+Mulgrave's Account of the Revolution+; Berathung des spanischen
Staatsraths vom 19.(29.) Jan. 1689. Es wurde von Repressalien
gesprochen, aber der spanische Staatsrath wies den Vorschlag mit
Verachtung zurück. +»Habiendo sido este hecho por un furor de
pueblo, sin consentimiento del gobierno, y antes contra su
voluntad, como lo ha mostrado la satisfaccion que le han dado y le
han prometido, parece que no hay juicio humano que puede aconsejar
que se pase à semejante remedio.«+]
[_Verhaftung Jeffreys'._] Trotz der wohlmeinenden Bemühungen der
provisorischen Regierung nahm jedoch die Aufregung stündlich in
erschreckendem Maße zu. Sie wurde noch vermehrt durch einen Vorfall, der
selbst nach so langer Zeit nicht ohne ein Gefühl von Schadenfreude
berichtet werden kann. Ein in Wapping wohnender Geldmäkler, dessen
Hauptgeschäft darin bestand, daß er den dortigen Seeleuten Geld auf hohe
Zinsen vorstreckte, hatte vor einiger Zeit eine Summe auf Bodmerei
ausgeliehen. Der Schuldner suchte bei dem Billigkeitsgericht um
Entbindung von seiner schriftlich eingegangenen Verpflichtung nach, und
der Fall kam vor Jeffreys. Da der Rechtsbeistand des Schuldners sonst
wenig zu sagen wußte, so sagte er, der Darleiher sei ein Trimmer. Der
Kanzler gerieth sogleich in Flammen. »Ein Trimmer?« rief er aus; »wo ist
er? ich will ihn sehen, ich habe von dieser Gattung Ungeheuer gehört.
Wie mögen sie aussehen?« Der unglückliche Gläubiger mußte vortreten. Der
Kanzler sah ihn mit einem durchbohrenden Blicke an, überhäufte ihn mit
einer Fluth von Schmähungen und schickte ihn dann halb todt vor Angst
wieder fort. »Dieses fürchterliche Gesicht,« sagte der arme Mann,
während er aus dem Gerichtssaale wankte, »werde ich zeitlebens nicht
vergessen.« Jetzt aber war der Tag der Vergeltung gekommen. Auf einem
Gange durch Wapping sah der Trimmer am Fenster eines Alehauses ein ihm
wohlbekanntes Gesicht. Er konnte sich nicht irren. Zwar waren die
Augenbrauen abrasirt und der von Kohlenstaub geschwärzte Anzug war der
eines gemeinen Matrosen; aber Jeffreys' wilder Blick und boshafter Mund
waren nicht zu verkennen. Es wurde Lärm gemacht, und in einem
Augenblicke war das Haus von mehreren hundert Leuten aus dem Volke, die
unter lauten Verwünschungen gewaltige Knittel schwangen, belagert. Eine
Compagnie Miliz rettete dem Flüchtling das Leben und führte ihn vor den
Lordmayor. Dieser war ein einfacher Mann, der sein ganzes Leben in
Dunkelheit zugebracht hatte und jetzt ganz bestürzt war, als er sah, daß
er in einer großen Revolution eine wichtige Rolle spielen sollte. Die
Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden und der gefahrdrohende
Zustand der seiner Obhut anvertrauten Stadt, hatte seine geistigen und
körperlichen Kräfte fast erschöpft. Als der große Mann, bei dessen
Zornesblicke noch vor wenigen Tagen das ganze Königreich gezittert
hatte, von Ruß geschwärzt, halb todt vor Angst und von einem tobenden
Pöbelhaufen verfolgt, in das Gerichtszimmer geschleppt wurde, stieg die
Aufregung des unglücklichen Mayors auf's Höchste. Er bekam Nervenzufälle
und wurde zu Bett gebracht, um nie wieder aufzustehen. Inzwischen wurde
die Volksmenge draußen immer zahlreicher und wüthender. Jeffreys bat
darum, daß man ihn ins Gefängniß führen solle. Man holte von den in
Whitehall tagenden Lords einen dazu nöthigen Verhaftbefehl herbei und
Jeffreys wurde in einem Wagen nach dem Tower gebracht. Zwei Regimenter
Miliz waren zur Eskorte aufgeboten worden, und sie hatten ein schweres
Stück Arbeit. Sie waren zu wiederholten Malen genöthigt, sich so zu
formiren, als ob sie einen Kavallerieangriff abzuwehren hätten, und dem
Pöbel einen Wald von Lanzen entgegenzuhalten. Die Tausende, die sich in
ihren rachsüchtigen Hoffnungen getäuscht sahen, verfolgten den Wagen
unter wüthendem Gebrüll bis zum Eingang in den Tower, dabei beständig
ihre Stöcke schwingend und dem Gefangenen Stricke vor die Augen haltend.
Der Unglückliche war vom Entsetzen und der Angst wie gelähmt. Er rang
die Hände, blickte bald aus diesem, bald aus jenem Fenster und man hörte
ihn trotz des betäubenden Lärms deutlich ausrufen: »Haltet sie zurück,
Gentlemen! um des Himmels willen, haltet sie zurück!« Endlich nachdem er
weit mehr als die Qualen des Todes gelitten, wurde er in dem
Staatsgefängnisse, in welchem einige von seinen erlauchtesten
Schlachtopfern ihr Leben beschlossen hatten und in welchem auch er seine
Tage in unsäglicher Schmach und Angst beschließen sollte, in Sicherheit
gebracht.[6]
Diese ganze Zeit über wurde eifrig auf katholische Priester gefahndet.
Viele wurden festgenommen und zwei Bischöfe, Ellis und Leyburne, wurden
nach Newgate abgeführt. Der Nuntius, welcher kaum erwarten durfte, daß
die Menge seinen geistlichen oder weltlichen Character respectiren
werde, entkam als Bedienter verkleidet, im Gefolge des Gesandten des
Herzogs von Savoyen.[7]
[Anmerkung 6: +North's Life of Guildford, 220+; +Jeffreys' Elegy+;
+Luttrell's Diary; Oldmixon, 762+. Oldmixon befand sich unter der
Menge und war, wie ich nicht zweifle, einer der Wüthendsten. Er
erzählt die Geschichte gut. Ellis' Correspondenz; Burnet I. 797,
und Onslow's Note.]
[Anmerkung 7: Adda, 9.(19.) Dec.; Citters, 18.(28.) Dec.]
[_Die irische Nacht._] Ein zweiter Tag der Aufregung und des Schreckens
ging zu Ende und auf ihn folgte die seltsamste und grauenvollste Nacht,
welche England je gesehen. Gegen Abend machte der Pöbel einen Angriff
auf ein stattliches Haus, das vor wenigen Monaten für Lord Powis erbaut
worden war, unter Georg II. die Wohnung des Herzogs von Newcastle wurde
und sich noch jetzt unter den Gebäuden der nordwestlichen Seite von
Lincoln's Inn Fields auszeichnet. Es wurden einige Truppen hingeschickt,
welche den Pöbel zerstreuten; die Ruhe schien hergestellt zu sein und
die Bürger gingen sorglos zu Bett. In diesem Augenblicke tauchte ein
Gerücht auf, das rasch zu einem furchtbaren Geschrei anschwoll, in einer
Stunde von Piccadilly bis Whitechapel flog und sich durch alle Straßen
und Gassen der Hauptstadt verbreitete. Es hieß, die Irländer, welche
Feversham entlassen, marschirten nach London und machten unterwegs
Alles, Männer, Frauen und Kinder, nieder. Um ein Uhr Morgens schlugen
die Trommeln der Miliz Generalmarsch. Allenthalben weinten die
geängstigten Frauen und rangen die Hände, während ihre Väter und Gatten
sich zum Kampfe fertig machten. Noch vor zwei Uhr gewährte die Stadt das
Ansehen ernster Kampfbereitschaft, das einem wirklichen Feinde gewiß
Respect eingeflößt haben würde, wenn ein solcher im Anzuge gewesen wäre.
An allen Fenstern brannten Lichter. Auf den öffentlichen Plätzen war es
so hell wie am Tage. Alle Hauptzugänge waren verbarrikadirt. Mehr als
zwanzigtausend Piken und Musketen zogen sich die Straßen entlang. Die
späte Morgensonne des Wintersolstitiums fand die ganze City noch unter
den Waffen. Die Londoner erinnerten sich viele Jahre lang lebhaft dieser
Nacht, die sie die irische Nacht nannten. Als es sich zeigte, daß kein
Grund zu Besorgnissen vorhanden gewesen war, versuchte man den Ursprung
des Gerüchts zu entdecken, das eine so große Aufregung veranlaßt hatte.
Es stellte sich heraus, daß einige Personen, welche aussahen und
gekleidet waren wie eben vom Lande hereinkommende Bauern, kurz vor
Mitternacht das Gerücht zuerst in den Vorstädten ausgesprengt hatten;
woher diese Leute aber kamen und in wessen Dienste sie standen, blieb
ein Geheimniß. Bald kamen von vielen Seiten Nachrichten, welche das
Publikum noch bestürzter machten. Der Schrecken hatte sich nicht auf
London allein beschränkt. Das Gerücht, daß irische Soldaten im Anzuge
seien, um die Protestanten niederzumetzeln, war mit boshafter Arglist in
vielen weit von einander entfernten Städten zu gleicher Zeit verbreitet
worden. Eine große Anzahl Briefe, welche sehr geschickt abgefaßt waren,
um das unwissende Volk zu ängstigen, waren durch Diligencen,
Landkutschen und durch die Post nach verschiedenen Gegenden Englands
gesandt worden. Alle diese Briefe kamen fast gleichzeitig in ihre
Bestimmungsorte. In hundert Städten zugleich bemächtigte sich des
niederen Volkes der Wahn, daß bewaffnete Barbaren in der Nähe seien,
welche eben so empörende Verbrechen verüben wollten, wie die, welche den
Aufstand von Ulster geschändet hatten. Kein Protestant sollte verschont
bleiben, Kinder sollten durch die Folter gezwungen werden, ihre Eltern
zu ermorden, Säuglinge sollten auf Lanzen gespießt oder in die
brennenden Trümmern der vor einigen Stunden noch friedlichen Wohnungen
geworfen werden. Große Volksmassen traten unter die Waffen; an einigen
Orten fing man schon an, die Brücken abzubrechen und Barrikaden zu
errichten; bald aber legte sich die Aufregung wieder. In vielen
Districten erfuhren die so schändlich Betrogenen mit einer mit
Beschämung gemischten Freude, daß sich bis auf die Entfernung eines
Achttagemarsches nicht ein einziger papistischer Soldat befinde. In
einigen Orten erschienen zwar vereinzelte herumstreifende Banden von
Irländern und forderten Lebensmittel; aber man darf es ihnen kaum als
Verbrechen anrechnen, daß sie nicht Hungers sterben wollten, und es ist
durch nichts bewiesen, daß sie irgend einen muthwilligen Frevel
verübten. In der That waren sie auch bei weitem nicht so zahlreich, als
man allgemein glaubte, und es sank ihnen aller Muth, als sie sich
plötzlich, ohne Anführer und ohne Lebensmittel inmitten einer starken
Bevölkerung erblickten, von der sie mit Gefühlen betrachtet wurden, wie
man sie etwa gegen eine Heerde Wölfe empfindet. Von allen Unterthanen
Jakob's hatte Niemand mehr Ursache, ihm zu fluchen, als diese
unglücklichen Mitglieder seiner Kirche und Vertheidiger seines
Thrones.[8]
Es macht dem englischen Character Ehre, daß trotz des Widerwillens, mit
welchem die katholische Religion und das irische Volk damals betrachtet
wurden, trotz der Anarchie, welche Jakob's Flucht herbeiführte, und
trotz der kunstvollen Machinationen, welche angewendet wurden, um die
Menge durch die Furcht zur Grausamkeit aufzustacheln, bei dieser
Gelegenheit kein blutiges Verbrechen verübt ward. Allerdings wurde viel
Eigenthum zerstört und geraubt, die Häuser vieler Katholiken wurden
angegriffen, Parke wurden verwüstet und Wild geschossen und gestohlen.
Manch' ehrwürdiges Denkmal der häuslichen Baukunst des Mittelalters
zeigt noch heutigen Tages die Spuren der Gewaltthätigkeit des Volks. Die
Straßen waren an vielen Stellen durch eine selbst errichtete Polizei
gesperrt, welche jeden Reisenden anhielt, bis er bewies, daß er kein
Papist war. Die Themse war von einer Art von Piraten heimgesucht, welche
unter dem Vorwande, auf Waffen und Delinquenten zu fahnden, jedes
vorüberfahrende Boot durchstöberten. Mißliebige Personen wurden
insultirt und hin und her gestoßen. Andere gerade nicht mißliebige waren
froh, wenn sie sich selbst und ihre Effecten dadurch loskaufen durften,
daß sie den eifrigen Protestanten, die sich ohne gesetzliche Autorität
das Amt von Untersuchungsrichtern angemaßt hatten, einige Guineen gaben.
Aber inmitten dieser Verwirrung, welche mehrere Tage währte und sich
über viele Grafschaften erstreckte, kam nicht ein einziger Katholik ums
Leben. Der Pöbel zeigte kein Verlangen nach Blutvergießen, ausgenommen
bei Jeffreys, und der Haß, den dieser abscheuliche Mann erweckte, stand
der Menschlichkeit näher als der Grausamkeit.[9]
Viele Jahre später behauptete Hugo Speke, die irische Nacht sei sein
Werk gewesen; er habe die Bauern angestellt, welche London aufgeregt,
und er sei der Verfasser der Briefe, welche im ganzen Lande Schrecken
verbreitet hatten. Seine Behauptung an sich ist nicht unwahrscheinlich,
aber sie stützt sich auf kein andres Zeugniß als sein eignes Wort. Er
war wohl der Mann dazu, eine solche Schurkerei zu begehen, aber auch
eben so fähig, sich fälschlich einer solchen That zu rühmen.[10]
In London wurde Wilhelm mit Ungeduld erwartet; denn man zweifelte nicht,
daß seine Energie und Einsicht die Ordnung und Sicherheit bald wieder
herstellen werde. Seine Ankunft aber erlitt eine Verzögerung, wegen der
er billigerweise nicht getadelt werden kann. Es war ursprünglich seine
Absicht gewesen, sich von Hungerford nach Oxford zu begeben, wo ihm ein
ehrenvoller und warmer Empfang zugesichert war; die Ankunft der
Deputation von der Guildhall aber bewog ihn, seinen Plan zu ändern und
direct nach der Hauptstadt zu eilen. Unterwegs erfuhr er, daß Feversham
dem Befehle des Königs zufolge die royalistische Armee entlassen habe
und daß Tausende von Soldaten, des Zwanges der Disciplin enthoben und an
dem Nothwendigsten Mangel leidend, in den Grafschaften, durch welche der
Weg nach London führte, zerstreut umherirrten. Wilhelm hätte daher nicht
ohne große Gefahr, nicht allein für seine Person, um die er sich wenig
zu kümmern pflegte, sondern auch für die wichtigen Interessen, die er
wahrzunehmen hatte, unter schwacher Bedeckung weiter vordringen können.
Er mußte seine eigenen Bewegungen nach den Bewegungen seiner Truppen
regeln, und Truppen konnten sich damals im tiefsten Winter nur langsam
auf den Heerstraßen vorwärts bewegen. Er kam bei dieser Gelegenheit doch
ein wenig aus seiner gewohnten Ruhe. »So darf man mir nicht kommen,«
rief er mit Bitterkeit aus; »Mylord Feversham soll das bald erfahren.«
Es wurden sofort die geeigneten Maßregeln getroffen, um den durch Jakob
herbeigeführten Übeln abzuhelfen. Churchill und Grafton wurden
beauftragt, die zerstreute Armee wieder zu sammeln und zu ordnen. Die
englischen Soldaten wurden aufgefordert, ihren militairischen Character
wieder anzunehmen, und die Irländer erhielten Befehl, ihre Waffen
abzuliefern, widrigenfalls sie als Banditen betrachtet werden würden;
zugleich aber wurde ihnen versprochen, daß, wenn sie sich gutwillig
fügten, sie mit allem Nothwendigen versehen werden sollten.[11]
Die Befehle des Prinzen wurden fast ohne Widerstand, ausgenommen von
Seiten der irischen Soldaten, welche in Tilbury gelegen hatten,
ausgeführt. Einer von diesen drückte ein Pistol auf Grafton ab. Es
verfehlte, und der Mörder wurde von einem Engländer auf der Stelle
niedergeschossen. Ungefähr zweihundert der unglücklichen Fremden machten
einen tapferen Versuch zur Rückkehr in ihr Vaterland. Sie bemächtigten
sich eines reichbefrachteten Ostindienfahrers, der eben in die Themse
eingelaufen war und versuchten es, in Gravesend Lootsen zu pressen. Sie
fanden jedoch keinen und mußten sich daher ihrer eigenen
Geschicklichkeit in der Schifffahrtskunde anvertrauen. Sie liefen mit
ihrem Schiffe bald auf den Grund und wurden nach einigem Blutvergießen
gezwungen, die Waffen zu strecken.[12]
Wilhelm befand sich jetzt seit fünf Wochen auf englischem Boden und
während dieser ganzen Zeit war ihm das Glück nicht einen Augenblick
untreu geworden, seine Klugheit und Festigkeit hatten sich glänzend
bewährt; noch mehr aber hatte die Thorheit und der Kleinmuth Anderer für
ihn gethan. Und jetzt, in dem Augenblicke, wo es schien, als ob der
vollständigste Erfolg seine Pläne krönen sollte, wurden sie durch einen
jener unerwarteten Zwischenfälle zerstört, welche so oft die klügsten
Berechnungen des menschlichen Scharfsinns zu Schanden machen.
[Anmerkung 8: Citters, 14.(24.) Dec. 1688. +Luttrell's Diary+;
Ellis' Correspondenz; +Oldmixon, 761+; +Speke's Secret History of
the Revolution+; +Clarke's Life of James, II. 257+; +Eachard's
History of the Revolution+; +History of the Desertion.+]
[Anmerkung 9: +Clarke's Life of James, II. 258.+]
[Anmerkung 10: +Secret History of the Revolution.+]
[Anmerkung 11: +Clarendon's Diary, Dec. 13. 1688+; Citters,
14.(24.) Dec.; +Eachard's History of the Revolution+.]
[Anmerkung 12: Citters, 14.(24.) Dec.; +Luttrell's Diary+.]
[_Der König wird unweit Sheerneß angehalten._] Am Morgen des 13.
Decembers wurde die Bevölkerung von London, die sich noch nicht ganz von
der Aufregung der irischen Nacht erholt hatte, durch das Gerücht
überrascht, der König sei angehalten worden und befinde sich noch auf
der Insel. Im Laufe des Tages gewann das Gerücht an Consistenz und
erhielt noch vor dem Abend die vollkommenste Bestätigung.
Jakob war mit untergelegten Pferden das südliche Ufer der Themse entlang
gereist und hatte am Morgen des 12. Decembers Emley Ferry, in der Nähe
der Insel Sheppey, erreicht. Hier lag das Fahrzeug, auf welchem er sich
einschiffen wollte. Er ging an Bord, aber der Wind blies frisch und der
Schiffer wollte es nicht wagen, ohne mehr Ballast in See zu gehen.
Darüber wurde die günstige Gelegenheit einer Ebbe verloren. Es war nahe
an Mitternacht, ehe das Boot flott zu werden begann. Inzwischen hatte
sich die Nachricht, daß der König verschwunden, daß das Land ohne
Regierung und London in der größten Bestürzung sei, rasch die Themse
stromabwärts verbreitet und überall Gewaltthätigkeiten und Unruhen
erzeugt. Die rauhen Fischer der Küste von Kent betrachteten das Boot mit
argwöhnischen und gierigen Blicken. Es hieß, einige vornehm gekleidete
Herren seien eiligst an Bord desselben gegangen. Vielleicht waren es
Jesuiten, und vielleicht waren sie reich! Fünfzig bis sechzig Schiffer,
vom Haß gegen den Papismus und vom Hang zum Plündern angetrieben,
hielten das Boot an, als es eben wieder abfahren wollte. Sie erklärten
den Passagieren, daß sie ans Land gehen und sich bei einem
Magistratsbeamten legitimiren müßten. Das Aussehen des Königs erregte
Verdacht. »Das ist Pater Petre!« rief Einer von der Horde; »ich erkenne
ihn an seinen hohlen Backen.« -- »Durchsucht den alten Jesuiten mit dem
Fratzengesicht!« erscholl es nun von allen Seiten. Er wurde sehr unsanft
hin und her gestoßen und man nahm ihm seine Börse und seine Uhr. Er
hatte seinen Krönungsring und einige andere werthvolle Kleinodien bei
sich; aber diese entgingen den Nachforschungen der Räuber, die sich
überhaupt so wenig auf Juwelen verstanden, daß sie die Diamanten auf
seinen Schuhschnallen für Glasstückchen hielten.
Endlich wurden die Gefangenen ans Land gebracht und in einen Gasthof
geführt. Hier hatte sich ein Volkshaufen versammelt, um sie zu sehen,
und obgleich sich Jakob durch eine Perrücke von andrer Form und Farbe,
als er sie gewöhnlich trug, entstellt hatte, wurde er doch sofort
erkannt. Einen Augenblick schien der Pöbel von ehrfurchtsvoller Scheu
ergriffen, aber die Zureden der Führer gaben ihm wieder Muth und der
Anblick Hales', den sie genau kannten und tödtlich haßten, entflammte
ihre Wuth. Sein Park lag in der Nähe und eine Horde Tumultuanten war
eben damit beschäftigt, sein Haus zu demoliren und sein Wild zu
schießen. Die Menge versicherte den König, daß sie ihm nichts zu Leibe
thun wolle, ihn aber nicht abreisen lassen werde. Der Earl von
Winchelsea, ein Protestant, aber eifriger Royalist, das Oberhaupt der
Familie Finch und ein naher Verwandter Nottingham's, befand sich damals
zufällig in Canterbury. Sobald er erfuhr was geschehen war, eilte er in
Begleitung einiger kentischen Gentlemen nach der Küste. Durch ihre
Verwendung erhielt der König eine anständigere Wohnung, aber er blieb
ein Gefangener. Der Pöbel bewachte fortwährend das Haus, in das er
gebracht worden war, und einige von den Rädelsführern lagen an der Thür
seines Schlafzimmers. Er benahm sich dabei wie ein Mann, den die Last
des Mißgeschicks völlig zu Boden drückt. Zuweilen sprach er in einem so
hochmüthigen Tone, daß die Bauern, die ihn bewachten, zu unehrerbietigen
Antworten gereizt wurden. Dann nahm er wieder zu Bitten seine Zuflucht.
»Laßt mich gehen,« sagte er, »verschafft mir ein Boot. Der Prinz von
Oranien trachtet mir nach dem Leben. Wenn Ihr mich jetzt nicht fliehen
laßt, so wird es zu spät sein. Mein Blut wird dann über Euch kommen. Wer
nicht für mich ist, der ist gegen mich.« Über diesen letzten Text
predigte er eine halbe Stunde lang. Er sprach über eine Menge
verschiedener Gegenstände: über den Ungehorsam der Collegiaten des
Magdalenenstiftes, über die durch den Brunnen der heiligen Winfrede
bewirkten Wunder, über die Illoyalität der Schwarzröcke und über die
Wunderkräfte eines Splitters vom wahrem Kreuze des Erlösers, den er
leider verloren habe. »Was habe ich gethan?« fragte er die anwesenden
kentischen Squires. »Sagen Sie mir die Wahrheit: welchen Fehler habe ich
begangen?« Diejenigen, an welche er diese Frage richtete, waren zu
human, als daß sie ihm die Antwort hätten geben sollen, die ihnen gewiß
auf den Lippen schwebte, und sie hörten daher sein verworrenes Geschwätz
mit mitleidigem Stillschweigen an.[13]
Als die Nachricht, daß er angehalten, insultirt, mit roher Härte
behandelt und ausgeplündert worden sei und daß er sich noch in der
Gewalt roher Bauern befinde, in der Hauptstadt ankam, äußerten sich
verschiedenartige Leidenschaften. Strenge Staatskirchenmänner, welche
wenige Stunden zuvor angefangen hatten zu glauben, daß sie ihrer
Unterthanenpflichten gegen ihn entbunden seien, wurden wieder
schwankend. Er hatte sein Reich nicht verlassen und also die Abdankung
nicht vollendet. Sollte er sein königliches Amt wieder übernehmen,
konnten sie ihm dann nach ihren Grundsätzen den Gehorsam verweigern?
Einsichtsvolle Staatsmänner sahen mit tiefer Betrübniß voraus, daß alle
Streitigkeiten, welche seine Flucht auf einen Augenblick beschwichtigt
hatte, durch seine Rückkehr wieder angeregt und mit vermehrter
Erbitterung fortgesetzt werden würden. Viele Leute aus dem Volke wurden,
obgleich sie noch den Schmerz der ihnen unlängst zugefügten Unbilden
fühlten, von Mitleid für einen von Räubern mißhandelten großen Fürsten
ergriffen und waren zu der Hoffnung geneigt, welche mehr ihrer
Gutherzigkeit als ihrem Verstande zur Ehre gereichte, daß er jetzt noch
die Fehler bereuen könnte, die eine so entsetzliche Strafe über ihn
gebracht hatten.