Tafel 2

Bildnis einer jungen Dame.

(Rom, Reale Museo nazionale Romano.)]

Das Altertum liebt in allem die Deutlichkeit. Es kennt kein

Versteckenspielen. Charakteristisch ist folgende Geschichte über die

Neugier der Matronen der alten Zeit. Damals mußten die unerwachsenen

Söhne der Senatoren noch in den Senatssitzungen zuhörend mit

anwesend sein, um zu lernen. Der kleine Papirius wird nun nach einer

Senatssitzung von seiner Mutter ausgefragt: „Was ist da losgewesen?“

Der Knabe zuckt die Achseln: „Die Sache war wichtig und ich soll

schweigen.“ Da wird die Mutter unendlich neugierig und dringt so sehr

in den Jungen, daß er in seiner Not sie belügt. Er sagt, es wurde

darüber beraten, ob es besser sei, wenn ein Mann zwei Frauen hat oder

eine Frau zwei Männer. Nun gerät die Mutter in höchste Aufregung und

bringt die Sache gleich bei allen Matronen herum, und bei der nächsten

Senatssitzung erscheint eine Prozession von Frauen, die da flehen,

man solle durchsetzen, daß eine Frau zwei Männer haben dürfe, nicht

umgekehrt[11]; ein Aufzug, der Suffragettes würdig, die in London das

Parlament zu bestürmen pflegten. Das Gelächter der hohen Herren vom

Senat kann man sich denken. Das Auskultieren der jungen Leute in den

Sitzungen aber wurde seitdem abgeschafft.

[Randnotiz: Ehebruch. Politisches Zusammenhalten. Hetärenwesen.]

Man sieht an dieser Erzählung übrigens, wie die Frauen zusammenhielten,

sich organisierten, sich als eine feste Gruppe im Staate betrachtet

und als solche zur Geltung gebracht haben. Dafür gibt es der Belege

noch mehr. Bringt der gestrenge Cato ein Gesetz gegen den übertriebenen

Luxus der Frauen ein, gleich rotten sich alle Matronen zusammen,

agitieren und bringen es so zu Fall. In der Kaiserzeit ging das so

weit, daß sie geradezu einen Frauensenat bildeten, der also wohl auch

regelmäßig Sitzungen hielt[12].

Bei den Griechen im Osten der damaligen Welt hatte sich das

+Hetärentum+ ausgebildet, d. h. während die griechische Hausfrau an die

Enge der Häuslichkeit gebunden blieb, waren es freigeborene Mädchen,

oft hoher Intelligenz und feinster gesellschaftlicher Bildung, die dem

Verlangen nach freier Liebe genügten, aber zugleich den geistigen und

künstlerischen Interessen der Männerwelt blendend und klug nachgingen.

Sie erhoben sich zu Trägerinnen des Zeitgeistes. Dies berufsmäßige

Mätressenwesen war aus der griechischen Welt natürlich längst auch in

Rom eingedrungen. Aber die stolzen Ehefrauen Roms ließ das nicht ruhen.

Sie waren diesen Personen durchaus gewachsen, und so fällt es uns oft

schwer, wenn wir die römischen Liebesdichter lesen, die angebetete Frau

von der Mätresse zu unterscheiden[13]; ~puella~ ist unterschiedslos ein

Wort für beide. Das ist freilich das Recht der Poesie: im Weib, das

man vergöttert, schwinden alle Unterschiede. Für den aber, der nach

den gesellschaftlichen Verhältnissen fragt, ist diese Tatsache sehr

anmerkenswert. Ist es nicht betrübend, erschreckend, zu sehen, wenn dem

Dichter Properz von einem Freunde zugemutet wird, ihm die Liebe seiner

hochgefeierten Cynthia zu verschaffen, und Properz dies Ansinnen nicht

etwa empört zurückweist, sondern den Freund nur warnt: er werde mit der

Launischen ebenso schmerzliche Erfahrungen haben wie er selber? Die

Polyandrie der Frau galt als selbstverständlich, und die Eheflucht in

der Männerwelt war ihr Komplement und ihre Voraussetzung.

[Randnotiz: Messalina. Schönheitsideal. Frisur.]

Zur Tragödie steigert sich das in den Orgien +Messalinas+, der Gattin

des Kaisers Claudius, deren Herrscherbild auf Münzen stand und die

gar in den Kreis der frommen Vestalinnen aufgenommen war. Sie ist zum

Typus weiblicher Unersättlichkeit geworden. Schließlich wagte sie es,

als Gattin des Kaisers, als Mutter des kaiserlichen Thronfolgers, sich

vor Zeugen und in festlichem Kreise mit dem schönen Silius trauen zu

lassen. Der Kaiser, dieser „Kürbis“, war seit langem abgestumpft; er

wollte auch das nicht bemerken. Die Hofbeamten, freigelassene Sklaven,

waren es, die die scheinbar allmächtige Frau vornehmsten Geblüts aus

dem Taumel schrankenlosen Genusses in den Tod zerrten. Sie wurde in

den lukullischen Gärten von einem Tribun erdrosselt. Was aber war

Messalinas Schuld? Ihre Schuld war nur, daß sie aus der Freiheit der

Sitten der Zeit ohne Scham und Scheu die letzten Folgerungen zog[14].

Einst war Rom in Angst gewesen, daß Kleopatra aus Ägypten siegreich

in Rom einziehen könnte. Kleopatra ging zugrunde, aber ihr blendendes

königliches Laster zog mit fliegenden Fahnen dennoch ein, und es gelang

den Römerinnen bald, die Königin zu überbieten. Denn das Überbieten war

römische Eigenart. Der Römer blieb nie bei seinem Vorbild stehen.

Doch wir haben hier nicht den Sittenrichter zu spielen. Auch läßt

sich vielleicht bei alledem noch nicht einmal behaupten, daß das

Geschlechtsleben jener Zeiten gesetzloser war als etwa das heutige

in Paris, Marseille, Neapel oder Rom. Die heutige Zeit versteht sich

besser auf die Heimlichkeit und das Vertuschen, und das beweist

zunächst nur einen Defekt an Ehrlichkeit.

Werfen wir also lieber auf die +römische Frau+ selbst das Auge: so

gilt in der Tat Schönheit als ihre erste Tugend. Und zwar war Venus

das Ideal der Griechin, Juno dagegen das der Römerin. Junonisch,

hochgewachsen, großäugig, reif, in sich gefestigt, streitbar, dazu

grenzenlos temperamentvoll, so schildern uns die Dichter ihre Schönen.

Der +Putz+ aber ist ihr Hauptaugenmerk, und im Toilettenzimmer werden

viele Stunden verbracht. Die Mütter halten darauf, daß ihre jungen

Töchter als ~virgines~ schmächtig niedrige Schultern haben sowie

durch starke Schnürung schlank erscheinen. Anders die Erwachsenen,

und sie waren Virtuosinnen in der Kleidung. Ich rede dabei nicht vom

Zahnpulver, nicht vom Schminken, Schönheitspflästerchen (~splenia~) und

den künstlich verlängerten Augenbrauen -- denn die zusammengewachsenen

Augenbrauen galten als Schönheit --, auch nicht von den Masken aus

weichem Brot, die dem Teint Zartheit geben sollten; denn von diesen

Hilfsmitteln durften die Männer nichts wissen. Wohl aber ein lobendes

Wort zur +Frisur+: denn die armselige Schablone der modernen Haartracht

kannten damals die Frauen nicht, sondern jede Dame formte sich ihr

Haar individuell, jede verschieden. Ein selbständiger Schönheitssinn

waltete. Das breite Gesicht braucht über der Stirn den Haarknoten

oder ein hohes Toupet, das schmale braucht den flachen Scheitel usf.

Dabei war aber wieder künstliche Nachhilfe beliebt, und wie der dunkle

Italiener noch heute für das deutsche Blond schwärmt, so kauften sich

auch damals die Römerinnen das Blondhaar der Germanen. An Haarnadeln

mit echten Perlen fehlte es nicht. Später wurde der Haaraufbau immer

höher, turmartig, barock, und der Ungeschmack siegte. Wir sehen das

u. a. an den Marmorbüsten der Kaiserinnen; bei manchen läßt sich das

Haar wie eine marmorne Perücke abnehmen; denn die Büste sollte wie

die Kaiserin selbst nach Belieben die Frisur wechseln können. Am

feinsten urteilt Ovid, der nichts reizender findet als eine gewisse

Nachlässigkeit der Frisur; wir sollen meinen, sie stamme noch von

gestern und das Haar wäre nur leicht übergekämmt.

[Randnotiz: Kleiderstoffe. Frauenbildung. Musizieren.]

Und die +Kleidung+? Da ist vor allem dem Wahn zu begegnen, als ob

die antiken Frauen sich in Weiß gekleidet hätten. Man glaubt heute

eine Muse darstellen zu können, wenn man sich ein kalkweißes Bettuch

malerisch umhängt. Für eine Iphigenie ist das annähernd richtig, aber

nur sofern sie Priesterin war. Sonst spielen vielmehr alle Farben im

frohen Wechsel, wofür uns die reizenden bemalten Terrakotten, vor allem

aber die Wandgemälde Pompejis Zeugen sind. Das Kleid, die Tunika, wurde

nur von gewissen Damen fußfrei, von den Hausfrauen dagegen wie ein

Talar lang wallend getragen (~stola~). Unten war eine Falbel aufgesetzt

(~institum~). Dabei waltet Rot und Gelb vor; das Blau tritt zurück;

dann ist Grün beliebt, weil in ihm Gelb enthalten, sowie Violett,

weil es am Rot Anteil hat. Vor allem griff man gern nach schillernden

Stoffen. Nicht grelle, sondern mild gedämpfte, nicht schwere, sondern

flimmernd spielende und gehauchte Farbentöne entzückten das Auge. Dazu

kam dann der Umhang, der gern zwei Farben zeigt, z. B. rot an der

Oberseite, gelblich das Futter; und immer hat das Kleid darunter andere

Farbe als der Umhang. Nimmt man dann endlich noch die bunten Decken

und Kissen hinzu, die bei Geselligkeiten auf den Sesseln liegen, so

müssen wir über diese Farbenfreudigkeit staunen; aber sie ist durch das

feinste Studium geregelt und symphonisch abgewogen. Übrigens wußten die

blassen Damen, daß ihnen Schwarz, die negerhaft dunklen, daß ihnen Weiß

am besten stand[15].

Die altmodischen Wollstoffe wurden allmählich durch feines Leinen

(~byssus~) und Baumwolle (~carbasus~) verdrängt. Dann aber kam die

kostbare chinesische +Seide+ und schlug auch diese aus dem Felde. Die

ebenso dreiste wie unkünstlerische Dekolletierung der Modernen, durch

die Nacken und Büste unorganisch in der Mitte quer durchschnitten

wird, kannte das ganze Altertum nicht, aber es entschädigte sich

anderweitig. Netzartig durchscheinende Seidenstoffe wurden auf der

Insel Kos gewebt, und in diesen koischen Gewändern in der Farbe des

Porphyr bewegten sich wie in einer transparenten Wolke die Schönen

der ersten Kaiserzeit. Die Seide war damals übrigens meist Halbseide.

Kostbarer noch das goldgestickte Schleppkleid (~cyclas~), das, rings

mit Akanthus bestickt, anscheinend wie eine Glocke stand und jedenfalls

so schwer war, daß es beim Gehen Streifen im Sande zog. Die Damen des

Hofes wie der Halbwelt trugen es. Und so trat also auch die +Cynthia

des Properz+ aus ihren Gemächern hervor in den Kreis ihrer Bewunderer,

von exotischen Parfüms umwogt, in der Halskette schimmernde Edelsteine,

zum Glück ohne Handschuhe, aber die Füße in feinen roten Lederschuhen,

in denen ihr Gang sich lässig und weich bewegte.

Was ist +Frauenbildung+? Sie besteht nicht im Bücherlesen; sie besteht

schon im Anstand allein, in der Kunst, sich selbst darzustellen, durch

die heute eine schlichte Italienerin alter Rasse so manche deutsche

Studentin schlägt. Diese Italienerin ist eben die Erbin antiker Kultur,

und die Kultur ist in ihr Natur geworden. Wir hören, daß der Jüngling,

der seiner Dame gefallen will, sein Haar mit Hilfe duftender Salben

frisiert und vor allem sich eine sanfte und wie zögernde Gangart

anerziehen muß. Man tritt eben nicht wie ein Briefträger in das

Wohnzimmer. So gab es nun auch Vorschriften für die Frauen. Die Mädchen

lernten es, schön zu lachen, sie lernten es, schön zu weinen. Keine

Verzerrung der Züge, auch bei der heftigsten Aufwallung! Des Properz’

Geliebte ist „auch im Rasen noch schön“. Lange Nägel sind gefährlich;

daher ist es Vorschrift, sie kurz zu schneiden. Und nur die schmale

Hand ist schön. Hast du rundlich fleischige Finger, so gestikuliere

nicht. Man zeige stets nur das Vorteilhafte.

Dem Properz aber schien alle äußere Eleganz an seiner Cynthia nur Tand

und Flitter. Er weiß anderes an ihr zu rühmen. Zwar mit Handstickerei

beschäftigte sie sich nicht; denn die wundervollen Stickereien

des Altertums auf Teppichen und auf Gewändern in Kreuzstich oder

Plattstich waren fast ganz oder ganz ausschließlich Sache der Männer;

die Berufssticker hießen ~phrygiones~. Nur spinnend und webend weilt

Cynthia unter ihren Mägden und klagt ihnen dabei offenherzig ihr

Liebesleid. Dann aber greift sie einsam zur Leyer und spielt und singt.

Sie musiziert künstlerisch.

Das war damals (40-20 v. Chr.) etwas Ungeheures. Denn nur die Griechen

waren die Musikanten des Altertums. Kein Römer singt öffentlich.

Keiner der römischen Dichter, und selbst nicht Horaz, hat, soviel

wir wissen, Musik zu schreiben verstanden. In Cynthia steht also die

fortschrittliche Frauenbildung der Zeit vor uns. Die Römerin hat sich

nunmehr der Griechin ganz gleichgestellt. Der Gesanglehrer sang vor und

unterrichtete dabei mehrere Damen zugleich, die auf Lehnsesseln um ihn

herumsaßen[16]. Später war es Kaiser Nero, der als Dichter, Sänger und

Kutscher sich produzierte. Für den echten Römer war das ein Grauen,

eine moralische Unmöglichkeit.

[Randnotiz: Tanz. Verhältnis zur Dichtkunst. „~Domina~“.]

Aber Cynthia +tanzt+ auch, und auch das war wieder etwas Neues. Horaz

meldet mit Entsetzen, daß damals die Römerinnen Tanzstunden nahmen,

und zwar im regelmäßigen Walzertakt (~Ionicus~). Properz hingegen

bewundert es. So platzen die Ansichten aufeinander. Der Tanz des

Altertums war eben kein Rundtanz, den wir heute auch im Halbschlaf

tanzen. Er war Solotanz! er war ein Wagnis. Beim Gelage erhebt sich

Cynthia und gibt vor den berauschten Blicken der Männer ein Schauspiel

im bacchischen Stil, wie eine im Wirbel bewegte Mänadenstatue oder wie

jene schwebenden Frauen Pompejis, die selbst noch als verblaßte Gemälde

eine Wonne für unser Auge sind. Natürlich geschah derartiges nur im

geschlossenen Raum, nur im Privatkreise.

Aber noch mehr. Cynthia +dichtet+: sie war Dichterin! und es gab noch

mehr dichtende Frauen. Einige Versschnitzel weiblicher Herkunft sind

uns sogar erhalten. Aber wir legen keinen besonderen Wert darauf.

Denn wie sehr auch Properz, um den Horaz zu ärgern, die lyrischen

Strophen rühmt, die Cynthia dichtete, sie sind doch vor den Oden des

Horaz sofort verblaßt. Jedenfalls aber wird damit bewiesen, daß das

Unternehmen des letzteren nicht ganz originell war[17]. Das Wichtigste

aber ist, daß wir sehen, wie sehr sich allmählich der Interessenkreis

jener Frauenwelt erweitert hat. Der Antonia schickt Krinagoras die

Werke des Anakreon. Auch der Octavia, der Schwester des Augustus,

wurden Bücher gewidmet, und sie war sogar die Gründerin einer großen

öffentlichen Bibliothek. Auch auf Bildern sehen wir jetzt häufiger

einsame Frauen als Leserinnen mit dem Buch. Ovid schreibt vor, daß,

wer um das Herz der Mädchen wirbt, sich hübsch in Versen an sie wenden

soll. Derselbe zählt uns die Liebesdichter auf, die die Mädchen

besonders gern lasen. Für Properz aber ist es die Geliebte einzig und

allein, deren „reines Ohr“ und heller Sinn über den Wert und Unwert

seiner Poesie zu entscheiden hat.

Was wollen wir mehr? Wir fragen nicht, wie weit das Leben der

großzügigen Frauen jener Zeiten gesetzlos war. Sie gehorchten

ihrer Zeit. Aber sie haben viel getan. Denn an ihnen hat sich die

grandioseste +Liebespoesie+ entzündet, die die Weltliteratur kennt. Ich

rede vor allem von Properz und Catull, jenen ungestümen Troubadouren,

die da jede Zeile mit ihrem Herzblut schreiben, als rängen sie im

Aufschrei und Sehnsuchtsruf um Leben und Tod. Die +Frauen+ waren das

Genie dieser Dichter; so wird uns gesagt. Mehr als das: die Frauen

waren für sie auch das richtende, maßgebende Publikum. Was wäre der

Troubadour ohne die Königin seiner Seele, die da den Preis der Liebe

gibt, die also urteilt, die also an Intelligenz über ihrem Verehrer

steht? Und die Minnedichtung des Mittelalters, die eigentliche Poesie

der Troubadoure selbst, hat sich eben, wie wir wissen, an jene

Augusteische Liebeselegie, von der ich rede, angelehnt und ist von ihr

eine Fortsetzung und Weiterbildung gewesen[18]. Die Zeit des Augustus

war monarchisch geworden, und ein einziger Herr, ein ~dominus~,

herrschte über die Welt. So kam eben damals der Sprachgebrauch +zuerst+

auf, nun auch die Geliebte ~domina~, Herrin, zu nennen. Daher die

Donna, die Madonna der späteren Zeit. „Wie bist du meine Königin,“ so

singt auch noch Brahms! Eine schwärmerische Huldigung des unterjochten

Ichs! Die Frau rückt auf. Sie wird zur erklärten Herrscherin in der

Welt des Dichters.

[Randnotiz: Gelehrte Frauen. Juvenal. Grabschriften.]

Eins aber fehlt damals noch fast ganz, die +gelehrte+ Frau. Denn jene

Frauen, so kunstgebildet sie waren, sie liebten den Aberglauben, und

sie brauchten also das Wissen nicht. Eine Ausnahme macht hierzu, wenn

ich mich nicht täusche, nur die fünfte Frau des Pompejus (sie hatte

den Namen Cornelia, der uns so häufig begegnet); diese junge Frau, die

geradezu den Typus der Studentin trägt, spielt in der Kulturgeschichte

Roms eine bemerkenswerte Rolle, denn sie ist als diejenige Römerin zu

merken, die tatsächlich zuerst fleißig Musik getrieben hat; aber sie

war obendarein auch hochgelehrt, hörte bei griechischen Philosophen

und trieb vor allem sogar Mathematik; das war mißliebig und in des

Pompejus Bekanntenkreis nicht gerne gesehen. Dann taucht erst 150 Jahre

später die gelehrte Frau von neuem bei Juvenal auf; und zwar stellt sie

Juvenal mit der turnenden und fechtenden Frau zusammen. Vielleicht hat

er damit so unrecht nicht. Nach Seneca ging die Emanzipation so weit,

daß die Frauen auch mit um die Wette trinken; dann verlieren sie die

Haare und bekommen Podagra[19]!

Der hämische Frauenspiegel, den Juvenal geschrieben, wirkt auf uns

erschreckend, ein grausig verzerrtes Spiegelbild. Sein Weiberhaß hat

alle naive Grazie des Lebens erdrosselt. Er argumentiert z. B. so: Die

Rachsucht ist verwerflich, warum? weil alle Frauen rachsüchtig sind.

Erhänge dich lieber, als daß du heiratest, ist daher sein Rat. Mit

ihrem ~hoc volo, sic iubeo~ knebelt die Frau den Mann. Wie soll man

noch eine erträgliche Person finden? Sie ist ein so seltener Vogel

(~rara avis~). So wie Juvenal[20] denkt aber auch Publilius Syrus, der

von der Bühne herunter ins Publikum ruft: „Ein Weib ist nur dann gut,

wenn sie offen schlecht ist!“

So ist zu meinem Bedauern das laute Schelten wieder an unser Ohr

gedrungen, das Schelten der griesgrämigen Moralisten und der nüchternen

Sozialpolitiker, die sich in ihrem Tadel einig sind. Es erweckt

schließlich unseren Überdruß. Haben wir nach anderen Tönen Verlangen

und wollen die Frauen auch einmal inbrünstig loben hören, so müssen

wir ihre Grabsteine aufsuchen. Denn die Vergangenheit ist wie ein

Friedhof, und abertausende von solchen Steinen sind uns aus dem

Altertum erhalten. Der trauernde Witwer ist es, der in der verstorbenen

Gattin allerdings eitel Tugend sieht; das sagen uns die Inschriften

auf den Steinen. Nach ihrem Tod erschallt ihr Lob. Daß sie treu, daß

sie häuslich und fleißig war, das ist da allemal ihre Tugend[21].

Daß sie treu? Wir lesen es gern, aber wir wundern uns doch. Denn

welcher deutsche Mann würde es heute seiner Frau wohl über dem Grab

ausdrücklich nachrühmen mögen, daß sie die Ehe nicht gebrochen habe[22]?

Dann aber wenden wir uns zu Plinius, dem Zeitgenossen des Trajan und

der Plotina, der kaiserlichen Philosophin. Wie viel liebenswürdiger als

Juvenal urteilte damals Plinius, der uns in seinen Briefen so manches

Stadtgeschwätz mitteilt! Rufin, erzählt er, ist so alt und dekrepid,

daß er sich die Zähne von anderen putzen lassen muß; trotzdem hat

eine junge, vornehme Witwe ihn geheiratet; man hat das beiden schwer

verdacht; aber die junge Frau pflegt den Mann nun auf das rührendste,

und er belohnt sie eben jetzt durch ein reiches Vermächtnis.

[Randnotiz: Frauengestalten der Kaiserzeit. Cornelia bei Properz.]

Die Ehre der Wittib schien damit hergestellt. Dem sei wie ihm sei, wir

wissen aus eben jener Zeit von edlen Frauen genug, die einer solchen

Nachsicht nicht bedurften, auch solchen, die mit ihren Männern wie

Heroinen in der Verfolgung litten und starben. Berühmt ist die ältere

Arria, berühmt das „~Paete, non dolet~“[23] in ihrem Munde. Vor allem

an Willenskraft und Haltung hat es auch noch jenen Römerfrauen nicht

gefehlt.

Ich fuhr über den Comer See, berichtet derselbe Plinius. Da wies mich

ein älterer Reisegenosse auf eine Villa am Ufer hin. Ein Zimmer des

Hauses ragte weit über den See. „Dort hat sich vor Zeiten,“ erzählte

er mir, „eine unserer Mitbürgerinnen herabgestürzt.“ Warum? „Ihr Gatte

war krank, mit Schwären behaftet; ärztliche Hilfe fehlte; sein Leiden

schien schmerzhaft und unheilbar. Da beschloß sie ihn vor weiteren

Qualen zu bewahren, band ihn an ihren eigenen Körper fest und stürzte

sich von oben mit ihm in die Flut.“ -- Wir zucken zusammen. Die Energie

einer Barbarin! Plinius indes fragt nur: Ist dieses Weibes Opfermut

etwa geringer als der Opfermut Arrias? Aber der Ruhm wird ungleich

verteilt im Leben; denn die eine Frau war von Adel, die andere war

namenlos.

In Rom ist eine Vestalin erkrankt und wird aus dem ~Atrium Vestae~,

dem Vestalinnenkloster auf dem Forum, entlassen und zur Pflege der

vornehmen Fannia übergeben. Fannia war die Enkelin eben jener Arria,

von der ich sprach. Die Krankheit war aber ansteckend; Fannia wird von

ihr ergriffen und verfällt rasch dem Tode. An ihrem Sterbelager rühmt

sie der nämliche Plinius: Welcher Verlust für unsere Gesellschaft,

daß sie dahingeht! Zweimal hatte sie schon mit ihrem Gatten das Exil

geteilt; da erscheint aus der Feder ihres Mannes ein Werk, das den

Helvidius, den Vater Fannias, verherrlichte. Dieser Helvidius war ein

Vorkämpfer der Sittlichkeitsbestrebungen jener Zeit und der großen

stoischen Gemeinde Roms, war ein Widersacher erst Neros, dann auch

Vespasians gewesen. Fannia selbst aber wird darauf vor Gericht gezogen

und nimmt alle Schuld auf sich allein: +sie+ hat den Gatten das Werk

zu schreiben veranlaßt; +sie+ hat ihm dazu das Material gegeben. Sie

allein wird verbannt, ihr Vermögen kassiert.

Eine vornehme Vestalin wird unter Domitian verdächtigt, in

Liebesverkehr mit etlichen Männern gestanden zu haben. Sie leugnet.

Das Publikum glaubt an ihre Schuld. Der Kaiser selbst entzieht ihr

jede Gelegenheit, sich zu verteidigen, greift kurzerhand auf die alten

Satzungen Roms zurück und läßt die für schuldig gehaltenen Männer

öffentlich zu Tode peitschen, die Vestalin selbst lebendig begraben;

eine Tragödie im Stil der Antigone. Mit der stolzen Miene verkannter

Unschuld ging die Frau in den Tod. Als sie in die offene Grube

hinabstieg und ihre lange Schleppe am Grabesrand hängen blieb, wandte

sie sich noch einmal um und nahm das Kleid sorglich zusammen. Der

gemeine Henkersknecht wollte sie anfassen; da schnellte sie zurück und

kehrte sich ab, als könnte seine Berührung ihre gottgeweihte Reinheit

entehren. Alle Zeugen des Auftritts waren ergriffen. Wer konnte noch an

ein „schuldig“ glauben? Das Publikum hatte den Eindruck des Erhabenen.

Wir aber wollen zum Schluß die Gedanken einer Kernrömerin aus

friedlicheren Zeiten vernehmen. Es ist +Cornelia+, nicht die Frau des

Pompejus, nicht die Mutter der Gracchen, sondern eine jung gestorbene

Frau der augusteischen Zeit gleichen Namens, und es sind Gedanken, die

diese Frau auf ihrem Sterbebette hegt. Da hören wir, wie sie stolz ist

auf die Vornehmheit ihres Blutes, stolz auf das Ansehen ihres Bruders,

stolz auf ihren eigenen, fleckenlosen Namen. Gleichwohl wendet sie sich

voll Zartsinn an den Gatten Paulus: „Du sollst nun auch, da ich zu den

Toten zähle, Mutterstelle bei unseren Söhnen und Töchtern vertreten und

sie zärtlich auf den Arm nehmen. Küssest du sie, so füge auch jeden

Morgen die Küsse der Mutter hinzu. Härmst du dich um mich, so laß doch

die Kleinen deine Tränen nicht sehen. Die Nacht magst du mit Trauer um

mich ermüden, und ich will kommen und will im Traum bei dir sein. Ihr

aber, meine Kinder, sollt, wenn der Vater sich neu vermählt und eine

Stiefmutter mein Lager besteigt, es ertragen, sollt es loben, was der

Vater tut, und euch so verhalten, daß ihr das Herz der Stiefmutter

besiegt. Lobt mich vor ihr nicht zu offen; es könnte sie kränken, wenn

sie sich mit mir vergleicht. Bleibt aber der Vater ehelos und hängt nur

mir an, auch wenn ich Asche bin, so bemüht euch, dem Verwitweten sein

kommendes Alter zu lindern, und laßt ihn keine Sorgfalt vermissen. So

viele Lebensjahre mir geraubt sind, um so viel länger möget ihr unter

der Sonne wandeln, und wenn er auf +euch+ blickt, soll Paulus Freude

daran haben, alt zu werden!“

Wie natürlich, wie kernhaft, wie schlicht diese Frauenworte! Mit

solchen Gedanken sterben edle Frauen und werden sterben zu allen

Zeiten. In der „Königin seiner Elegien“ hat Properz diese Worte

zusammengestellt.

Antike Gastmähler.

Motto: ~Ingeniosa gula est~ (~Martial~ 13, 62).

Indem ich von Gastmählern zu handeln beginne, muß ich befürchten, die

Erwartungen des Lesers auf das schwerste zu enttäuschen. Wer sich

zu Roms Blütezeit, wer sich zu den sogenannten klassischen Völkern

zurückwendet, pflegt dies aus idealistischem Bedürfnis zu tun; die

Kunst der Alten ist in ihrer Vollkommenheit wie keine andere geeignet,

uns zu läutern und zu erbauen, die Wissenschaft und Philosophie der

Alten in ihrer naiven Klarheit wie keine andere, uns auf dem Wege zur

Wahrheit zurechtzuweisen. Hier soll nun gleichwohl die Wahrheit auf

sich beruhen bleiben und unser Kunstsinn soll darben. Wir greifen ins

Alltägliche und fragen: Was haben jene klassischen Alten zu Mittag

gegessen? und wie haben sie es getan? Das menschliche Leben ist wie

ein Haus mit mehreren Stockwerken. Im Erdgeschoß wohnt die Moral; eine

Treppe darüber die Wissenschaft; im obersten Stock, dem Himmel am

nächsten, wohnt die Kunst; wir begeben uns heut ins Kellergeschoß, wo

der Materialismus seine Küche und seine Weinschränke hat.

[Randnotiz: Ästhetische und volkswirtschaftliche Gesichtspunkte.]

Eine Betrachtung über die Mahlzeiten der Alten ließe sich freilich

sowohl in ästhetischer wie in wirtschaftlicher Hinsicht ausbeuten

und vertiefen. Ästhetisch: denn wie wir schon aus unserem Schiller

wissen, nicht nur Poesie, Plastik, Musik und der Tanz fallen unter den

Begriff +Kunst+, sondern auch die Formen des Verkehrs selbst und der

menschlichen Geselligkeit; ein Gastmahl gehört aber zur Geselligkeit

und beansprucht und hat in jedem Falle schönheitliche Wirkung. Somit

würde sich fragen lassen, inwiefern in dieser Beziehung die Alten

hinter uns zurückstanden und inwiefern wir doch auch andererseits von

ihnen lernen und unseren Kanon des Schönen erweitern könnten.

Aber auch in das Licht eines größeren wissenschaftlichen Interesses

ließen sich die mehr oder minder merkwürdigen Einzelheiten rücken,

die wir zusammenstellen wollen: in das Licht nationalökonomischer

Betrachtung. Von der Art, wie sich der Einzelmensch und wie sich

ein Volk ernährt, ist seine Gesundheit abhängig, zunächst seine

körperliche, dann aber auch seine geistige Gesundheit. Freilich paradox

übertrieben und darum grundfalsch wäre es zu sagen, daß, wer nicht gut

+lebt+, darum auch nicht +gut+ lebt[24]! Jedenfalls aber muß ein Volk,

das nicht Wert auf seine Speisen und auf eine gewisse Mannigfaltigkeit

in der Ernährung legt, notwendig auch in seiner sonstigen Kultur auf

niederer Stufe stehen. Die Früchte der geistigen Kultur brauchen, um

zu gedeihen, einen materiell gut genährten Boden. Der Luxus kann so

heilsam wirken wie der Wohlstand, der seine Ursache ist.

[Randnotiz: Beginn des Luxus. Übertreibende Schilderungen.]

Wilhelm Roscher unterschied dereinst einleuchtend und mit Grund zwei

Arten des Luxus, die sich zeitlich ablösen: den Luxus der roheren

Zeiten, wie des Mittelalters, wo es zwar Prunk einzelner Großen,

aber noch keine Gepflegtheit des Lebens gibt, welche größeren Teilen

des Volkes gemeinsam wäre, und den Luxus entwickelter Kulturepochen,

in denen jener Prunk zurücktritt und die Wohlgepflegtheit das

Leben der Nation wirklich behaglich erfüllt. Derartig entwickelte

Epochen sind einerseits unsere Gegenwart, etwa vom Zeitalter

Ludwigs XIV. ab gerechnet[25], andererseits die römische Kaiserzeit.

Die Aufgabe liegt nahe, beide Perioden aus volkswirtschaftlichen

Gesichtspunkten zu vergleichen, die ähnlichen Erscheinungen auf

ähnliche Ursachen zurückzuführen, hier und dort das Verhältnis des

Luxus zum Nationalwohlstand nachzuweisen und danach die Frage nach der

Dienlichkeit des Luxus, insbesondere des Tafelluxus zu erörtern.

An keine der beiden angedeuteten Aufgaben können wir indes hier

herantreten. Denn es erfordert schon Zeit genug, von den Tatsachen

selbst Kenntnis zu nehmen, auf die ich mich darum vorsätzlich

beschränke. Die Vergleichungsresultate für das Einzelne wie für das

Ganze werden sich dabei manchem stillschweigend von selbst ergeben.

Sollte aber der ernste Ton, der mir Pflicht ist, im Verfolg hie und

da in das Heitere umschlagen, so wolle man gelinde sein und Nachsicht

üben: über gewisse Dinge kann eben auch der Ernsthafte nur mit Lächeln

reden.

Die Periode des größten Luxus in Rom war die Zeit von Augustus bis

zu Neros Tod, wie Tacitus ausdrücklich sagt. Hernach, seit Vespasian

und Trajan, erfuhr er, so scheint es, erhebliche Einschränkung. Schon

Cicero aß gut, und die Zeit des strammen Altrömertums, wo man sich

bäurisch mit Bohnen, Rüben und steifem Gerstenbrei den Bauch füllte

und alle Leute nach Knoblauch und Zwiebeln aus dem Munde rochen,

war damals längst vorüber. Was billig ist, schmeckt nicht: dieser

Grundsatz der Protzen kam schon in den letzten Jahren der Republik in

Aufnahme, und der Staat sah sich damals veranlaßt, wiederholt Gesetze

wider den Tafelluxus zu erlassen. Aber erst seit Caesar und +Lucull+

beginnt dieser Luxus wirklich zu herrschen; damals beginnt die Einfuhr

außeritalienischer Viktualien nach Italien und Rom im großen Stil. Wir

beschränken uns im folgenden vorzüglich auf die Zeit von Caesar bis

etwa Domitian.

Die Alten sind selbst schuld, daß wir uns um ihre Ernährung bekümmern.

Warum reden sie so viel davon? Wenn ich die Quellen angeben wollte,

aus denen die folgende Darstellung gewonnen ist, würde ich die meisten

zeitgenössischen Autornamen zu nennen haben. Diese Schriftsteller

zerfallen in zwei Klassen: die einen, wie z. B. Plinius, sind Stoiker

von Gesinnung und berichten über alles nur mit bedeutendem Stirnrunzeln

und in unverständig asketischer Tendenz; die anderen, geringer an

Zahl, tragen den Epikur, der in ihnen steckt, ehrlich zur Schau.

Epikur selbst war freilich nicht schuld, daß sich diese Feinschmecker

der römischen Kaiserzeit gerade nach +ihm+ benannten. Ihm war alle

Übertreibung ein Laster, und auch seine Gegner bezeugen, daß dieser

griechische Lebenskünstler von Wasser und Brot lebte und bestenfalls

dazu etwas Käse nahm (griechischen Inselkäse von Kythnos).

Am ausführlichsten ist +Petronius+, der uns das Gastmahl des Trimalchio

mit unvergleichlicher Komik geschildert hat. Allein wir können leider

nur gelegentlich von ihm Gebrauch machen; denn die Absicht des

Erzählers ist dabei lediglich, durch abenteuerliche Übertreibungen

die Wirklichkeit zu überbieten; sein Held Trimalchio ist Libertin,

Emporkömmling und Geldprotze, der noch gestern nichts war, der einen

Lumpenhändler Echion, einen Steinmetz Habinnas und ähnliche dunkle

Existenzen zu Gästen hat und sich von ihnen in albernster Weise

huldigen läßt. Dabei sagt er ihnen ins Gesicht: „Gestern gab ich

geringeren Wein und hatte doch viel bessere Leute zu Tisch, als ihr

seid,“ und alles geht dabei möglichst verrückt und möglichst unfein zu.

Ebensowenig aber wie dieser Trimalchio dürfen auch gewisse andere

Nachrichten, die man in früheren Zeiten besonders gern heranzog, über

wüsten Luxus und Tollheiten einzelner, insbesondere einiger römischer

Kaiser, für unsere Auffassung maßgebend sein. Im Ruf eines Vielfraßes

stand so der Kaiser +Vitellius+; er nahm vier Mahlzeiten am Tag; sein

Bruder gab ihm einen Ehrenschmaus, wobei 2000 Stück Fische, von den

besten Sorten, und 7000 Stück Vögel die Tische belasteten. Vitellius

ist in der Vertilgungskunst nur von dem halbbarbarischen König

Mithridat übertroffen worden. Derselbe Vitellius stellte einmal ein

Gericht zusammen, das in Rom lange unvergessen blieb, bestehend aus

Leber von Makrelen, Pfauenhirn, Flamingozungen und ähnlichem. Caligula

opferte täglich entweder Flamingos oder Trappen und Pfauen; das Beste

von seinem Opfer verzehrte natürlich der Opfernde selbst. Elagabal aß

Straußenhirne. Aesop, der große tragische Schauspieler, trank einmal

eine köstliche Perle, im Wein aufgelöst, die Metella im Ohr getragen;

derselbe ließ 6000 Singvögel, insbesondere Nachtigallen, auf einmal

braten; das kostete ihn an die 20000 Mark. Solche Verrücktheiten

und Barbareien bezeugen gerade dadurch, daß sie uns mit Entsetzen

berichtet werden, daß sie vollkommen aus der +Gewohnheit+ der damaligen

Zeit herausfielen.

Noch sei hier aber an etwas Wertvolleres erinnert. Die Vorfahren

von Davidis’ Kochbuch reichen weit ins Altertum zurück; das älteste

Kochbuch war wohl das des Simos[26] um das Jahr 400 v. Chr. (natürlich

in Versen). Diese ersten Lehrschriften betrafen zunächst die

Zubereitung der Fische. Ein Epos derart fing mit der Zeile an, die

den Anfang der Odyssee parodiert: Δεῖπνα μοι ἔννεπε, Μοῦσα, πολύτροφα

καὶ μάλα πολλά. Leider ist dieser Vers in seiner parodischen Feinheit

unübersetzbar[27]. Diese tiefsinnige Literatur wurde hernach immer

häufiger, und unter des großen Schlemmers +Apicius+ Namen liegt uns nun

ein solches Kochbuch noch wirklich vor. Ein ähnliches Buch schrieb der

Römer +Matius+. Ja, auch Frauen haben sich an dieser gastronomischen

Schriftstellerei beteiligt; eine Charlotte Birchpfeiffer kann sich für

ihre Taten auf Sappho berufen, eine Davidis auf jene Gnathaina, die

gewiß nicht ohne Humor eine „Gesetzgebung für Gesellschaftsessen“,

einen ~Nómos syssitikós~ verfaßt hatte, wovon man auf der

großen alexandrinischen Bibliothek ein Exemplar wirklich

aufbewahrte.

[Illustration:

Aus dem Leben der Antike · 第 20 / 59 题