eines Sprechers, und das Ergebniß dieser Wahl deutete schon unverkennbar
ihre Ansicht über die großen Fragen an, die sie entscheiden sollten. Bis
zum Vorabend der Versammlung hatte man geglaubt, daß Seymour zum
Präsidenten gewählt werden würde. Er hatte dieses Amt früher mehrere
Jahre bekleidet und hatte mehrfache gewichtige Ansprüche auf Beachtung:
Herkunft, Vermögen, Kenntnisse, Erfahrung und Beredtsamkeit. Er hatte
ferner lange an der Spitze eines einflußreichen Vereins von Mitgliedern
aus den westlichen Grafschaften gestanden. Obgleich ein Tory, hatte er
doch im letzten Parlament die Opposition gegen Papismus und
Willkürherrschaft mit ausgezeichnetem Geschick und Muth geleitet. Er war
einer der ersten Edelleute gewesen, der sich ins holländische
Hauptquartier nach Exeter begeben, und war der Urheber der Verbindung,
durch welche die Anhänger des Prinzen sich gegenseitig verpflichtet
hatten, zusammen zu siegen oder zu fallen. Aber einige Stunden vor dem
Zusammentritt der Häuser hatte sich das Gerücht verbreitet, Seymour sei
gegen die Erklärung, daß der Thron erledigt sei. Sobald sich daher die
Bänke gefüllt hatten, erhob sich der Earl von Wiltshire, welcher
Hampshire vertrat, und schlug Powle zum Sprecher vor. Sir Vere Fane,
Vertreter von Kent, unterstützte den Antrag. Es hätte allerdings ein
plausibler Einwurf dagegen erhoben werden können, denn es war bekannt,
daß eine Petition gegen Powle's Wahl zum Präsidenten dem Parlament
vorgelegt werden sollte; aber die allgemeine Stimme des Hauses berief
ihn auf den Präsidentenstuhl, und die Tories hielten es für gerathen,
sich damit einverstanden zu erklären.[68] Das Scepter wurde auf den
Tisch gelegt, die Liste der Mitglieder verlesen und die Namen der
fehlenden vorgemerkt.
Inzwischen hatten sich auch die Peers in einer Anzahl von etwa hundert
versammelt, hatten Halifax zum Sprecher gewählt und mehreren
ausgezeichneten Juristen diejenigen Functionen übertragen, welche in
ordentlichen Parlamenten den Richtern zukommen. Die beiden Häuser
setzten sich im Laufe des Tages häufig mit einander in Vernehmen. Sie
vereinigten sich zu dem Ersuchen, daß der Prinz die Zügel der Regierung
in der Hand behalten möchte, bis er Weiteres von ihnen hören würde, zum
Ausdrucke ihres Dankes für die Befreiung der Nation, die er mit Gottes
Hülfe bewerkstelligt, und zu der Bestimmung, daß der 31. Januar als
Dankfest für diese Befreiung gefeiert werden solle.[69]
Bis dahin hatte sich keine Meinungsverschiedenheit gezeigt; aber beide
Parteien rüsteten sich zum Kampfe. Die Tories waren im Oberhause stark,
im Unterhause schwach vertreten, und sie wußten, daß bei einer solchen
Gelegenheit dasjenige Haus, welches zuerst zu einem Entschlusse kam,
einen großen Vortheil über das andre haben mußte. Es war nicht die
geringste Aussicht vorhanden, daß die Gemeinen einen Beschluß zu Gunsten
des Regentschaftsplanes der Lords vorlegen würden, wenn aber ein solcher
Beschluß von den Lords den Gemeinen vorgelegt wurde, so war es nicht
ganz unmöglich, daß selbst viele von den whiggistischen Volksvertretern
geneigt sein würden, sich lieber damit einverstanden zu erklären, als
die große Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen, in einer Krisis, welche
Einmüthigkeit und rasches Handeln erforderte, Uneinigkeit und
Verzögerung verursacht zu haben. Die Gemeinen hatten beschlossen, am
Montag den 28. Januar die Lage der Nation in Erwägung zu ziehen. Daher
schlugen die toryistischen Lords am Freitag, den 25. vor, sofort an das
wichtige Geschäft zu gehen, um derentwillen sie sich versammelt hatten.
Ihre Beweggründe wurden jedoch von Halifax, der seit seiner Rückkehr von
Hungerford erkannt hatte, daß die Regierung nur nach whiggistischen
Prinzipien eingerichtet werden konnte und der sich daher für den
Augenblick eng an die Whigs angeschlossen hatte, klar durchschaut und
ihre Taktik vereitelt. Devonshire trug darauf an, daß Dienstag, der
neunundzwanzigste, der Tag sein solle. »Bis dahin,« sagte er mit mehr
Wahrheit als Überlegung, »können wir einige Aufklärungen von unten
erhalten, die uns zur Richtschnur dienen können.« Sein Antrag ging
durch, seine Sprache aber wurde von einigen seiner Mitpeers als ihres
Standes unwürdig streng getadelt.[70]
[Anmerkung 68: Citters, 22. Jan. (1. Febr.) 1689; +Grey's
Debates+.]
[Anmerkung 69: +Lords' and Commons' Journals, Jan. 22. 1688+;
Citters und Clarendon's Tagebuch von demselben Datum.]
[Anmerkung 70: +Lords' Journals, Jan. 25. 1688/89; Clarendon's
Diary, Jan. 23, 25.+]
[_Debatte über die Lage der Nation._] Am 28. erklärten sich die Gemeinen
zu einem Comité des ganzen Hauses. Ein Mitglied, das vor mehr als
dreißig Jahren einer von Cromwell's Lords gewesen war, Richard Hampden,
Sohn des berühmten Führers der Rundköpfe und Vater des Unglücklichen,
der nur durch große Bestechungen und erniedrigende Demüthigungen mit
genauer Noth der Rache Jakob's entgangen war, wurde zum Präsidenten
gewählt und die große Debatte begann.
Es zeigte sich sehr bald, daß eine überwiegende Majorität Jakob nicht
mehr als König betrachtete. Gilbert Dolben, der Sohn des verstorbenen
Erzbischofs von York, war der Erste, der sich zu dieser Ansicht
bekannte, und er wurde darin von vielen Mitgliedern unterstützt,
besonders von dem kühnen und heftigen Wharton, von Sawyer, dessen
beharrliches Opponiren gegen das Dispensationsrecht seine früheren
Vergehen einigermaßen wieder gut gemacht hatte, von Maynard, dessen
Stimme, obgleich vom Alter so geschwächt, daß sie auf den entfernteren
Bänken nicht vernommen werden konnte, doch noch immer die Achtung aller
Parteien genoß und von Somers, dessen glänzende Beredtsamkeit und
vielseitige Kenntnisse sich zum ersten Male in den Räumen des Parlaments
entfalteten. Auch die schamlose Stirn und die geläufige Zunge Sir
Wilhelm Williams' waren auf derselben Seite zu finden. Er war schon
stark betheiligt bei den Excessen der schlechtesten Opposition und der
schlechtesten Regierung. Er hatte unschuldige Papisten und unschuldige
Protestanten verfolgt, er war der Beschützer Oates' und das Werkzeug
Petre's gewesen, sein Name war mit aufrührerischen Gewaltthätigkeiten,
deren sich alle ehrenwerthen Whigs mit Bedauern und Beschämung
erinnerten, und mit Handlungen des Despotismus verknüpft, welche alle
ehrenwerthen Tories verabscheuten. Wie ein Mensch unter der Last solcher
Schande noch leben kann, ist schwer zu begreifen; aber selbst eine
solche Schande war für Williams noch nicht genug. Er schämte sich nicht,
den gefallenen Gebieter anzugreifen, dem er sich zu Dienstleistungen,
die kein rechtschaffener Mann irgend eines Justizcollegiums übernommen
haben würde, vermiethet, und von dem er erst vor einem halben Jahre als
Belohnung für seine Servilität eine Baronetschaft angenommen hatte.
Nur drei Mitglieder wagten es, sich der offenbar allgemeinen Ansicht der
Versammlung zu widersetzen. Sir Christoph Musgrave, ein Torygentleman
von großem Ansehen und Talent äußerte einige Zweifel. Heneage Finch ließ
ebenfalls einige Äußerungen fallen, welche so verstanden wurden, als ob
er die Eröffnung von Unterhandlungen mit dem Könige wünschte. Diese
Andeutung wurde so übel aufgenommen, daß er sich beeilte, sie weg zu
erklären. Er versicherte, daß er falsch verstanden worden sei. Er sei
überzeugt, daß unter einem solchen Fürsten keine Sicherheit für
Religion, Freiheit und Eigenthum denkbar sei. König Jakob zurückzurufen
oder mit ihm zu unterhandeln, würde ein verderblicher Schritt sein; aber
Viele, welche nie ihre Einwilligung dazu geben würden, daß er die
königliche Gewalt wieder ausübte, könnten es mit ihrem Gewissen nicht
vereinbaren, ihm auch den Königstitel zu nehmen. Es gebe jedoch einen
Ausweg, der alle Schwierigkeiten beseitigte: eine Regentschaft. Dieser
Vorschlag fand so wenig Beifall, daß Finch es nicht wagte, die
Abstimmung darüber zu verlangen. Richard Fanshaw, Viscount Fanshaw aus
Irland sprach einige Worte über Jakob und empfahl einen Aufschub; aber
sein Vorschlag erregte allgemeines Mißfallen. Ein Mitglied nach dem
andren stand auf, um die Wichtigkeit der Beschleunigung hervorzuheben.
Jeder Augenblick, wurde gesagt, sei kostbar, die Erwartung des Volks sei
aufs Höchste gespannt, so daß alle Geschäfte stockten. Die Minorität
fügte sich murrend und räumte der überwiegenden Partei das Feld.
Worin das Verfahren der Majorität bestehen würde, war noch nicht recht
klar, denn sie zerfiel in zwei Abtheilungen. Die eine bestand aus
eifrigen und heftigen Whigs, die, wenn sie ihren Weg hätten gehen
können, dem Verfahren der Convention einen entschieden revolutionären
Character gegeben haben würden. Die andre gab zu, daß eine Revolution
nothwendig sei, betrachtete sie aber als ein nothwendiges Übel und
wünschte sie soviel als möglich unter dem Scheine der Gesetzmäßigkeit zu
verhüllen. Die erstere Abtheilung verlangte die bestimmte Anerkennung
des Rechtes der Unterthanen, schlechte Fürsten des Thrones zu entsetzen.
Die andre Abtheilung wollte nur das Land von einem schlechten Fürsten
befreien, ohne ein Prinzip aufzustellen, das leicht zu den Zwecke
gemißbraucht werden könnte, die rechtmäßige und heilsame Autorität
zukünftiger Monarchen zu schwächen. Die erstere Abtheilung hob
namentlich die schlechte Regierung des Königs, die andre seine Flucht
hervor; jene war der Ansicht, daß er seine Krone verwirkt, diese, daß er
ihr freiwillig entsagt habe. Es war nicht leicht, eine Beschlußformel zu
entwerfen, welche Allen gefiel, deren Zustimmung zu erlangen von
Wichtigkeit war; endlich aber wurde aus den von verschiedenen Seiten
gemachten Vorschlägen ein Beschluß gebildet, der alle Theile
befriedigte.
[_Beschluß, durch den der Thron für erledigt erklärt wird._] Es wurde
beantragt, daß König Jakob II., indem er es versucht, durch einen Bruch
des ursprünglichen Vertrags zwischen König und Volk die Verfassung des
Reichs umzustürzen, und indem er auf den Rath der Jesuiten und anderer
übelgesinnter Personen die Grundgesetze verletzt und sich aus dem Lande
entfernt, die Regierung niedergelegt habe und daß der Thron dadurch
erledigt worden sei.
Dieser Beschluß ist häufig einer so genauen und strengen Kritik
unterworfen worden wie irgend eine von Menschenhand geschriebene
Sentenz, und doch giebt es vielleicht keine von Menschenhand
geschriebene Sentenz, die eine solche Kritik weniger vertrüge. Daß ein
König seine Macht durch groben Mißbrauch derselben verwirken kann, ist
wahr. Daß man von einem Könige, der auf und davon geht, ohne Vorsorge
für die Verwaltung der Regierungsgeschäfte zu treffen, und sein Volk in
einem Zustande von Anarchie zurückläßt, ohne gewaltsame Wortverdrehung
sagen kann, er habe seine Funktionen niedergelegt, ist ebenfalls wahr.
Aber kein gewissenhafter Schriftsteller wird behaupten, daß lange
fortgesetzte schlechte Regierung und Flucht zusammengenommen einen
Abdankungsact constituiren. Ebenso klar ist es, daß die Erwähnung der
Jesuiten und anderer schlechter Rathgeber Jakob's die Beschuldigung
gegen ihn schwächt, anstatt sie zu bekräftigen. Denn ein durch schlimme
Rathgeber irregeleiteter Mann verdient gewiß mehr Nachsicht als einer,
der lediglich aus eigenem Antriebe Unrecht thut. Es ist jedoch ein
eitles Beginnen, diese denkwürdigen Worte zu analysiren, wie wir ein
Kapitel von Aristoteles oder von Hobbes untersuchen. Derartige Worte
sind nicht als Worte, sondern als Thaten zu betrachten, und wenn sie das
bewirken, was sie bewirken sollen, so sind sie vernünftig, mögen sie
auch an sich widersinnig sein. Erreichen sie aber ihren Zweck nicht, so
sind sie absurd, wenn sie auch Beweiskraft in sich tragen. Die Logik
läßt keine Auslegung zu. Das Wesen der Politik aber ist die Auslegung.
Es ist daher nicht zu verwundern, daß einige der wichtigsten und
nützlichsten politischen Dokumente zu den unlogischesten Aufsätzen
gehören, welche je geschrieben wurden. Somers, Maynard und die anderen
ausgezeichneten Männer, welche den berühmten Antrag entwarfen, hatten
dabei nicht den Zweck, der Nachwelt ein Muster von Definition und
Eintheilung zu hinterlassen, sondern die Wiedereinsetzung eines Tyrannen
unmöglich zu machen und einen Fürsten auf den Thron zu erheben, unter
welchem Gesetz und Freiheit gesichert waren. Diesen Zweck erreichten sie
durch die Anwendung von Worten, welche in einer philosophischen
Abhandlung mit Recht als ungenau und unklar getadelt worden wären. Es
kümmerte sie wenig, ob der Vordersatz und der Schlußsatz zu einander
paßten, wenn nur der Vordersatz ihnen zweihundert Stimmen und der
Schlußsatz weitere zweihundert Stimmen verschaffte. Die einzige
Schönheit des Beschlusses ist in der That seine Inconsequenz. Sie
enthielt eine Phrase für jede Unterabtheilung der Majorität. Die
Erwähnung des ursprünglichen Vertrags befriedigte die Anhänger Sidney's.
Das Wort Abdankung beschwichtigte Politiker einer zurückhaltenderen
Schule. Vielen eifrigen Protestanten gefiel ohne Zweifel der gegen die
Jesuiten ausgesprochene Tadel. In den Augen des wirklichen Staatsmanns
war der einzige wichtige Satz der, welcher den Thron für erledigt
erklärte, und wenn nur dieser Satz angenommen wurde, so war es ihm
ziemlich gleichgültig, welche Einleitung demselben vorausging. Eine so
vereinigte Macht ließ keiner Hoffnung auf Widerstand Raum. Der Antrag
wurde vom Ausschusse ohne Abstimmung angenommen, und es wurde
unverzügliche Berichterstattung darüber beschlossen. Powle nahm den
Präsidentenstuhl wieder ein, das Scepter wurde auf den Tisch gelegt,
Hampden trug auf Erhebung zum Beschluß an, das Haus gab seine Zustimmung
und die sofortige Überreichung an die Lords wurde anbefohlen.[71]
[Anmerkung 71: +Commons' Journals, Jan. 28. 1688/89; Grey's
Debates+; Citters, 29. Jan. (8. Febr.). Wenn der Bericht in
+Grey's Debates+ genau ist, so muß Citters in Betreff der Rede
Sawyer's falsch unterrichtet gewesen sein.]
[_Der Beschluß wird den Lords vorgelegt._] Am folgenden Morgen
frühzeitig versammelten sich die Lords. Die Bänke der geistlichen wie
der weltlichen Lords waren dicht besetzt. Hampden erschien in der
Schranke und überreichte Halifax den Beschluß der Gemeinen. Das Oberhaus
constituirte sich hierauf zu einem Comité und Danby nahm den
Präsidentenstuhl ein.
Die Discussion wurde bald durch das nochmalige Erscheinen Hampden's
unterbrochen, der eine andre Botschaft überbrachte. Das Haus
constituirte sich wieder als solches und vernahm, daß die Gemeinen es so
eben als unvereinbar mit der Sicherheit und dem Wohle der
protestantischen Nation erklärt habe, von einem papistischen Könige
regiert zu werden. So wenig sich dieser Beschluß mit dem Prinzipe des
unveräußerlichen Erbrechts vertrug, so gaben die Peers doch auf der
Stelle und einmüthig ihre Zustimmung zu demselben. Der dadurch
aufgestellte Grundsatz ist bis auf unsre Zeit von allen protestantischen
Staatsmännern stets heilig gehalten worden und kein verständiger
Katholik hat ihn je als Einwendungen zulassend betrachtet. Wenn unsere
Souveraine, wie die Präsidenten der Vereinigten Staaten, bloße
bürgerliche Beamte wären, so würde es allerdings schwer sein, eine
solche Beschränkung zu rechtfertigen. Allein mit der englischen Krone
ist zugleich die Oberhauptswürde über die englische Kirche verbunden,
und es ist keine Intoleranz, wenn man sagt, daß eine Kirche nicht einem
Oberhaupte unterthan sein kann, das sie als schismatisch und ketzerisch
betrachtet.[72]
[Anmerkung 72: +Lords' and Commons' Journals, Jan. 29, 1688/89.+]
[_Debatte im Oberhause über den Regentschaftsplan._] Nach dieser kurzen
Unterbrechung constituirten sich die Lords wieder zum Comité. Die Tories
drangen darauf, daß ihr Plan berathen werden sollte, ehe der Beschluß
der Gemeinen, welcher den Thron für erledigt erklärte, in Betracht
gezogen würde. Dies ward ihnen zugestanden und die Frage gestellt, ob
eine Regentschaft, die während Jakob's Lebzeiten in seinem Namen die
königliche Gewalt ausübe, das beste Mittel zur Aufrechthaltung der
Gesetze und der Freiheiten der Nation sein würde.
Der Kampf war lang und heftig. Die Hauptsprecher zu Gunsten einer
Regentschaft waren Rochester und Nottingham. Halifax und Danby waren die
leitenden Häupter der andren Seite. Der Primas trat sonderbarerweise
nicht auf, obgleich die toryistischen Peers ihn dringend ersucht hatten,
sich an ihre Spitze zu stellen. Seine Abwesenheit zog ihm vielfachen
bitteren Tadel zu, und selbst seine Lobredner waren nicht im Stande,
eine seinem Character zur Ehre gereichende Erklärung zu finden.[73] Der
Regentschaftsplan war von ihm ausgegangen und er hatte erst vor wenigen
Tagen in einem von ihm eigenhändig geschriebenen Aufsatze diesen Plan
für den unzweifelhaft besten erklärt, den man annehmen könnte. Die
Besprechungen der Lords, welche diesen Plan unterstützten, hatten unter
seinem eigenen Dache stattgefunden. Seine Stellung machte es ihm
unbestreitbar zur Pflicht, seine Ansicht öffentlich auszusprechen. Den
Verdacht persönlicher Feigheit oder niedriger Habsucht kann Niemand auf
ihn werfen. Wahrscheinlich that er aus einer krankhaften Besorgniß,
etwas Unrechtes zu thun, in diesem wichtigen Augenblicke nichts, aber er
hätte wissen sollen, daß bei einem Manne in seiner Stellung nichts thun
so viel hieß als Unrecht thun. Ein Mann, der zu scrupulös ist, um in
einer wichtigen Krisis eine große Verantwortlichkeit zu übernehmen,
sollte auch zu scrupulös sein, um die Stelle eines ersten Dieners der
Kirche und eines ersten Peers des Reichs anzunehmen.
Ein Wunder war es jedoch nicht, daß Sancroft nicht wohl zu Muthe war,
denn er konnte wohl kaum gegen die auf der Hand liegende Wahrheit blind
sein, daß der Plan, den er seinen Freunden empfohlen, durchaus
unverträglich war mit Allem, was er und seine Amtsbrüder seit vielen
Jahren gepredigt hatten. Die anglikanische Kirche hatte sich lange mit
der Lehre gebrüstet, daß der König ein göttliches und unveräußerliches
Recht auf die königliche Gewalt habe und daß man sich der königlichen
Gewalt, selbst wenn sie gröblich gemißbraucht würde, nicht widersetzen
dürfe, ohne eine Sünde zu begehen. Hatte denn diese Lehre wirklich nur
die Bedeutung, daß der König ein göttliches und unveräußerliches Recht
habe, sein Bildniß und seinen Namen in ein Petschaft stechen zu lassen,
welches täglich gegen seinen Willen dazu gebraucht werden konnte, seine
Feinde zum Krieg gegen ihn zu ermächtigen und seine Freunde an den
Galgen zu schicken, weil sie ihm gehorcht hatten? Bestand denn die ganze
Pflicht eines guten Unterthanen in der Anwendung des Wortes König? Dann
hatten Fairfax bei Naseby und Bradshaw im Hohen Gerichtshofe ihre ganze
Pflicht als gute Unterthanen erfüllt, denn Karl war von den gegen ihn
befehligenden Generälen und selbst von den ihn verurtheilenden Richtern
als König bezeichnet worden. Nichts hatte die Kirche in dem Verfahren
des langen Parlaments schärfer getadelt als den sinnreichen Einfall, den
Namen Karl's gegen ihn selbst zu gebrauchen. Alle ihre Diener waren
aufgefordert worden, eine Erklärung zu unterschreiben, welche die
Fiction, wodurch die Autorität des Souverains von seiner Person getrennt
worden war, als hochverrätherisch verdammte.[74] Gleichwohl würde diese
hochverrätherische Fiction jetzt von dem Primas und vielen seiner
Suffraganen als die einzige Grundlage betrachtet, auf der sie in
strenger Übereinstimmung mit christlichen Prinzipien eine Regierung
aufrichten konnten.
Die Unterscheidung, welche Sancroft von den Rundköpfen der
vorhergehenden Generation entlehnt hatte, stürzte von Grund aus das
ganze politische System um, das die Kirche und die Universitäten vom
Apostel Paulus gelernt zu haben behaupteten. Tausendmal war es
wiederholt worden, daß der heilige Geist den Römern befohlen habe, sich
Nero zu unterwerfen. Jetzt schien dieses Gebot nur den Sinn gehabt zu
haben, daß die Römer den Nero Augustus nennen sollten. Es stand ihnen
vollkommen frei, ihn über den Euphrat zu jagen, ihn von der
Freigebigkeit der Parther leben zu lassen, ihm gewaltsamen Widerstand zu
leisten, wenn er einen Versuch zur Rückkehr machen sollte, Alle die ihm
beistanden oder mit ihm verkehrten, zu bestrafen, und die tribunitische
und consulatorische Gewalt, den Vorsitz im Senat und den Oberbefehl über
die Legionen auf Galba oder Vespasian zu übertragen.
Die Analogie, welche der Erzbischof zwischen einem thörichten König und
einem wahnsinnigen König entdeckt zu haben glaubte, hält keinen
Augenblick gründlicher Prüfung aus. Es war klar, daß Jakob sich nicht in
einem solchen Geisteszustande befand, wo ihn, wäre er ein Landedelmann
oder ein Kaufmann gewesen, ein Gerichtshof für unfähig erklärt haben
würde, einen Vertrag abzuschließen, oder ein Testament zu machen. Er war
nur in so weit geistesschwach, als alle schlechten Könige geistesschwach
sind, wie Karl I. geistesschwach war, als er aufbrach, um die fünf
Parlamentsmitglieder festzunehmen, wie Karl II. geistesschwach war, als
er den Vertrag von Dover schloß. Wenn diese Art der Geisteskrankheit
Unterthanen nicht das Recht gab, ihren Fürsten den Gehorsam zu
verweigern, so war der Regentschaftsplan offenbar nicht zu vertheidigen.
Im entgegengesetzten Falle war das Prinzip des Nichtwiderstandes völlig
aufgegeben und Alles gutgeheißen, was ein gemäßigter Whig je behauptet
hatte.
Was den Unterthaneneid anlangt, um den Sancroft und seine Anhänger so
sehr besorgt waren, so ist wenigstens das klar, daß sie Unrecht hatten,
mochte übrigens Recht haben wer da wollte. Die Whigs waren der Ansicht,
daß der Unterthaneneid gewisse Bedingungen enthalte, das der König diese
Bedingungen verletzt und daß der Eid dadurch seine Kraft verloren habe.
War aber die whiggistische Meinung irrig, und der Eid noch bindend,
konnten dann verständige Männer wirklich glauben, daß sie sich keines
Eidbruches schuldig machten, wenn sie für eine Regentschaft stimmten?
Konnten sie behaupten, daß sie die Unterthanentreue gegen Jakob nicht
verletzten, wenn sie trotz seiner angesichts ganz Europa's erhobenen
Protestationen einen Andren ermächtigten, die königlichen Revenuen zu
beziehen, Parlamente einzuberufen und zu prorogiren, Herzöge und Earls
zu creiren, Bischöfe und Richter zu ernennen, Verbrecher zu begnadigen,
über die Streitkräfte des Staats zu verfügen und mit fremden Mächten
Verträge zu schließen? Hatte Pascal wohl in allen Folianten der
jesuitischen Casuistiker einen verachtungswertheren Sophismus finden
können als der war, welcher jetzt, wie es schien, hinreichte, um das
Gewissen der Väter der anglikanischen Kirche zu beruhigen?