Größe und Nähe der Gefahr gleichsam wie festgebannt, in Whitehall, eben
so unfähig zu kämpfen, wie zu fliehen. Am Abend traf die Nachricht ein,
daß die Holländer Chelsea und Kensington in Besitz genommen hatten.
Dessenungeachtet schickte sich der König an, wie gewöhnlich zur Ruhe zu
gehen. Die Coldstreamgarden hatten im Palaste den Dienst. Sie standen
unter den Befehlen Wilhelm's, Earl von Craven, eines hochbetagten
Mannes, der sich fünfzig Jahre früher im Kriege und in der Liebe
ausgezeichnet, der bei Kreuznach seine hoffnungslose Stellung mit
solchem Muthe behauptet hatte, daß der große Gustav ihm auf die Schulter
klopfte, und von dem man glaubte, daß er unter tausend Mitbewerbern das
Herz der unglücklichen Königin von Böhmen erobert habe. Craven stand
jetzt in seinem achtzigsten Lebensjahre; aber die Zeit hatte seinen Muth
nicht gebrochen.[28]
[Anmerkung 25: +Mulgrave's Account of the Revolution+;
+Clarendon's Diary, Dec. 16. 1688.+]
[Anmerkung 26: +Burnet, I. 800+; +Clarendon's Diary, Dec. 17.
1688+; Citters, 18.(28.) Dec. 1688.]
[Anmerkung 27: +Burnet, I, 800+; +Conduct of the Duchess of
Marlborough+; +Mulgrave's Account of the Revolution.+ Clarendon
sagt davon nichts unter dem richtigen Datum, aber man sehe sein
Tagebuch vom 19. August 1689.]
[Anmerkung 28: +Harte's Life of Gustavus Adolphus.+]
[_Die holländischen Truppen besetzen Whitehall._] Es war zehn Uhr
vorüber als ihm gemeldet wurde, daß drei Bataillone von der Infanterie
des Prinzen, nebst einigen Reitern, mit brennenden Lunten und vollkommen
kampffertig durch die lange Hauptallee des St. Jamesparks heranrückten.
Graf Solms, der die fremden Truppen befehligte, sagte, er habe Befehl,
die Posten in der Umgebung von Whitehall militairisch zu besetzen und
forderte Craven auf, sich gutwillig zurückzuziehen. Craven schwur, er
werde sich eher in Stücken hauen lassen; als aber der König, der sich
eben auskleidete, erfuhr was vorging, verbot er dem tapferen alten
Soldaten jeden Widerstandsversuch, der doch keinen Erfolg haben konnte.
Um elf Uhr waren die Coldstreamgarden abgezogen und holländische
Schildwachen machten auf allen Seiten des Palastes die Runde. Einige vom
Gefolge des Königs fragten ihn, ob er es wagen wolle, sich, von Feinden
umringt, niederzulegen. Er antwortete, daß sie ihn kaum schlechter
behandeln könnten, als seine eigenen Unterthanen ihn behandelt hätten,
und mit der gefühllosen Gleichgültigkeit eines durch das Unglück
abgestumpften Mannes legte er sich zu Bett.[29]
[Anmerkung 29: +Clarke's Life of James, II, 264+, größtentheils
aus den +Orig. Memoirs. Mulgrave's Account of the Revolution+;
+Rapin de Thoyras+. Es muß bemerkt werden, daß Rapin an diesen
Vorgängen thätigen Antheil hatte.]
[_Das Schreiben des Prinzen wird Jakob überbracht._] Es war kaum erst
wieder ruhig geworden im Palaste, so gerieth aufs neue Alles in
Bewegung. Kurz nach Mitternacht kamen die drei Lords von Windsor an.
Middleton wurde ersucht, sie zu empfangen. Sie erklärten ihm, daß sie
mit einer Sendung betraut seien, welche keinen Aufschub gestatte. Der
König ward aus seinem ersten Schlummer geweckt, und sie wurden in sein
Schlafzimmer eingeführt. Sie überreichten ihm das ihnen anvertraute
Schreiben und kündigten ihm an, daß der Prinz in einigen Stunden in
Westminster eintreffen und daß Seine Majestät wohl thun werde, vor zehn
Uhr nach Ham abzureisen. Jakob machte einige Einwendungen. Ham gefiel
ihm nicht. Im Sommer sei es ein ganz angenehmer Aufenthalt, um
Weihnachten aber sei es dort kalt und unbehaglich, und überdies sei auch
das Schloß nicht möblirt. Halifax antwortete, daß sofort Möbeln
hingeschickt werden sollten. Die drei Abgesandten entfernten sich;
Middleton aber eilte ihnen nach, um ihnen zu sagen, daß Rochester dem
Könige viel lieber sein werde als Ham. Sie erwiederten, daß sie keine
Vollmacht hätten, den Wunsch des Königs zu erfüllen, daß sie aber
augenblicklich einen Expressen an den Prinzen absenden wollten, der in
Sion House zu übernachten gedenke. Es ging unverzüglich ein Courier ab,
der noch vor Tagesanbruch mit Wilhelm's Einwilligung zurückkam. Wilhelm
gab seine Zustimmung in der That sehr gern, denn es unterlag keinem
Zweifel, daß Rochester deshalb gewählt worden war, weil es große
Erleichterungen für die Flucht darbot, und daß Jakob fliehen möchte, war
der sehnlichste Wunsch seines Neffen.[30]
[Anmerkung 30: +Clarke's Life of James, II. 265+; +Mulgrave's
Account of the Revolution; Burnet, I. 801+; Citters, 18.(28.) Dec.
1688.]
[_Jakob's Aufbruch nach Rochester._] Am Morgen des 18. December, einem
regnerischen und stürmischen Morgen, hielt die königliche Barke
frühzeitig an der Treppe von Whitehall, umgeben von acht bis zehn mit
holländischen Soldaten gefüllten Böten. Mehrere Edelleute und Gentlemen
begleiteten den König bis ans Wasser. Es wird erzählt und läßt sich wohl
auch denken, daß viele Thränen vergossen wurden. Denn selbst der
eifrigste Freund der Freiheit konnte das traurige und schmachvolle Ende
einer Dynastie, welche so groß hätte sein können, nicht gleichgültig mit
ansehen. Shrewsbury that sein Möglichstes, um den gestürzten Monarchen
zu trösten. Selbst der erbitterte und heftige Delamere war ergriffen.
Man bemerkte aber, daß Halifax, der sich sonst durch seine
rücksichtsvolle Freundlichkeit gegen Besiegte auszeichnete, bei dieser
Gelegenheit weniger theilnehmend war als seine beiden Collegen.
Wahrscheinlich konnte er die Scheingesandtschaft nach Hungerford noch
immer nicht vergessen.[31]
Während die königliche Barke langsam über die hochgehenden Wellen den
Fluß hinabfuhr, zog eine Brigade von den Truppen des Prinzen nach der
andren in London ein. Man hatte die sehr weise Anordnung getroffen, daß
der Dienst in der Hauptstadt namentlich von den im Dienste der
Generalstaaten stehenden britischen Soldaten verrichtet werden sollte.
Die drei englischen Regimenter wurden in und um den Tower, die drei
schottischen in Southwark einquartirt.[32]
[Anmerkung 31: Citters, 18.(28.) Dec. 1688; +Evelyn's Diary+ unter
demselben Datum; +Clarke's Life of James, II. 266, 267. Orig.
Mem.+]
[Anmerkung 32: Citters, 18.(28.) Dec. 1688.]
[_Wilhelm's Ankunft im St. Jamespalaste._] Trotz des schlechten Wetters
sammelte sich eine große Volksmenge zwischen Albemarle House und dem St.
Jamespalaste, um den Prinzen zu bewillkommnen. Jeder Hut, jeder Stock
war mit einem orangefarbenen Bande geschmückt. Alle Glocken von ganz
London wurden geläutet, und an allen Fenstern standen Lichter zu einer
Illumination bereit, während in den Straßen Reißigbündel zu
Freudenfeuern aufgehäuft wurden. Wilhelm aber, der kein Freund vom
Gedränge und vom Jubelgeschrei war; nahm seinen Weg durch den Park. Vor
Einbruch der Nacht kam er, von Schomberg begleitet, in einem leichten
Wagen im St. Jamespalaste an. In kurzer Zeit waren alle Zimmer und
Treppen mit Leuten gefüllt, die ihm ihre Aufwartung machen wollten. Das
Gedränge war so arg, daß die hochgestelltesten Männer nicht im Stande
waren, sich bis in das Empfangszimmer hindurchzuarbeiten.[33] Während
sich Westminster in dieser Aufregung befand, entwarf der Gemeinderath in
der Guildhall eine Dank- und Beglückwünschungsadresse. Der Lordmayor war
nicht im Stande den Vorsitz zu führen. Er hatte das Bett noch nicht
wieder verlassen, seitdem der Kanzler in dem Anzuge eines
Kohlenschiffers in den Gerichtssaal geschleppt worden war. Die Aldermen
aber und die übrigen Beamten der Corporationen waren auf ihren Plätzen.
Am folgenden Tage kam der Magistrat der City in Gala, um dem Befreier zu
huldigen. Ihre Dankbarkeit wurde mit beredten Worten durch ihren
Syndikus, Sir Georg Treby ausgesprochen. Einige Prinzen aus dem Hause
Nassau, sagte er, seien die ersten Beamten einer großen Republik
gewesen. Andere hätten die Kaiserkrone getragen; der gegründetste
Anspruch dieses berühmten Geschlechts auf die öffentliche Verehrung
bestehe darin, daß Gott es zu dem hohen Amte auserwählt und geweiht
habe, von Generation zu Generation die Wahrheit und die Freiheit gegen
die Tyrannei zu vertheidigen. An dem nämlichen Tage machten auch alle in
der Hauptstadt anwesenden Prälaten, mit Ausnahme Sancroft's, dem Prinzen
+in corpore+ ihre Aufwartung. Dann kam, mit ihrem Bischof an der Spitze,
die londoner Geistlichkeit, an Gelehrsamkeit, Beredtsamkeit und Einfluß
die ersten Männer ihres Standes. Ihnen hatten sich einige hervorragende
Dissentergeistliche angeschlossen, welche Compton, was ihm zu großer
Ehre gereichte, mit ausgezeichneter Artigkeit behandelte. Einige
Monate vorher oder nachher würde diese Artigkeit von vielen
Staatskirchenmännern als ein Verrath an der Kirche betrachtet worden
sein, selbst damals konnte ein scharfes Auge nur zu deutlich erkennen,
daß der Waffenstillstand, zu welchen die protestantischen Secten
gezwungen worden waren, die Gefahr, aus der er entsprungen war, nicht
lange überdauern werde. Ungefähr hundert in der Hauptstadt wohnende
nonconformistische Geistliche überreichten eine Separatadresse. Sie
wurden durch Devonshire vorgestellt und mit allen Achtungs- und
Wohlwollensbezeigungen empfangen. Die Juristen brachten ihre Huldigung
unter Anführung Maynard's dar, der im Alter von neunzig Jahren noch so
rüstig und so hellen Geistes war als zu der Zeit, da er in
Westminsterhall als Ankläger Strafford's auftrat. »Mr. Serjeant,« sagte
der Prinz zu ihm, »Sie müssen alle Juristen, die mit Ihnen studirten,
überlebt haben.« -- »Ja, Sire,« erwiederte der Greis, »und wäre Eure
Hoheit nicht gekommen, so würde ich auch die Gesetze überlebt
haben«.[34]
Aber obgleich die Adressen zahlreich und voll von Lobeserhebungen,
obgleich die Jubelrufe laut und die Illumination glänzend, obgleich der
St. Jamespalast für die Masse der Höflinge zu klein und obgleich die
Theater jeden Abend vom Parterre bis zur letzten Gallerie von
orangefarbenen Bändern strotzten, so fühlte Wilhelm doch, daß die
Schwierigkeiten seines Unternehmens erst begonnen hatten. Er hatte eine
Regierung gestürzt: jetzt galt es die Lösung der weit schwierigeren
Aufgabe, eine neue zu errichten. Von dem Augenblicke seiner Landung bis
zu seiner Ankunft in London hatte er die Autorität ausgeübt, welche nach
den in der ganzen civilisirten Welt anerkannten Kriegsgesetzen dem
Oberbefehlshaber einer im Felde stehenden Armee zukommt. Jetzt mußte er
die Rolle eines Generals mit der eines Civilbeamten vertauschen, und
dies war keine leichte Aufgabe. Ein einziger falscher Schritt konnte
unheilbringend werden und es war unmöglich, irgend einen Schritt zu
thun, ohne Vorurtheile zu verletzen und heftige Leidenschaften zu
entzünden.
[Anmerkung 33: +Luttrell's Diary+; +Evelyn's Diary+; +Clarendon's
Diary, Dec. 18. 1688; Revolution Politics.+]
[Anmerkung 34: +Fourth Collection of Papers relating to the
present juncture of affairs in England, 1688+; +Burnet, I. 802,
803+; +Calamy's Life and Times of Baxter, chap. XIV.+]
[_Es wird ihm gerathen, sich die Krone kraft des Eroberungsrechtes
aufzusetzen._] Einige von den Rathgebern des Prinzen drangen in ihn, daß
er sich die Krone ohne weiteres kraft des Eroberungsrechtes aufsetzen
und dann als König unter seinem großen Siegel Einberufungsschreiben zu
einem Parlamente erlassen solle. Dieses Verfahren wurde ihm von einigen
ausgezeichneten Juristen eifrig anempfohlen. Sie sagten, es sei der
kürzeste Weg zu dem Ziele, welches außerdem nur mit zahllosen
Schwierigkeiten und Streitigkeiten erreicht werden könne. Es stimme
genau mit dem glückverheißenden Beispiele überein, das vor ihm
Heinrich VII. nach der Schlacht von Bosworth gegeben. Auch werde es die
Bedenken vieler achtbarer Personen wegen Statthaftigkeit der Übertragung
des Unterthaneneides auf einen andren Regenten zerstreuen. Weder das
englische Recht noch die englische Kirche gestehe den Unterthanen die
Befugniß zu, ihren Landesherrn abzusetzen. Aber kein Jurist und kein
Theolog habe je geleugnet, daß eine im Kriege überwundene Nation sich
dem Beschlusse des Gottes der Schlachten unterwerfen dürfe, ohne eine
Sünde zu begehen. So hätten nach der chaldäischen Eroberung die
gottesfürchtigsten und patriotischesten Juden die Pflichten gegen ihren
angestammten König nicht zu verletzen geglaubt, indem sie dem neuen
Herrscher, den die Vorsehung ihnen gesandt, mit Treue dienten. Die drei
Bekenner, welche im feurigen Ofen so wunderbar erhalten worden waren,
hätten in der Provinz Babylon hohe Ämter begleitet. Daniel sei
nacheinander Minister des Assyrers, welcher Juda, und des Persers,
welcher Assyrien unterjochte, gewesen. Ja, Christus selbst, der seinem
Blute nach ein Prinz aus dem Geschlechte David's gewesen, habe dadurch,
daß er seinen Landsleuten befahl, dem Kaiser Tribut zu zahlen,
ausgesprochen, daß fremde Eroberung erbliche Rechte aufhebt und
wohlbegründeten Anspruch auf Herrschaft giebt. Es sei daher
wahrscheinlich, daß eine große Anzahl Tories, wenn sie auch nicht selbst
mit gutem Gewissen einen König wählen könnten, doch unbedenklich einen
durch den Ausgang des Kriegs ihnen gegebenen König annehmen würden.[35]
Auf der andren Seite standen jedoch Gründe, welche bei weitem
überwiegend waren. Der Prinz konnte die Krone als mit dem Schwerte
erobert nicht beanspruchen, ohne sich eines groben Wortbruches schuldig
zu machen. In seiner Erklärung hatte er versichert, daß es nicht seine
Absicht sei, England zu erobern, daß, wer ihn einer solchen Absicht
beschuldige, nicht nur ihn persönlich, sondern auch die patriotischen
Kavaliere und Gentlemen, die ihn herübergerufen, schändlich verleumde,
daß die Streitmacht, die er mitgebracht habe, zu einem so schwierigen
Unternehmen offenbar nicht genüge und daß es sein fester Entschluß sei,
alle öffentlichen Beschwerden, wie alle seine eigenen Ansprüche einem
freien Parlamente anheim zu geben. Um keines irdischen Zweckes willen
konnte es recht oder klug sein, das im Angesicht von ganz Europa
gegebene Wort zu brechen. Auch war es keineswegs ausgemacht, ob er, wenn
er sich als Eroberer gerirte, dadurch die Bedenken zerstreute, welche
die strengen Hochkirchenmänner ungeneigt machten, ihn als König
anzuerkennen. Denn er mochte sich nennen wie er wollte, Jedermann wußte,
daß er in Wirklichkeit kein Eroberer war. Es wäre notorisch eine bloße
Fiction gewesen, hatte man sagen wollen, daß dieses große Königreich,
mit einer mächtigen Flotte auf der See, einer regulären Armee von
vierzigtausend Mann und einer Miliz von hundertdreißigtausend Mann, ohne
eine einzige Belagerung oder Schlacht durch eine fünfzehntausend Mann
starke Invasionsarmee in eine abhängige Provinz verwandelt worden sei.
Es war nicht anzunehmen, daß eine solche Fiction wirklich empfindliche
Gewissen beruhigen würde, aber es war kaum zu bezweifeln, daß sie den
ohnehin schon gereizten Nationalstolz verwundete. Die englischen Truppen
waren in einer Stimmung, welche die zarteste Schonung erheischte. Sie
wußten, daß sie im letzten Feldzuge eben keine glänzende Rolle gespielt
hatten. Die Anführer wie die Soldaten sehnten sich danach zu beweisen,
daß sie nicht aus Mangel an Muth einer geringeren Streitmacht gewichen
waren. Einige holländische Offiziere waren so unbesonnen gewesen, sich
in einem Wirthshause beim Weine zu rühmen, daß sie die Armee des Königs
vor sich her getrieben hätten. Diese Beleidigung hatte unter den
englischen Truppen eine Gährung hervorgebracht, welche ohne das rasche
Einschreiten des Prinzen wahrscheinlich mit einem furchtbaren Gemetzel
geendet haben würde.[36] Welchen Eindruck mußte unter solchen Umständen
eine Proklamation machen, welche verkündete, daß der Oberbefehlshaber
der Fremden die ganze Insel als rechtmäßige Kriegsbeute betrachte?
Außerdem war zu berücksichtigen, daß der Prinz durch Erlassung einer
solchen Proklamation mit einem Male alle die Rechte vernichtet haben
würde, zu deren Vertheidiger er sich erklärt hatte. Denn die Autorität
eines fremden Eroberers wird nicht durch die Gebräuche und Gesetze der
besiegten Nation beschränkt, sondern sie ist ihrem Wesen nach
despotisch. Wilhelm war also entweder nicht berechtigt, sich zum Könige
zu erklären, oder er war auch berechtigt, die Magna Charta und die Bitte
um Recht für null und nichtig zu erklären, die Geschwornengerichte
abzuschaffen und ohne Zustimmung des Parlaments Steuern zu erheben.
Allerdings konnte er die alte Verfassung des Reichs wiederherstellen;
aber wenn er dies that, so that er es ebenfalls kraft eines
willkürlichen Beschlusses. Von diesem Augenblicke an würde die englische
Freiheit auf eine niedere Stufe herabgesunken sein. Sie wäre dann nicht
mehr ein uraltes Erbtheil gewesen, sondern ein neues Geschenk, welches
der großmüthige Gebieter, der es verliehen, auch wieder entziehen
konnte, wenn es ihm sonst beliebte.
[Anmerkung 35: +Burnet, I. 803.+]
[Anmerkung 36: +Gazette de France+ 26. Jan. (5. Febr.) 1689.]
[_Er beruft die Lords und die Mitglieder der Parlamente Karl's II.
zusammen._] Wilhelm beschloß daher rechtschaffener und kluger Weise, die
in seiner Erklärung gegebenen Versprechungen zu erfüllen und die Aufgabe
der Einsetzung der Regierung der gesetzgebenden Gewalt zu überlassen. Er
vermied Alles was für Usurpation hätte erklärt werden können, so
sorgfältig, daß er es ohne einen Schein von parlamentarischer Autorität
nicht über sich nehmen wollte, nur die Stände des Reichs einzuberufen
oder während der Wahlen die ausübende Gewalt zu handhaben. Eine
eigentlich parlamentarische Autorität gab es nicht im Staate; aber es
war möglich, in einigen Stunden eine Versammlung zusammenzubringen, der
die Nation wenigstens einen großen Theil der einem Parlamente
gebührenden Achtung zollte. Die eine Kammer konnte aus den vielen
geistlichen und weltlichen Lords, welche damals in London waren, die
andre aus ehemaligen Mitgliedern des Unterhauses und den
Magistratsbeamten der City gebildet werden. Dieser Plan war höchst
sinnreich und er wurde rasch ins Werk gesetzt. Die Peers wurden auf den
21. December in den St. Jamespalast beschieden. Es erschienen etwa
siebzig. Der Prinz forderte sie auf, die Lage des Landes in Erwägung zu
ziehen und ihm das Ergebniß ihrer Berathungen vorzulegen. Bald darauf
erschien eine Bekanntmachung, welche alle Gentlemen, die während der
Regierung Karl's II. einen Sitz im Unterhause gehabt hatten,
aufforderte, am Morgen des Sechsundzwanzigsten vor Seiner Hoheit zu
erscheinen. Die Aldermen von London wurden ebenfalls entboten und auch
der Gemeinderath ersucht, eine Deputation zu schicken.[37]
Man hat oft in tadelndem Tone gefragt, warum diese Einladung nicht auf
die Mitglieder des im vorhergehenden Jahre aufgelösten Parlaments
ausgedehnt worden sei. Die Antwort darauf liegt sehr nahe. Einer der
Hauptmißstände, über welche die Nation klagte, war die Art und Weise der
Erwählung jenes Parlaments. Die meisten Abgeordneten der Boroughs waren
durch Wahlkörper gewählt worden, welche in einer allgemein als
gesetzwidrig betrachteten und von dem Prinzen in seinem Manifeste für
verwerflich erklärten Weise reorganisirt worden waren. Jakob selbst
hatte unmittelbar vor seinem Sturze eingewilligt, die früheren
municipalen Freiheiten wieder herzustellen. Es würde gewiß von Seiten
Wilhelms die größte Inconsequenz gewesen sein, wenn er, nachdem er zur
Vertheidigung der angetasteten Freibriefe der Corporationen die Waffen
ergriffen, Personen, welche jenen Freibriefen zuwider gewählt worden
waren, als rechtmäßige Vertreter der Städte Englands anerkannt hätte.
Am Sonnabend den 22. versammelten sich die Lords in ihrem
Sitzungslokale. Dieser Tag wurde damit hingebracht, die Geschäftsordnung
festzusetzen. Es wurde ein Schriftführer ernannt, und da man keinem der
zwölf Richter Vertrauen schenken konnte, so wurden einige von den
angesehendsten Sergeants und Barristers[38] eingeladen, um über
juristische Punkte ihren Rath abgeben zu können. Es wurde hierauf
beschlossen, daß am nächsten Montag die Lage des Königreichs in Erwägung
gezogen werden sollte.[39]
Die Zwischenzeit bis zur Montagssitzung war erwartungs- und
ereignißvoll. Eine starke Partei unter den Peers nährte noch immer die
Hoffnung, daß die Verfassung und die Kirche Englands auch ohne die
Absetzung des Königs gesichert werden könnten. Diese Partei beschloß,
eine feierliche Adresse an ihn zu beantragen, durch die er beschworen
werden sollte, sich Bedingungen zu unterwerfen, welche die durch sein
früheres Verfahren hervorgerufene Unzufriedenheit und Besorgniß
beseitigen konnten. Sancroft, der seit der Rückkehr Jakob's von Kent
nach Whitehall keinen Theil an den öffentlichen Angelegenheiten genommen
hatte, beschloß jetzt, aus seiner Zurückgezogenheit wieder ans Licht zu
treten und sich an die Spitze der Royalisten zu stellen. Mehrere Boten
wurden mit Briefen an den König nach Rochester gesandt. Es wurde ihm
darin versichert, daß seine Interessen energisch in Schutz genommen
werden sollten, wenn er sich nur in diesem Augenblicke entschließen
könnte, Plänen zu entsagen, die sein Volk verabscheue. Einige angesehene
Katholiken begaben sich persönlich zu ihm, um ihn im Namen ihres
gemeinsamen Glaubens zu bitten, daß er den fruchtlosen Kampf nicht
weiter treiben möchte.[40]
Der Rath war gut; Jakob aber war nicht in der Stimmung, um ihn
anzunehmen. Sein Verstand war stets stumpf und schwach gewesen, jetzt
aber verhinderten ihn weibische Befürchtungen und kindische Einbildungen
an dem Gebrauche desselben. Er wußte, daß seine Flucht das war, was
seine Anhänger am meisten fürchteten und seine Feinde am sehnlichsten
wünschten. Selbst wenn sein Bleiben mit ernster persönlicher Gefahr
verknüpft gewesen wäre, so hätte er es doch unter den obwaltenden
Umständen für schimpflich halten müssen, das Feld zu räumen, denn es
handelte sich jetzt darum, ob er und seine Nachkommen auf dem Throne
seiner Ahnen regieren oder heimathlose Bettler werden sollten. Doch die
feige Angst um sein Leben hatte jedes andre Gefühl aus seiner Brust
verdrängt. Auf die eindringlichen Bitten und unverwerflichen Gründe der
Bevollmächtigten, die seine Freunde nach Rochester gesandt, hatte er nur
die eine Antwort: sein Kopf sei in Gefahr. Umsonst versicherte man ihm,
daß er durchaus keine Ursache zu einer solchen Besorgniß habe, daß der
Prinz von Oranien schon durch den gesunden Verstand, wenn nicht durch
seine Grundsätze abgehalten werden würde, die Schuld und Schande eines
Königsmordes und eines Verwandtenmordes auf sich zu laden, und daß
Viele, welche niemals in die Absetzung ihres Souverains willigen würden,
so lange er noch auf englischem Boden war, durch seine Flucht sich der
Unterthanentreue gegen ihn entbunden erachten würden. Die Furcht
unterdrückte jedes andre Gefühl. Er beschloß abzureisen, und die
Ausführung dieses Entschlusses war leicht. Er wurde sehr nachlässig
bewacht, Jedermann hatte Zutritt bei ihm, segelfertige Schiffe lagen in
geringer Entfernung bereit, und ihre Böte konnten bis dicht an den
Garten des Hauses herankommen, das er bewohnte. Wäre er klug gewesen, so
würde schon der Umstand, daß seine Wächter sich bemühten, ihm die Flucht
zu erleichtern, hingereicht haben, um ihn zu überzeugen, daß er bleiben
mußte, wo er war. In der That, die Schlinge lag so offen zu Tage, daß
nur ein durch die Angst geblendeter Thor sie nicht sehen konnte.
[Anmerkung 37: +History of the Desertion+; +Clarendon's Diary,
Dec. 21. 1688+; +Burnet I. 803+, und Onslow's Note.]
[Anmerkung 38: Sachwalter ersten und zweiten Ranges. -- Der
Übers.]
[Anmerkung 39: +Clarendon's Diary, Dec. 21. 1688+; Citters unter
dem nämlichen Datum.]
[Anmerkung 40: +Clarendon's Diary. Dec. 21, 22, 1688+; +Clarke's
Life of James, II. 268, 270. Orig. Mem.+]