Tafel 3

Trinkgelage.

(Neapel, Museo nazionale.)]

Das Altertum war sehr gastfrei, um so gastfreier, da das Gasthofswesen

so wenig entwickelt war und man eleganter Speisewirtschaften

entbehrte[28]. Um ein größeres Essen zu geben, mußte man sich nun vor

allem klarmachen, wen man und +wie viele+ man einladen wollte. Nur

ja nicht zu viele, dies predigt uns Plutarch. Die Gäste dürfen ja

nicht zu eng sitzen. „Lieber Mangel an Wein, als Mangel an Platz!“

Meistens, besonders in älterer Zeit, lud man nicht mehr als neun

Personen (die Zahl der Musen). Die Zimmer faßten nicht mehr, und solche

„Triklinien“ für neun Gäste sind aus Pompeji bekannt genug. Dies

blieb also Regel, obwohl man in der Kaiserzeit sich auch besondere

Eßsäle baute, die es möglich machten, in einem Privathause auch 27-36

Personen bequem zu vereinigen; die größte Zahl, von der wir hören,

sind einmal 270 Personen an 30 Tischen. Plutarch sagt: „Wer selten

einlädt, muß mehr Personen bitten, daher sei lieber öfter gastfrei.“

Und man war das in der Tat. Kam ein Auswärtiger nach Rom und hatte

persönliche Beziehungen, so sah er sich sogleich zu Tisch gebeten. Die

verhältnismäßig geringe Anzahl der Gäste aber ist bei der Würdigung des

Tafelluxus der Römer immer gegenwärtig zu halten.

[Randnotiz: Kochbücher. Zahl und Auswahl der Gäste. Tischordnung.]

Sodann aber: wen laden wir ein? Plutarchs Weisheit hilft uns auch

hier. Die Gesellschaft muß zueinander passen; bitte nur die zusammen,

die sich miteinander gut stehen. Wer Großwürdenträger bittet, eine

Zelebrität der Börse oder des öffentlichen Lebens, der sorge, daß auch

die übrigen Gäste damit harmonieren. -- Die Einladungsbilletts müssen

rechtzeitig geschrieben werden. Man lernte sie künstlerisch abzufassen,

und Beispiele davon zieren die antike Literatur. -- Wichtig ist dabei

auch, ob man Plätze belegen soll. Wir fragen denselben Plutarch um Rat;

er urteilt hier wiederum mit Kennerblick. Man unterscheide Mahlzeiten

mit guten Bekannten und steife Festessen; nur bei den letzteren sind

Plätze zu belegen. Freilich dürfen wir nicht glauben, daß man etwa

Zettel, daß man Tischkarten legte, wie wir es tun. Ein besonderer

Sklave (~nomenclator~) war dazu da, jedem Gast seinen Platz anzuweisen.

[Randnotiz: Schatten. Klienten. Damen. Tageseinteilung.]

Durch dreierlei aber unterscheidet sich eine antike Tischgesellschaft

doch wesentlich von der unsrigen. Erstens konnte jeder Geladene stets

auch noch sonst Freunde mitbringen, die nicht geladen waren; diese

Ungeladenen nannte man Schatten, ~umbrae~; sie waren höchst willkommen.

Der Wirt mußte also seinen Küchenvorrat und seine Tischordnung immer

auf solchen Zuwachs einrichten. War es doch alte Hausregel in Rom, daß

stets auf dem Tisch noch etwas Eßbares übriggeblieben sein mußte, wenn

er fortgetragen wurde.

Zweitens sind hier die sogenannten +Klienten+ zu nennen. Unter Klienten

versteht die Kaiserzeit die Unmasse derjenigen freien Einwohner Roms,

die, ohne Beschäftigung, ohne Einkommen und Lebensstellung, sich

von der Gunst und Freigebigkeit vornehmer Gönner und Schutzherren

ernährten. Die Anzahl solcher schmarotzerhaften Existenzen, die sich

an ein vornehmes Haus hängten und unter denen sich oft auch gerade

die geistreichsten Leute, wie der Dichter +Martial+, befanden, konnte

bis hundert, ja zu mehreren Hunderten anwachsen. Diesen Klienten nun

lieferte der Patron ihr Mittagbrot, und zwar entweder ins Haus (es

wird dann geschätzt auf etwa 13 Groschen pro Tag; dies Geld hieß

„Sportel“), oder aber er zog auch einzelne von ihnen zu seiner Tafel.

Die Klienten erhielten dann aber oft abseits einen besonderen Tisch

angewiesen und bekamen geringere Speisen vorgesetzt. Darüber lesen

wir manches bittere Klagelied: die Speisen schmeckten nach schlechtem

Öl; es gab Tiberfisch, der in der Nähe der Kloaken gefangen war, zum

Schluß nur einen schäbigen Apfel. Dazu dann noch der hochfahrende Ton

der Bedienung! Aber auch abgesehen von diesen Nebenumständen erhält

die antike Tischgesellschaft durch die Anwesenheit der Klienten eine

wesentlich andere Physiognomie als die unsrige.

Drittens aber -- und dies stelle ich nicht ohne einige Bestürzung

fest -- waren die Festessen zumeist nur Herrenessen. Daß auch Damen

teilnahmen, wird selten erwähnt. Nur die Hausfrau mit den Kindern war

öfter gegenwärtig, ja sie bekümmerte sich sogar bisweilen auch um die

Bewirtung. Daß die Gäste ihre Frauen mitbrachten, war nicht häufig

der Fall. Waren aber solche da, wie z. B. bei dem Priesterfestessen

des Lentulus, an dem neun Männer und sechs Frauen teilnahmen, dann

erhielten die letzteren ein besonderes Sofa für sich. Von einer „bunten

Reihe“ wußte man also gar nichts[29]. Kein alter Schriftsteller schwärmt

daher auch je von seiner Tischnachbarin. Dies ist es, was wir, wie

gesagt, nicht ohne Enttäuschung wahrnehmen.

Verfügen wir uns ins Haus des Gastgebers. Wir setzen als Jahreszeit

etwa den Herbst an. Denn Aristoteles sagt, ich weiß nicht, ob mit

Recht: im Herbst ißt der Mensch am meisten. Schon tags vorher hat

der Hausherr -- denn die Frau des Hauses bekümmert sich in der Regel

um diese Dinge wenig -- die nötigen Anweisungen an seine Diener,

insbesondere an den Aufseher der Tischbedienung gegeben, und schon früh

am Morgen stellen die Hausdiener alles zurecht und decken den Tisch,

d. h. aber ohne Tischdecke. Tischdecken, mit dem Zweck, die schöne

Tischplatte zu schonen, wie wir sie im „Abendmahl“ Lionardos sehen,

kamen etwa erst im zweiten Jahrhundert auf[30].

Der Hausherr selbst ist, nach der Gewohnheit, morgens etwa gegen 6 Uhr

ausgestanden (nur Tagediebe wie Horaz standen erst um 10 Uhr auf);

und schon so früh, um 6 Uhr, ist die Visitenstunde für die Klienten,

die der Patron im Atrium empfängt. Erst gegen 9 Uhr nimmt der Herr

das erste Frühstück (~ientaculum~), nichts weiter als Brot,

Wein, Honig und etwas Käse. Dann folgt die Geschäftszeit bis 12 Uhr;

wer gerade nichts Besseres vor hatte, der konnte die Geschäftszeit

bis 4 Uhr nachmittags ausdehnen[31]. Gegen 12 Uhr aber regt sich der

Hunger doch schon mit Macht; das zweite Frühstück (~prandium~),

um 12 Uhr, war darum schon ziemlich nahrhaft; man nahm dazu, wie uns

Plautus belehrt, auch aufgewärmte Sachen vom gestrigen Mittag. Dann,

nach gestilltem Hunger, war man glücklich für ein Mittagsschläfchen

(~meridiatio!~) reif; ganz Rom lag zwischen 1 und 2 Uhr tief im

Schlafe; dies war eben die Stunde, in der Alarich Rom eroberte. Sodann

aus der Schlummerecke ins Bad! Das Bad, zwischen 2 und 4 Uhr, schien

keinem, dem Vornehmsten wie dem Geringsten, entbehrlich. Wenn man dann

dem Kaltwasserbassin oder der warmen Dusche entstieg und noch etwas

Ball gespielt hatte, brachte man zur Tafel die leckerste Genußsucht und

einen herrlichen Hunger mit. Es ist inzwischen gut 5 Uhr geworden. Das

Gastmahl kann beginnen.

[Randnotiz: Eßsäle. Gesellschaftskleidung. Tische und Klinen.]

Der Hausherr harrt natürlich seiner Gäste. Zeichen des ungebildeten

Protzentums ist es, wenn Trimalchio sich erst dann in den Saal tragen

läßt, wenn seine Gäste schon alle bei Tisch sind. Auch Kaiser Tiberius

machte es übrigens nicht anders. Auch die aufwartenden Kellner, für

jeden Gast mindestens einer, stehen bereit: schöne alexandrinische

Pagen, dazwischen zur Abwechslung ein Mohr und ein gelber Indier. Das

Haus hat zwei Eßsäle; der eine, für den Winter, liegt der wärmenden

Sonne zugekehrt; der andere ist laubenhaft kühl und tief verschattet;

ihn benutzt man in der warmen Jahreszeit. Denn Heizung fehlte. Die

Wände im Saale sind mit köstlichen Vorhängen drapiert; es waren ohne

Zweifel Gobelins mit bildlichen Darstellungen; sonst hätte man die

Wandmalereien des Saales gewiß nicht mit ihnen zugedeckt[32]. Unter der

getäfelten Decke hängen wohl auch frische Girlanden. In den Saalecken

stehen die Kandelaber, mit Lämpchen reichlich behängt. Der Fußboden ist

blanker Marmor oder festes, buntstrahlendes Mosaik. Fußteppiche gibt es

nicht. Ein prächtiger Nebentisch (~abacus~) aus Bronze oder Marmor tut

etwa die Dienste unseres Büfetts und trägt das silberne Trinkgeschirr,

den Ruhm des Hauses.

Es fällt den Gästen nicht schwer, rechtzeitig zu erscheinen, wenn man

nicht etwa vormittags ins Theater gegangen war, wodurch sich leicht

alles verschob. Plutarch tadelt einmal seine Söhne, daß sie aus dem

Theater zu spät zu Tisch gekommen sind, ganz außer Atem (τρεχέδειπνοι),

was doch nicht einmal gesund ist. Sonst sorgt schon der Diener, der im

Haus die Stunden ausruft und die Taschenuhr ersetzt, für Pünktlichkeit.

Man kommt in Gesellschaftstracht; Toga und Schuhe oder Stiefel trägt

man nämlich nur auf der Straße, und nicht einmal das; denn die Toga kam

überhaupt ab. Zu Tisch geht man dagegen auf leichten Sandalen und in

einem +Tischrock+ (~synthesis~) aus grünem oder lila Kattun oder Seide;

d. h. man +geht+ eben nicht, sondern läßt sich in der Sänfte tragen.

Man begrüßt sich endlich; man legt sich an seinen Platz. Jeder hat auch

noch seinen eigenen Diener mitgebracht[33].

Man +legt+ sich an seinen Platz? Ganz richtig. Es klingt zwar

äußerst sybaritisch und scheint vor allem die unvernünftigste

Raumverschwendung. Die Alten sitzen nicht, sie liegen beim Essen.

Vergegenwärtigen wir uns die Verhältnisse genauer.

Ausziehtische kannte man nicht. Es ist ein Unding, wenn wir heute 20-30

Personen um ein solches Rechteck herumsetzen, das zehnmal so lang wie

breit ist. Wir reden wohl vom „Cercle“, vom „Gesellschaftskreis“ und

von „Tafelrunden“, aber wir wissen diese Runde nicht zu verwirklichen.

Die Alten hielten streng auf zentrale Anordnung, so daß bei der Tafel

möglichst jeder jedem ins Gesicht sah, und sie hatten also entweder

geradezu Rundtische, die tragbar waren und um die im Hemizyklium

nicht mehr als etwa 8 Personen radial liegend Platz fanden auf einem

Rundsofa, dessen Lehne nach der Tischseite zu hochgepolstert war

(dies ist aus den ältesten Abendmahldarstellungen bekannt; man nannte

dies Rundsofa auch Sigma, weil der Buchstabe Sigma die Halbkreisform

hat); oder aber jeder Tisch hatte genau quadratische Form. Dies

war die Regel, und er war alsdann an drei Seiten von Ruhebetten,

Longchaisen, umgeben. Diese Lager hießen griechisch +Klinen+ und danach

der Speiseraum Triklinium, der Raum für die drei Klinen. Die vierte

Seite eines solchen quadratischen Tisches blieb dagegen unbesetzt; an

diese leere Seite trat von der Tür aus der Bediente, um die Gerichte

aufzusetzen und wegzunehmen. Auf jedem der drei Speiselager können

immer je drei Personen liegen; die Ehrenplätze sind auf dem mittelsten.

An jedem Tisch liegen somit höchstens neun Personen, und es war

also auch hier erreicht, daß jeder mit jedem sprechen konnte. Waren

außerordentlicherweise mehr als neun Mitesser, so wurde an mehreren

Tischen gegessen, also mehrere Zentren geschaffen. Kam noch ein

unerwarteter Gast dazu, so mußte er im Notfall mit einem Stuhl vorlieb

nehmen. Die Frauen saßen nur und lagen nicht, zum wenigsten in den

Häusern, wo bessere Sitten herrschten.

Das Speiselager war nicht flach, sondern nach der Tischseite zu

erhöht; man bestieg es von der Außenseite und lag nicht etwa der

Tischkante parallel, sondern radial ansteigend auf das Zentrum des

Tisches gerichtet, die Füße nach außen; man stützte dabei den linken

Ellbogen auf ein loses Kissen, so daß der Abstand des Mundes vom Tisch

recht groß war und es erhebliche Schwierigkeit gemacht haben muß, die

Tischplatte zu küssen; denn auch dies kam vor[34]. Man hatte endlich

zum Essen immer nur die rechte Hand frei. Dies ist vielleicht das

bemerkenswerteste: die Römer waren Eßkünstler, wie es heut keinen gibt;

sie mußten mit einer Hand essen.

[Randnotiz: Beginn des Essens. Zahl der Gänge. Nachtisch. Braten.]

Kaum liegen wir, wirklich ungemein behaglich, auf den purpurnen

Pfühlen, die mit deutschen Gänsefedern gestopft sind (die Klinen selbst

sind, wenn auch nicht massiv aus Silber und Gold, so doch kostbar mit

Edelmetall oder Elfenbein inkrustiert), so kommen die Tafeldiener und

waschen uns die Hände und wohl gar auch die Füße. Die Sohlen werden

abgelegt. Dann folgt das Tischgebet (~deos invocare~), das nie fehlt,

sodann vor allem erst ein Gläschen Glühwein (~calda~), möglichst heiß!

Denn das Bad bekommt eben nicht, wenn man nicht solch heißen Schluck

daraufsetzt. Und nun -- nun kommt hoffentlich eine gute Fleischbrühe?

eine kräftige Julienne? O nein, wir verrechnen uns. Hier stellt sich

gleich ein bedeutendes Defizit der antiken Speisekarte heraus. Suppe

gab es weder zu Anfang noch nachher (die berüchtigte spartanische

Blutsuppe war nur ein Ragout, nach Art unseres Schwarzsauer, und auf

das alte Sparta beschränkt). Ein römisches Essen fing eben ~ab ovo~ an;

d. h. man verspeiste ein paar pflaumenweiche Eier zu Anfang.

Studieren wir etwas die Speisekarte. Eigentlich ist dies freilich

unerlaubt. Die Speisekarte liegt immer nur in +einem+ Exemplar auf dem

Tisch, und zwar beim Hausherrn, der danach still und geheimnisvoll

seine Befehle an die Dienerschaft gibt. Drei, vier oder auch fünf

Gänge stehen uns bevor, jeder Gang aber zu sehr vielen Schüsseln. Der

Gang heißt ~missus~. Jede reichere Mahlzeit teilt sich vor allem in

drei deutlich abgesonderte Teile: erstlich das Entree; zweitens die

mittleren Gänge (oder Gang) mit den ~morceaux de résistance~ (man

verzeihe die vielen Fremdwörter; ich winde mich, aber kann sie nicht

vermeiden); drittens der Nachtisch. Nur der mittlere dieser drei Teile

heißt eigentlich Mahlzeit, ~cena~.

Die Speisefolge auszuwählen, haben Geschmack und diätetische Rücksicht

zusammengewirkt. Denn die Ärzte des Altertums wandten der Diätetik und

so auch den Tafelspeisen die allerhöchste Achtsamkeit zu. Beginnen

wir mit dem letzten, so war der Nachtisch äußerst leicht: Nußtorte,

Schokoladencreme, Schlagsahne (ἀφρόγαλα) fehlen gänzlich; man nimmt

nur leichtestes trockenes Backwerk, wohl auch etwas Alpenkäse, den

man schon damals besonders schätzte (~caseus Vatusicus~), griechische

Mandeln, persische Wallnuß, rohes oder auch eingemachtes Kernobst,

letzteres so „phäakisch“ schön, wie es der Süden damals gewiß, aber

schwerlich noch heute erzeugt; dabei schloß man jedoch als zu schwer

Pfirsich und Aprikosen aus. Daher heißt der Nachtisch ~bellaria~,

„nette Kleinigkeiten“.

In dem mittleren Teil der Mahlzeit, der eigentlichen ~cena~, fanden

sich die schweren Gerichte zusammen. Sonst hatte der Süden, auch schon

in jenen Zeiten, starke Neigung zum Vegetarianismus; hier dagegen

erscheint der Mensch als eifriger Carnivore; und zwar herrscht hier in

ganz auffallender Weise das Schweinefleisch vor, das doch das fetteste

und widerstehendste ist. Das Altertum nährte sich aber überhaupt

vornehmlich vom Schwein. Das Rind, als Pflugtier, schlachtete man schon

aus Pietät weniger; vielleicht galt aber sein Fleisch auch als minder

lecker. Rindfleisch, „~bubula~“, erscheint mehr als Hausmannskost[35].

Daraus, daß man das Rindfleisch nicht kochte, erklärt sich auch,

daß man keine Suppe hatte[36]. Von zahmen Tieren lösten übrigens

gelegentlich Kalb, Lamm und Esel den Schweinsbraten ab; denn auch das

Eselfleisch hatte seine Verehrer. Besonders beliebt war Schweinseuter

und sodann der Eber, das Wildschwein. Beim Gastmahl des Nasidienus

erscheinen außerdem noch Kranichbraten, Gänseleberpastete mit Feigen,

vom Hasen nur die Vorderläufe (Keule und Rücken des Hasen schätzte

man weniger) und Taubenbrüste; beim Prunkessen des Lentulus kommt ein

Fischragout hinzu, Entenbrüste (man aß nur Hals und Brust der Ente),

daneben Entenfrikassee, Hasen, gebratene Hühner, endlich eine Creme

mit Stärkemehl. Beim Trimalchio erscheinen außer Schwein und Kalb

Krammetsvögel mit Datteln und gebackenem Teig, überdies eine Pastete

von Krammetsvögeln mit Rosinen, endlich gar für jeden Gast ein Masthuhn

mit Gänseei[37], eine Zusammenstellung, die augenscheinlich mit

Entsetzen von den Gästen aufgenommen wird.

Den Hasen erklärt Martial für seinen Lieblingsbraten[38], und darin

folgte er offenbar dem Volksmunde; denn das Volk glaubte, wer Hasen

gegessen hat, wird in sieben Tagen schön[39]. Woher dieser Glaube?

Lateinisch ~lepus~ „der Hase“ und ~lepos~ „die Anmut“ sind ja fast

dasselbe Wort; wer also den ~lepus~ aß, aß gleichsam die Schönheit

selber[40].

[Randnotiz: Pikantes Vorgericht. Brechmittel. Beleuchtung.]

Ganz besondere Sorgfalt verwendete man endlich aber auf den ersten Teil

der Mahlzeit, die Vorspeisen. Dieser erste Gang (~gustus~, ~promulsis~)

wird planvoll aus leichten und vornehmlich aus kalten Speisen

zusammengesetzt, und wir nehmen wahr, daß, je feiner das Essen ist,

desto mehr Ausdehnung diesen leichten Einleitungsspeisen gegeben wird,

so daß sie gelegentlich die eigentliche Mahlzeit an Zahl der Nummern

weit überbieten.

Die Alten haben uns neben so vielen anderen Erkenntnissen auch die

vorweggenommen, daß saure und scharfe Speisen Appetit machen. So wie

wir also heute unsere Suppe pfeffern oder gar +vor+ der Suppe Austern

oder Kaviar mit Zitrone oder eine schwedische Schüssel, eine russische

Sakuska geben, so bestand jedes Entree -- deutsch „Voressen“ -- in Rom

regelmäßig aus solchen Gerichten wie Melone in Essig und Pfeffer, Latuk

(besonders bekömmlich), sauren Gurken (das Ideal des Kaisers Tiber),

ferner Oliven, Artischocken, Champignons, Sardinen, Salzfisch; aber

auch Austern und anderen Muscheltieren. Der Austernpark des Lucriner

Sees war berühmt durch Jahrhunderte. Dazu kamen dann bei glänzenderen

Festen noch leichtere Fleischspeisen, dampfende Würste, ein warmer

Fischgang wie Muränen, Weindrosseln, Feigenschnepfen, Hühnerpasteten.

Froschkeulen dagegen fehlen noch, wie man sieht; ebenso fehlt noch die

Schildkröte.

[Randnotiz: Parfümerien. Getränke. Unterhaltung bei Tisch.

Gastgeschenke.]

Soviel von der Speisenfolge, die an Umfang und an erlesener

Mannigfaltigkeit es wohl mit unseren besten aufnehmen konnte. Ja, für

den edlen Römer war es oft eingestandenermaßen eine heiße Arbeit, sich

hindurchzuessen, und er verschmähte nicht, auf ausdrücklichen Rat

der griechischen Ärzte hin, während[41] oder doch nach der Tischzeit

sich durch Medikamente zu erleichtern, deren vulkanische Wirkung uns

allerdings durchaus nicht ästhetisch erscheint. Man hatte eben damals

weder Kaffee noch Liköre, womit wir heute dem überlasteten Magen zu

Hilfe kommen. Hämisch sagt daher Seneca: ~vomunt ut edant, edunt ut

vomant~[42]. Übrigens fehlt es bei uns nicht an Leuten, die, um im

Schlemmen fortfahren zu können, rasch etwas Natron nehmen. Bei den

Römern dauerte ein großes Gesellschaftsessen nun aber sehr lange,

bis 7, ja 8 Uhr; während des Essens wurden die Kandelaber mit Licht

versehen. Der Genuß verteilte sich also auf gut drei Stunden; auch das

war ein Umstand, der dem Magen seine Arbeit erleichterte. Nur steigerte

sich leider die Hitze bei den qualmenden Lampen schließlich bis ins

Unerträgliche. Ein vorsichtiger Herr wechselt daher während der ~cena~

neunmal das leichte Speisekleid zur ständigen Abkühlung; so gerät er

nicht in Schweiß und braucht sich hernach auf dem Heimweg nicht zu

erkälten[43]. Daher auch die vielen Salben und Parfüms, mit denen der

Gastgeber die Tafelrunde zu erquicken für seine Pflicht hielt. Sie

sollten offenbar vornehmlich dem üblen Geruch der offenen Öllampen

entgegenwirken. Es gab aber auch sonderbare Käuze, bei denen man nicht

satt wurde und die sich begnügten, ihre Gäste in solche Wohlgerüche

einzuhüllen. Martial singt einmal:

O Fabull, du hast uns wohl zum besten.

Salben gibst du und Parfüms den Gästen,

Aber nichts, den hagren Leib zu mästen?

Hungrig balsamiert, so soll’n wir liegen

Und bei Tische nichts zu beißen kriegen?

Lieber will ich gleich ein Toter heißen.

Leichen balsamiert man, die nichts beißen.

Wir haben uns aber schwer gegen Geist und Geschmack des römischen

Gastgebers versündigt, indem wir so lang und breit über seine

Speisen reden. Zur Ehre jener sogenannten römischen Schlemmer sei

es hervorgehoben, daß man in guter Gesellschaft über das Essen

grundsätzlich nicht sprach. Wer dies tut, wie Nasidienus bei Horaz,

macht sich damit nur lächerlich. Mäcenas geht wegen solcher Gespräche

entrüstet vom Tisch. Man wußte jene Raffinaden stillschweigend zu

schätzen und sich auch sonst vortrefflich zu unterhalten. Ja, die lange

Dauer der Mahlzeit erklärt sich vor allem aus den langen Pausen, die

das Essen unterbrochen und in denen man ausschließlich des Weines und

der Unterhaltung pflog.

Denn in diesen Pausen entsprach der treffliche Wein seinem Zweck,

Geist und Herz zu beleben, auf das beste, wenn schon man ihn natürlich

stets nur mit Wasser gemischt trank; denn der südländische Wein war

schwer wie heut der spanische. An die Bedienung wurden die größten

Anforderungen gestellt; der Sklave mußte jedem durstigen Gast beim

Mischen helfen. Dazu kühlte man den Trunk mit Eis oder Schnee. Eis

und Schnee wurden in Gruben für den Sommer aufbewahrt. Sechsjährige

griechische, fünfzehnjährige kampanische Weine pflegten um den Preis zu

konkurrieren. Denn man bot meist mehrere Sorten zugleich an und griff

dabei gleich anfangs, wo man noch am sachtesten trank, zu dem feinsten

(Cäcuber, Chier, Falerner, Mareotiker, Massiker). Besonders eifrig

trank man hinter dem Fisch; denn schon Trimalchio sagt: „Fische wollen

schwimmen“ (~pisces natare oportet~). Ein guter Dessertwein wuchs bei

Verona: es war der Lieblingstropfen des Tiber.

Eine Hauptpause trat vor dem Nachtisch ein. Sie war ernster Natur.

Man spendete den Hausgöttern, indem man Salzkörner knisternd in die

Flamme warf, libierte auf das Wohl des Kaisers und wünschte sich

untereinander munteren Geist und dauerndes Wohlsein. In den übrigen

Pausen war die Unterhaltung so lebhaft, wie es eben von Südländern zu

erwarten ist. Hier besonders wurde der Stadtklatsch Roms ausgeschüttet,

über Gladiatorenspiele und Zirkuskutscher mit Leidenschaft gestritten,

mit großem Eifer aber auch das sogenannte gebildete Gespräch

betrieben und geradezu systematisch ausgebildet. Gute Proben solcher

Tischgespräche liegen uns noch vor. Man redet, fragt und rätselt über

Götterlehre, Tierkunde, Grammatik, Medizin usw. Es bildet sich geradezu

der Begriff des Tischgelehrten aus, und es war beliebt, einen Literaten

mit zum Speisen zu laden, sei er auch nur Klient; der mußte sein Bestes

geben[44].

Aber das meiste hat doch der Gastgeber zur Unterhaltung beizutragen;

er sorgt für Tafelmusik (bald Chor, bald Orchester), er sorgt für

deklamatorische Vorträge (so gab man die schmachtenden Frauenbriefe

Ovids zum besten), er läßt gar ein Ballett aufführen (wir dürfen hier

an die entzückenden Tänzerinnen Pompejis denken[45]), in einer anderen

Pause Akrobaten auftreten, in einer dritten Leute, die einen Gesang aus

der Ilias deklamieren; wieder in einer anderen öffnet sich oben die

Saaldecke, und ein Regen von Blumen fällt auf die staunenden Gäste.

Welche Ablenkung! welch anmutiger Zeitverbrauch, diese überraschenden

Intermezzi! Und wie mundete danach wieder der nächste Gang! Schlimm

war es nur, wenn der Wirt sein Manuskript holte und seine eigenen

Verse vorlas. Würde doch lieber der Fisch darin eingewickelt[46]! Eine

Überraschung, auf die sich alle vorauf freuten, fiel in die zweite

Hälfte des Essens; hier wurden an sämtliche Gäste Geschenke mit Devisen

verteilt; allerdings meist nur Kleinigkeiten, wie Pantoffeln, Eßsachen,

Fliegenwedel, woran sich aber doch immer Heiterkeit und ungezwungene

Scherze knüpfen mußten. Diese verschiedenen Tischunterhaltungen

erzeugten für den Gastgeber natürlich nicht unerhebliche Extrakosten.

Doch an solche unsinnige Verschwendung dachte man sonst nie, wie

sie der Kaiser +Verus+ beging, der die köstlichsten Gefäße,

Maultiergespanne und ähnliches bei Tische verschenkte, so daß ihn sein

Gelage, wie die märchenhafte Nachricht besagt, im ganzen an die 1200000

Mark in modernem Gelde kostete. Dies ist dieselbe Tyrannenmanie wie

bei Nero, der bei einem für Freunde veranstalteten Gastmahl, wie man

fabelte, für die Rosen allein über 900000 Mark vergeudet hat[47].

Erst jetzt, nachdem wir uns vergewissert haben, daß sich unsere Gäste

gut unterhalten und daß sie dabei auch nicht zu platt und geistlos

sind, jetzt können wir die Tischgesellschaft wohl einmal sich selbst

überlassen. Unsere Neugier lockt uns aus dem Speisesaal; wir wollen

unserem Wirt noch ein bißchen hinter die Kulissen sehen. Drei Fragen

stellen sich von selbst ein. Erstlich: wie und von wo bezog man die

Zutaten für die Mahlzeiten? zweitens: wie war die Zubereitung? und

drittens: wie wurde das Essen aufgetragen?

Die Antworten müssen sich, da ich mich der Kürze befleißige, auch hier

auf Andeutungen beschränken.

Einkäufe zur Mahlzeit mußten natürlich morgens gemacht werden.

Während der ersten Hälfte des Tages herrschte auf den Märkten Roms

(Fischmarkt, Gemüsemarkt, Schweinemarkt) und um die Verkaufsbuden

der Geschäftsquartiere lautestes, buntestes Leben; vor allem aber am

Tiberkai, dem Emporium. Hier führten Treppen aus gewaltigen Quadern

zum Fluß hinunter, und da legten die Tiberkähne an, die aus Ostia, dem

nahen, von Kaiser Claudius großartig hergestellten Handelshafen, die

Waren des Auslandes in Massen flußaufwärts der Welthauptstadt zuführten.

[Randnotiz: Bezug der Eßwaren. Import. Hebung der Fauna und Flora

Italiens.]

Der Stand und der Betrieb der Kauffahrer, der ~mercatores~, deren

Frachtschiffe in Ostia löschten, hatte seit Caesars und Augustus’

Zeiten in ganz ungewöhnlichem Grade an Bedeutung und Rentabilität

gewonnen. Die früher doch minder rege Nachfrage nach ausländischer Ware

hatte in dem Grad in Rom zugenommen, daß man schon kaum noch etwas auf

den Tisch nahm, das sich nicht nach einer fernen Meeresküste benennen

ließ. So bezog man ja das Korn selbst von außen. Nach Alexandrien

konnte der Kauffahrer in neun bis zehn Tagen, nach Spanien in sieben

Tagen fahren, und er brachte aus Spanien Wein, Öl, Honig, Salzfische,

Quittenmarmeladen, aus Gallien das beste Schweinefleisch (besonders

gallischen Schinken), aus Afrika Perlhühner, Artischocken. Nach einem

Kaufmann Mattius hießen die importierten Mattianischen Äpfel. Ägypten

lieferte die besten Datteln, es lieferte den Majoran, es lieferte die

Flamingos. Aus Indien brachten alexandrinische Schiffe Pfeffer, Zimmet,

Kardamom und den Ingwer, der besonders zu Würsten gebraucht wurde.

Die besten Mandeln kamen aus Naxos, Damaszener Pflaumen aus Damaskus.

Ebenso aber waren Fische von den fernsten Küsten erwünscht; „die

Gurgeln Roms fischen alle Meere leer,“ ruft +Juvenal+; der Fischmarkt

war unter allen Märkten der belebteste und interessanteste, wie noch

heute in den Küstenstädten des Mittelmeeres.

Für die Kultur Italiens in Flora und Fauna sind die Folgen der so

wachsenden Tafelbedürfnisse äußerst günstig gewesen. Erst damals

wurde eine Reihe von Obstsorten, wie die Kirsche und die Bergamotte,

in Italien gepflanzt, erst damals die Flora daselbst mit einer Reihe

von Kräutern, wie die Petersilie (~petroselinum~) bereichert. Die

Zitronen- und Orangegärten hat freilich erst das Mittelalter gebracht.

Die römischen Großgrundbesitzer suchten ihren Küchenbedarf nach

Möglichkeit selbst zu befriedigen. Darum führten sie z. B. auch damals

die +Fasanenzucht+ in Italien ein (vom Fluß Phasis in Südrußland,

~phasiani~); damals kam der Pfau dorthin; man zog und mästete die

Pfauen und anderes Geflügel im größten Stil. Eine merkwürdige

Manie besaßen die Römer für Tauben und großartige +Taubenhäuser+

(~columbaria~), die bis zu 5000 Vögel und mehr enthielten[48]. Zur

Zucht des Wildschweines dienten die endlosen Eichen- und Buchenwälder

der Latifundien. Dazu die Schneckenzucht! Am bekanntesten aber sind

vielleicht die ~piscinae~, die Fischteiche, der römischen Villen am

Meer, die mit Seewasser gefüllt und in denen die seltensten Sorten

zu finden waren. Der Name einer vornehmen Familie stammte daher: die

Lucinier nannten sich ~Murenae~; die Zucht der Muräne war ihr Ruhm[49].

Wir Deutschen sind uns meist nicht bewußt, wie viele Ausdrücke der

Küche und der Speisezutaten und Würzen unsere Sprache dem römischen

Altertum verdankt; in dieser sprachlichen Entlehnung spricht sich aus,

daß Nordeuropa und Germanien diese Dinge eben von der antiken Kultur

unmittelbar empfangen hat. Um von den Kapaunen (~capones~) und Fasanen

(~phasiani~) nicht zu reden, so haben wir von den Römern, wie der

Wortlaut selbst zeigt, Spargel (~asparagus~) und Lattich (~lattuca~),

Kohl (~caulis~), Kappes (~caputium~), Linse (~lens~) und Wicke

(~vicia~), Kürbis (~cucurbita~), Rettich (~radix~), Zwiebel (~cepula~,

~cepulla~), Bete (~beta~) und Kümmel (~cuminum~), Petersilie,

Lavendel, Melisse, Polei, Anis (~anisum~) und Fenchel (~feniculum~),

Kapern, Koriander und Kerbel (~caerefolium~) erhalten; und so geben

uns diese deutschen Wörter, indem wir sie nennen, einen Einblick in

den reichen Küchengarten des Altertums selber. Dazu kommen dann noch

Senf (~sinapis~), Pfeffer (~piper~), Zimmet (~cinnamomum~) und andere

importierte Zutaten. Die Römer haben uns gleichsam vorgekostet, und

der moderne Genußmensch ist -- auch wider Willen -- ein Erbe des

klassischen Altertums, selbst im Alltäglichsten.

Für Eßvorrat ist gesorgt; es fehlt die Bereitung. Wollen wir uns

getrauen, auch noch in die Küche einzudringen? „Küchendunst“ ist ein

Wort, das Plautus als Schimpfwort verwendet, um einen unangenehmen

Menschen zu bezeichnen. In der Küche aber werden wir genug Küchendunst

finden! Vielleicht genügt es uns hier, nur einmal durch die Türritze

geschaut zu haben. Nicht etwa, daß uns die Köchin vertriebe. Denn die

Köchin, der Augapfel unserer deutschen Hausfrauen, war damals noch

eine gänzlich unerfundene Größe (wie überhaupt weibliche Bedienung).

In der Küche herrscht der Koch mit seinen Küchenjungen. Er ist

der Liebling seines Herrn, er ist in seinem Tagewerk ein wahrer

Tausendkünstler, und nichts wurde darum dankbarer begrüßt, als wenn

man an den Saturnalien, d. h. zum großen Geschenkfest im Dezember,

unserem Weihnachten, einen guten Koch geschenkt bekam. Ein guter Koch

kostet im Sklavenhandel halb soviel wie ein guter Schauspieler. Sein

Reich, die Küche, ist ein Raum von den größten Dimensionen; Plinius

sagt übertreibend, zwei Morgen Landes genügten kaum für eine Küche!

Küchengeräte aber hat uns in Mengen Pompeji erhalten: Eimer und

Kessel und Kannen, Schnellwagen, Schöpflöffel, Schaumlöffel, Löffel

zum Bratenbegießen, Kasserolen, Pfannen zu Spiegeleiern, Durchschläge

u. a. m. Wer im Neapeler Museum war, wird dies in anmutiger Erinnerung

haben.

[Randnotiz: Nachwirkung auf die mod. Ernährung. Der Koch u. seine

Hilfsmittel.]

Um nun die Leistungen des Kochs einigermaßen zu würdigen, müssen wir

uns wenigstens dies gegenwärtig halten, daß er erstlich keinen Zucker

hatte; Zucker wurde durchweg mit Honig ersetzt; zweitens, daß er

auch keine Butter verwenden konnte (die „Butter“ des Altertums war

augenscheinlich noch erheblich von der unsrigen verschieden), daß

er vielmehr, wie noch heute in Italien geschieht, feines Öl an ihre

Stelle treten ließ. Das Fleisch wurde übrigens meistens nur in seinem

eigenen Fett gebraten, und dies ist der Grund, weshalb man die Mästung

aller Tiere mit so grausamer Energie betrieb. Ferner fehlt in seinem

Küchenapparat auch die Zitrone[50]. Sehr verschwenderisch ist er

dagegen mit der Zwiebel; nicht nur Hasen brät er in Zwiebeln, sondern

kocht sogar auch die Spargeln damit.

[Randnotiz: Der Koch und seine Wunderleistungen. Der ~scissor~.]

Ein Hauptprinzip des römischen Kochs, dessen Durchführung uns wirklich

mit Bewunderung erfüllen muß, war ferner: jedes Tier kommt womöglich

ganz und unzerlegt aufs Feuer. Vorschriften hierfür erhalten wir

schon aus der Zeit des Aristoteles. Aber dies war ein kostspieliges

Verfahren[51]. Der Kaiser +Domitian+ beruft bei Juvenal ~c.~ IV seinen

Reichsrat eigens wegen eines enormen Steinbutts, der bei Ancona

gefangen ist; er kostet so viel, daß man auch den Fischer selbst dafür

hätte kaufen können, und der Reichsrat beschließt: „Er wird nicht

zerschnitten, er darf nicht zerschnitten werden: es muß ein Extratopf

gebaut werden.“ Aber auch die Eber wurden so +ganz+ gebraten; der

Bratspieß glüht, mit dem der Koch das Schwein durchstößt: so dringt die

Glut in alle Teile des Fleisches[52], und so gebraten wurde es dann in

einer Riesenwanne in den Speisesaal getragen. Solche Schüssel konnte

allein 64 Kilogramm wiegen[53].

Genie und Findigkeit konnte der Koch dagegen erst entfalten, wenn er

seine so vortrefflichen Brühen, Farcierungen nach Art unserer Würste

und gar die verschleierten Gerichte bereiten durfte, die, fein gehackt

oder doch in Sauce gelegt, die Neugier erregen und durch scharfe

Würzung überraschen, beispielsweise Schweinenetz mit Trüffeln oder

Hachés von Champignons und anderen Pilzen; die Spanferkel mit Datteln

gestopft; Geflügel mit Oliven gefüllt. Beim Anrichten entfernte er

aber die Füllung wieder, und nur der feine Geschmack blieb davon

zurück. Allein für Hasenbraten und Hasenragout bringt uns Apicius

nicht weniger als dreizehn verschiedene Rezepte; für Schweinefleisch

hatte man fünfzig verschiedene Bereitungsformen. Ein Koch konnte mit

einem Kürbis, den er siebenmal verschieden vorsetzte, ein Daueressen

bereiten, und keiner erkannte, daß es derselbe Kürbis war. Daher prahlt

Trimalchio von dem seinen: „Er macht auf Verlangen aus Schweinseuter

einen Fisch, aus Pökelfleisch eine Taube, aus einem Hüftknochen eine

Henne! Es gibt keinen kostbareren Menschen!“

Soll ich fortfahren und etwa noch die leckeren Bratwürste rühmen,

mit Piniolen gestopft? die vielerlei Kompotts? das Mandelbrot oder

~Marci-pan~? Begleiten wir die fertigen Speisen vielmehr in den

Speisesaal. Alle Schüsseln eines Ganges werden vom Diener jedesmal auf

einer großen Platte oder Repositorium, ursprünglich auch ~ferculum~

genannt, auf den Eßtisch gesetzt; hat man zugelangt, so nimmt er

Repositorium und Schüsseln zugleich wieder fort. Diese gewaltige

Setzplatte war aus Silber, so wie alle Schüsseln. In den vornehmen

Häusern, von denen wir reden, wurde nur Silber gesehen; Glas

mißfiel[54]. Der bekannte Hildesheimer Silberfund gibt uns Anschauung

von solchen Schüsseln[55], und das Service (lat. ~ministerium~) war

somit etwa das Kostspieligste bei einer römischen Mahlzeit. Die Braten

sind auf das geschmackvollste angerichtet und aufgeziert. Bei Fasanen

und Reihern bleibt der Kopf in den Federn. Einige Speisen, wie die

Bratwürste, kommen auf einem zierlichen Feuerbecken noch quillend und

brodelnd auf die Tafel. Auch Statuen aus gebackenem Teig überraschen

das Auge. Pasteten zeigen Muschelform; solche Pastetenformen sind uns

in Pompeji erhalten.

Am Nebentisch aber entfaltet eine der bedeutendsten Persönlichkeiten

beim Gastmahl seine Tätigkeit; dies ist der ~scissor~, der

Vorschneider. Es wird uns einmal sehr schwungvoll geschildert, wie das

Messer in seiner Rechten saust, er selbst aber die allergraziösesten

Posen einzunehmen weiß und tänzelnd seine höchst verantwortliche

Aufgabe löst: denn er muß jeden Knorpel vermeiden und ausschalten und

darf dabei doch nur ganz winzige Stückchen schneiden, nur Häppchen, so

groß wie ein Mund voll (~offa~). Daher hieß ein solcher Mann ~Carpus~,

weil er das Fleisch „zerpflückt“. Der berühmteste Vorschneider Roms

aber war Trypherus; er machte Schule, und man übte sich im Zerlegen an

Holzmodellen. Warum aber, fragen wir befremdet und mit Recht, warum

darf Trypherus vom Braten keine großen Scheiben schneiden, nach denen

doch der Ehrgeiz jedes modernen Zerlegers steht? Warum diese das Auge

enttäuschende Zerstückelung des kostbaren Materials in lauter kleine

„Bissen“?

[Randnotiz: Essen mit den Fingern. Mundtücher.]

Auf diese Frage lautet die unerbittliche Antwort: weil man mit den

Fingern ißt. Man hatte zum Essen weder Teller noch Gabel, noch Messer.

Man hatte ja auch beim Liegen nur die +eine+ rechte Hand frei! Also an

Zerschneiden des Fleisches war für den Speisenden selbst gar nicht zu

denken. Einen Zahnstocher hatte man freilich; der aber wurde nur in den

Pausen benutzt.

Irre ich nicht, so hat, wer dies liest, über unseren alten

Tischgenossen sofort den Stab und vielleicht schon mehr als einen

Stab gebrochen. Aber versuchen wir etwas gerecht zu sein, damit wir

den Gegenstand unseres bisherigen Interesses nicht gar mit einem

unbegründeten Unwillen und üblem Nachgeschmack verlassen.

Wir bedienen uns jetzt sogar für das Spargelessen eines Instrumentes;

wir essen sogar den Fisch nicht mehr mit Hilfe des Brotes. Und ein

so feiner Weltmann wie Kaiser Otho hätte wirklich mit der Hand ins

Frikassee gelangt? Mit der Hand hätte ein Augustus die Rehkotelette

aus der Schüssel geholt? eine Agrippina die Endivien mit den Fingern

zum Munde geführt? Freilich, so ist es. An Kaiser Justinian, der

immer nur wenig aß, fiel auf, daß er das Essen nur mit den äußersten

Fingerspitzen faßte; das heißt eben, die anderen machten es anders. Und

man mußte sich vorsehen; man durfte nicht zu gierig zugreifen, sonst

verbrannte man sich[56]. Denn das Messer war freilich sehr bekannt,

und wie schön der ~scissor~ seine Klinge zu führen verstand, sahen

wir vorhin. Aber man scheint nur gelegentlich darauf verfallen zu

sein, auch einmal jeden der Gäste damit zu bewaffnen; dies sollte eben

späteren, erleuchteteren Zeiten vorbehalten bleiben. Die Eßgabel sodann

war damals überhaupt noch nicht erfunden; es existiert auch gar kein

lateinisches Wort dafür. Denn ~furca~ (Forke) ist die Mistgabel. Und

endlich Löffel hatte man zwar; die üblichsten Löffel waren klein; sie

hießen ~cochlearia~; allein sie dienten, wie schon ihr Name angibt,

lediglich für Muscheltiere, daneben auch noch zum Eieressen. Größere

Löffel, ~ligulae~, waren allerdings auch vorhanden; sie werden aber

selten erwähnt und dienten wohl nur zu gewissen Mehlspeisen[57].

Vergessen wir nicht, daß das ganze Mittelalter, ja daß auch noch die so

hochgebildete Renaissancezeit nicht viel besser daran war; auch beim

Abendmahl Lionardos und sonstigen Darstellungen gedeckter Tafeln aus

jener Zeit fehlen noch die Eßinstrumente ganz oder fast ganz, und nur

das Salzfaß steht da, das auch auf keinem antiken Eßtisch fehlte.

Nun wohl, Fleisch und Gemüse ließen sich schließlich auch mit der

Hand anfassen. Wie aber aß man die Speisen mit Aufguß, die köstlichen

Fischtunken? Man tunkte eben direkt den Finger hinein, und zwar alle

in dasselbe Gefäß; oder aber, wenn man umständlicher sein wollte, so

tunkte man die Brühe mit +Brot+ auf. Die Folgen, die solcher Gebrauch

der Hand nach sich ziehen mußte, habe ich wohl nicht nötig auszumalen.

Bezeichnend genug, daß einmal +Ovid+ in seiner ~Ars amandi~ den

Mädchen, welche gefallen wollen, unter anderem auch den Rat gibt, sie

sollen sich bemühen, hübsch +sauber+ zu essen und sich vor allem nicht

mit der fettigen Hand ihr liebliches Angesicht beschmieren.

Dies sind schlimme Tatsachen; allein es wäre, wie gesagt, ungerecht,

wollten wir nicht zugleich auch zur Entschuldigung folgendes mit in

Erwägung ziehen.

Der Reinlichkeitstrieb, durch den sich die klassischen Völker doch

sonst so ganz besonders auszeichnen, hat das Altertum auch in diesem

Falle nicht verlassen können. Man genügte diesem Triebe, so gut es eben

anging, durch eine Reihe von Hilfsmitteln.

Hinter jedem Gericht wusch man sich allemal aufs neue mit Hilfe des

Pagen die Hände. Was Mund und Angesicht betrifft, so hatte man zu ihrer

Säuberung ganz so wie wir Mundtücher oder Tellertücher, ~mappae~; sie

waren natürlich schon gleich nach +einer+ Mahlzeit durchfeuchtet und

fettgetränkt und mußten in die Wäsche oder wurden weggeworfen. Auf

dem Armpolster hatte der Schmausende diese Tücher neben sich liegen,

nachdem er sie entweder selbst mitgebracht oder nachdem der Wirt sie

an seine Gäste als Geschenk ausgeteilt hatte. Servietten waren eines

der billigsten und häufigsten Festgeschenke in jener Zeit. Denn jeder

brauchte sie eben täglich neu. Daher auch die Serviettendiebe, eine

ganz besondere, elegante Abart von Gelegenheitsdieben im Altertum, die

auch gerade in der besseren Gesellschaft sich vorfanden. Offenbar

waren die Tücher noch nicht „gezeichnet“ wie bei uns und luden dazu

ein, den Eigentümer zu wechseln. Eine Verhöhnung des Gastes aber war

es, wie Horaz bemerkt, begreiflicherweise, wenn der Wirt ihm ein

schon einmal gebrauchtes Mundtuch anbot. Dies also der Zweck der

Reinlichkeit. Aber dieselben Tücher ließen sich auch sonst verwenden;

man pflegte beim Nachtisch Näschereien und Konfekt darin einzuwickeln

und für die Kinder mit nach Hause zu nehmen -- ganz so, wie es ja auch

noch unsere sorglichen Hausmütter und Hausväter bisweilen tun. Denn

sogar auch der Sklave zu Hause erwartete zum mindesten ein paar Äpfel;

sonst empfing er seinen armen Herrn mit Brummen[58].

[Randnotiz: Brot. ~Analecta.~ Zwei Bibelstellen erläutert.]

Aber damit noch nicht genug; zur sofortigen Säuberung der doch stets

benetzten Finger standen drittens noch große Massen weichen Brotes

in silbernen Brotkörbchen jedem zur Hand. Oder die Pagen liefen mit

solchen Körben herum und boten an. Unausgesetzt trocknete man sich die

Finger im Brote. Dabei konnte freilich ein anderer Übelstand nicht

wohl ausbleiben: daß die so benutzten Krumen vielfach nieder zur Erde

und auf den Mosaikboden fielen. Aber auch für diesen Mißstand war bis

zu einem gewissen Grade gesorgt. Denn waren nicht etwa Hunde im Saal,

was häufig vorkam, die sich den Fraß nicht entgehen ließen[59], so

fegte ein Sklave das Nebenhergefallene zwischen jedem Gang mit schönen

Besen aus Myrten oder mit Palmblättern hinaus, oder es kam auch vor,

daß dieser Sklave die ganze Tischzeit aufsammelnd unter dem Tische

zu sitzen hatte! Man nannte das Aufgesammelte die ~analecta~. Aber

vieles blieb auch ruhig liegen. Ein herrlicher mosaizierter Fußboden,

der aus einem antiken Eßsaal in Rom selbst stammt, ist erhalten und

in Rom im Lateran aufgestellt[60]; in diesem Mosaikwerk sind auf das

naturgetreueste und ergötzlichste die ~analecta~ selbst dargestellt,

wie sie bei einem antiken Gastgelage tatsächlich auf dem Boden

herumlagen: Fischgräten, Krebsbeine, abgenagte Weintrauben, Muscheln

und Nußschalen, Salatblätter, ein Hahnenfuß, sogar ein regelrechtes

„Ziehbein“. Ein klassischer Realismus! Wir möchten uns bücken, um es

aufzulesen, und haben den Eindruck, als hätte das Essen erst gestern

stattgefunden.

Ich will hier nicht unerwähnt lassen, daß auch zwei allen sehr

wohlbekannte Stellen unseres biblischen Textes durch das zum Schluß

Vorgetragene erst ihre nähere Erläuterung erhalten. Die Brosamen,

die von des Herrn Tische fallen, von denen das Gespräch mit dem

kananäischen Weibe redet, sie sind eben jene Brosamen, welche wir

soeben die Hunde oder den Sklaven unter dem Tisch auflesen sahen;

es sind die Analekta der antiken Gastgelage. Und wenn Jesus beim

Ostermahle eigentümlicherweise den Judas Ischarioth als seinen

Verräter mit den Worten bezeichnet: „Der mit mir die Hand in die

Schüssel taucht, der wird mich verraten,“ so wird dies gemeinsame

In-die-Schüssel-tauchen der Hände eben nur durch das Fehlen des Löffels

bei den Mahlzeiten der alten Völker verständlich, über das wir geredet

haben.

[Randnotiz: Würdigung des Tafelluxus. Abendtrunk. Schluß.]

Wir haben nunmehr hinlänglich gesehen, sowohl was die Alten bei

ihren Gastmählern aßen als auch wie sie es aßen. Was die ästhetische

Beurteilung betrifft, so muß ich befürchten, daß alle sonstigen

Vorzüge die zuletzt festgestellten Mängel in unserer Vorstellung nicht

auszulöschen vermögen, weder Rosenflor noch Silbergeschirr, noch

Tafelmusik, noch die geistreichste und gebildetste Tischunterhaltung.

Fassen wir sodann aber den römischen Tafelluxus als solchen ins Auge,

so hat er, so reich und so fein durchgebildet er auch war, doch den

Tafelluxus unserer Neuzeit, wie er in den großen Hauptstädten und

Kulturzentren Europas oder Amerikas im Schwange ist, gewiß in keiner

Beziehung übertroffen, und wir werden anstehen, eine Meinung zu teilen,

die aus ungenügender Kenntnisnahme der Tatsachen sich herleitet, als

zählten für den Untergang der römischen Kultur die Schmausereien und

Schlemmereien der Vornehmen mit zu den wesentlichen Ursachen. Daß der

Koch in Rom sein Geschäft verstand oder daß durch den lebhaften Handel

die schöneren auswärtigen Erzeugnisse auf die Tafel kamen, kann doch,

wie sehr auch darüber die zeitgenössischen Stoiker, ein Plinius oder

Seneca, sich ereifern, bei unbefangener Betrachtung nur als Vorteil

gelten. Wer macht es einer Familie des deutschen Mittelstandes zum

Vorwurf, daß sie zu einem gewöhnlichen Frühstück ostindischen Tee

nimmt, westindischen Zucker und englischen Käse, vielleicht sogar ein

Gläschen spanischen Wein und ein Brötchen mit russischem Kaviar? Nur

wenn Deutschland wie eine Festung vom Feinde zerniert ist, müssen wir

uns all dies grollend versagen. Roms Herrlichkeit ist an ganz anderen

sittlichen und sozialen Schäden zugrunde gegangen. Wenn je die frugalen

Ostasiaten es dahin bringen sollten, unsere moderne europäische Kultur

zu überwinden, so wird man doch auch hoffentlich dafür nicht die

gute Küche als wesentliche Ursache betrachten, durch die gerade das

tüchtigste Bürgertum bei uns (man denke an Hamburg) sich hervortut.

Es ist inzwischen 8 Uhr geworden. Das Gastmahl, von dem ich geredet

habe, ist zu Ende, und die Zecherei, die ~comissatio~, das Symposion,

hat schon begonnen, das sich unmittelbar anschließt. Die Herren haben

Kränze aufgesetzt, und es ist schon so lustig, so ausgelassen an der

Tafel, daß die Frau des Hauses, die den Nachtisch noch mitgenoß,

sich taktvoll entfernt hat. Es dürfte für uns geraten sein, es

ihr nachzutun. Freilich werden wir dann in den so mannigfaltigen

griechischen Trinkkomment mit all seinen lustigen Kniffen und

Pflichtleistungen nicht eingeweiht -- denn ein Präside oder Thaliarch

fehlt nicht --, und es entgeht uns die so wünschenswerte gründliche

Kenntnisnahme der griechisch-römischen Weine und der Bowlen! Denn auch

diese verstand man für die Symposien zu brauen: Bowlen von Pfirsich,

Bowlen von Aloe, Ysop, Salbei, Bowlen von Narde, von ätherischen Ölen,

unter denen aber wohl doch die Veilchenbowle die denkwürdigste sein

dürfte. Ihr Rezept steht bei Apicius. Die Veilchen mußten sieben Tage

im Wein ziehen; dann kam der Honig hinzu, und sie war trinkbar.

Die Mehrzahl unserer Trinklustigen wird übrigens gewiß schon vor

Mitternacht sich im Bette befinden. Denn sie sollen ja schon vor 6 Uhr

wieder aufstehen[61]. Auch die schlechten Leuchtkörper trugen dazu bei,

daß man früh Schluß machte[62]. Möge ihnen denn das Gastmahl allseitig

gut bekommen sein, möge auch das Räuschchen, das doch nicht leicht

ausbleibt, schon um das erste Morgengrauen wie ein Traum verfliegen,

und möge insbesondere der Wirt und Gastgeber, der für seine Gäste so

viel getan hat, nach seinem Fest am anderen Morgen sich selbst so

aufgeräumt wiederfinden wie seinen Speisesaal, in dem die Hausdiener

in der Frühe sogleich mit Besen, Schwämmen und Tüchern jede Spur des

Vorgefallenen zu vertilgen wissen.[63]

[Illustration]

Auf der römischen Heerstraße.

Je größer die Welt, je mehr wächst das Bedürfnis nach Annäherung,

je erfinderischer sinnt der Geist auf Mittel, die den Menschen zum

Menschen führen. Heute hat der Verkehr mit seinen Spinnenbeinen den

ganzen runden Erdball wie eine eingefangene Fliege umfaßt. Die Erde

schrumpft unter ihm zusammen. Jeden Tag hat man -- in Friedenszeiten --

in Berlin die Kursnotierungen der New Yorker Börse: Das Kabel tut’s.

Die englischen Stahlwaren wollen von Liverpool rasch nach Japan; der

Panamakanal muß sie hindurchlassen. Die Kohlenindustrie ist es, die

das alles bewirkte; sie hat durch ihre Gaben die Welt verkleinert:

Schnelldampfer, Eilzüge, Autos, drahtlose Telegraphie, Fernsprecher

-- welche Fülle der Bewegung, der Mitteilungsmöglichkeiten; dazu

die Radler, die Flieger. Wer als altmodischer Fußgänger über die

Landstraße trollt, begegnet kaum noch ab und an einem Bauernwagen

mit trabenden Gäulen und nickender Peitsche; auch der zweispännige

Doktorwagen fehlt. Auf dem Rad fliegt der Arzt in die Dörfer hinaus,

fliegt sogar der Pfarrer mit wehendem Rock auf seine Filiale. Dieselbe

Straße führt mich am Bahnkörper entlang; plötzlich tönen Signale, tönt

gleichzeitig das Huphup. Ein Automobil jagt ratternd hinter mir auf,

in Wettfahrt mit dem donnernden Expreßzug zur Rechten; überrascht

schaue ich nach oben; denn auch über mir lärmt es. Ein Luftschiff

ist’s; es schießt in gleicher Richtung um die Wette. Da sind schon alle

drei verschwunden. Wer von ihnen ist zuerst am Ziel? Der Mensch sitzt

still, die Maschine rennt sich außer Atem. Ganze Bevölkerungsmassen

hebt sie so über Ströme und Gebirge dahin, von Ozean zu Ozean. Der

Wandersmann hemmt seinen Schritt, versonnen, an seinen Stecken gelehnt;

auch er beginnt plötzlich zu fliegen, aber nur sein Gedanke ist es,

der fliegt; die Gegenwart versinkt, der Gedanke trägt ihn im Nu in

die fernsten Vergangenheiten. So mich, und den Leser mit mir. Denn

nichts ist reizvoller als das Vergleichen. Dereinst hat die Kultur

der Griechen und Römer ohne alle Kohlenindustrie ihre vielbewunderte

Höhe erklommen, und schon das römische Kaiserreich hat die ganze

damalige gebildete Menschheit und eine Fülle von Nationen zu einer

großen Verkehrseinheit zusammengefaßt. Die antike Heerstraße taucht

vor uns auf, der Falernerwein und sein Versand, die Depeschenboten

des Senats, der Vergnügungsreisende, der es in Rom nicht aushält, der

Apostel Paulus, dessen Wirken ohne angemessene Beförderungsmittel

nicht denkbar war. Wenn Paulus Briefe schrieb, so mußten sie auch

befördert werden; wenn er von Jerusalem nach Korinth und Rom wollte, so

mußte ein Passagierschiff ihn mitnehmen. Hat das antike Verkehrswesen

seinen Aufgaben genügt? und läßt es sich mit dem heutigen annähernd

vergleichen[64]?

[Illustration:

Aus dem Leben der Antike · 第 21 / 59 题