[Anmerkung 5: +London Gazette, Dec. 13. 1688+; +Luttrell's Diary+;

+Mulgrave's Account of the Revolution+; Berathung des spanischen

Staatsraths vom 19.(29.) Jan. 1689. Es wurde von Repressalien

gesprochen, aber der spanische Staatsrath wies den Vorschlag mit

Verachtung zurück. +»Habiendo sido este hecho por un furor de

pueblo, sin consentimiento del gobierno, y antes contra su

voluntad, como lo ha mostrado la satisfaccion que le han dado y le

han prometido, parece que no hay juicio humano que puede aconsejar

que se pase à semejante remedio.«+]

[_Verhaftung Jeffreys'._] Trotz der wohlmeinenden Bemühungen der

provisorischen Regierung nahm jedoch die Aufregung stündlich in

erschreckendem Maße zu. Sie wurde noch vermehrt durch einen Vorfall, der

selbst nach so langer Zeit nicht ohne ein Gefühl von Schadenfreude

berichtet werden kann. Ein in Wapping wohnender Geldmäkler, dessen

Hauptgeschäft darin bestand, daß er den dortigen Seeleuten Geld auf hohe

Zinsen vorstreckte, hatte vor einiger Zeit eine Summe auf Bodmerei

ausgeliehen. Der Schuldner suchte bei dem Billigkeitsgericht um

Entbindung von seiner schriftlich eingegangenen Verpflichtung nach, und

der Fall kam vor Jeffreys. Da der Rechtsbeistand des Schuldners sonst

wenig zu sagen wußte, so sagte er, der Darleiher sei ein Trimmer. Der

Kanzler gerieth sogleich in Flammen. »Ein Trimmer?« rief er aus; »wo ist

er? ich will ihn sehen, ich habe von dieser Gattung Ungeheuer gehört.

Wie mögen sie aussehen?« Der unglückliche Gläubiger mußte vortreten. Der

Kanzler sah ihn mit einem durchbohrenden Blicke an, überhäufte ihn mit

einer Fluth von Schmähungen und schickte ihn dann halb todt vor Angst

wieder fort. »Dieses fürchterliche Gesicht,« sagte der arme Mann,

während er aus dem Gerichtssaale wankte, »werde ich zeitlebens nicht

vergessen.« Jetzt aber war der Tag der Vergeltung gekommen. Auf einem

Gange durch Wapping sah der Trimmer am Fenster eines Alehauses ein ihm

wohlbekanntes Gesicht. Er konnte sich nicht irren. Zwar waren die

Augenbrauen abrasirt und der von Kohlenstaub geschwärzte Anzug war der

eines gemeinen Matrosen; aber Jeffreys' wilder Blick und boshafter Mund

waren nicht zu verkennen. Es wurde Lärm gemacht, und in einem

Augenblicke war das Haus von mehreren hundert Leuten aus dem Volke, die

unter lauten Verwünschungen gewaltige Knittel schwangen, belagert. Eine

Compagnie Miliz rettete dem Flüchtling das Leben und führte ihn vor den

Lordmayor. Dieser war ein einfacher Mann, der sein ganzes Leben in

Dunkelheit zugebracht hatte und jetzt ganz bestürzt war, als er sah, daß

er in einer großen Revolution eine wichtige Rolle spielen sollte. Die

Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden und der gefahrdrohende

Zustand der seiner Obhut anvertrauten Stadt, hatte seine geistigen und

körperlichen Kräfte fast erschöpft. Als der große Mann, bei dessen

Zornesblicke noch vor wenigen Tagen das ganze Königreich gezittert

hatte, von Ruß geschwärzt, halb todt vor Angst und von einem tobenden

Pöbelhaufen verfolgt, in das Gerichtszimmer geschleppt wurde, stieg die

Aufregung des unglücklichen Mayors auf's Höchste. Er bekam Nervenzufälle

und wurde zu Bett gebracht, um nie wieder aufzustehen. Inzwischen wurde

die Volksmenge draußen immer zahlreicher und wüthender. Jeffreys bat

darum, daß man ihn ins Gefängniß führen solle. Man holte von den in

Whitehall tagenden Lords einen dazu nöthigen Verhaftbefehl herbei und

Jeffreys wurde in einem Wagen nach dem Tower gebracht. Zwei Regimenter

Miliz waren zur Eskorte aufgeboten worden, und sie hatten ein schweres

Stück Arbeit. Sie waren zu wiederholten Malen genöthigt, sich so zu

formiren, als ob sie einen Kavallerieangriff abzuwehren hätten, und dem

Pöbel einen Wald von Lanzen entgegenzuhalten. Die Tausende, die sich in

ihren rachsüchtigen Hoffnungen getäuscht sahen, verfolgten den Wagen

unter wüthendem Gebrüll bis zum Eingang in den Tower, dabei beständig

ihre Stöcke schwingend und dem Gefangenen Stricke vor die Augen haltend.

Der Unglückliche war vom Entsetzen und der Angst wie gelähmt. Er rang

die Hände, blickte bald aus diesem, bald aus jenem Fenster und man hörte

ihn trotz des betäubenden Lärms deutlich ausrufen: »Haltet sie zurück,

Gentlemen! um des Himmels willen, haltet sie zurück!« Endlich nachdem er

weit mehr als die Qualen des Todes gelitten, wurde er in dem

Staatsgefängnisse, in welchem einige von seinen erlauchtesten

Schlachtopfern ihr Leben beschlossen hatten und in welchem auch er seine

Tage in unsäglicher Schmach und Angst beschließen sollte, in Sicherheit

gebracht.[6]

Diese ganze Zeit über wurde eifrig auf katholische Priester gefahndet.

Viele wurden festgenommen und zwei Bischöfe, Ellis und Leyburne, wurden

nach Newgate abgeführt. Der Nuntius, welcher kaum erwarten durfte, daß

die Menge seinen geistlichen oder weltlichen Character respectiren

werde, entkam als Bedienter verkleidet, im Gefolge des Gesandten des

Herzogs von Savoyen.[7]

[Anmerkung 6: +North's Life of Guildford, 220+; +Jeffreys' Elegy+;

+Luttrell's Diary; Oldmixon, 762+. Oldmixon befand sich unter der

Menge und war, wie ich nicht zweifle, einer der Wüthendsten. Er

erzählt die Geschichte gut. Ellis' Correspondenz; Burnet I. 797,

und Onslow's Note.]

[Anmerkung 7: Adda, 9.(19.) Dec.; Citters, 18.(28.) Dec.]

[_Die irische Nacht._] Ein zweiter Tag der Aufregung und des Schreckens

ging zu Ende und auf ihn folgte die seltsamste und grauenvollste Nacht,

welche England je gesehen. Gegen Abend machte der Pöbel einen Angriff

auf ein stattliches Haus, das vor wenigen Monaten für Lord Powis erbaut

worden war, unter Georg II. die Wohnung des Herzogs von Newcastle wurde

und sich noch jetzt unter den Gebäuden der nordwestlichen Seite von

Lincoln's Inn Fields auszeichnet. Es wurden einige Truppen hingeschickt,

welche den Pöbel zerstreuten; die Ruhe schien hergestellt zu sein und

die Bürger gingen sorglos zu Bett. In diesem Augenblicke tauchte ein

Gerücht auf, das rasch zu einem furchtbaren Geschrei anschwoll, in einer

Stunde von Piccadilly bis Whitechapel flog und sich durch alle Straßen

und Gassen der Hauptstadt verbreitete. Es hieß, die Irländer, welche

Feversham entlassen, marschirten nach London und machten unterwegs

Alles, Männer, Frauen und Kinder, nieder. Um ein Uhr Morgens schlugen

die Trommeln der Miliz Generalmarsch. Allenthalben weinten die

geängstigten Frauen und rangen die Hände, während ihre Väter und Gatten

sich zum Kampfe fertig machten. Noch vor zwei Uhr gewährte die Stadt das

Ansehen ernster Kampfbereitschaft, das einem wirklichen Feinde gewiß

Respect eingeflößt haben würde, wenn ein solcher im Anzuge gewesen wäre.

An allen Fenstern brannten Lichter. Auf den öffentlichen Plätzen war es

so hell wie am Tage. Alle Hauptzugänge waren verbarrikadirt. Mehr als

zwanzigtausend Piken und Musketen zogen sich die Straßen entlang. Die

späte Morgensonne des Wintersolstitiums fand die ganze City noch unter

den Waffen. Die Londoner erinnerten sich viele Jahre lang lebhaft dieser

Nacht, die sie die irische Nacht nannten. Als es sich zeigte, daß kein

Grund zu Besorgnissen vorhanden gewesen war, versuchte man den Ursprung

des Gerüchts zu entdecken, das eine so große Aufregung veranlaßt hatte.

Es stellte sich heraus, daß einige Personen, welche aussahen und

gekleidet waren wie eben vom Lande hereinkommende Bauern, kurz vor

Mitternacht das Gerücht zuerst in den Vorstädten ausgesprengt hatten;

woher diese Leute aber kamen und in wessen Dienste sie standen, blieb

ein Geheimniß. Bald kamen von vielen Seiten Nachrichten, welche das

Publikum noch bestürzter machten. Der Schrecken hatte sich nicht auf

London allein beschränkt. Das Gerücht, daß irische Soldaten im Anzuge

seien, um die Protestanten niederzumetzeln, war mit boshafter Arglist in

vielen weit von einander entfernten Städten zu gleicher Zeit verbreitet

worden. Eine große Anzahl Briefe, welche sehr geschickt abgefaßt waren,

um das unwissende Volk zu ängstigen, waren durch Diligencen,

Landkutschen und durch die Post nach verschiedenen Gegenden Englands

gesandt worden. Alle diese Briefe kamen fast gleichzeitig in ihre

Bestimmungsorte. In hundert Städten zugleich bemächtigte sich des

niederen Volkes der Wahn, daß bewaffnete Barbaren in der Nähe seien,

welche eben so empörende Verbrechen verüben wollten, wie die, welche den

Aufstand von Ulster geschändet hatten. Kein Protestant sollte verschont

bleiben, Kinder sollten durch die Folter gezwungen werden, ihre Eltern

zu ermorden, Säuglinge sollten auf Lanzen gespießt oder in die

brennenden Trümmern der vor einigen Stunden noch friedlichen Wohnungen

geworfen werden. Große Volksmassen traten unter die Waffen; an einigen

Orten fing man schon an, die Brücken abzubrechen und Barrikaden zu

errichten; bald aber legte sich die Aufregung wieder. In vielen

Districten erfuhren die so schändlich Betrogenen mit einer mit

Beschämung gemischten Freude, daß sich bis auf die Entfernung eines

Achttagemarsches nicht ein einziger papistischer Soldat befinde. In

einigen Orten erschienen zwar vereinzelte herumstreifende Banden von

Irländern und forderten Lebensmittel; aber man darf es ihnen kaum als

Verbrechen anrechnen, daß sie nicht Hungers sterben wollten, und es ist

durch nichts bewiesen, daß sie irgend einen muthwilligen Frevel

verübten. In der That waren sie auch bei weitem nicht so zahlreich, als

man allgemein glaubte, und es sank ihnen aller Muth, als sie sich

plötzlich, ohne Anführer und ohne Lebensmittel inmitten einer starken

Bevölkerung erblickten, von der sie mit Gefühlen betrachtet wurden, wie

man sie etwa gegen eine Heerde Wölfe empfindet. Von allen Unterthanen

Jakob's hatte Niemand mehr Ursache, ihm zu fluchen, als diese

unglücklichen Mitglieder seiner Kirche und Vertheidiger seines

Thrones.[8]

Es macht dem englischen Character Ehre, daß trotz des Widerwillens, mit

welchem die katholische Religion und das irische Volk damals betrachtet

wurden, trotz der Anarchie, welche Jakob's Flucht herbeiführte, und

trotz der kunstvollen Machinationen, welche angewendet wurden, um die

Menge durch die Furcht zur Grausamkeit aufzustacheln, bei dieser

Gelegenheit kein blutiges Verbrechen verübt ward. Allerdings wurde viel

Eigenthum zerstört und geraubt, die Häuser vieler Katholiken wurden

angegriffen, Parke wurden verwüstet und Wild geschossen und gestohlen.

Manch' ehrwürdiges Denkmal der häuslichen Baukunst des Mittelalters

zeigt noch heutigen Tages die Spuren der Gewaltthätigkeit des Volks. Die

Straßen waren an vielen Stellen durch eine selbst errichtete Polizei

gesperrt, welche jeden Reisenden anhielt, bis er bewies, daß er kein

Papist war. Die Themse war von einer Art von Piraten heimgesucht, welche

unter dem Vorwande, auf Waffen und Delinquenten zu fahnden, jedes

vorüberfahrende Boot durchstöberten. Mißliebige Personen wurden

insultirt und hin und her gestoßen. Andere gerade nicht mißliebige waren

froh, wenn sie sich selbst und ihre Effecten dadurch loskaufen durften,

daß sie den eifrigen Protestanten, die sich ohne gesetzliche Autorität

das Amt von Untersuchungsrichtern angemaßt hatten, einige Guineen gaben.

Aber inmitten dieser Verwirrung, welche mehrere Tage währte und sich

über viele Grafschaften erstreckte, kam nicht ein einziger Katholik ums

Leben. Der Pöbel zeigte kein Verlangen nach Blutvergießen, ausgenommen

bei Jeffreys, und der Haß, den dieser abscheuliche Mann erweckte, stand

der Menschlichkeit näher als der Grausamkeit.[9]

Viele Jahre später behauptete Hugo Speke, die irische Nacht sei sein

Werk gewesen; er habe die Bauern angestellt, welche London aufgeregt,

und er sei der Verfasser der Briefe, welche im ganzen Lande Schrecken

verbreitet hatten. Seine Behauptung an sich ist nicht unwahrscheinlich,

aber sie stützt sich auf kein andres Zeugniß als sein eignes Wort. Er

war wohl der Mann dazu, eine solche Schurkerei zu begehen, aber auch

eben so fähig, sich fälschlich einer solchen That zu rühmen.[10]

In London wurde Wilhelm mit Ungeduld erwartet; denn man zweifelte nicht,

daß seine Energie und Einsicht die Ordnung und Sicherheit bald wieder

herstellen werde. Seine Ankunft aber erlitt eine Verzögerung, wegen der

er billigerweise nicht getadelt werden kann. Es war ursprünglich seine

Absicht gewesen, sich von Hungerford nach Oxford zu begeben, wo ihm ein

ehrenvoller und warmer Empfang zugesichert war; die Ankunft der

Deputation von der Guildhall aber bewog ihn, seinen Plan zu ändern und

direct nach der Hauptstadt zu eilen. Unterwegs erfuhr er, daß Feversham

dem Befehle des Königs zufolge die royalistische Armee entlassen habe

und daß Tausende von Soldaten, des Zwanges der Disciplin enthoben und an

dem Nothwendigsten Mangel leidend, in den Grafschaften, durch welche der

Weg nach London führte, zerstreut umherirrten. Wilhelm hätte daher nicht

ohne große Gefahr, nicht allein für seine Person, um die er sich wenig

zu kümmern pflegte, sondern auch für die wichtigen Interessen, die er

wahrzunehmen hatte, unter schwacher Bedeckung weiter vordringen können.

Er mußte seine eigenen Bewegungen nach den Bewegungen seiner Truppen

regeln, und Truppen konnten sich damals im tiefsten Winter nur langsam

auf den Heerstraßen vorwärts bewegen. Er kam bei dieser Gelegenheit doch

ein wenig aus seiner gewohnten Ruhe. »So darf man mir nicht kommen,«

rief er mit Bitterkeit aus; »Mylord Feversham soll das bald erfahren.«

Es wurden sofort die geeigneten Maßregeln getroffen, um den durch Jakob

herbeigeführten Übeln abzuhelfen. Churchill und Grafton wurden

beauftragt, die zerstreute Armee wieder zu sammeln und zu ordnen. Die

englischen Soldaten wurden aufgefordert, ihren militairischen Character

wieder anzunehmen, und die Irländer erhielten Befehl, ihre Waffen

abzuliefern, widrigenfalls sie als Banditen betrachtet werden würden;

zugleich aber wurde ihnen versprochen, daß, wenn sie sich gutwillig

fügten, sie mit allem Nothwendigen versehen werden sollten.[11]

Die Befehle des Prinzen wurden fast ohne Widerstand, ausgenommen von

Seiten der irischen Soldaten, welche in Tilbury gelegen hatten,

ausgeführt. Einer von diesen drückte ein Pistol auf Grafton ab. Es

verfehlte, und der Mörder wurde von einem Engländer auf der Stelle

niedergeschossen. Ungefähr zweihundert der unglücklichen Fremden machten

einen tapferen Versuch zur Rückkehr in ihr Vaterland. Sie bemächtigten

sich eines reichbefrachteten Ostindienfahrers, der eben in die Themse

eingelaufen war und versuchten es, in Gravesend Lootsen zu pressen. Sie

fanden jedoch keinen und mußten sich daher ihrer eigenen

Geschicklichkeit in der Schifffahrtskunde anvertrauen. Sie liefen mit

ihrem Schiffe bald auf den Grund und wurden nach einigem Blutvergießen

gezwungen, die Waffen zu strecken.[12]

Wilhelm befand sich jetzt seit fünf Wochen auf englischem Boden und

während dieser ganzen Zeit war ihm das Glück nicht einen Augenblick

untreu geworden, seine Klugheit und Festigkeit hatten sich glänzend

bewährt; noch mehr aber hatte die Thorheit und der Kleinmuth Anderer für

ihn gethan. Und jetzt, in dem Augenblicke, wo es schien, als ob der

vollständigste Erfolg seine Pläne krönen sollte, wurden sie durch einen

jener unerwarteten Zwischenfälle zerstört, welche so oft die klügsten

Berechnungen des menschlichen Scharfsinns zu Schanden machen.

[Anmerkung 8: Citters, 14.(24.) Dec. 1688. +Luttrell's Diary+;

Ellis' Correspondenz; +Oldmixon, 761+; +Speke's Secret History of

the Revolution+; +Clarke's Life of James, II. 257+; +Eachard's

History of the Revolution+; +History of the Desertion.+]

[Anmerkung 9: +Clarke's Life of James, II. 258.+]

[Anmerkung 10: +Secret History of the Revolution.+]

[Anmerkung 11: +Clarendon's Diary, Dec. 13. 1688+; Citters,

14.(24.) Dec.; +Eachard's History of the Revolution+.]

[Anmerkung 12: Citters, 14.(24.) Dec.; +Luttrell's Diary+.]

[_Der König wird unweit Sheerneß angehalten._] Am Morgen des 13.

Decembers wurde die Bevölkerung von London, die sich noch nicht ganz von

der Aufregung der irischen Nacht erholt hatte, durch das Gerücht

überrascht, der König sei angehalten worden und befinde sich noch auf

der Insel. Im Laufe des Tages gewann das Gerücht an Consistenz und

erhielt noch vor dem Abend die vollkommenste Bestätigung.

Jakob war mit untergelegten Pferden das südliche Ufer der Themse entlang

gereist und hatte am Morgen des 12. Decembers Emley Ferry, in der Nähe

der Insel Sheppey, erreicht. Hier lag das Fahrzeug, auf welchem er sich

einschiffen wollte. Er ging an Bord, aber der Wind blies frisch und der

Schiffer wollte es nicht wagen, ohne mehr Ballast in See zu gehen.

Darüber wurde die günstige Gelegenheit einer Ebbe verloren. Es war nahe

an Mitternacht, ehe das Boot flott zu werden begann. Inzwischen hatte

sich die Nachricht, daß der König verschwunden, daß das Land ohne

Regierung und London in der größten Bestürzung sei, rasch die Themse

stromabwärts verbreitet und überall Gewaltthätigkeiten und Unruhen

erzeugt. Die rauhen Fischer der Küste von Kent betrachteten das Boot mit

argwöhnischen und gierigen Blicken. Es hieß, einige vornehm gekleidete

Herren seien eiligst an Bord desselben gegangen. Vielleicht waren es

Jesuiten, und vielleicht waren sie reich! Fünfzig bis sechzig Schiffer,

vom Haß gegen den Papismus und vom Hang zum Plündern angetrieben,

hielten das Boot an, als es eben wieder abfahren wollte. Sie erklärten

den Passagieren, daß sie ans Land gehen und sich bei einem

Magistratsbeamten legitimiren müßten. Das Aussehen des Königs erregte

Verdacht. »Das ist Pater Petre!« rief Einer von der Horde; »ich erkenne

ihn an seinen hohlen Backen.« -- »Durchsucht den alten Jesuiten mit dem

Fratzengesicht!« erscholl es nun von allen Seiten. Er wurde sehr unsanft

hin und her gestoßen und man nahm ihm seine Börse und seine Uhr. Er

hatte seinen Krönungsring und einige andere werthvolle Kleinodien bei

sich; aber diese entgingen den Nachforschungen der Räuber, die sich

überhaupt so wenig auf Juwelen verstanden, daß sie die Diamanten auf

seinen Schuhschnallen für Glasstückchen hielten.

Endlich wurden die Gefangenen ans Land gebracht und in einen Gasthof

geführt. Hier hatte sich ein Volkshaufen versammelt, um sie zu sehen,

und obgleich sich Jakob durch eine Perrücke von andrer Form und Farbe,

als er sie gewöhnlich trug, entstellt hatte, wurde er doch sofort

erkannt. Einen Augenblick schien der Pöbel von ehrfurchtsvoller Scheu

ergriffen, aber die Zureden der Führer gaben ihm wieder Muth und der

Anblick Hales', den sie genau kannten und tödtlich haßten, entflammte

ihre Wuth. Sein Park lag in der Nähe und eine Horde Tumultuanten war

eben damit beschäftigt, sein Haus zu demoliren und sein Wild zu

schießen. Die Menge versicherte den König, daß sie ihm nichts zu Leibe

thun wolle, ihn aber nicht abreisen lassen werde. Der Earl von

Winchelsea, ein Protestant, aber eifriger Royalist, das Oberhaupt der

Familie Finch und ein naher Verwandter Nottingham's, befand sich damals

zufällig in Canterbury. Sobald er erfuhr was geschehen war, eilte er in

Begleitung einiger kentischen Gentlemen nach der Küste. Durch ihre

Verwendung erhielt der König eine anständigere Wohnung, aber er blieb

ein Gefangener. Der Pöbel bewachte fortwährend das Haus, in das er

gebracht worden war, und einige von den Rädelsführern lagen an der Thür

seines Schlafzimmers. Er benahm sich dabei wie ein Mann, den die Last

des Mißgeschicks völlig zu Boden drückt. Zuweilen sprach er in einem so

hochmüthigen Tone, daß die Bauern, die ihn bewachten, zu unehrerbietigen

Antworten gereizt wurden. Dann nahm er wieder zu Bitten seine Zuflucht.

»Laßt mich gehen,« sagte er, »verschafft mir ein Boot. Der Prinz von

Oranien trachtet mir nach dem Leben. Wenn Ihr mich jetzt nicht fliehen

laßt, so wird es zu spät sein. Mein Blut wird dann über Euch kommen. Wer

nicht für mich ist, der ist gegen mich.« Über diesen letzten Text

predigte er eine halbe Stunde lang. Er sprach über eine Menge

verschiedener Gegenstände: über den Ungehorsam der Collegiaten des

Magdalenenstiftes, über die durch den Brunnen der heiligen Winfrede

bewirkten Wunder, über die Illoyalität der Schwarzröcke und über die

Wunderkräfte eines Splitters vom wahrem Kreuze des Erlösers, den er

leider verloren habe. »Was habe ich gethan?« fragte er die anwesenden

kentischen Squires. »Sagen Sie mir die Wahrheit: welchen Fehler habe ich

begangen?« Diejenigen, an welche er diese Frage richtete, waren zu

human, als daß sie ihm die Antwort hätten geben sollen, die ihnen gewiß

auf den Lippen schwebte, und sie hörten daher sein verworrenes Geschwätz

mit mitleidigem Stillschweigen an.[13]

Als die Nachricht, daß er angehalten, insultirt, mit roher Härte

behandelt und ausgeplündert worden sei und daß er sich noch in der

Gewalt roher Bauern befinde, in der Hauptstadt ankam, äußerten sich

verschiedenartige Leidenschaften. Strenge Staatskirchenmänner, welche

wenige Stunden zuvor angefangen hatten zu glauben, daß sie ihrer

Unterthanenpflichten gegen ihn entbunden seien, wurden wieder

schwankend. Er hatte sein Reich nicht verlassen und also die Abdankung

nicht vollendet. Sollte er sein königliches Amt wieder übernehmen,

konnten sie ihm dann nach ihren Grundsätzen den Gehorsam verweigern?

Einsichtsvolle Staatsmänner sahen mit tiefer Betrübniß voraus, daß alle

Streitigkeiten, welche seine Flucht auf einen Augenblick beschwichtigt

hatte, durch seine Rückkehr wieder angeregt und mit vermehrter

Erbitterung fortgesetzt werden würden. Viele Leute aus dem Volke wurden,

obgleich sie noch den Schmerz der ihnen unlängst zugefügten Unbilden

fühlten, von Mitleid für einen von Räubern mißhandelten großen Fürsten

ergriffen und waren zu der Hoffnung geneigt, welche mehr ihrer

Gutherzigkeit als ihrem Verstande zur Ehre gereichte, daß er jetzt noch

die Fehler bereuen könnte, die eine so entsetzliche Strafe über ihn

gebracht hatten.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11) · 第 16 / 26 段