England befand, erschien Sancroft, der bis dahin als Präsident der
provisorischen Regierung fungirt hatte, nicht mehr in den Sitzungen der
Peers. Halifax, der eben aus dem holländischen Hauptquartier angekommen
war, übernahm den Vorsitz. Seine Ansichten hatten sich in einigen
Stunden völlig verändert. Sowohl politische als religiöse Gefühle
bestimmten ihn jetzt, sich den Whigs anzuschließen. Wer die auf uns
gekommenen Beweisstücke unbefangen prüft, muß der Meinung sein, daß er
das Amt eines königlichen Commissars in der aufrichtigen Hoffnung
übernahm, er werde eine Verständigung zwischen dem Könige und dem
Prinzen unter billigen Bedingungen zu Stande bringen. Die Unterhandlung
hatte mit günstigen Aussichten begonnen; der Prinz hatte Bedingungen
gestellt, die der König selbst als billig anerkennen mußte und der
beredte und geniale Trimmer durfte sich mit der Hoffnung schmeicheln,
daß er im Stande sein werde, zwischen den erbitterten Parteien zu
vermitteln, zwischen extremen Meinungen einen Vergleich zu dictiren, die
Freiheiten und die Religion seines Vaterlandes zu sichern, ohne es den
von einem Dynastiewechsel und einer streitigen Thronfolge
unzertrennlichen Gefahren auszusetzen. Während er sich in derartigen,
seinem Character so wohl zusagenden Gedanken wiegte, erfuhr er, daß er
hintergangen worden war und daß man sich seiner als eines Werkzeugs
bedient hatte, um die Nation zu hintergehen. Seine Sendung nach
Hungerford war eine bloße Komödie gewesen. Der König hatte nicht daran
gedacht, an den Bedingungen festzuhalten, welche die Commissare auf
seinen Befehl vorschlagen hatten. Er hatte ihnen aufgetragen, zu
erklären, daß es sein Wille sei, alle streitigen Fragen dem von ihm
einberufenen Parlamente zur Entscheidung vorzulegen, und während sie
sich dieses Auftrags entledigten, hatte er die Wahlausschreiben
verbrannt, war mit dem Staatssiegel entflohen, hatte die Armee
entlassen, die Justizverwaltung suspendirt, die Regierung aufgelöst und
war aus der Hauptstadt entflohen. Halifax sah nun ein, daß eine gütliche
Verständigung nicht mehr möglich war. Wahrscheinlich empfand er wohl
auch den Verdruß, welcher bei einem durch seine Weisheit weltberühmten
Manne, der die Erfahrung macht, daß ein in jeder Beziehung tief unter
ihm stehender Geist ihn betrogen hat, und bei einem großen Meister der
Satire, der sich selbst in eine lächerliche Situation versetzt sieht,
sehr natürlich ist. Sein Verstand und sein Unwille bewogen ihn in
gleichem Maße, die Versöhnungspläne, auf welche er bisher hingearbeitet
hatte, aufzugeben und sich an die Spitze Derer zu stellen, welche den
Prinzen Wilhelm auf den Thron erheben wollten.[14]
Es existirt noch ein von ihm eigenhändig geschriebenes Tagebuch über die
Vorgänge in der Rathsversammlung der Lords während seiner
Präsidentschaft in derselben.[15] Es wurde keine Vorsichtsmaßregel,
welche zur Verhütung von Gewaltthätigkeiten und Räubereien nöthig
erschien, verabsäumt. Die Peers erließen auf ihre Verantwortung den
Befehl, daß, wenn der Pöbel noch einmal aufstände, die Soldaten scharf
schießen sollten. Jeffreys wurde nach Whitehall gebracht und über das
Schicksal des Staatssiegels und der Wahlausschreiben befragt. Auf seine
eigenen dringenden Bitten wurde er wieder in den Tower geschickt, als
den einzigen Ort, wo er seines Lebens sicher sei, und er entfernte sich
unter Dankesversicherungen und Segenswünschen gegen Diejenigen, die ihm
den Schutz eines Gefängnisses gewährt hatten. Ein whiggistischer
Edelmann trug darauf an, daß Oates in Freiheit gesetzt werden solle;
aber dieser Antrag wurde verworfen.[16]
Die Geschäfte des Tages waren so ziemlich erledigt und Halifax wollte
sich eben erheben, als ihm gemeldet wurde, daß ein Bote von Sheerneß
angekommen sei. Kein Vorfall konnte unangenehmer und störender sein. Man
lud eine große Verantwortlichkeit auf sich, mochte man etwas thun oder
nicht. Halifax, der wahrscheinlich Zeit zu gewinnen wünschte, um sich
mit dem Prinzen in Vernehmen zu setzen, hatte die Versammlung am
liebsten vertagt; Mulgrave aber ersuchte die Lords, auf ihren Plätzen zu
bleiben und führte den Boten ein. Der Mann erzählte seine Geschichte mit
Thränen in den Augen und überreichte einen Brief, der vom König selbst
geschrieben, aber an keine bestimmte Person gerichtet war, sondern nur
den Beistand aller guten Engländer anrief.[17]
[Anmerkung 13: +Clarke's Life of James, II. 251. Orig. Mem.+; ein
in Tindal's Fortsetzung zu Rapin abgedruckter Brief. Dieser
interessante Brief befindet sich in den Harley'schen
Handschriften, 6852.]
[Anmerkung 14: Mulgrave erfuhr von einer Dame, die er nicht nennt,
daß der König erst dann entfliehen wollte, als er einen Brief von
Halifax erhielt, der sich damals in Hungerford befand. Dieser
Brief, sagte sie, habe Seine Majestät darauf aufmerksam gemacht,
daß sein Leben in Gefahr sei, wenn er bleibe. Dies ist sicherlich
ein Roman. Vor der Abreise der Commissare von London hatte der
König Barillon gesagt, ihre Sendung sei eine bloße Finte, und den
festen Entschluß ausgesprochen, das Land zu verlassen. Aus
Reresby's eigner Erzählung geht hervor, daß Halifax sich
schändlich hintergangen glaubte.]
[Anmerkung 15: +Harl. MS. 255.+]
[Anmerkung 16: +Halifax MS.+; Citters, 18.(28.) Dec. 1688.]
[Anmerkung 17: +Mulgrave's Account of the Revolution+.]
[_Die Lords geben Befehl zu seiner Freilassung._] Eine solche Bitte
konnte man kaum unbeachtet lassen. Die Lords gaben Feversham Befehl, mit
einer Abtheilung der Leibgarde an den Ort zu eilen, wo der König
zurückgehalten wurde, und Seine Majestät in Freiheit zu setzen.
Middleton und einige andere Anhänger des Königs waren bereits
aufgebrochen, um ihrem unglücklichen Gebieter beizustehen und ihn zu
trösten. Sie fanden ihn in strengem Gewahrsam und sie wurden nicht eher
zu ihm gelassen, als bis sie ihre Degen abgegeben hatten. Er war von
einer ungeheuren Menge Volks umgeben. Einige whiggistische Gentlemen aus
der Umgegend hatten eine starke Abtheilung Miliz zu seiner Bewachung
herbeigeführt. Sie waren der sehr irrigen Meinung gewesen, daß sie sich
durch seine Festhaltung bei seinen Feinden beliebt machen würden, und
waren nicht wenig erstaunt, als sie vernahmen, daß die dem Könige zu
Theil gewordene Behandlung von der provisorischen Regierung in London
gemißbilligt werde, und eine Kavallerieabtheilung unterwegs sei, um ihn
zu befreien. Feversham kam bald an. Er hatte seine Truppe in
Sittingbourne zurückgelassen; aber man hatte nicht nöthig, Gewalt
anzuwenden. Der König durfte ungehindert abreisen und wurde von seinen
Freunden nach Rochester gebracht, wo er sich einige Ruhe gönnte, deren
er dringend bedurfte. Er war in einem traurigen Zustande. Nicht nur sein
niemals sehr heller Verstand war völlig verwirrt, sondern auch der
persönliche Muth, den er in seinen jüngeren Jahren in mehreren
Schlachten, zur See wie zu Lande bewiesen, hatte ihn verlassen. Die
harte körperliche Behandlung, die er jetzt zum ersten Male erfahren,
scheint ihn mehr als irgend ein andres Ereigniß seines bewegten Lebens
niedergedrückt zu haben. Der Abfall seiner Armee, seiner Günstlinge und
seiner Familie erschütterte ihn weniger als die Rohheiten, die er beim
Anhalten seines Bootes ertragen hatte. Die Erinnerung an diese Rohheiten
nagte noch lange an seinem Herzen und äußerte sich einmal in einer
Weise, welche den verächtlichen Spott von ganz Europa erregte. Im
vierten Jahre seiner Verbannung versuchte er es seine Unterthanen durch
das Versprechen einer Amnestie wieder zu gewinnen. Dieser Amnestie war
jedoch eine lange Liste von Ausnahmen beigegeben, und auf dieser Liste
standen neben Churchill und Danby auch die armen Fischer, welche seine
Taschen so unsanft untersucht hatten. Aus diesem Umstande kann man
schließen, wie schmerzlich er die ihm widerfahrene rücksichtslose
Behandlung empfunden haben muß, als sie noch neu war.[18]
Hätte er indessen nur das gewöhnliche Maß von gesundem Verstande
besessen, so würde er eingesehen haben, daß Diejenigen, welche ihn
festnahmen, ihm unabsichtlich einen großen Dienst erzeigt hatten. Die
Ereignisse, welche seit seiner Abwesenheit von der Hauptstadt daselbst
eingetreten waren, hätten ihn überzeugen müssen, daß, wenn seine Flucht
gelungen wäre, er nie hätte zurückkehren dürfen. Er war wider seinen
Willen vom gänzlichen Untergange errettet worden. Jetzt hatte er noch
eine Aussicht, die letzte und einzige, die ihm noch blieb. So groß auch
seine Vergehen sein mochten, ihn zu entthronen, so lange er noch in
seinem Reiche war und sich den Bedingungen fügte, die ein freies
Parlament ihm vorschrieb, wäre fast unmöglich gewesen.
Eine Weile schien er geneigt, zu bleiben. Er sandte Feversham von
Rochester mit einem Briefe an Wilhelm. Der Inhalt dieses Briefes war,
daß Seine Majestät auf der Rückreise nach Whitehall begriffen sei, daß
er eine persönliche Unterredung mit dem Prinzen wünsche und daß der St.
Jamespalast zum Empfang Seiner Hoheit eingerichtet werden solle.[19]
[Anmerkung 18: Siehe seine aus Saint-Germains datirte Proklamation
vom 20. April 1692.]
[Anmerkung 19: +Clarke's Life of James, II, 261. Orig. Mem.+]
[_Wilhelm's Verlegenheit._] Wilhelm befand sich jetzt in Windsor. Er
hatte mit schmerzlichem Bedauern die an der Küste von Kent stattgehabten
Vorfälle erfahren. Kurz vor dem Eintreffen der Nachricht hatten seine
Umgebungen bemerkt, daß er ungewöhnlich heiter war. Er hatte auch in der
That Ursache, sich zu freuen. Er stand am Fuße eines erledigten Thrones.
Es schien, als würden alle Parteien ihn einstimmig auffordern, denselben
zu besteigen. Doch plötzlich trübten sich seine Aussichten. Es ergab
sich, daß die Abdankung nicht vollständig gewesen war. Ein großer Theil
seiner Anhänger trug gewiß Bedenken, einen König abzusetzen, der noch
unter ihnen war, der sie aufforderte, ihre Beschwerden auf
parlamentarischem Wege anzubringen, und der vollständige Abstellung
derselben versprach. Der Prinz mußte seine neue Stellung erwägen und ein
neues Verfahren einschlagen. Kein Weg stand ihm offen, gegen den sich
nicht Einwendungen hätten machen lassen, kein Weg, der ihn in eine so
vortheilhafte Lage versetzen konnte, als die war, in der er sich vor
wenigen Stunden noch befand. Etwas konnte indessen gethan werden. Der
erste Fluchtversuch des Königs war gescheitert. Das Wünschenswertheste
war jetzt, daß er einen zweiten Versuch mit besserem Erfolge unternehmen
möchte. Er mußte zu gleicher Zeit geängstigt und geködert werden. Die
Liberalität, mit der man ihm bei der Unterhandlung zu Hungerford
entgegengekommen war, und die er mit einem Treubruche vergolten hatte,
war jetzt nicht mehr angewandt. Vergleichsvorschläge durften ihm nicht
mehr gemacht werden, und wenn er solche machte, so mußte man sie kalt
aufnehmen. Aber auch Gewalt durfte nicht gegen ihn angewendet, ja ihm
nicht einmal angedroht werden. Indessen war es vielleicht nicht
unmöglich, einen so schwachen Mann auch ohne Anwendung oder Androhung
von Gewalt um seine persönliche Sicherheit besorgt zu machen. Dann
dachte er gewiß bald wieder an die Flucht, und in diesem Falle mußte ihm
die Flucht auf jede Weise erleichtert und dafür gesorgt werden, daß er
nicht wieder durch einen diensteifrigen Tölpel zurückgehalten wurde.
[_Verhaftung Feversham's._] Dies war Wilhelm's Plan, und die
Geschicklichkeit und Entschlossenheit, womit er denselben ausführte,
contrastiren auffallend mit der ihm gegenüberstehenden Thorheit und
Feigheit. Bald bot sich ihm eine vortreffliche Gelegenheit dar, sein
Einschüchterungssystem zu beginnen. Feversham kam mit Jakob's Brief in
Windsor an. Die Wahl des Boten war eben keine glückliche. Er hatte die
königliche Armee entlassen und ihm gab man vorzugsweise die Verwirrung
und Angst der irischen Nacht Schuld. Sein Benehmen wurde von der
öffentlichen Meinung entschieden getadelt. Wilhelm hatte sich zu einigen
drohenden Worten reizen lassen, und einige drohende Worte aus Wilhelm's
Munde bedeuteten gewöhnlich etwas. Feversham wurde nach seinem
Geleitsbriefe gefragt. Er hatte keinen. Indem er ohne einen solchen in
einem feindlichen Lager erschien, hatte er sich nach den Kriegsgesetzen
der strengsten Behandlung ausgesetzt. Wilhelm weigerte sich ihn zu
empfangen und gab Befehl ihn festzunehmen.[20] Zulestein wurde sofort
abgesandt, um Jakob zu benachrichtigen, daß der Prinz die verlangte
Unterredung ablehne und wünsche, daß Seine Majestät in Rochester blieb.
[Anmerkung 20: +Clarendon's Diary, Dec. 16. 1688+; +Burnet, I.
800.+]
[_Ankunft Jakob's in London._] Aber es war zu spät. Jakob war bereits in
London. Er war anfangs unschlüssig gewesen und hatte sich schon einmal
wieder vorgenommen gehabt, einen neuen Versuch zur Flucht auf das
Festland zu machen. Endlich aber gab er dem Andringen von Freunden,
welche klüger waren als er, nach und reiste nach Whitehall ab. Am
Sonntag Nachmittag den 16. December kam er daselbst an. Er hatte
gefürchtet, das Volk, das während seiner Abwesenheit so viele Beweise
von Haß gegen den Papismus gegeben, werde ihm einen schimpflichen
Empfang bereiten. Aber gerade die Heftigkeit des neuerlichen Ausbruchs
hatte eine Erschlaffung zur Folge gehabt. Der Sturm hatte sich selbst
aufgezehrt. Heiterkeit und Mitleid waren auf die Wuth gefolgt. In keinem
Stadttheile Londons äußerte sich die mindeste Neigung, den König zu
beschimpfen; man hörte sogar einzelne Lebehochs, als er durch die City
fuhr. Auf einigen Kirchthürmen läuteten die Glocken und ein paar
Freudenfeuer wurden zu Ehren seiner Zurückkunft angezündet.[21] Sein
kurz zuvor von der Verzweiflung überwältigter schwacher Geist wurde
durch diese unerwarteten Zeichen der Gutherzigkeit und Theilnahme des
Volks mit übermäßiger Freude erfüllt. In der frohesten Stimmung betrat
er seine Wohnung, welche sehr bald ihr früheres Aussehen wieder annahm.
Katholische Priester, welche in der vergangenen Woche froh gewesen
waren, wenn sie sich in Kellern und Dachkammern vor der Wuth der Menge
hatten verbergen können, kamen aus ihren Schlupfwinkeln hervor und
machten Anspruch auf ihre früher innegehabten Gemächer im Palaste. Ein
Jesuit sprach das Tischgebet an der königlichen Tafel. Der irische
Jargon, damals jedem englischen Ohre der verhaßteste von allen
Dialecten, wurde wieder überall in den Höfen und Gallerien vernommen.
Der König selbst zeigte wieder seinen ganzen früheren Hochmuth. Er hielt
einen Staatsrath, den letzten, dem er präsidirte, und berief selbst in
dieser äußerst gefährlichen Lage Personen in denselben, welche
gesetzlich nicht berechtigt waren, einen Sitz darin einzunehmen. Er
sprach sein hohes Mißfallen über das Verfahren der Lords aus, die es
gewagt hatten, während seiner Abwesenheit die Regierungsgeschäfte zu
übernehmen. Er meinte, es sei ihre Pflicht gewesen, eher die
Gesellschaft sich auflösen, die Häuser der Gesandten niederreißen und
London in Brand stecken zu lassen, als sich die Functionen anzumaßen,
welche er niederzulegen für gut befunden hatte. Unter den so Getadelten
befanden sich einige Kavaliere und Prälaten, die ihm trotz aller seiner
Fehler stets treu geblieben waren und selbst nach dieser Provocation nie
weder durch die Hoffnung noch durch die Furcht bewogen werden konnten,
ihre Unterthanentreue von ihm auf einen andren Souverain zu
übertragen.[22]
Doch sein Muth ward bald gebrochen. Kaum war er in seinen Palast
eingezogen, so wurde ihm Zulestein gemeldet. Er überbrachte Wilhelm's
kalte und ernste Botschaft. Der König bestand noch immer auf einer
persönlichen Unterredung mit seinem Neffen. »Ich würde Rochester nicht
verlassen haben,« sagte er, »wenn ich gewußt hätte, daß er dies nicht
wünschte; da ich aber nun einmal hier bin, wird er hoffentlich in den
St. Jamespalast kommen.« -- »Ich muß Eurer Majestät offen sagen,«
entgegnete Zulestein, »daß Seine Hoheit nicht nach London kommen wird,
so lange Truppen hier sind, welche nicht unter seinen Befehlen stehen.«
Der König schwieg bestürzt über diese Antwort. Zulestein entfernte sich,
und bald darauf trat ein Gentleman in das Schlafzimmer mit der Meldung,
daß Feversham verhaftet worden sei.[23] Jakob erschrak nicht wenig
darüber. Doch die Erinnerung an den Beifall, mit dem er begrüßt worden
war, hielt seinen Muth noch immer aufrecht. Eine kühne Hoffnung stieg in
ihm auf. Er glaubte London, so lange das Bollwerk des Protestantismus
und des Whiggismus, werde bereitwilligst zu seinem Schutze die Waffen
ergreifen. Er ließ den Gemeinderath fragen, ob er sich verbindlich
machen wolle, ihn gegen den Prinzen zu vertheidigen, wenn er, der König,
seine Residenz in der City aufschlüge. Der Gemeinderath aber hatte die
Entziehung des Freibriefs und den Justizmord Cornish's nicht vergessen,
und weigerte sich das verlangte Versprechen zu geben. Da sank dem Könige
der Muth wieder. Wohin, fragte er, solle er sich um Schutz wenden? Es
sei ganz das Nämliche, ob er holländische Truppen um sich habe, oder
seine eigene Leibgarde. Was die Bürger betreffe, so wisse er jetzt, was
ihre Lebehochrufe und ihre Freudenfeuer werth seien. Es bleibe ihm
nichts Andres übrig als die Flucht, obgleich er recht wohl wisse, daß
seine Feinde nichts sehnlicher wünschten, als daß er wieder fliehen
möchte.[24]
[Anmerkung 21: +Clarke's Life of James, II. 262. Orig. Mem.+;
+Burnet, I. 799.+ In der +History of the Desertion (1689)+ wird
behauptet, die Lebehochs seien bei dieser Gelegenheit nur von
einigen jugendlichen Gaffern ausgerufen worden, die Hauptmasse des
Volks aber habe schweigend zugesehen. Oldmixon, der sich unter der
Menge befand, sagt das Nämliche, und Ralph, dessen vorgefaßte
Meinungen von denen Oldmixon's durchaus verschieden waren, erzählt
uns, daß ein achtbarer Augenzeuge ihm dasselbe mitgetheilt habe.
Die Wahrheit ist ohne Zweifel die, daß die Freudenbezeigungen an
sich unbedeutend waren, aber außerordentlich schienen, weil man
einen heftigen Ausbruch des öffentlichen Unwillens erwartet hatte.
Barillon erwähnt auch, daß einige Zurufe und Freudenfeuer
vorgekommen seien, setzt aber hinzu: +»Le peuple dans le fond est
pour le Prince d'Orange.«+ -- 17.(27.) Dec. 1688.]
[Anmerkung 22: +London Gazette, Dec. 16. 1688+; +Mulgrave's
Account of the Revolution; History of the Desertion+; +Burnet, I.
799+; +Evelyn's Diary, Dec. 13, 17. 1688+.]
[Anmerkung 23: +Clarke's Life of James, II. 262. Orig. Mem.+]
[Anmerkung 24: Barillon, 17.(27.) Dec. 1681; +Clarke's Life of
James, II. 271+.]
[_Berathung in Windsor._] Während er sich in diesem Zustande von Angst
und Ungewißheit befand, war sein Schicksal in Windsor der Gegenstand
ernster Berathung. Wilhelm's Hof war jetzt mit ausgezeichneten Männern
alter Parteien angefüllt. Die meisten Führer des Aufstandes im Norden
hatten sich ihm zugesellt, und mehrere von den Lords, welche während der
Anarchie der vergangenen Woche die Functionen einer provisorischen
Regierung übernommen hatten, waren sogleich nach der Rückkehr des Königs
von London ins holländische Hauptquartier abgereist. Einer von diesen
war Halifax. Wilhelm hatte ihn mit großem Vergnügen willkommen geheißen,
hatte aber ein sarkastisches Lächeln nicht unterdrücken können, als er
diesen genialen und vollendeten Staatsmann, der so gern der
Schiedsrichter in diesem großen Kampfe geworden wäre, gezwungen sah, den
Mittelweg zu verlassen und auf eine Seite zu treten. Unter Denen, die
sich damals nach Windsor begaben, waren auch Einige, welche Jakob's
Gunst durch schmachvolle Dienstleistungen erkauft hatten und die jetzt
das Verbrechen, ihr Vaterland verrathen zu haben, durch Verrath an ihrem
Gebieter wieder gut machen wollten. Ein solcher Mann war Titus, der in
Widerspruch mit dem Gesetz im Geheimen Rath gesessen und sich bemüht
hatte, die Puritaner mit den Jesuiten zu einem Bunde gegen die
Verfassung zu vereinigen. Ein solcher Mann war auch Williams, ein
gewesener Demagog, der aus Eigennutz zum Vertheidiger der Prärogative
geworden und der jetzt zu einem abermaligen Abfalle bereit war. Diese
Männer ließ der Prinz mit gerechter Verachtung in seinem Vorzimmer
vergebens auf eine Audienz warten.[25]
Am Montag den 17. December wurden sämmtliche in Windsor anwesende Peers
zu einer feierlichen Berathung in das Schloß berufen. Der Gegenstand der
Besprechung war die Frage, wie es mit dem Könige gehalten werden sollte.
Wilhelm hielt es nicht für passend, der Discussion beizuwohnen. Er
entfernte sich daher und Halifax wurde aufgefordert, den
Präsidentenstuhl einzunehmen. Über einen Punkt waren die Lords einig,
daß nämlich der König da wo er war nicht bleiben dürfe. Jedermann
fühlte, daß es unpassend sein würde, wenn der eine Fürst sich in
Whitehall, der andre in St. James verschanzte und es auf einem
Flächenraume von hundert Acres zwei feindliche Besatzungen gab. Eine
solche Situation mußte fast unvermeidlich Argwohn, Beleidigungen und
Reibungen hervorrufen, welche einen blutigen Ausgang nehmen konnten. Die
versammelten Lords hielten es daher für zweckmäßig, daß Jakob aus London
entfernt wurde. Ham, das Lauderdale von dem geraubten Gelde Schottlands
und von den Geschenken Frankreichs am Ufer der Themse erbaut und
ausgeschmückt hatte und das für das prächtigste Lustschloß Englands
galt, wurde als ein geeigneter Aufenthaltsort vorgeschlagen. Sobald die
Lords diesen Beschluß gefaßt hatten, ließen sie den Prinzen bitten, daß
er zu ihnen kommen möchte, und Halifax theilte ihm ihre Meinung mit.
Wilhelm hörte sie an und billigte sie. Es wurde sogleich ein kurzes
Schreiben an den König aufgesetzt. »Durch wem sollen wir es ihm zu
senden?« fragte Wilhelm dann. -- »Sollte es nicht durch einen Offizier
Eurer Hoheit überbracht werden?« entgegnete Halifax. -- »Nein, Mylords,
mit Verlaub,« erwiederte der Prinz; »es wird auf Anrathen Eurer
Herrlichkeiten abgesandt, und daher müssen Einige von Ihnen es
überbringen.« Und ohne weitere Einwendungen abzuwarten, ernannte er
Halifax, Shrewsbury und Delamere zu Überbringern.[26]
Der Beschluß der Lords schien einhellig zu sein; aber es waren Einige
darunter, welche die Entscheidung, mit der sie einverstanden zu sein
vorgaben, keineswegs billigten und den König mit einer Strenge behandelt
zu sehen wünschten, die sie nicht offen anzuempfehlen wagten. Es ist
eine bemerkenswerthe Thatsache, daß das Oberhaupt dieser Partei ein Peer
war, der ein heftiger Tory gewesen und der nachher als Eidverweigerer
starb: Clarendon. Die Rapidität, mit der er in dieser Krisis von einem
Extrem zum andren übersprang, muß Leuten, die in friedlichen Zeiten
leben, unglaublich erscheinen, wird aber Diejenigen nicht Wunder nehmen,
welche Gelegenheit hatten, den Gang von Revolutionen zu beobachten. Er
wußte, daß die Rücksichtslosigkeit, mit der er in Anwesenheit des Königs
das ganze Regierungssystem getadelt, seinen ehemaligen Gebieter tief
gekränkt hatte. Auf der andren Seite durfte er als Oheim der
Prinzessinnen hoffen, bei der bevorstehenden neuen Ordnung der Dinge
groß und reich zu werden. Die englische Colonie in Irland betrachtete
ihn als ihren Freund und Beschützer, und er sah ein, daß von dem
Vertrauen und der Zuneigung dieser wichtigen Partei seine zukünftige
Bedeutung großentheils abhing. Diesen Rücksichten mußten jetzt die
Prinzipien weichen, zu denen er sich während seines ganzen Lebens mit
Ostentation bekannt hatte. Er begab sich ins Kabinet des Prinzen und
stellte ihm vor, wie gefährlich es sein würde, wenn man den König frei
ließe. Die irischen Protestanten seien dann in der größten Gefahr. Es
gebe keinen andren Weg, um ihr Eigenthum und ihr Leben zu sichern, als
die strenge Gefangenhaltung des Königs. Ihm ein englisches Schloß zu
seinem Aufenthalt anzuweisen, dürfte nicht klug gehandelt sein; aber man
könnte ihn über's Meer schicken und in die Festung Vreda einschließen,
bis die Angelegenheiten der britischen Inseln geordnet seien. Wenn der
Prinz in Besitz einer solchen Geißel sei, würde Tyrconnel wahrscheinlich
das Staatsschwert niederlegen und die Oberherrschaft Englands in Irland
würde ohne einen Schwertstreich wiederhergestellt werden. Wenn dagegen
Jakob nach Frankreich entkäme und an der Spitze einer fremden Armee in
Dublin erschiene, so müßte dies die verderblichsten Folgen nach sich
ziehen. Wilhelm gab zu, daß diese Gründe sehr gewichtig seien, erklärte
aber, daß er sich dadurch nicht bestimmen lassen könne. Er kenne den
Character seiner Gemahlin und wisse, daß sie nie in einen solchen
Schritt willigen werde. Auch würde es ihm selbst nicht zur Ehre
gereichen, wenn er seinen besiegten Verwandten so rücksichtslos
behandelte. Übrigens könne man gar nicht wissen, ob Großmuth in diesem
Falle nicht die beste Politik sei. Wer könne sagen, welchen Eindruck
eine solche Strenge, wie Clarendon sie anempfahl, auf die öffentliche
Meinung machen werde? Sei es unmöglich, daß die loyale Begeisterung,
welche das verkehrte Benehmen des Königs erstickt hatte, wieder
auflebte, sobald es bekannt würde, daß er sich innerhalb der Mauern
einer ausländischen Festung befinde? Aus diesen Gründen beschloß
Wilhelm, seinen Schwiegervater keinem persönlichen Zwange zu
unterwerfen, und es ist kaum daran zu zweifeln, daß dies ein weiser
Entschluß war.[27]