesandte waren schon längst hier; der Vertrag ist
mit ihm längst geschlossen, der Durchzug gewährt[77].“ Protzig und
träge, das war das altrömische Wesen. Die Barbaren lachten mit Recht.
Aber so blieb es nicht. Eben jetzt lernte der Römer in der höchsten
Not vom Feinde. Hamilkar hieß der „Blitz“, er hieß Hamilkar „Barkas“;
Hannibal, sein Sohn, war so blitzschnell wie er. In Scipio Africanus,
dem älteren, aber erstand dem Hannibal ein großer Nachahmer, und durch
ihn veränderte sich alles. Auch dieser Scipio hieß „der Blitz“[78].
Von da an beginnen die oft erstaunlichen römischen Rapidmärsche im
Felde. Für den normalen Tagesmarsch setzt Vegetius in seiner Schrift
über das Heerwesen 30 ~km~ an[79]. Scipio aber zog damals vom Ebro
nach Cartagena in Spanien in 7 Tagen, also täglich 60 ~km~[80]. Darf
man auch solche Angaben nicht allzu genau nehmen, auf alle Fälle ist
die erstaunliche Schnelligkeit der Bewegung fortan ein Vorzug vieler
römischer Feldherren; ich nenne Lukull, Caesar, Trajan, wobei der
Zweck ist, den unfertigen Gegner zu überraschen, wie es Hannibal
tat. Gewiß hat dies Caesar von Lukull gelernt. Wichtig war auch das
Pferdematerial. Erst seit Spanien erobert war, hatte man auch gute
Pferde, und das schnelle Reiten begann, die berittenen Eilboten oder
Staffetten (~equites citati~)[81].
Seit jener Zeit gestaltete sich nun alles anders. Bald war ganz
Italien mit musterhaften, chaussierten Heerstraßen versehen, und in
ihrem Dienst entwickelte sich der Brückenbau, der Tunnelbau. Unter
den Kaisern aber durchschnitten sie zielbewußt weitausholend und
verhundertfacht die ganze damalige Welt, und es gab für den Reisenden
direkte, durchgehende Verbindung von Rom nach Marseille, Lyon, Paris;
von Marseille nach Toledo; von Rom nach Wien; großartig vor allem die
Straße, die von Lyon über Straßburg, Ulm, Regensburg, Wien, immer die
Donau entlang, direkt bis zur Donaumündung, bis zur Dobrudscha lief.
Sie verband den Abend mit dem Morgen, Spanien mit dem Schwarzen Meer,
und das gab Anschluß bis zum Euphrat. Es gemahnt an unsere Bagdadbahn.
Noch in Napoleons Ära hat das moderne Europa diesem Straßenwesen nichts
annähernd Gleichwertiges zur Seite zu stellen gehabt; ich meine jene
harmlosen Zeiten der Stellwagen und Kutschen, in denen unsere Vorväter,
Chodowieckis Zeitgenossen, mit Brezeln und Koteletts und anderen
Lebensmitteln für volle acht Tage sich verproviantierten, um von Berlin
nach Wien zu kommen, und dabei auf den tiefen Sandwegen im fliegenden
Staub erstickten oder im Morast versanken, der bis zum Kutschbock
hochspritzte.
[Randnotiz: Gallisches Fuhrwesen. Das Heer a. d. Marsch. Train.
Kauffahrer.]
Aber, merkwürdig genug, das Fuhrwesen hat wiederum der Römer nicht
selbst ausgebildet. Das Schiffahrtswesen nahm er von den Griechen,
die Straßenbautechnik von den Puniern und Griechen, das Fuhrwesen
von den gallischen Barbaren. Der Römer hat zur Bezeichnung des
Wagens selbst nur wenige Worte zur Verfügung. Die Gallier saßen in
der norditalienischen Ebene um Mailand, und von ihnen übernahm man
die verschiedensten und brauchbarsten Wagenformen, vor allem den
Reisewagen (~raeda~) und das Kabriolett (~cisium~). Sogar in Smyrna, in
Kleinasien, fuhr man damit[82]. Auch die gallischen Maultiere (~mulae
Gallicae~) hatten als Bespannung den Vorzug[83]. Im Jahre 222 v. Chr.
wurde Nord-Italien endgültig römischer Besitz; aber das gallische Fuhr-
und Spediteurwesen bleibt dort seßhaft noch in Caesars Zeiten. Damals
verhöhnte Vergil den Spediteur Sabinus in Cremona. Vor allem aber
ist jener Ventidius Bassus berühmt, der das ganze Transportwesen für
Caesars große Kriege in der Hand hatte: ein Emporkömmling bäurischer
Herkunft aus der Gegend zwischen Venedig und Ancona, der sich schon
als junger Kerl betriebsam auf den Dörfern Maultiere und Wagen
zusammengekauft hatte. Bald wurde sein Speditionsgeschäft bekannt;
die römischen Herren mieteten seine Wagen, und so kam er schließlich
auch zu Caesar in Beziehung. Da ging der Betrieb gleich ins Kolossale;
Ventidius wurde der größte Kutscher der Weltgeschichte; er wurde kraft
seiner Leistungen sogar Senator, Konsul, wenn schon er wohl immer noch
nach dem Stalle roch. Man begreift das Entsetzen der gebildeten Welt.
Herbei, ihr Vogel- und Eingeweideschauer Roms:
hier ist ein neu Mirakel, wie ihr noch keins geschaut.
Der Maultierstriegler von Beruf ist Konsul jetzt!
Diese Verse las man damals an den Straßenmauern Roms[84].
Die berühmten römischen Fahrstraßen hießen „~viae~“, und „~viae~“ kommt
von „~vehere~“, „fahren“, her. Wegen des Fahrens die feste Dämmung.
Kein Wagen konnte da einsinken. Gleichwohl sind sie Militärstraßen
gewesen und im Dienst des Krieges entstanden; aber die Truppen wurden
natürlich nie per Achse befördert[85]. Sie marschierten nur, und auf
dem harten Basaltpflaster der Militärstraßen marschierte es sich gewiß
nicht gut. Sogar die Offiziere, sogar die Höchstkommandierenden hielten
oft mit Schritt. Sie fuhren nicht, aber sie ritten auch nicht. So, zu
Fuß, ist Marius von Rom aus gegen die Teutonen ausgezogen, hat Caesar
z. T. Frankreich durchmessen. Es war ein Ruhm des Feldherrn, wenn er
dasselbe leistete wie der geringste Mann. Nicht anders Trajan in
Dacien[86]. Mark Aurel war freilich dazu zu schwächlich, als er durch
Siebenbürgen bis nach Böhmen vordrang; daher sein Reiterstandbild.
Er mußte reiten. Nicht also für die Truppen selbst, sondern vielmehr
für den Wagentroß, der dem Heere folgte, waren jene Militärstraßen
chaussiert. Ließen die Soldaten den Train hinter sich, so hießen sie
~expediti~, „die da fußfrei einhergehen“; so konnten sie wesentlich
rascher und auch auf schlechten Wegen vorankommen; und davon hat
die „Expedition“ ihren Namen, die ursprünglich die kurzfristige
Unternehmung ohne hemmenden Troß bedeutet hat[87]. Gleichwohl war ein
Feldzug ohne Train (~commeatus~), ohne Beigabe von Proviantmassen, von
Gerät und Geschützen, wie ein Flug ohne Flügel, wie eine Lokomotive,
die kein Wasser hat. Wir wissen das auch heute.
Nun aber der Kaufmann! Auch er strebt hinaus über die Landesgrenzen.
Wer aber wird glauben, daß die Kaufmannswelt sich an jene Musterstraßen
gebunden fühlte? daß sie nicht schon vor ihrem Vorhandensein weit
ausgriff und rege war? Nicht der Krieg erschließt die Welt; der
Handel schafft sich selber Wege, auch unter Menschenfressern und
Kannibalen, und ob er über den schwindelnden Saumpfad klettern, durch
endlose Wälder und grundlose Sümpfe sich drängen muß, ob er mit
der Wüstenkarawane der Fata Morgana nachrennt und von Stürmen über
fremde Meere sich tragen läßt. Ostindien, Westindien, das Goldland am
Niger, die Bernsteinküste der Ostsee, der Kaufmann war es, der sie
entdeckte. Um neue Absatzgebiete, um neue Produkte für die Einfuhr
zu entdecken und in seine Hand zu bekommen, stürzt er sich in alle
Gefahren. Italiens Hauptexportartikel war sein wundervoller Wein,
der in mannigfaltigsten Sorten und in Fülle gedieh. Viele Marken
waren schwer berauschend, und der Barbar kaufte sie mit Gier, wie der
Chinese das Opium. So kam der Wein Italiens schon früh zu den Galliern,
Spaniern und Germanen. Schwer belastet trugen die Flußschiffe die
gefüllten Fässer die Rhone und Saône hinauf und den Rhein hinab,
und wo Flüsse fehlten, kamen die Lastkarren mit kreischendem Rad.
An allen Küstenplätzen, Cartagena, Toulouse, ja auch im Inneren
der eroberten Gebiete setzten sich die römischen Händler fest,
bildeten Gesellschaften und vertrieben als solche die Landesprodukte,
verarbeiteten, verluden sie und schafften sie nach Rom, dem großen
Konsumenten und Magen, der alles verschlang. Freilich betrieben das
die römischen Herren zumeist nicht in Person, sondern durch ihre
Freigelassenen, denen ihr Kapital und Kredit zur Verfügung stand und
die hernach selbst unter die reichen Bürger mit aufrückten.
[Randnotiz: Welthandelsverkehr. Römerstraßen der Kaiserzeit. Das
Reisen.]
Aber nicht nur in den Nordländern: in dicken Massen, wie Schmeißfliegen
auf der Wunde, saßen die römischen Händler und Wucherer im unterjochten
Kleinasien. Man staunt, zu hören, daß der letzte große Rächer des
Griechentums, Mithridates, dort an einem Tag bis zu hunderttausend
Römer aufgreifen und töten ließ, indem er die Wut der Griechen auf
sie hetzte. Karthago, Korinth mußten fallen, Rhodus, Athen, auch
Marseille völlig geschwächt werden, damit der „~mercator~“ Roms alles
in seine Hand bekam, und er warf nun aus allen fruchtbaren Gegenden das
Getreide nach Rom, lieferte indische Gewürze und Edelsteine, Bauholz
vom Schwarzen Meer, feines Holz für die Möbelschreiner aus Marokko,
Sklavenmassen aus Syrien und was sonst die Welt hergab, vom gallischen
Schinken bis zu den erhabenen griechischen Götterfiguren, mit denen
man Promenade und Park verzierte. Silbergruben, Bleigruben erwarben
sich die Konsortien in den Provinzen, produzierten selbst Fischbrühe
in Spanien für den Massenversand, der in mächtigen Krügen mit der
Aufschrift „Fischbrühe der Kompagnie“ (~garum sociorum~) geschah,
ernteten das Pfriemengras (~spartum~), das in Spanien wild wuchs und
aus dem man Matten und Seile machte, brachten gar die altägyptischen
Papyrusfabriken in ihre Hände usf. Der Import in Italien übertraf den
Export wohl vielhundertfach; aber Rom hatte Geld und konnte alles
zahlen. Das Großkapital saß in Rom und nährte sich und schwoll durch
ungeheuren Zinswucher. Es sollte freilich die Zeit kommen, wo die
römische Kultur in den Provinzen das Mutterland Italien gewaltig
überholte. Da versank Italien und Rom endlich in zunehmende Verarmung.
Es war wie Rache und Vergeltung.
Wie nun dieser Warenaustausch durch den Bau der römischen Heerstraßen,
der sich in die fernsten Fernen erstreckte, befördert worden ist,
begreift sich leicht. Unaufhaltsam Menschen suchend, dringt die Straße
von Siedelung zu Siedelung und bietet ihre Gaben an, sättigt überall
tausend alte Bedürfnisse und erweckt tausend neue, wie heute die
Eisenbahn, und knüpft so die Völker zur Menschheit zusammen. Bequemer
freilich und billiger war damals wie heute der Wassertransport, und das
Mittelmeer stand allen offen und trug gutwillig alle Lasten, wofern
nur ein günstiger Wind die Segel schwellte. Das Mittelmeer war die
Hauptverkehrsstraße der alten Welt.
Wir aber verweilen zunächst noch auf dem Lande. Die Lastfuhren drängten
sich. Aber nicht nur der Kaufmann füllte die Landstraßen, sondern
auch der Reisende. Allein schon die hohen Herren Verwaltungsbeamten,
die mit großem Personal in die Provinzen eilten und oft jährlich
wechselten. Aber auch die Gesundheits- und Vergnügungsreise gedieh;
auch die Neugier trieb hinaus in die Ferne; die Straße ermöglichte das.
Straßenräuber und Piraten gab es kaum noch, und man streute sein Geld,
indem man durch die Länder bummelte, und erzählte Wunderdinge, wenn
man nach Hause kam. In manchen Tempeln geschahen Wunderheilungen, und
ganze Wallfahrten zogen dahin. Übrigens ging der Schwindsüchtige wie
heute gern nach Ägypten oder an die Riviera. Auch die Heilquellen von
Teplitz, Baden bei Zürich und Bath in England haben die alten Römer
schon benutzt. Aber auch diese Gesundheitsreisen dienten zugleich oft
genug dem flotten Luxusleben und dem unersättlichen Verlangen nach
Zerstreuung. Man hatte Zeit, und es galt sie totzuschlagen. Die Straße
stand dem Händler, sie stand auch dem Müßigen offen.
[Randnotiz: Reiseziele. Gattungen des Wagens. Prunk.]
Ständig strömten die Provinzleute nach Rom; das begreift sich; man
mußte einmal im Leben in Rom gewesen sein, oder man wollte einmal
den Kaiser gesehen haben oder auch andere berühmte Männer, wie den
Vergil oder Livius. Der Römer selbst dagegen weidete, wenn er reiste,
alle Sehenswürdigkeiten der Griechenstädte ab; denn er war nun einmal
Griechenschwärmer von Erziehung. Parthenon und Olympia, die Diana von
Ephesus, der Koloß von Rhodos, die Venus von Knidos, der Eichbaum,
unter dem Alexander der Große während der Schlacht von Chäronea sein
Zelt gehabt hatte, alles wurde mit Hilfe der Reiseführer umständlich
besichtigt; natürlich auch die Pyramiden und Sphinxe und heiligen
Ibisvögel am Nil. Daher das Horazgedicht: Andere mögen Rhodos loben
und Mitylene; ich liebe mein Tivoli am rauschenden Aniofluß. Wozu
nach Smyrna reisen? so fragt derselbe Horaz: Ob du hier in Rom oder
in dem verwunschensten Nest sitzt: wer gesunden Sinn hat, ist überall
glücklich; wo immer du bist, lebe in Anmut!
An den Straßen gibt es in gewissen Abständen Stationen für
Pferdewechsel, und da ächzen nun all die schweren Last- und Möbelwagen
(~plaustra~) über Land und die Karren mit Bauholz (~carri~). Sie halten
an; denn da kommt im Trab eine gedeckte Kutsche mit vier Pferden daher
(~raeda~), eine ganze Familie darin, das Reisegepäck hinten auf.
Elegante Leute fahren sausend im vergoldeten oder silberbeschlagenen
Wagen (~essedum~) mit Beduinen als Vorreitern; für Damen ist wieder
eine besondere Wagengattung (das ~carpentum~) bestimmt, auch diese
schön und kostbar: darin fahren die Frauen zum Gottesdienst; so
kutschiert Cynthia, des Properz Geliebte, selbst rosselenkend zur
Fütterung der heiligen Schlange nach Lanuvium; zwei Ponys mit
gestutzter Mähne hat sie vorgespannt. Alle diese Fahrzeuge aber
überholte das auch noch heute in Italien so beliebte zweiräderige Gig
oder Kabriolett (~cisium~) mit dem Schnelltraber, oft nur ein simpler,
offener Kasten auf zwei Rädern, der vor allem dem Geschäftsreisenden
diente. Die Gäule und Mäuler tragen Hufeisen, das jedoch die Form
eines vollständigen Schuhes hat; sie werden auch nicht wie heute an
Stränge oder in die Deichselgabel eingespannt, sondern vorn an der
Deichselstange ist ein Joch, an dem sie ziehen.
Einmal begegnen wir auch dem Philosophen Seneca auf der Landstraße.
Der reiche Mann ist der Verfechter stoischer Gesinnungen. Er fährt da
mit einem Freund und ein paar Dienern, durch irgendwelchen Umstand
veranlaßt, ohne Gepäck, auf einem gemeinen Bauernwagen. Aber die Scham
befällt ihn, als ihm immerfort die eleganten Reisenden aus Rom, die ihn
z. T. gewiß persönlich kannten, auf der Straße begegnen, und er ärgert
sich über seine Scham. Da kommen sie gefahren mit fetten Paradehengsten
oder spanischen Rennern und Zeltern; um im Wagen zu speisen, haben
sie goldenes Tafelgerät mit, und ungeheurer Staub wirbelt auf, denn
Schnelläufer oder afrikanische Vorreiter eilen vor ihnen her, um mit
Gewalt Platz zu schaffen, weil die Straße mit Wagen gestopft ist. Als
Bedienung werden außerdem noch junge schöne Pagen hinterhergefahren,
deren Gesicht mit Schminke belegt ist, damit ihre zarte Hautfarbe nicht
durch die Sonne leide. „Wohin,“ ruft da Seneca, „ist die Zeit eines
Cato, der sich noch dereinst mit einem einzigen Klepper begnügte?“
Cato ritt durchs Land und brauchte das Tier nicht einmal ganz; denn
einen Teil nahm der Reisesack ein, der rechts und links vom Sattel
herunterhing[88].
[Randnotiz: Handelshafen; Handelsschiffe. Erholungsreisen der großen
Herren.]
Da sehen wir einmal, flüchtig angedeutet, den Betrieb auf der Via
Appia, die Überfüllung der italienischen Landstraßen. Überfüllter aber
war noch das Mittelmeer, und uns öffnet sich endlich auch der Blick
auf die See. Die Landstraße führt den Seneca nach Puzzuoli (Puteoli),
den großen italienischen Welthafen jener Zeiten, die Reiseherberge der
ganzen Welt[89]. An die zwanzig Molen streckten sich da, festgemauert,
ins Meer, zwischen denen die Schiffe Anker warfen. Seneca erlebt, wie
die Schiffe aus Alexandria dort in Sicht kommen; es sind Kurierschiffe,
die melden, daß die große Flotte mit den Warentransporten aus Ägypten
bald eintreffen wird. Auf allen Molen stehen da die Menschen in
dicken Haufen, die sich drängen und hinausspähen: der alexandrinische
Schiffstypus wird von ihnen festgestellt; an der Art der Segel erkennt
man ihn; denn keine anderen Schiffe setzen sonst auf der Strecke
zwischen Kapri und Puzzuoli das Toppsegel (~supparum~) auf. Seneca
selbst hält sich indes fern; er erwartet zwar wichtige Postsachen aus
Ägypten, aber er bezähmt seine Ungeduld[90].
Einen anderen Ton schlägt der Satiriker Juvenal an. In dem grimmigen
Ton, der ihm eigen ist, belebt er uns das Meer, indem er den Kauffahrer
mit dem Seiltänzer, der für Geld sein Leben wagt, vergleicht. Von Kreta
kommt die Brigg mit Flaschen voll Rosinenwein und Säcken, die schon
von weitem nach Gewürzen riechen, daher. Millionär will der Kauffahrer
werden. Das wollen sie alle. Ja, sieh nur die See, wie sie voll ist
von Gebälken! Der größte Teil der Menschen lebt heut auf dem Wasser.
Daher ist uns auch das Mittelmeer zu eng geworden; man fährt jetzt,
an Gibraltar vorüber, auch dreist in den offenen Atlantischen Ozean,
wo die Welle aufzischt, wenn die heiße Sonne in ihm untergeht. Unter
Kuratel sollte man den Wahnsinnigen stellen, der seinen Zweimaster
bis zum Rand mit Waren überfrachtet, so daß die Welle fast über Bord
schlägt. Getreide und Pfeffer hat der Mann zusammengekauft. Ein
Gewitter kommt. „Löst das Ankertau,“ ruft er trotzdem; „das bißchen
Wolken hat nichts zu sagen.“ Morgen aber ist er vielleicht schon als
Schiffbrüchiger ins Meer gestürzt und möchte sich retten; aber er
schwimmt nur mit der linken Hand, weil er mit der rechten und mit den
Zähnen die Geldkatze festhält[91]. Die Zahl der Schiffbrüchigen war im
Mittelmeer zur Zeit des Altertums in der Tat unendlich viel größer als
heute -- als ob dort deutsche Unterseeboote am Werk wären.
Lassen wir indes den Zorn Juvenals verrauschen, der sich gegen die
Geldgier des Kaufmanns richtet. Sein Zorn ist selbst wie Sturm.
Eine wirkliche Erholung war das Reisen gelegentlich für die großen
Staatsmänner und Feldherren. Mark Anton hatte nach dem großen Sieg
bei Philippi endlich sich zum Herrn des Orients durchgerungen;
schlachtenmüde erholte er sich danach einige Monate lang in Hellas und
Kleinasien (warum sollte er es nicht so gut haben wie andere?), sah
sich leutselig die berühmten Wettspiele an, ließ sich über griechische
Altertumskunde vortragen und war dabei aufgeräumt und überlustig. Als
auch die Winkelstadt Megara ihn um seinen Besuch bat und ihm ehrgeizig
ihr altertümliches Rathaus zeigte, sagte er nichts als: „Klein, aber
verwahrlost.“ Es war schwer, dem großen Herrn zu imponieren. Genaueres
teilt uns Tacitus über des Antonius Enkel, den liebenswürdigen
kaiserlichen Prinzen Germanicus, mit. Es ist der Germanenbekämpfer der
Jahre 14 bis 16 n. Chr. Drei Jahre hatte Germanicus im rauhen Norden
gestanden, durch die tiefen Wälder und Sümpfe des wilden Germaniens
seine Legionen zum Kampf getrieben, auf der tosenden Nordsee persönlich
schwersten Schiffbruch gelitten, als Tiberius ihn nach Syrien
entsandte; er sollte nunmehr sogleich den Osten verwalten. Aber er nahm
sich Zeit; er brauchte sichtlich Ruhe und Ausspannung, und so suchte
er erst Actium auf, den denkwürdigen Küstenplatz, wo vor 50 Jahren
die Seeschlacht bei Actium geschlagen wurde. Er fand da noch wirklich
die Reste des Heerlagers des Antonius selbst, Anlaß genug, allerlei
trüben und frohen Erinnerungen nachzuhängen. So fuhr er auch nach
Lesbos, deshalb, weil ihm dort seine Tochter Julia geboren war, fuhr
zum alten Troja, das jeder Römer wie seine Urheimat verehrte, sättigte
seinen Schönheitssinn, indem er weiter alle wundervollen Küstenstädte
des griechischen Meeres und so auch Konstantinopel (Byzanz) besuchte,
überall natürlich wie ein Fürst empfangen. Bei Kolophon gab es eine
berühmte Orakelstätte; in einer heiligen Grotte trank da der Seher,
ehe er seine Weissagungen vorbrachte, aus einer geheimnisvollen
Wunderquelle; so auch diesmal, und da soll dem Germanicus sein
frühes tragisches Ende geweissagt worden sein. Doch war es ihm im
folgenden Jahre (19 n. Chr.) noch beschieden, nach dem Wunderland
Ägypten zu gehen, den märchenhaft berühmten Koloß der Memnonsäule bei
Sonnenaufgang klingen zu hören, und er ging dann noch weiter stromauf
bis nach Assuan, wo die Stromschnellen des Nil sind, deren Wirbel nicht
zuließen, daß man mit dem Senkblei die Wassertiefe maß[92]. Am Bein
der Memnonsäule, dieses zertrümmerten Sitzbildes, finden sich noch
heute eine Menge Inschriften eingekratzt erhalten, Worte von römischen
Reisenden, die froh bezeugen, daß sie den Koloß klingen hörten.
Jahrhundertelang reiste man wundersüchtig dorthin, um das zu hören.
[Randnotiz: Fußwandern und Pilgern. Die Meile.]
Wieviel die hohen Herren auf solchen Reisen zu Fuß abmachten, läßt sich
nicht genauer feststellen. Wohl aber gilt es zu wissen, daß im Altertum
trotz allem, was ich bisher mitgeteilt, die Fußreise vorherrschte,
daß für den Durchschnittsmenschen das Reisen zu Land ein Wandern, ein
Pilgern war. Die Wenigsten konnten sich Wagen mieten, und dadurch,
durch die Züge der Fußgänger und Pilger, belebt und ergänzt sich uns
das Bild der Landstraße nun noch weiter. Die Reise heißt „~iter~“;
„~iter~“ aber ist „der Gang“ auf deutsch und setzt zunächst durchaus
das Gehen voraus; ebenso das Wort „pilgern“, ~peregrinari~; wo nicht
ein Fahrzeug besonders genannt wird, wird auch beim Pilgern nie an
Fahren gedacht. Und so sagt uns ja auch Horaz, daß, wer bei Regenwetter
von Capua auf der Appischen Straße nach Rom eilt, von Kot überspritzt
ankommt[93]; die Wagen sind es, durch die der Fußgänger so bespritzt
wird. Ausonius schildert in seinem berühmten Reisegedicht „Mosella“
seine Fahrt auf der Mosel. Er steigt aber nicht etwa einfach bei
Trier oder bei Neumagen ins Schiff, sondern von Bingen a. Rh. geht er
aus und wandert zunächst zu Fuß einsam, und also nicht etwa auf der
Poststraße[94], durch die Wälder des Hunsrück[95]. So hat denn der
junge Dichter Persius, wie man glaublich vermutet, eine Gedichtsammlung
„Wegwandergedichte“ (ὁδοιπορικά) geschrieben[96], und ein solches
Wegwandergedicht besitzen wir noch; Catull gibt es uns, ~carmen~ 46:
es ist Frühling; aus dem Inneren Kleinasiens, aus Bithynien, wo der
Dichter mit jungen Altersgenossen amtlich beschäftigt war, strebt er an
die Küste, um von da weiter nach Rom heimzufahren, und singt:
Schon bringt der Lenz die linden Lüfte wieder,
Schon schwingt in Anmut Zephyr sein Gefieder.
Des Äquinoktiums Himmelsstürme ruhn.
Zeit ist’s, Catull, vom üppigen, aber heißen
Bithynerland dich endlich loszureißen.
Zu Asiens Küstenplätzen fliege nun.
Schon klopft das Herz, voll Hast, hinauszuschweifen;
Der Fuß ist stark und fröhlich auszugreifen.
Ade! Schön war der Bund mit euch Kollegen,
Die ihr mit mir gereist. Auf andren Wegen
Zieht ihr, als ich, dem Heimatland entgegen.
Da haben wir den Fuß, der ausgreift! Vergessen wir nicht, daß ja auch,
wie wir sahen, die höchsten Heerführer ihren Legionen oft zu Fuß
voranschritten. Wer es eilig hat, von dem sagt Catull: er verschluckt
seinen Weg vor Gier[97]. Und was bedeutete die Meile für den Römer?
Sie war nichts als ein Schrittmaß und bedeutete 1000 Doppelschritte
des Marschierenden, die also nicht in Luftlinie, sondern nur am Lauf
der Straße abgemessen werden (man rechnete nach ~milia passuum~); die
Meilenpfeiler gaben dem Fußgänger von Stelle zu Stelle an, wieviel
Schritte er hinter sich, wie viele er vor sich hatte. Die Straße war
Wanderstraße.
[Randnotiz: Wandernde Berufsarten. Apostel Paulus. Götterschutz.
Gasthöfe.]
So belebt sich uns die Landstraße mehr und mehr mit den
mannigfaltigsten Gestalten. Denn wir erinnern uns nunmehr auch der
ambulanten oder wandernden Berufsarten. Die Sendboten des Christentums
tauchen vor uns auf, und ihr Fuß trägt sie dahin von Land zu Land, zu
allen Völkern. Aber nicht nur sie. Weil es in unzähligen Landstädten
Theater oder Amphitheater gab, ziehen nun auch die Schauspielerbanden,
ziehen die Mimen, die Jongleure von Ort zu Ort; ebenso auch die
Gladiatoren, die zu je hundert oder mehr vermietet werden und auf
Bestellung hier und dort ihre Fechterspiele geben. Da sind aber auch
die Ärzte, die, um ihre Kundschaft auszudehnen, gern und oft ihren
Standort wechselten und dabei Heildiener und Apotheke mitbrachten;
da sind auch noch die Kunstredner des Altertums, halb Prediger, halb
Professoren: Kanzel und Katheder in eins. Unsere Sonntagsgottesdienste
mit Predigt gab es noch nicht; sie ersetzten diese Wanderredner mit
ihren schwungvollen Moralvorträgen, die kunstvoll ausgebaut waren.
Aber sie glichen zugleich auch unseren gefeierten Berufshistorikern,
die heut herumreisen, um ihren Bismarck-Vortrag überall zum besten
zu geben; und der Zulauf, der Lernhunger, der Trieb zur Andacht war
grenzenlos. Gewisse volkstümliche Philosophen, Volksbeglücker und
Wahrheitsverkünder kamen überhaupt gar nicht weg von der Straße: dafür
ist das berühmteste Beispiel der Wundermann Apollonius von Tyana um die
Zeit der Zerstörung Jerusalems; sein langes Leben, das früh zum Roman
ausgedichtet wurde, stellt sich als eine unausgesetzte Pilgerschaft
dar, die ihn von Syrien nach Persien, nach Ägypten, Athen und Italien
führte. Und dadurch wird uns weiter das rastlose Reiseleben Kaiser
Hadrians verständlich[98]; aber auch der Apostel Paulus.
Die Apostelgeschichte, die von Paulus erzählt, ist wie ein Reisebuch.
Wie Apollonius von Tyana, so reist auch Paulus, wenn er nicht zu Schiff
fährt, stets nur als Fußgänger[99]. Viele Städte hatte er schon so
besucht, in Saloniki, Philippi, Korinth Gemeinden gegründet, als ihm
der Prozeß gemacht wird, und er tritt, um sich in Rom dem kaiserlichen
Urteilsspruch zu stellen, zu Schiff als Staatsgefangener seine letzte
und längste Reise von Caesarea nach Rom an. Vorschrift war, daß, wer
zum gerichtlichen Termin nach Rom bestellt wird, auf der Reise täglich
20 römische Meilen oder 30 ~km~ machen soll[100]. Aber das ließ sich für
Paulus nicht innehalten; denn es war schon Spätherbst; das stampfende
Schiff lief bei hoher See, der Sturm verschlug ihn bis nach Malta,
und da hielt der Winter ihn drei ganze Monate fest. Dann brachte ihn
und seine Fahrgenossen ein alexandrinisches Schiff im ersten Frühling
glücklich nach Puzzuoli, jenem großen Weltemporium, auf dessen Molen
auch Senecas Augen geruht haben, und von da wandelte der Verkünder
Christi auf der nämlichen Appischen Straße, auf der wir auch Seneca
fahren sahen, nach Rom. Ob die Augen beider Männer und Verkünder der
Menschenliebe je ineinander geruht haben? Wir wissen es nicht.
Das Schiff, auf dem Paulus landete, war nun aber mit dem Gallionbild
der heidnischen Götter Castor und Pollux geschmückt. Es ist auffallend,
daß die Apostelgeschichte dies ausdrücklich erwähnt[101]. Unter dem
Schutz dieser Götter der guten Schiffahrt kam der Apostel Christi
sicher ans Ziel. Viele Schiffe zeigten so irgendein Gottesbild, wie
das der Isis. Denn der antike Reisende war gefährdet und brauchte
die Fürsorge seiner Götter; vor allem auf See. Gebete und Gelübde
vor der Abreise geschahen ständig. Daher die schönen Geleitsgedichte
(~Propemptica~) für die Abreisenden, die wir noch besitzen. Und mit
der Landreise stand es nicht anders; am Weg standen darum vielfach die
Altäre der Straßen-Laren (~Lares viales~ und ~semitales~[102]), denen
man Opfer gab. Bei Landtransporten, die glücklich verliefen, gab man
auch dem Herkules den Zehnten des Gewinns[103]. Es war dies die einzige
Form des Versicherungswesens, die dem Altertum zur Verfügung stand.
Und nun endlich die Gasthöfe. Wer in Eile war und die Nacht durchfuhr,
konnte sie freilich entbehren; aber das kam wohl selten vor[104].
Sonst aber mußte man bei Dauerreisen nachts irgendwo einkehren.
Glücklich der, dem ein Gastfreund alsdann sein Privathaus öffnete.
Der Apostel Paulus ist auf seiner Fußwanderung nach Rom in der
Station ~Tres Tabernae~ eingekehrt, die wir auch aus Ciceros Briefen
kennen. So hatten sich bei dem gewaltigen Anwachsen des Verkehrs an
allen Straßen feste Stationen gebildet und überall das Gasthauswesen
entwickelt: „~mansiones~“ hießen solche Herbergen, vom „Verweilen“
(~manere~), und daher kommt das französische „~maison~“. Aber es waren
meistens nur Tabernen, budenartige Gebäude und der Aufenthalt gewiß
nicht sehr verlockend. Wer möchte wohl heute in den Gasthöfen für
Geschäftsreisende, im ~Hotel Terminus~ oder ~Rebecchino~ oder wie sie
heißen, dauernd leben? Ganz dieselbe Frage stellt auch schon Horaz[105].
+Eine+ Nacht genügt. Und ein Hotel Terminus ist gewiß noch golden gegen
jene Tabernen des Altertums, die zudem oft von Schlafgästen überfüllt
waren[106]. Einmal ist uns das Gespräch eines Reisenden mit der
Wirtin aus einer dörflichen Herberge noch erhalten. „Wirtin, laß uns
abrechnen.“ „Geliefert ein Schoppen Wein, dazu Brot: macht 1 As; warme
Speise: macht 2 As.“ „Das stimmt.“ „Dazu ein Mädchen: macht 8 As.“
„Auch das stimmt.“ „Heu fürs Maultier: 2 As[107].“ Das ist die ganze
Rechnung[108]. Die Ernährung des Tieres kam also fast ebenso teuer (oder
billig), wie die des Menschen. Es wird wohl nicht überall so gewesen
sein.
[Randnotiz: Reichsverwaltung und Reichspost. Ihr Betrieb.]
Nun aber der Staat! die Reichsverwaltung! Sollte sich nicht auch der
Staat selbst die wunderbare Entwicklung des Straßenwesens zu Nutzen
machen? Von der einen Tiberstadt aus sollte er die Türkei, Ägypten,
Tunis, Frankreich, Spanien, Südengland, die Schweiz, Tirol verwalten:
für die zahllosen jährlichen Einläufe, Meldungen, Rechenschaftsablagen,
Erlasse, Edikte setzt dies ein rasch und regelmäßig funktionierendes
und dabei unendlich verzweigtes Nachrichtenwesen, einen grenzenlosen
Depeschenbetrieb voraus. Der Senat beschickte von sich aus die ihm
unterstellten senatorischen Provinzländer; im übrigen war das Reich
kaiserlich und der Kaiserpalast auf dem Palatinhügel der zentrale
Wirbelpunkt der Dinge, wo sich die Büros der Hausministerien, die
kaiserlichen Sekretariate (ein griechisches, ein lateinisches) mit
unendlichem Personal für Abfassung und Versand der allerhöchsten
Verfügungen (~ab epistulis~), für Bittschriften und ihre Erledigung
(~a libellis~) befanden. Wer den täglichen, hastenden Betrieb auf
sämtlichen preußischen Ministerien, Finanz, Handel, Unterrichtswesen,
Justiz usf. zusammennimmt, mag sich davon annähernd ein Bild
machen. In die Hauptstädte der Provinzen, Lyon, Lambese, Antiochia,
Salonae, Tarragona, Corduba, Tanger, wo die kaiserlichen Legaten und
Prokuratoren saßen, mußten, ungehindert durch Zeit und Raum, die Arme
der kaiserlichen Verwaltung hinüberreichen, um Kontrolle zu üben,
tausend Entscheidungen zu übermitteln. Die Akten, die Papiere flogen
hin und her. Daher hat auch schon Augustus, der erste große Weltordner
vor Kaiser Hadrian, die Reichspost eingeführt, die man den „Staatskurs“
(~cursus publicus~) nannte und die durch alle Länder lief. Auf dem
Meere dienten hierfür die leichten Kurierschiffe des Staates[109],
Schnellsegler, zumeist Liburnen, für deren Schiffstypus man das Muster
von den Dalmatiern, den besten Seeleuten an der illyrischen Küste der
Adria, nahm, wo auch heute noch die kühnsten Seeleute zu finden sind
(eben darum möchte sich Italien heute gern dies Dalmatien einverleiben,
wenn es könnte)[110]. Die Wagenpost über Land aber hatte Relaissystem;
d. h. an allen Stationen wurde immer wieder umgespannt[111], und die
Pferde und Mäuler standen dafür also in den Stallungen immer bereit
(~mutationes~). Der Postgaul heißt „~veredus~“, das Extrapferd
„~paraveredus~“, ein halbwegs gallisches Wort, wovon letzten Endes
unser deutsches Wort „Pferd“ sich herleitet. Jedoch fuhr die Post nicht
an bestimmten Tagen und Stunden, und feste Fahrpläne, Reichskursbücher,
gab es nicht. Die Post hielt sich immer nur an den Ausgangsstationen
bereit, und wo Passagiere sich meldeten, wurde gefahren.
Es waren dies aber ausschließlich nur offizielle Personen der
Reichsverwaltung und ihre Beauftragten; für den Privatverkehr diente
die Reichspost nicht. Schon ohne ihn war die Inanspruchnahme enorm.
Wollte sie ausnahmsweise ein Privatmann benutzen, so mußte er von der
Regierung und an höchster Stelle sich dazu eine Bescheinigung, Permeß
(Diplom) erwirken. In dringenden Fällen gab es Eilpost in Extrawagen
(~cursus velox~)[112]. Der Postbetrieb selbst aber erforderte nun
wieder ein starkes Beamtenpersonal an Postdirektoren, Stallmeistern,
Wegaufsehern usf., ein Personal, das, wie heute unsere Briefträger
und Eisenbahnschaffner, militärischen Charakter trug und sich an
allen größeren Plätzen zu Innungen oder Collegia zusammentat[113]. Die
Kosten des Ganzen aber mußten die Provinzländer, die von der Sache den
Vorteil hatten, tragen, indem sie die Transportmittel lieferten: eine
Belastung, die erst Kaiser Hadrian, der große Neuordner des Reichs,
wesentlich erleichtert hat. Hadrian war der berühmte Reisekaiser, der
persönlich unausgesetzt durch alle Länder eilte, und er zentralisierte
darum auch die Weltpost, ungefähr so, wie wenn man heute das
Eisenbahnsystem ganz Europas mit allem Betriebsmaterial unter die
einheitliche Leitung Berlins oder Wiens stellen wollte.
[Randnotiz: Postboten. Reisescheine. Schnelligkeit. Hadrian.]
Es versteht sich, daß zur kaiserlichen Post auch noch das amtliche
Meldewesen gehörte, ein Botenverkehr über Land mit Ablösung in der
Weise, daß z. B. zwischen Lyon und Rom 40 Boten sich ablösen und die
Schriftsachen weitergeben, so daß in 8 Tagen die Botschaft am Ziel
ist[114]. Es waren Schnelläufer, die, wo es anging, Richtwege benutzten.
Ein vom Kaiser für Privatleute ausgestellter Reiseschein war aber nur
so lange gültig, als der Kaiser lebte. Bei Regierungswechsel mußte man
sich daher vorsehen. Einem gewissen Coenus ging es damit übel. Es war
dies ein Grieche, einer der gerissenen und schwerreichen Leute des
Freigelassenenstandes, zur Zeit der Thronwirren des Jahres 69 n. Chr.
Kaiser Otho war eben in der Schlacht besiegt und hatte sich selbst
getötet; sein Gegner und Nachfolger Vitellius funktionierte aber noch
nicht als Kaiser. Coenus will gern die Eilpost nach Rom benutzen; dazu
hat er von Kaiser Otho einen Permeß in Händen, der nun eben seine
Gültigkeit verloren hat. Nun lügt er den Senatoren, die noch schwanken,
wen sie jetzt als Kaiser Roms anzuerkennen haben, vor, Otho lebe
noch, habe soeben noch einmal einen Sieg gewonnen, sein Reiseschein
sei also noch gültig; und so kam Coenus damit auch wirklich nach Rom.
Aber er büßte den Kniff mit dem Tode. Vitellius ließ sich hernach das
Vergnügen nicht entgehen, ihn hinzurichten[115].
Aus derselben Zeit haben wir die Nachricht von der schnellsten Reise,
die unseres Wissens das römische Postwesen möglich gemacht hat. In
unseren Augen ist sie freilich nicht allzu erstaunlich. Die Sache
spielt ein Jahr früher als die vorige, im Jahre 68, und wieder ist
einer der Griechen dabei die Hauptperson; er heißt Ikelus. Der alte,
über 70jährige Kriegsmann Galba steht in Spanien und ist dort von
den Regimentern zum Kaiser ausgerufen worden. Nero hört das in Rom
und tötet sich vor Entsetzen selbst. Der Senat ist bereit, Galba als
Kaiser anzuerkennen. Ikelus freut sich des; er ist des Galba Kreatur;
Galba hat diesen Griechen, der einst Sklave war, zum römischen Ritter
gemacht. In Wirklichkeit aber war Kaiser Galba vielmehr die Kreatur des
Ikelus; um seinerseits zu herrschen, sucht dieser Mensch das Kaisertum
Galbas auf alle Weise durchzusetzen. So wirft er sich in Ostia auf
einen Schnellsegler, schifft kühn und in gerader Linie nach Tarragona
durch das offene Meer, wirft sich dort in die Eilpost und ist schon
in sieben Tagen in dem Nest Clunia, um Galba die Anerkennung des
Senats zu überbringen. Eile tat Not. Unglaublich fand Plutarch diese
Leistung[116]. Um so träger und schwerfälliger vollzog dann freilich
der alte Herr seinen Einzug in Rom. Aber er war doch Kaiser geworden,
setzte sich in Neros Palast fest, und Ikelus konnte nun in Galbas Namen
sich bereichern, konfiszieren und rauben.
Denkwürdiger ist noch Kaiser Hadrian, und wir wüßten gern über ihn
Genaueres. Auch Hadrians Eilfahrten wurden angestaunt, und daß er
über Land den Postwagen benutzt hat, scheint selbstverständlich,
zumal er die Kaiserin Sabina zumeist mit sich führte. Auch der ganze
Regierungsapparat, die Minister, die Bureaus zogen mit ihm, vom
Tajo bis zum Euphrat. Es mag Zufall sein, daß der Wagen uns in den
Berichten kaum je ausdrücklich erwähnt wird. Jedenfalls aber hat der
großartige Mann -- er selbst ein Schnelläufer -- auch weite Strecken
zu Fuß hinter sich gebracht[117]. Er reiste stets ohne Hut, auch bei
dem schlimmsten Unwetter, bei Regen und Kälte, und aus diesem Umstand
wird ausdrücklich seine schwere Erkrankung, die ihm den Tod brachte,
hergeleitet[118]. Wer aber im Wagen sitzt und darin den Hut abnimmt, wie
wir es heute in der Eisenbahn tun, dem kann das Unwetter nichts anhaben.
Soweit das Postwesen des Altertums; gewiß eine großartige Organisation,
die die Regierung schuf. Hiernach gilt es noch eine geringfügige
Sache zu erwähnen, die man gleichfalls ihr verdankte. Ich meine die
+Zeitung+, und die Frage regt sich, ob das alte Rom nicht auch schon
den Zeitungsschreiber, den Journalisten, kannte. Indem wir uns aber
diesem Gegenstand zuwenden, ist zugleich auch vom +Brief+ zu handeln.
Denn aus dem Brief ist die Zeitung des Altertums hervorgegangen.
[Randnotiz: Der Brief und seine Beförderung; Siegelung usf.]
Zunächst also der Privatbrief. Wir denken an die Briefe des Apostels
Paulus, des Cicero -- eine tägliche Riesenkorrespondenz aus Millionen
Häusern von Menschen, von Bürgern, die sich lieben, sich hassen,
die Geld fordern, Grüße senden, schelten, trösten und beraten, ein
tägliches Durcheinanderreden aus allen Weltwinkeln: Geschäftsbriefe,
Liebesbriefe, Plauderbriefe, Kondolenzbriefe, Einladungsbilletts,
Lehrbriefe. Wie mannigfaltig der Inhalt! Der reisende Brief war noch
zahlreicher als der reisende Mensch. Schnell war er hingeschrieben; er
wollte auch schnell ans Ziel; denn er mußte den Römern Telegraph und
Telephon ersetzen. Aber die Staatspost beförderte ihn nicht. Der Brief
mußte selbst sehen, wie er ans Ziel kam.
Dazu hatte jeder Bürger seine Dienerschaft. Irgendeiner der Diener war
als Briefträger immer ganz wohl abkömmlich; andernfalls taten auch
Freigelassene, die überhaupt oft als Geschäftsreisende fungierten,
den Dienst sehr gern. Denn sie bekamen dabei die weite Welt zu
sehen, bekamen gutes Zehrgeld mit und wurden überall wie die Engel
aufgenommen; denn auch das Wort „Engel“ heißt ja der Bote auf
deutsch. Übrigens halfen sich auch die Bekanntenkreise aus. Expediert
heut Freund Markus Briefe nach Patras, nach Brindisi, dann kann der
und jener seinem Boten die eigene Post gegen angemessene Vergütung
mitgeben. Derartige Gelegenheiten gab es immer unendlich viele. Für
uns ist der Postbote heute eine Maschine, die regelmäßig geht wie
der Zeiger an der Uhr, und wir sind ihm zwar im Prinzip wohlgesinnt,
geben aber auf seine Person oft kaum noch acht. Im Altertum war schon,
wenn er sich von weitem zeigte, freudige Erregung; er wurde im Haus
festgehalten, gespeist, beschenkt, in gute Stimmung versetzt, denn
man wollte ihm neue Post mitgeben, und dabei wurde zugleich sein
Charakter, seine Zuverlässigkeit erprobt. In den dicken Bündeln, die er
trug, steckten oftmals Briefe +von+ vielen Händen, die man paketweise
zusammengetan hatte, ja, auch Briefe +an+ viele, die es jetzt zu
verteilen galt. So stand z. B. Cicero in Massenkorrespondenz mit dem
Heerlager Caesars in Gallien und Britannien und seinen Offizieren.
Der Betrieb war geradezu organisiert[119]. Wenn Cicero auf seiner
pompejanischen Villa saß, erhielt er dorthin binnen drei Tagen die
Briefe des Atticus aus Rom[120]. Alle Briefe wurden immer genau datiert.
Das war nicht nur Pedanterie; am Datum konnte man feststellen, wie
schnell der Bote gelaufen, ob er nicht säumig gewesen war. Jener
Atticus, Ciceros Gewissensrat, einer der reichsten Herren mit zahlloser
Dienerschaft, außerdem der Hauptbuchverleger Roms und daher auch mit
Schreiberpersonal reich versehen, hatte für postalische Zwecke stets
einen Läufer bereit, und Cicero ist darum auch in der Lage, oft täglich
mit ihm Briefe zu wechseln. Oft schreibt er nur rasch einen Gruß hin,
um doch etwas geschrieben zu haben, so wie wir heut völlig inhaltlose
Ansichtspostkarten schicken. Ein Gruß genügt. Es ist doch immer ein
Lebenszeichen[121]!
Sorglich wurde jeder Brief versiegelt; mit Siegel sicherte man außerdem
auch noch das geschnürte Briefbündel. Denn die Zuverlässigkeit
der Läufer war doch nicht immer gesichert. Schon die bloße Neugier
verlockte zum Lesen, es geschah aber auch oft im Auftrag. Denn in
politisch erregten Zeiten war das Spionieren gang und gäbe; die Leute
wurden bestochen, das Briefgeheimnis war gefährdet. In der Zeit der
römischen Bürgerkriege wurden die Postsäcke so geplündert, wie England
es im verwichenen Kriege machte, indem es sogar die Schiffe der
neutralen Mächte bestahl[122]. In wichtigen Fällen sicherte man sich
deshalb durch Geheimschrift, brauchte sogar auch sympathetische Tinte,
die sich unsichtbar machen läßt[123]. Am schlimmsten stand es damit in
den Schreckensjahren unter Nero; im Jahre 67 n. Chr. hatte in Rom alle
Privatkorrespondenz völlig aufgehört. Die Angst vor der Zensur von oben
war zu groß. Die Briefträger (Grammatophoren) brachten damals nur noch
die Meldungen von den letzten Hinrichtungen in die Häuser. Es war die
Zeit des Grauens, und das Publikum wehrlos, denn die Garde sicherte den
Tyrannen[124]. Zum Glück lebte damals Seneca nicht mehr, und niemand
konnte seinen Briefen noch etwas anhaben.
Dieselben Schreckensmeldungen von den Justizmorden in Rom hat man
damals gewiß auch in der Zeitung lesen können. Denn auch eine Zeitung,
ein stadtrömisches Tageblatt, gab es damals, das man über alle
Provinzen verschickte. Es fehlte den alten Römern nur an Kaffee und
Zigarren, sonst hätten sie mit ihrer Zeitung just so dagesessen wie wir.
[Randnotiz: Publizierte Briefe. Tageszeitung. Senatsprotokolle.]
In Ciceros Zeit war sie entstanden. Es war natürlich, daß in jenen
Zeiten des erregtesten politischen Lebens, wo es in der Hauptstadt
täglich Weltentscheidungen gab, die Römer, die im Ausland standen,
mit gewisser Regelmäßigkeit erfahren wollten und mußten, was los
war, was da vor sich ging. So schrieben berufene Männer zunächst
nur private Berichte in Briefform über das Neueste an ihre Freunde.
Muster solcher Berichte besitzen wir von Ciceros Hand[125]. Indem sie
sich wiederholten und häuften, entstanden Serien in Zeitfolge, und
auch der Privatcharakter blieb nicht gewahrt. Der Empfänger las
die Briefe seinen Freunden im Club vor; ja man verbreitete sie in
Abschriften: Abschrift aber ist immer Veröffentlichung. So wurden ja
auch des Apostels Paulus Lehrbriefe publiziert; Paulus schickte seine
Sendschreiben an die Korinther-, die Römergemeinde, die Gemeinde aber
sorgte durch Kopie für geziemende Verbreitung, und so erhielt sich der
Text und wuchs an Bedeutung mit dem Wachsen des Christentums.
Den erzählenden Brief, in dem feuilletonistisch Wichtiges und
Unwichtiges planlos durcheinanderstand, hat man den Zeitungsbrief
genannt; aus diesen Zeitungsbriefen ist durch Veröffentlichung
damals die Tageszeitung hervorgegangen. Man gedenke zum Vergleich
an die Feldpostbriefe aus dem vergangenen großen Krieg; auch aus
ihnen, die damals in der Tat so vielfach abgedruckt wurden, hätte
man leicht eine vollständige Kriegszeitung zusammenstellen können,
und Versuche der Art wurden ja auch gemacht. Julius Caesar war es,
der in Rom im Jahre 59 v. Chr. die amtliche Herausgabe täglicher
Berichte, der ~acta diurna~, wie man sie nannte[126], die unter den
späteren Kaisern die Hofkanzlei beaufsichtigte, veranlaßte, also eine
Staatszeitung, deren Ruhm allerdings nur darin besteht, daß sie 400
Jahre ununterbrochen bestanden hat. Welches moderne Blatt kann auf
solches Alter zurückblicken? Journalistische Talente aber, die es einem
Cicero gleich täten, übten sich nicht daran. Die Zeitung war jedenfalls
völlig anonym. Keine Verfasser werden uns genannt; kein erheblicher
Schriftsteller scheint sich beteiligt zu haben. Wer schreiben konnte,
schrieb lieber im großen Zusammenhang Geschichtsbücher oder Memoiren,
und der Inhalt der „~acta~“ mag also ledern genug gewesen sein.
Übrigens aber kamen daneben als wichtige Ergänzung zeitweilig auch
die Parlamentsberichte heraus. Sie betrafen den Senat. Stenographisch
wurden die Reden der Senatoren während der Sitzung nachgeschrieben
und gingen in Buchform unter der Bezeichnung „Senatsakten“ (~acta
senatus~) ins Publikum aus. Ohne diese ist der Historiker Tacitus nicht
denkbar[127]. Die geistvollsten und besten Männer, die der römische
Staat besaß, kamen darin zu Worte; die wichtigsten Entscheidungen
konnte man da in ihrer Entstehung verfolgen. Wer bei Tacitus die
wundervollen Schilderungen der Senatsverhandlungen unter Kaiser
Tiberius und Claudius liest, erinnere sich dabei an jene offizielle
Quelle, aus der sie stammen. Ganz anders das Tageblatt der ~acta
diurna~; es ist damals von den Historikern als Geschichtsquelle nie
gebührend ausgebeutet worden; ja auch das großartige Bibliothekswesen
Roms scheint die Zeitung, in die wir so gern einmal einen Blick
würfen, einer sorglichen Aufbewahrung kaum wert gefunden zu haben[128].
Auf alle Fälle aber war durch sie für das wißbegierige Volk und den
Nachrichtenhunger des Publikums ausreichend gesorgt; wer die neuesten
Nachrichten haben wollte, konnte sie haben.
[Randnotiz: Vergleich der neueren Zeiten. Mangel des Kompaß.
Winterstille.]
Blicken wir zurück, so scheint der Eindruck unabweislich, daß in
den wichtigsten der Dinge, die ich besprochen, im Straßenbau und
Reichspostwesen das Europa der Zeit Kaiser Hadrians das Europa der Zeit
Friedrichs des Großen und Napoleons ganz erheblich übertroffen hat.
Denken wir nur, wie lange ein Reisender im 18. Jahrhundert brauchte,
um von Madrid nach Wien, wie lange ein Warentransport, um von Cöln
nach Konstantinopel zu kommen! und wie hätte man es damals wohl fertig
gebracht, ein Heer von Paris bis an den Euphrat zu werfen? Diese
Fragen sind voll berechtigt. Und doch -- den Hauptnachteil des antiken
Verkehrslebens habe ich noch gar nicht berührt, und damit ändert sich
das Bild sofort. Das ist das Aussetzen der antiken Schiffahrt bei
Sturm; ich meine das Altertum im Winter. Das Mittelmeer war die große
Hauptverkehrsstraße der Antike. Sie war im Winter völlig unbenützbar.
Das ganze Leben war durch den Winter blockiert.
Den Mangel der Kohlenindustrie teilte das 18. mit dem 2. Jahrhundert;
aber die Neuzeit hatte den Kompaß, das Altertum hatte den Kompaß
nicht. Dieser scheinbar so geringfügige Mißstand war es, der das
ganze Altertum, das sonst so tatkräftig, entdeckungsfreudig war,
lahm setzte. Wie sollte man auf offener See Weg und Richtung nicht
verlieren? Man mußte sich immer ängstlich in Sicht des Landes halten,
eine beklagenswerte Gebundenheit, und nur der Tollkühne wich bei
allerhöchster Not hiervon ab, so wie jener Ikelus, als er dem Galba
die wichtige Kaiserbotschaft brachte. Es ging für ihn auf Leben und
Sterben. Eben darum vermied man auch nachts auf offener See zu fahren
und ging abends in den ersten besten Hafen. Selten, daß einmal zur
Nachtfahrt ein Schiff wirklich Lichter aufsetzt[129]. Die kühnen
Entdecker unter den Seefahrern, die durch die Straße von Gibraltar
stießen, ein Hanno, ein Pytheas, sie sind allerdings bis England und
Jütland gefahren, den Nordstürmen Trotz bietend, haben sogar auf der
Straße Vasco de Gamas Afrika bis in die Nähe des Äquators zu umschiffen
begonnen, denn das war auch bei kompaßloser Küstenfahrt möglich; den
Vorstoß nach Amerika hat man dagegen im Altertum nur vorausgesagt, aber
nicht ausführen können.
Nun aber der Winter. Im ganzen Winter war kein Schiff mehr auf dem
weiten Mittelmeer zu sehen; alles wie weggeblasen; wie eine leere
Tenne; wie der Tanzboden, wenn der Wirt Schluß macht und alle Lichter
auslöscht. Der Gott Poseidon blieb vier volle Monate in seiner
schäumenden Wasserwüste mit seinen Delphinen und Haifischen allein:
alle Schiffe und Boote an Land gezogen und auf den Staden aufgelegt.
Kapitän und Bootsmann strecken die Glieder aus und ruhen. So hörten wir
ja schon vom Apostel Paulus: monatelang blieb er, als er zu Schiff nach
Rom wollte, im Winter auf der Insel Malta liegen. Wenn die Sturmwolken
gingen, konnte man in der dicken Luft und in der Lichtlosigkeit
die Küsten nicht sehen: dies war nach Vegetius der Grund[130], den
wir vollauf begreifen. Ganz so wie Paulus wird auch ein gewisser
Kephalion, der dem Atticus Briefe überbringen soll, „viele Monate“
zurückgehalten[131]. Mindestens 40 Tage brauchte im Winter ein Brief von
Rom nach Spanien, weil er da eben über Land laufen mußte[132]. Cynthia,
des Properz Geliebte, will mit einem hohen Beamten nach Epirus reisen,
aber Gottlob ist es noch Winter; sie kann noch nicht auf See. „Wenn
der Frühling kommt,“ so droht ihr der Dichter, „werde ich am Strand
stehen, um dir, wenn du abfährst, nachzuschauen, und dir schlechte
Fahrt wünschen.“ Der Frühling kommt, da bleibt Cynthia in Rom, sie
reist nicht, und der Liebende ist glücklich.
[Randnotiz: Im Winter der Nachrichtendienst u. die Zufuhren behindert.]
Um so bewunderungswürdiger war die geniale Kühnheit Caesars[133], der
im Bürgerkrieg gegen Pompejus alles riskierte und sein Heer zu solcher
Jahreszeit über die Adria und hernach nochmals von Sizilien nach
Tunis warf[134]. Erst wer die Dinge, die ich hier vortrage, beachtet,
kann solche Leistungen voll würdigen. Es waren ganz vereinzelte,
heroische Ausnahmen. Und nun werden uns auch auffallende Erscheinungen
im politischen Leben des Altertums verständlich. Markus Antonius,
der Triumvir, verbringt den Winter des Jahres 41 auf 40 v. Chr. mit
Kleopatra untätig in Alexandria; während dessen macht seine ehrgeizige
Gattin Fulvia, die selber in Waffen einherging, in Italien Krieg gegen
den Machthaber Oktavian; auch des Antonius Bruder Lucius ist dabei
und führt das Heer; der Winterkrieg um Perusia entbrennt. Perusia,
die Stadt, fällt; Lucius kommt um; Fulvia selbst muß aus Italien
fliehen. Von all dem ahnt Mark Anton in Ägypten gar nichts, bis das
Frühlingsäquinoktium vorüber ist und das erste Kurierschiff von Puteoli
nach Alexandria läuft. Da sieht der Herr des Orients plötzlich die
kolossal veränderte politische Lage und muß rasch seine Entschlüsse
fassen[135]. Es war, als wäre das Kabel gerissen, und es erinnert uns
unwillkürlich an das, was wir während des Weltkriegs Ende April 1916
erlebt haben. In Dublin erhebt sich plötzlich der Aufstand Irlands
gegen die Engländer; das Postgebäude, die Bahnhöfe werden dort von
den Iren besetzt; in London aber weiß man davon nichts, bleibt ganz
ohne offizielle Nachrichten, bis zufällig ein paar Reisende die
Sache in London erzählten; „eine vollständige Überraschung“. Die
Iren hatten diese Isolierung dadurch bewirkt, daß sie das Kabel nach
England und außerdem in ihrem Lande selbst alle Telegraphendrähte
durchschnitten[136]. Ganz ähnlich begründet war die Überraschung, war
die Nachrichtenlosigkeit des Mark Anton.
Nun denke man sich das antike Rom oder Neapel im Winter. Italien konnte
sich nicht selbst ernähren. Jedes Jahr mußte es sich bis zum Herbst und
zum Schluß der Schiffahrt von außen vollständig verproviantieren; die
Handelsflotten mußten ausreichende Wintervorräte an Korn und an anderen
Eßwaren, auch an Schreibpapier, von den Provinzen herangeschafft haben.
In mächtigen Speichern lagen die Vorräte aufgehäuft. Dann kam die tiefe
Winterstille über Stadt und Land, die große Siesta. Die Kaufherren
hatten nichts zu tun, der Export und Import regte sich nicht. All die
Tausende von Werkleuten waren unbeschäftigt. Eine Industrie gab es
kaum im Lande, wenn wir die großen Ziegeleien und Topffabriken nicht
rechnen. Auch die ungedeckten Theater und Amphitheater waren beim
Winterregen schlecht zu benutzen. Was sollte man weiter tun, als zu
Haus Feste feiern, schmausen und schlafen? Man saß also in seinen
kalten vier Wänden, vertrieb sich im Kleinleben die Tage, so gut es
ging, vertrank den ganzen Monat Dezember[137], rechnete sein Soll und
Haben nach; auch für Senatsdebatten war vollste Muße, für Redeturniere
und Dichterdeklamationen. Dazu aber kam noch eins: man stand spät
auf und ging früh zu Bett, mit der Wintersonne. Man hatte damals
noch die natürliche Zeit, die sich nach dem Tageslicht richtet; der
Wintertag war kürzer als der Sommertag. Man konnte sich ausschlafen
-- bis endlich der Frühlingsanfang kam: der beglückende 5. März, die
Eröffnung der Schiffahrt! Die Wintervorräte waren aufgebraucht. Zur
Feier des Tages wurde aus allen Häfen am 5. März ein menschenleeres
Schiff ins Meer hinausgestoßen. Mochte es in den Wellen untergehen;
es war ein Opfer, das man den Göttern darbrachte, und zwar der Göttin
Isis. Denn nach Ägypten, dem Lande der Isis, ging doch immer fast aller
Seehandel, auch der Transit. Das Schiff war als Spende für die Göttin
prächtig geschmückt und mit Spezereien angefüllt. So trieb es hinaus,
indes froh andächtig das Volk im Festschmuck am Ufer stand und ihm
nachspähte. Die Winterblockade war aufgehoben.
Eine Blockade! Soll ich mit dem Wort enden? Uns Deutsche muß das Wort
heute nachdenklich stimmen. Muß es uns nicht in der schicksalsschweren
Gegenwart, in der wir leben, unwillkürlich an unser Deutschland
erinnern? Auch wir sind ja bis heute blockiert, und es ist uns ein
Wort der Qual geworden. Wann kommt der Tag, wo wir, endlich wieder
ein freies Handelsvolk wie jene Alten, ein Schiff festlich schmücken
können, um es hinaus ins Meer zu treiben? Wir glauben an keine Isis
mehr. Aber wir glauben an den guten Geist in uns und über uns, der uns
zur rechten Stunde endlich doch das Gelingen geben wird.
Die Laus im Altertum.
Das Altertum nannte einen Grabbau von gewisser Großartigkeit
ein Mausoleum. Der Name rührt von dem berühmten Grabmal des
kleinasiatischen Königs Mausolos her. Im letzten Krieg ist daraus
der Scherzname Lausoleum entstanden; der Name war Scherz, die Sache
selbst aber bitterer, ja erbitterter Ernst. Es waren damit die
trefflich organisierten Entlausungsstätten für unsere wackeren, schwer
geplagten Krieger, aber auch für die feindlichen Gefangenen gemeint,
die aus dem Feindesland, vor allem aus dem östlichen, der Heimat aller
Unsauberkeit, nach Deutschland kamen und vor dem Überschreiten der
Grenze einer gründlichen Reinigung unterzogen wurden. Sie erlitten es
gern, denn das Schrecklichste fiel von ihnen ab. Auch das Lausoleum
war somit eine Grabstätte, wenn wir den Scherz, der in dem Namen
liegt, ausschöpfen wollen. Es war die Grabstätte des ärgsten deutschen
Landesfeindes geworden; aber nicht die Laus, sondern der Körper, der
sie trug, feierte aus diesem Grab die Auferstehung, den Übergang in ein
besseres Dasein, und er fühlte sich selig, wie im Himmel.
[Randnotiz: Russische Mönche, Byzantiner. Die Laus bei Bauern und
Fischern.]
Da das Wort Lausoleum eine gelehrte und klassische Reminiszenz ist
und an das Griechische und Antike anklingt, so möchte man fragen, ob
denn das so oft und gern gepriesene klassische Altertum die Läuseplage
etwa auch schon kannte, und wie es sich ihrer erwehrt hat. Hat
jener König Mausolos, den ich nannte, mit Verlaub, sich nicht auch
gelegentlich gegen einen peinlichen Hautreiz wehren müssen? In den
Museen stehen all die griechischen Götter und Heroen, Apoll und Hermes
und Meleager, die griechischen jungen Speerträger und Ringer (um von
den Göttinnen ganz zu schweigen) in Gips und Marmor so appetitlich
und sauber da. Hat wirklich das trivialste und zudringlichste aller
Insekten ihre Haut nie berührt? Im Jahrgang 1915 der Hygienischen
Rundschau Nr. 24 befindet sich ein anregender Aufsatz über „Die Laus
in der Kulturgeschichte“[138]. Da werden ungefähr alle Zeiten und
Völker in bezug auf diesen Schmarotzer des menschlichen Körpers in
Betracht gezogen, und wir hören insbesondere von den östlichen Völkern
manches Erstaunliche; so auch von der Toleranz und Schonung, die die
orthodoxen Christen des byzantinischen und des russischen Reichs, vor
allem die dortigen Mönche in ihrem Klosterleben, die aber auch die
frommen Buddhisten in Indien gegen diese widerwärtigen Blutsauger, die
auf ihnen zur Weide gingen, ausgeübt haben. Man tötete sie nicht! Der
Satz „Liebet eure Feinde“ wird da in unerhörter Weise verwirklicht:
eine erschreckende Verirrung der Tierliebe und der Gottesfurcht. Ja,
auch unser alter deutscher Dichter Fischart, auch Rabelais dient in
jenem Aufsatz als Zeuge für diese und ähnliche Dinge, und so bringt
er endlich auch einige aufklärende Angaben, die die alten Griechen
und Römer betreffen. Doch lohnt es sich, bei diesen beiden Völkern
uns etwas ausführlicher umzusehen, da wir damit in eine Kulturperiode
der Menschheit Einblick erhalten, die unserer modernen in so manchen
Punkten ebenbürtig, in manchen sogar auch überlegen war[139].
Es sei vorangestellt, daß das Tier, das uns jetzt beschäftigen soll,
auf griechisch ~phtheir~[140], auf lateinisch ~pediculus~ heißt.
Wer an den großen, wundervollen Homeros denkt, wird die
Reinlichkeitsfrage gar nicht erst erheben. Wer möchte in solchem
Zusammenhang den Namen Achills oder der Helena aussprechen? Odysseus
kehrt zu seiner Penelope heim. Der Haushund lebt noch, der einst jung
war, als Odysseus Ithaka verließ; jetzt liegt das Tier im Verscheiden
und ist räudig geworden. Aber Homer schildert uns das Ungeziefer nicht,
das auf ihm nistet.
Aber dem Homer, dessen Person unter der modernen Kritik zum Schatten
geworden ist -- denn wer kann ihn sich noch deutlich als Menschen
denken? --, ihm ist im Altertum eine ausführliche Biographie
angedichtet worden, und da lesen wir: der Dichter der Iliade, der
weithin Griechenland durchwandert, findet irgendwo am Meeresstrand
Fischersleute und läßt sich in ihrer Gesellschaft nieder; da kommen die
Söhne der Fischer vom Meer, steigen aus den Booten, aber ohne Beute,
und geben nun das berühmte Rätsel auf:
Was wir nicht fingen, ist bei uns; nicht bei uns ist, was wir fingen.
Selbst ein Geist wie Homer löst dies Rätsel nicht; denn er ist zu
erhaben für solche Dinge. Die Läuse sind’s, um die es sich handelt;
erst wenn sie gefangen sind, hören sie auf, bei uns zu sein; die
+nicht+ gefangen sind, die eben haben wir!
Diese Stelle steht fast einsam da in der griechischen Literatur. Die
Zoologie der Griechen, Aristoteles und seine Nachfolger, haben die Laus
natürlich beachtet und in ihr System aufgenommen. Aber ihr eigenartiges
Leben und Weben, ihr Kribbeln und Krabbeln, ihre Tücke und blutgierige
Menschenliebe uns lebendig zu schildern, dazu lassen sich solche
Autoren nicht herbei. Schon das Homer-Erlebnis aber verrät uns: nur
bei Fischern und anderen Leuten rein dörflichen Lebens, oder doch nur
da, wo vollkommene Armut herrscht, sind diese leidigen Parasiten zu
finden; nur da sind sie von uns vorauszusetzen; die schönheitssüchtige
Literatur der Griechen blickt selten in diese dörfliche Volksschicht
hinab und nimmt auch dann, wenn sie es tut, solcher Armseligkeiten
nicht wahr. Bei dem derben Lustspielschreiber Aristophanes tritt
einmal die „Armut“ als Person auf die Bühne, und von ihr heißt es da
in der Tat: sie bewirkt, daß um das Haupt des Armen Läuse, Wanzen
und Flöhe sich tummeln, so daß er aus dem Bett springt: „auf, an die
Arbeit!“[141] Für den, der solche Plage mit sich herumtrug, gab es auch
ein besonderes Wort, der „Läuseheger“ und „Läuseträger“. Wir reimen
darauf noch: der Läusejäger. Aber das Wort steht nur in den Lexika[142];
wir finden nicht, daß es bei den Schriftstellern selbst in Gebrauch war.
Es gab außer den Dorfleuten in der älteren Zeit noch eine andere
Sorte von Menschen, auf die der Ausdruck paßte. Das waren gewisse
Anhänger des alten Pythagoras, die Pythagoristen, die so fromm sind,
daß Hades, der Gott der Unterwelt sie, wenn sie sterben, zum Lohn
mit an seinen Tisch zieht, obschon sie im Schmutz starren. Sie tun
das aus philosophischer Überzeugung. Wir hören, wie man in Athen
diese Sonderlinge, die nur Kräuter essen, nur Wasser trinken, sich
aber nie waschen und den Rock voll Läuse haben, verhöhnt hat[143].
Aber sie standen außerhalb der Gesellschaft; das war kein wirkliches
griechisches Leben.
[Randnotiz: Die Laus fehlt bei Aristophanes u. sonst. Reinlichkeit der
Städter.]
Höchst auffällig, daß sonst die ganze Literatur von solcherlei Menschen
nichts zu wissen scheint, und zwar nicht nur die griechische, sondern
nahezu ebenso auch die der Römer! Die antike Literatur ist immun und
von früh an insektenfrei. Aristophanes, derselbe Dichter, den ich schon
nannte, er war keineswegs nur der anmutige Possenreißer, im Gegenteil:
ein Unflat war er, der sonst wahrlich kein Blatt vor den Mund nimmt,
um in derbsten Tönen alle sexuellen Realitäten wie auch die Dinge der
Leibesnotdurft vorzuführen. Aber die Insektenplage?
Den geflügelten Mistkäfer führt er zwar vor, in Riesengröße; der Held
des Stückes fliegt auf dem Mistkäfer gen Himmel unter Gestank. Den
Philosophen Sokrates läßt er ferner mit Flöhen umgehen; der Floh ist
der Aristokrat unter diesen Tieren, und Sokrates nützt ihn gleich zu
wissenschaftlich-experimentellen Zwecken aus; er will wissen, wie weit
Flöhe springen können. Ein Floh hopste vom Kopfe des Chairephon auf
den Kopf des Sokrates; nun werden die Flohfüße in Wachs abgegossen
und dann irgendwie die Sprungweite gemessen[144]. So heißt es noch
anderswo bei demselben Dichter, daß die jungen Mädchen tanzen wie die
Flöhe in den wollenen Bettdecken[145]. Ja, auch Schaben und Wanzen
fehlen da nicht und sitzen im Haus am Mauerwerk fest[146]. Insonderheit
der Reisende fürchtet sich vor den Wanzen in den Nachtherbergen[147].
Aber Läuse? Nein! Die Weiber ziehen sich in naturwüchsigstem Gebaren
bei Aristophanes aus und an und reden dabei die natürlichsten Dinge.
Läuse fehlen. Auch eine Rasierszene ist da, wo alles voll Ulk und sehr
umständlich hergeht; Anlaß genug, solche Gäste in den Barthaaren zu
finden; sie finden sich nicht[148]. Der bäuerische Volksmann Dikäopel
sitzt frühmorgens einsam in der leeren Volksversammlung, wartet, daß
die anderen Bürger kommen, und gähnt und rekelt sich derweilen, zupft
sich die Haare und tut sonst noch, was wenig anständig ist; aber er
laust sich nicht.
Nur Andeutungen gestattet sich der Dichter; sein Stück „die Wolken“
fängt bei Nacht an; ein alter Athener liegt da zur Nachtruhe und
kann nicht schlafen; „will es noch nicht Tag werden? mich beißen
die Sorgen,“ seufzt er, und nochmals: „mich beißt die Sorge vor dem
Exekutor aus dem Bett heraus!“ Da haben wir die beißende Sorge als
Ersatz.
Aber wie bei Aristophanes, so steht es auch sonst. Die Hirtenpoesie des
Theokrit, die sich unter Ziegen und Kuhherden bewegt, wahrt auch sonst
gern allerlei realistische Züge; erst recht tut dies die Tierfabel
des Aesop (Phädrus, Babrius). Aber nur Mücken und Ameisen erscheinen
da; vom Biß der Ameise wird da gehandelt. Weiter greift auch die
Fabeldichtung nicht hinab.
Wohl aber verrät uns Aristophanes an einer Stelle, daß es in der groben
Bühnendichtung früherer Zeiten doch anders hergegangen war. Da, wo
er stolz vor sein athenisches Publikum tritt und darlegt, wodurch er
all seine Vorgänger übertreffe und wie er es sei, der das Lustspiel
zu etwas Neuem, Großem und Herrlichem gemacht, da lesen wir, daß die
früheren rohen Volksdichter Athens sich begnügten, Leute aus dem Volk,
die in Lumpen gehen, vorzuführen, und solche, die da „mit Läusen
fechten“[149].
Da taucht also die Laus auf, nach der wir mit der Lupe suchten, und
sogar ein Gefecht, eine Phtheiromachie; aber nur, um wieder fast
völlig für uns zu verschwinden. Aristophanes hat an der angegebenen
bedeutsamen Stelle das Programm der ganzen klassischen Literatur
aufgestellt: das Programm der Läuselosigkeit.
[Randnotiz: Bad; Gymnastik; Rasieren. Die griechischen Frauen.]
Woran liegt das? Die Antwort kann nur sein: an der außerordentlichen
Reinlichkeit der Städter, die selbst für die kleineren Stadtgemeinden
(„Poleis“) Altgriechenlands bezeugt oder doch vorauszusetzen ist. Das
leidet keinen Zweifel. Denn nicht nur in den Gymnasien allerorts war
Wasch- und Badegelegenheit; es gab auch noch besondere Badeanstalten
mit Wannen[150], und auch selbst in den Häusern der kleinen Bürger gab
es regelmäßig Badetröge, Badewannen, Badestuben. Man lese dafür solche
Stellen wie in des Aristophanes Wespen (v. 141) und Thesmophoriazusen
(v. 559). Ein unzurechnungsfähiger, unruhiger Alter will aus seinem
Haus; er wird aber nicht herausgelassen; die Tür ist abgeschlossen. Da
fürchtet man, er könne von seiner Badestube aus durch den Wasserablauf
schlüpfen und so den Ausgang finden. Ein andermal hat sogar angeblich
ein Mord in der Familie stattgefunden, und unter der Badewanne im
Haus hat man den Ermordeten eingescharrt. Das gibt uns Einblick in
die bescheidenen bürgerlichen Wohnhäuser Alt-Athens im 5. Jahrhundert
v. Chr., in denen sonst die Hühner und Schweine mit herumliefen. Ein
vielgescholtener Demagog Athens war damals Kleon; von ihm wird uns
berichtet, wie er den „Demos“ auf das schlaueste gängelt und verzieht;
er läßt ihn morgens Gericht halten, schickt ihn dann ins Bad, dann
zum Essen und zahlt ihm dazu Tagegelder aus der Staatskasse. Der
„Demos“ aber ist das Gesamtvolk der Stadt; ganz Athen badete, wenn der
geschäftige Vormittag vorüber[151]!
Was die Männerwelt betraf, so kommt nun die Nackt-Turnerei in den
geschlossenen Räumen der Gymnasien dazu; und dazu diente das Öl. Ein
Turner ohne Einölung der gesamten Körperhaut war für die Griechen nicht
denkbar; ständig wurde deshalb auch nach dem Abschluß der Sportübungen
mit dem Striegel Öl und Schweiß vom ganzen Körper abgeschabt. Wo war
da noch Raum, ein geruhsamer Wirkungskreis für Insekten? Man denke an
den marmornen „Schaber“ des Lysipp im Vatikan. Wie können an solchem
Jüngling Parasiten haften?
Eine gleichsam absolute Reinlichkeit, die sich noch steigerte, als nun
gar auch das Rasieren Pflicht wurde. Durch 500 Jahre geht das ganze
Altertum, und zwar auch die alten Herren, mit so ausrasiertem Gesicht
wie Napoleon, Goethe und Schiller. Man denke an den Alexanderkopf,
an Julius Caesar, Augustus, Menander. Im Bartwuchs aber findet sonst
das lausige Getier gern Unterschlupf, wie das Wild im Walde[152].
Der Unterschlupf war damit niedergelegt. Nur gewisse Fanatiker des
Naturwüchsigen, Philosophen und dergleichen, fügten sich der neuen Mode
nicht.
Etwas anders steht es mit den Frauen. Sie badeten zwar fleißig, aber
sie turnten nicht und ölten sich nicht ein[153], und insbesondere ihre
Frisur konnte leicht zur Heimstätte des Gefürchteten werden. Es bestand
die Redensart, wenn eine Frau in Trauer war und darum ihr Haupthaar
sich glatt wegscheren ließ, sie werde bis auf die Laus geschoren[154].
Das läßt freilich tief blicken.
So begegnet uns denn in der Tat ein einziges Mal eine Dame der feinen
Welt, die auch wirklich an diesem Übel litt. Die bessere griechische
Gesellschaft und ihr Geistesleben war nicht denkbar ohne die schöne
Halbwelt; die Hetären waren, wie allbekannt, Vertreterinnen der besten
Bildung, des guten Tons und des Geschmacks, und Künstler, Dichter,
Politiker und Philosophen wurden von ihrer Lebenskunst gefesselt. Daher
besitzen wir ganze Kataloge von Namen dieser anziehenden Schönheiten.
Eine einzige unter ihnen, die Phanostrate, führte den Spitznamen
„die am Läusetor“ (Phtheiropyle, gebildet wie Thermopyle), warum?
Weil sie die Gewohnheit hatte, vor ihre Haustür zu treten und sich
dort die Läuse abzusuchen. Es war gewiß gut, daß sie dies Geschäft
nicht in ihrem Hause besorgte. Demosthenes hat in seinen Reden diese
Person erwähnt; aber er gibt uns den garstigen Spitznamen nicht; ein
Demosthenes nimmt den nicht in den Mund. Nur das Volk Athens hat die
Dame so gerufen[155]!
[Randnotiz: Sokrates. Kyniker. Läuse fehlen auch in der röm. Literatur.]
Nichts ist auffallender als Sokrates, den uns Plato in unzähligen
Schriften schildert und hinstellt, als ob er vor uns lebte. Plato weiß
ganz wohl, daß es Läuse gibt, und da, wo er über verschiedene Künste
handelt, stellt er einmal auch mit der Kunst der Strategie und der Jagd
die Kunst des Läusefangs zusammen; neben der Strategie und Thereutik
steht also die +Phtheiristik+[156]. Man sollte sich diesen Ausdruck
merken, da wir für alle guten Künste so gern griechische Fremdwörter
brauchen! Von Sokrates nun aber versichert uns Plato, daß er sich, mit
wenigen glorreichen Ausnahmen, nie wusch und badete und daß er immer
barfuß ging. Trotzdem kann der Verdacht, eine Laus an Sokrates zu
finden, nicht aufkommen. Plato selbst läßt solchen Verdacht nicht zu.
Ist es nur Pietät? sollte von ihm nur deshalb, weil er der erhabene
Träger aller edelsten Gedanken ist, das gemein Triviale ferngehalten
werden? Vielmehr ist Sokrates in Wirklichkeit sauberer als sein Ruf
gewesen. Er war durchaus hoffähig, so schlicht er auftrat. Die eklen
Standesunterschiede, die heute leider dem Adligen und Landbaron mit
dem Fabrikarbeiter, dem Professor mit seinem Flickschuster einen
täglichen Verkehr nicht gestatten, gab es in jenem glücklichen Athen
noch nicht. Ob reich ob arm, der Männerverkehr stand ausschließlich auf
Du und Du: selbst den Kaiser Roms hat jeder armseligste Eckensteher
geduzt; und Sokrates, der dürftige, zieht also auch, ohne Anstoß zu
geben, die ersten Größen der Stadt, wo er will und so oft er will, in
seine Gespräche und tritt, wie er ist, als gern gesehener Gast in die
vornehmsten Häuser Athens ein. Er hat durch das, wonach wir suchen,
sicherlich keinen Anstoß gegeben; er war immun.
Und was von ihm galt, gilt nun auch von den eigentlichen
Straßenphilosophen, die sich deshalb die Hundsphilosophen, die Kyniker
nannten, weil sie bedürfnislos wie die Tiere leben wollten. In der Tat
sind die Kyniker für die Bettelmönche des Mittelalters, insbesondere
für das Mönchtum der griechisch-orthodoxen Kirche, die eigentlichen
Vorgänger gewesen. Aber wenn diese christlichen Mönche die Läuse, mit
denen Gott der Herr sie plagt, als eine Zuwendung des Höchsten sorglich
hüten, die wahren Läuseheger und Läuseträger, so läßt sich das von
einem Diogenes und seinesgleichen keineswegs behaupten. Es ist jener
Diogenes, der in Athen in einem tönernen Faß auf dem Tempelgrundstück
des Metroons seine Wohnung aufschlug. Sehen wir näher zu, so erfahren
wir, daß der Mann badete wie jeder andere, ja daß er sich auch einölte,
wie ein rechter Grieche. Er war eben Städter und kein Dorfbewohner.
Überdies stellte er sich gelegentlich nackt in den Winterregen, so daß
alle über seine Abhärtung staunten. Als er in eine Badeanstalt kommt,
die nicht sauber genug gehalten ist, fragt er: „Wo reinigen sich die,
die hier baden[157]?“ Ein beredteres Zeugnis für die Bedeutung des Bades
bei den Griechen, als dieses, kann es nicht geben.
Mit dem Römervolk steht es nun aber nicht anders als mit den Griechen.
Wer kann es wagen, einen Cicero, Vergil, Seneca und Tacitus in
Zusammenhang mit diesen Dingen zu bringen? Der Stich der Wassermücke
war unangenehm; der wird in einem kleinen Epos von Vergil oder
einem Vergilnachtreter einmal wirklich gefühlvoll besungen[158]: ein
schlafender Hirte wird durch den Stich der Wassermücke geweckt, als
gerade eine Schlange im Gras auf ihn lauert, und das Tierchen hat
so dem Menschen das Leben gerettet; aber eine Laus naht sich dem
Hirten nicht. O nein! Begreiflich genug. Denn die römische Kultur war
eben im Geistigen und Technischen, in allem Nützlichen und Schönen
griechisch. Ja, gerade für das Badewesen hat der Römer nicht nur in
der Tiberhauptstadt, sondern auch in den kleinsten Nestern Italiens
und allen Provinzialstädten wie Trier, auch in den Soldatenlagern wie
im Kastell der Saalburg noch viel mehr getan als der Grieche. Es war
ein Schlemmen in wohliger Nässe in den öffentlichen römischen Thermen,
die gerade nur für das niedere Volk bestimmt gewesen sind und, um
große Volksmassen aufzunehmen, die Größe unserer größten Kirchenbauten
durch ihren Umfang weit übertrafen. Kleine Badeanstalten von
Privatunternehmen gingen noch nebenher; der Reiche hatte seine eigenen
Marmorbäder in seinen Villen und Palästen und protzte damit, so daß die
Ärzte warnen: es wird zuviel gebadet, das Volk wird verweichlicht! Die
weit über Land geführten römischen Wasserleitungen waren womöglich noch
großartiger als ihre berühmten Militärstraßen. In all dem Wasser mußte
das Fußvolk der Läuse zu Grunde gehen.
[Randnotiz: Fehlen bei d. Spottdichtern, anders in d. älteren Zeit Roms.]
Spottdichter, die auch das Widerwärtigste heranziehen, hat Rom genug
gehabt; alte Vetteln, die bei lebendigem Leibe verfaulen[159], mit
grünen Zähnen und krankem Zahnfleisch; Grind und Aussatz am Kopfe
und übler Mundgeruch; Bocksgeruch der Männer; Triefäugige; einer,
der sich mit Urin die Zähne putzt; vergoldete Nachtstühle und ihre
Benutzung[160], und noch Ärgeres sind ihre Themen. Nicht nur Catull und
Horaz, vor allem hat uns Martial zwölf ganze Bücher voll schlimmster
Anzüglichkeiten hinterlassen. Daß aber vor Unsauberkeit sich jemand
einmal jucken muß, wird von ihnen niemals irgend jemandem aufgemutzt.
Die Laus fehlt[161]. Jemand sitzt einsam; es wird gefragt: „Ist jemand
bei ihm?“ Antwort: „Nicht einmal eine Fliege!“ Über die Fliege geht die
Phantasie nicht hinaus[162].
Einmal taucht allerdings auch die Wanze auf. Im Haus des Furius,
sagt Catull, herrscht ein solches Hungersystem, daß sogar die Wanze
auswandert, weil sie da ihr Dasein nicht fristen kann[163]. Diese Plage
fand sich also allerdings in vielen Häusern; aber sie gehört nicht zu
unserem Gegenstand.
Hieran reiht sich die Beobachtung, daß ja auch die Tiere Läuse haben.
Auch das entzog sich natürlicherweise der Kenntnis der Alten nicht;
vielmehr gingen sie so weit, wo es nötig schien, auch an den Tieren
die Läuse sorglich zu entfernen. Hoch entwickelt war die Pferdezucht,
Fischzucht, Geflügelzucht, und betreffs der Hühner galt nun die
Vorschrift, daß man den Kücken in der Zeit, wo die Federn sich bilden,
die Läuse „häufig“ absuchen soll; so schreibt es der gelehrte Landwirt
Varro in seinen landwirtschaftlichen Gesprächen vor (~De re rustica~
III, 9, 14). Das förderte die gesunde Entwicklung der Tiere.
So viel von der Sauberkeit des Römers. Aber so war es nun doch nicht
immer in Rom. Ganz anders steht es auffälligerweise in der altrömischen
Poesie, als sie noch in ihren Anfängen steckte. Da regte sich wirklich
das Tierleben noch auf der Menschenhaut. In den alten Bühnenstücken,
da regt es sich. Woher kommt das? Das Bäderwesen fehlte nachweislich
zu jenen Zeiten in Rom noch, oder es war noch ganz unentwickelt; ich
meine die Zeiten der Scipionen und Gracchen, das 3. und 2. Jahrhundert
v. Chr., und damit wird es um so klarer, daß am Bäderwesen alles liegt.
„Du hast ja eine einsame Laus von ungeheurer Größe auf deiner Nase
sitzen!“ so wird in jenen Theaterstücken gerufen[164]. Es war natürlich
sehr auffallend, daß es nur +eine+ war, denn man traf sonst immer
viele gesellig beisammen. „Der Lausbedeckte“ ist eine altlateinische
Wendung, die an Anschaulichkeit nichts zu wünschen übrig läßt[165], und
ein solcher Mensch kam damals in den Volksstücken des Titinius auch
wirklich auf die Bühne, wo es hieß: solcher Dreckmensch gehört aufs
Land[166]. In den Liebeshändeln, die Plautus uns vorführt, sind die
bösen Kuppler, die schöne Mädchen anpreisen und von den Jünglingen
Geld erpressen, ständige Figuren. Plautus nennt diese Kuppler, diese
Aussauger, die Läuse, Wanzen und Flöhe der Großstadt[167].
Noch älter als er ist der Dichter Livius Andronicus, der ein
Soldatenlustspiel „Das Schwertlein“ (Gladiolus) schrieb; wir besitzen
es nicht; aber eine Stelle ist uns daraus erhalten, die uns so
viel erkennen läßt. Der Kriegsmann prahlt immer in hohen Tönen und
wird deshalb immer zum Narren gehalten. Hier prahlte er in einem
Schlachtbericht, den er gab, ungefähr so:
An fünfhundert, nein, an tausend schlug ich tot an einem Tag!
Prompt folgt darauf die höhnische Frage:
Meinst du Flöhe, meinst du Wanzen, meinst die Läuse? sag’ mir doch!
[Randnotiz: Komödie. Lucilius. Die Fabel Sullas. Julian.]
Da haben wir also sogar den Kampf mit den Läusen, die Phtheiromachie,
die sich unseren Augen bisher völlig entzog; es wird die Möglichkeit
vorausgesetzt, daß damals ein Kriegsmann in offenbar höherer Charge
einen solchen furchtbaren Kampf wirklich zu bestehen hatte. Schlimmer
aber noch eine Szene in den Satiren des Lucilius; leider sind uns auch
diese Satiren nur in dürftigen Fetzen erhalten. Auf alle Fälle erkennen
wir, daß sich da irgend jemand bei dem Dichter einschmeicheln will, und
was tut er? Es heißt: „Als der Kerl mich sieht, strahlt er mich an,
dann tätschelt er mich mit der Hand, fängt an, mir den Kopf zu krauen
und sammelt die Läuse[168].“ Da haben wir Alt-Rom. Da haben wir noch
echtes, ungebadetes Leben. Auch in der Plautus-Komödie „Vidularia“
wurde etwas Ähnliches erzählt[169]. Und in solcher Hilfe zeigte sich
also die Liebenswürdigkeit der Menschen. Einer hilft dem andern. Nicht
anders machen es ja die Affen; nicht anders machen es aber auch die
Leute noch heute im sonnigen Neapel, auf offener Straße, in Neapel, das
seine antiken Volksbäder leider seit langem verloren hat.
Ich bemerke noch, daß jene altrömischen Lustspieldichter, die ich
erwähnte, zwar ihren Stoff vielfach von den griechischen Dichtern
entlehnt haben; aber solche Einzelzüge trugen sie nach freiem Ermessen
hinein. In den griechischen Vorlagen stand sicher davon nichts; daher
bietet uns auch der feinste der römischen Komiker, Terenz, nichts
derart; er folgte am treuesten den griechischen Originalen.
Mit den Ackerknechten zu Sullas Zeit stand es begreiflicherweise noch
nicht besser als in den Verkehrskreisen des Lucilius. Sulla ist es,
der den Stadtrömern drohend von dem Bauer erzählt, den bei der Arbeit
die Läuse bissen. Zweimal ließ der Mann geduldig den Pflug stehen und
suchte seinen Kittel sorgsam nach ihnen ab; als sie ihn dann aber noch
weiter bissen, schmiß er den Rock ins Feuer. Sulla will sagen: so ist
Rom der Rock, den ich trage, ihr Römer seid die schmarotzenden Kerfe
mit dem Saugrüssel, die ihn bevölkern; verbrennen werde ich Rom, wenn
ihr nicht aufhört mich zu plagen[170].
In der Umgegend Neapels, da spielt nun aber auch der satirische Roman
des Petron, und damit stehen wir in der Zeit der Hochkultur, in der
Zeit des Kaisers Nero. Beim Gastmahl des höchst ordinären Geldmannes
Trimalchio sind auch ein paar Leute aus dem niedrigsten Volke zu Gast,
die unendlich plebejische Reden führen. Da steht auch ein Satz, der
uns an den bekannten biblischen Satz vom Splitter und Balken im Auge
erinnert; es werden dabei die gemeine Laus und die große Schaflaus
unterschieden, und der Kerl sagt also: „Am andern siehst du die Laus;
die Schafslaus, die du selber hast, siehst du nicht!“ (~in alio
peduclum vides, in te ricinum non vides.~ Petron. ~c.~ 57). So etwas
war also damals in Süditalien möglich, wo auch gerade die Schafzucht
besonders blühte. Wohlgemerkt aber steht dort diese Wendung nur als
Sprichwort und bildlicher Ausdruck, ganz so wie wir den Splitter und
Balken im Auge nicht wörtlich nehmen, und es wird bei Petron nicht etwa
vorausgesetzt, daß Trimalchio’s Gäste auch von jenen Tieren behaftet
waren.
Es bleibt noch Kaiser Julian, der im 4. Jahrhundert n. Chr. lebte, und
damit nähern wir uns der geheiligten Majestät selbst auf dem Thron der
Welt. In seiner Satire über das Barttragen tut dieser Kaiser so, als
hätte er wirklich höchstselbst Läuse im Bart. Um sich den weichlich
verwöhnten Großstädtern in Antiochia, die ihn ohnedies hassen, noch
grauenhafter zu machen, sagt er das. Das ist bizarr; der Mann ist
greller Ironiker, und wir brauchen seine Versicherung ganz gewiß
ebensowenig ernst zu nehmen wie das, was wir im Petron lasen[171].
Ordinäres Volksleben geben uns endlich vielfach auch die
spätlateinischen „Glossare“, lexikalische Sammlungen, die heute im
Abdruck reichlich vier Bände füllen. Da sehen wir endlich auch noch
gelegentlich den ~pediculus~ und den ~pediculosus~ mit verzeichnet.
Das gehörte zu Vollständigkeit solcher Wörtersammlungen. Aber ein
Schimpfwort, das unserem „Lausbub“ oder „Lausekerl“ entspräche, hat
der Römer nie gebildet; auch der Grieche nicht. Es muß an Anschauung
gefehlt haben; sonst hätte die reiche und unverblümte Sprache des
Altertums sich solches Kraftmittel, die Verachtung auszudrücken, gewiß
nicht entgehen lassen.
[Randnotiz: Die Läusekrankheit. Läuse bei den Barbaren.]
Habe ich meinen Gegenstand hiermit erschöpft? Man wird mich an den Tod
Sullas erinnern. Sulla, der Tyrann Roms, den ich schon einmal erwähnte,
starb an der entsetzlichen Krankheit der Phtheiriasis. Es tat den
alten Völkern wohl, wenn böse Menschen gerade durch sie, durch diese
„Läusekrankheit“ zu Grunde gingen, so wie auch den Herodes, den König
der Juden, die Würmer zerfraßen[172]. Am öftesten werden die „Läuse“ von
den Griechen und Römern gerade nur in Anlaß dieser Krankheit erwähnt,
aber gerade da täuschten sie sich vollständig. An Geschwüren ging
Sulla zugrunde; auf den ausbrechenden Geschwüren bildete sich Gewürm;
daß man dies Gewürm für Läuse hielt, die gar durch Urzeugung da erst
ihre Entstehung fanden, war ein naiver Irrtum; darüber ist sich die
heutige medizinische Wissenschaft wohl einig, und es verrät sich uns
auch darin, wie wenig genau jene alten Kulturvölker die Laus im Grunde
gekannt haben. Charakteristisch ist auch, was wir beim Aelian „Über die
Tiere“ IX, 19 lesen: wenn das Tier Galeotes (anscheinend eine Eidechse)
in Wein fällt und darin stirbt, so schadet das nichts; ertrinkt es
dagegen in Öl, so stinkt das Öl und, wer davon trinkt, dem wachsen die
Läuse aus der Haut hervor! Wir können diese Unkenntnis der klugen Leute
nur mit Neid betrachten.
Lassen wir also jene abenteuerlichen Krankheitsberichte ganz beiseite.
Aus alledem aber erklärt es sich nun endlich auch, daß die Griechen die
ihnen so fremd gewordene Insektenplage gelegentlich an auswärtigen,
barbarischen Völkern als Merkwürdigkeit hervorhoben; es geschieht
wiederum offenbar mit Erstaunen und Entsetzen.
Als der edle Grieche Phalanthos aus seiner schönen Heimat auswandern
muß, überfällt ihn in der Fremde, im „Elend“, diese Plage; seine Frau
aber ist mit ihm, nimmt ihn auf den Schoß und säubert ihm das Haupt.
So erzählte die Sage[173]. Dann aber meldet sich der alte Ethnograph
Herodot (im 5. Jahrhundert v. Chr.) zum Wort. Die ägyptischen Priester,
so erzählt er, sind reinlicher als die sonstigen Ägypter und treiben
es darin bis zum äußersten; sie bescheren sich den ganzen Körper,
jeden dritten Tag, damit keine Laus noch anderes Ungeziefer sich
einfinde; auch die leinenen Kleider, die sie tragen, sind immer frisch
gewaschen[174]; und von einem anderen, unkultivierteren afrikanischen
Volksstamm erzählt Herodot: ihre Weiber waschen sich die Haare, und
wenn eine von ihnen von einer Laus gebissen wird und sie erwischt,
so beißt sie sie zunächst aus Rache wieder und beißt sie tot, bevor
sie sie wegwirft[175]. Die griechischen Geographen aber, Strabo voran,
die die Gegend nördlich der Krim und des Asowschen Meeres (Maeotis)
beschreiben, verzeichnen da ein Volk, das von den Griechen kurzweg die
„+Läusefresser+“, die Phtheirophagen, genannt wurde[176]. Wegen ihrer
Ruppigkeit und ihres Schmutzes hießen sie so, wie Strabo uns sagt.
Und damit sind wir glücklich in +Südrußland+ angelangt. Die
„Phtheirophagen“, so könnten auch jetzt noch die Südrussen heißen!
Schon um die Zeit vor Christi Geburt war es im Don- und Wolga-
und Dnjeprgebiet nicht anders, als es jetzt ist. Ja, wir dürfen
voraussetzen, daß diese Spezialität auch damals schon bedeutend weiter
nach Norden und bis in die Gegend von Warschau, von Pinsk und Minsk
reichte. Auch unsere Feldgrauen in Polen und Littauen redeten ja mit
Hohn und Ingrimm von den „Läusefressern“, als hätten sie den Ausdruck
aus Strabo genommen. Die Läuse, die dort in den Kriegsjahren unter
unsäglicher Pein und Beschwerde von unseren braven deutschen Kriegern
gefangen wurden, sind ein zähes Geschlecht, von uraltem Adel, dessen
Ahnen schon in den alten Geschichtsbüchern der Griechen verzeichnet
stehen. Es erben sich Gesetz und Rechte, es erben sich auch der Läuse
Geschlechter wie eine ewige Krankheit fort.
Und dazu kommen noch die Serben. Ich sehe eben ein prächtiges Bild in
der „Jugend“, 1916, Nr. 5; es ist von A. Schmidhammer gezeichnet. Die
flüchtigen Serben sind auf Korfu gelandet; im Garten des kaiserlichen
Achilleions steht dort die Statue des herrlichen jungen Achill; ein
alter, müde gehetzter Serbe schläft zu Füßen der Statue ein, und die
Läuse krabbeln nun von dem ungewaschenen Kerl aus gierig am Bein des
hohen Griechenhelden hinan, der sich ganz befremdet an den glatten
Schenkel faßt und seine erhabene Gestalt zu der niedrigsten aller
Untersuchungen herunterbückt. Modernes Slawentum und klassisches
Altgriechentum! Da haben wir den Gegensatz im Bilde!
Wohl uns Deutschen, daß wir uns sagen können: unser deutscher Soldat
ist der saubere Erbe jener alt-hellenischen Kultur, die das Leben erst
lebenswert machte[177]. Krieg allen Phtheirophagen! Es lebe im Deutschen
das Griechentum! Mit keinem besseren Schlachtruf könnte ich diese meine
Betrachtung schließen.
Der Mensch mit dem Buch.
Oft haben im Leben der Völker handwerksmäßig mechanische Erfindungen
von der größten Unscheinbarkeit die größte Tragweite für den Aufstieg
der Kultur gehabt. Prometheus, der das Feuer vom Himmel holte, ich
meine: der Mann, der den ersten Funken aus dem Stein schlug, er stellte
die Menschheit auf einen anderen Boden; dasselbe tat der Mann, der das
erste Schiffssteuer erfand und die erste Meerfahrt wagte -- oder der
andere, der zuerst aus dem Bergwerk das Eisen holte und es schmieden
lehrte: sie änderten das Wesen der Menschheit. Nicht minder denkwürdig
ist aber auch der namenlose Erfinder des ersten Buches, des Buches,
das -- wie das Schiff -- Transportmittel, und zwar das wertvollste
Transportmittel ist, da es das kostbarste aller Güter, das Geistes- und
Gedankenleben der Völker, das menschliche Erinnern von Land zu Land und
von Jahrhundert zu Jahrhundert trägt. Auch das Buch gehört im Hochtrieb
der Welt zu den wichtigsten Hilfen und ist als solche noch lange nicht
genug gefeiert worden.
Ich meine das Buch, das sich +vervielfältigen+ läßt. Das gilt nicht von
den Backsteinbibliotheken der alten Babylonier; es gilt vom Buch der
Ägypter und der Griechen.
Die erste Offenbarung des Griechentums war +Homer+; aber Homer war für
die Griechen nicht der Erfinder des Buches. Er hatte es noch nicht. Es
ist wichtig, dies klarzustellen, und damit muß ich beginnen[178].
Der Naive denkt sich den alten Homer, wie er dasitzt und die 48 Bücher
der Ilias und Odyssee dichtend niederschreibt. Auch neuerdings machen
sich solche naive Vorstellungen wieder geltend, aber sie widersprechen
auf alle Fälle den offen liegenden Tatsachen. Homer kannte die Schrift,
allerdings. Einen Brief auf der Schreibtafel erwähnt er selbst einmal
bei Gelegenheit des Abenteuers des Bellerophon. Es ist der Geheimbrief,
der den Tod des Überbringers fordert. Aber die Tafel ist kein Buch, von
dem ich rede. Wer dem Homer das Buch in die Hand gibt, kann ihm auch
die Brille aufsetzen; das eine war seinerzeit noch ebenso fremd wie das
andere. Andernfalls hätte er ja auch in Prosa schreiben können und die
Sache viel leichter gehabt; denn sobald das „Buch“ bei den Griechen
wirklich auftaucht, wird Sage und Geschichte sogleich planvoll in Prosa
niedergeschrieben.
Alle Poesie der Urzeiten geht im Vers einher, und der Zweck des Verses
ist da überall Gedächtnishilfe, die deshalb nötig ist, weil das Buch
fehlt. Eben dazu, zur Hilfe des Gedächtnisses dient aber obendarein
auch das auffallend Typische in der epischen Sprache, nicht nur in dem
„~tondapameibomenos~“ und tausend anderen ständigen Einführungsformeln,
die später zur Parodie einluden, nicht nur in den ewig gleichen und
festklebenden Schmuckwörtern wie dem „im Donnergewölk Zeus“, sondern
auch in der Repetition ganzer Abschnitte, die so weit geht, daß man
meint, Homer plündert sich selbst aus.
[Randnotiz: Der blinde Homer ohne Buch.]
Der gute Dichter kommt uns sogar selbst zur Hilfe; denn er läßt in
seiner Odyssee selbst den Sänger Demodokos auftreten, der da ganz in
homerischer Weise von Heldendingen erzählt; aber Demodokos ist blind
und ist ohne Buch, er kann also nicht lesen und muß lediglich seinem
eigenen Geist und Gedächtnis vertrauen[179]. In Demodokos zeichnet
sich uns Homer, und nun bedeutet gar der Name „Homeros“ selbst den
„Blinden“, nichts anderes. Das sollte Zufall sein? Ilias und Odyssee,
die langen Epen sind Blindenpoesie.
Wir besitzen eine alte Biographie des Homer; darin steht: der Dichter
hieß ursprünglich Melesigenes; er wurde blind und deshalb, als er
in Kyme war, Homer genannt; denn in Kyme nennt man die Blinden
„Homere“[180].
So ist der Dichter denn auch in der griechischen Plastik, die sein
Porträt formte, von Anfang an deutlich als Blinder dargestellt worden.
Das entsprach schon seinem Namen; es war nicht anders möglich.
In primitiven Zuständen sind die blinden Leute auch sonst häufig
die Träger der Poesie und des Volks- und Heldengesangs; sie sind die
Vortragenden auf den Märkten und Gottesfesten. Schon das deutsche
Mittelalter ist Zeuge; denn da heißt es: „so singent uns die blinden“.
Ebenso erscheinen sie auch bei den Serben; die lebendigste Anschauung
aber gibt, was ich über die Balladendichtung in Palermo lese. Da
bestand noch in neuester Zeit und besteht vielleicht noch jetzt eine
Kongregation der Blinden, 30 Mitglieder stark, von denen die einen
nur vortragen, die anderen aber Neues erfinden; heiliger Ernst ist es
ihnen dabei. Von Kindern lassen sie sich führen, wenn sie auftreten.
Schon im Jahre 1661 ist diese Blindengilde dort gegründet worden. Was
sie aber singen, sind Banditengeschichten von Testalonga, Fradiavolo,
Tabbuso und Zuppa. Das sind die Achill und Odysseus, die Helden dieser
sizilianischen „Homere“[181].
Daß es nun auch bei den Griechen jener alten Zeiten mehr als einen
„Homer“, d. h. mehr als einen blinden Sänger gab, ist zweifellos. Es
war offenbar auch bei ihnen ebenso wie bei den Deutschen, den Serben
und den Leuten in Palermo der allgemeine Beruf des Blinden, der sonst
keine Beschäftigung hat, zu singen und Geschichten zu ersinnen. Man
braucht nur den blinden Demodokos neben den Dichter des homerischen
Apollohymnus, der sich sogar selbst den „blinden Mann“ nennt, zu
halten, um das einzusehen.
Wollen wir nun gleichwohl ansetzen[182], daß die blinden Berufsdichter,
auf die Ilias und Odyssee zurückgehen, doch auch schon
Schreibergehilfen hatten, die die neuen Gesänge entweder sogleich oder
bald hernach schriftlich sicherstellten, so waren, wenn wir genau
zusehen, gegen 500 Schreibtafeln nötig, um die etwa 28000 Zeilen der
beiden Epen aufzunehmen[183]. An eine Wahrung der Texteinheit war dann
also schlechterdings nicht zu denken; sie war vollständig zertrümmert
und eine chaotische Verwirrung der vielen hundert Holztäfelchen die
fast unausbleibliche Folge.
Homer ist sonach in jedem Fall der Mensch ohne Buch. Im Verfolg soll
dagegen vom Menschen mit dem Buch, wie ihn das Leben zeigte und die
Kunst der Alten ihn dargestellt hat, die Rede sein.
Woher das Buch nehmen? Der Boden Griechenlands selbst war an
vegetabilischen Erzeugnissen zu arm oder das praktische Genie der
Griechen war nicht entwickelt genug, um das „Papier“ zu erzeugen, durch
das allein ein Buch ermöglicht wird, das sich für literarische Zwecke
eignet.
Die Schrift war allerdings längst da. Man zeichnete sich ein Bild an
die Wand und verstand sich. Nichts war natürlicher. Dann kürzte man
das Bild zu andeutenden Linien ab, und der Buchstabe war fertig. Einen
großen Fortschritt bedeutete es, als der Grieche die Silbenschrift des
Orients, die den Vokal nicht ausdrückt, zur Buchstabenschrift, die
jedem Einzellaut im Wort gerecht wird, verfeinerte. Das war die erste
große grammatische Leistung des Griechentums im Dienste der Phonetik.
Aber worauf schreiben?
[Randnotiz: Schreibmaterial der ältesten Zeit. Weitere Dichter ohne
„Buch“.]
An Schreibflächen fehlte es nicht[184]. Man ritzte die Grüße oder
Anweisungen, die man auf dem Herzen hatte, in die Haustüren oder in
den Baum am Weg oder in die nächste Felsenwand. An den Grenzen der
Feldfluren standen oft Ölbäume: in ihre Rinde grub der Eigentümer
regelmäßig den Grenzvermerk (~arbores notatae~). So bekamen auch
Sklaven und Vieh Zeichen eingebrannt, damit man wußte, wem sie gehören;
man tätowierte gelegentlich den ganzen Menschen, schon damals.
Staatsgesetze aber grub man schon früh in die glatten Außenwände
der Tempel oder unmittelbar in die hohe Einfassungsmauer, die den
Richtplatz umgab. Gräber wurden mit beschriebenen Steinplatten
versehen. Sollte aber der Text transportabel sein, so griff man zum
Fell, zur Kuhhaut, lieber noch zur rollbaren Bleiplatte und zur
Holztafel. Die handliche kleine Holztafel hat sich der Grieche endlich
früh mit Wachs überzogen, und er begann im Wachs zu schreiben, ein
Merkmal der Vergänglichkeit: denn aus dem Wachs ließ sich die Schrift
gleich immer wieder hinwegglätten.
Was nützte das aber den Dichtern, die unmittelbar auf Homer folgten
und in ihren Versen nun auch -- anders als er -- mit ihrem eigenen Ich
kräftig hervorzutreten begannen? Die erste Elegie entstand, das erste
Streitgedicht des +Archilochos+, das erste Chorlied, das +Alkman+
kunstvoll gestaltete. Wie sollten diese Männer ihren Text sichern?
Was sie dichteten, hatte immer nur geringen Umfang; sie legten davon
eine einmalige Niederschrift im Tempel nieder; das war die einzige
Sicherung: das Werk sollte nicht untergehen. Die Tempel sind im
7. Jahrhundert v. Chr. die alleinigen Archive für solche Poesien
gewesen[185]. Vervielfältigung durch Abschrift aber gab es noch kaum,
und die Veröffentlichung geschah lediglich durch mündlichen Vortrag.
Auch diese Männer harrten immer noch auf das „Buch“.
Das gilt auch vom +Hesiod+. Von Hesiod besitzen wir die „Theogonie“ und
die „Werke und Tage“. Wer aber diese beiden Werke liest, der staunt
über den Mangel an Ordnung und Plan, die häufige Zusammenhangslosigkeit
des Inhalts. Dabei ist jedes derselben doch nur etwa 1000 Zeilen stark.
Der Schaden kann sich nur daraus erklären, daß der Text, wie das vorhin
Gesagte ergibt, ursprünglich auf etliche kleinere Schreibflächen
verteilt war. Erst nachträglich können die Teile in einem „Buch“
zusammengestellt worden sein. Daher die Uneinheitlichkeit. Wir hören
von einem uralten Exemplar des Hesiod auf Blei, das sich auf dem Berg
Helikon anscheinend gegen Witterung ungeschützt bei der berühmten
Quelle, der Hippokrene, befand. In diesem Blei haben wir eine wertvolle
Probe des Urzustandes des griechischen Schreibwesens. Daß aber der
Text der „Werke und Tage“ auf dem Blei vollständig stand, ist kaum zu
glauben. Denn unzählige antike Bleirollen sind gefunden worden, und sie
enthalten immer nur ganz geringe Textumfänge und wohl kaum mehr als 50
Zeilen[186].
Wie sollte nun gar in der Folgezeit des großen Thukydides Prosawerk
vom Peloponnesischen Krieg, wie sollte Platos Staat möglich sein? Das
„Papier“ war schreiendes Bedürfnis, und es fand sich nicht.
[Randnotiz: Import der Papyrusrolle. Entstehung der Buchliteratur.]
Da kam das Große. Ägypten eröffnete endlich seinen Außenhandel. Ägypten
hatte längst das ersehnte Papier, es hatte längst das Buch der Zukunft.
Im 7. Jahrhundert geschah es; damals hat der griechische Handel mit
Ägypten eingesetzt. Der Name König Psammetichs I., der um 670 bis
616 regierte und sein Land erschloß, ist darum unvergeßlich. Um 630
v. Chr., da mag die erste Papierrolle wirklich vom Nil nach Athen oder
Milet oder Sizilien gekommen sein. Und die eigentliche griechische
Buchliteratur konnte beginnen. Sie entwickelte sich plötzlich und rasch.
Es handelt sich nicht um Lumpen- oder Hadernpapier, erst recht nicht
um unser modernes Holzpapier. Vielmehr aus dem Mark des Nilschilfs
wurde das Material, das man +Charta+ nannte, in langen Fahnen kunstvoll
hergestellt, und zwar geschah das dort schon seit Jahrtausenden.
Die ganze schreibselige Kultur der Ägypter beruht eben hierauf, auf
der Charta. In dichten Schichten liegen in Ägypten noch jetzt die
beschriebenen Papyrusmassen unter dem sandigen Erdboden und werden
heute ausgegraben, fast so, wie man bei uns die Steinkohlen gräbt; oder
die stummen Mumien sind darin eingewickelt, und ganze Kisten voll gehen
davon alljährlich nach Europa (vorausgesetzt, daß kein Weltkrieg ist),
um in den Bibliotheken und Museen von Oxford, London, Berlin, Wien,
Paris, Florenz, Genf, Straßburg aufgerollt, entziffert, studiert zu
werden.
Neidisch hatte das enge Pharaonenland dies herrliche Papier der Welt
so lange vorenthalten. Das Schreiben darauf war des Ägypters besondere
Wollust. Millionenmal haben jene Leute sich, vielfach auch gerade
die vornehmsten Würdenträger des Nillandes, in schreibender Stellung
hockend, statuarisch oder im Relief abbilden lassen, oft ganze Gruppen,
die nach +Diktat+ schreiben, also im Begriff sind, einen Text zu
+vervielfältigen+[187].
[Illustration: