Am Montag Morgen, den 10. December, erfuhr der König, daß seine Gemahlin

und sein Sohn ihre Reise unter günstigen Aussichten für die glückliche

Vollendung derselben angetreten hatten. Um die nämliche Zeit kam ein

Courier mit Depeschen von Hungerford im Palaste an. Wäre Jakob ein wenig

scharfsichtiger und etwas weniger halsstarrig gewesen, so würden diese

Depeschen ihn bestimmt haben, alle seine Pläne noch einmal zu erwägen.

Das Schreiben der Commissare berechtigte zu guten Hoffnungen. Die von

dem Sieger gestellten Bedingungen waren auffallend liberal. Der König

selbst konnte sich der Bemerkung nicht enthalten, daß sie günstiger

seien, als er es erwartet hätte. Zwar konnte er nicht ohne Grund

annehmen, daß sie in keiner freundlichen Absicht gestellt wurden; allein

dies kam hier nicht in Betracht; mochten sie ihm in der Hoffnung

angeboten werden, daß er durch Annahme derselben den Grund zu einer

gütlichen Ausgleichung legen werde, oder, und dies war wahrscheinlicher,

in der Hoffnung, daß er sich durch ihre Zurückweisung der Nation als

durchaus unvernünftig und unverbesserlich darstellen werde, jedenfalls

war der Weg, den er hatte einschlagen sollen, vollkommen klar. In beiden

Fallen würde es die Klugheit erfordert haben, sie ohne Besinnen

anzunehmen und treulich zu halten.

[Anmerkung 163: +Clarke's Life of James, II. 246+; +Père

d'Orléans, Revolutions d'Angleterre, XI.+; Frau von Sévigné,

14.(24.) Dec. 1688; +Dangeau Mémoires, 13.(23.) Dec.+ Über Lauzun

siehe die Memoiren Mademoiselle's und des Herzogs von St. Simon

und die Characteristiken von Labruyère.]

[_Anstalten des Königs zur Flucht._] Es zeigte sich aber bald, daß

Wilhelm den Character, mit dem er es zu thun hatte, richtig beurtheilt

und durch das Anerbieten jener Bedingungen, welche die in Hungerford

anwesenden Whigs als zu nachsichtig getadelt, nichts gewagt hatte. Die

feierliche Komödie, mit der das Publikum seit dem Rückzuge der

königlichen Armee von Salisbury unterhalten worden war, wurde noch

einige Stunden fortgesetzt. Alle noch in der Hauptstadt anwesenden Lords

wurden in den Palast beschieden, um von den Fortschritten der auf ihren

Rath eingeleiteten Unterhandlungen unterrichtet zu werden. Eine zweite

Versammlung von Peers wurde auf den nächstfolgenden Tag festgesetzt. Der

Lordmayor und die Sheriffs von London wurden ebenfalls vor den König

geladen. Er ermahnte sie, ihre Pflichten mit ungeschwächtem Eifer zu

erfüllen und gestand ihnen, daß er es für zweckmäßig erachtet habe,

seine Gemahlin und seinen Sohn außer Landes zu schicken, versicherte

aber, daß er selbst auf seinem Posten ausharren werde. Als er diese

unkönigliche und unmännliche Lüge sagte, war es schon sein fester

Entschluß, noch vor Tagesanbruch abzureisen. Er hatte bereits sein

werthvollstes bewegliches Eigenthum mehreren fremden Gesandten zur

Aufbewahrung übergeben. Seine wichtigsten Papiere hatte er dem

toskanischen Gesandten anvertraut. Etwas aber mußte vor der Flucht noch

geschehen. Der Tyrann schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß er sich an

dem Volke, welches seinen Despotismus nicht länger ertragen wollte,

werde rächen können, indem er es bei seinem Scheiden allem Unheile der

Anarchie preisgab. Er ließ das große Siegel und die Ausschreiben für das

neue Parlament in sein Zimmer bringen. Die noch vorhandenen Ausschreiben

warf er ins Feuer und die bereits abgesandten erklärte er durch eine in

gesetzlicher Form abgefaßte Urkunde für ungültig. An Feversham schrieb

er einen Brief, der nur als ein Befehl zur Auflösung der Armee

verstanden werden konnte. Gleichwohl verhehlte der König selbst seinen

ersten Ministern noch immer seine Absicht, zu entweichen. Ehe er sich

zur Ruhe begab, befahl er noch Jeffreys, am andren Morgen bei Zeiten im

Kabinet zu erscheinen, und als er ins Bett stieg, raunte er Mulgrave zu,

die aus Hungerford angelangten Nachrichten seien höchst befriedigend.

Jedermann entfernte sich hierauf, mit Ausnahme des Herzogs von

Northumberland. Dieser junge Mann, ein natürlicher Sohn Karl's II. und

der Herzogin von Cleveland, war Commandant einer Abtheilung der

Leibgarde und Kammerherr. Es scheint damals am Hofe Sitte gewesen zu

sein, daß in Abwesenheit der Königin ein Kammerherr im Zimmer des Königs

auf einem Feldbett schlafen mußte, und Northumberland war an der Reihe,

diesen Dienst zu versehen.

[_Seine Flucht._] Dienstag den 11. December um drei Uhr Morgens stand

Jakob auf, nahm das große Siegel an sich, befahl Northumberland, die

Thür des Schlafzimmers erst zur gewohnten Stunde zu öffnen und

verschwand durch einen verborgenen Ausgang, wahrscheinlich derselbe,

durch welchen Huddleston ans Bett des vorigen Königs gebracht worden

war. Sir Eduard Hales erwartete ihn mit einer Miethkutsche. Jakob fuhr

nach Millbank, wo er in einem kleinen Nachen über die Themse setzte. Als

er bei Lambeth vorüberfuhr, warf er das große Siegel mitten in den

Strom, wo es viele Monate darauf zufällig in ein Fischernetz gerieth und

herausgezogen wurde.

In Vauxhall stieg er an's Land. Hier erwartete ihn ein bekannter

Reisewagen und er schlug ohne Aufenthalt den Weg nach Sheerneß ein, wo

ein dem Zollhause gehörendes Boot für ihn in Bereitschaft gehalten

wurde.[164]

[Anmerkung 164: +History of the Desertion+; +Clarke's Life of

James, II. 251. Orig. Mem.+; +Mulgrave's Account of the

Revolution+; +Burnet, I. 795+.]

* * * * *

* * * *

=Zehntes Kapitel.=

_Das Interregnum._

=Inhalt.=

Seite

Die Flucht des Königs wird bekannt 5

Große Aufregung 5

Die Lords versammeln sich in Guildhall 5

Tumulte in London 8

Das Haus des spanischen Gesandten geplündert 9

Verhaftung Jeffreys' 10

Die irische Macht 11

Der König wird unweit Sheerneß angehalten 14

Die Lords geben Befehl zu seiner Freilassung 18

Wilhelm's Verlegenheit 19

Verhaftung Feversham's 19

Ankunft Jakob's in London 20

Berathung in Windsor 21

Die holländischen Truppen besetzen Whitehall 24

Das Schreiben des Prinzen wird Jakob überbracht 24

Jakob's Aufbruch nach Rochester 25

Wilhelm's Ankunft im St. Jamespalaste 25

Es wird ihm gerathen, sich die Krone kraft des

Eroberungsrechtes aufzusetzen 27

Er beruft die Lords und die Mitglieder der Parlamente

Karl's II. zusammen 28

Jakob's Flucht von Rochester 30

Berathungen und Beschlüsse der Lords 31

Verhandlungen und Beschlüsse der von dem Prinzen

einberufenen Gemeinen 32

Eine Convention berufen 33

Bemühungen des Prinzen zur Herstellung der Ordnung 33

Seine tolerante Politik 34

Zufriedenheit der katholischen Mächte 35

Stimmung in Frankreich 35

Empfang der Königin von England in Frankreich 36

Ankunft Jakob's in St.-Germain 37

Stimmung in den Vereinigten Provinzen 39

Wahl der Mitglieder zur Convention 39

Die Angelegenheiten Schottlands 40

Stand der Parteien in England 42

Sherlock's Plan 44

Sancroft's Plan 45

Danby's Plan 47

Der Plan der Whigs 48

Zusammentritt der Convention. Leitende Mitglieder des Hauses

der Gemeinen 50

Wahl eines Sprechers 51

Debatte über die Lage der Nation 52

Beschluß, durch den der Thron für erledigt erklärt wird 54

Der Beschluß wird den Lords vorgelegt 55

Debatte im Oberhause über den Regentschaftsplan 55

Spaltung zwischen den Whigs und den Anhängern Danby's 61

Versammlung bei dem Earl von Devonshire 62

Debatte im Hause der Lords über die Frage der Thronerledigung 63

Die Majorität für die Verneinung 64

Aufregung in London 64

Brief von Jakob an die Convention 65

Debatte 65

Unterhandlungen 65

Schreiben der Prinzessin von Oranien an Danby 65

Die Prinzessin Anna erklärt sich mit dem Whigplane

einverstanden 66

Wilhelm spricht seine Absichten aus 67

Die Conferenz zwischen den beiden Häusern 68

Die Lords geben nach 69

Es werden neue Gesetze zur Sicherung der Freiheit

vorgeschlagen 70

Streitigkeiten und Vergleich 71

Die Rechtserklärung 73

Ankunft Marien's 73

Anbietung und Annahme der Krone 74

Wilhelm und Marie werden ausgerufen 75

Eigenthümlicher Character der englischen Revolution 75

[_Die Flucht des Königs wird bekannt._] Northumberland gehorchte

pünktlich dem erhaltenen Befehle und öffnete den Eingang zu den

königlichen Apartements erst als es heller Tag geworden war. Das

Vorzimmer war mit Höflingen, welche ihre Morgenvisite machen wollten,

und mit den zu einer Berathung in den Palast beschiedenen Lords

angefüllt. In einem Augenblicke verbreitete sich die Nachricht von

Jakob's Flucht von den Gallerien in die Straßen und die ganze Stadt kam

in Aufruhr.

[_Große Aufregung._] Es war ein schrecklicher Augenblick. Der König war

fort, der Prinz noch nicht da und keine Regentschaft war ernannt. Das

zur Verwaltung der ordentlichen Rechtspflege unentbehrliche große Siegel

war verschwunden, und bald erfuhr man, daß Feversham bei Empfang des

königlichen Befehls seine Truppen auf der Stelle entlassen hatte. Welche

Achtung vor dem Gesetz und den Eigenthumsrechten konnte man von

bewaffneten und zusammenhaltenden Soldaten erwarten, welche aller

Beschränkungen der Disciplin entledigt waren und denen es an den

nothwendigsten Lebensbedürfnissen fehlte? Auf der andren Seite hatte

auch der Pöbel von London seit einigen Wochen eine starke Neigung zu

Tumulten und Räubereien gezeigt. Die dringende Gefahr des Augenblicks

vereinigte auf kurze Zeit alle Diejenigen mit einander, die ein

Interesse an der Ruhe und Sicherheit der Gesellschaft hatten. Rochester

hatte bis zu diesem Tage fest zur Sache des Königs gehalten. Jetzt sah

er nur noch ein Mittel, um einer allgemeinen Verwirrung vorzubeugen.

»Rufen Sie Ihre Abtheilung Garden zusammen,« sagte er zu Northumberland,

»und erklären Sie sich für den Prinzen von Oranien.« Der Rath wurde

sofort befolgt. Die zur Zeit in London anwesenden höheren Offiziere der

Armee hielten in Whitehall eine berathende Versammlung und beschlossen,

sich der Autorität Wilhelm's zu unterwerfen, ihre Truppen

zusammenzuhalten bis er seinen Willen kund thun würde, und die

Civilgewalt in der Aufrechthaltung der Ruhe und Ordnung zu

unterstützen.[1]

[Anmerkung 1: +History of the Desertion+; +Mulgrave's Account of

the Revolution+; +Eachard's History of the Revolution+.]

[_Die Lords versammeln sich in Guildhall._] Die Peers begaben sich nach

der Guildhall, wo sie von dem Magistrat der Stadt mit allen

Ehrenbezeigungen empfangen wurden. Streng gesetzlich waren sie so wenig

als irgend ein andrer Verein von Personen befugt, die ausübende Gewalt

zu übernehmen. Aber im Interesse der öffentlichen Sicherheit war eine

provisorische Regierung durchaus nöthig und zu dem Ende richtete sich

der Blick des Publikums natürlich auf die erblichen Magnaten des Reichs.

Die Größe der Gefahr trieb auch Sancroft aus seinem Palaste. Er nahm den

Präsidentenstuhl ein und unter seinem Vorsitze beschlossen der neue

Erzbischof von York, fünf Bischöfe und zweiundzwanzig weltliche Lords

eine Erklärung aufzusetzen, zu unterzeichnen und zu veröffentlichen. Sie

erklärten in diesem Aktenstücke, daß sie treu zur Religion und

Verfassung ihres Vaterlandes hielten, daß sie die Hoffnung gehegt

hätten, die öffentlichen Mißstände durch das vor kurzem vom Könige

einberufene Parlament abgestellt zu sehen, daß aber seine Flucht diese

Hoffnung zerstört habe. Sie hätten daher beschlossen, sich dem Prinzen

von Oranien anzuschließen, damit die Freiheit der Nation und die Rechte

der Kirche gesichert, den Dissenters gebührende Gewissensfreiheit

gewährt und der Protestantismus durch die ganze Welt befestigt werde.

Bis zur Ankunft Seiner Hoheit wollten sie die Verantwortlichkeit für die

zur Aufrechthaltung der Ordnung nöthigen Maßregeln übernehmen. Es wurde

sofort eine Deputation abgesandt, welche dem Prinzen diese Erklärung

vorlegen und ihm sagen sollte, daß er mit Ungeduld in London erwartet

werde.[2]

Die Lords schritten nun zur Berathung der Maßregeln, welche ergriffen

werden mußten, um Ruhestörungen vorzubeugen. Sie schickten nach den

beiden Staatssekretären. Middleton wollte sich einer Autorität, die er

für widerrechtlich angemaßt hielt, nicht unterwerfen; Preston aber, der

über die Flucht seines Gebieters ganz bestürzt war und nicht wußte, was

er zu erwarten hatte, noch wohin er sich wenden sollte, kam der

Aufforderung nach. Es wurde ein Bote an Skelton, den Gouverneur des

Tower gesandt, um ihn in die Guildhall zu berufen. Er kam und ward

bedeutet, daß man seiner Dienste nicht länger bedürfe und daß er

augenblicklich seine Schlüssel abzuliefern habe. Zu seinem Nachfolger

wurde Lord Lucas ernannt. Zu gleicher Zeit wurde auf Befehl der Peers an

Dartmouth ein Brief geschrieben, welcher die Weisung enthielt, daß er

sich jeder feindseligen Operation gegen die holländische Flotte

enthalten und alle unter ihm commandirenden papistischen Offiziere

entlassen solle.[3]

Die Rolle, welche Sancroft und einige andere Personen, die bis zu diesem

Tage das Prinzip des passiven Gehorsams streng festgehalten hatten, bei

diesen Maßnahmen spielten, verdient besondere Erwähnung. Den Oberbefehl

über die Land- und Seemacht des Staats eigenmächtig zu übernehmen, die

Offiziere zu entlassen, denen der König seine Schlösser und Schiffe

anvertraut, und seinem Admiral alle Operationen gegen seine Feinde zu

verbieten: dies war gewiß nichts Geringeres als offener Aufruhr.

Indessen redeten sich mehrere rechtschaffene und talentvolle Tories aus

Filmer's Schule dennoch ein, daß sie dies Alles thun könnten, ohne sich

des Widerstandes gegen ihren Souverain schuldig zu machen. Die

Unterscheidung, welche sie dabei machten, war wenigstens sinnreich. Die

Regierung, sagten sie, ist eine göttliche Anordnung. Die erbliche

monarchische Regierung ist vorzugsweise eine göttliche Anordnung. So

lange der König befiehlt was recht und gesetzlich ist, müssen wir ihm

bereitwillig gehorchen, und wenn er etwas Ungesetzliches befiehlt,

müssen wir ihm passiv gehorchen. Selbst im äußersten Falle sind wir

nicht berechtigt, ihm gewaltsamen Widerstand entgegenzusetzen. Legt er

aber freiwillig seine Functionen nieder, so erlöschen dadurch seine

Rechte über uns. So lange er uns, wenn auch schlecht, regiert, sind wir

ihm Gehorsam schuldig; will er uns aber gar nicht mehr regieren, so sind

wir nicht verbunden, für immer ohne Regierung zu bleiben. Anarchie ist

keine göttliche Anordnung und Gott wird es uns gewiß nicht als Sünde

anrechnen, wenn ein Fürst, den wir trotz der heftigsten Provokationen

niemals die Ehrerbietung und den Gehorsam verweigert haben, plötzlich

abreist, ohne daß wir wissen wohin und ohne daß er einen Stellvertreter

hinterlassen, und wir schlagen dann das einzige Verfahren ein, durch das

wir die völlige Auflösung der Gesellschaft verhindern können. Wäre unser

Monarch bei uns geblieben, so würden wir, so wenig er auch unsre Liebe

verdiente, mit Freuden zu seinen Füßen gestorben sein. Hätte er, als er

uns verließ, eine Regentschaft eingesetzt, die uns während seiner

Abwesenheit mit stellvertretender Autorität regieren sollte, so würden

wir dieser Regentschaft allein die Leitung der Geschäfte überlassen

haben. Aber er ist verschwunden, ohne für die Erhaltung der Ordnung oder

für die Verwaltung der Justiz Vorsorge getroffen zu haben. Mit ihm und

seinem großen Siegel ist auch das ganze Triebwerk verschwunden, durch

welches ein Mörder bestraft, das Recht auf einen Besitz entschieden und

das Vermögen eines Bankerotteurs vertheilt werden kann. Seine letzte

Handlung war, daß er viele Tausende bewaffneter Männer von den Zügeln

der militairischen Disciplin befreite und sie in die Lage versetzte,

entweder plündern oder darben zu müssen. Noch einige Stunden, und

Jedermann wird sich an seinem Nachbar vergreifen. Leben, Eigenthum und

Frauenehre werden allen Ungesetzlichkeiten preisgegeben sein. Wir

befinden uns diesen Augenblick thatsächlich in dem Naturzustande, über

den die Theoretiker soviel geschrieben haben, und in diesen Zustand sind

wir nicht durch unsre Schuld, sondern durch den freiwilligen Abfall des

Mannes versetzt worden, der unser Beschützer hätte sein sollen. Sein

Abfall darf mit Recht freiwillig genannt werden, denn weder sein Leben

noch seine Freiheit war gefährdet. Seine Feinde hatten sich eben bereit

erklärt, auf einer von ihm selbst vorgeschlagenen Grundlage mit ihm zu

unterhandeln und sich unter Bedingungen, deren Billigkeit er nicht

leugnen konnte, erboten, alle feindseligen Operationen sofort

einzustellen. Unter solchen Umständen hat er sein Amt niedergelegt. Wir

widerrufen nichts, wir sind in nichts inconsequent, wir halten noch

immer ohne Unterschied an unseren alten Prinzipien fest, wir sind noch

immer der Meinung, daß es in allen Fällen sündhaft ist, sich der

Obrigkeit zu widersetzen; aber wir sagen, es giebt keine Obrigkeit mehr,

der wir uns widersetzen könnten. Der Mann, der die Obrigkeit war, hat

seine Gewalt, nachdem er sie lange gemißbraucht, endlich niedergelegt.

Der Mißbrauch berechtigte uns nicht dazu ihn abzusetzen, die Abdankung

aber giebt uns das Recht, zu erwägen, wie wir seine Stelle am besten

wieder besetzen.

Aus diesen Gründen gewann die Partei des Prinzen viele neue Anhänger,

die sich bisher von ihm fern gehalten hatten. Seit Menschengedenken war

man der vollkommenen Einigkeit aller verständigen Engländer noch nie so

nahe gewesen, als bei dieser Gelegenheit; nie hatte man aber auch der

Einigkeit so sehr bedurft. Eine gesetzliche Autorität gab es nicht. Alle

die schlimmen Leidenschaften, welche eine Regierung zu zügeln

verpflichtet ist und welche auch die besten Regierungen nur unvollkommen

zu zügeln vermögen, waren plötzlich von jedem Zwange befreit: Habgier,

Sittenlosigkeit, Rachsucht, Seelenhaß und Nationalhaß. Bei solchen

Gelegenheiten wird man stets finden, daß das menschliche Ungeziefer,

das, von den Dienern des Staats und der Kirche vernachlässigt, inmitten

der Civilisation und des Christenthums in heidnischer Rohheit und mit

allen möglichen physischen und moralischen Lastern befleckt in den

Kellern und Dachkammern der großen Städte nistet, sich mit einem Male zu

furchtbarer Bedeutung erhebt. So war es damals auch in London.

[Anmerkung 2: +London Gazette, Dec. 13. 1688.+]

[Anmerkung 3: +Clarke's Life of James, II. 259+; +Mulgrave's

Account of the Revolution+; Legge's Papiere in der

Mackintosh-Sammlung.]

[_Tumulte in London._] Als die Nacht, zufällig die längste Nacht im

Jahre, hereinbrach, spieen alle Höhlen des Lasters, der Bärenzwinger von

Hockley und das Labyrinth von Kneipen und Bordellen in den Friars,

Tausende von Einbrechern und Straßenräubern, Taschendieben und Gaunern

aus. Zu ihnen gesellten sich Tausende von Lehrbuben und Gesellen, denen

lediglich nach der Aufregung eines Tumults gelüstete. Selbst

friedliebende und achtbare Leute wurden durch die religiöse Erbitterung

angetrieben, sich dem gesetzlosen Theile der Bevölkerung anzuschließen.

Denn der Ruf: »Kein Papismus!« ein Ausruf, der mehr als einmal die

Existenz Londons gefährdet hat, war das Signal zu Gewaltthätigkeiten und

Räubereien. Zuerst fiel der Pöbel über die katholischen Andachtshäuser

her. Die Gebäude wurden demolirt. Bänke, Kanzeln, Beichtstühle und

Breviarien wurden auf einen Haufen geworfen und verbrannt. Ein

ungeheurer Berg von Büchern und Geräthschaften brannte in der Gegend des

Klosters von Clerkenwell. Ein andrer Haufen wurde neben den Trümmern des

Franziskanerklosters in Lincoln's Inn Fields angezündet. Die beiden

Kapellen in Lime Street und in Bucklersbury wurden niedergerissen. Die

Gemälde, Bilder und Kruzifixe wurden beim Scheine der von den Altären

genommenen Wachskerzen im Triumph durch die Straßen getragen. Die

Prozession starrte von Schwertern und Stöcken, an welche Orangen

gespießt waren. Die Druckerei des Königs, aus der während der letzten

drei Jahre unzählige Schriften zur Vertheidigung der päpstlichen

Oberhoheit, des Bilderdienstes und der Klostergelübde hervorgegangen

waren, wurde, um uns eines Ausdrucks zu bedienen, welcher damals zum

ersten Male aufkam, vollständig ausgeweidet (+gutted+). Die großen

Papiervorräthe, welche zum Theil noch nicht bedruckt waren, lieferten

das Material zu einem ungeheuren Freudenfeuer. Von den Klöstern, Tempeln

und öffentlichen Anstalten wendete sich die Wuth der Menge auf

Privatwohnungen. Mehrere Häuser wurden ausgeplündert und zerstört; die

Geringfügigkeit der Beute aber befriedigte die Plünderer nicht, und bald

verbreitete sich das Gerücht, daß die werthvollsten Effecten der

Papisten den auswärtigen Gesandten zur Aufbewahrung übergeben worden

seien. Der rohe und unwissende Pöbel fragte nichts nach dem Völkerrechte

und nach der Gefahr, die gerechte Rache von ganz Europa auf das

Vaterland zu bringen. Die Häuser der Gesandten wurden belagert. Ein

großer Haufe sammelte sich vor Barillon's Palaste in St. James' Square.

Er kam jedoch leichteren Kaufes davon, als man hätte erwarten sollen,

denn obgleich die Regierung, welche er repräsentirte, allgemein verhaßt

war, so hatten doch sein gastfreier Haushalt und seine pünktlichen

Zahlungen ihn persönlich beliebt gemacht. Überdies hatte er die Vorsicht

gebraucht, um eine militairische Schutzwache zu bitten, und da mehrere

andere in seiner Nähe wohnende Männer von Rang das Nämliche gethan, so

war auf dem Platze eine ansehnliche Streitmacht versammelt. Die

Tumultuanten ließen ihn deshalb unbelästigt, nachdem er versichert

hatte, daß keine Waffen oder Priester in seinem Hause versteckt seien.

Auch der venetianische Gesandte war durch eine Truppenabtheilung

geschützt; die Häuser aber, welche die Gesandten des Kurfürsten von der

Pfalz und des Großherzogs von Toskana bewohnten, wurden zerstört. Einen

werthvollen Kasten konnte der toskanische Gesandte vor den Plünderern

retten. Derselbe enthielt neun Bände Memoiren, von Jakob eigenhändig

geschrieben. Diese Bände kamen unversehrt nach Frankreich, wo sie nach

Verlauf von mehr als einem Jahrhunderte in den Stürmen einer noch weit

furchtbareren Revolution als die, weicher sie glücklich entronnen waren,

zu Grunde gingen. Einige Bruchstücke davon sind indessen noch vorhanden,

und obgleich diese arg verstümmelt und in Massen lächerlicher

Erdichtungen gekleidet sind, so verdienen sie doch aufmerksam studirt zu

werden.

[_Das Haus des spanischen Gesandten geplündert._] Das kostbare

Silbergeräth der königlichen Kapelle war nach Wild House, unweit

Lincoln's Inn Fields, der Wohnung des spanischen Gesandten Ronquillo,

gebracht worden. Ronquillo, der sich bewußt war, daß er und sein Hof

keine üble Behandlung von Seiten der englischen Nation verdienten, hatte

es nicht für nöthig erachtet, um Soldaten zu bitten; aber der Pöbel war

nicht in der Stimmung, um feine Unterschiede zu machen. Der Name Spanien

wurde in der öffentlichen Meinung seit langer Zeit mit der Inquisition

und der Armada, mit den Grausamkeiten Mariens und den Anschlägen gegen

Elisabeth in Verbindung gebracht. Auch hatte sich Ronquillo selbst unter

dem Volke viele Feinde gemacht, indem er sich seines Vorrechts bediente,

um der Nothwendigkeit, seine Schulden zu bezahlen, überhoben zu sein.

Sein Haus wurde daher ohne Gnade geplündert und eine von ihm gesammelte

prächtige Bibliothek den Flammen überliefert. Sein einziger Trost war,

daß die Hostie in seiner Kapelle dem gleichen Schicksale entging.[4]

Die Morgensonne des 12. Decembers beleuchtete ein grauenvolles

Schauspiel. Die Hauptstadt bot an vielen Stellen den Anblick einer mit

Sturm genommenen Stadt dar. Die Lords versammelten sich in Whitehall und

bemühten sich, die Ruhe wieder herzustellen. Die Milizen wurden unter

die Waffen gerufen und ein Kavalleriedetaschement in Bereitschaft

gehalten, um tumultuarische Zusammenrottungen zu zerstreuen. Für die den

fremden Regierungen zugefügten Insulten wurde Genugthuung gewährt, so

weit es in jenem Augenblicke möglich war. Es wurde eine Belohnung auf

die Entdeckung der aus Wild House geraubten Effecten ausgesetzt, und

Ronquillo, der kein Bett und keine Unze Silbergeschirr mehr besaß, wurde

in dem verlassenen Palaste der Könige von England glänzend einquartirt.

Eine splendide Tafel wurde ihm gehalten und die königlichen Leibwachen

erhielten Befehl, ihn in seinem Vorzimmer mit der nämlichen

Aufmerksamkeit zu bewachen, die sie dem Souverain zu erzeigen gewohnt

waren. Diese Beweise von Achtung beschwichtigten selbst den

empfindlichen Stolz des spanischen Hofes und beugten jeder Gefahr eines

Bruches vor.[5]

[Anmerkung 4: +London Gazette, Dec. 13. 1688+; Barillon, 14.(24.)

Dec.; Citters, von demselben Datum; +Luttrell's Diary+; +Clarke's

Life of James, II. 256. Orig. Mem.+; Ellis' Correspondenz, 13.

Dec.; Berathung des spanischen Staatsraths vom 19.(29.) Jan. 1689.

Ronquillo beklagte sich gegen seine Regierung bitter über die

erlittenen Verluste: +»Sirviendole solo de consuelo el haber

tenido prevencion de poder consumir El Santisimo.«+]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11) · 第 15 / 26 段