[_Ankunft Jakob's in St.-Germains._] Am folgenden Tage kam auch Jakob in

St.-Germains an. Ludwig war schon dort, um ihn zu bewillkommnen. Der

unglückliche Verbannte verbeugte sich so tief, als ob er die Knie seines

Beschützers hatte umfassen wollen. Ludwig hob ihn auf und umarmte ihn

mit brüderlicher Zärtlichkeit. Dann traten die beiden Könige ins Zimmer

der Königin. »Hier ist ein Herr,« sagte Ludwig zu ihr, »dessen Ankunft

Sie gewiß erfreuen wird.« Nachdem er hierauf seine Gäste eingeladen

hatte, ihn am folgenden Tage in Versailles zu besuchen und ihm das

Vergnügen zu verschaffen, ihnen seine Gebäude, seine Gemälde und seine

Anlagen zu zeigen, verabschiedete er sich ohne alle Ceremonien, wie ein

alter Freund.

Wenige Stunden darauf wurde dem königlichen Paare gemeldet, daß ihnen,

so lange sie dem Könige von Frankreich die Ehre erzeigen würden, seine

Gastfreundschaft anzunehmen, jährlich fünfundvierzigtausend Pfund

Sterling aus seinem Staatsschatze ausgezahlt werden sollten. Zehntausend

Pfund wurden zur ersten Einrichtung gesandt.

Viel rühmenswerther und bewundernswürdiger als Ludwig's Freigebigkeit

war jedoch die ausgezeichnete Delicatesse, mit der er sich bemühte, die

Gefühle seiner Gäste zu beruhigen und ihnen die fast unerträgliche Last

der Verbindlichkeiten, die er ihnen auflud, zu erleichtern. Er, der

bisher in allen Fragen des Vorrangs empfindlich, streitsüchtig und

anmaßend, der mehr als einmal bereit gewesen war, eher ganz Europa in

Krieg zu verwickeln, als in dem geringfügigsten Punkte der Etikette

nachzugeben, war jetzt übertrieben ängstlich, und zwar für seine Freunde

gegen sich selbst. Er gab Befehl, daß Marien alle Ehrfurchtsbezeigungen

zu Theil werden sollten, die seiner verstorbenen Gemahlin je erwiesen

worden waren. Es wurde die Frage aufgeworfen, ob die Prinzen des Hauses

Bourbon berechtigt seien, sich in Anwesenheit der Königin

niederzusetzen. Derartige Kleinigkeiten waren an dem alten französischen

Hofe sehr wichtige Dinge. Es ließen sich auf beiden Seiten

Precedenzfälle nachweisen; aber Ludwig entschied die Frage gegen sein

eignes Blut. Einige vornehme Damen unterließen die Ceremonie, den Saum

von Mariens Kleide zu küssen. Ludwig bemerkte die Unterlassung und rügte

sie in einem Tone und mit einem Blicke, daß diese ganze Pairie von nun

an bereit gewesen wäre, ihr den Fuß zu küssen. Als das so eben von

Racine geschriebene Schauspiel »Esther« in Saint-Cyr aufgeführt wurde,

hatte Marie den Ehrenplatz. Jakob saß ihr zur Rechten, Ludwig nahm

bescheiden zu ihrer Linken Platz. Ja er wünschte sogar, daß ein von

seiner Freigebigkeit lebender Verbannter in seinem eigenen Palaste den

Titel König von Frankreich führen, als König von Frankreich die Lilien

mit dem englischen Löwen vereinigen und sich als König von Frankreich

bei vorkommender Hoftrauer violett kleiden sollte.

Das Benehmen des französischen Adels bei feierlichen Anlässen wurde

durchaus vom Souverain geregelt; aber es lag außer dem Bereiche seiner

Macht, sie am freien Denken zu hindern und in Privatzirkeln ihre

Gedanken mit dem ihrer Nation und ihrem Stande eigenen feinen und

beißenden Witze auszudrücken. Ihre Meinung von Marien war eine günstige.

Sie fanden ihre persönliche Erscheinung einnehmend und ihre Haltung

würdevoll. Sie achteten ihren Muth und ihre Mutterliebe und beklagten

ihr Mißgeschick. Jakob aber verachteten sie gründlich. Sein Stumpfsinn,

die kalte Gleichgültigkeit, mit der er gegen Jedermann von seinem Sturze

sprach, und das kindische Vergnügen, das er an dem Pomp und Luxus von

Versailles fand, waren ihnen widerlich. Sie schrieben diese sonderbare

Apathie nicht der Philosophie oder Religiosität, sondern einem

beschränkten und niedrig denkenden Geiste zu und äußerten, daß Niemand

der die Ehre gehabt habe, Seine Großbritannische Majestät seine

Geschichte erzählen zu hören, sich darüber wundern könne, daß er in

Saint-Germains und sein Schwiegersohn in Saint-James war.[52]

[Anmerkung 52: Meine Mittheilungen über den Empfang Jakob's und

seiner Gemahlin in Frankreich sind namentlich den Briefen der Frau

von Sévigné und den Memoiren Dangeau's entnommen.]

[_Stimmung in den Vereinigten Provinzen._] In den Vereinigten Provinzen

war die durch die Nachrichten aus England verursachte Aufregung noch

größer als in Frankreich. Dies war der Zeitpunkt, wo der batavische Bund

den Höhepunkt seiner Macht und seines Ruhmes erreichte. Von dem Tage, an

welchem die Expedition absegelte, war die ganze holländische Nation in

ängstlicher Spannung. Nie waren die Kirchen so gefüllt, nie war die

Begeisterung der Prediger so glühend gewesen. Man konnte es nicht

verhindern, daß die Bewohner des Haag Albeville insultirten. Sein Haus

war Tag und Nacht von so dichten Volkshaufen belagert, daß fast Niemand

es wagte, ihn zu besuchen, und er fürchtete ernstlich, seine Kapelle

würde in Brand gesteckt werden.[53] Da jede Post Nachricht von dem immer

weiteren Vorschreiten des Prinzen brachte, stieg der Muth seiner

Landsleute mit jedem Augenblicke, und als es endlich bekannt wurde, daß

er auf Ansuchen der Lords und einer Versammlung ausgezeichneter Gemeinen

die ausübende Verwaltung übernommen hatte, brachen alle holländischen

Parteien in einen einstimmigen Ruf des Stolzes und der Freude aus. Es

wurde in aller Eil eine außerordentliche Gesandtschaft abgeschickt, um

ihn zu beglückwünschen. Dykvelt, dessen Beistand wegen seiner

diplomatischen Geschicklichkeit und seiner gründlichen Kenntniß des

englischen Staatswesens in diesem Augenblicke besonderen Werth hatte,

war einer der Abgesandten, und ihm war Nikolaus Witsen, ein

Bürgermeister von Amsterdam, beigegeben, welcher deshalb dazu auserwählt

worden zu sein scheint, um ganz Europa zu beweisen, daß die lange Fehde

zwischen dem Hause Oranien und der Hauptstadt Hollands zu Ende sei. Am

8. Januar erschienen Dykvelt und Witsen in Westminster. Wilhelm sprach

mit einer Offenheit und Herzlichkeit zu ihnen, die man in seinen

Unterredungen mit Engländern selten bemerkte. Seine ersten Worte waren:

»Nun, was sagen jetzt unsere Freunde in der Heimath?« In der That, der

einzige Beifall, der auf sein stoisches Gemüth einen tiefen Eindruck

machte, war der Beifall seines geliebten Vaterlandes. Von seiner großen

Popularität in England sprach er mit kalter Geringschätzung und

prophezeite nur zu wahr die wirklich eintretende Reaction. »Hier,« sagte

er, »ruft jetzt Alles Hosianna, und morgen wird man vielleicht rufen:

Kreuziget ihn!«[54]

[Anmerkung 53: Albeville an Preston, 23. Nov. (3. Dec.) 1688 in

der Mackintosh-Sammlung.]

[Anmerkung 54: +»'Tis hier nu Hosanna: maar 't zal, veelligt,

haast Kruist hem, kruist hem, zyn.«+ Witsen +MS.+ in Wagenaar,

Buch 61. Es ist ein sonderbares Zusammentreffen, daß einige Jahre

früher Richard Duke, ein ehedem wohlbekannter, jetzt aber fast

ganz vergessener toryistischer Dichter, den man höchstens noch aus

Johnson's biographischer Skizze kennt, ganz denselben Vergleich

auf Jakob anwendete:

»Ist's nicht der Judenpöbel, der einstmals geschrie'n

Hosianna erst und nachher kreuzigt ihn?«

+»The Review.«+

Depesche der außerordentlichen holländischen Gesandten vom 8.(18.)

Jan. 1689; Citters von dem nämlichen Datum.]

[_Wahl der Mitglieder zur Convention._] Am folgenden Tage wurden die

ersten Mitglieder der Convention gewählt. Die City von London machte den

Anfang und wählte ohne allen Widerstreit vier große Kaufleute, welche

eifrige Whigs waren. Der König und seine Anhänger hatten gehofft, daß

viele Wahlbeamten das Schreiben des Prinzen als ungültig betrachten

würden, aber seine Hoffnung wurde getäuscht. Die Wahlen gingen rasch und

ohne Hindernisse von Statten. Kaum an einem einzigen Orte gab es

Widerspruch. Denn die Nation war seit länger als einem Jahre in

beständiger Erwartung eines Parlaments gehalten worden. Es waren zweimal

Wahlschreiben erlassen und zweimal waren sie widerrufen worden. Einige

Wahlkörper waren in Folge dieser Ausschreiben schon zu der Wahl von

Abgeordneten geschritten. Es gab kaum eine Grafschaft, in der die Gentry

und die Freisassenschaft nicht schon vor vielen Monaten über Candidaten

einig gewesen wäre, lauter gute Protestanten, welche trotz König und

Lordlieutenant durchzubringen man keine Anstrengung gespart haben würde,

und diese Candidaten wurden ohne Opposition gewählt.

Der Prinz erließ strenge Befehle, daß kein Staatsdiener bei dieser

Gelegenheit jene Kunstgriffe anwenden solle, welche der vorigen

Regierung so viele Vorwürfe zugezogen hatten. Namentlich verfügte er,

daß in keiner Stadt, wo eine Wahl vor sich ging, Soldaten erscheinen

dürften.[55] Seine Bewunderer konnten rühmend behaupten und seine Feinde

scheinen nicht im Stande gewesen zu sein es zu leugnen, daß die

Gesinnung der Wahlkörper einen unverfälschten Ausdruck erhielt.

Allerdings wagte er auch nicht viel. Die ihm anhängende Partei war

siegreich, voll Begeisterung und energischer Lebenskraft, und die

Partei, von der allein er ernsten Widerstand zu fürchten gehabt hätte,

war uneinig und muthlos mit sich selbst und noch mehr mit ihrem

natürlichen Oberhaupte unzufrieden. Daher wählte ein großer Theil der

Grafschaften und Boroughs whiggistische Abgeordnete.

[Anmerkung 55: +London Gazette, Jan. 7. 1688/89.+]

[_Die Angelegenheiten Schottlands._] Wilhelm's Regentenautorität

erstreckte sich nicht auf England allein. Auch Schottland hatte sich

gegen seine Tyrannen erhoben. Alle regulären Soldaten, durch die es so

lange niedergehalten worden, waren mit Ausnahme einer sehr kleinen

Truppe, welche unter dem Commando des Herzogs von Gordon, eines

angesehenen katholischen Lords, die Besatzung des Schlosses von Edinburg

bildete, von Jakob zum Beistande gegen das holländische Invasionsheer

aufgeboten worden. Jede während des ereignißvollen Monats November nach

dem Norden gegangene Post hatte Nachrichten gebracht, welche die

Leidenschaften der bedrückten Schotten aufstachelten. So lange der

Ausgang der militairischen Operationen noch zweifelhaft war, gab es in

Edinburg Tumulte und Demonstrationen, welche drohender wurden, nachdem

Jakob sich von Salisbury zurückgezogen hatte. Große Volksmassen

versammelten sich anfangs bei Nacht, dann selbst am hellen Tage. Päpste

wurden öffentlich verbrannt, man rief laut nach einem freien Parlamente,

und Plakate wurden angeschlagen, welche auf die Köpfe der Staatsminister

Preise setzten. Der am meisten verhaßte unter diesen Ministern war

Perth, der den hohen Posten des Staatskanzlers bekleidete, in der

königlichen Gunst sehr hoch stand, vom reformirten Glauben abgefallen

war und in dem Gerichtsverfahren seines Vaterlandes zuerst die

Daumenschraube eingeführt hatte. Er war ein Mann ohne Energie und von

niedriger Denkweise; der einzige Muth, den er besaß, war der entehrende

Muth, welcher der Schande trotzt und die Qualen Anderer gleichgültig mit

ansieht. Sein Posten war zu solchen Zeiten an der Spitze des

Staatsrathes; aber er hatte nicht das Herz dazu und beschloß daher, sich

der Gefahr, die nach den Blicken und Äußerungen des wilden und

unerschrockenen Pöbels von Edinburg nicht fern war, dadurch zu

entziehen, daß er sich auf seinen Landsitz flüchtete. Eine starke Wache

begleitete ihn nach Schloß Drummond; kaum aber war er abgereist, so

erhob sich die Stadt. Eine kleine Anzahl Truppen versuchten es, den

Aufstand zu unterdrücken, aber sie wurden überwältigt. Der Palast

Holyrood, der in ein katholisches Seminar und in eine Staatsdruckerei

verwandelt worden war, wurde erstürmt und demolirt. Ungeheure Haufen von

papistischen Büchern, Rosenkränzen, Kruzifixen und Bildern wurden in

High Street verbrannt. Mitten in der Aufregung kam die Nachricht von der

Flucht des Königs. Die Mitglieder der Regierung gaben jeden Gedanken an

eine Bekämpfung der Volkswuth auf und wechselten mit einer bei den

schottischen Staatsmännern damals sehr gewöhnlichen Schnelligkeit die

Farbe. Der Geheime Rath erließ eine Verordnung des Inhalts, daß alle

Papisten entwaffnet werden sollten, und durch eine andre Proklamation

forderte er die Protestanten auf, sich zur Vertheidigung des reinen

Glaubens zusammenzuschaaren. Die Nation hatte nicht erst auf diesen

Aufruf gewartet; Stadt und Land standen schon für den Prinzen von

Oranien unter den Waffen. Nithisdale und Clydesdale waren die einzigen

Bezirke, in denen eine schwache Aussicht war, daß die Katholiken sich

widersetzen würden; aber beide Bezirke waren bald von Schaaren

bewaffneter Presbyterianer besetzt. Unter den Insurgenten befanden sich

einige heftige und finstre Männer, welche früher Argyle verleugnet

hatten und die jetzt eben so wenig von Wilhelm etwas wissen wollten.

Seine Hoheit, sagten sie, habe offenbar Böses im Sinne. Er habe in

seiner Erklärung kein Wort von dem Covenant erwähnt. Die Holländer wären

ein Volk, mit dem kein wahrer Diener des Herrn gemeinschaftliche Sache

machen würde. Sie hielten es mit den Lutheranern und ein Lutheraner sei

eben so gut ein Kind der Verdammniß wie ein Jesuit. Die allgemeine

Stimme des Königreichs erstickte jedoch wirksam das Murren dieser

haßschnaubenden Faction.[56]

Die Bewegung verbreitete sich bald bis in die Gegend des Schlosses

Drummond. Perth sah, daß er unter seinen eigenen Dienern und Pächtern

nicht mehr sicher war. Er überließ sich daher einer eben so trostlosen

Verzweiflung, als in welche seine unbarmherzige Tyrannei oft viel

bessere Menschen als er war, gestürzt hatte. In seiner Todesangst suchte

er Trost in den Gebräuchen seiner neuen Kirche. Er quälte seine Priester

um geistlichen Zuspruch, betete, beichtete und communicirte; aber sein

Glaube war schwach und er gestand, daß trotz aller seiner

Andachtsübungen die Todesfurcht ihn überwältige. Um diese Zeit erfuhr

er, daß er Aussicht hatte, auf einem vor Brentisland liegenden Schiffe

zu entkommen. Er verkleidete sich so gut als möglich und nach einer

langen und beschwerlichen Reise über die ungangbaren Pfade des damals

mit tiefem Schnee bedeckten Ochillgebirges gelang es ihm sich

einzuschiffen; aber trotz aller beobachteten Vorsicht war er erkannt und

Lärm gemacht worden. Sobald es bekannt wurde, daß der blutdürstige

Renegat sich auf der See befinde, und daß er Gold bei sich habe, waren

ihm von Haß und Habgier erfüllte Verfolger auf den Fersen. Ein von einem

alten Freibeuter befehligtes Boot holte das fliehende Schiff ein und

enterte es. Perth, der Frauenkleider angelegt hatte, wurde aus dem

Kielraume aufs Verdeck geschleppt, ausgezogen, gemißhandelt und

geplündert. Man setzte ihm Bajonnette auf die Brust. Mit weibischem

Gejammer um Schonung seines Lebens flehend wurde er ans Land

zurückgebracht und in die Frohnfeste von Kirkaldy geworfen. Von dort

wurde er auf Befehl des Geheimen Raths, dem er kürzlich noch präsidirt

hatte und in welchem Männer saßen, die seine Schuld theilten, nach dem

Schlosse Stirling transportirt. Es war an einem Sonntage während des

öffentlichen Gottesdienstes, als er unter militairischer Eskorte in sein

Gefängniß abgeführt wurde; aber selbst strenge Puritaner vergaßen die

Heiligkeit des Tages und des Gottesdienstes. Die Andächtigen verließen

die Kirchen, als der Tyrann vorüberkam und laute Drohungen,

Verwünschungen und Ausbrüche des Hasses begleiteten ihn bis an den

Eingang seines Gefängnisses.[57]

Mehrere angesehene Schotten befanden sich in London, als der Prinz

daselbst ankam, und viele andere eilten jetzt dahin, um ihm ihre

Aufwartung zu machen. Am 7. Januar ersuchte er sie, sich ihm in

Whitehall vorzustellen. Die Versammlung war zahlreich und bestand aus

sehr achtbaren Männern. An der Spitze des Zuges erblickte man den Herzog

von Hamilton und seinen ältesten Sohn, den Earl von Arran, die

Oberhäupter eines Hauses von fast königlichem Ansehen. Sie waren

begleitet von dreißig Lords und ungefähr achtzig angesehenen Gentlemen.

Wilhelm sprach den Wunsch aus, daß sie sich mit einander berathen und

ihm dann sagen möchten, wie er das Wohl ihres Landes am besten fördern

könnte. Dann entfernte er sich, damit sie, durch seine Anwesenheit nicht

beengt, sich mit einander besprechen konnten. Sie gingen in das

Berathungszimmer und übertrugen dem Herzoge von Hamilton den Vorsitz.

Obgleich nur wenig Meinungsverschiedenheit stattgefunden zu haben

scheint, dauerten die Verhandlungen doch drei Tage, ein Umstand, der

sich durch Sir Patrick Hume's Betheiligung an der Debatte genügend

erklären läßt. Arran wagte es, eine Unterhandlung mit dem Könige

vorzuschlagen. Dieser Antrag aber wurde von seinem Vater und von der

ganzen Versammlung übel aufgenommen und fand gar keine Unterstützung.

Endlich wurden Beschlüsse gefaßt, ganz ähnlich denen, welche die

englischen Lords und Gemeinen einige Tage vorher dem Prinzen überreicht

hatten. Er wurde ersucht, eine Convention der schottischen Stände

einzuberufen, ihren Zusammentritt auf den 14. März zu bestimmen und bis

zu diesem Tage die Civil- und Militairverwaltung selbst zu übernehmen.

Er kam diesen Wünschen nach und die Regierung der ganzen Insel war von

nun an in seinen Händen.[58]

[Anmerkung 56: +Sixth Collection of Papers, 1689+; +Wodrow, III.

12. 4. App. 150, 151; Faithful Contendings Displayed+; +Burnet, I.

804.+]

[Anmerkung 57: Perth an Lady Errol, 29. Dec. 1688; an Melfort, 21.

Dec. 1688: +Sixth Collection of Papers, 1689.+]

[Anmerkung 58: +Burnet, I. 805+; +Sixth Collection of Papers,

1689.+]

[_Stand der Parteien in England._] Der entscheidende Augenblick rückte

heran und die Aufregung der Gemüther stieg auf den Höhepunkt. Kleine

Clubs von Politikern steckten überall flüsternd und berathend die Köpfe

zusammen. Die Kaffeehäuser waren in heftiger Gährung, und die Pressen

der Hauptstadt standen keine Minute still. Von den damals erschienenen

Flugschriften könnte man noch jetzt mehrere Bände füllen und man kann

sich aus diesen Flugschriften unschwer eine richtige Vorstellung von dem

Stande der Parteien bilden.

Eine sehr kleine Faction wollte Jakob ohne irgend eine Bedingung

zurückrufen. Eine andre, ebenfalls sehr kleine Faction wünschte eine

Republik zu errichten und die Verwaltung einem Staatsrathe unter der

Präsidentschaft des Prinzen von Oranien zu übertragen. Diese extremen

Meinungen wurden jedoch allgemein mit Abscheu verworfen. Die Nation

bestand zu Neunzehn Zwanzigsteln aus Leuten, welche mit der Liebe zur

erblichen Monarchie die Liebe zur constitutionellen Freiheit verbanden,

wenn auch nicht alle in gleichem Verhältnisse, und die von der

gänzlichen Abschaffung des Königstitels eben so wenig etwas wissen

wollten, als von der unbedingten Wiedereinsetzung des Königs.

Doch in der weiten Entfernung, welche die noch den Lehren Filmer's

anhängenden Bigotten von den Schwärmern trennte, die noch an die

Verwirklichung der Träume Harrington's dachten, war Raum für viele

Meinungsschattirungen. Läßt man die unwichtigen Unterabtheilungen

unberücksichtigt, so wird man finden, daß die große Majorität der Nation

und der Convention in vier Abtheilungen zerfiel. Drei von diesen

Abtheilungen bestanden aus Tories und die vierte bildete die Whigpartei.

Die Freundschaft zwischen den Whigs und Tories hatte die Gefahr, welche

sie erzeugt, nicht überdauert. Während des Marsches des Prinzen aus dem

Westen hatten sich bei verschiedenen Gelegenheiten Spaltungen unter

seinen Anhängern gezeigt. So lange der Ausgang seines Unternehmens noch

zweifelhaft war, hatte seine geschickte Leitung diese Zerwürfnisse ohne

Mühe geschlichtet. Aber von dem Tage seines triumphirenden Einzugs in

den St. Jamespalast an war eine solche Leitung nicht mehr möglich. Indem

sein Sieg die Nation von der Furcht vor papistischer Tyrannei befreite,

hatte er ihm zugleich die Hälfte seines Einflusses entzogen. Alte

Antipathien, welche geschlummert hatten, so lange die Bischöfe im Tower

und die Jesuiten im Staatsrathe saßen, so lange loyale Geistliche zu

Dutzenden ihres Lebensunterhalts beraubt und loyale Gentlemen zu

Hunderten ihres Friedensrichteramtes entsetzt wurden, erwachten jetzt

mit erneuter Heftigkeit wieder. Der Royalist schauderte bei dem

Gedanken, daß er mit allen Denen verbündet sei, die er von Jugend auf am

meisten gehaßt habe: mit ehemaligen Anführern der Parlamentsarmee, die

sein Landhaus erstürmt, mit ehemaligen Parlamentscommissaren, die sein

Vermögen sequestrirt hatten, mit Männern, welche das Ryehouse-Gemetzel

angestiftet und an der Spitze der Insurrection im Westen gestanden

hatten. Auch die theure Kirche, der zu Liebe er nach einem qualvollen

Kampfe seine Unterthanentreue gegen den Thron gebrochen, war sie

wirklich in Sicherheit? Oder hatte er sie von einem Feinde befreit, nur

um sie einem andren preis zu geben? Allerdings waren die papistischen

Priester in der Verbannung, in Verstecken oder im Gefängniß. Kein Jesuit

oder Benedictiner, dem sein Leben lieb war, wagte es jetzt, sich in

seiner Ordenstracht zu zeigen. Aber die Presbyterianer- und

Independentenprediger zogen in langer Procession zu dem Oberhaupte der

Regierung, um ihm ihre Huldigung darzubringen und wurden eben so

freundlich empfangen, wie die wahren Nachfolger der Apostel. Einige

Schismatiker sprachen die Hoffnung aus, daß bald jede Schranke, die sie

von geistlichen Ämtern ausschlösse, fallen werde, daß die Artikel

gemildert, die Liturgie gesichtet, daß Weihnachten aufhören werde ein

Fest, der Charfreitag ein Fasttag zu sein, daß Canonici, deren Haupt nie

ein Bischof berührt, ohne das heilige Gewand von weißen Linnen in den

Chören der Kathedralen das Brot und den Wein des Abendmahls an auf

Bänken sitzende Communicanten austheilen werden. Der Prinz war zwar kein

fanatischer Presbyterianer, aber höchstens ein Latitudinarier. Er trug

kein Bedenken, nach anglikanischem Ritus zu communiciren, aber es war

ihm auch gleichgültig, nach welchem Ritus andere Leute communicirten. Es

stand zu befürchten, daß seine Gemahlin nur zuviel von seinem Geiste

eingesogen hatte. Burnet war ihr Gewissensrath; sie hörte Prediger von

verschiedenen protestantischen Secten, und hatte unlängst geäußert, daß

sie zwischen der Kirche Englands und den anderen reformirten Kirchen

keinen wesentlichen Unterschied erblicke.[59] Es war daher nothwendig,

daß die Kavaliere in diesem Augenblicke das von ihren Vätern im Jahre

1641 gegebene Beispiel befolgten, sich von den Rundköpfen und Sectirern

trennten und trotz aller Fehler des erblichen Monarchen die Sache der

erblichen Monarchie aufrecht erhielten.

Die von solchen Gesinnungen beseelte Partei war zahlreich und

achtungswerth. Sie schloß ungefähr die Hälfte des Hauses der Lords, etwa

ein Drittel des Hauses der Gemeinen, die Mehrheit der Landgentry und

mindestens neun Zehntel der Geistlichkeit in sich; aber sie war durch

Spaltungen zerrissen und auf allen Seiten von Schwierigkeiten umgeben.

[Anmerkung 59: Albeville, 9.(19.) Nov. 1688.]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11) · 第 20 / 26 段