getroffen. Am Samstag Abend, den Zweiundzwanzigsten, versicherte der
König einigen von den Herren, welche von London aus mit Nachricht und
gutem Rathe zu ihm gesandt worden, daß er sie am folgenden Morgen
wiedersehen werde. Er legte sich zu Bett, stand mitten in der Nacht auf,
stahl sich in Begleitung Berwick's durch eine Hinterthür fort und ging
durch den Garten bis ans Ufer des Medway. Hier erwartete ihn ein kleines
Boot. Bald nach Tagesanbruch befanden sich die Flüchtlinge am Bord einer
Schmacke, welche die Themse hinab fuhr.[41]
Am Nachmittag gelangte die Nachricht von der Flucht nach London. Die
Anhänger des Königs waren ganz bestürzt, während die Whigs ihre Freude
nicht verhehlen konnten. Die gute Nachricht ermuthigte den Prinzen zu
einem kühnen und wichtigen Schritte. Er hatte erfahren, daß die
französische Gesandtschaft mit der ihm feindlich gesinnten Partei
fortwährende Communication unterhielt. Man wußte sehr wohl, daß diese
Gesandtschaft sich vortrefflich auf alle Verführungskünste verstand, und
es unterlag kaum einem Zweifel, daß bei einer solchen Gelegenheit weder
Ränke noch Goldstücke gespart werden würden. Barillon wollte gar zu gern
noch einige Tage in London bleiben, und zu dem Ende ließ er kein Mittel
unversucht, um die siegreiche Partei zu versöhnen. Auf den Straßen
beruhigte er den Pöbel, der zornige Blicke auf seine Equipage warf,
dadurch, daß er ihm Geld zuwarf. An seiner Tafel trank er öffentlich auf
das Wohl des Prinzen von Oranien. Wilhelm aber ließ sich dadurch nicht
bethören. Er hatte zwar die Ausübung der königlichen Autorität noch
nicht auf sich genommen, aber er war commandirender General und als
solcher nicht verbunden, einen Mann, den er als einen Spion betrachtete,
innerhalb des von ihm militairisch besetzten Gebietes zu dulden. Noch
vor dem Ende des Tages erhielt Barillon die Weisung, daß er England
binnen vierundzwanzig Stunden verlassen müsse. Er bat dringend um einen
kurzen Aufschub, aber die Minuten waren kostbar, der Befehl wurde in
noch bestimmteren Ausdrücken wiederholt und er reiste mit Widerstreben
nach Dover ab. Um kein Zeichen von Geringschätzung und Trotz zu
unterlassen, wurde er durch einen seiner protestantischen Landsleute,
den die Verfolgung ins Exil getrieben, bis an die Küste begleitet. Der
Ehrgeiz und die Anmaßung Frankreichs hatte so bitteren Groll erregt, daß
selbst diejenigen Engländer, welche im Allgemeinen nicht geneigt waren,
Wilhelm's Verhalten mit günstigem Auge zu betrachten, ihm lauten Beifall
dafür zollten, daß er dem Übermuth, mit dem Ludwig viele Jahre hindurch
alle europäischen Höfe behandelt hatte, so herzhaft entgegentrat.[42]
[Anmerkung 41: Clarendon's Diary. Dec. 23. 1638; Clarke's Life of
James, II. 271, 273, 274. Orig. Mem.]
[Anmerkung 42: Citters, 1.(11.) Jan. 1689; Witsen's Handschr.
angeführt von Wagenaar, Buch 60.]
[_Berathungen und Beschlüsse der Lords._] Am Montag versammelten sich
die Lords wieder. Halifax wurde zum Präsidenten gewählt. Der Primas war
abwesend, die Royalisten traurig und muthlos, die Whigs heiter und guter
Dinge. Es war bekannt, daß Jakob einen Brief zurückgelassen hatte.
Einige von seinen Freunden stellten in der schwachen Hoffnung, daß der
Brief vielleicht Vorschläge enthielt, welche als Grundlage zu einem
gütlichen Abkommen dienen konnten, den Antrag ihn vorzulegen. Über
diesen Antrag wurde abgestimmt und er wurde angenommen. Godolphin, der
keineswegs als ein Feind seines ehemaligen Gebieters bekannt war, sprach
einige Worte, welche den Ausschlag gaben. »Ich habe das Schreiben
gesehen,« sagte er, »und muß Ihnen zu meinem Bedauern bemerken, daß es
nichts enthält, was Eure Herrlichkeiten irgend zufriedenstellen könnte.«
Es enthielt in der That keine Äußerung von Bedauern über frühere Fehler;
es gab keiner Hoffnung Raum, daß diese Fehler in Zukunft vermieden
werden würden, und es wälzte die Schuld an allem Geschehenen auf die
Böswilligkeit Wilhelm's und auf die Blindheit des Volks, das sich durch
die schimmernden Worte Religion und Eigenthum habe bethören lassen.
Niemand wagte den Vorschlag zu machen, daß Unterhandlungen mit einem
Fürsten eingeleitet werden möchten, den die härteste Schule des Unglücks
nur hartnäckiger im Unrecht gemacht zu haben schien. Es war die Rede von
einer Untersuchung der Geburt des Prinzen von Wales; aber die
whiggistischen Peers behandelten diesen Vorschlag mit Geringschätzung.
»Ich hätte nicht erwartet, Mylords,« rief Philipp, Lord Wharton, ein
alter Rundkopf, der bei Edgehill gegen Karl I. ein Regiment commandirt
hatte, »daß unter den gegenwärtigen Umständen Jemand das Kind erwähnen
würde, das Prinz von Wales genannt worden ist, und ich hoffe, es wird
zum letzten Male von ihm die Rede gewesen sein.« Nach langer Berathung
wurden zwei Adressen an Wilhelm beschlossen. Die eine ersuchte ihn, die
Leitung der Regierung provisorisch zu übernehmen; die andre rieth ihm,
durch eigenhändig unterzeichnete Rundschreiben alle Wahlkörper des
Reichs zur Absendung von Vertretern nach Westminster aufzufordern. Zu
gleicher Zeit nahmen die Peers es auf sich, eine Verordnung zu erlassen,
welche alle Papisten, mit Ausnahme einiger weniger bevorzugter Personen,
aus London und dessen nächster Umgebung verwies.[43]
Die Lords überreichten ihre Adressen dem Prinzen am folgenden Tage, ohne
den Ausgang der Berathungen der von ihm einberufenen Gemeinen zu
erwarten. Es scheint in der That, als ob der erbliche Adel in diesem
Augenblicke um die Aufrechthaltung seines Ansehens sehr besorgt gewesen
wäre und keine Lust gehabt hätte, einer Versammlung, von der das Gesetz
nichts wußte, eine ebenbürtige Autorität zuzugestehen. Sie hielten sich
für ein ächtes Haus der Lords; die andre Kammer aber verachteten sie als
ein bloß nachgemachtes Haus der Gemeinen. Wilhelm lehnte es jedoch
wohlweislich ab einen Entschluß zu fassen, bevor er sich von der Ansicht
derjenigen Gentlemen überzeugt haben würde, welche früher mit den
Vertrauen der Grafschaften und Städte Englands beehrt worden waren.[44]
[Anmerkung 43: +Halifax's notes+; +Landsdown MS. 255+;
+Clarendon's Diary, Dec. 24. 1688+; +London Gazette, Dec. 31.+]
[Anmerkung 44: Citters, 25. Dec. (4. Jan.) 1688/89.]
[_Verhandlungen und Beschlüsse der von dem Prinzen einberufenen
Gemeinen._] Die einberufenen Gemeinen kamen in der St. Stephanskapelle
zusammen und bildeten eine zahlreiche Versammlung. Sie ernannten zu
ihrem Präsidenten Heinrich Powle, welcher Cirencester in mehreren
Parlamenten vertreten und sich unter den Vertheidigern der
Ausschließungsbill hervorgethan hatte.
Es wurden ähnliche Adressen wie die von den Lords bereits überreichten
beantragt und angenommen. In keiner wichtigen Frage zeigte sich eine
Meinungsverschiedenheit und einige schwache Versuche, über formelle
Punkte eine Debatte zu eröffnen, wurden durch die allgemeine Verachtung
vereitelt. Sir Robert Sawyer erklärte, er könne nicht begreifen, wie der
Prinz ohne einen unterscheidenden Titel, wie Regent oder Protektor, die
Regierung verwalten könne. Der greise Maynard, der als Jurist seines
Gleichen nicht hatte und dabei ein mit der Taktik der Revolutionen wohl
vertrauter Staatsmann war, versuchte es gar nicht, seinen Unwillen über
einen so kindischen Einwand zu verhehlen, der in einem Augenblicke
erhoben wurde, wo einmüthiges und rasches Handeln von der größten
Wichtigkeit waren. »Wir werden sehr lange hier sitzen,« sagte er, »wenn
wir warten wollen, bis Sir Robert begreifen kann, wie so etwas möglich
ist.« Die Versammlung hielt diese Antwort der Krittelei ganz
entsprechend.[45]
[Anmerkung 45: Der Urheber dieses Einwandes wurde in damaligen
Büchern und Pamphlets nur mit den Anfangsbuchstaben seines Namens
bezeichnet und diese wurden zuweilen mißverstanden. Eachard
schrieb die Krittelei Sir Robert Southwell zu; ich bin aber fest
überzeugt, daß Oldmixon ganz Recht hat, wenn er sie Sawyer in den
Mund legt.]
[_Eine Convention berufen._] Die Beschlüsse der Versammlung wurden dem
Prinzen mitgetheilt. Er erklärte sogleich seinen Entschluß, dem
vereinten Ansuchen der von ihm einberufenen beiden Kammern zu
entsprechen, Ausschreiben zur Einberufung einer Convention der Stände
des Reichs zu erlassen und bis zum Zusammentritt dieser Convention die
ausübende Verwaltung selbst zu übernehmen.[46]
[Anmerkung 46: +History of the Desertion+; +Life of William,
1703+; Citters, 28. Dec. (7. Jan.) 1688/89.]
[_Bemühungen des Prinzen zur Herstellung der Ordnung._] Er hatte sich
keine leichte Aufgabe vorgenommen. Die ganze Regierungsmaschine war in
Unordnung. Die Friedensrichter hatten ihre Functionen eingestellt. Die
Finanzbeamten hatten aufgehört, Steuern zu erheben. Die von Feversham
aufgelöste Armee war noch immer in Verwirrung und zur Empörung bereit.
Die Flotte befand sich in einem kaum weniger beunruhigenden Zustande.
Die bürgerlichen und militairischen Diener der Krone hatten bedeutende
Soldrückstande zu fordern und im Staatsschatze befanden sich nur noch
vierzigtausend Pfund. Der Prinz ging mit Energie an die
Wiederherstellung der Ordnung. Er erließ eine Proklamation, durch welche
alle Magistratspersonen in ihren Ämtern bestätigt wurden, und eine
andre, welche Anordnungen zur Erhebung der Staatseinkünfte enthielt.[47]
Die Reorganisation der Armee wurde rasch betrieben. Viele von den
Kavalieren und Gentlemen, welche Jakob des Kommandos englischer
Regimenter enthoben hatte, wurden wieder angestellt. Auch wurden Mittel
und Wege gefunden, um die Tausende von irländischen Soldaten, welche
Jakob nach England hatte kommen lassen, zu verwenden. In einem Lande, wo
sie dem religiösen und nationalen Hasse preisgegeben waren, konnten sie
nicht bleiben. Eben so wenig durfte man sie in ihre Heimath
zurücksenden, wo sie Tyrconnel's Armee verstärkt haben würden. Man
beschloß daher, sie auf den Continent zu schicken, wo sie unter den
Fahnen des Hauses Österreich der englischen Verfassung und der
protestantischen Religion indirecte, aber wirksame Dienste leisten
konnten. Dartmouth wurde seines Commando's enthoben und die Seemacht
durch das bestimmte Versprechen gewonnen, daß jeder Matrose so bald als
möglich seinen rückständigen Sold erhalten solle. Die City von London
nahm es auf sich, den Prinzen aus seiner finanziellen Verlegenheit zu
reißen. Der Gemeinderath verpflichtete sich durch ein einstimmiges
Votum, ihm zweimalhunderttausend Pfund zu verschaffen. Es wurde als ein
großer Beweis von dem Reichthume und dem Gemeinsinne der londoner
Kaufmannschaft betrachtet, daß binnen achtundvierzig Stunden die ganze
Summe ohne ein andres Unterpfand als das Wort des Prinzen eingezahlt
wurde. Wenige Wochen zuvor war Jakob nicht im Stande gewesen, eine viel
kleinere Summe aufzubringen, obgleich er höhere Zinsen bot und
werthvolles Eigenthum verpfänden wollte.[48]
[Anmerkung 47: +London Gazette, Jan. 3, 7. 1688/89.+]
[Anmerkung 48: +London Gazette, Jan. 10, 17. 1688/89; Luttrell's
Diary+; Legge-Papiere; Citters, 1.(11.), 4.(14.), 11.(21.) Jan.
1689; Ronquillo, 15.(21.) Jan., 23. Febr. (5. März); Berathung des
spanischen Staatsrathes vom 26. März (5. April).]
[_Seine tolerante Politik._] In sehr wenigen Tagen war die Unordnung,
welche die Invasion, die Aufstände, die Flucht Jakob's und das Aufhören
aller regelmäßigen Verwaltung herbeigeführt hatten, zu Ende und das
Königreich hatte wieder sein gewohntes Aussehen angenommen. Ein
allgemeines Gefühl von Sicherheit war zurückgekehrt. Selbst diejenigen
Stände, auf welche der öffentliche Haß vorzugsweise gerichtet war und
die am meisten Ursache hatten, eine Verfolgung zu befürchten, wurden
durch die weise Milde des Siegers beschützt. Leute, welche in die
gesetzwidrigen Handlungen der vorigen Regierung tief verwickelt gewesen
waren, gingen nicht nur unangefochten einher, sondern traten sogar als
Candidaten für Sitze in der Convention auf. Mulgrave wurde im St.
Jamespalaste nicht ungnädig empfangen. Feversham wurde seiner Haft
entlassen und ihm gestattet, das einzige Amt zu verwalten, dem er
gewachsen war: das eines Bankhalters am Bassettische der Königin Wittwe.
Doch Niemand hatte so viel Ursache, Wilhelm dankbar zu sein, als die
Katholiken. Es würde nicht rathsam gewesen sein, die strengen
Verordnungen, welche die Peers gegen die Bekenner eines von der ganzen
Nation verabscheuten Glaubens erlassen hatten, förmlich aufzuheben;
durch die Klugheit und Menschlichkeit des Prinzen aber wurden diese
Verordnungen praktisch nicht angewendet. Auf seinem Marsche von Torbay
nach London hatte er Befehl gegeben, daß an den Personen oder Wohnungen
von Papisten durchaus keine Gewaltthätigkeiten verübt werden sollten.
Diesen Befehl erneuerte er jetzt und wies Burnet an, auf strengste
Befolgung desselben zu sehen. Eine glücklichere Wahl hätte er nicht
treffen können, denn Burnet war ein so edelmüthiger und gutherziger
Mann, daß sein Herz stets in warmer Theilnahme für Unglückliche schlug,
und sein Haß gegen das Papstthum bot zugleich auch den eifrigsten
Protestanten hinreichende Gewähr dafür, daß die Interessen ihrer
Religion in seinen Händen wohl aufgehoben waren. Er hörte die Klagen der
Katholiken freundlich an, verschaffte Denen, die über das Meer gehen
wollten, Pässe und besuchte selbst in Newgate die dort gefangensitzenden
Prälaten. Er gab Befehl, daß sie in ein bequemeres Zimmer versetzt und
ihnen jede mögliche Erleichterung verschafft werden sollte. Er gab ihnen
die feierliche Versicherung, daß ihnen kein Haar gekrümmt werden und daß
der Prinz, sobald er es wagen könnte, nach seinen Wünschen zu handeln,
sie in Freiheit setzen würde. Der spanische Gesandte meldete seinem
Hofe, und durch seinen Hof dem Papste, daß kein Katholik wegen der
letzten englischen Revolution Gewissensscrupel zu hegen brauche, daß
Jakob allein für die Gefahren, denen die Mitglieder der wahren Kirche
ausgesetzt wären, verantwortlich sei und daß Wilhelm allein sie vor
einer blutigen Verfolgung gerettet habe.[49]
[Anmerkung 49: +Burnet, I. 802+; Ronquillo, 2.(12.) Jan., 8.(18.)
Febr. 1689. Die Originale dieser Depeschen wurden mir durch die
Gefälligkeit der verstorbenen Lady Holland und des gegenwärtigen
Lord Holland mitgetheilt. Aus der letzten will ich einige Worte
anführen. +»La tema de S. M. Britanica à seguir imprudentes
consejos perdió á los Catolicos aquella quietud en que les dexo
Carlos segundo. V. E. asegure á su Santidad que mas sacaré del
Principe para los Catolicos que pudiera sacra del Rey.«+]
[_Zufriedenheit der katholischen Mächte._] In Folge dessen war die
Befriedigung, mit der die Fürsten des Hauses Österreich und der Papst
erfuhren, daß die langjährige Abhängigkeit Englands zu Ende sei,
ziemlich ungetrübt. Als es in Madrid bekannt wurde, daß Wilhelm dem
glücklichen Erfolge seines Unternehmens entgegenging, sprach nur eine
einzige Stimme im spanischen Staatsrathe schüchtern sein Bedauern
darüber aus, daß ein vom politischen Standpunkte betrachtet höchst
erfreuliches Ereigniß den Interessen der wahren Kirche nachtheilig
werden müsse.[50] Aber die tolerante Politik des Prinzen zerstreute bald
alle Besorgnisse und die bigotten Granden Castiliens betrachteten seine
Erhebung fast mit eben so großer Befriedigung, als die englischen Whigs.
[Anmerkung 50: Am 13.(23.) Dec. 1688 gab der Admiral von Castilien
seine Meinung folgendermaßen ab: +»Esta materia es de calidad que
no puede dexar de padecer nuestra sagrada religion ó el servicio
de V. M.; porque, si el Principe de Orange tiene buenos succesos,
nos aseguraremos de Franceses, pero peligrarà la religion.«+ Der
Staatsrath wurde am 16.(26.) Februar sehr erfreut durch ein
Schreiben des Prinzen, in welchem er versprach, +»que los
Catolicos que se portaren con prudencia no sean molestados, y
gocen libertad di conciencia, por ser contra su dictamen el forzar
ni castigar por esta ràzon à nadie.«+]
[_Stimmung in Frankreich._] Mit ganz anderen Gefühlen war die Nachricht
von der großen Revolution in Frankreich aufgenommen worden. Die Politik
einer langen, ereignißreichen und ruhmvollen Regierung war in einem Tage
über den Haufen geworfen worden. England war wieder das England der
Elisabeth und Cromwell's und alle Beziehungen zu sämmtlichen Staaten der
Christenheit wurden durch die plötzliche Einführung dieser neuen Macht
in das System völlig verändert. Die Pariser sprachen von nichts als von
den Vorgängen in London. Nationale und religiöse Gefühle bewogen sie,
für Jakob Partei zu nehmen. Sie kannten die englische Verfassung nicht,
sie verabscheuten die englische Kirche und unsre Revolution erschien
ihnen nicht als der Sieg der öffentlichen Freiheit über den Despotismus,
sondern als eine grauenvolle Familientragödie, in der ein ehrwürdiger
und frommer Servius durch einen Tarquin vom Throne gestürzt und unter
den Wagenrädern einer Tullia zermalmt wurde. Sie schrien Zeter über die
treulosen Heerführer, verwünschten die unnatürlichen Töchter und
betrachteten Wilhelm mit einem heftigen Widerwillen, der jedoch durch
die Achtung, welche Tapferkeit, Genie und Erfolg fast immer erwecken,
gemildert wurde.[51] Die Königin, dem Nachtwind und Regen ausgesetzt,
den unmündigen Erben dreier Kronen an die Brust drückend und der von
rohen Buben angehaltene, beraubte und gemißhandelte König waren in ganz
Frankreich Gegenstände des Mitleids und der romanhaften Theilnahme.
Ludwig aber betrachtete das Unglück des Hauses Stuart mit ganz besonders
lebhaftem Mitgefühl. Alle egoistischen und alle edlen Seiten seines
Characters wurden gleichmäßig erregt. Nach langen Jahren des Glücks traf
ihn endlich ein großes Unglück. Er hatte auf die Unterstützung oder
Neutralität Englands gerechnet; jetzt hatte er von diesem Lande nichts
mehr als energische und beharrliche Feindseligkeit zu erwarten. Noch
wenige Wochen zuvor hätte er nicht mit Unrecht hoffen können, Flandern
zu unterjochen und Deutschland Gesetze zu geben. Jetzt konnte er froh
sein, wenn er im Stande war, seine eigenen Grenzen gegen einen
Staatenbund zu vertheidigen, wie ihn Europa seit vielen Menschenaltern
nicht mehr gesehen hatte. Nichts konnte ihn aus dieser ganz neuen
beunruhigenden Lage reißen, als eine Contrerevolution oder ein
Bürgerkrieg auf den britischen Inseln. Ehrgeiz und Furcht bestimmten ihn
daher, sich der gestürzten Dynastie anzunehmen. Man muß ihm jedoch die
Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß auch edlere Motive als Ehrgeiz und
Furcht ihn bei seinem Verfahren leiteten. Er besaß von Natur ein
mitfühlendes Herz und der vorliegende Fall mußte nothwendig sein ganzes
Mitgefühl erregen. Nur seine Stellung hatte die volle Entwickelung
seiner guten Charactereigenschaften verhindert. Bei großer Ungleichheit
der Standesverhältnisse wird selten ein starkes Mitgefühl aufkommen
können, und er stand so hoch über der großen Masse seiner Nebenmenschen,
daß ihre Drangsale nur geringe Theilnahme in ihm erweckten, ähnlich der,
mit der wir die Leiden niederer Geschöpfe, eines verhungerten Vogels
oder eines abgetriebenen Pferdes betrachten. So hatte die Verwüstung der
Pfalz und die Verfolgung der Hugenotten kein theilnehmendes Gefühl in
ihm erregt, das nicht durch Stolz und Bigotterie wirksam unterdrückt
worden wäre. Aber die ganze Sympathie, deren er fähig war, wurde durch
das Unglück eines großen Königs erweckt, der noch vor wenigen Wochen von
knieenden Lords bedient worden und der jetzt ein verlassener Verbannter
war. Mit dieser Rührung verband sich im Herzen Ludwig's eine nicht
unedle Eitelkeit. Er wollte der Welt ein Beispiel von Großmuth und
Artigkeit geben. Er wollte der Menschheit zeigen, wie sich ein
vollendeter Edelmann in der höchsten Stellung und bei der wichtigsten
Veranlassung benehmen müsse, und sein Benehmen zeichnete sich in der
That durch ritterliche Großmuth und Urbanität aus, wie sie die
Geschichtsbücher Europa's nicht wieder geziert hatten, seitdem der
schwarze Prinz beim Souper auf dem Schlachtfelde von Poitiers hinter dem
Stuhle König Johann's gestanden.
[Anmerkung 51: In dem Kapitel von La Bruyère unter der
Überschrift: +Sur les Jugemens+, kommt eine Stelle vor, welche
gelesen zu werden verdient, weil sie zeigt, in welchem Lichte
unsre Revolution einem Franzosen von ausgezeichneten Fähigkeiten
erschien.]
[_Empfang der Königin von England in Frankreich._] Sobald die Nachricht
von der Landung der Königin von England an der französischen Küste nach
Versailles kam, wurde ein Palast für sie in Bereitschaft gebracht.
Equipagen und Garden wurden zu ihrer Verfügung abgesandt. Arbeiter
wurden angestellt, um die Straße von Calais auszubessern, damit ihr die
Reise möglichst erleichtert werde. Lauzun erhielt nicht nur die
Zusicherung, daß ihm seine früheren Vergehen um ihretwillen vergeben
sein sollten, sondern er wurde überdies mit einem eigenhändigen gnädigen
Schreiben von Ludwig beehrt. Marie war schon auf dem Wege nach dem
französischen Hofe, als sie die Nachricht erhielt, daß ihr Gemahl nach
einer stürmischen Überfahrt glücklich bei dem kleinen Dorfe Ambleteuse
gelandet war. Einige Personen von hohem Range wurden sogleich von
Versailles abgesandt, um ihn zu begrüßen und zu begleiten. Unterdessen
brach Ludwig selbst mit seiner Familie und seinem höchsten Adel auf, um
die verbannte Königin mit Gepränge zu empfangen. Vor seiner prachtvollen
Staatscarosse marschirten die schweizer Hellebardiere. Zu beiden Seiten
und hinter derselben ritt die Leibgarde mit klingendem Spiel. Der
glänzendste Adel von Europa folgte dem Könige mit hundert sechsspännigen
Equipagen; Alles strotzte von Federn, Bändern, Juwelen und Stickereien.
Der Zug war noch nicht weit gekommen, als die Annäherung Mariens
gemeldet wurde. Ludwig stieg aus und ging ihr zu Fuß entgegen. Sie brach
in leidenschaftliche Dankesversicherungen aus. »Madame,« sagte der
König, »es ist leider ein schmerzlicher Dienst, den ich Ihnen heute
erzeige. Ich hoffe später im Stande zu sein, Ihnen größere und
angenehmere Dienste zu erzeigen.« Er küßte den kleinen Prinzen von Wales
und ließ die Königin in seinem Staatswagen zur Rechten sitzen. Dann
setzte sich der Zug nach Saint-Germains in Bewegung.
In Saint-Germains hatte Franz I. am Saume eines von Jagdwild reich
bestandenen Forstes und auf dem Gipfel eines die Windungen der Seine
beherrschenden Hügels ein Schloß erbaut und Heinrich IV. eine prächtige
Terrasse angelegt. Keine von den Residenzen der Könige von Frankreich
hatte eine gesundere Lage und eine herrlichere Aussicht. Die gewaltige
Größe und das ehrwürdige Alter der Bäume, die Schönheit der Gärten und
der Überfluß an Quellen waren weit berühmt. Ludwig XIV. war hier
geboren, hatte hier als Jüngling sein Hoflager gehalten, hatte das
Schloß Franz' I. durch mehrere stattliche Pavillons erweitert und die
Terrasse Heinrich's vollendet. Bald aber bemächtigte sich des
prachtliebenden Königs ein unerklärlicher Widerwille gegen seine
Geburtsstätte. Er vertauschte Saint-Germains mit Versailles und
verwendete ungeheure Summen auf das vergebliche Bemühen, einen ganz
besonders unfruchtbaren und ungesunden Ort, dessen Boden nur aus Sand
oder Lehm bestand und der weder Wald, noch Wasser, noch Wild hatte, in
ein Paradies umzuschaffen. Saint-Germains war jetzt zum Wohnsitz für die
königliche Familie Englands erwählt worden. Prachtvolle Mobilien waren
in aller Eile dahin gesandt worden und die für den kleinen Prinzen von
Wales bestimmten Gemächer waren mit Allem versehen, was ein Kind
bedurfte. Einer von dem Gefolge überreichte der Königin den Schlüssel zu
einer kostbaren Chatulle, die in ihrem Zimmer stand. Sie öffnete
dieselbe und fand darin sechstausend Pistolen.