unter der Geistlichkeit stark vertreten und deren Hauptorgan Sherlock
war, wünschte, daß Unterhandlungen mit Jakob eröffnet und daß er unter
Bedingungen, welche die bürgerliche und kirchliche Verfassung des Reichs
vollkommen sicher stellten, zur Rückkehr nach Whitehall eingeladen
werden sollte.[60] Es springt in die Augen, daß dieser Plan, so
energisch er auch von der Geistlichkeit unterstützt wurde, doch in
directem Widerspruche mit den Doctrinen stand, welche der Klerus seit
vielen Jahren lehrte. Es war in der That ein Versuch, einen Mittelweg
einzuschlagen, wo kein Mittelweg möglich war, und einen Vergleich
zwischen zwei Dingen herbeizuführen, welche keinen Vergleich zulassen:
zwischen Widerstand und Nichtwiderstand. Die Tories hatten sich früher
zu dem Prinzipe des Nichtwiderstandes gehalten. Aber diesen Boden hatten
die meisten von ihnen jetzt verlassen und waren nicht geneigt, denselben
wieder einzunehmen. Die englischen Kavaliere in ihrer Gesammtheit waren
bei der letzten Erhebung gegen den König direct oder indirect so stark
betheiligt gewesen, daß sie in diesem Augenblicke nicht ohne die größte
Schande von der geheiligten Pflicht, einem Nero zu gehorchen, sprechen
konnten; auch hatten sie überhaupt keine Lust, den Fürsten, unter dessen
schlechter Regierung sie so viel hatten leiden müssen, zurückzurufen,
ohne ihm Bedingungen vorzuschreiben, die es ihm unmöglich machten, seine
Gewalt abermals zu mißbrauchen. Sie befanden sich deshalb in einer
schiefen Stellung. Ihre alte Theorie, mochte sie nun vernünftig oder
unvernünftig sein, war wenigstens vollständig und folgerichtig. War
diese Theorie zweckmäßig, so mußte der König unverweilt zur Rückkehr
aufgefordert und es ihm, wenn anders er wollte, gestattet werden,
Seymour und Danby, den Bischof von London und den Bischof von Bristol
wegen Hochverraths hinrichten zu lassen, die kirchliche Commission
wiederherzustellen, die Kirche mit papistischen Würdenträgern zu füllen
und die Armee unter das Commando papistischer Offiziere zu stellen. Wenn
aber, wie die Tories jetzt selbst zuzugeben schienen, die Theorie
unpraktisch war, warum dann mit dem Könige unterhandeln? Gestand man zu,
daß er rechtmäßigerweise vom Throne ausgeschlossen werden dürfe, bis er
befriedigende Garantien für die Sicherheit der kirchlichen und
staatlichen Verfassung gebe, so konnte man schwerlich leugnen, daß er
auch für immer rechtmäßigerweise ausgeschlossen werden durfte. Denn
welche befriedigenden Garantien konnte er geben? Konnte wohl eine
Parlamentsacte in klarerer Sprache gefaßt sein als die, welche
vorschrieben, daß der Dechant des Christchurch-Collegiums ein Protestant
sein müsse? Konnte ein Versprechen klarer und deutlicher sein als die,
in denen Jakob wiederholt erklärt hatte, daß er die gesetzlichen Rechte
der anglikanischen Geistlichkeit streng respectiren werde? Wenn Gesetz
oder Ehrgefühl etwas Bindendes für ihn gehabt hätten, so würde er nie
gezwungen gewesen sein, aus seinem Königreiche zu fliehen. Wenn aber
weder Gesetz noch Ehre in seinen Augen bindend für ihn waren, konnte es
dann wohl rathsam sein, ihn zurückzurufen?
Indessen würde trotz dieser Argumente wahrscheinlich ein Antrag auf
Eröffnung von Unterhandlungen mit Jakob in der Convention gestellt und
von der Hauptmasse der Tories unterstützt worden sein, wäre er nicht bei
dieser, wie bei jeder andren Gelegenheit sein eigner schlimmster Feind
gewesen. Jede von Saint-Germains kommende Post brachte Mittheilungen,
welche den Eifer seiner Anhänger abkühlten. Er hielt es nicht einmal der
Mühe werth, Reue über seine früheren Fehler zu heucheln oder Besserung
zu geloben. Er erließ ein Manifest, in welchem er seinem Volke sagte,
daß es stets sein eifriges Bestreben gewesen sei, mit Gerechtigkeit und
Mäßigung zu regieren und daß es sich durch eingebildete Beschwerden
selbst ins Verderben habe locken lassen.[61]
[Anmerkung 60: Siehe die Flugschrift, betitelt: +Letter to a
Member of the Convention+, und die Antwort darauf; +Burnet, I.
809.+]
[Anmerkung 61: Brief an die Lords des Geheimen Raths, 4.(14.) Jan.
1688/89; +Clarendon's Diary, Jan. 9.(19.)+]
[_Sancroft's Plan._] Die Folge seiner Thorheit und seines Starrsinns
war, daß selbst Diejenigen, welche am meisten wünschten, ihn unter
billigen Bedingungen wieder auf den Thron zu setzen, erkannten, daß sie
der Sache, der sie dienen wollten, nur schaden würden, wenn sie in
diesem Augenblicke die Eröffnung von Unterhandlungen vorschlügen. Sie
beschlossen daher, sich mit einer andren Abtheilung der Tories zu
verbinden, deren Oberhaupt Sancroft war. Sancroft glaubte ein Mittel
gefunden zu haben, durch welches für die Regierung des Landes gesorgt
werden könnte, ohne Jakob zurückzurufen, aber auch ohne ihn deshalb
seiner Krone zu berauben. Dieses Mittel war eine Regentschaft. Die
unfügsamsten unter denjenigen Theologen, welche die Lehre vom passiven
Gehorsam eingeschärft, hatten doch nie behauptet, daß man diesen
Gehorsam einem Kinde oder einem Wahnsinnigen schuldig sei. Es war
allgemein anerkannt, daß, wenn der rechtmäßige Souverain zur Verwaltung
seines Amtes geistig unfähig sei, ein Stellvertreter für ihn erwählt
werden könne, und daß Jeder, der sich diesem Stellvertreter widersetzte
und sich zu seiner Entschuldigung auf den Befehl eines Fürsten berief,
der noch in der Wiege lag oder geistesschwach war, mit vollem Rechte den
auf Empörung gesetzten Strafen verfiele. Dummheit, Unverstand und
Aberglaube -- so raisonnirte der Primas -- hätten Jakob eben so unfähig
gemacht, sein Land zu regieren, wie nur ein in den Windeln liegendes
Kind oder ein auf dem Stroh von Bedlam grinsender und Unsinn
schwatzender Wahnsinniger es sein könnte. Es müsse daher der Weg
eingeschlagen werden, den man ergriffen habe, als Heinrich VI. noch ein
Kind war, und dann wieder, als er in Schlafsucht verfiel. Jakob könne
factisch nicht mehr König sein, aber er müsse es doch dem Anscheine nach
bleiben. Die Regierungsdecrete müßten noch unter seinem Namen erlassen,
und sein Bildniß und sein Namenszug müßten noch immer auf den Münzen und
im Staatssiegel figuriren. Die Parlamentsacten müßten nach wie vor mit
den Jahren seiner Regierung bezeichnet, die Verwaltung aber müsse ihm
entzogen und einem von den Ständen des Reichs ernannten Regenten
übertragen werden. Auf diese Weise, behauptete Sancroft allen Ernstes,
werde das Volk seiner Unterthanenpflicht treu bleiben, die Eide der
Treue, die es seinem Könige geschworen, würden streng beobachtet werden,
und die orthodoxesten Anglikaner könnten ohne die geringsten
Gewissensscrupel unter dem Regenten Ämter übernehmen.[62]
Sancroft's Meinung hatte bei der ganzen Torypartei und ganz besonders
bei der Geistlichkeit großes Gewicht. Eine Woche vor dem Tage, auf den
die Convention einberufen war, versammelte sich im Lambethpalaste eine
ehrwürdige Gesellschaft, hörte in der Kapelle eine Betübung an, speiste
bei dem Primas und berieth sich dann über den Stand der öffentlichen
Angelegenheiten. Fünf Suffraganen des Erzbischofs, die im vergangenen
Sommer seine Gefahren und seinen Ruhm getheilt hatten, waren anwesend.
Die Earls von Clarendon und von Ailesbury vertraten die toryistische
Laienschaft. Die ganze Versammlung schien einmüthig der Ansicht zu sein,
daß Diejenigen, welche Jakob den Unterthaneneid geleistet hatten, ihm
mit vollem Rechte den Gehorsam verweigern, aber nicht mit gutem Gewissen
den Königstitel einem Andren beilegen könnten.[63]
[Anmerkung 62: Es scheint unglaublich, daß irgend Jemand sich
durch solchen Unsinn hätte täuschen lassen sollen. Ich halte es
daher für nöthig, Sancroft's Worte anzuführen, die noch in seiner
eignen Handschrift existiren. »Die politische Capacität oder
Autorität des Königs und sein Name in der Regentenreihe sind
vollkommen und unleugbar. Da aber seine Person menschlich und
sterblich und sonst gegen die übrigen Menschen nicht bevorzugt
ist, so ist sie auch allen Mängeln und Fehlern derselben
unterworfen. Er kann daher zur Leitung der Regierung, zur
Verwaltung des Staatsschatzes etc. unfähig werden, sei es durch
Abwesenheit, durch Unmündigkeit, durch Geistesschwäche, Wahnsinn
oder Apathie, durch natürliche oder zufällige Krankheit, oder
endlich durch gewisse, in Folge von Erziehung oder Gewohnheit
entstandene und festgewurzelte, mit unabänderlichen
Entschließungen verbundene Vorurtheile in mit den Gesetzen, der
Religion, dem Landesfrieden und der wahren Politik des Reichs
unvereinbaren Dingen. In allen diesen Fällen, sage ich, müssen
eine oder mehrere Personen ernannt werden, um solchem Mängel
abzuhelfen und die Regierungsgeschäfte statt seiner und im Namen
seiner Gewalt und Autorität zu leiten. Ist dies geschehen, sage
ich weiter, so sind alle wie früher stattfindenden Proceduren,
Autoritäten, Ernennungen, Verleihungen etc. in jeder Hinsicht
gesetzlich und rechtsgültig, die Unterthanenpflichten des Volkes
bleiben die nämlichen, seine Eide und Verbindlichkeiten sind in
keiner Weise verändert. So lange die Regierung kraft der Autorität
und im Namen des Königs fortgeführt wird, bestehen auch alle die
geheiligten Bande und eingeführten Proceduren fort und keines
Menschen Gewissen wird mit irgend etwas beschwert, was zu
übernehmen er Bedenken zu tragen braucht.« -- +Tanner MS.; Doyly's
Life of Sancroft+. Die Creaturen Jakob's machten sich nicht ganz
ohne Grund über das Englisch des guten Erzbischofs lustig.]
[Anmerkung 63: +Evelyn, Jan. 15, 1688/89.+]
[_Danby's Plan._] So stimmten zwei Sectionen der Torypartei (diejenigen,
welche eine Verständigung mit Jakob wünschten, und die, welche von einer
solchen Verständigung nichts wissen wollten) in der Unterstützung der
Regentschaftsidee überein. Eine dritte Section jedoch, die zwar nicht
sehr zahlreich war, aber großes Gewicht und großen Einfluß hatte,
empfahl einen ganz andren Plan. Die Oberhäupter dieser kleinen Schaar
waren im Hause der Lords Danby und der Bischof von London, im Hause der
Gemeinen Sir Robert Sawyer. Sie meinten ein Mittel ausfindig gemacht zu
haben, um unter streng gesetzlichen Formen eine völlige Revolution zu
bewerkstelligen. Sie sagten, es widerstreite allem Prinzip, daß ein
König durch seine Unterthanen abgesetzt werden solle. Durch seine Flucht
habe er selbst seiner Macht und Stellung entsagt. Der Thron sei factisch
erledigt und könne nach der Ansicht aller verfassungskundigen Juristen
keinen Augenblick unbesetzt bleiben. Der nächste Erbe sei daher an seine
Stelle getreten. Aber wer sei der nächste Thronerbe? Was den nach
Frankreich übergeführten unmündigen Prinzen anlange, so sei dessen
Eintritt in die Welt von vielen verdächtigen Umständen begleitet
gewesen. Man sei es den anderen Mitgliedern des königlichen Hauses und
der Nation schuldig, jeden Zweifel hierüber zu heben. Der Gemahl der
Prinzessin von Oranien habe daher in ihrem Namen feierlich eine
Untersuchung verlangt, welche auch vorgenommen worden wäre, hätten nicht
die des Betrugs angeklagten Parteien einen Weg eingeschlagen, der in
jedem gewöhnlichen Falle als ein entscheidender Schuldbeweis gegolten
haben würde. Sie hätten sich nicht für bemüßigt gehalten, den Ausgang
einer feierlichen Parlamentsuntersuchung abzuwarten, sie hätten sich
heimlich in ein fremdes Land begeben und nicht allein das Kind, sondern
auch alle diejenigen französischen und italienischen Kammerfrauen mit
sich genommen, welche in den Betrug, falls ein solcher stattgefunden
haben sollte, eingeweiht sein müßten und daher einem strengen Verhör zu
unterwerfen gewesen wären. Die Ansprüche des Prinzen ohne Untersuchung
anzuerkennen, sei nicht möglich, und Diejenigen, die sich seine Eltern
nennten, hätten jede Untersuchung unmöglich gemacht. Das Urtheil müsse
daher +in contumaciam+ gegen ihn gefällt werden. Geschehe ihm dann
Unrecht, so geschehe ihm nicht von Seiten der Nation, sondern von Seiten
Derer Unrecht, deren auffallendes Benehmen bei seiner Geburt die Nation
berechtigt habe, eine Untersuchung zu verlangen, und die sich einer
solchen Untersuchung durch die Flucht entzogen hätten. Er könne daher
mit vollkommenem Rechte als ein Prätendent betrachtet werden. Und so sei
die Krone gesetzmäßig auf die Prinzessin von Oranien übergegangen. Sie
sei thatsächlich regierende Königin und die beiden Häuser hätten nichts
weiter zu thun, als sie zu proclamiren. Sie könne, wenn sie sonst wolle,
ihren Gemahl zu ihrem ersten Minister ernennen und ihm sogar mit
Bewilligung des Parlaments den Königstitel verleihen.
Nur wenige Personen zogen diesen Plan jedem andren vor und es war mit
Gewißheit zu erwarten, daß sich demselben sowohl Diejenigen, welche
Jakob noch zugethan waren, wie auch alle Anhänger Wilhelm's widersetzen
würden. Indessen gab Danby, der auf seine Kenntniß der parlamentarischen
Taktik vertraute und wohl wußte, was ein kleines Streifcorps
auszurichten vermag, wenn große Parteien einander ziemlich die Wage
halten, noch keineswegs die Hoffnung auf, daß er im Stande sein werde,
den Ausgang des Kampfes so lange in der Schwebe zu erhalten, bis Whigs
und Tories, an einem vollkommenen Siege verzweifelnd und die Folgen der
Verzögerung fürchtend, ihn als Schiedsrichter annehmen würden. Auch ist
es durchaus nicht unmöglich, daß er reussirt haben würde, wenn die Frau,
die er auf den höchsten Gipfel irdischer Größe erheben wollte,
unterstützt oder doch wenigstens nicht behindert worden wäre. So
scharfblickend und wohlerfahren er in Staatsgeschäften war, so kannte er
doch weder den Character Mariens noch die Gefühle, mit denen sie ihren
Gemahl betrachtete, und selbst ihr alter Lehrer Compton war nicht besser
unterrichtet. Wilhelm's Manieren waren trocken und kalt, seine
Constitution war schwächlich und kränklich und seine Gemüthsart
nichts weniger als sanft; er war daher nicht der Mann, der nach
gewöhnlichen Begriffen für geeignet gehalten werden konnte, einer
sechsundzwanzigjährigen schönen jungen Frau eine heftige Leidenschaft
einzuflößen. Es war bekannt, daß er seiner Gemahlin nicht immer ganz
treu geblieben war und der Leumund hatte ausgesprengt, daß sie nicht
glücklich mit ihm lebe. Die scharfsichtigsten Politiker ahneten daher
nicht, daß er bei allen seinen Fehlern eine solche Herrschaft über ihr
Herz erlangt hatte, als selbst Fürsten, die wegen ihres Glücks in der
Liebe am berühmtesten waren, wie Franz I. und Heinrich IV., Ludwig XIV.
und Karl II. sie niemals über ein weibliches Herz besessen hatten, und
daß die drei Königreiche ihrer Voreltern in ihren Augen hauptsächlich
deshalb einen Werth hatten, weil sie ihrem Gemahl durch die Verleihung
derselben die Innigkeit und Uneigennützigkeit ihrer Liebe beweisen
konnte. Danby versicherte ihr in seiner völligen Unkenntniß ihrer
Gesinnungen, daß er ihre Rechte vertheidigen und daß, wenn sie ihn
unterstütze, er sie allein auf den Thron setzen zu können hoffe.[64]
[Anmerkung 64: +Clarendon's Diary, Dec. 24. 1688+; +Burnet, I.
819+; +Proposals humbly offered in behalf of the Princess of
Orange, Jan. 28. 1688/89.+]
[_Der Plan der Whigs._] Das Verfahren der Whigs war inzwischen einfach
und consequent. Nach ihrer Doctrin war die Grundlage unsrer Regierung
ein Vertrag, der auf der einen Seite durch den Unterthaneneid, auf der
andren durch den Krönungseid ausgedrückt sei, und die durch diesen
Vertrag auferlegten Pflichten waren gegenseitig. Sie hielten dafür, daß
einem Fürsten, der seine Macht gröblich mißbrauchte, von seinem Volke
mit vollem Rechte der Gehorsam verweigert und er des Thrones entsetzt
werden könne. Daß Jakob seine Macht gröblich gemißbraucht hatte, wurde
nicht bestritten, und die ganze Whigpartei war bereit, es offen
auszusprechen, daß er sie verwirkt habe. Ob der Prinz von Wales
untergeschoben war oder nicht, sei ein Punkt, der gar nicht der
Untersuchung werth sei. Es gebe jetzt viel gewichtigere Gründe, ihn vom
Throne auszuschließen als die, welche aus den Vorgängen bei seiner
Geburt hergeleitet werden könnten. Ein Kind, das in einer Wärmpfanne ins
Bett der Königin gelegt worden sei, könne möglicherweise auch ein guter
König von England werden. Dies sei aber nicht von einem Kinde zu
erwarten, das von seinem Vater, dem stupidesten und starrsinnigsten
Tyrannen von der Welt, in einem fremden Lande, dem Sitze des Despotismus
und des Aberglaubens erzogen werde, in einem Lande, wo jede Spur von
Freiheit verschwunden sei, wo die Stände des Reichs sich nicht
mehr versammelten, wo die Parlamente seit langer Zeit, ohne
Gegenvorstellungen zu machen, die drückendsten Erlasse des Landesherrn
zu Gesetzen erhoben hätten, wo Tapferkeit, Genie und Gelehrsamkeit nur
da zu sein schienen, um einen einzelnen Mann zu vergrößern, wo
kriechende Schmeichelei das Hauptstreben der Presse, der Kanzel und der
Bühne, und wo die grausamste Verfolgung der reformirten Kirche ein
Hauptgegenstand jener kriechenden Schmeichelei sei. Könne man wohl
erwarten, daß der Knabe unter solcher Leitung und in solcher Umgebung
die Institutionen seines Vaterlandes werde achten lernen? Könne man
daran zweifeln, daß er zu einem Sklaven der Jesuiten und der Bourbons
erzogen und ihm wo möglich noch heftigere Vorurtheile gegen die Gesetze
Englands eingeimpft werden würden als irgend einem der vorhergehenden
Stuarts?
Auch glaubten die Whigs nicht, daß bei der damaligen Lage des Landes
eine Abweichung von der gewöhnlichen Thronfolge an sich ein Übel sei.
Sie waren der Meinung, daß, wenn man diese Ordnung nicht unterbreche,
die Lehre von dem unveräußerlichen Erbrechte und dem passiven Gehorsam
dem Hofe stets gefallen, von Seiten der Geistlichkeit eingeschärft
werden und in der öffentlichen Meinung einen starken Anhang behalten
würde. Es würde die Ansicht vorherrschend bleiben, daß das Königthum
eine göttliche Anordnung in einem andren Sinne sei, als in welchem jede
Regierungsform eine solche Anordnung ist. Es liege auf der Hand, daß die
Verfassung niemals gesichert sein könne, so lange dieser Irrwahn nicht
zerstört sei. Denn eine wirklich beschränkte Monarchie könne in einer
Gesellschaft, welche die Monarchie als etwas Göttliches und die
Beschränkungen derselben als bloße menschliche Erfindungen betrachte,
nicht lange bestehen. Wenn das Königthum in vollkommenem Einklange mit
unseren Freiheiten bestehen solle, dürfe es sich auf keinen höheren oder
ehrwürdigeren Rechtstitel berufen können, als den, auf welchen sich
unsere Freiheiten gründeten. Der König müsse hinfüro als ein Beamter
betrachtet werden, allerdings als ein hoher und hochzuachtender Beamter,
der aber wie jeder andre Beamte dem Gesetze unterworfen sei und seine
Macht in keinem andren Sinne vom Himmel herleiten könne, als man von den
Lords oder den Gemeinen sagen dürfe, daß sie ihre Macht vom Himmel
herleiteten. Das beste Mittel, um diese heilsame Veränderung zu
bewirken, werde eine Unterbrechung der Erbfolge sein. Unter Souverainen,
die es kaum für etwas Geringeres als für Hochverrath ansähen, wenn die
Lehre vom Nichtwiderstande und die patriarchalische Regierungsform
gepredigt würde, unter Souverainen, deren auf Beschlüsse der beiden
Häuser sich gründende Autorität niemals höher steigen könne als die
Quelle, aus der sie entsprungen sei, würde man schwerlich solche
Bedrückungen zu fürchten haben, welche bereits zwei Generationen von
Engländern gezwungen hätten, sich mit bewaffneter Hand gegen zwei
Generationen von Stuarts zu erheben. Aus diesen Gründen waren die Whigs
bereit, den Thron für erledigt zu erklären, ihn durch Wahl wieder zu
besetzen und dem Fürsten ihrer Wahl Bedingungen vorzuschreiben, welche
das Land gegen schlechte Regierung sichern konnten.
[_Zusammentritt der Convention. Leitende Mitglieder des Hauses der
Gemeinen._] Die Zeit der Entscheidung dieser großen Fragen war jetzt
gekommen. Am 22. Januar mit Tagesanbruch füllte sich das Haus der
Gemeinen mit Rittern und Boroughvertretern. Auf den Bänken erblickte man
viele Gesichter, welche unter der Regierung Karl's II. hier wohlbekannt
gewesen, unter seinem Nachfolger aber nicht daselbst gesehen worden
waren. Die Mehrzahl der Torysquires und der mittellosen Anhänger des
Hofes, welche massenweise in das Parlament von 1685 gewählt worden
waren, hatten den Männern der ehemaligen Vaterlandspartei Platz gemacht,
welche die Cabale gestürzt, die Habeascorpusacte durchgesetzt und die
Ausschließungsbill vor die Lords gebracht hatten. Unter ihnen befand
sich Powle, gründlich bewandert in der Geschichte und dem Rechte der
Parlamente und ausgezeichnet durch die Beredtsamkeit, welche
erforderlich ist, wenn hochwichtige Fragen feierlich der Erwägung von
Senaten unterbreitet werden sollen, und Sir Thomas Littleton,
wohlerfahren in der europäischen Politik und mit einer heftigen,
scharfen Logik begabt, welche oftmals, wenn nach langer Sitzung die
Lichter angezündet worden waren, das erschöpfte Haus neu belebt und die
Debatte entschieden hatte. Hier saß auch Wilhelm Sacheverell, ein
Redner, dessen große parlamentarische Fähigkeiten viele Jahre später ein
Lieblingsthema alter Leute waren, welche die Kämpfe von Walpole und
Pulteney erlebten.[65] Diesen hervorragenden Männern zur Seite stand
Robert Clayton, der reichste Kaufmann von London, dessen Palast in der
alten Judenstadt die aristokratischen Gebäude in Lincoln's Inn Fields
und Conventgarden an Glanz übertraf, dessen Landgut zwischen den Hügeln
von Surrey als ein wahres Eden geschildert ward, dessen Gastmähler mit
denen der Könige wetteiferten und dessen einsichtsvolle Freigebigkeit,
von der noch heute zahlreiche öffentliche Denkmale Zeugniß ablegen, ihm
in den Annalen der City eine Stelle verschafft hat, welche nur der
Gresham's untergeordnet ist. In dem Parlamente, welches 1681 zu Oxford
tagte, hatte Clayton als Vertreter der Hauptstadt und auf Ersuchen
seiner Wähler um die Erlaubniß gebeten, die Ausschließungsbill
einzubringen und Lord Russel hatte ihn darin unterstützt. Im Jahre 1685
hatte die ihrer Privilegien beraubte und von Creaturen des Hofes
regierte Hauptstadt vier toryistische Vertreter gesandt. Jetzt aber war
der alte Freibrief wieder zurückgegeben und Clayton war durch
Acclamation wieder gewählt worden.[66] Auch Johann Birch darf nicht
unerwähnt bleiben. Er hatte seine Laufbahn als Fuhrmann begonnen, hatte
aber in den Bürgerkriegen sein Geschirr im Stich gelassen, war Soldat
geworden, hatte sich zum Range eines Obersten in der Armee der Republik
emporgeschwungen, hatte in hohen fiskalischen Ämtern großes
Geschäftstalent gezeigt, hatte viele Jahre im Parlament gesessen und
obgleich er bis zuletzt die derben Manieren und den plebejischen Dialect
seiner Jugend beibehielt, hatte er doch durch gesunden Verstand und
Mutterwitz das Ohr der Gemeinen gewonnen und wurde von den
ausgezeichnetsten Parlamentsrednern seiner Zeit als ein furchtbarer
Gegner betrachtet.[67] Dies waren die hervorragendsten unter den
Veteranen, welche jetzt nach langer Abgeschiedenheit ins öffentliche
Leben zurückkehrten. Sie wurden jedoch sehr bald durch zwei jüngere
Whigs in den Schatten gestellt, welche an jenem wichtigen Tage zum
ersten Male ihre Sitze einnahmen, bald zu den höchsten Ehrenstellen im
Staate emporstiegen, gemeinsam die heftigsten Parteistürme bestanden und
nachdem sie lange weit und breit als Staatsmänner, als Redner, als
freigebige Beschützer des Genies und der Gelehrsamkeit berühmt gewesen
waren, bald nach dem Regierungsantritte des Hauses Braunschweig wenige
Monate hintereinander starben. Diese waren Karl Montague und Johann
Somers.
Außerdem muß noch ein Name erwähnt werden, ein Name, welcher damals nur
einem kleinen Kreise von Philosophen bekannt war, der aber jetzt bis
über den Ganges und den Mississippi hinaus mit einer höheren Verehrung
genannt wird, als man sie dem Gedächtniß der größten Krieger und
Herrscher zollt. Unter der Menge der schweigenden Mitglieder erschien
auch die majestätische Stirn und das gedankenvolle Antlitz Isaak
Newton's. Die berühmte Universität, der sein Genie schon einen
eigenthümlichen noch nach Verlauf von hundertsechzig Jahren deutlich
erkennbaren Character aufzudrücken begonnen, hatte ihn in die Convention
gesandt, und hier saß er in seiner bescheidenen Größe als
anspruchsloser, aber unerschütterlicher Freund der bürgerlichen und
religiösen Freiheit.
[Anmerkung 65: +Burnet, I. 389+ und Präsident Onslow's Note.]
[Anmerkung 66: +Evelyn's Diary, Sept. 26. 1672, Oct. 12. 1679,
Juli 13. 1700+; +Seymour's Survey of London.+]
[Anmerkung 67: +Burnet, I. 388+ und Onslow's Note.]